Unser Jahresrückblick

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2023 geht zu Ende. Eines der schwierigsten Jahre in unserem Leben. Der 7. Oktober überlagert alle unsere Erinnerungen an dieses Jahr. Seine Konsequenzen werden auch die kommenden Jahre bestimmen, in vielen Aspekten. Wir blicken mit einer Auswahl unserer Berichterstattung zurück auf die Ereignisse von 2023.

2024 wird für haGalil ein neues Design bringen, eine Umstellung, die aus technischen Gründen notwendig ist. Unter Umständen wird es einige Tage dauern, bis wirklich alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, wir bitten also schon jetzt um etwas Nachsicht. Das neue Design ist sehr viel besser an Handy und Tablet zu lesen, wir sind uns sicher, dass die Umgewöhnung Ihnen nicht schwer fallen wird. Bleiben Sie uns treu! Unsere Arbeit können Sie auch mit einer Spende unterstützen.

Der größte Wunsch für das neue Jahr: dass alle Geiseln aus Gaza so schnell wie möglich zurückkehren.

Und das war 2023

Januar

MAKKABI Deutschland WinterGames
Nach über 85 Jahren bringt der jüdische Sportverband MAKKABI Deutschland den Wintersport zurück in die jüdische Sportwelt. Vom 02. – 09. Januar 2023 finden die ersten MAKKABI Deutschland WinterGames in Ruhpolding statt. 350 Teilnehmer:innen aus der ganzen Welt werden diese historische Veranstaltung mit Leben, Sport und jüdischem Selbstbewusstsein füllen.

„Für mich war wichtig, eine Zukunft zu haben“
Gestern Abend ist der in Wien lebende Journalist und Zeitzeuge Karl Pfeifer im Alter von 94 Jahren verstorben. Ein unermüdlicher Aufklärer und Mahner gegen Antisemitismus, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit, der sich nie scheute, seine Kritik ungeachtet ideologischer Richtungen deutlich und scharf zu formulieren. Er wird uns sehr fehlen.

Die Systemsprenger in der Knesset
Israels neue Regierung plant eine weitreichende Justizreformen. Vor allem die Befugnisse des Obersten Gerichtshofs sollen eingeschränkt werden. Kritiker sehen in diesem Vorhaben die Gewaltenteilung und damit letztendlich die Demokratie gefährdet.

Februar

Strandliebe
Heute startet der neu gegründete Geparden Verlag mit einem handverlesenen ersten Programm. Mit dabei ist der Roman „Strandliebe“ der israelischen Autorin und Theaterregisseurin Michal Govrin. Ein großes Glück, dass die beiden Verlegerinnen Anne Wieser und Bettina Spoerri diesem wunderbaren Buch zu einer Veröffentlichung auf Deutsch verhelfen. Ein großer und gleichzeitig leiser Roman über die schicksalhafte Verflechtung von Schoah-Überlebenden und ihren Kindern im Aschkelon der 1960er Jahre.

Trotz aller Proteste
Die Knesset hat letzte Nacht in erster Lesung den ersten Teil der sog. Justizreform verabschiedet. Seit Wochen gibt es in Israel scharfe Proteste gegen die Pläne der Regierung, die an den Grundlagen der Gewaltenteilung rütteln. Umfragen haben ergeben, dass sich eine Mehrheit der Israelis wünscht, dass die Reform langsamer voran getrieben wird, um die von Präsident Herzog vorgeschlagene Vermittlung zu ermöglichen. Netanyahus Regierung scheint das nicht zu interessieren.

„… die Deutschen können den Juden Auschwitz nicht verzeihen“
Am 14. August 1952 verurteilten Nazi-Richter den Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Philipp Auerbach, wegen angeblicher Bestechung, Veruntreuung, Erpressung, Meineid und anderer Delikte zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Ein politisch motiviertes Schand-Urteil. Noch in derselben Nacht setzte der Staatskommissar aus Verzweiflung seinem Leben ein Ende. Er hat Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald überlebt, doch nicht die deutsche Nachkriegsjustiz. Zwei Jahre später wurde Auerbach durch einen Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags rehabilitiert.

März

„Ich war dick und rothaarig und hatte den Herrn Jesus umgebracht“
Zum 125. Geburtstag der Schauspielerin Therese Giehse (1898–1975)

Kein Kompromiss in Sicht
Gestern Abend stellte Israels Präsident seinen Kompromissvorschlag für die Reform des Justizwesens vor, verbunden mit sehr eindringlichen Worten, dass das Land kurz vor einem „Bruderkrieg“ stehe. Während die Oppositionsführer den Vorschlag begrüßten und als gute Grundlage für weitere Gespräche bezeichneten, wies Ministerpräsident Benjamin Netanyahu den Vorschlag noch vor seiner nächtlichen Abreise nach Berlin zurück. Heute demonstrieren erneut Zehntausende Menschen bei einem landesweiten Protesttag.

„Ich bin das letzte Mitglied der Gemeinde vor 1989“
Renate Aris, langjähriges Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, organisierte 1999 die Wiedergründung des „Jüdischen Frauenvereins der Gemeinde Chemnitz“, in den 20 Frauen eintraten. Ein Gespräch von Sharon Adler mit der Dresdenerin, Chemnitzerin, Shoah-Überlebenden und Zeitzeugin.

April

75 Jahre – 75 Zitate
Vor 75 Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Wir haben 75 Zitate ausgewählt, die diesen so besonderen Staat, dem wir tief verbunden sind, aus den unterschiedlichsten Perspektiven zeigen. Als demokratisch, innovativ und fortschrittlich, auf der Suche nach Frieden und Verständigung. Aber auch ideologisch verfangen, ausgrenzend, vor den Kopf stoßend. Ein Mosaik der pluralistischen Gesellschaft des Landes, das nun Großvater-Alter erreicht hat und noch immer auf der Suche nach seinem Wesenskern ist.

„Dies bleibt sein unsterbliches Verdienst“
Wie ein Breslauer Jude vor 175 Jahren in der 48er-Revolution für die Demokratie kämpfte und vor 160 Jahren die spätere SPD gründete.

„Die Straße gehörte uns“
Vor 80 Jahren begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Als die Deutschen am 19. April 1943 die in der polnischen Hauptstadt verbliebenen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager deportieren wollten, stießen sie auf heftige Gegenwehr.

Mai

„Und sie nennen es einen Kampf für Demokratie“
Während Hunderttausende jüdischer Israelis auf die Straße gehen, um gegen die geplante Justizreform der Regierung zu protestieren, verhalten sich die arabischen Israelis eher zögerlich. Dabei hätten sie eigentlich am meisten von der geplanten Entmachtung des Obersten Gerichtshofes zu verlieren.

Das armenische Mahnmal soll wieder abtransportiert werden
Die Kölner Stadtverwaltung beugt sich dem Druck türkischer Geschichtsleugner

Der letzte große religiöse Lehrer des deutschen Judentums
Vor 150 Jahren wurde Leo Baeck geboren, liberaler Rabbiner und einer der bedeutendsten deutsch-jüdischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.

Juni

Drama in der Knesset
Es ist stiller geworden in den letzten Wochen in Sachen „Justizreform“. Doch die Pläne der Regierung, die weitreichende Eingriffe in die Kompetenzen des Obersten Gerichtshofs bedeuten, sind keineswegs vom Tisch. Sie ruhen nur, solange es unter der Fittiche von Präsident Herzog Verhandlungen mit der Opposition gibt, die einen Kompromiss erzielen sollen.

Jahresbericht Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2022
2022 hat der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) e. V. 2.480 antisemitische Vorfälle erfasst. Das sind knapp sieben Vorfälle pro Tag. Antisemitismus in Deutschland bleibt auf einem hohen Niveau.

Die große Wut
Tausende Drusen protestierten in den vergangenen Tagen gegen ein Windpark-Projekt der Regierung auf dem Golan. Verkehrswege wurden blockiert und die Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Doch es geht um mehr als ein paar Dutzend Windkraftanlagen.

Juli

Reste der Münchner Hauptsynagoge entdeckt
Bei Bauarbeiten an der Großhesseloher Brücke wurden Fragmente der 1938 zerstörten ehemaligen Liberalen Münchner Hauptsynagoge entdeckt. Unter den Fundstücken sind Säulen und eine steinerne Gesetzestafel.

Zwischen Geltungsjuden und Geltungsdrangjuden
In den letzten Jahren flogen immer wieder öffentlich bekannte Juden als Fake-Juden auf. Derzeit werden diese allesamt in einen Topf geworfen,- aber so einfach sollte man sich das nicht machen… 

Ein schwarzer Tag für Israels Demokratie
Monatelange intensive Proteste, Vermittlungsversuche des Staatspräsidenten, Appelle aus dem In- und Ausland, auch aus den eigenen Parteireihen. Nichts hat die gestrige Abstimmung beeinflussen können. Netanyahus Rechtsregierung hat den ersten Teil des Umbaus des Justizwesens beschlossen und die sog. Angemessenheitsklausel, ein wichtiger Kontrollfaktor im israelischen System, abgeschafft.

August

„Lasst uns nach einem heldenhaften Tod streben“
Vor 80 Jahren starb die Partisanin und Heldin des jüdischen Widerstandes Frumka Plotnicka im Kampf

Brandanschlag auf die Bücherbox am Gleis 17
Vor dem Bahnhofsgebäude auf dem Vorplatz vor den grünen Büschen steht eine ausgediente Telefonzelle aus den 1970er Jahren, in der Bücher mit jüdischen Themen zum Lesen und Ausleihen, standen! Ja standen… In der Nacht vom 11. zum 12. August, vor Tagen, wurde diese Telefonzelle, die zur Bücherbox vor zwölf Jahren wurde, von einer unendlich bösen Hand, von einem bösen Menschen niedergebrannt.

Metro Feeling in Tel Aviv
Lange erwartet, ist sie endlich da, die Stadtbahn von Tel Aviv startete kürzlich zumindest mit der ersten der drei geplanten Linien und verbindet die Metropolregion nun auf Schienen von Petach Tikva bis Bat Jam.

September

Aiwanger bleibt
Bayerns Ministerpräsident Söder hält an seinem Vize fest, nachdem Hubert Aiwanger den Fragenkatalog beantwortet hat. Wenn man das so nennen kann. Die Reaktionen aus den beiden Münchner jüdischen Gemeinden.

Gerichtstermin mit Sprengkraft
Am Dienstag kommt der Oberste Gerichtshof zusammen, um sich über den von der Knesset im Juli beschlossenen ersten Schritt des Umbaus des Justizwesens zu beraten. Sollte dieses Gesetz wieder kassiert werden, droht eine schwere Verfassungskrise. Denn es ist nicht sicher, dass die Regierung die Entscheidungen der Richter dann akzeptieren wird.

Geplatzte Träume
Vor genau 30 Jahren gaben sich Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin und PLO-Chef Yassir Arafat in Washington auf dem Rasen des Weißen Hauses die Hände. Das war einer der Höhepunkte des Friedensprozesses von Oslo. Doch was so hoffnungsvoll begann, sollte gnadenlos scheitern.

Oktober

Scherbenhaufen
Schockstarre bezeichnet einen Zustand nach einer, die Routine störenden dramatischen Situation, in der man nicht bereit oder fähig ist, die Lage vollumfänglich zur Kenntnis zu nehmen und angemessen zu reagieren. Das klingt ungeheuer fachlich und hilft nicht die Bohne weiter. Schon gar nicht, wenn man versucht die Seele, die aufgrund des Schocks in zig Scherben in der Wohnung verstreut liegt, wieder zusammenzusetzen, um die Realität zu begreifen und wieder angemessen reagieren zu können.

Der neue Alltag
Knapp drei Wochen sind vergangen seit dem präzedenzlosem mörderischen Überfall der Hamas auf Israel, auf die Menschen in Israel. Es hat einige Tage gedauert, bis wir das Ausmaß der Katastrophe, das Ausmaß des Hasses verstanden haben. Damit zu leben, ist der neue Alltag.

Die Pflicht zum Glück
Zur Zeit muss ich öfter an Franz Kafka denken: „Im Frieden kommst du nicht vorwärts, im Krieg verblutest du“ notierte der sich im September 1917 in sein Tagebuch. So ähnlich fühlt sich das Leben derzeit an. Jedenfalls für mich, – wohl für die meisten Juden.

Antisemitische Vorfälle im Sport? Jetzt mit dem neuen Meldebutton Sport melden
Zum ersten Mal startet ein Meldebutton für Antisemitismus im Sport. Der Bundesverband RIAS und Zusammen1 von MAKKABI Deutschland wollen antisemitische Vorfälle im Sport flächendeckend erfassen. Ziel ist die „Förderung eines Umfelds, in dem sich alle sicher und akzeptiert fühlen”, so Alon Meyer, Präsident von MAKKABI Deutschland.

November

Der 9. November und der 7. Oktober
Heute wird an die Pogromnacht vom 9. November 1938 erinnert. Die „Kristallnacht“, wie sie auch in Israel genannt wird. Nie wieder, heißt es. Und doch ist es gerade eben passiert. In den Berichten der Überlebenden und auch der Armee- und Polizeikräfte, die in die Kibbutzim im Süden Israels kamen, taucht der Begriff „Kristallnacht“ immer wieder auf. Es geht nicht darum, die Ereignisse zu vergleichen. Es geht vielmehr darum, dass man in Israel noch immer nach Worten ringt.

Israelische Realitäten und Israelsolidarität
Vor gut fünf Jahren, am 14.05.18, dem 70. Geburtstag Israels, wehrten israelische Streitkräfte einen Grenzsturm aus dem Gazastreifen ab. Die Welt empörte sich über den Schießbefehl der Israelis. Martin Sessler aus dem Kibbuz Magen nah an der Grenze zum Gazastreifen erklärte damals, dass die Reaktion der israelischen Streitkräfte notwendig und angemessen gewesen sei und er auf keinen Fall einen Grenzdurchbruch erleben wolle. Am 7. Oktober 2023 musste er den Durchbruch der Grenze erleben.

Im Dauerverteidigungsmodus
Wer in den letzten Tagen komplett irre war, hat sich auf Diskussionen zum Thema Nahost eingelassen. So wie ich. Aber immerhin: man lernt dabei!

Das Bangen hält an
Rund 240 Menschen befinden sich immer noch in der Gewalt der Hamas. Ihr Schicksal bewegt ganz Israel. Angehörige erhöhen mit Demonstrationen den Druck auf die Regierung. Sie sind entsetzt über das Versagen von Netanyahu.

Dezember

„Ein Moment der Einigkeit“
Die Ereignisse rund um den 7. Oktober haben das Sicherheitsgefühl der israelischen Gesellschaft zutiefst erschüttert. Das betrifft ebenso die nichtjüdischen Israelis, die gleichfalls zahlreiche Opfer zu beklagen haben. Viele von ihnen leisten nun einen Beitrag zur Verteidigung des Landes oder helfen, wo sie nur können.

Worum es in diesem Krieg geht
Ein Großteil der Welt reagierte auf das Massaker am 7. Oktober, indem man die Bilder der Gräueltaten als unerträglich bezeichnete. Wenn Israelis sagen, diese Bilder seien “unerträglich”, dann meinen wir das wörtlich. Wir können es nicht ertragen, können nicht zulassen, dass das Massaker uns als Nation (um-)definiert. Wir befinden uns im Krieg, um die katastrophale Wahrnehmung der Israelis als Opfer zu beseitigen.

Auf kleiner Flamme
Immer wieder kommt es seit dem 7. Oktober zu Angriffen der Hisbollah aus dem Südlibanon. Die Schiiten-Miliz beschießt Israel mit Raketen, woraufhin die israelische Armee ihre Stellungen ins Visier nimmt. Nun wächst die Sorge vor einer größeren Konfrontation.