Das Bangen hält an

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Rund 240 Menschen befinden sich immer noch in der Gewalt der Hamas. Ihr Schicksal bewegt ganz Israel. Angehörige erhöhen mit Demonstrationen den Druck auf die Regierung. Sie sind entsetzt über das Versagen von Netanyahu.

Von Ralf Balke

Es sind genau die Nachrichten, vor denen alle Angst haben. Am Donnerstag wurde bekannt, dass Soldaten des 603. Battalion der 7. Panzerbrigade der israelischen Armee die Leiche der 65 Jahre alten Yehudit Weiss gefunden hatten, und zwar in einem Gebäude umweit des lange umkämpften al-Shifa-Krankenhauses. „Zu unserem Bedauern wurde Yehudit von den Terroristen im Gazastreifen ermordet“, erklärte Konteradmiral Daniel Hagari, Sprecher der israelischen Streitkräfte, in seiner täglichen Pressekonferenz. „Wir haben sie nicht rechtzeitig erreicht.“ Über die weiteren Umstände ihres Todes machte er keine weiteren Angaben. Die Mutter von fünf Kindern, bei der vor drei Monaten Brustkrebs diagnostiziert worden war und die sich deshalb in Therapie befand, wurde am 7. Oktober von Terroristen der Hamas aus dem Kibbuz Be’eri entführt, ihr Mann Shmulik mehr als eine Woche später ermordet in einem der Schutzräume dort gefunden. Auch die Leiche der 19-jährigen Noa Marciano wurde jetzt entdeckt – drei Tage, nachdem auch sie offiziell für tot erklärt worden war. Die Soldatin war ebenfalls am 7. Oktober verschleppt worden, nachdem man ihre Militärbasis in Nahal Oz überfallen hatte.

Beide gehörten zu den rund 240 Menschen, die sich seit dem „Schwarzen Schabbat“ in der Gewalt der Hamas befinden. Die allermeisten von ihnen sind Israelis, aber auch 25 Thailänder, fünf Nepalesen sowie mehrere Menschen aus Sri Lanka, Tansania, China sowie den Philippinen. Es sind Personen jeden Alters, darunter auch ein zehn Monate altes Baby, eine hochschwangere Frau, die dieser Tage wohl auch ihr Kind in Geiselhaft zur Welt brachte, mehrere Dutzend Minderjährige, sowie zahlreiche hochbetagte, aber auch chronisch kranke Personen, die dringend auf medizinische Hilfe angewiesen sind. Mit ihnen allen treiben die Islamisten ein grausames Spiel. Sie veröffentlichen Videos der Geiseln, beispielsweise Ende Oktober, in denen drei Israelinnen zu sehen sind. „Wir werden für Ihre politischen Versäumnisse bestraft“, beschuldigt darin eine die israelische Regierung und sagt, dass es einen Waffenstillstand geben sollte. „Wir sind unschuldige Bürger. Bürger, die Steuern an den Staat Israel zahlen. Ihr wollt uns alle töten. Ihr wollt uns alle töten, indem ihr die israelische Armee einsetzt.“ Ferner musste sie für einen Austausch der Geiseln mit Palästinensern in israelischen Gefängnissen plädieren. „Lasst ihre Leute gehen, lasst ihre Gefangenen gehen. Lasst uns frei. Lasst uns alle frei. Lasst uns jetzt zu unseren Familien zurückkehren!“ Am Ende schrie sie mehrmals „jetzt“.

Bis dato wurden erst vier Personen von ihnen dem Roten Kreuz übergeben, und zwar am 20. Oktober und drei Tage später die beiden amerikanischen Staatsbürger Judith Tai Raanan sowie ihre Tochter Natalie und die beiden israelischen Seniorinnen Yocheved Lifshitz und Nurit Cooper. „Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagte Lifshitz nach ihrer Rückkehr gegenüber Journalisten. Sie berichtete von Schlägen und den Strapazen in „Gaza-Metro“, dem Tunnelsystem unterhalb des Gazastreifens, in dem die Geiseln vermutet werden. Die Ehemänner der beiden Frauen, die gleichfalls verschleppt wurden, befinden sich aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls noch dort. Und Ende Oktober konnte die Armee Ori Megidish, eine junge Soldatin, aus der Gewalt der Hamas befreien.

Die Angehörigen der in den Gazastreifen entführten Menschen bangen nun seit dem 7. Oktober um das Leben ihrer Frauen, Männer oder Kinder. Und sie sind entsetzt über das Verhalten der politisch Verantwortlichen, fühlen sich von der Regierung allein gelassen mit ihren Sorgen. Ganze acht Tage sollte es dauern, bis Ministerpräsident Benjamin Netanyahu Zeit fand, sich zum ersten Mal mit einigen von ihnen zu treffen, ein verheerendes Signal. So hieß es danach in einer Erklärung einer Gruppe von Angehörigen, die sich zusammengeschlossen hatten, man habe ihnen zwar erklärt, dass eines der Ziele des Krieges die Rückkehr der Gefangenen und Vermissten sei. Aber kurz darauf sagte Tzachi Hanegbi, Chef des Nationalen Sicherheitsrates, dass „Israel keine Verhandlungen mit einem Feind führen wird, dem wir geschworen haben, ihn vom Angesicht der Erde zu tilgen“. Die Angehörigen waren irritiert und befürchteten, dass Israel nun „seine entführten Bürger im Stich zu lassen“ und forderten eine „Erklärung“ von Netanyahu. Man solle alle Möglichkeiten ausschöpfen, einschließlich der Kontaktaufnahme mit der Hamas, den Führern der arabischen Länder oder wer immer auch Einfluss hat, „um ihre sofortige Freilassung zu erreichen“.

Und sie werden zornig, sind wütend über die defizitäre Informationspolitik und fühlen sich im Stich gelassen. Manche von ihnen sind zu lebenden Mahnwachen geworden, wie Avihai Brodtz, dessen Frau und drei Kinder aus Kfar Aza entführt wurden. Er begann schon Mitte Oktober vor dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv zu demonstrieren, forderte mehr Einsatz von den Verantwortlichen. „Ich bin in die Armee gegangen und habe in der Reserve gedient, ich liebe mein Land“, so Brodtz gegenüber Journalisten. „Ich bin auf niemanden wütend, sondern will einfach eine andere Politik – das erste, was getan werden sollte, ist die Befreiung der Frauen und Kinder.“ Viele Israelis solidarisierten sich mit ihm, bald schon kam es zu Protestaktionen. So wie Ende Oktober mit einer Veranstaltung auf dem Platz vor dem Tel Aviv Museum, die mit zwei Märschen von der ägyptischen Botschaft und der Kaplan Straße, dem symbolträchtigen Ort der wöchentlichen Proteste gegen Umbau des Justizwesens, begann. Immer wieder skandierte man „Free them now!“. „Wir sind sehr, sehr geduldig gewesen“, so Meirav Leshem-Gonen, deren 23-jährige Tochter vom Supernova-Musikfestival von der Hamas entführt wurde. „Aber unsere Geduld ist nun zu Ende.“ Mehrfach wurden die Demonstrationen auf der Kaplan Straße wiederholt, viele Tausend Israelis schlossen sich den Angehörigen dabei an. Mittlerweile finden ähnliche Protestaktionen im ganzen Land statt.

Am 15. November machten sich nun Angehörige auf einen fünftägigen Marsch von Tel Aviv Richtung Jerusalem, wo sie schließlich vor der Residenz des Ministerpräsidenten protestieren wollen. „Ich verlange von Benjamin Netanyahu und seinem Kabinett Antworten und Taten“, so Shelly Shem Tov, eine der Demonstranten, deren 21-jähriger Sohn Omer vor über fünf Wochen nach Gaza verschleppt wurde. „Wo seid ihr?“, fragte sie in einem leidenschaftlichen Appell an die Regierung zu Beginn des Marsches. „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir in guten Händen sind“, erklärte auch Amit Zach, Neffe der 72-jährigen Geisel Adina Moshe, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir haben das Gefühl, dass wir nicht genügend Informationen erhalten. Wir wollen Antworten.“ Er fügt hinzu: „Ich habe keine Lösung parat, aber es ist auch nicht meine Aufgabe, eine Lösung zu finden. Es ist meine Aufgabe, meine Familie zurückzufordern.“

Sowohl von Seiten der politisch Verantwortlichen als auch der Angehörigen der Geiseln wurde in diesem Kontext immer wieder gegen das Internationale Komitee vom Roten Kreuz Kritik laut. Dieses würde zu wenig unternehmen, um seiner Rolle gerecht zu werden und den Menschen in der Gewalt der Hamas nicht ausreichend helfen, sie schlichtweg ignorieren. „Das Rote Kreuz hat keine Existenzberechtigung, wenn es ihm nicht gelingt, die Geiseln zu besuchen, die von der Terrorgruppe Hamas gefangen gehalten werden“, brachte es Israels Außenminister Eli Cohen auf den Punkt. Auch wolle man keiner Feuerpause im Rahmen der vor einigen Tagen in Gang gebrachten Bodenoffensive zustimmen, solange es in der Frage der Geiseln von der Hamas keine Gegenleistung gibt. Doch angesichts des Drucks, den die israelische Armee nun vor Ort im Gazastreifen aufgebaut hat, sowie der erfolgreichen Gegenoffensive scheint nun ein wenig Bewegung in die Geiselfrage zu kommen. So hätten die Islamisten erklärt, dass sie der Freilassung von ungefähr 50 israelischen Frauen und Kindern zustimmen würde, wenn man sich auf eine drei- bis fünftägige Feuerpause verständigen könnte, meldete jetzt die Nachrichtenagentur dpa mit Hinweis auf ägyptische Sicherheitskreise. Ferner würde die Hamas die Auslieferung von 75 palästinensischen Frauen und Kindern aus israelischen Gefängnissen fordern sowie die Garantie für 200 Lastwagenladungen mit Hilfslieferungen pro Tag. Ähnliches war nun ebenfalls aus Bangkok zu hören. Muslimische thailändische Politiker hätten via Katar und dem Iran Kontakt mit der Hamas aufgenommen, und sich für das Schicksal der thailändischen Staatsbürger eingesetzt. Wenn Israel eine Feuerpause zulässt, wäre es eine Frage von fünf bis zehn Tagen, bis diese freikommen könnten – garantiert ist jedoch noch nichts.

Auch von Netanyahu war vergangenes Wochenende bei einem „Meet the Press“-Gespräch des amerikanischen TV-Senders NBC News zu hören. Auf die Frage, ob er wisse, wo die Geiseln im Moment festgehalten würden, erklärte der Ministerpräsident: „Wir wissen sehr viel, aber ich werde nicht darüber hinausgehen.“ Es „könnte“ ein mögliches Geiselabkommen mit der Hamas geben, er lehnte es aber ab, Details zu nennen, da dies die ohne schwierigen Verhandlungen gefährden würde. „Ich denke, je weniger ich darüber sage, desto größer sind die Chancen, dass es zustande kommt.“ Die Ungewissheit hält also an.