Auf kleiner Flamme

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Immer wieder kommt es seit dem 7. Oktober zu Angriffen der Hisbollah aus dem Südlibanon. Die Schiiten-Miliz beschießt Israel mit Raketen, woraufhin die israelische Armee ihre Stellungen ins Visier nimmt. Nun wächst die Sorge vor einer größeren Konfrontation.

Von Ralf Balke

Es ist nur eine Momentaufnahme, aber sie ist typisch für die vergangenen Wochen: Über 50 Mal beschoss die Hisbollah allein am vergangenen Donnerstag den israelischen Norden, weshalb regelmäßig in den von ihren Bewohnern ohnehin seit Wochen bereits verlassenen Kibbuzim, Moschavim und Kleinstädten der Region die Sirenen erklangen. Auch eine Drohne wurde an diesem Tag abgefangen. Entsprechend reagierte die israelische Armee und nahm Stellungen der Schiiten-Miliz im Südlibanon ins Visier. Mit den ständigen Angriffen auf Israel, die bereits wenige Stunden nach dem 7. Oktober ihren Anfang nahmen, haben sich Teherans Marionetten im Zedernstaat wenig überraschend auf die Seite der Hamas gestellt. Man will die sunnitischen Islamisten im Süden unterstützen, indem umfangreiche militärische Ressourcen Israels entlang der Grenze zum Libanon gebunden sind.

Doch bis dato blieb es bei dieser Art Nadelstichpolitik, die große Konfrontation zwischen Israel und der Hisbollah steht wohl noch aus. Dabei haben bei diesem Schlagabtausch, der auf kleiner Flamme gehalten wird, in Israel bereits neun Soldaten sowie vier Zivilisten ihr Leben verloren. Die Schiiten-Miliz spricht von 129 Personen, die bei den Vergeltungsangriffen der Israelis getötet wurden. Nun aber nimmt die Intensität der Attacken aus dem Südlibanon zu, weshalb die Sorge vor einer handfesten militärischen Auseinandersetzung wächst. Und sollte bei einem der Angriffe und Gegenangriffe entweder auf israelischer oder auf libanesischer Seite eine größere Zahl an Menschen getötet werden, kann die Situation ohnehin schlagartig kippen und zu einer offenen militärischen Konfrontation werden.

Die Hisbollah bewegt sich seit rund zwei Monaten wie auf einem Drahtseilakt. Auf der einen Seite zeigt sie sich solidarisch mit der Hamas, auf der anderen Seite weiß ihr Politbüro sehr genau, was der Preis sein könnte, wenn ihre Kämpfer anders als bisher in den Konflikt eingreifen würden. Denn Israel hatte schon lange vor dem 7. Oktober mehrfach betont, den Libanon „zurück in die Steinzeit“ zu bomben, falls die Hisbollah bestimmte Grenzen überschreitet. So würde man einen Raketenhagel auf israelische Städte sowie wochenlange Bodenkämpfe wie in dem Krieg mit der Schiiten-Miliz im Sommer 2006 nicht noch einmal zulassen, weshalb die Botschaft eindeutig ist: Käme die Hisbollah auf die Idee, in israelisches Kernland einzudringen, um Soldaten zu töten oder als Geiseln zu nehmen, wäre die militärische Antwort Israels eine andere und sie riskiert ihre eigene Vernichtung. Das erklärt ebenfalls, warum Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah Anfang November in seiner ersten Ansprache zum Gazakonflikt der Hamas zwar für ihren Überraschungserfolg gratulierte, den dort regierenden Islamisten letztendlich aber erklärte, dass sie ihre Auseinandersetzung mit den Israelis mal besser allein führen sollten. „Dies ist ein rein palästinensischer Kampf und hat nichts mit regionalen oder internationalen Angelegenheiten zu tun.“

Übersetzt heißt das soviel: Die „Einheitsfront“ der „Achse des Widerstands“ wie sich diese Koalition aus dem Iran, seinen schiitischen Vasallen im Libanon und dem Irak, den Huthis, der Hamas oder dem Islamischen Jihad auch nennt, kann Israel zwar an vielen Stellen auf der Welt Ungemach bereiten, ist aber gar nicht so einmütig wie nach außen gerne demonstriert. Anstatt militärisch im größeren Stil zu intervenieren, appellierte Nasrallah an seine Anhänger denn auch, den Kampf um die öffentliche Meinung in der Welt zu führen, wobei er betonte, dass das eigentliche Schlachtfeld das Internet sei und eben nicht Gaza.

Das bedeutet nicht, dass die Hisbollah nun eine softere Haltung gegenüber Israel einnimmt als die Hamas – ganz im Gegenteil. Aber die Schiiten-Miliz ist ein wenig verärgert über das Agieren der Islamisten im Gazastreifen, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen hatte die Hamas-Führung, wie jetzt bekannt wurde, die Hisbollah nur eine halbe Stunde vor Beginn des „Schwarzen Schabbats“ darüber informiert, dass eine großangelegte Operation gegen Israel unmittelbar anstehe. Zum anderen war die Schiiten-Miliz, so hieß es jetzt in einem Bericht der französischen Tageszeitung „Le Figaro“, gar nicht so erfreut über den Alleingang der Hamas, vor allem deswegen, weil es schon lange eigene Pläne gab, wie Israel überrumpelt werden könnte. Diese sahen ein überraschendes Eindringen in das Innere Israels durch Tunnel und das Überwinden der Grenzanlagen an mehreren Stellen gleichzeitig vor sowie parallele Angriffe aus der Luft, alles ausgeführt Hisbollah-Elitegruppe al-Radwan – also genau das, was die Hamas am 7. Oktober schließlich unternehmen sollte. Die Palästinenser seien in diese Pläne eingeweiht gewesen, hätten sie aber einfach kopiert und ohne Absprache mit der Schiiten-Miliz dann in die Tat umgesetzt, das wäre unfein gewesen. Und die Hamas wiederum reagierte verschnupft, als am Mittwoch Ramezan Sharif, ein Mitglied aus der Führung der iranischen Revolutionsgarden, behauptete, dass der 7. Oktober eine Racheaktion für die Liquidierung des Befehlshaber der iranischen Quds-Einheit, Qassim Suleimani, durch Israel im Jahr 2020 gewesen sei. Das sah man im Gazastreifen anders.

Selbstverständlich ist die Existenz solcher Pläne der Hisbollah auch den israelischen Verantwortlichen in Politik und beim Militär bekannt, weshalb man in der Vergangenheit davon ausgegangen ist, dass eine derartige Operation eher aus dem Norden droht als im Umland des Gazastreifens. Doch der 7. Oktober hat auch in Israel zu einem Umdenken in der Abwehr der Hisbollah geführt, weshalb recht schnell Stimmen laut wurden, die Schiiten-Miliz mit einem Präventivschlag unschädlich zu machen – anderenfalls wäre es nur eine Frage er Zeit, bis auch Nasrallah & Co. so gegen Israel vorgehen würden wie jüngst die Hamas. Dem müsse man zuvorkommen.

So erklärte Tzachi Hanegbi, Berater für die Nationale Sicherheit, vor knapp einem Monat, dass die rund 60.000 aus dem Grenzgebiet zum Libanon geflohenen Israelis schwerlich in ihre Häuser zurückkehren könnten, solange die Gefahren, die von der Hisbollah ausgehen, weiter bestehen. „Wir können nicht länger hinnehmen, dass die Elitetruppe der Hisbollah weiter an der Grenze steht. Wir können nicht länger hinnehmen, dass die Resolution 1701 nicht umgesetzt wird“, fügte er hinzu und bezog sich dabei auf eine Entscheidung des UN-Sicherheitsrats aus dem Jahr 2006, die nach Ende des Zweiten Libanonkriegs zustande kam und der zufolge jegliche Präsenz der Hisbollah in einem Umkreis von fast 30 Kilometern von der Grenze zu Israel verboten ist. Nur wurde sie nie umgesetzt, weshalb Israel dieser Tage noch einmal eine diplomatische Initiative startete und die Weltgemeinschaft dazu aufforderte, dafür Sorge zu tragen, dass die Hisbollah sich entsprechend bis zum Litani-Fluss zurückzieht.

Angesichts der jüngsten Zunahme der Attacken aus dem Südlibanon fand am Mittwoch auch Benny Gantz, Mitglied des Kriegskabinetts, deutliche Worte. „Ich sage unseren Freunden in der ganzen Welt: Die Situation an der Nordgrenze erfordert Veränderungen.“ Zugleich warnte er: „Die Zeit für eine diplomatische Lösung läuft ab. Wenn die Weltgemeinschaft und die Regierung des Libanon nicht handeln, damit der Beschuss unsere Ortschaften im Norden aufhört und die Hisbollah von der Grenze verschwindet, wird die israelische Armee diese Aufgabe übernehmen müssen.“ Und  Generalstabschef Herzi Halevi ergänzte: „Wir müssen darauf vorbereitet sein, im Bedarfsfall zuzuschlagen.“

Berichten der britischen Tageszeitung „The Times“ zufolge, wären Israels Pläne für einen militärischen Präventivschlag gegen die Hisbollah schon sehr weit fortgeschritten. Man will der Schiiten-Miliz zuvorkommen, weil man trotz der bisherigen Beschränkung auf eine Nadelstichpolitik davon ausgeht, dass jederzeit eine militärische Operation größeren Stils möglich sei – und das wäre für Israel ein ernsthaftes Problem, weil im Vergleich zur Hamas die Hisbollah ein ganz anderes Kaliber ist. „Was im Süden passiert ist, scheint nichts im Vergleich mit dem, zu was die Hisbollah in der Lage ist“, zitiert „The Times“, einen hochrangigen israelischen Offizier. „Zur israelischen Doktrin gehört es, den Krieg auf die andere Seite zu tragen.“ Das würde einen Einmarsch auf libanesisches Territorium bedeuten, und zwar mit dem Ziel, die Hisbollah aus der Grenzregion zu vertreiben.

Doch ein Spaziergang dürfte das garantiert nicht werden. In einem Gespräch mit dem israelischen Fernsehen warnte Yitzhak Brick, General der Reserve, dass Israel nicht wirklich ausreichend auf einen solchen Krieg vorbereitet sei. „Die Hisbollah verfügt heute über 150.000 Raketen und Flugkörper, und das Hauptproblem ist, dass nicht wenige davon über präzise Leitsysteme verfügen und größere Sprengstoffladungen transportieren können.“ Die Dimensionen der Schäden, die diese in Israel verursachen könnten, wären beachtlich. Verteidigungsminister Yoav Gallant argumentiert dagegen: „Wenn die Hisbollah einen Gang  höher schalten will, dann schalten wir eben fünf Gänge höher.“

Ausgeschlossen ist das alles nicht – nur bleibt die Frage, wann Israel losschlagen würde. Die Bodenkämpfe im Gazastreifen müssten erst weitestgehend beendet sein, bevor man im Südlibanon aktiv werden könnte. Denn anderenfalls wäre Israel in einen Zweifrontenkrieg verwickelt, der schwierig zu managen ist. Doch Gallant sagte am Mittwoch, dass man sich längst in einem „Mehrfrontenkrieg“ befinden würde und nannte neben dem Gazastreifen auch den Libanon, Syrien, das Westjordanland, den Irak, den Jemen und den Iran als Fronten. „An sechs davon haben wir bereits reagiert und gehandelt.“ Ferner betonte der Verteidigungsminister: „Jeder, der gegen uns handelt, ist ein potenzielles Ziel. Niemand hat Immunität.“ Das gilt vor allem für die Hisbollah.

Bild oben: Angriff auf terroristische Infrastrukturen der Hisbollah im Libanon, Quelle: IDF Sprecher Daniel Hagari, Twitter