Zwischen Geltungsjuden und Geltungsdrangjuden

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In den letzten Jahren flogen immer wieder öffentlich bekannte Juden als Fake-Juden auf. Derzeit werden diese allesamt in einen Topf geworfen,- aber so einfach sollte man sich das nicht machen…

Von Ramona Ambs

Es gibt Juden, Juden und Juden. Neuerdings auch Jüd:innen, Jud*Innen und so weiter, aber das lassen wir jetzt grad mal außer acht. Die Halacha erklärt: Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat (oder sich zum Judentum bekennt). So weit so (un)klar. Wer religiös ist, wird sich an diese Definition halten. Aber Judentum ist bekanntlich mehr als nur Religion. Und viele Juden sind nicht mehr sonderlich religiös. In meiner „jüdischen Bubble“ beispielsweise hab ich israelische Atheisten, nicht-halachische Juden, die sehr koscher und religiös leben, aber auch beispielsweise einen Juden aus einer orthodoxen Familie, der sich dem Buddhismus zugewandt hat, aber von sich dennoch ganz klar sagt: er sei buddhistischer Jude. Dann gibts eine große Menge Leute mit jüdischem Background, also Leute, die irgendwie jüdisch aufgewachsen sind, z.B. mit einem jüdischen Vater/Großeltern etc. und die auch irgendwie dazu gehören.- Will sagen: die Welt- auch die jüdische Welt- ist bunt, vielgestaltig und schön. Und wäre man nicht so gefährdet und hinge hier nicht eine tonnenschwere Last namens Shoa in den Gemütern, dann könnte man -zumindest jenseits der Gemeinden- vermutlich einen heitereren und lockeren Umgang mit diesem Thema haben…

Die Geltungsjuden

In den ‚Nürnberger Rassengesetzen‘ hatten die Nationalsozialisten ihre rassischen Wahn­ideen aufs deutscheste ausformuliert. Es gab dabei sogenannte Geltungsjuden. Das waren laut der ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz zum Beispiel Menschen, die mind. zwei jüdische Großeltern hatten oder beim Erlass des Gesetzes mit einem Juden verheiratet waren oder auch jemand, der aus dem außerehelichen Verkehr mit einem Juden […] stammte und nach dem 31. Juli 1936 außerehelich geboren wurde… Immer wieder aber machte Hitler von seinem ‚Gnadenrecht‘ Gebrauch, Juden zu ‚Ehrenariern‘ zu erklären oder jüdische ‚Mischlinge‘ aufzuwerten. Ein weites- und sehr kurioses Feld…
-Die Nachfahren solch verfolgter  „Juden“ jedenfalls sind häufig halachisch keine Juden, oder es fehlen ihnen die entsprechenden Papiere… sie fühlen sich aber aufgrund der Verfolgungsgeschichte jüdisch oder zumindest irgendwie zugehörig. Sie haben alle Nachteile des Jüdischseins erlitten ohne die Vorteile und den Schutz der Gemeinschaft genießen zu dürfen. Mich beschämt, dass zum Beispiel Leute wie Esther Shapira, deren ganzes Schaffen so positiv fürs Judentum ist, offiziell nicht dazugehören soll. Sie schrieb dereinst über sich: „Zu jüdisch für die Nazis, nicht jüdisch genug für die Juden.“ Das sollte zu denken geben.

Die Geltungsdrangjuden

Eine ganz andere Sorte „öffentlicher Juden“ sind die Geltungsdrangjuden. Also Leute, die ihr entweder erlogenes oder mühsam zusammengestückeltes Judentum nutzen, um aus der Position eines Juden Dinge sagen zu können, die -um es mal diplomatisch zu formulieren: beschissen sind. Besonders beliebt  dabei sind  israelfeindliche Positionen. Neben dem kürzlich sich selbst outenden Fabian Wolff gehörte auch Irena Wachendorff in diese Kategorie. Wachendorff erfand sogar eine Mutter, die Ausschwitz überlebt hatte und behauptete selbst in der Zahal gedient zu haben… Auf der anderen Seite des politischen Spektrums gibt es zum Beispiel Jörg Fischer, der erstmal deutscher Neonazi war, sich dann aus der Szene entfernte und plötzlich entdeckte, dass irgendeine matrilineare Vorfahrin jüdisch war. Seither nennt er sich Itzi Aharon und hetzt aus dieser Position weiter gegen Muslime,- jetzt allerdings im jüdischen Tarnmantel… aber möglicherweise mit korrekten koscheren  Papieren… – Für die Geltungsdrangjuden ist das Judentum letztlich nur Mittel zum Zweck. Es geht um was anderes: ihr Ego, eine politische Agenda oder den Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Der Schaden, den diese Leute anrichten, ist aber enorm. Vor allem der Verlust von Glaubwürdigkeit nach außen ist nicht zu unterschätzen.

Vor allem aber schädigt der Betrug und der stets anschließende Diskurs die Menschen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Wer persönlich von so einem Fakejuden belogen wurde, fühlt sich beschmutzt und verunsichert. Die Welt gerät ins Wanken. Das Misstrauen wächst.

Grade auch untereinander hat in den letzten Jahren das einstmals eher scherzhafte „Spiel“: ist der eigentlich wirklich Jude? eine -wie ich finde- unangenehme Note bekommen. Denn häufig „verdächtigt“ man (ja, ich auch!) natürlich die Juden als Fake, die Dinge sagen, die einem politisch nicht passen oder die in einer Art und Weise auftreten, von der meine Oma gesagt hätte: das macht Risches! – Und auch wenn klar ist, dass jüdisches (oder vermeintlich jüdisches) Verhalten nicht ursächlich ist für Antisemitismus, so ist doch ebenso klar, dass ein jüdischer Eklat zumindest zu einer vermehrten Äußerung solch judenfeindlicher Stimmen führt. Konkret gesagt: wenn ein Fabian Wolff andersdenkende Deutsche als Kartoffel beschimpft, dann fällt das natürlich auf die jüdische Gemeinschaft zurück…. Und das ist eben das Unangenehmste an den Geltungsdrangjuden- unabhängig davon, ob sie „echt“ sind oder „fake“: Was ihr Benehmen für andere Juden bedeutet, ist ihnen egal, weil Juden ihnen egal sind. Das Jüdische ist nur Mittel zum Zweck. – Das ist keine Form der kulturellen Aneignung, was da passiert, sondern das Gegenteil: es ist kultureller Missbrauch aus niedersten Motiven. – Und damit eben etwas grundsätzlich anderes als die Menschen, die zwar halachisch nicht ganz koscher sind, aber die sich wie ein verantwortliches Mitglied der jüdischen Gemeinschaft verhalten, schlicht: weil sie sich nichts Jüdisches aneignen müssen, sondern es aus ihrer Biographie mitbringen…

Es gibt Juden, Juden und Juden. Und wir werden noch viel zu diskutieren haben…