Israelische Realitäten und Israelsolidarität

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Vor gut fünf Jahren, am 14.05.18, dem 70. Geburtstag Israels, wehrten israelische Streitkräfte einen Grenzsturm aus dem Gazastreifen ab. Die Welt empörte sich über den Schießbefehl der Israelis. Martin Sessler aus dem Kibbuz Magen nah an der Grenze zum Gazastreifen erklärte damals, dass die Reaktion der israelischen Streitkräfte notwendig und angemessen gewesen sei und er auf keinen Fall einen Grenzdurchbruch erleben wolle. Am 7. Oktober 2023 musste er den Durchbruch der Grenze erleben.

Von Oliver Vrankovic

Mit meiner Tochter habe ich mehrmals in Martins liebevoll gestaltetem Garten gesessen. Wir waren mit seinen Enkelkindern im Schwimmbad und mit seiner Frau im kleinen Zoo von Magen. Wir sind auf die Felder gefahren, haben auf das wenige Kilometer entfernte Khan Yunis im Gazastreifen geschaut und im Speisesaal des 1949 von Sozialisten gegründeten Kibbuz gegessen. Ich habe meine liebsten Reisegruppen nach Magen geführt.
 
Martin hat von offiziellen Kontakten zu den nahegelegenen palästinensischen Dörfern in den 1980er Jahren berichtet und wie sich  die Situation mit dem Erstarken der während der ersten Intifada gegründeten islamistischen Hamas geändert hat. Palästinenser, die in Israel arbeiteten, seien bedroht und Opfer von Übergriffen geworden. Aus Magen wurde noch Geld an die Arbeiter in Gaza geschickt, als diese nicht mehr kommen konnten. Bis zum 7. Oktober haben Freiwillige aus dem westlichen Negev palästinensische Krebspatienten aus Gaza von der Grenze zur Behandlung in israelische Krankenhäuser gefahren.

Heute sind Martin und seine Familie Binnenflüchtlinge und Überlebende des Massakers vom 7. Oktober. Sein Leben, so sagt Martin, hat er ein paar wenigen Sicherheitsleuten aus dem Kibbuz zu verdanken, die diesen mit den Absolventen einer militärischen Vorbereitungsakademie gegen eine Übermacht an Terroristen heroisch verteidigen konnten. Der Kampf wurde von Baruch Cohen dirigiert, der durch eine RPG schwer verletzt wurde.

In Nir Oz, dem Kibbuz neben Magen, wurden ca. 180 der 400 Bewohner*innen grausam ermordet oder verschleppt.  
 
Ebenfalls im Landkreis Eshkol liegt der für Wohlstand und Zusammenhalt bekannte Kibbuz Be’eri. Hundert Meter vom Gaza-Streifen entfernt zählte die Kollektivsiedlung ca. 1200 Bewohner*innen und bei Wahlen entfielen fast alle Stimmen auf linke Parteien. Bis zum Ausbruch der ersten Intifada sind die Bewohner*innen von Be’eri an den Strand von Gaza gefahren. Als die palästinensischen Arbeiter aus dem Gazastreifen Anfang der 2000er Jahre nicht mehr nach Be’eri kommen konnten, hat der Kibbuz ihnen weiter die Löhne bezahlt, und viele Bewohner*innen blieben telefonisch in Kontakt. Die Unterstützung reichte bis zum versuchten Grenzsturm ins Frühjahr 2018. 

Be’eri war 2018 der vom Terror durch Brandballons am härtesten getroffene Ort in Israel. Statt mit Verzweiflung reagierten die Bewohner von Be’eri mit Entschlossenheit auf den Feuerterror und etablierten innerhalb weniger Wochen ein ausgeklügeltes System der Brandbekämpfung, das sich wesentlich auf die Eigeninitiative im Kibbuz stützte. Der israelische Pioniergeist und die Liebe zum Land kristallisieren sich in den Ortschaften im Landkreis Eshkol. Rami Gold aus Be’eri erklärte, dass ihnen die Palästinenser als friedliche Nachbarn herzlich willkommen seinen  – wenn sie aber Krieg wollten, dann bekämen sie Krieg. Am 7. Oktber 2023 wurden 130 Bewohner*innen von Be’eri grausam ermordet und der Kibbuz verbrannt. 

„Wann immer Außenstehende es wagen, uns zu kritisieren, zeigen wir ihnen Bilder von Be’eri“, schrieb Hanoch Daum, ein beliebter Stand-up-Comedian und Autor, auf seiner Facebook-Seite. „Wir werden das massenhafte Abschlachten von Familien durch sadistische Terroristen zeigen, die lächelnd umherliefen, während sie ein Pogrom gegen Frauen und Kinder verübten. Sie haben Köpfe abgetrennt und Körper verstümmelt, ganze Familien verbrannt.“   

Vom Kibbuz Nirim im Landkreis Eshkol sieht man die Moschee von Abasan Al-Kabira und die Felder des Kibbuz reichen bis genau an den Grenzzaun. Der von Sozialisten gegründete Kibbuz zählte mehr als 450 Bewohner*innen. Unter ihnen Adele Raemer, die bis zum Ausbruch der ersten Intifada in den Gazastreifen zum Einkaufen gefahren ist. Adele war eine Befürworterin des israelischen Abzugs 2005, doch der von ihr erhoffte Frieden mit ihren palästinensischen Nachbarn blieb aus.
 
Raemer, die auch als “inofizielle Botschafterin des Westlichen Negev” bezeichnet wird, erklärte hinsichtlich der Attacken von 2018, dass es nichts Schlimmeres gebe, als sich ständig in der Schwebe darüber zu befinden, was passiert. Im gleichen Jahr entgegnete sie einer Aktivistin aus Gaza, dass sie sich als Israelin nicht für die Tatsache entschuldigen könne, dass sich Israel in 70 Jahren trotz Angriffen der arabischen Welt und der Verweigerung der Anerkennung des Existenzrechts, blühend entwickelt habe, während auf der palästinensischen Seite in 70 Jahren nichts zum Wohl der Bewohner gemacht worden sei.

2014 wurde das Haus von Adele von einer Mörsergranate getroffen. Der Sicherheitsbeauftragte des Kibbuz, Zevik Etzion, Vater von fünf Kindern, und sein Stellvertreter Shahar Melamed wurden am gleichen Tag von Raketen getötet. Gadi Yarkoni, der heute Vorsitzender des Regionalrats Eshkol ist, verlor bei dem Angriff auf Nirim beide Beine.

Adele beschrieb ihr Leben im Umland von Gaza immer als 95% Himmel und 5% Hölle, doch die Welt, die sie kannte, implodierte am 7. Oktober und veränderte ihr Leben für immer. Dutzende Terroristen drangen in den Kibbuz Nirim ein, und weiter in die Häuser und mordeten, plünderten und entführten. Adele konnte die Terroristen direkt vor ihrem Fenster auf Arabisch schreien hören, zusammen mit den Geräuschen von Maschinengewehrfeuer, explodierenden Granaten und Raketenfeuer. Was sie nicht hören konnte, war die Armee. Die Soldaten, die hätten kommen sollen, waren bereits abgeschlachtet oder gefangen genommen worden.

Ihr Schwiegersohn war mit ihren drei kleinen Enkelinnen im Alter von 2, 6 und 8 Jahren in seinem Haus. Als er hörte, wie die Terroristen sein Haus betraten, forderte er die Mädchen auf, sich unter einer Decke  zu verstecken und ihm auf keinen Fall nachzulaufen. Dann trat er aus seinem Sicherheitsraum und erschoss einen Terroristen, der nur wenige Meter von der Tür ihres Sicherheitsraums entfernt war. Draußen stieß er auf mehrere schwer bewaffnete Terroristen und kehrte zurück. Er kniete stundenlang mit seiner geladenen Waffe im Sicherheitsraum und wartete auf den Angriff der Terroristen.
 
Adele Raemer schrieb in einem Redebeitrag für eine israelsolidarische  Kundgebung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Stuttgart, dass die barbarischen Gräueltaten der rücksichtslosen Hamas-Terroristen sowie der Plünderer, die sich ihnen angeschlossen hatten, unglaublich scheinen – aber gleichwohl passiert sind: geköpfte Babys, brutal vergewaltigte und gefolterte Frauen, die nach ihrer Ermordung durch Gaza geschleift wurden. Männer zerstückelt, Kinder ohne ihre Eltern gefangen. 
 
Die Parole „From the River to the Sea“, bezeichnet Adele als Kriegsschrei zum Völkermord. Dabei hatte sie immer geglaubt, dass Frieden und Diplomatie der einzige Weg seien, diesen Konflikt zu lösen. Die Vorstellung, mit den Palästinensern in Gaza sei ein friedliches Nebeneinander möglich, die nirgendwo in Israel ausgeprägter war als in den Kibbuzim und Moshavim im Westlichen Negev, wurde auf grausame Weise von der Realität eingeholt.

Martin Sessler war lange Jahre Rektor der Mittelschule in Eshkol und mehrere Hundert Bewohner*innen des Landkreis waren seine Schüler*innen. Beim DIG Panel „Stimmen aus Israel” erzählte er, dass viele von ihnen  am 7. Oktober grausam umgebracht oder verschleppt wurden

In Sderot, einer Entwicklungsstadt an der nördlichen Grenze des Gazastreifens, lebt Dov Trachtman, der u.a. für die rechtszionistische Organisation Im Tirzu aktiv ist, um der Welt die Realität auf der israelischen Seite der Grenze begreiflich zu machen. In der Stadt leben viele Einwanderer aus Marokko, Kurdistan und der ehemaligen Sowjetunion. Im Gegensatz zu den Kibbuzim und Moshavim im Umland von Gaza wählt Sderot rechts. Seit 2001 und vor allem seit dem Rückzug der Israelis aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 ist die Stadt ständigem Raketenterror ausgesetzt und die Jugend Sderots hat niemals eine Welt des Friedens und der Ruhe erlebt. 
    
Ein weißer Pick-up mit palästinensischen Terroristen auf der Ladefläche in den Straßen von Sderot war das erste Bild des Überfalls auf Israel, das in den Medien die Runde machte. Zu dem Zeitpunkt hatte noch Niemand eine entfernte Vorstellung davon, dass 3000 palästinensische Terroristen und Bewohner des Gazastreifens dabei waren, im Umland von Gaza 1200 Israelis und Dutzenden Gastarbeiter*innen bestialisch zu ermorden und mehr als 240 Geiseln zu nehmen. Am Abend des 7. Oktober wurde noch in mehr als 20 Orten im Umland von Gaza gekämpft.

Alleine in Sderot wurden mehr als 70 Menschen ermordet. Die Kämpfe um die Polizeistation von Sderot zogen sich bis in den Abend und die Stadt war erst am folgenden Tag von Terroristen gesäubert. Freunde von Dov wurden getötet. Um die Ecke seines Haus wartete eine Gruppe Holocaust Überlebender auf einen Minibus zum Toten Meer. Sie wurden alle umgebracht und ihre Leichen übereinander getürmt. Dov bleibt unbegreiflich, wie Kinder und alte Menschen massakriert wurden. Eine Rückkehr ins Umland von Gaza ist für Dov nur denkbar, wenn die Terror-Orgaisationen im Gazastreifen vernichtet und das Gebiet entmilitarisiert ist.

Schon im November 2018 erklärte Dov, dass der religiöse Fundamentalismus  im Gazastreifen unheilvoll vermischt ist mit einem palästinensischen Nationalismus, der so nicht existierte, als die Israelis in den 1970ern und frühen 80ern die Märkte und Strände von Gaza besuchten und ein täglicher Egged Bus von Beer Sheva nach Gaza Stadt fuhr.

Alle Israelis haben in ihrem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis Opfer zu beklagen. In den Medien wird den Opfern seit Wochen ein Gesicht gegeben, indem ihre Geschichten erzählt werden. Im Nachgang zum Massaker im westlichen Negev waren die für unüberwindbar gehaltenen Konflikte um die sog. Justizreform plötzlich weg.

Am 7. Oktober kam es zu unzähligen Heldentaten die Hunderten, wenn nicht Tausenden Israelis das Leben gerettet haben. Heldentaten von Protestanführern, die ins Umland von Gaza gefahren sind, um Terroristen zu bekämpfen und Menschen zu retten, Beduinen, die mit ihren Autos auf Schleichpfaden Menschen vom Festivalgelände gerettet haben, Rachel aus Ofakim, die Terroristen stundenlang mit Gebäck und Tee aufgehalten hat, Polizisten, die heldenhaft um die Polizeistation von Sderot gekämpft haben, ein ultrarechter Minister, der mit Polizisten aus Ofakim in die Schlacht gezogen ist. Schlecht bewaffnete Absolventen der Vorbereitungsakademien und Sicherheitsbeauftragte der Kibbuzim wie Baruch Cohen und Zivilisten wie der Schwiegersohn von Adele Raemer, haben sich den Terroristen entgegengestellt. Viele Helden, Rechte, Linke, Juden und Nicht-Juden – haben den ultimativen Preis bezahlt.
 
Israel trat in den Krieg mit einer völlig unfähigen Regierung ein, die sich von den verschieden Herausforderungen hilflos überfordert zeigte. Mit dem Eintritt von Gantz in die Regierung konnte sich ein funktionierendes Kriegskabinett konsolidieren, doch verschiedene Ministerien blieben ein Totalausfall. Die Protestbewegung „Waffenbrüder“ wurden fast unmittelbar nach dem Angriff aktiv und errichtete eine Infrastruktur, die sich um alles kümmerte, vom Transport über die Evakuierung der Kampfzone und die Identifizierung der Entführten bis hin zu Hilfspaketen für die Binnenflüchtlinge, psychologischer Unterstützung, Rekrutierung von Erntehelfern u.v.m. An vielen Orten haben sich Ultraorthodoxe den Aktivisten der Protestbewegung angeschlossen. Das Gefühlschaos aus Entsetzen über die begangenen Massaker und die Sorge um die Entführten, die Sorge um die Truppen und das Gefühl, von der Welt verlassen zu sein, verbindet.  

Der 7. Oktober hat die Israelis schmerzhaft an das „Nie Wieder” erinnert. Die 15 Jahre, die ich hier lebe, waren von einem scharf geführten Kulturkampf geprägt, der in der Auseinandersetzung um die Justizreform einen Höhepunkt fand. Im Zuge des Massakers kam es auf einen Schlag zu einer Rückbesinnung auf die Notwendigkeit des Staates Israel, materieller Schutzraum für Juden zu sein. Die Rekrutierungsquote lag im Verhältnis zur Anzahl der Einberufungen bei 130%. Jedem hier ist klar,  dass zwischen uns und einer Horde von Bestien vor unserer Haustür, die uns liebend gerne brutal abschlachten wollen, nur die israelische Armee steht. 
 
Mir wurde bei meiner Arbeit mit Holocaust–Überlebenden, die Mitbegründer und Verteidiger des Staates Israel wurden, schon vor Jahren die Bedeutung von »Nie wieder« klar. Nie Wieder eliminatorisch gesinnten Antisemiten wehrlos ausgeliefert sein. Wer den israelischen Streitkräften in Gaza in den Arm fällt und den Freunden palästinensischer Terroristen die Straßen im Westen überlässt, sendet ein unmissverständliches Signal an Jüdinnen und Juden weltweit: Wenn es nach uns geht, werdet ihr und eure Kinder nie mehr irgendwo sicher sein auf dieser Welt.
 
Der Israelsolidarität der Deutsch-Israelischen Gesellschaft kommt angesichts der Sympathiekundgebungen mit palästinensischen Terroristen in Deutschland eine beispiellose Bedeutung zu. Es liegt an uns, öffentliche Solidarität mit Israel zu zeigen. Die unbedingte  Solidarität mit Israel muss entsprechend untrennbar verknüpft sein mit unbedingter Solidarität mit den israelischen Streitkräften.

Am 29. Oktober versammelten sich mehr als 1200 Menschen auf dem Marktplatz in Stuttgart, um Solidarität mit Israel zu bekunden und ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Der DIG Stuttgart war es gelungen, ein breites Bündnis zu schmieden.

Die Stimmung war der aktuellen Lage entsprechend bedrückt und nachdenklich, aber auch entschlossen und eindeutig in ihrem Anliegen, Solidarität mit Israel zu zeigen und gegen Antisemitismus in Deutschland aufzustehen. „Nie wieder ist jetzt“ war die zentrale Botschaft und Cem Özdemir betonte in seiner Rede, dass Hamas Juden nicht töte, weil sie sich um Palästinenser kümmere, sondern weil sie antisemitisch sind.   

Die Kundgebung war eine von vielen pro-israelischen Versammlungen, die seit Beginn des Krieges von den DIG Arbeitsgemeinschaften tagtäglich organisiert wurden und organisiert werden.  Die DIG macht in den letzten Wochen viel Druck auf Politiker, ihren Worte über Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsräson auch Taten folgen zu lassen und antisemitische Akteure in Deutschland zu bekämpfen.  Der DIG Stuttgart fordert das Verbot des Palästinakomitee Stuttgart, dass in den letzten Jahren zu oft Räume zur Verbreitung ihres Israelhass gegeben wurde. 

Beim Panel „Stimmen aus Israel” warnte Olga Deutsch von NGO Monitor eindringlich davor, nach dem Krieg zum „buisness as usual“ zurückzukehren, der dem Antisemitismus in den letzten Jahren so viel Auftrieb gegeben hat. Dies ist ein klarer Auftrag auch an uns als DIG. 

Oliver Vrankovic ist Vorsitzender der DIG Stuttgart.

Bild oben: Martin Sessler im Speisesaal des Kibbutz, Foto: O. Vrankovic