Worum es in diesem Krieg geht

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Foto: IDF Spokesperson

Wir dokumentieren in loser Folge die Reflexionen des israelischen Denkers und Autors Yossi Klein Halevi zum Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und dessen Konsequenzen für Israel, die Palästinenser und die Weltgemeinschaft.

Yossi Klein Halevi, geboren 1953 in New York, ist Senior Fellow am Shalom Hartman Institute Jerusalem, wo er zusammen mit Imam Abdullah Antepli und Maital Friedman die Muslim Leadership Initiative (MLI) leitet und Mitglied des iEngage Project des Instituts ist. Sein jüngstes Buch, „Letters to My Palestinian Neighbor“, ist ein New York Times-Bestseller. Er schreibt regelmäßig für israelische und internationale Zeitungen wie Times of Israel, The New York Times oder Wall Street Journal. Gemeinsam mit Donniel Hartman betreibt er den Podcast “For Heaven’s Sake”. Er lebt in Jerusalem.

Worum es in diesem Krieg geht

Am 7. Oktober wurde Israel das gefährlichste Land der Welt für Jüdinnen und Juden. Die Verbrechen der Hamas waren buchstäblich unerträglich.

Yossi Klein Halevi, Oktober 2023
In Englisch zuerst veröffentlicht auf dem Blog des Autors bei der Times of Israel.
Übersetzt mit freundlicher Genehmigung des Autors von Florian Hessel.

Dies ist ein Krieg gegen die Rückkehr der jüdischen Hilflosigkeit.

Ein Großteil der Welt reagierte auf das Massaker am 7. Oktober, indem man die Bilder der Gräueltaten als unerträglich bezeichnete. Wenn Israelis sagen, diese Bilder seien “unerträglich”, dann meinen wir das wörtlich. Wir können es nicht ertragen, können nicht zulassen, dass das Massaker uns als Nation (um-)definiert. Wir befinden uns im Krieg, um die katastrophale Wahrnehmung der Israelis als Opfer zu beseitigen.

Mehr noch als die Gräueltaten selbst war für viele von uns die Hilflosigkeit unserer israelischen Mitbürger so – wortwörtlich – unerträglich. Nichts widerspricht dem israelischen Ethos mehr als Jüdinnen und Juden, die mit auf dem Rücken gefesselten Händen lebendig verbrannt werden, während die Israel Defence Forces (IDF) nirgendwo in Sicht sind.

In den Tagen unmittelbar nach dem Massaker erhielt ich Anrufe von europäischen Journalistinnen und Journalisten, die mich fragten, ob ich dies als einen “Holocaust-Moment” betrachte. Sie waren verständnisvoll, sie meinten es gut. Aber ich konnte ihnen nicht die Antwort geben, nach der sie verlangten.

Ich brauche Auschwitz nicht als Motivation, mich gegen die Hamas zu verteidigen, antwortete ich. Ich lebe im Nahen Osten; das Schicksal der Jesidinnen und Jesiden ist mir näher als Babyn Yar. Ich vertraue auch nicht auf irgendeine europäische Sympathie für Israel, die sich auf den Holocaust gründet. Solche Unterstützung ist unbeständig; heute gilt sie toten Juden, morgen toten Palästinensern.

Die Unterstützung, die ich verlange, beruht auf der Einsicht, dass Israel an seiner Südgrenze mit einem völkermörderischen Regime konfrontiert ist; dass dieses Regime nicht nur um unseretwillen, sondern auch um der Region willen zerstört werden muss; und dass der einzige Weg, eine in die Zivilbevölkerung eingebettete terroristische Infrastruktur zu zerschlagen, der ist, wie die IDF vorzugehen.

Die Flut der Sympathiebekundungen für Israel waren gut für unsere Seele, vor allem in diesen traumatischen ersten Tagen. Aber wir alle wussten, dass ein Großteil dieser Sympathie mit den schrecklichen Szenen der Verwüstung in Gaza zu schwinden beginnen würde. Und wir wussten auch, dass wir, wenn wir die Wahl hätten, lieber verurteilt als bemitleidet würden.

Unmittelbar nach dem Massaker haben wir notwendigerweise die Fotos der Gräueltaten verbreitet und ausländische Journalistinnen und Journalisten an den Ort des Gemetzels gebracht. Doch angesichts des wachsenden Leids in Gaza schwindet die politische Wirksamkeit dieser Bilder. Wir müssen unsere begründete Anklage gegen die Hamas vorbringen, nicht indem wir um das Mitleid der Welt, sondern indem wir um Einsicht werben.

Wir befinden uns mit den Palästinensern nicht in einem Wettbewerb um die Opferrolle. Die Palästinenser werden diesen Wettbewerb immer gewinnen, und das zu Recht. Als das jüdische Volk sich für die eigenstaatliche Macht entschied, entschied es sich gegen die Opferkonkurrenz. Für den Verlust der Unschuld ist ein Preis zu zahlen. Wir haben keine andere Wahl, als ihn zu akzeptieren.

Dies ist ein Krieg zur Wiederherstellung der israelischen Abschreckung.

In den vergangenen Tagen habe ich Nachrichten von Freundinnen und Freunden aus dem Ausland erhalten, die mich warnen, Israel sei dabei, die Fehler zu wiederholen, die Amerika in Afghanistan und im Irak gemacht habe. Ihr lauft in eine Falle, sagen sie, es gibt keine schnelle Lösung; die Hamas ist eine Idee, nicht nur eine Bewegung. Ihr braucht ein Endspiel, eine Vision für Gaza am Morgen danach, eine Vision für den Frieden mit den Palästinensern.

Ich fürchte, sie könnten Recht behalten. Aber diese Bedenken sind irrelevant für Israels dringendstes Bedürfnis, nämlich die sofortige Wiederherstellung unserer in Trümmern liegenden Abschreckungsfähigkeit.

Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte Israels, einschließlich der ersten katastrophalen Tage des Jom-Kippur-Krieges, wurde unsere militärische Glaubwürdigkeit derart untergraben. Der Schlag der Hamas war gerade deshalb so verheerend, weil sie der schwächste unserer Feinde war – und weil die Armee so kläglich versagt hat: Nicht nur konnte sie dem Angriff an der Grenze nicht zuvorzukommen, sondern sie konnte auch die Gräueltaten nicht stoppen während sie geschahen. Faktisch wurden die Städte und Kibbuzim im Süden Israels ihrem Schicksal überlassen.

Die Abschreckungsfähigkeit verlieren bedeutet, zu Angriffen an unseren anderen belagerten Grenzen einzuladen. Es bedeutet, unseren Feinden zu vermitteln, dass Israel seinen Vorsprung verloren hat und nicht mehr das hat, was es braucht, um als einziger nicht-arabischer und nicht-muslimischer Staat in einer der gefährlichsten Regionen der Welt zu überleben. Das ist es, was diesen Krieg – noch nicht kurzfristig, und auch nicht zwingend auf lange Sicht – für Israel zu einem existenziellen Krieg macht.

Diejenigen, die vor einer Invasion des Gazastreifens warnen, bieten Israel selten eine Alternative an. (Würden sie es vorziehen, dass wir den Iran bombardieren?) Nicht entschlossen zu reagieren, birgt für Israel potenziell größere Gefahren als eine militärische Fehlkalkulation. Wenn dieser Krieg in einer weiteren Patt-Situation zwischen der Hamas und Israel endet, wird die iranische Front entlang unserer Grenzen noch viel stärker ermutigt werden.

Dies ist ein Krieg gegen die iranische Achse.

Dies war nie der „israelisch-palästinensische” Konflikt allein. Während des Großteils der letzten 75 Jahre der Existenz Israels war es der arabisch-israelische Konflikt.

In den letzten Jahren wurde der arabisch-israelische Konflikt durch den radikal-schiitisch-israelischen Konflikt abgelöst. Wie vor einer Generation die arabische Welt ist auch die radikal-schiitische Achse der Zerstörung Israel verpflichtet. Wer sich nur auf die tatsächlichen Kämpfe in Gaza konzentriert, missversteht, was dort geschieht. Dies ist ein Stellvertreterkrieg mit dem Iran.

Die Hamas, die einzige sunnitische Komponente des iranischen Bündnisses, hat sich in dem, was einst eine Vernunftehe gewesen sein mag, nun die theologische Agenda der iranischen Revolution und ihr Streben nach regionaler Hegemonie zu eigen gemacht.

Der Iran hat bereits zwei historische Siege gegen Israel errungen. Trotz einer jahrzehntelangen israelischen Kampagne steht der Iran nun an der Schwelle zur Atommacht. Und er bedroht uns an drei unserer Grenzen – Gaza, Libanon und Syrien.

Das Massaker markiert einen Wendepunkt in unserem Krieg mit der radikal-schiitischen Achse. Im Moment gewinnt Iran.

Dies ist ein Krieg zur Wiederherstellung des Vertrags zwischen dem israelischen Volk und seinem Staat.

Einer der erschütterndsten Momente nach dem Massaker war für mich ein Fernsehinterview mit dem Vater einer ermordeten jungen Frau. “Das israelische Volk ist großartig,” sagte er. “Aber ich bin fertig mit dem Staat.”

Niemals zuvor sind die Israelis in den Krieg gezogen mit so wenig Vertrauen in ihre Anführer. Während des Libanonkriegs 1982 waren die Israelis erbittert gespalten. Doch niemand zweifelte ernsthaft daran, dass Menachem Begin und Arik Sharon das taten, was sie für das Beste für Israel hielten, dass sie Israels Interessen über ihre eigenen stellten.

Für einen großen Teil der israelischen Öffentlichkeit ist das heute kaum noch der Fall. So etwas haben wir noch nie zuvor erlebt: einen Premierminister, der in Kriegszeiten Angst hat, sich unter die Truppen zu mischen, weil er mit wütender Empörung rechnen muss.

Es ist erstaunlich, aber nicht überraschend, dass die Regierung den Süden auch nach dem Massaker im Stich gelassen hat. Der Staat war in krimineller Weise ineffektiv, wenn es darum ging, die grundlegendsten Bedürfnisse der Überlebenden zu sichern. Diese Inkompetenz ist eine direkte Folge dieser Regierung, die systematisch professionelle Beamte durch politische Schreihälse ersetzt und damit jahrzehntelange Reformen im öffentlichen Dienst zunichte gemacht hat.

Die Verantwortung für die Überlebenden wurde von den Aktivistinnen und Aktivisten der demokratischen Protestbewegung übernommen – von jenen Menschen, die von der Regierung als Verräter gebrandmarkt wurden.

Dies ist der Krieg eines führungslosen Volkes, das die Verantwortung für sich selbst übernimmt. Unsere große Errungenschaft nach dem Massaker war die Art und Weise, wie sich die israelische Gesellschaft – von ihrer Basis ausgehend motiviert – selbst mobilisierte. Viele Reservistinnen und Reservisten warteten nicht darauf, einberufen zu werden; Zivilistinnen und Zivilisten überschwemmten die Blutbanken mit Spenden.

Dissonanz ist in die israelische Realität eingelassen, und kein Moment ist dissonanter als jetzt. Das Paradoxe an diesem Krieg ist, dass zwar das Misstrauen und die Verachtung gegenüber unserer politischen Führung noch nie so groß war, aber gleiches gilt auch für unsere Moral, unsere Liebe zum Land, unsere Opferbereitschaft, ja sogar unsere Fähigkeit zur Einigkeit.

Dies ist der Moment der Reifung des israelischen Volkes. Indem wir die Verantwortung für das Land übernommen haben, haben wir eine neue Dynamik geschaffen.

Dennoch, die Fähigkeit der Bürger, in die durch eine unfähige und korrupte Regierung gerissene Lücke zu springen, ist keine Selbstverständlichkeit.

Die Grundlage der Beziehung zwischen dem Bürger und dem Staat ist die Gegenseitigkeit. Wir opfern etwas für den Staat, und der Staat schützt unser Leben und verpflichtet sich unserem grundlegenden Wohlergehen. Der Bruch zwischen dem Staat und seinen Bürgern muss behoben werden, indem unser Vertrauen in unsere Institutionen wiederhergestellt wird.

Die erste ist die IDF. Über die Jahre war die Armee die Institution, der die Israelis in allen Umfragen am meisten Vertrauen entgegen gebracht haben. In diesem Krieg geht es darum, ob dieses Vertrauen weiter Bestand haben wird. Ohne unser Vertrauen in die Fähigkeit der Armee, uns zu schützen, wird Israel in sich zerfallen.

Am 7. Oktober wurde Israel das gefährlichste Land der Welt für Jüdinnen und Juden. Viele Israelis fragen sich nun im Stillen, ob sie hier Familien gründen können. In den frühen 1950er Jahren, als Israel eine Welle von Terroranschlägen erlebte und die IDF nicht in der Lage zu sein schienen, wirksam darauf zu reagieren, erklärte Premierminister David Ben-Gurion, dass es die Pflicht des Staates sei, jüdischen Einwanderern aus aller Welt versichern zu können, dass sie keinen Fehler gemacht hätten, als sie auf das Versprechen des Zionismus vertrauten, sie zu schützen.

Die Zerstörung der Hamas ist ein entscheidender Schritt zur Wiederherstellung dieses gebrochenen Versprechens.

 Dieser Krieg ist ein Test für die moralische Glaubwürdigkeit der internationalen Gemeinschaft.

Die Herausforderung für Außenstehende in diesem Konflikt besteht darin, mit den unschuldig Leidtragenden auf beiden Seiten zu sympathisieren, ohne den Unterschied zwischen Israel und der Hamas zu verwischen.

Für die Toten und Verwundeten unter der Zivilbevölkerung in Gaza macht es offensichtlich keinen Unterschied, dass Israel nicht die Intention hatte, sie zu verletzen. Aber Intention ist der Unterschied zwischen Krieg als Tragödie und Krieg als Barbarei.

Für die israelische Politik ist der Präzedenzfall für die Zerstörung der Hamas der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS), der zu massiver Zerstörung, Vertreibung und dem Tod von Zivilistinnen und Zivilisten führte. Die Zerstörung der Hamas ist nicht weniger ein moralischer Imperativ als die Zerstörung des IS.

Viele in der Welt – und nicht nur Israelhasser – argumentieren, dass die Besatzung die Palästinenserinnen und Palästinenser zum Terrorismus treibt. Aber das Gegenteil ist nicht weniger wahr: Der Terrorismus hat die Besatzung verstärkt, indem er die Israelis davon überzeugt hat, dass ein Rückzug aus dem Westjordanland dieses in ein weiteres Gaza verwandeln würde.

Die fatale Fehleinschätzung der Feinde Israels besteht darin, dass sie Israel mit einem wurzellosen Kolonialprojekt verwechseln, das das Schicksal Rhodesiens und des weiß regierten Südafrika teilen wird. Wenn man nur genug Gräueltaten verübt, werden die Juden “zurück nach Polen” fliehen. (Palästinensische Apologeten sagen nie “zurück in den Irak, zurück nach Nordafrika”, woher die Mehrheit der israelischen Jüdinnen und Juden stammt).

Ein kolonialistischer Staat wäre schon längst tödlich demoralisiert und hätte vor dem unerbittlichen Terrorismus, dem Krieg und der Belagerung kapituliert. Aber die Feindschaft hat Israel nur stärker gemacht, weil sein Volk zu Hause ist. Jetzt haben unsere Feinde uns geeint – diesmal, indem sie an einem einzigen Tag die einem Wunder gleich kommende Wendung einer Nation vollbrachten, die so gespalten war, dass wir am Rande eines Bürgerkriegs zu stehen schienen, die Wendung hin zu einer Nation, die sich wieder durch gemeinsame Ziele und Anstrengungen definiert.

Die Israelis haben so reagiert, wie wir immer auf eine existenzielle Bedrohung reagieren. Fast 200.000 Israelis sind seit dem Massaker nach Hause geflogen, viele, um sich ihren Reserveeinheiten anzuschließen. Die Nachfrage war so groß, dass die Fluggesellschaft El Al Passagieren, die keinen Sitzplatz buchen konnten, gestattete, für Rückflüge auf dem Boden zu sitzen. Der Hauptgrund für die Unlösbarkeit des Konflikts liegt darin, dass die palästinensische Nationalbewegung in all ihren Fraktionen nicht verstanden hat, dass sie es nicht mit einem kolonialistischen Gebilde zu tun hat, sondern mit einem wiedergeborenen, wieder-verwurzelten Volk, dessen Geschichte einzigartig in der Geschichte ist. Solange sich diese palästinensische Sichtweise nicht ändert, werden selbst Israelis wie ich, die eine Zwei-Staaten-Lösung als existenzielle Notwendigkeit für Israel ansehen, diese auch als existenzielle Bedrohung betrachten.

Dieser Krieg ist eine Chance für Israel und seine Freundinnen und Freunde, die Darstellung von Israel als kolonialistisch, die sich in weiten Teilen des Westens durchgesetzt hat, zu ändern und dem Diskurs über den Konflikt wieder etwas mehr Komplexität zu geben.

 Dies ist ein Krieg gegen das Böse.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Begehen von Bösem und dem Böse-Werden. Es gibt Taten von so grundlegender Grausamkeit, dass das göttliche Bild, nach dem wir geschaffen wurden, ausgelöscht werden kann.

Tikkun olam, die Wiederherstellung der Welt, ist die Verpflichtung, gleichzeitig das Gute zu fördern und das Böse zu vermindern. Bei Tikkun Olam geht es nicht nur um soziale und gesellschaftliche Gerechtigkeit; der Sieg über Nazideutschland und die Sowjetunion waren der ultimative Ausdruck für solche Wiederherstellung der Welt. Die Zerschlagung der Hamas ist ein Tikkun-Olam-Gebot.

Gleichzeitig bedeutet der Kampf gegen das Böse nicht, dass moralische Grundregeln außer Kraft gesetzt werden; das Gegenteil ist der Fall. Man muss darauf achten, dass man nicht von dem Bösen, das man bekämpft, angesteckt wird, sowohl aus praktischen als auch aus spirituellen Gründen.

In der Praxis können wir diesen Krieg gewinnen, indem wir unsere moralische Glaubwürdigkeit bei den Jüdinnen und Juden in der Diaspora und bei den nicht-jüdischen Freundinnen und Freunden Israels bewahren. Wir nehmen keine Unschuldigen ins Visier; wir entmenschlichen kein ganzes Volk; wir tun, was wir angesichts der Zwänge der Situation und der Ziele des Krieges tun können, um zivile Todesopfer zu minimieren.

Nach dem Völkerrecht bedeutet Verhältnismäßigkeit, dass sowohl die Gefährdung des Lebens von Zivilistinnen und Zivilisten als auch die Art der Bedrohung, die man einzudämmen versucht, berücksichtigt werden muss. In einem existenziellen Krieg gegen einen völkermörderischen Feind, der sich hinter der Zivilbevölkerung versteckt, ändern sich die Grenzen der Verhältnismäßigkeit. Aber rote Linien bleiben bestehen, und unsere politischen und militärischen Anführer müssen sich mit dem moralischen Gebot der Zerstörung der Hamas und dem moralischen Gebot der Erhaltung von Leben auseinandersetzen. Es gibt kein Patentrezept für die Bewältigung dieser erschütternden Dilemmata; die Grundvoraussetzung ist, dass diese moralischen roten Linien Teil der israelischen Diskussion bleiben.

Ein Krieg gegen das Böse ist mit grimmiger Entschlossenheit zu führen, aber ohne blinden Hass auf ein ganzes Volk, geschweige denn eine ganze Religion. Die palästinensische Gesellschaft, zusammen mit der arabischen und muslimischen Welt, haben vieles zu verantworten. Aber die Hamas und das palästinensische Volk sind nicht dasselbe. Die Abneigung gegen die Hamas war schon vor diesem Krieg weit verbreitet: Ein bemerkenswertes Projekt mit dem Titel “Whispered in Gaza” [https://www.timesofisrael.com/whats-life-like-under-hamas-whispered-in-gaza-offers-unique-courageous-testimony], in dem anonyme Palästinenserinnen und Palästinenser die Brutalität und Korruption der Hamas aufdecken, wurde im vergangenen Januar in der Times of Israel veröffentlicht.

Was die jüdische extreme Rechte über die Macht Israels nicht versteht, ist, dass sie sich aus der Einheit des jüdischen Volkes ergibt, sowohl hier als auch in der Diaspora, aus unserem gemeinsamen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache. Im Laufe des letzten Jahres haben große Teile der israelischen Öffentlichkeit den Glauben an die moralische Orientierung des Landes verloren. Die Krise drohte entscheidende Teile des Militärs zu zerreißen.

Israels Macht hängt auch davon ab, dass wir das Vertrauen unserer Freundinnen und Freunde erhalten. Die Verachtung, die führende Mitglieder der gegenwärtigen Regierung noch vor kurzem gegenüber US-Präsident Biden zum Ausdruck brachten, ist bezeichnend für die kindisch-unverantwortliche Einstellung der extremen Rechten zur Macht.

Wir sind denjenigen Heuchlern nichts schuldig, die Israel zum Verbrecher unter den Nationen stempeln wollen, wie den Delegierten des UN-Menschenrechtsrats, die zwei Tage nach dem Massaker feierlich um “die Opfer in Palästina und anderswo” trauerten – und das, während wir noch gegen Terroristen kämpften, die sich in israelischen Häusern an der Grenze zum Gazastreifen verschanzt hatten. Aber unseren Freundinnen und Freunden sind wir moralische Rechenschaft schuldig.

Der Krieg gegen das Böse ist letztlich ein spiritueller Krieg. Der göttliche Schutz Israels, so warnt uns die Tora, hängt von unserem Verhalten ab. “Du sollst das Böse aus deiner Mitte ausrotten”, so wird befohlen. Es gibt Menschen in unserer Mitte, die wahllos unschuldige Palästinenserinnen und Palästinenser angegriffen haben. Die meisten Israelis sind von diesen Taten abgestoßen. Aber bei weitem nicht alle. Ein Knessetmitglied der Partei “Jüdische Stärke”, die Teil der Regierungskoalition ist, bezeichnete kürzlich einen Israeli, der eine palästinensische Familie bei lebendigem Leib verbrannt hatte, als “heilig” – und niemand in ihrer Partei widersprach. Besonders in Zeiten der Bedrohung Israels, stellen solche Äußerungen eine große Gefahr für unseren spirituellen Schutz dar.

Um diesen Krieg gegen das Böse zu gewinnen, sind Standfestigkeit und Ausgewogenheit erforderlich. Linke Jüdinnen und Juden müssen verstehen, dass sich das jüdische Volk die reine Unschuld der Machtlosigkeit nicht leisten kann, während rechte Jüdinnen und Juden verstehen müssen, dass Macht moralische Grenzen erfordert. Als Volk dürfen wir nicht gleichgültig gegenüber dem Leid in Gaza sein. Und wir dürfen nicht zulassen, dass diese Verzweiflung unsere Entschlossenheit untergräbt, die Hamas zu zerstören.

Foto: IDF

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