„Ich bin das letzte Mitglied der Gemeinde vor 1989“

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Renate Aris, Foto: © Sharon Adler/PIXELMEER, 2022

Renate Aris, langjähriges Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, organisierte 1999 die Wiedergründung des „Jüdischen Frauenvereins der Gemeinde Chemnitz“, in den 20 Frauen eintraten. Ein Gespräch von Sharon Adler mit der Dresdenerin, Chemnitzerin, Shoah-Überlebenden und Zeitzeugin.

Das Interview führte Sharon Adler für das Deutschland Archiv / BpB.
Foto: © Sharon Adler/PIXELMEER, 2022

Sharon Adler: Zwanzig Mitglieder Ihrer Familie wurden in der Shoah ermordet, zahlreiche andere sind für immer verschollen. Wie haben Sie und Ihre Familie das Leben nach dem Überleben gemeistert?

Renate Aris: Wir lebten wieder bei meiner Großmutter mütterlicherseits, wo wir bis zur Flucht gelebt haben. Wir hatten ein Dach über dem Kopf, Kleidung und einigermaßen zu essen. Tausende in der zerstörten Stadt hatten das nicht. Unsere Eltern wollten uns nicht belasten und haben uns immer gesagt: „Kinder, wir leben, was brauchen wir mehr?“ Das antwortete mein Vater auch dem sowjetischen Offizier auf dessen Frage, ob er „alles habe“. Er wollte nie Extrawürste und hat uns in diesem Sinne erzogen. Das hält bis heute an.

Aber wir Kinder waren alt genug, wir haben alles selbst erlebt. Es war eine schwere Zeit. Die Trauer war tagtäglich präsent. Unsere große Familie gab es nicht mehr. Mein Großvater Julius Aris starb 1940 in Dresden. Meine Großmutter väterlicherseits, Recha Aris, geborene Stein, wurde 1942 in Riga erschossen. Die sieben Geschwister meiner Großmutter und deren Familien sahen wir nie wieder. Nur der Zwillingsbruder meiner Großmutter, Moritz Stein, und ein 14 Jahre altes Mädchen, Eva Stein, hatten überlebt. Moritz ging nach Hessen zurück und Eva reiste zu ihrem älteren Bruder nach England. Die Schwester meines Vaters, Ruth Aris, verheirate Kunz, emigrierte mit ihrem Ehemann Rudolf Kunz 1939 mit dem letzten Schiff ab Bremen nach Chile.

Sharon Adler: Anders als in der Bundesrepublik Deutschland, wo die Überlebenden beim Amt für Wiedergutmachung einen Antrag auf „Entschädigungsleistungen“ stellen konnten, war das weder in der sowjetisch besetzten Zone noch später in der DDR möglich. Die DDR sah sich aufgrund ihrer „Antifaschismus-Doktrin“ nicht als Rechtsnachfolgerin des NS-Regimes. Wie und womit hat der Staat die Überlebenden der Shoah für das erlittene Unrecht „entschädigt“?

Renate Aris: Natürlich gab es die Diskussion über „Wiedergutmachung“. Diese wäre für viele Rückkehrer, die Geschäfte oder Betriebe gehabt haben, wichtig und lebenserhaltend gewesen. Es gab in der DDR zwar keine „Wiedergutmachungszahlungen“, jedoch die Regelungen für „Verfolgte des Naziregimes“ für politisch oder für „rassisch“ Verfolgte. Man musste einen Antrag stellen, denn es gab bestimmte Voraussetzungen, um den Status eines VdN zu erhalten. Dass Erlittenes im Vordergrund stand, war auch in Ordnung, denn plötzlich gab es ganz viele, die sich als Verfolgte sahen.

Es gab Vergünstigungen in Form von hervorragender medizinischer Betreuung. Es gab spezielle VdN-Ärzte, zu denen man jederzeit gehen konnte. Es standen Kuren zur Verfügung. Viele KZ-Überlebende waren gesundheitlich mehr als angeschlagen. Man bekam als Werktätiger drei Tage mehr Urlaub und später freie Fahrt mit einer Begleitperson in allen öffentlichen Verkehrsmitteln. Auf Wunsch erhielt man für einige Produkte aus bestimmten Bereichen Gutscheine und konnte bevorzugt Dinge erwerben, wie etwa Kühlschränke, Herde oder Badewannen. Wer einen Trabi bestellt hat, musste nicht fünfzehn, sondern nur fünf oder sechs Jahre oder weniger warten. Auch bevorzugte Wohnungszuweisungen gab es.

Der einzige Unterschied zwischen „rassisch“ und politisch Verfolgten war, dass die politisch Verfolgten eine etwas höhere Rente bekamen. Aber das war nur ein unwesentlicher Unterschied. Darüber hat man in der jüdischen Gemeinschaft nicht diskutiert. Wir waren froh, dass wir überhaupt Vergünstigungen hatten. Aber wir bekamen eine VdN-Rente, die höher war als die Erwerbsrente. Mit Erreichen des Rentenalters – bei Frauen mit 50 Jahren, bei Männern mit 60 Jahren – konnte man fünf Jahre eher in Rente gehen, als es gesetzlich vorgesehen war. Werktätige erhielten ab dreißig Prozent Erwerbsminderung schon einen Anteil der Rente. Das betraf viele alte Leute, deren Gesundheit sehr angegriffen war. All das, bis auf die Rentenzahlungen, fiel mit der Wiedervereinigung für die in der DDR lebenden Verfolgten komplett weg.

Sharon Adler: 1952 und 1953 wurden in der Sowjetunion unter Stalin jüdische Intellektuelle verfolgt und ermordet. Wie hat man das in der DDR wahrgenommen? Wie war Anfang der 1950er-Jahre die Situation in den Jüdischen Gemeinden der DDR?

Renate Aris: Das war ein Politikum, und es gab die Verherrlichung Stalins. In der Schule hatten wir 1953 eine Mappe über Stalin angefertigt. Plötzlich war er weg, und da war die Mappe auch weg. Das fiel genau in die Zeit, als Stalin entmachtet wurde. Am nächsten Tag wurde das Wort „Stalin“ gar nicht mehr in den Mund genommen. Man hatte über die Interna der Sowjetunion nichts erfahren.

Die Verfolgung von Juden in der Sowjetunion, die teilweise bis zur Ermordung ging, war höchstens einigen wenigen bekannt. Wer es wusste, hat es mit absoluter Sorge betrachtet. Ich bin oft in der Sowjetunion gewesen, aber von den Umständen der Stalin-Ära habe ich nichts erfahren. 1968 war ich das erste Mal in der Sowjetunion, wo man mir noch eine Synagoge gezeigt hat. Später nicht mehr. Die Synagogen wurden teilweise genauso wie Kirchen – in der Sowjetunion zweckentfremdet, zu Sporthallen und anderem. In Dresden sind alle Vorstandsmitglieder gemeinsam in den Westen gegangen, in Chemnitz sind sie geblieben. Das war eine sehr komplizierte Zeit. Durch den Weggang veränderte sich in den bestehenden Gemeinden viel. Die geblieben sind, wollten die Gemeinde weiterführen.

Sharon Adler: 1945 waren Sie zehn Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit in Dresden, wie haben Sie den Kontakt zu den nicht-jüdischen Menschen, Nachbar*innen und Schulkamerad*innen erlebt?

Renate Aris: Man muss bedenken, dass es zusammengewürfelte Klassen waren und dass viele Flüchtlingskinder und Ausgebombte darunter waren. Manche haben in schlimmsten Wohnverhältnissen gelebt. Wir waren eine Gemeinschaft, und die Herkunft und die Religion spielten keine Rolle, aber wir unterhielten uns auch über Religion. Es gab keine Berührungsängste. Man besuchte sich gegenseitig, und die Eltern kannten sich. Natürlich gab es darunter auch NS-Täter und Mitläufer. Weil es uns Juden während der Nazi-Zeit verboten war, die Schule zu besuchen, wurden mein Bruder und ich erst 1945 mit zehn und elf Jahren eingeschult, in die vierte Klasse der Volksschule. Wir hatten uns auserbeten, dass außer dem Schulleiter niemand erfuhr, dass wir vorher nicht zur Schule gegangen sind. Wir wollten unter Gleichaltrigen lernen und keine Extrabehandlung bekommen. Das Wichtigste für meine Eltern war, dass wir lernen und Anschluss finden. Wir hatten sehr gute Leistungen, sodass wir 1950 in das damalige Fletcher-Gymnasium aufgenommen wurden.

Ich war die einzige Jüdin, eine Klassenkameradin war katholisch und alle anderen evangelisch. Ich wurde 1950 zu deren Konfirmation eingeladen. Als wir 1948 unsere Bar- und Bat-Mizwa hatten, waren alle sehr interessiert.

Sharon Adler: Am 13. Juni 1948 hatten Sie Ihre Bat-Mizwa und Ihr Bruder seine Bar Mitzwa. Was bedeutete das für Ihre Familie und für die Gemeinde? Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Renate Aris: Für meine Familie, aber auch für die ganze Gemeinde war das ein ganz besonderes Ereignis. Es war die erste Bar- und Bat-Mizwa in Dresden nach dem Krieg. Die letzte war 1938. Es hat dann bis nach der Wiedervereinigung gedauert, bis es durch die Zuwanderung wieder so ein Ereignis in der Gemeinde gab. Meine Aufgabe war es, an der Bima [1] die Gebote auf Hebräisch und auf Deutsch vorzutragen. Plötzlich hörte ich ein furchtbares Schluchzen hinter mir. Es kam von einer alten Dame. Sie erzählte mir später, dass sie mehrere Jahre mit ihrem Mann im KZ war und dass sie nie zu wagen gehofft hatte, jemals wieder eine Bar- oder Bat-Mizwa zu erleben. Meine Haupterinnerung an diesen Abend ist dieses Schluchzen.

Sharon Adler: Wo fand die Zeremonie statt, war der Betsaal der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Dresden noch erhalten?

Renate Aris: Die wunderschöne große Semper-Synagoge [2] wurde in der „Kristallnacht“ völlig zerstört. Dazu gibt es eine Geschichte: Die Synagoge hatte zwei kleine Türme und daran prangte jeweils ein großer goldener Davidstern. Es ist bekannt, dass Synagogen nicht gelöscht werden durften. In der Brandnacht ist ein Feuerwehrmann [3] dort hochgeklettert, hat einen Davidstern abmontiert und ihn später der Gemeinde zurückgegeben. Dieser wurde auf der 1950 errichteten kleinen Synagoge angebracht und 2001 zur Weihe der neuen Synagoge in die Eingangstür eingebracht.

Die Gemeinde von Dresden [4] hatte das Glück, ein unzerstörtes Haus in der Neustadt zu besitzen, das sie nach dem Krieg sofort benutzen konnte. Es gab einen kleinen Betsaal, in dem unsere Bar- und Bat-Mizwa stattfand. Das Haus war bis 2001 der Verwaltungssitz der Gemeinde. Der Betsaal war nicht besonders groß. Damit alle Leute am Gottesdienst teilnehmen konnten, musste man die Tür offenlassen. Es gab weder Rabbiner noch Lehrer, nur einen Laien-Kantor, der die Gottesdienste leitete, aber man hatte immerhin einen kleinen Kiddusch, und es gab eine Tora.[5] Das war das Wichtigste.

Die Jüdischen Gemeinden in Sachsen nach 1945: Leipzig, Dresden, Chemnitz/Karl-Marx-Stadt

Sharon Adler: Wie viele Menschen kamen aus den Vernichtungslagern oder der Emigration zurück, und welche Altersstruktur hatten die Gemeindemitglieder?

Renate Aris: Die Gemeinde hatte durch die Bombenangriffe auf Dresden und dadurch, dass der letzte geplante Transport nach Theresienstadt nicht mehr stattgefunden hat, etwa sechzig Gemeinde-Mitglieder, die überlebt haben. Mein Bruder und ich waren unter den wenigen Kindern. Die meisten Menschen kamen aus den Vernichtungslagern zurück, nur wenige aus der Emigration. Darunter war nur ein einziges Kind, das in der Emigration geboren wurde. Man hat auch diejenigen aufgenommen, wo nur der Vater Jude war, damit die Gemeinde überhaupt Kinder hatte. In Chemnitz sind vom letzten Transport 57 Menschen zurückgekommen, darunter waren nur zwei Jugendliche und bis 1989 gab es nicht ein einziges Kind. Da, wo keine Kinder und Jugendlichen sind, entstehen keine Familien.

Die Gemeindemitglieder dezimierten sich durch Tod unaufhörlich, manche gingen dorthin, wo vielleicht noch ihre Familien lebten. Aber es kam niemand dazu – anders als in westlichen Gemeinden, wo aus Israel oder anderen Ländern Juden zurückkehrten, denen das aufgrund der Wiedergutmachung möglich war.

Sharon Adler: Zur Wiedergründung der Jüdischen Gemeinden in der sowjetisch besetzten Zone nach der Shoah: Wie gelang der Wiederaufbau der Gemeinde in Dresden, wo Sie bis 1987 lebten?

Renate Aris: Dresden hatte ab 1950 die kleine Synagoge in dem Gemeindehaus in der Neustadt. Es gab einen ordentlichen Gottesdienst und ältere Gemeindemitglieder haben vorgebetet. Mein Vater organisierte besondere Kinder-Chanukka-Feiern, die bis heute allen noch im Gedächtnis sind. Bei der ersten Chanukka-Feier 1945 bekamen wir Kinder Geschenke von erhalten gebliebenen Betrieben, die den jüdischen Kindern etwas Gutes tun wollten. Das war überwältigend.

Die acht kleinen Gemeinden in der DDR hatten einen großen Zusammenhalt, das war ganz toll. Es war eine Schicksalsgemeinschaft, wir alle kannten uns. Sonst hätten die Gemeinden kein Gemeindeleben führen können.

Kontakte zu den Gemeinden in den alten Ländern gab es nicht. Es war für mich nach der Wende frappierend, als ich das erste Mal eine große Gemeinde in Nordrhein-Westfalen besuchte. Da fragte mich der Vorsitzende, ob es in der DDR überhaupt Gemeinden gab.

Sharon Adler: Seit 1987 leben Sie in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt. [6] Was können Sie aus dieser Zeit berichten?

Renate Aris: Die Gemeinde Chemnitz zählte 1987 noch elf Mitglieder. Das waren vorwiegend ältere Leute, die 1945 zurückgekehrt sind. Als ich dazukam, wurde ich sofort in die Leitung gewählt, die aus drei Personen bestand. Seit 1952 war auch Siegmund Rotstein sel. A. [7] in der Leitung tätig. Wir kannten uns aus Dresden, und er war sehr glücklich darüber, dass ich mich in die Chemnitzer Gemeinde ummeldete. Er war als Zwanzigjähriger zurückgekehrt und sofort in die Gemeindegründung involviert. Als 1966 der damalige Vorsitzende Hans Kleinberg starb, wurde er Vorsitzender der Gemeinde und blieb es bis 2006. Danach wurde er Ehrenvorsitzender. Er starb 2020. Seine Nachfolgerin ist Dr. Ruth Röcher, die bis heute die Vorsitzende der Gemeinde ist. Wir haben in diesen Jahren versucht, den Gemeindebetrieb aufrechtzuerhalten. Aus heiterem Himmel begann zwei Jahre später dann die Zuwanderung.

Zuwanderung nach und Integration der Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Chemnitz

Sharon Adler: Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der politischen Wende in der Sowjetunion kamen viele Jüdinnen und Juden auch nach Chemnitz. Wie ist die Gemeinde mit der Situation umgegangen? Was waren die größten Herausforderungen?

Renate Aris: Als 1989 die Zuwanderung begann, war das eine Herausforderung, die alle bisherigen Aufgaben in den Schatten stellte. In kürzester Zeit kamen Hunderte Menschen.

Es standen mitunter dreißig oder vierzig Leute täglich vor der Tür, die sich unserer Gemeinde anschließen wollten. Sie wurden erst in Heimen untergebracht, worum vorwiegend die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) [8] und wir uns gekümmert haben. Wir wollten, dass sie dort Wohnungen erhielten, wo sich auch Gemeinden befanden, was uns auch geglückt ist.

Die Zugewanderten hatten jedoch kaum Ahnung vom Judentum. Neunzig Prozent der Menschen waren gänzlich von der Religion entfremdet und haben sie nie gelebt, noch nie etwas von der Bar-Mizwa gehört. Es war eine schwierige Zeit, aber es war auch eine Zeit mit viel Elan. Es gab einige, die gleich versucht haben, sich zu engagieren, auch das war wichtig. Und es war eine aufregende Zeit. Wir bauten Strukturen auf, merkten aber bald, dass wir größere Räume benötigten. In den Betraum – wenn die Stühle sehr eng gestellt waren – passten etwa achtzig bis neunzig Leute. Damals war er zu jedem Schabbat voll besetzt. Das würden wir uns heute in der schönen neuen Synagoge auch öfter wünschen.

Sharon Adler: Was waren Ihre Tätigkeiten als stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von 1988 bis 2003? Wie gelang die Integration der zugewanderten Menschen?

Renate Aris: Bis 1989 waren das natürlich nur sehr kleine Aufgaben, da kamen in die Gemeindeversammlung nur zwölf Menschen. Mehr waren wir ja auch nicht. Ab 1989 hatten wir plötzlich ganz andere Probleme. Die wichtigste Aufgabe, die man mir übertragen hat, war, Kontakt mit den Zuwanderern zu halten und sie zu unterstützen. Wenn sie zum Gottesdienst kamen, habe ich ihnen alles erklärt.

Neben Veranstaltungen habe ich auch Stadtführungen für die Menschen angeboten, die hierherkamen. Sie sollten auch die Stadt Chemnitz kennenlernen, denn es sollte ja ihre neue Heimat werden. Es war schwer, weil es so viel in so kurzer Zeit war, und da wir nur drei Leute in der Leitung waren. Es war schwer, aber wir kleinen Gemeinden haben das wahrscheinlich besser gemeistert als manche große. Dort gab es den Kampf zwischen den Alteingesessenen und den Zuwanderern. Das gab es bei uns gar nicht. Wir waren froh, dass wir neue Gemeindemitglieder hatten und wir endlich ein Gemeindeleben führen konnten. Die Chemnitzer Gemeinde wäre sonst irgendwann ausgestorben.

Sharon Adler: Bitte erzählen Sie etwas zur beruflichen und sozialen Situation der Menschen, die gekommen sind.

Renate Aris: Es war ein großes Problem, dass die beruflichen Abschlüsse der jüdischen Zuwanderer in Deutschland nicht anerkannt wurden und sie nicht arbeiten konnten. Damit hat sich Deutschland keinen Gefallen getan. Es gab beispielsweise eine Dame, die zwei Diplome besaß, sehr gut Deutsch sprach und dann als Reinigungsfrau arbeiten sollte. Es gab etwa zwanzig junge Ärzte unter den Zuwanderern. Wir hätten heute in Chemnitz keinen Ärzte-Mangel, wenn man die damals eingestellt hätte. Nur wenigen ist es durch ein Zusatz-Studium gelungen, sich als Ärzte zu etablieren. Dazu kam das Problem, dass nach der Wende in Chemnitz mit einem Schlag die ganze Industrie abgewickelt und wurde und so tausende Arbeitsplätze wegfielen.

Sharon Adler: Wie hat sich das Gemeindeleben verändert?

Renate Aris: Wir sind heute circa 500 Gemeindemitglieder. 99 Prozent kommen aus den GUS-Staaten. Im Frauenverein, den ich gegründet habe, waren bis auf ein oder zwei alles Damen aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Herkunft spielt für uns keine Rolle, wir haben ein gutes Gemeinde-Klima.

Aber die soziale Zusammensetzung ist eine andere als früher. Ich würde sagen, dass sich das Leben in den Gemeinden komplett verändert hat. Was mit der Mentalität, der Herkunft, der Kultur und der Sprache zu tun hat. Vorherrschend wird Russisch gesprochen, auch wenn viele der Mitglieder gut Deutsch beherrschen oder sogar perfekt Deutsch sprechen. Am Anfang haben wir gesagt, es wäre gut, wenn diejenigen, die etwas Deutsch können, auch auf Deutsch sprechen. Aber das ließ sich nicht durchsetzen.

Sharon Adler: Was bedeutete die Wiedervereinigung Deutschlands für die Jüdischen Gemeinden?

Renate Aris: Die Jüdische Gemeinde Chemnitz gehörte wie die anderen sieben Gemeinden bis zur Wiedervereinigung dem Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR an, der durch die Teilung Deutschlands entstanden war. Nach der Wiedervereinigung wurden wie in den alten Bundesländern Landesverbände gegründet. Dem Landesverband der Juden in Sachsen gehören drei Gemeinden an: Dresden, Leipzig und Chemnitz. Das Präsidium des Landesverbands besteht aus Delegierten dieser drei Gemeinden. Ich war zwölf Jahre lang als Mitglied im Präsidium tätig. Es waren eine spannende Zeit, diese Entwicklung mitzugestalten.

Sharon Adler: Wie haben Sie die Zeit der Wiedervereinigung und der Wendezeit persönlich erlebt?

Renate Aris: Ich habe den Fall der Mauer im Fernsehen gesehen und dachte nur: „Hoffentlich bleibt alles friedlich.“ In den Städten wie Leipzig, Dresden oder Chemnitz hätte es auch anders ausgehen können. Aber natürlich war es ein Ereignis, was wohl niemand so schnell erwartet hätte. Weil nun die Grenzen offen waren und es möglich war zu reisen, flog ich nach Chile zu meiner Tante Ruth Aris sel. A., der Schwester meines Vaters, die 1939 emigriert war. Ich war fünf Jahre alt, als sie wegging. Seit 1968 reiste sie alle zwei Jahre in die DDR und hat kurz vor der Wende 1989 die Demonstrationen in Dresden miterlebt.

Andere Reisen führten mich zu den Familien der Cousinen meines Vaters, die Mitte der 1930er Jahre durch die Jugendverschickung nach Palästina und Südafrika gekommen waren. Es war so, als hätten wir uns ein Leben lang gekannt. Es war wunderbar und ist es bis heute.

Wiedergründung des Jüdischen Frauenvereins der Gemeinde Chemnitz

Sharon Adler: 1999 haben Sie die Wiedergründung des Frauenvereins [9] der Jüdischen Gemeinde Chemnitz organisiert, dessen Vorsitzende Sie bis heute sind. Was war damals das Hauptanliegen, und welchen Herausforderungen begegnen Sie heute?

Renate Aris: Da muss ich ein bisschen ausholen. Der erste Jüdische Frauenverein [10] hat sich 1875 in Chemnitz gegründet, da gab es noch keine Gemeinde, sondern nur einen jüdischen Religionsverein. Der Frauenverein hatte im Wesentlichen soziale Aufgaben. Er hat sich vor allem um Frauen gekümmert, die aus sozial schwachen Familien kamen. 1939 wurde er von den Nazis aufgelöst.

Durch die Zuwanderung gab es in der Gemeinde nun viele Frauen. Ich habe alle eingeladen und vorgeschlagen, einen Frauenverein zu gründen. Sie waren begeistert. Es war der erste Frauenverein in den neuen Bundesländern. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Frauen zuerst einmal in die Religion und die Gemeinde zu integrieren. Wichtig war für uns vor allem, dass sie die Geschichte unserer Gemeinde, aber auch die anderen Jüdischen Gemeinden kennenlernten.

Es kamen auch immer ein paar nicht-jüdische Frauen, die schon früher die Gemeinde besucht und uns finanziell unterstützt hatten. Daraus ist ein Freundeskreis entstanden, der bis heute existiert. Mit dieser Gruppe haben wir über Jahre hinweg die Gemeinden und die neu gegründeten Frauenvereine in Thüringen, in Sachsen-Anhalt und in Sachsen besucht. Wir haben die dortigen Frauenvereine auch zu uns eingeladen. Die Frauen haben sich im Frauenverein miteingebracht und wir haben zum Beispiel Vorträge über die Geschichte des Kibbuz, die Entstehung des Staates Israel und den Unabhängigkeitstag gehört, und auch gemeinsam sehr schöne Feiern erlebt, wie das Kerzenanzünden zu Chanukka. Unsere Religionslehrerin Dr. Ruth Röcher sprach über die Frauen in der Chanukka-Geschichte, Hanna und Judith. Umrahmt wurden die Feiern mit Liedern und Tanz von unserem Kinderchor. Das waren wunderbare Veranstaltungen.

Leider sind heute nicht mehr viele übriggeblieben. Viele sind weggezogen oder verstorben. Die, die noch da sind, sind uralt. Und es kommt niemand mehr dazu. Die Jugendlichen interessieren sich nicht dafür. Das ist aber nicht nur bei uns ein Problem, das höre ich auch von anderen Frauenvereinen. Es ist schwierig. Eigentlich wollte ich den Verein wenigstens 25 Jahre erhalten, aber ich werde ihn wohl 2024 auflösen müssen.

Sharon Adler: Der Frauenverein der Jüdischen Gemeinde Chemnitz ist – mit 36 weiteren jüdischen Frauenvereinen und Gruppen Mitglied des Jüdischen Frauenbundes (JFB) [11] mit Sitz Frankfurt a.M., der 1954 neu gegründet wurde. Wie wurde auf die Gründung des Frauenvereins Chemnitz reagiert? Wie gestaltet sich die Verbandsarbeit in der Praxis?

Renate Aris: Als ich 1999 mit dem Jüdischen Frauenbund Deutschland in Verbindung trat, waren die damaligen Vorstandsdamen, die mittlerweile leider alle verstorben sind, sehr erfreut. Ich bekam große Unterstützung. Heute meldet sich der Frauenbund bei uns leider nur einmal im Jahr mit einem Schreiben, in dem er uns daran erinnert, unseren Mitgliedsbeitrag zu zahlen.

Ich würde mir wünschen, dass uns der Frauenbund ab und zu über seine Arbeit informiert. Oder dass uns eine der Damen mal besucht. Dann könnte man ihnen schildern, wie die Situation ist. Dass unsere Damen alle in einem Alter sind, in dem sie nicht mehr sehr beweglich sind und daher auch nicht zu den Veranstaltungen des Frauenbundes in Bad Kissingen reisen können.

Leider wurde auch die Jahreszeitschrift „Chaweroth. Blätter des Jüdischen Frauenbundes“ eingestellt. Darin haben die verschiedenen Frauenvereine ihre Jahresberichte veröffentlicht und man erhielt Informationen über die Tätigkeit des Frauenbundes und auch über die Aktivitäten der anderen Vereine. „Chaweroth“ wurde gerne von den Frauen gelesen. Und auch wenn heutzutage das meiste digital veröffentlicht wird, glaube ich nicht, dass die ganzen Informationen aus der „Chaweroth“ digital aufgearbeitet werden könnten.

Sharon Adler: Was bedeutete die Einweihung der Synagoge in Chemnitz im Jahr 2002 für die Jüdische Gemeinde?

Renate Aris: Der Bau der Synagoge war über fünfzig Jahre Utopie. Aufgrund der Zuwanderung und der ständig wachsenden Gemeinde platzte unser kleines Haus aus allen Mauern. Die Stadt Chemnitz unterstützte und befürwortete den Bau einer Synagoge. So wurde der Architekt Alfred Jacoby, der schon zahlreiche Synagogen gebaut hatte, beauftragt. Im Mai 2002 war es dann so weit, die Synagoge konnte eingeweiht werden. Unter großer Anteilnahme der Stadt, des Landes, der anderen Gemeinden und der Bevölkerung. Es war für Chemnitz etwas ganz Neues, ein jüdisches Gotteshaus zu haben. Und es war für die Stadt und für eine Synagoge ein ganz moderner und außergewöhnlicher Bau.

Es war eine feierliche Einweihung. Der damalige Präsident des Zentralrates Paul Spiegel sel. A. war da, auch die Prominenz aller Kirchen. Am ersten Tag der Offenen Tür warteten etwa viertausend Menschen stundenlang die gesamte Straße entlang. Wir haben im Halbstundentakt Führungen gemacht. Die meisten waren noch nie in einer Synagoge. Es war einerseits Anteilnahme, andererseits Neugier, auch, was die hebräische Inschrift in und an der Synagoge betraf. Die Neugier ist zum Glück bis heute geblieben.

Am Abend fand ein Konzert des Leipziger Synagogal-Chores statt, wo die Leute wieder stundenlang angestanden haben. Es war für Chemnitz ein Ereignis. Das Interesse der Chemnitzer ist ungebrochen. Natürlich stehen nicht mehr viertausend vor der Tür, aber wir machen hunderte Führungen für alle Teile der Bevölkerung und für alle Religionen, vor allem auch für Schulklassen. Wir sind sehr dankbar, dass es nach zwanzig Jahren noch immer dieses große Interesse gibt.

Sharon Adler: Sie sind das letzte Mitglied der Gemeinde von vor 1989. Was können Sie zur Situation in der Gemeinde und der Altersstruktur der Gemeindemitglieder heute berichten: Wie kann es gelingen, die junge Generation mehr in das Gemeindeleben einzubinden?

Renate Aris: Das eigentliche Problem ist der Weggang der jungen Leute nach ihrem Schulabschluss – in den meisten Fällen mit einem guten Abitur, denn die Zuwandererfamilien richten ein großes Augenmerk auf die Förderung ihrer Kinder. Nach ihrem Studium in den alten Bundesländern kommen die meisten nicht zurück.

Die Schwierigkeit, die wenigen Jugendlichen in das Gemeindeleben einzubinden, hat auch etwas damit zu tun, wer die Gruppen leitet. Seit 2022 betreut eine junge Frau, die in unserer Gemeinde großgeworden ist, die Jugendarbeit. Das funktioniert. Allerdings sind die Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht bis zwanzig Jahren. Das ist für diejenige, die die Gruppe anleitet, auch nicht so einfach. Wir versuchen durch gemeinsame Unternehmungen mit den Gemeinden Halle, Dessau und Leipzig, dass sich die Jugendlichen kennenlernen und dass sie einbezogen werden.

Auch findet der jüdische Religionsunterricht in Sachsen heute in den Schulen statt und nicht mehr nur in der Gemeinde. Endlich ist es gelungen, dass die Benotung aus dem Religionsunterricht in das Zeugnis aufgenommen wird. Das war ein Kampf, den mein Bruder, gemeinsam mit der Religionspädagogin Ruth Röcher, zwanzig Jahre lang geführt hat – und ein Traum, der nun Wirklichkeit wurde.

Die Gemeinde ist, wie viele kleine Gemeinden, überaltert. Wir haben erstmals ein Mitglied im Gemeinderat, der Anfang dreißig ist. Er hat in Chemnitz studiert und war immer in der Gemeinde präsent. Er erhielt die meisten Stimmen bei der Wahl – im Gegensatz zu denen, die schon jahrelang im Rat sind –, weil man froh ist, einen jungen Menschen zu haben. Er kann dolmetschen, denn er spricht perfekt Deutsch und Russisch. Er ist auch der Vorbeter und bildet sich in diesem Bereich weiter.

Spuren und Präsenz der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz heute

Sharon Adler: Chemnitz hatte vor der NS-Zeit eine große Jüdische Gemeinde, die das Bürgertum, das wirtschaftliche und das kulturelle Leben der Stadt geprägt und gefördert hat. Was ist davon heute noch sichtbar und bekannt?

Renate Aris: Jüdische Händler und Fabrikanten haben das Leben in Chemnitz bis 1933 in weitem Maße geprägt. 1899 wurde die große Chemnitzer Synagoge geweiht. Im Volksmund nannte man sie „Die Zierde des Kaßbergs“. Kaßberg [12] ist heute wieder eines der größten zusammenhängenden Wohngebiete im Jugendstil in Deutschland.

1938 wurden die Synagoge und die jüdischen Geschäfte zerstört. Es war wie überall ein jäher Abbruch, viele gingen weg, und die Eigentümer der Firmen, Fabriken und Geschäfte wurden nach der Machtergreifung Hitlers enteignet. Das jüdische Leben kam – wie überall – zum Erliegen.

In der Stadt gab es zwei große jüdische Warenhäuser: „Tietz“ wurde 1913 und „Schocken“ 1930 eröffnet. Tietz [13] ist im Jugendstil-Stil und Schocken [14] im Bauhaus-Stil gebaut. Es ist ein Wunder, dass sie nach dem Luftangriff am 5. März 1945 mit nur geringfügigen Schäden mitten in der Trümmerwüste standen. Die Kaufhäuser wurden zu „Centrum“-Warenhäusern, wie die Kaufhäuser in der DDR hießen. Nach der Wiedervereinigung wurde Kaufhof daraus. Aber mit dem Bau eines neuen Kaufhof-Warenhauses in der Innenstadt wurden sie geschlossen und standen jahrelang leer. Tietz hat man zum Kulturkaufhaus umgestaltet. Unten Geschäfte und in den oberen Etagen die Stadtbibliothek, das Naturkunde-Museum, die neue Chemnitzer Galerie und die Volkshochschule. Von Schocken ließ man nur die Außenmauern stehen, und es wurde zum Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (smac) umgebaut. Diese beiden jüdischen Kaufhäuser sind heute bei Stadtführungen die Ausgangspunkte und stehen im Fokus, wenn an Jüdisches erinnert wird.

Sharon Adler: Was fand 2020 anlässlich des 135-jährigen Jubiläums der Jüdischen Gemeinde Chemnitz statt? Wie wird heute in Chemnitz an Jüdisches erinnert und jüdische Kultur gelebt?

Renate Aris: Chemnitz hat gleich nach der Wende, 1992, die „Tage der Jüdischen Kultur“ [15] ins Leben gerufen. Das ist immer ein großes Ereignis und ein großer Erfolg. Während der zwei Wochen kommen internationale Künstler und Gäste, und es gibt bis zu siebzig Veranstaltungen. Nicht alle finden in der Synagoge statt. Es geht uns um die Präsenz jüdischen Lebens und der Jüdischen Gemeinde in der Stadt. Die Veranstalter sind der Verein „Tage der Jüdischen Kultur“, die Jüdische Gemeinde und Mitarbeiter des Evangelischen Forums Chemnitz. Die Schirmherrschaft übernimmt seit vielen Jahren der Oberbürgermeister. Die Eröffnung findet zumeist in den Staatlichen Kunstsammlungen oder im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz statt.

Im smac wurde auch die Ausstellung „Wir bleiben da. 135 Jahre wechselvolle Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz“ gezeigt. Dazu erschien eine gleichnamige Publikation mit Fotos und Abbildungen über die Geschichte der Gemeinde sowie die „Frauenporträts“ wegweisender Frauen der Gemeinde und Berichte über Jugendliche aus der Zuwanderergruppe und was aus ihnen geworden ist. Vom Verein die „Buntmacher/innen“ [16] hat der Schüler, Jakob Dost, hat im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Chemnitz den Film „Wir bleiben da – 135 Jahre Jüdische Gemeinde Chemnitz“ [17] mit Interviews mit der Vorsitzenden Ruth Röcher, dem Historiker Jürgen Nitzsche, dem Gemeindemitglied Michael Khurgin und mit mir gedreht, der von der Stadt mit dem Jugendfriedenspreis [18] ausgezeichnet wurde.

Antisemitismus in Deutschland heute

Sharon Adler: Wie reagiert die jüdische Gemeinschaft auf den Anschlag in Halle oder die Überfälle auf das Restaurant Schalom in Chemnitz?

Renate Aris: Die älteren Leute haben Angst und trauen sich nicht mehr, offen zu zeigen, dass sie Juden sind. So schwer es ist, aber es müssen alle Gesicht zeigen, auch die jungen Leute. Unsere Vorsitzende, Ruth Röcher, ist Israelin, woraus sie kein Geheimnis macht. Es gibt auch einige, die Kippa tragen, aber aufgrund der Ereignisse in Halle und anderswo ziehen sie eine Mütze darüber oder setzen die Kippa erst vor der Tür zum Gemeindehaus auf.

Sharon Adler: Welche Sicherheitsvorkehrungen treffen die Jüdischen Gemeinden?

Renate Aris: Seit die Einweihung unter großem öffentlichem Interesse stattfand, haben wir jeden reingelassen, der gekommen ist. Wir haben bewusst Glasfronten im Verwaltungsgebäude unserer Synagoge und in Dresden gebaut, weil wir die Gebäude öffnen wollten. Nun müssen wir sie leider schließen. Alle jüdischen Einrichtungen müssen mit Sicherheitsglas versehen werden. Wir sind darüber sehr betroffen, und es ist für alle beängstigend, dass zwanzig Jahre später die Notwendigkeit besteht, die Sicherheitsvorkehrungen für Jüdische Gemeinden so extrem zu verändern. Das ist eine Entwicklung, die wir niemals erwartet hätten.

Sharon Adler: Was kann dem entgegengesetzt werden, was wünschen Sie sich von der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft?

Renate Aris: Es ist wie früher, es sind zu wenige. Die große Mehrheit ist nicht mit diesen Dingen einverstanden, aber sie hält sich bedeckt. Und das ist furchtbar. Ich bin immer direkt und frage Leute, ob sie schon einmal einem Juden begegnet seien. Und sage dann, dass ich Jüdin bin. Wenn sie fragen, wie sie denn einen Juden erkennen sollten, lasse ich mich auf eine Diskussion ein und sage, dass wir Gott sei Dank nicht mehr gekennzeichnet werden. Die überraschte Reaktion darauf ist dann immer, dass sie erkennen, dass ich wie sie bin, genau wie jeder andere Deutsche auch, außer dass ich eine andere Religion lebe.

Mir ist dabei noch nie etwas passiert. Aber es gibt beängstigende Bildungslücken. Ich finde, es muss in Lehreinrichtungen mehr Platz für den Nationalsozialismus sein, der den Holocaust ja beinhaltet. Die zwei oder drei Stunden, die das unterrichtet wird, sind von den Schülern schnell wieder vergessen. Zum Glück gibt es viele Lehrer, die mit ihren Klassen in die Synagoge gehen. Ich bin eine der letzten Zeitzeugen, und ein Gespräch ist etwas ganz anderes, als nur darüber zu lesen.

Erinnern und Erinnerungsarbeit

Sharon Adler: Sie leisten bis heute Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu jüdischen Themen und zum Nationalsozialismus. Wo und wie engagieren Sie sich?

Renate Aris: Ich werde von Kirchengemeinden und Institutionen für Vorträge eingeladen, die etwas über den Nationalsozialismus erfahren wollen, von jemandem, der das selbst erlebt hat. Und ich mache Führungen für Schulklassen beim Besuch der Synagoge. Gerade von Jugendlichen werde ich oft gefragt, ob ich verbittert sei. Aber das bin ich nicht, denn alle, die dort sitzen, können nichts dafür, was in Deutschland passiert ist. Sie sollten ihre Eltern oder Großeltern fragen.

Es nützt uns nichts, verbittert zu sein. Es nützt nur, authentisch zu berichten, wie es war. Und wenn mir gesagt wird, dass ich den Jugendlichen nicht erzählen könne, dass ich über Leichenberge gegangen bin, dann sage ich, dass das die Jugendlichen aber wissen müssen. Wir haben unsere Kinderleben nur gerettet, weil wir über Leichenberge gegangen sind und über Straßen, wo es überall brannte. Kinder verstehen das noch am ehesten. Sie stellen Fragen, die ich von Erwachsenen noch nie gehört habe.

Mir ist wichtig, in die Köpfe der Leute zu bringen – egal, wie alt sie sind –, dass so etwas nicht wieder passieren darf. Schlimm genug, dass es heute wieder einen Krieg in Europa gibt. Die Jugendlichen und Kinder wissen nicht, was Krieg ist, aber auch die meisten Erwachsenen, die vor mir sitzen, haben noch nie einen Krieg erlebt. Deutschland hat seit 1945 die längste Friedensperiode, die es je gab. Es ist mir ein Anliegen, dass sie darüber nachdenken, was sie dafür tun können, dass es friedlich bleibt. Damit alle in Frieden leben können.

Am 9. November gab es eine Veranstaltung in der Gemeinde mit dem Titel „Fragt Renate Aris“. Am 10. November hielt ich einen Vortrag in Annaberg, der von der Stadt für Schüler der neunten bis zwölften Klasse initiiert war: „Zeitzeugen erzählen!“ [19] Das Theater hat die Räume kostenlos zur Verfügung gestellt, was ich sehr toll finde. Der Zuschauerraum war voller Jugendlicher. Es war totenstill. Als ich sagte, dass nur die junge Generation für Frieden sorgen könne, gab es stehende Ovationen. Das habe ihnen noch nie jemand so gesagt. Ich war in vielen Kirchengemeinden, wo es immer krachend voll war. Das Interesse der Leute ist da. Nur gibt es keine Menschen mehr, die es vermitteln können, das ist das Problem.

Sharon Adler: Wie kann das Erinnern und Gedenken zukünftig gelingen, wenn immer weniger Zeitzeugen und Zeitzeuginnen selbst berichten können? Welche Verantwortung tragen die heutigen und nachfolgenden Generationen?

Renate Aris: Es mag in einigen großen Gemeinden anders sein, aber leider ist das Interesse unter unseren zugewanderten Mitgliedern, sich intensiv mit dem Nationalsozialismus, mit den Pogromen, mit der Vernichtung, mit den jüdischen Hinterlassenschaften in dieser Stadt und der Geschichte der Gemeinde zu beschäftigen, nur sehr gering. Es ist – auch von den jungen Leuten – noch nicht verstanden worden, dass sie irgendwann diejenigen sein müssen, die solche Fragen beantworten müssen. Ich biete Lehrgänge an, damit andere Führungen machen können.

Vielleicht ist am Anfang, als die Zuwanderer gekommen sind, etwas versäumt worden. Denn auch die Vorsitzenden des Zentralrats haben sich vorwiegend für die Vermittlung von Religion interessiert. Dabei wären Vorträge über die Geschichte der Juden und der Gemeinden in Deutschland auch wichtig gewesen. Mal sehen, wie es wird. Aber irgendwann ist meine Kraft auch zu Ende.

Zur Vita von Renate Aris

Anmerkungen:

[1] Die Bima ist das Lesepult in der Synagoge, an dem aus der Tora gelesen wird.
[2] Die Semper-Synagoge wurde vom Architekten Gottfried Semper (1803-1879) für 500 Personen (300 Männer und 200 Frauen) entworfen. An der Grundsteinlegung am 21. Juni 1838 nahmen Minister und angesehene Dresdner Bürger*innen teil. Die Einweihung der Synagoge fand am 8. Mai 1840 statt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten gewaltsam zerstört.
[3] Der Dresdner Feuerwehrmann Alfred Neugebauer rettete einen der beiden goldenen Davidsterne der Semper-Synagoge. https://www.jewish-places.de/de/DE-MUS-975919Z/walk_station/a5948da7-c210-4475-bda6-69a8e5ea2c25/62756b15-b354-437f-8d83-3ade7b880ee7, zuletzt aufgerufen am 26.01.2023.
[4] https://www.jg-dresden.org/, zuletzt aufgerufen am 28.12.2022.
[5] Die Tora (Hebr. „Lehre, Gesetz“) besteht aus den fünf Büchern Mose und ist Teil der hebräischen Bibel. 
[6] Die Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt: Auf Abstimmungskarten konnten die Einwohner*innen der Stadt bis zum 22. April 1990 für Karl-Marx-Stadt oder Chemnitz abstimmen. Am 23. April 1990 lautete das Ergebnis: 76 % der Stimmen für Chemnitz. Das neue, demokratisch gewählte Stadtparlament beschloss auf seiner ersten Sitzung am 1. Juni 1990 die Rückbenennung von Karl-Marx-Stadt in Chemnitz.
[7] Siegmund Rotstein, 1925 in Chemnitz geboren, wurde von den Nationalsozialisten in das KZ Theresienstadt deportiert und kehrte nach der Befreiung als einer der wenigen überlebenden Chemnitzer Juden in seine Heimatstadt zurück. Er beteiligte sich am Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde Chemnitz und war ab 1966 40 Jahre lang deren Vorsitzender. 1988 bis 1990 wirkte er als Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR. Zudem stand er von 1999 bis 2001 an der Spitze des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. Er starb am 6. August 2020. https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/trauer-um-siegmund-rotstein/, zuletzt aufgerufen am 30.12.2022.
[8] Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. https://zwst.org.de, zuletzt aufgerufen am 23.1.2023.
[9] https://www.jg-chemnitz.de/frauenverein/, zuletzt aufgerufen am 26.01.2023.
[10] Am 6.11.1875 hat sich der Israelitische Frauenverein zu Chemnitz e.V. gegründet. Mitte Juni 1939 wurde er von den Nationalsozilisten zwangsaufgelöst. Am 15.11.1999 wurde der Frauenverein Chemnitz neu gegründet.
[11] Der Jüdische Frauenbund, der 1904 von Bertha Pappenheim und Sidonie Werner gegründet und 1954 wiedergegründet wurde, ist der bundesweite Dachverband 37 jüdischer Frauenvereine und Gruppen in Deutschland. Vgl. Lara Dämmig, Kampf um Gleichberechtigung: Der Jüdische Frauenbund, www.berlin-judentum.de/frauen/jfb.htm, zuletzt aufgerufen am 26.01.2023.
[12] https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/c-d/80-chemnitz-sachsen und https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/MZQXBMYK3TD6NYOO7MS3D7N6YV4EFKCF, zuletzt aufgerufen am 30.12.2022.
[13] „Das TIETZ“ hieß das Gebäude im Chemnitzer Volksmund, das am 23.10.1913 als damals vornehmstes Warenhaus Sachsens eröffnete. Begründer war Hermann Tietz (1837-1907). Nach nationalsozialistischem Terror, Plünderungen und Schließung 1938 und späterer Nutzung durch den „sozialistischen Einzelhandel“ wurde es ab 1990 von der Kaufhof AG als Warenhaus betrieben. https://www.dastietz.de/das-tietz/wir-ueber-uns.html, zuletzt aufgerufen am 6.1.2023.
[14] Das Kaufhaus Schocken wurde nach Plänen des Architekten Erich Mendelsohn für Simon und Salman Schocken gebaut und am 15.5.1930 eröffnet. Von Zwickau aus betrieb die Schocken KG bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten Ende 1938 eine der erfolgreichsten Warenhausketten Deutschlands. Bis 1945 als Merkur Verkaufsstätte, dann als HOWA und Centrum Warenhaus und schließlich von 1990 bis 2001 als Kaufhof geführt, wurde es am 15.5.2014 als Sitz des Staatlichen Museums für Archäologie Chemnitz, kurz smac, eröffnet. https://www.smac.sachsen.de/haus.html, und https://www.smac.sachsen.de/, zuletzt aufgerufen am 2.1.2023.
[15] https://www.tdjk.de/, zuletzt aufgerufen am 30.12.2022.
[16] Die Buntmacher/innen haben sich als zivilgesellschaftliche initiative in Reaktion auf die gewalttätigen Ausschreitungen rechtsextremer Gruppen im Spätsommer 2018 in Chemnitz gegründet. https://www.facebook.com/Buntmacherinnen/, zuletzt aufgerufen am 3.1.2023.
[17] https://www.jg-chemnitz.de/2021/06/30/wir-bleiben-da-135-jahre-juedische-gemeinde-in-chemnitz-ein-film-ueber-die-ausstellung/ und https://www.youtube.com/watch?v=hDOmxXtoxPo, zuletzt aufgerufen am 26.01.2023.
[18] Der Kinder- und Jugendpreis des Chemnitzer Friedenspreis 2022 ging an Jakob Dost. 2021 begann der Gymnasiast die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Chemnitz zu erkunden und drehte darüber den Film „Wir bleiben da – 135 Jahre jüdische Geschichte Chemnitz“. https://www.chemnitz.de/chemnitz/de/unsere-stadt/friedenstag/friedenspreis/index.html, zuletzt aufgerufen am 26.01.2023.
[19] https://www.annaberg-buchholz.de/de/meldungen/2022/2022/zeitzeugen-erzaehlen-mit-renate-aris-die-letzte-holocaust-ueberlebende-in-sachsen.php, zuletzt aufgerufen am 30.12.2022.