„Die Straße gehörte uns“

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Vor 80 Jahren begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Als die Deutschen am 19. April 1943 die in der polnischen Hauptstadt verbliebenen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager deportieren wollten, stießen sie auf heftige Gegenwehr.

Von Ralf Balke

„Es war eine Überraschung für die Deutschen“, erinnert sich Marek Edelman 2008 in einem Gespräch mit dem Radiosender NDR-Info an den Morgen des 19. April 1943. „Die Deutschen waren ganz früh an diesem Tag gekommen“, so der 1919 geborene Kardiologe. „Sie hatten offenbar vor, das Ghetto bis zum Geburtstag Hitlers einen Tag später, am 20. April, zu liquidieren. Sie glaubten offenbar, dass sie es im Laufe dieses einen Tages schaffen würden. Aber wie sich dann gezeigt hat, war das nicht möglich.“ Denn als vor nunmehr 80 Jahren rund 850 SS-Männer damit begannen, in das Warschauer Ghetto einzurücken, trafen sie auf heftige Gegenwehr. Bewaffnete Gruppen, angeführt auch von dem damals 23 Jahre alten Marek Edelmann, sorgten dafür, dass sich die Deutschen erst einmal zurückziehen mussten. „Die Soldaten hatten Angst, dass sie von uns getroffen, erschossen werden. Also flüchteten sie. Sie versteckten sich irgendwo an den Toren zur Straßenseite. Auf den Straßen selbst aber war niemand mehr. Die Straße gehörte uns. Und das war eine große Genugtuung. Keiner hatte geglaubt, dass man mit ein paar selbstgebastelten Handgranaten und einigen Pistolen eine so große Zahl von gut bewaffneten Soldaten in die Flucht schlagen konnte.“

Angehörige eines Polizeibataillons vor einem Tor zum umkämpften Ghetto

Sogar einen deutschen Panzer hatten die Ghetto-Kämpfer außer Gefecht gesetzt – ein geradezu spektakulärer Erfolg für eine kleine, bunt zusammengewürfelte Truppe, die nur über wenige, oftmals selbstgebastelte Waffen und kaum Munition verfügte. Und hinter dem, was später als Aufstand des Warschauer Ghettos in die Geschichtsbücher eingehen sollte, stand eine ganze Palette an Organisationen mit teils sehr gegensätzlichen ideologischen Ansätzen, die sich bereits Ende 1942 zusammengetan hatten. Auf der einen Seite gab es die Żydowska Organizacja Bojowa (ŻOB), zu deutsch: Jüdische Kampforganisation, mit ursprünglich über 1.200 Angehörigen, die überwiegend von sozialistisch angehauchten zionistischen Gruppierungen wie dem HaShomer HaZair oder Poale Zion getragen wurde und zu der ebenfalls der nichtzionistische Bund gehörte. Auf der anderen Seite stand der deutlich kleinere Żydowski Związek Wojskowy (ŻZW), gemeint ist der Jüdische Militärverband, dem wiederum etwa 150 eher bürgerliche Zionisten, Beitar-Mitglieder sowie ehemalige Soldaten der polnischen Armee angehörten.

Über die Zahl der aktiv am Aufstand vom 19. April 1943 beteiligten Personen gibt es keine einheitlichen Angaben. Während ŻOB-Anführer Yitzhak Zuckerman, auch bekannt als Antek Cukierman, neben Marek Edelman einer der wenigen überlebenden Protagonisten jener Zeit, davon berichtet, dass es etwa 500 Kämpfer auf jüdischer Seite gab, spricht Stefan Grayek, ein anderer Beteiligter, von über 700. Auch in der Geschichtswissenschaft sind sehr unterschiedliche Angaben zu finden. Professor Yehuda Bauer, Historiker an der Hebräischen Universität schreibt von 750 bis 1.000 Kämpfenden, Professor Israel Gutman, der ebenfalls am Aufstand in Warschau teilgenommen hatte, setzt die Zahl dagegen bei gerade einmal bei 350 an. Der Grund: Außer Bauer schließen die anderen Zeitzeugen und Historiker die Aktivisten aus dem Umfeld der rechten und bürgerlichen Organisationen, von denen es keine Überlebenden gab, explizit aus. Edelman, der dem Bund angehört hatte und nach dem Krieg in Polen blieb, schätzt die Zahl allein der ŻOB-Kämpfer auf etwa 220. Auf die Frage, worauf er seine Angaben stützt, antwortete er einmal: „Ich war dort und kannte jeden. Es ist nicht schwer, 220 Leute zu kennen.“ Was die Diskrepanz zwischen seiner Einschätzung und der von Zuckerman betrifft, erklärte Edelman: „Antek hatte politische Motive, ich nicht.“

Fakt aber ist, dass es einer kleinen Gruppe von jüdischen Kämpferinnen und Kämpfern gelungen war, 27 Tage lang Widerstand zu leisten und den SS-, Wehrmachts- und Polizeieinheiten, die gegen sie eingesetzt wurden, empfindliche Verluste zuzufügen. Trotz der erdrückenden Überlegenheit schafften es die Einheiten unter dem Kommando des von Heinrich Himmler persönlich mit der Niederschlagung des Aufstands beauftragten und späteren SS-Gruppenführer Stroop – ein überzeugter Antisemit, der seinen ursprünglichen Vornamen Josef „aufgrund weltanschaulicher Einstellung“ 1941 in Jürgen geändert hatte – anfangs nicht, in den Bezirken, in denen die Ghetto-Kämpfer aktiv waren, Fuß zu fassen. Die Gegenwehr, beispielsweise im Bürstenmacher-Bezirk, war so heftig, dass die Deutschen einmal mit weißen Tüchern um einen 15-minütigen Waffenstillstand bitten sollten. Und der von der jüdischen Kommunistin Niuta „Wanda“ Tejtelbojm, der es bereits im Sommer 1942 gelungen war, aus dem Ghetto zu entkommen, woraufhin sie eine der ersten Partisaneneinheiten der Gwardia Ludowa, zu deutsch: Volksgarde, aufbaute, angeführten Gruppe gelang es sogar, ein deutsches Maschinengewehr-Nest, das von der Ghettomauer aus auf die Menschen schoß, auszuschalten.

Dieser Mut und die Bereitschaft, einen schier aussichtslosen Kampf gegen die hochgerüstete Übermacht der Deutschen aufzunehmen, hat eine Vorgeschichte. Denn in dem 1940 von der Besatzungsmacht in der polnischen Hauptstadt zwangsweise eingerichteten Ghetto, das 3,07 Quadratkilometer groß war, was 2,4 Prozent des Stadtgebietes entsprach, hatten bis zu 460.000 Menschen leben müssen. Viele von ihnen waren aufgrund der mangelhaften Ernährung und medizinischen Versorgung bereits in den ersten Monaten verstorben – eine Entwicklung, die von den Deutschen durchaus intendiert war. In den Jahren 1942 und 1943 kam es schließlich zu den Deportationen in die Gaskammern von Treblinka und anderen Vernichtungslagern. Rund 300.000 Männer, Frauen und Kinder waren so sukzessiv aus dem von Mauern strickt vom Rest Warschaus abgegrenzten Bezirk verschleppt und ermordet worden.

Den im Ghetto verbliebenen etwa 56.000 Menschen war Ende 1942 durchaus bewusst, dass auch ihnen genau dieses Schicksal drohen wird, weshalb sich unter dem Kommando von Mordechai Anielewicz, Marek Edelman sowie anderen die bereits bestehenden Gruppen des jüdischen Widerstands zu koordinieren begannen. Darüber hinaus trat man mit der gleichfalls im Untergrund tätigen polnischen Heimatarmee in Kontakt und bat sie um Waffen. Am 18. Januar 1943 waren sie dann erstmals in Erscheinung getreten, als wieder einmal eine sogenannte „Umsiedlungsaktion“ anstand. Da niemand zu der befohlenen Deportation an den Sammelplätzen erschienen war, rückte SS-Oberführer Ferdinand von Sammern-Frankenegg mit rund 1.000 SS-Männern in das Ghetto vor, wo sie die Widerstandskämpfer bereits erwarteten und in Gefechte verwickelten, die rund vier Tage andauerten. Zwar wurden schätzungsweise 5.000 Menschen dennoch deportiert und weitere 1.170 vor Ort im Ghetto sofort ermordet – die Deutschen aber, überrascht von der Gegenwehr – brachen die „Aktion“ erst einmal ab und zogen sich zurück. ŻOB und ŻZW selbst verloren in diesen Tagen mehr als die Hälfte ihrer Kämpfer.

Trotz dieses Erfolgs wussten alle auf jüdischer Seite, dass dies nur ein Aufschub auf Zeit war. Bald schon wieder würden die Deutschen die Deportationen erneut aufnehmen, weshalb man den Waffenschmuggel ins Ghetto forcierte und sich im Rahmen der beschränkten Möglichkeiten auf eine Konfrontation mit den Mördern vorbereitete – selbst wenn diese aussichtslos war. „Es war leichter, mit einer Waffe in der Hand zu sterben, als das Los der Deportierten zu tragen“, bringt Edelman die Motivation der Aufständischen auf den Punkt. Und nach der anfänglichen Verwirrung gingen die SS-, Wehrmachts- und Polizeieinheiten mit einer beispiellosen Brutalität sowohl gegen die wenigen Aufständischen als auch gegen die gesamte verbliebene jüdische Bevölkerung im Warschauer Ghetto vor. Mit Flammenwerfern fackelten sie ganze Straßenzüge ab, näherten sich schrittweise dem Kommandobunker der Jüdischen Kampforganisation, der sich in der Miła-Straße 18 befand und am 8. Mai 1943 schließlich umstellt wurde. Aber allein die Tatsache, dass sie so viele Tage brauchten, um dorthin zu gelangen, zeigt, wie massiv der Widerstand war, auf den die Deutschen stießen – selbst die Luftwaffe musste herangezogen werden und Einsätze fliegen.

Mordechai Anielewicz und andere Anführer des Aufstandes nahmen sich angesichts des bevorstehenden Endes das Leben, weil sie keine Möglichkeiten sahen, den Deutschen zu entkommen. Edelman und einige seiner Gefährten wiederum führten den Kampf weiter, ihm und rund 40 anderen gelang schließlich die Flucht durch die Kanalisation aus dem Ghetto. Vor Ort aber begann das große Sterben. Rund 13.000 Jüdinnen und Juden waren bereits seit dem 19. April systematisch von den Deutschen ermordet worden. Alle anderen – mit Ausnahme derjenigen, die es irgendwie geschafft hatten, aus dem Chaos in andere Stadtteile zu entkommen – wurden deportiert und größtenteils vergast. Am 16. Mai war der Aufstand endgültig niedergeschlagen. Als symbolischen Akt des Sieges ließ Stroop die Große Synagoge auf der Tłomackie-Straße sprengen. Seinen anschließend an Himmler adressierten Bericht über den Aufstand schickte er den finsteren Satz voran: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.“ Und die größte jüdische Gemeinde Europas, die vor 1939 über 400.000 Menschen gezählt hatte, war so gut wie ausgelöscht.

Für manche von den überlebenden Ghetto-Kämpfern sollte jedoch mit dem 16. Mai 1943 der Widerstand gegen die Deutschen noch lange nicht zu Ende sein. Einige schlossen sich den Partisanenverbänden an. Edelman selbst nahm ein Jahr später mit anderen Angehörigen des Bunds die direkte Konfrontation gegen die Deutschen erneut auf, beteiligte sich 1944 am Warschauer Aufstand, der militärischen Erhebung der polnischen Heimatarmee, der vom 1. August bis zum 2. Oktober andauerte.

Nach dem Krieg emigrierten einige der wenigen Überlebenden des Ghettos, darunter ŻOB-Anführer Yitzhak Zuckerman, nach Israel, wo sie gemeinsam mit anderen ehemaligen Partisanen im Norden des Landes 1949 den Kibbuz Lochamej HaGetaot, zu deutsch Kämpfer der Ghettos, gründeten. Dort errichteten sie nicht nur ein Museum, dass sich mit der Geschichte des jüdischen Widerstands in dem von den Deutschen besetzten Europa beschäftigt. Der vor Ort lebende Historiker Zvi Dror veröffentlichte in den 1960er Jahren eine vierbändige Sammlung von den Zeugenaussagen der 96 Kibbuz-Gründer, allesamt Überlebende der Schoah, und eine der ersten Dokumentensammlung ihrer Art überhaupt. Auch der israelische Nationalfeiertag Yom HaSchoah, der ein „Tag des Gedenkens an die Schoah und jüdisches Heldentum“ ist und dieses Jahr am Abend des 17. April beginnt, steht im Kontext des Ghetto-Aufstands in Warschau. Ursprünglich sollte es der 14. des Monats Nissan werden, also dem Datum des Beginns des Widerstands gegen die Deportationen nach jüdischem Kalender. Weil aber dieser nur einen Tag vor dem Anfang des Pessachfests liegt, einigte man sich auf den 27. des Monats Nissan. Ein weiteres Indiz für die Bedeutung: Als Yom HaSchoah 1951 das erste Mal begannen wurde, enthüllte man im Kibbuz Yad Mordechai, benannt nach dem Anführer des Aufstands, eine Bronzestatue von Mordechai Anielewicz.

Die Enthüllung der Statue im Kibbutz Yad Morchechai, 1951