Unser Jahresrückblick

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Foto: haGalil

2025 geht zu Ende. Und das ist gut so. Ein so schwieriges Jahr, voller schlechten Nachrichten, Krieg, Terror und Trauer. Der große Lichtblick im Oktober, als endlich endlich die 20 noch lebenden Geiseln freikamen. Aber auch 2025 geht zu Ende und noch immer bleibt eine israelische Geisel, Ran Gvili, in Gaza zurück. Solange nicht alle zurück sind, ist es nicht vorbei, können wir nicht abschließen, können wir nicht heilen.

Antisemitischer Terror hat 2025 das Leben von Jüdinnen und Juden weltweit bedroht. Ob in Berlin, Paris, Athen oder Amsterdam, und mit tödlichem Ausgang in Washington und am Bondi Beach. Unsere Gedanken sind bei den Familien der Opfer und den Verletzten.  

Wird das neue Jahr friedlichere Zeiten bringen? Es ist schwer optimistisch zu bleiben.

2025 jährte sich der Mord an Itzhak Rabin zum dreißigsten Mal und damit auch der Beginn von haGalil. Dialog und offenes Lernen, die Grundideen von haGalil, sind in diesen Zeiten immer schwieriger umzusetzen. Wir versuchen weiter, unterschiedliche Perspektiven und Stimmen wiederzugeben, in der Hoffnung, dass sie zumindest gehört werden. Danke, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, dafür offen bleiben!

Wir blicken im Folgenden mit einer Auswahl unserer Berichterstattung zurück auf die Ereignisse des vergangenen Jahres und wünschen Ihnen und Euch ein gutes, gesundes und friedliches neues Jahr. 

Und das war 2025:

Januar

Agitprop mit Genozid
Ein kleiner Kreis von Holocaust- und Genozidforschern bemüht sich unermüdlich vor den UN, in der Presse und den sozialen Medien, Israel mit verzerrenden historischen Analogien und einseitigen Darstellungen einen Genozid an den Palästinensern im Gaza-Streifen anzuhängen.

80 Jahre und nie wieder?
Heute jährt sich der 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Es gibt viele Gedenkveranstaltungen, viele Reden. Vom Zivilisationsbruch ist die Rede, nie wieder sagen sie. Worte, die nur Worte bleiben. Worte, die im Hals stecken bleiben.

Populistische Spielchen und die immer gleiche Leier
Wenn es wenigstens etwas wirklich Wichtiges gewesen wäre, worüber man abgestimmt hätte und wo man vorher gesagt hätte, wir nehmen es in Kauf, dass die AfD mit stimmt… Aber es war ein komplett absurder Antrag, wegen dem man die Brandmauer eingerissen hat.

Februar

Anatomie eines Völkermordvorwurfs
Francesca Albanese, Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, soll am 19. Februar an der Freien Universität einen Vortrag halten unter dem Titel „Conditions of Life Calculated to Destroy. Legal and Forensic Perspectives on the Ongoing Gaza Genocide“, unterstützt durch mehrere Professuren an der FU. Dies ist gleich aus mehreren Gründen ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit und ein Belge dafür, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung missbraucht wird, um anti-Israel-Propaganda zu betreiben.

Irgendwas mit Israel und gegen Antisemitismus
Am Sonntag wird in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt. Grund genug zu schauen, welche Positionen die einzelnen Parteien zu Themen einnehmen, die Jüdinnen und Juden betreffen oder für die jüdische Gemeinschaft von Relevanz sind.

Der letzte Weg
Heute wurden Shiri, Ariel und Kfir Bibas beerdigt. In einem Sarg, nah beieinander, so wie Shiri ihre beiden wunderschönen rothaarigen Jungen zuletzt umfing, als sie aus Nir Oz entführt wurden.

März

„Aus der Tiefe des Abgrunds“
Am 30. Januar kam Gadi Moses frei. Er wurde am 7. Oktober aus dem Kibbutz Nir Oz entführt wurde. Gadi, 80 Jahre alt, ist Landwirt, dem Boden, der Kibbutzarbeit verbunden. Im Moment sind die Kibbutz-Mitglieder in Karmei Gat untergebracht. Gadi hat nun einen Brief an seine Gemeinschaft gerichtet, in dem er zum Wiederaufbau des Kibbutz aufruft.

Zum Tod von Peggy Parnass
Gerichtsreporterin, Schauspielerin, Frauenbewegte und Friedensaktivistin. Die Eltern Simon Pudl und Hertha Parnass wurden von den Nazis in Treblinka ermordet. Wie fast alle ihrer Verwandten. 1939 wurden Peggy Parnass und ihr Bruder Gady mit einem Kindertransport nach Schweden geschickt und überlebten so die Shoah.

„Scheitern ist keine Option“
In der diesjährigen Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz feiert das Restaurant „SCHALOM“ gerade seinen 25. Geburtstag. Ein Gespräch mit Uwe Dziuballa, dessen Familie das ambitionierte Projekt anstieß und bis heute erfolgreich fortführt.

April

Bosmans & Belinfante
Sieben Jahre waren sie musikalisch und privat ein Paar: die Pianistin und Komponistin Henriëtte Bosmans und die Cellistin und Dirigentin Frieda Belinfante. Zwei Musikerinnen aus Amsterdam, die Frauen lieben und sich mit Männern zusammentun, die als Jüdinnen verfolgt und während der Besatzung »unsichtbar« werden. Die eine gibt illegale Konzerte und rettet ihre Mutter vor der Deportation, die andere geht in den Widerstand, fälscht Pässe und verkleidet sich als Mann.

Der Stroop-Bericht – Ein Täterdokument neu gelesen
In wissenschaftlichen Publikationen ist der von SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop verfasste Bericht „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“ häufig als Quelle genannt, die darin enthaltenen Fotos sind in zahlreichen Schulbüchern, aber auch in Filmdokumentationen über den Nationalsozialismus zu finden. Als Beweismittel wurde der NS-Report im Internationalen Militärtribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg eingeführt und 1960 erstmals in Buchform veröffentlicht. 

„Die Tore zur Hölle“
Vergangene Woche hat die IDF ihren Untersuchungsbericht zum Nova Festival vorgestellt. Ein Bericht, der mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Die Familien der Ermordeten reagierten entsprechend aufgebracht.

Mai

Ziemlich normale Freunde
Im Mai 1965 beschlossen Deutschland und Israel den gegenseitigen Austausch von Botschaftern und machten ihre Kontakte so ganz offiziell. Nur 20 Jahre nach der Schoah sollte das keine Selbstverständlichkeit sein – trotzdem kam man sich näher, als viele zu hoffen wagten.

Über die Zerstörung und den Neuaufbau von Nir Oz
Dieser Beitrag ist dem Kibbuz Nir Oz gewidmet. 1955 gegründet kann Nir Oz als das Symbol eines linken, friedensbereiten, idyllischen jüdischen Friedensortes gelten. Nur drei km von Gaza entfernt wurde dieser wunderbare, durch seine ökologische Schönheit und seine harmonische Grundhaltung berührende Ort am 7. Oktober von palästinensischen Terroristen in einen Ort des absoluten und grenzenlosen Schreckens verwandelt.

Leo am Bruhl – Ein vergessener jüdischer Schriftsteller wird wiederentdeckt
Vor fast 100 Jahren, irgendwann im Verlauf des Jahres 1926 erschien die erste Kurzgeschichte Leo am Bruhls, „Der Todverkünder“, in einem auf billigstem Papier gedruckten Geschichtenmagazin namens „Meine Zeitung“, eine phantastische Skizze um einen hellsichtigen schwarzen Minenarbeiter, dessen Fähigkeit ihn nicht nur zu einem reichen Mann, sondern zu einem modernen Messias macht, dessen Prophezeiungen die Welt in Unglück und Wahnsinn stürzen.

Juni

Keine Brandstiftung
Feuer an der Straße 1 nach Jerusalem, Foto: Sprecher der Feuerwehr Zentrum
Als vor gut einem Monat am Gedenktag für die Gefallenen starke Wald- und Buschbrände in Israel wüteten, waren für so manchen die Schuldigen schnell gefunden. Nicht nur in den sozialen Medien, auch in den deutschen, sondern auch von Politiker wurde behauptet, die Brände seien Folge von Brandstiftung mit terroristischen Motiven.

„Ein Volk wie ein Löwe“
Hamas, Hisbollah, Huthi. Man kann nicht behaupten, dass die Israelis keine Erfahrung mit Raketenterror hätten. Nach einem Jahr und neun Monaten Kriegszustand steht die israelische Zivilbevölkerung dennoch vor neuen großen Herausforderungen. 13 Menschen starben bereits durch iranische Raketen.

Ohne Hemmungen
Radikale Siedler greifen im Westjordanland seit Monaten immer wieder palästinensische Ortschaften und ihre Bewohner an. Dabei schrecken sie selbst vor Morden nicht zurück. Mittlerweile geraten sogar israelische Soldaten in ihr Visier.

Juli

Für die drusischen Brüder
Israelische Drusen an der Grenze zu Syrien, Screenshot Telegram
Die Bilder von den Massakern an den Alewiten sind noch frisch. Die Sorge um die Übergriffe auf die drusische Bevölkerung in Suwaida waren entsprechend groß. Und tatsächlich kursierten auf Telegram bald Bilder, die ein Massaker an den Drusen zeigen, neben Filmen von Drusen, die gedemütigt, denen die Bärte abgeschnitten werden, bevor sie ermordet werden. Die Realität im neuen Syrien unter dem „Dschihadisten im Anzug“.

Auf den Kölner Ringen wird öffentlich zur Intifada aufgerufen
Seit vielen Wochen versammelt sich jeden Freitag eine bizarre, aber dennoch straff organisierte Gruppe vorgeblich „pro palästinensischer“ Aktivisten im Zentrum Kölns, um auf einem Demonstrationszug „für Gaza“ zu demonstrieren.

„Schützt den Geist der Synagoge Stommeln!“
Zu hören sind animalische Geräusche und Jammern, die vorsichtig gesagt sehr unangenehme Assoziationen freisetzen. Assoziationen von Verfolgung, von Pogrom. Von finsteren Zeiten. Das hören jüdische Ohren. Auch wenn es nicht beabsichtigt war, das sind die Assoziationen, die bei der Performance aufkommen. Denn immerhin befindet man sich ja in einer ehemaligen Synagoge, in einem jüdischen Kontext. Aber darauf möchte scheinbar niemand Rücksicht nehmen in Pulheim.

August

Im Chor der Vielen
Die „Ich-bin-kein-Antisemit-aber“-Fraktion wird täglich größer. Schuld daran hat natürlich Israel.

Auf der falschen Demo
Ich bin mitten drinnen und niemand interessiert sich für mich. So mag ich das! Die Parolen mag ich weniger: “Down, down Israel – End of Zionismen”. Alle jubeln und buhen abwechselnd. So wie es halt gerade zu passen scheint. Ein paar verlorene Kommunisten stehen ganz am Rand bei den Mannschaftswägen der Polizei. Man hört dort nicht ganz so gut, ist aber beim Demo-Zug dann ganz vorne dabei. Schlau sind sie die Kommunisten. Respekt.

Testphase mit Aussicht auf Erfolg?
Israel und Syrien führen erstmals seit Jahrzehnten wieder Gespräche. Es geht um Sicherheit und entmilitarisierte Zonen. Trotzdem operierte die israelische Armee dieser Tage erneut in der Nähe von Damaskus. Wie passt das zusammen?

September

„Trotz allem“ – Die Wiedereröffnung der Reichenbach-Synagoge in München
1931 in nur wenigen Monaten und unter widrigen Umständen nach den Plänen des erst 32jährigen Bauhaus-Architekten Gustav Meyerstein für die überwiegend aus Osteuropa stammende Beterschaft errichtet, war sie einer der modernsten Sakralbauten ihrer Zeit. In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge zwar nicht vollständig niedergebrannt, was sie vor allem ihrer Lage in einem dichten „arischen“ Wohngebiet verdankte, doch im Kern wurde sie zerstört, der Innenraum verwüstet und zweckentfremdet. 

Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus
Judenhass ist in Europa wieder Alltag geworden – im Netz, auf den Straßen, in Klassenzimmern, Hörsälen und sogar in staatlichen Behörden. Die Lage ist ernst, sämtliche rote Linien wurden längst überschritten. Juden und Jüdinnen in Europa verstecken ihr Judentum, fürchten Angriffe, sowohl verbaler wie auch physischer Art.

Antisemitismus als Nebenwiderspruch?
Dem Überlebenden des rechtsterroristischen Anschlags von Mölln, İbrahim Arslan, wurde auf der Bühne des Zeise Kinos Antisemitismus vorgeworfen, weil er ein propalästinensisches T‑Shirt trug. Ein jüdischer Kinogast ergriff das Wort und verteidigte ihn. Für viele ein klarer Fall: Überhebliches deutsches »Aufarbeitungsweltmeister«-Gebaren at its worst. Aber ist es wirklich so einfach?

Oktober

Ein historischer Tag
Endlich endlich ist es soweit. Zumindest die 20 noch lebenden Geiseln sind in Israel! Die ersten Bilder vom Wiedersehen mit ihren Familien treffen ein und lassen das ganze Land kollektiv aufatmen. Nach 738 Tagen.

Memefizierter Antisemitismus
Protest und antisemitische Projektion auf TikTok, Instagram & Co im Schatten des 7. Oktobers

Bring them fort!
Ich bin jetzt doch für Abschiebungen. Nicht wegen des Stadtbilds, das find ich insgesamt ganz prima, sondern weil der antisemitische Irrsinn einiger Mitbürger mein Leben gefährdet und meinen Radius einengt. Ich wäre deshalb dafür, alle propalästinensischen Aktivisten, egal welcher Staatsbürgerschaft, an den Ort abzuschieben, für den sie so leidenschaftlich brennen.

November

„Erst jenseits der Kastanien ist die Welt“
Im Herbst 1944 eröffnen die Sowjets erneut die russisch-ukrainische Universität. Paul kann sein Studium wieder aufnehmen. Neben Französisch schreibt er sich auch für Anglistik ein. Im April 1945 rüsten sich Paul und einige Verwandte für die Ausreise nach Rumänien. Sie können nach Bukarest gehen. Dort erscheint am 2. Mai zum ersten Mal die von Pauls Freund Petre Salomon ins Rumänische übersetzte, »Todesfuge« unter dem Titel »Todestango«. Der Dichter nennt sich von da an Paul Celan.

Faire Untersuchung?
Auch nach über zwei Jahren nach dem 7. Oktober gibt es noch immer keine Untersuchungskommission, die die Umstände untersucht, wie es dazu kommen konnte, dass Hamas, Islamischer Djihad und andere Terrorgruppen aus Gaza nach Israel einfallen und stundenlang ungehindert morden, vergewaltigen und Menschen entführen konnte. Premier Netanyahu hatte stets davon gesprochen, dass in Kriegszeiten nicht der richtige Zeitpunkt für eine Untersuchungskommission sei. Offensichtlich ist aber auch nach Kriegsende nicht der richtige Zeitpunkt für ihn.

Der Kibbuz auf dem Streicher-Hof
Nach Kriegsende irrten die wenigen der Vernichtungslager entkommenen Überlebenden der Shoa durch das zerstörte Europa. Die Scheerit Haplejta (hebr. Rest der Geretteten) hatten nur einen Wunsch: Den blutgetränkten Boden so schnell wie möglichst zu verlassen. Die ehemalige Nazi-Farm verwandelte sich dabei vor 80 Jahren in eine jüdische Bauernschule.

Dezember

„Stop Genocide – Free Palestine“ – Parolen postkolonialer Israelfeindschaft
Was ist mit einer westlichen politischen Kultur passiert, in der 47 Prozent der 18 bis 24 Jährigen sich für eine antisemitische, islamistische Terrororganisation aussprechen? Warum äußern Eliteakademiker offene Begeisterung oder wenigstens großes Verständnis für den von der Hamas und acht weiteren Organisationen der ‚palästinensischen Zivilgesellschaft‘ verübten Massenmord am 7. Oktober 2023 und warum rufen Aktivisten an Universitäten zum Mord an Zionisten auf?

Die wunderschönen Sechs
Im August 2024 wurden die Geiseln Hersh Goldberg-Polin, Carmel Gat, Eden Yerushalmi, Almog Sarusi, Ori Danino und Alex Lobanov in einem Tunnel in Rafah von ihren Hamas-Wachmännern ermordet, als die israelischen Streitkräfte das Gebiet einkesselten. Gestern wurden Bilder und Videos der „wunderschönen Sechs“, wie Rahel Goldberg-Polin sie nannte, veröffentlicht. Diese Aufnahmen von Hersh, Carmel, Eden, Almog, Ori und Alex wurden im Gazastreifen gefunden und dokumentieren ihre monatelange Gefangenschaft.

In Kfar Aza
Schon auf dem Weg in den Kibbutz Kfar Aza kommen uns Lastwagen mit Bildern von Gali und Ziv Berman entgegen. Die Zwillinge waren die letzten lebenden Geiseln, die noch in Gaza gefangen gehalten wurden. Sie kamen nach 738 Tagen im Oktober frei. Ihre Porträts sind im Kibbutz weiter präsent, weithin sichtbar auch am alten Wasserturm.