Schon auf dem Weg in den Kibbutz Kfar Aza kommen uns Lastwagen mit Bildern von Gali und Ziv Berman entgegen. Die Zwillinge waren die letzten lebenden Geiseln, die noch in Gaza gefangen gehalten wurden. Sie kamen nach 738 Tagen im Oktober frei. Ihre Porträts sind im Kibbutz weiter präsent, weithin sichtbar auch am alten Wasserturm.

Von Andrea Livnat
Doch auch wenn alle Geiseln aus dem Kibbutz zurück sind, die Toten begraben, der 7. Oktober ist hier noch immer allgegenwärtig, und was die Zukunft für den Kibbutz bringen wird, ist noch ungewiss. Einer der Überlebenden des 7. Oktobers ist Ralph Lewinsohn, der uns durch seinen Kibbutz führt.
Ralph wurde in Namibia geboren. Seine Eltern waren in den 1930er Jahren vor den Nazis dorthin geflüchtet. 1976 wanderte er nach Israel aus, über 40 Jahre lebt er in Kfar Aza. Wird er zurückkehren? Ja, auf jeden Fall, sagt er. Im Moment geht das noch nicht, denn es gibt weiter viel zu reparieren an der Infrastruktur, es gibt im Moment keinen Laden, keinen Arzt, keinen Gemeinschaftsspeisesaal. Und so ist der Kibbutz auch heute, über zwei Jahre nach dem Massaker, noch immer weitgehend unbewohnt. Nur 15 Menschen leben derzeit dort, sie arbeiten am Wiederaufbau der Gemeinschaftssiedlung. Die Bewohner sind im Kibbutz Ruchama untergekommen, ein Teil auch im Kibbutz Schfajim nördlich von Tel Aviv. Dieser anhaltende Zustand bedeutet auch den Verlust der Gemeinschaft, die in der Kibbutzgesellschaft so wichtig ist.
Der 7. Oktober 2023 begann auch in Kfar Aza mit heftigem Raketenbeschuss um 6.30 Uhr. Rund 250 Terroristen aus dem Gazastreifen drangen in den Kibbutz ein, massakrierten, vergewaltigten, entführten. 62 Bewohner wurden ermordet oder fielen im Kampf gegen die Terroristen. 19 Bewohner des Kibbutz wurden entführt, darunter auch Kinder, wie die dreijährige Avigail und die Kinder der Familie Brodutch.
Beim Gang durch den Kibbutz sieht man noch viel Zerstörtes, Renovierungsarbeiten, gerade frisch verputzte Schusslöcher. Auch Häuser, die schon komplett neu gebaut und renoviert wurden, teilweise auf Initiative der Achim leNeshek, der „Waffenbrüder“, jener zivilgesellschaftlichen Bewegung von Armee-Reservisten, die sich im Zuge der Proteste gegen die Justizreform formiert hatte. An den Schildern bekannte Namen, bekannt aus den schrecklichen Nachrichten, die wir seit dem 7. Oktober sehen und hören. Ralph ergänzt die Details, hier lebte diese Familie, der Vater wurde ermordet, hier lebte mein guter Freund, der ermordet wurde, dort drüben konnte sich die Familie retten…. Geschichten vom Grauen dieses schwarzen Schabbats, der für immer in unseren Gedanken und Herzen eingebrannt bleibt. Ralph erklärt auch die Zeichen und Schriftzüge an den Türen, die von der Armee angebracht wurden, nachdem die Häuser durchsucht wurden. Zeichen für die Einheit, die hier gearbeitet hat, das Zeichen für Leichenfund. Und das Siegel von Zaka, der ultraorthodoxen Rettungs- und Bergungsorganisation, die auch kleinste Leichenteile sammelt.

Und dann das Viertel der Jungen im Kibbutz. Dort lebten Jugendliche, selbstständig, außerhalb der Wohnung der Eltern, in kleinen Bungalows. Nur ein Zimmer mit einem winzigen Bad und einem Schutzraum. Hier war immer viel los, erzählt Ralph, auf dem kleinen Weg zwischen den Bungalows war auch nachts um 2 Uhr noch gute Stimmung. Dieses Viertel ist noch unverändert seit dem 7. Oktober, komplett zerstört. Die gnadenlose Mordlust der Terroristen wird hier besonders bewusst.

„Wir verstecken uns im Schutzraum. Sie sind an meinem Fenster. Wir verstecken uns unter dem Bett.“ Nachrichten, die Siwan Elkabets an ihre Familie schrieb, bevor sie mit ihrem Freund Naor in ihrem Bungalow ermordet wurde. Es ist der einzige Bungalow, den man auch betreten kann, die Familie hat sich dazu entschieden. Einschusslöcher an den dünnen Wänden des einfachen Bungalows. Neben der Eingangstür steht auf Hebräisch „menschliche Überreste auf dem Sofa“.

Auf dem kleinen Weg inmitten des zerstörten Viertels der Jugendlichen kommt unweigerlich die Frage auf, wie man mit der Erinnerung an den 7. Oktober umgehen soll. Ist es richtig alles abzureißen? So hat sich beispielsweise gerade der Kibbutz Be’eri entschieden. Oder sollte nicht beispielsweise dieses Viertel als Mahn- und Erinnerungsort erhalten bleiben? Der Kibbutz Kfar Aza hat sich noch nicht entschieden. Klar ist, dass der Kibbutz wieder ein lebendiger Ort sein wird, kein Museum, kein Friedhof, kein Ort, der das Grauen bewahrt. Vielleicht wird man einen Teil der Häuser vor die Tore des Kibbutz bringen und damit der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Kibbutzgemeinschaft selbst möchte zum Alltag zurück finden.
Ralph erzählt auch von diesem Alltag, vor dem 7. Oktober. Und wieder überkommt mich diese Mischung aus Zorn, Unverständnis und Scham, das wir alle hier in Israel es zugelassen haben, dass das der Alltag im Gaza-Umland war, vor dem 7. Oktober. Ein Alltag, der von Raketenbeschuss geprägt war, seit 20 Jahren. Ein Alltag, der es nötig machte, dass alle 50 Meter ein Schutzbunker entlang der idyllischen Kibbutzwege steht. In den man sich flüchten kann, wenn „zewa adom“, „Farbe rot“, also Raketenalarm ist. Denn hier hat man nur 15 Sekunden Zeit. Ein Alltag, der es nötig macht, dass der Kindergarten ein speziell verstärktes Betondach bekommt, die Wände zur Hälfte ummantelt werden, bis Kopfhöhe der Kinder. Denn 15 Sekunden sind nicht genug, um eine ganze Kindergartengruppe in einen Schutzraum zu bringen.

Auf den kleinen Wegen wird aber auch wieder deutlich, was alle Bewohner der Kibbutzim im Gaza-Umland sagen. Das Leben hier war zu 95 Prozent paradiesisch, zu 5 Prozent die Hölle. In einem Bild sieht man das am Sportplatz. Der Ort, wo die Kinder viele Stunden verbrachten, viele glückliche Fußball-Stunden. Hinter jedem Tor steht ein kleiner Bunker. Wie sonst, könnten die Kinder innerhalb von 15 Sekunden in Sicherheit sein…

Vom Sportplatz sieht man bis nach Gaza. Hinter dem Zaun liegen die Felder, die zum Kibbutz gehören, dann kommt der Grenzzaun, den die Tausende Terroristen am 7. Oktober durchbrachen. Wie kann es weitergehen? Wie kann es ein friedliches Miteinander mit den Menschen auf der anderen Seite des Zauns geben? Ralph gehört zu den Israelis, die vor dem 7. Oktober zur Grenze fuhren und Palästinenser, die zu medizinischen Behandlungen nach Israel einreisen durften, ins Krankenhaus nach Beersheva fuhren. Wie es weitergehen kann, weiß auch er nicht zu beantworten.

Hoffnung ist dennoch zu spüren. Trotz des großen Traumas, das die Menschen im Kibbutz für immer mit sich tragen werden. Hoffnung, dass der Ort wieder zum Paradies wird, das er für seine Bewohner war.
Wir fahren weiter. Unterwegs hektische Anrufe meiner Familie. In Kfar Aza war gerade Raketenalarm, alles in Ordnung? Fehlalarm, wie sich später zeigt. Aber es ist noch nicht vorbei. Das Paradies sollte das nicht wieder zu seinem Alltag zählen müssen.
Wenn Sie für den Wiederaufbau des Kibbutz Kfar Aza spenden wollen:
https://giveback.co.il/project/74858?lang=en
Auch für die Rehabilitierung der Berman Zwillinge kann man spenden:
https://www.kfarazzabringthemhome.org/en
Alle Fotos: © haGalil



