Vor 80 Jahren verwandelte sich die Nazi-Farm in eine jüdische Bauernschule
Von Jim G. Tobias
Nach Kriegsende irrten die wenigen der Vernichtungslager entkommenen Überlebenden der Shoa durch das zerstörte Europa. Die Scheerit Haplejta (hebr. Rest der Geretteten) hatten nur einen Wunsch: Den blutgetränkten Boden so schnell wie möglichst zu verlassen.
Doch wo sollte man hin? Der jüdische Staat war noch nicht gegründet, die britische Mandatsmacht in Palästina verwehrte den Menschen die Einreise nach Erez Israel. Die durch das jahrelange Martyrium in den nationalsozialistischen Lagern an Leib und Seele gequälten Menschen brauchten eine vorübergehende Bleibe.
Im Spätsommer des Jahres 1945 ordnete die amerikanische Militär-Regierung die Einrichtung jüdischer Displaced Persons (DP) Camps, Auffanglager für die vom Naziregime entwurzelten, verschleppten und geschundenen Menschen an. Erinnert sei an die bekannten großen Camps im Süden Deutschlands wie Landsberg, Feldafing oder Föhrenwald, in denen jeweils über 5.000 jüdische Bewohner lebten. Neben diesen Lagern existierten zahlreiche kleine Camps. Eine Besonderheit stellten die rund 40 kollektiven Trainingskibbuzim dar. Diese befanden sich zumeist auf landwirtschaftlichen Gütern. Die Alliierten beschlagnahmten die Bauernhöfe von ehemals aktiven Nazis und stellten sie den jüdischen Überlebenden zur Verfügung.
Eine dieser Farmen war der Pleikershof im Landkreis Fürth. Nur wenige Kilometer vor den Toren Nürnbergs gelegen diente das Anwesen von November 1945 bis zur Jahreswende 1948/49 als eine jüdische Bauernschule. Bis zum Kriegsende war das Gehöft im Besitz des berüchtigten Frankenführers der NSDAP und Herausgebers des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Der sich ab November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof zusammen mit zwanzig NS-Verbrechern, wie etwa Herman Göring, Albert Speer, Wilhelm Keitel für seine Taten verantworten musste. Streicher wurde nach einem langen Prozess im Oktober 1946 wie weitere elf Angeklagte zum Tode durch den Strang verurteilt und zwei Wochen später hingerichtet.
„Ich kann dieses Gefühl immer noch nicht beschreiben. Wir waren hier auf der Farm von Julius Streicher, es ist unglaublich. Ich als Jude wohnte und arbeitete hier, wo vorher dieser Hetzer lebte“. Mit diesen Worten erinnert sich der 1929 in Mecklenburg geborene Abraham Mathias 1996 in einem Interview an seinen Aufenthalt auf dem Pleikershof. Er ist wie alle ehemaligen Kibbuzniks inzwischen verstorben. Ausgerechnet im Hause ihres ärgsten Feindes bereiteten sich ehemalige Zwangsarbeiter und mehrere hundert Shoa-Überlebende im Kibbuz Nili auf ihre Ausreise nach Erez Israel vor. Nili ist eine Abkürzung und steht für den hebräischen Satz „Nezach Israel lo Jeschaker”, zu deutsch etwa: Die Ewigkeit des Volkes Israel ist nicht zu verleugnen. Als die DPs den Hof übernahmen, entdeckten sie ein Schild mit der Aufschrift: „Ohne Lösung der Judenfrage gibt es keine Lösung der Weltfrage.“ Diese Tafel wurde nicht entfernt. Für die Kibbuzniks war diese Aussage mit der Einrichtung eines eigenen jüdischen Gemeinwesens verbunden. Nur durch die Gründung des Staates Israel konnte die „Judenfrage“ im Sinne der Scheerit Haplejta gelöst werden.
In Palästina warteten unfruchtbare Landstriche darauf, in Äcker umgewandelt zu werden; aus Sümpfen sollte urbares Gebiet entstehen. Der Pleikershof war ein ideales Ausbildungscamp. Er umfasste etwa 80 Hektar landwirtschaftliche Fläche und etwa 8 Hektar Weideland. Neben Milchkühen gehörten auch Pferde zum Viehbestand der Farm. Die Einrichtung des Bauernhofes befand sich auf dem letzten Stand der Technik. Es gab elektrische Melkmaschinen und Traktoren. Die Voraussetzungen für eine solide Ausbildung waren gegeben. Zwei Landwirte, die schon zu Streichers Zeiten auf dem Hof tätig waren, betreuten und leiteten die Kibbuzniks an. Die Beziehung zu den deutschen Trainern war nach Auskunft der Zeitzeugen „sachlich korrekt“. Es gab keine nennenswerten Probleme, aber über den Arbeitszusammenhang hinaus auch keine Kontakte zu den beiden Deutschen.
Kaum einer der – vorwiegend aus dem Osten stammenden – Juden hatte vor der Shoa Berührung mit Ackerbau und Viehzucht. „Wir haben im Feld und in den Ställen gearbeitet. Ich habe dort gelernt, Kühe zu melken. Wir alle haben gearbeitet, um zu lernen. Wir wollten nach Israel, um dort Landwirtschaft zu betreiben“, erinnert sich die 1919 geborene Esther Barkai, die im Warschauer Ghettos kämpfte und das KZ Majdanek nur knapp überlebte.
Chaim Shapiro, 1919 in Lodz auf die Welt gekommen, befreiten Soldaten der Rote Armee aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Er war einer der ersten jüdischen Bewohner des Pleikershofs. Anfang Dezember 1945 bezog er mit einer kleine Gruppe die Farm. „Wir haben erst einmal Ordnung gemacht“, berichtete er. Dabei bemerkten die „fränkischen“ Kibbuzniks schnell, dass ihr neues Zuhause nicht irgendein Gutshof war. Neben einigen Ausgaben des „Stürmers” und Exemplaren von „Mein Kampf“ fanden sie noch allerlei Nazi-Propaganda und die zwei Hunde von Julius Streicher, den Bernhardiner Nero und den schwarzen Neufundländer Rasso.
Trotz dieser Erinnerungen an die Vergangenheit war die Stimmung auf dem Pleikershof positiv optimistisch. Konkreter Ausdruck für den Lebenswillen und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind acht nachweisbare Eheschließungen und drei Hausgeburten auf dem Kibbuz, wie die von Mirjam, die Tochter von Levkadia und Chaim Shapiro. Ausgerechnet Streichers Bernhardiner hütete später den Säugling: „Nero lag beim Kinderwagen und hat außer mir und meiner Frau niemanden zum Kind gelassen“, erzählte Chaim Shapiro Jahrzehnte später mit einem Lächeln. „Wir haben weniger zurückgeschaut. Unser Blick war auf die Zukunft gerichtet“, erinnerte sich der 1924 in Oświęcim geborene Jacob Hennenberg, der als einer der wenigen nicht nach Palästina, sondern in die USA emigrierte. Die große Mehrheit wollte jedoch nach Erez Israel, sie fieberte dem Tag der Abreise entgegen.

Nachdem die Chawerim eine kurze landwirtschaftliche Grundausbildung absolviert hatten, machten sich die „Palästinasiedler“ auf den Weg. „Von einem Tag auf den anderen waren ganze Gruppen verschwunden“, weiß Jacob Hennenberg zu berichten. Eine legale Einwanderung nach Erez Israel wurde durch die Briten verboten. Doch die geheime Fluchthilfeorganisation „Bricha“ (hebr. Flucht) brachte die Menschen heimlich in italienische Hafenstädte. Dort bestiegen die DPs ihre Schiffe, um endlich ins Gelobte Land zu kommen. Viele hatten jedoch kein Glück. Die Engländer fingen die jüdischen Emigranten ab und sperrten sie erneut in mit Stacheldraht umzäunte Lager auf Zypern. Auch Esther Barkai und Abraham Mathias verbrachten einige Monate in einem britischen Camp. Erst kurz vor Gründung des Staates Israel erreichten sie ihr neues „Vaterland“. Israel ist die Heimat aller Juden, bekräftigte Chaim Shapiro der 1948 einwanderte. Er lebte bis zu seinem Tod im Kibbuz Mishmar HaScharon in der Nähe von Netanja. „Doch auf der Streicher Farm fing alles an: Der Pleikershof war unser Weg zur Heimat, Kibbuz Nili war der Korridor, der nach Israel führte“.
–> Den Podcast des BR-Radiofeatures „Wie der Streicherhof zum DP-Lager wurde“ aus dem Jahr 2023 gibt’s hier zum Nachhören.
–> Die 1996 produzierten TV-Dokumentation „Der Kibbuz auf dem Streicher-Hof – Die letzten Landjuden in Franken“ ist in der nurinst-Mediathek abrufbar.



