„Stop Genocide – Free Palestine“ – Parolen postkolonialer Israelfeindschaft

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Auf einer Demonstration in Berlin am 21.10.2023, Foto: Montecruz Foto / CC BY-SA 3.0

Von Ingo Elbe [1]

Der Beitrag wurde zuerst im Archiv für kritische Gesellschaftstheorie der Gesellschaft für kritische Bildung veröffentlicht.

Was ist mit einer westlichen politischen Kultur passiert, in der 47 Prozent der 18 bis 24 Jährigen sich für eine antisemitische, islamistische Terrororganisation aussprechen?[2] Warum äußern Eliteakademiker offene Begeisterung oder wenigstens großes Verständnis für den von der Hamas und acht weiteren Organisationen der ‚palästinensischen Zivilgesellschaft‘ verübten[3] Massenmord am 7. Oktober 2023 und warum rufen Aktivisten an Universitäten zum Mord an Zionisten auf: „Zionisten verdienen es nicht, zu leben. […] Seid dankbar, dass ich nicht einfach losziehe und Zionisten ermorde“[4] (ein Mord, der dann auch prompt von einem linken Attentäter an Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky verübt wird)? Auf einen wesentlichen Faktor, der zur antisemitischen Radikalisierung des linken westlichen Diskurses beigetragen hat, weisen die protestierenden Studenten selbst hin: So hält eine Vermummte an der Columbia-Universität ein Schild in die Kamera, auf dem zu lesen ist: „Columbia, warum verlangst du von mir, Prof. Edward Said zu lesen, wenn du nicht willst, dass ich ihn anwende?“[5]

Und in der Tat liefert die auch auf Edward Said zurückgehende, in vielen Bereichen des akademischen Betriebs inzwischen tonangebende postkoloniale Theorie einen wesentlichen Beitrag zur gegenwärtigen Entwicklung. Diese Theorie beansprucht, koloniale Spuren in Wissensformen und sozialen Strukturen auch nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft nachzuweisen. Das Motiv der „Kolonialität“ – ein Sammelbegriff für die Diagnose einer den sogenannten Globalen Süden seit über 500 Jahren mit Armut, rassistischer Ausgrenzung, Lagersystemen und Genozid überziehenden westlichen Weltordnung – wird dabei zum Hauptkriterium von Geschichtsbetrachtung und Sozialkritik erklärt. In dieser neuen großen Erzählung glaubt man, mit diesem Prinzip auch einen Schlüssel zum Verständnis von Judentum, Zionismus, Antisemitismus und Shoah gefunden zu haben. Dadurch entstehen systematische Verzerrungen: die begriffliche Auflösung des Antisemitismus in bestimmte Formen des Rassismus, die Relativierung des Holocaust zum Kolonialverbrechen, die Dämonisierung Israels und die Ausblendung des islamischen und arabischen Antisemitismus.[6]

1. Pfade von postkolonialer Theorie zum Antisemitismus

Vom postkolonialen Paradigma zum (vor allem israelbezogenen) Antisemitismus führen dabei mehrere Wege[7]:

Dämonisierung Israels durch De-Realisierung antisemitischer Akteure

Handlungsmacht und Intentionen der sogenannten ‚Anderen des Globalen Südens‘, hier der arabischen bzw. islamischen Kräfte (und ihrer linken Verbündeten), werden weitgehend ausgeblendet. Ausschließlich Israel erscheint als Akteur und wird so zum „Contextless Context“ stilisiert.[8] Antisemitismus wird dabei entweder rundweg geleugnet oder als verständliche ‚politische‘ Reaktion auf israelische ‚koloniale Repression‘ konzipiert. Diese De-Realisierung ist tief im Denken Saids verankert, das einen negativen Eurozentrismus (der Westen/Israel als Quelle des globalen Übels) mit einem postkolonialen Othering-Dogma verbindet: Demzufolge ist jede negative Aussage westlicher Akteure über nichtwestliche eine vom westlichen imperialen Machtwillen geleitete rassistische Projektion ohne Fundament in der Sache[9]. Bei dieser einseitigen Hermeneutik des Verdachts stehen Täter und Opfer von vornherein fest.

Ein bezeichnendes Beispiel ist die Aussage der Soziologin Doris Bühler-Niederberger: „Wenn man Kinder erforscht“, sagt sie in einem Interview zum Thema palästinensische Kinder im arabisch-israelischen Konflikt, „erkennt man außerdem, wie Hass funktioniert, denn diese Kinder und Jugendlichen werden sogar zu Feinden erklärt. In israelischen und westlichen Medien werden sie oft schon als kleine Kämpfer dargestellt. […] Diese Dehumanisierung prägt den Konflikt grundlegend.“[10] Hier wird die seit etlichen Jahren wohldokumentierte Realität der Dehumanisierung palästinensischer Kinder durch Organisationen wie Hamas oder Fatah in Gestalt einer systematischen Erziehung zu antijüdischem Terror und Märtyrerkult zu einer „Darstellung“ israelischer und westlicher Medien. Diese Darstellung entbehrt der Soziologin zufolge offenbar eines Fundaments in der Sache, sonst wäre sie ja nicht kritikwürdig. Formen derartiger israeldämonisierender De-Realisierung haben sich im westlichen akademischen Betrieb inzwischen fest etabliert. Es gäbe tausende Texte akademischer, journalistischer oder künstlerischer Art, die man als Beleg anführen könnte. Ein anderes Beispiel: Der israelische Forscher Tomer Dekel stellt als Resultat seiner Diskursanalyse postkolonialer Texte zum Gaza-Konflikt Folgendes fest: „Alle untersuchten postkolonialen Forscher ignorieren nicht nur den […] palästinensischen Terrorismus in ihrer Diskussion (in seiner praktischen Form oder seiner weiter gefassten politischen oder geopolitischen Relevanz); sie gehen noch weiter und stellen fest, dass er nicht existiert. Ein Großteil ihrer intellektuellen Bemühungen ist der Behauptung gewidmet, dass Terrorismus eine ‚Erfindung‘ ist, die keinen Bezug zur Realität hat. Es handle sich um ein manipulatives Konzept, das dazu dient, die tatsächlichen Terrorakte des bösartigen Regimes Israels zu rechtfertigen.“[11]

Postkolonialer Okzidentalismus als offene Flanke zum Antisemitismus

Postkoloniales Denken, anders als bloße Forschung zum Kolonialismus, arbeitet von Beginn an mit einer „faszinierten Dämonisierung Europas“[12], mit okzidentalistischen Stereotypen eines im Kern dekadenten, machthungrigen, kulturzerstörenden, materialistischen und individualistischen Westens[13], dem der Globale Süden entweder als stumme Projektionsfläche oder als unschuldiges Opfer in Form indigener, subalterner Kulturen gegenübergestellt wird. Über die ‚essentialistische‘ Verdammung des Westens im Okzidentalismus öffnen sich Flanken zum Antisemitismus, wurde doch gerade den Juden immer wieder vorgeworfen, wurzellos, materialistisch, hyperrationalistisch und kulturzersetzend zu sein. Das Bild des siedlerkolonialistischen Israel, das, wie bereits Said in seinem Buch The Question of Palestine meinte, eine tellurisch verwurzelte indigene Kultur der Palästinenser eliminiere[14], „die unauflösbar mit dem Land verbunden“ sei[15], ist denn auch das zentrale Dogma der sogenannten Settler Colonial Studies, einer Unterströmung postkolonialer Theorie. Ich komme im zweiten Teil darauf zurück. Hier knüpft auch das Plädoyer für einen „pluriversalen und globalen Nativismus“[16] an – eine relativistische und ethnopluralistische Konzeption von Kultur und Wissen, die offene Bündnisse mit Islamisten propagiert, was auch den Import des islamistischen Antisemitismus mit sich bringt.[17]

Israel als todbringende Anti-Gemeinschaft und geopolitische Figur des Dritten

Anknüpfend an Foucaults Idee der Bio-Macht propagieren Postcolonials wie Achille Mbembe eine biopolitische Kontinuität von Holocaust und Israels Politik. Mbembe nennt dies „Nekropolitik“: Hier werde staatlich betriebener Rassismus zum selbstzweckhaften und wahnhaften Töten. Der „größte moralische Skandal unserer Zeit“[18] und die „vollendetste Form der Nekromacht“, behauptet Mbembe, „ist die gegenwärtige koloniale Besatzung Palästinas“. Palästinenser würden von Israel dabei „in den Status lebendiger Toter“ versetzt.[19] Der ‚nekropolitische‘ „Wunsch nach einem Feind, der Wunsch nach Apartheid (Trennung und Einschließung) und Ausrottungsphantasien“[20] seien zudem Konsequenzen einer jüdisch-partikularistischen Religionsauffassung.[21] Damit stellt Mbembe die israelische Politik gegenüber den Palästinensern in eine Kontinuität zur ‚Endlösung‘, begreift Israel als feindselige, todbringende Anti-Gemeinschaft und präsentiert es unter Rückgriff auf christlich antijüdische Motive als den Hauptfeind aller an ‚Weltreparatur‘ interessierten Menschen. Es kann daher als konsequente Anwendung des Konzepts der Nekropolitik verstanden werden, wenn Etienne Balibar und andere französische Intellektuelle Israels Militäraktion gegen die Hamas in Gaza seit Oktober 2023 ein „Töten um des Tötens willen“ andichten.[22] Israel wird hier zur geopolitischen Figur des Dritten, zum Feind der Völker und „Störenfried der Region“.[23] Es handelt sich zudem um eine klassische Holocaust-Inversion: Die in der Tradition des Erlösungsantisemitismus stehenden Hamasniks erscheinen als Opfer, der Staat der Holocaustüberlebenden als Täter und neuer Nazi. Jede Gleichsetzung israelischer Politik mit dem Holocaust (also die diskursive Nazifizierung Israels) ist dabei zugleich eine Holocaust-Verharmlosung (eine Normalisierung des Nationalsozialismus), also der systematischen Vernichtung von Juden: „‚Die falsche Gleichsetzung von Israel und den Nazis‘“, schreibt Deborah Lipstadt, „‚hebt jedes Fehlverhalten Israels um den Faktor von einer Zillion an und mindert um den Faktor von einer Zillion, was die Deutschen getan haben‘“.[24]

Der weißgewordene = privilegierte Jude im Herzen der westlichen Dominanzkultur

In einflussreichen Positionen der sog. Critical Whiteness Studies werden Juden zu ‚weißgewordenen‘ privilegierten Machtträgern stilisiert, deren ‚rassistische‘ Diskriminierung der Vergangenheit angehöre und die nun, wie schon Said in seinem Werk Orientalismus behauptete, ‚die Seiten gewechselt‘ hätten.[25] Das Motiv des Juden als ins „Zentrum der Dispositive der Herrschaft“[26] eingedrungenem Akteur ist nicht nur blind für den gegenwärtigen Antisemitismus, dessen „Ende“ nach 1945/48 vollmundig postuliert wird[27], es trägt auch das Dogma der Siederkolonialismus-Studien vom ‚weißen‘ Siedler, der ‚People of Colour‘ kolonisiere und evoziert das Stereotyp des mächtigen Juden, das einen zentralen Bestandteil der „Herrschaftsprojektion“[28] im Antisemitismus darstellt, der sich immer im Kampf gegen ‚die da oben‘ wähnt, die angeblich die Fäden der modernen Mechanismen und Krisen in Politik und Ökonomie ziehen.

Die auf den kolonialen Rassismus fokussierten Kategorien der Postcolonials, die lediglich Bilder von herabgewürdigten vormodernen, irrationalen und kollektivistischen Anderen erfassen, können diese Spezifik des Antisemitismus (ebenso wie des Holocaust) also nicht begreifen und befeuern bisweilen selbst antisemitische Denkmuster. Die Vertreter einer sog. multidirektionalen Erinnerung[29] bedienen sich zudem des Vorwurfs, Juden betrachteten sich als ‚auserwählte Opfer‘ eines ‚exzeptionalistisch‘ gedeuteten Verbrechens. Als Konsequenz daraus ergeht die linke Forderung einer Umdeutung des Holocaust von einem spezifisch antijüdischen in ein koloniales Verbrechen sowie das Postulat eines Schlussstrichs, also des ‚Vergessens‘ oder ‚Beendens‘ der Shoah, d.h. ihrer Ausblendung im Kontext des arabisch-zionistischen Konflikts, was immer auch mit der Verleugnung des arabischen oder islamischen Antisemitismus einhergeht – dazu mehr in Teil 2.

Postmodernes Jew-Splitting als Kombination eines philosemitisch umgewerteten modernen Antisemitismus mit christlich-antjüdischem Ressentiment

Schließlich finden sich, ebenfalls bei Said angelegte, Metaphorisierungen und Umdeutungen des ‚Namens Jude‘[30], die heute allerdings unter postmodernen Vorzeichen geschehen: Zunächst wird das Judentum mit Diaspora, Außenseitertum und Normsubversion gleichgesetzt und damit ein klassisch völkisch-antisemitisches Judenbild mit umgekehrten Vorzeichen übernommen. Jude sein bedeutet demnach, folgt man den Konzeptionen von Judith Butler oder Alain Badiou, sich dem Anderen ausliefern, eine schranken- und grenzenlose, wandernde Existenz zu führen und der Gesellschaft gegenüber kritisch eingestellt zu sein. Für Butler wird gar „das Exil […] zur Idee des Jüdischen selbst […]. In diesem Sinne heißt Jude ‚sein‘, sich von sich selbst zu trennen“.[31] (Butler 2013, 25) Jude sein wird zur Metapher für Kosmopolitismus, Minderheitenstatus, Migration und permanente Revolution. Sodann wird ein an den christlichen Judenhass erinnerndes „Jew-splitting“[32] betrieben: Der gute Jude ist demnach der seine Identität in der Identitätssubversion und stets fluiden Nicht-Identität lebende (Nicht-)Jude (so wie einst das Christentum als das ‚wahre, geistige Judentum‘ galt), der böse Jude hingegen der verstockt an nationalen Grenzen oder religiösen Riten festhaltende zionistische oder orthodoxe Jude. So kann im nächsten Schritt Israel zum ‚antisemitischen Staat‘ stilisiert werden, als Inbegriff dieses ‚fleischlichen‘, partikularen Juden, der sich gegen den ‚wahren Juden‘ wende.[33]

2. Gelehrige Schüler – Studenten für Palästina

Im Folgenden möchte ich eine kursorische Betrachtung einiger Parolen anstellen, die im Zuge der antiisraelischen Propagandaaktionen an westlichen Universitäten zu hören sind, und deren Verbindung zu Motiven der postkolonialen Studien andeuten. Denn die vom genozidalen Massaker der Hamas euphorisierten Studenten sind gute Schüler ihrer postkolonialen Lehrer.

„Stop Genocide – Free Palestine“

Wer glaubt, es handle sich bei dieser Parole lediglich um eine (falsche[34]) empirische Aussage über den derzeitigen Gaza-Krieg, täuscht sich. Nicht nur gehört der Genozid-Vorwurf gegenüber Israel seit langem zum Repertoire der arabisch-nationalistischen und linksradikalen Propaganda[35], er ist auch viel grundlegender gemeint als vielfach vermutet. Der auf radikale palästinensische Nationalisten wie Fayez Sayegh zurückgehende, von Edward Said aufgegriffene und in den Settler Colonial Studies (SCS) entfaltete Genozidbegriff unterstellt dem Zionismus und Israel von Beginn an, das ‚indigene Volk‘ der Palästinenser zu eliminieren. Dabei werden sämtliche Fakten, die gegen den kolonialen Charakter Israels sprechen, ignoriert oder umgedeutet, die Indigenität der Juden geleugnet und der Genozidbegriff ins Unermessliche inflationiert.

Gegen verschiedene Varianten der Kolonialismusthese wurden nämlich mannigfache Einwände vorgebracht: Der Zionismus habe nie eine kulturelle oder gar physische Elimination der arabischen Palästinenser angestrebt, deren Zahl sei im Gegenteil angewachsen, die israelischen Araber genössen gar weitgehende staatsbürgerliche Gleichheit und kulturelle Autonomie. Eine separate palästinensisch-arabische Identität sei mindestens bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auch innerhalb der arabischen Welt hochumstritten gewesen.[36] Jüdische Organisationen hätten vor 1948 Land gekauft, nicht widerrechtlich enteignet[37]; große Teile des Landes seien kein arabisches Privateigentum gewesen, ein arabisch-palästinensischer Staat habe nie existiert. Der Zionismus weise ursprünglich keine Vertreibungsideologie auf[38] und habe keine vollständige Vertreibung im Zuge des 1948er-Krieges betrieben, während Flucht und Vertreibung vieler Araber vielmehr als Folge des arabischen Angriffskrieges und der Erfahrung des Jischuw mit den arabischen Pogromen 1920, 1921, 1929 und 1936ff. zu gelten hätten. Bereits in der Zustimmung zur UN-Teilungsresolution 1947 habe sich die Kompromissfähigkeit der zionistischen Mehrheit gezeigt, ihre Bereitschaft zur Anerkennung eines arabischen Staates neben einem jüdischen auf dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet.

Für die Juden des Jischuw habe keine Fluchtmöglichkeit in ein koloniales Mutterland bestanden, ja es habe ein solches Mutterland nie gegeben: Ungeachtet der Unterstützung zionistischer Bestrebungen habe Großbritannien immer wieder (gerade aus imperialen Erwägungen heraus) ein proarabisches Appeasement mit antizionistischen Maßnahmen verbunden – und zwar noch vor dem offiziellen Beginn des britischen Mandats, fortgesetzt mit den vorübergehenden Immigrationsbeschränkungen 1922 sowie 1929 bis hin zur endgültigen Abkehr der Briten von der Unterstützung des jüdischen Staates im Dezember 1937.

Der Zionismus habe keine Ausbeutung der Araber intendiert und gar umgekehrt deren Lebensstandard erheblich verbessert. Juden seien seit über 3000 Jahren ein indigenes Volk in der Region und die zionistischen Zuwanderer müssten als transnationale Gemeinschaft von Flüchtlingen vor antisemitischer Diskriminierung in europäischen, aber auch arabischen Ländern verstanden werden. Zionisten hätten vornehmlich bezogen auf das eigene Volk eine ‚Zivilisierungsmission‘ sowie nach außen gerichtet eine Schutz- und Normalisierungspolitik vertreten. All dies sei zwar mit eurozentrischen Überlegenheitsvorstellungen und realen territorialen Konflikten, aber auch mit positivem Orientalismus sowie einer teilweisen Hebräisierung der Kultur einhergegangen.[39] Auch die Eroberung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens im Zuge des Sechstagekrieges[40] weise zu Anfang keine klassischen kolonialen Aspekte auf. Die Besatzung der umstrittenen Territorien sei zudem von Israel dafür vorgesehen gewesen, in einer Land-für-Frieden-Politik in großen Teilen rückgängig gemacht zu werden.[41] Ehud Baraks und Ehud Olmerts Angebote, den weitaus größten Teil des Westjordanlands (bis zu 97 Prozent), den Gazastreifen und Ostjerusalem inklusive Landkompensationen für einen palästinensischen Staat vorzusehen, seien von der PLO aber abgelehnt worden.

Wie gesagt, all diese Argumente werden ignoriert oder umgedeutet: So gelten einem der zentralen Vertreter der Settler Colonial Studies (SCS), Patrick Wolfe, nicht nur Massentötung oder Vertreibung als ‚Eliminierung‘ der Einheimischen, sondern auch die Gewährung von Staatsbürgerschaft, die staatliche Förderung von Mischehen oder die kulturelle Assimilation.[42] Ein anderer Protagonist der SCS, Lorenzo Veracini, identifiziert gleich 26 Formen des eliminatorischen ‚Transferismus‘[43] und bescheinigt den Palästinensern, im Gegensatz zu den Juden, eine „ontologische“, nicht bloß historische Beziehung zum Land.[44] Die zu Kolonisatoren erklärten Juden werden, wie alle Siedler, bei Veracini dabei mit Vampiren verglichen: „Vampire sind schließlich blasse und exotische Wesen, die das Land ausbeuten und davon besessen sind, es zu besitzen.“[45] Die per se genozidale, weil die ‚ursprüngliche‘ Gemeinschaft zerstörende und ihr angebliches archaisches Naturrecht auf das Land verletzende „Invasion“, schreibt Wolfe, sei eher als Struktur, denn als Ereignis[46] zu verstehen – Israel wird als Staat gleichbedeutend mit einem „structural genocide“[47], von dem es ‚Palästina‘ zu befreien gilt.[48] Welche internen Herrschaftsformen die romantisierte angeblich ursprüngliche Gemeinschaft hatte, spielt für den SCS-Ansatz keine Rolle: indigene Kulturen, egal welche, gelten per se als erhaltenswert. So sucht man in postkolonialen Texten meist vergeblich nach kritischen Hinweisen auf Sklaverei, Patriarchat, elitäre Clanherrschaft, feudale Ausbeutungsstrukturen oder Menschenopfer in den indigenen Kulturen.[49]

Der SCS-Ansatz beruht damit auf einem essentialistischen Modell expressiver Totalität: Jedes Phänomen der Geschichte erscheint als unmittelbarer Ausdruck eines zugrundeliegenden (kolonialen/eliminatorischen) Wesens, sodass alle möglichen Praktiken (Gewährung von Staatsbürgerschaft wie deren Nichtgewährung, Anerkennung einer ‚indigenen‘ politischen Entität neben der ‚Siedlerkolonialen‘ wie Nichtanerkennung derselben etc.) als genozidal tituliert werden können und die historische Spezifität jedes Ereignisses – die jeweiligen Gründe, Motive und Kausalketten – ignoriert werden oder im Zweifelsfall als bloß kontingente Oberflächenerscheinung vor dem Hintergrund eines zugrundeliegenden Wesens ausgeblendet werden müssen. Matthew Bolton schreibt dazu: „Tatsächlich wird die Besonderheit jedes ‚Ereignisses‘ innerhalb dieser Geschichte durch die Notwendigkeit ausgelöscht, es in die totalisierende Logik des Siedlerkolonialismus-Paradigmas einzufügen. Sobald diese Logik identifiziert wurde, kann und muss jeder historische Beweis, der ihr widerspricht oder ihr entgegensteht, als bloße ‚zionistische Apologetik‘ abgetan werden. Wolfe erklärt offen, dass man sich ‚nicht der Tyrannei [historischer] Details unterwerfen sollte‘, wenn dies die Erklärungskraft der Struktur mindert. Das Ergebnis ist ein Zirkelschluss, in dem der Theoretiker die historischen Aufzeichnungen filtert, um Ereignisse auszuwählen, die einem vorab festgelegten logischen Muster zu entsprechen scheinen, alle Elemente verwirft, die nicht hineinpassen, und dann behauptet, dass diese Ereignisse und damit die gesamte Geschichte nur durch diese Logik erklärt werden können.“[50] Dies gilt auch für die realen politischen Ideen und Handlungen der Palästinenser: Sie werden stets konzipiert als (im Zweifelsfall vernachlässigenswerte) kontingente Oberflächenphänomene, deren zugrundeliegendes Wesen – der legitime Widerstand ‚Indigener‘ – vorab feststeht.

„Palestine will set us free“

Der angeblich intrinsisch kolonialistische Westen wird von antikolonialen Denkern wie Aimé Césaire, dekolonialen wie Ramón Grosfoguel und Islamisten wie Abd al-Wahhab al-Masiri gleichermaßen als im Kern ‚hitleristisch‘ gedeutet: „Hitlerism is an integral part of Western subjectivity“, postuliert Grosfoguel.[51] Hiermit wird nicht nur der Holocaust auf ein Kolonialverbrechen heruntergebrochen, sondern auch die modern-antimoderne Ambivalenz des Nationalsozialismus ignoriert. Für Grosfoguel ist der Zionismus, weil angeblich Kolonialismus, daher auch ein „Hitlerismus“, mit dem Juden ‚Jagd auf Palästinenser‘[52] machten. Neben der antisemitischen Holocaust-Inversion, die in dieser Fieberphantasie steckt, bedient sich Grosfoguel ironischerweise selbst eines ‚hitleristischen‘ Motivs: Da Israel zur Inkarnation aller kolonialen Übel und in einer Palästina-Religion zum Zentrum der Kämpfe um Dekolonisierung erklärt wird, bedeutet die Befreiung Palästinas demzufolge auch den Weg zur Erlösung der ganzen in indigene Völker aufgeteilten Menschheit vom negativen Todes-Prinzip schlechthin.

Wir haben es hier mit einem klassischen Erlösungsantizionismus zu tun: Schrieb Hitler in Mein Kampf noch in Bezug auf die Juden: „Siegt der Jude […] über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen. […] So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn[53], so klingt das heute bei Grosfoguel, übertragen auf den jüdischen Staat, wie folgt: „Wir befinden uns in einem zutiefst spirituellen und messianischen Moment: Entweder wir organisieren uns und beenden diese Ungerechtigkeit [den angeblichen Völkermord in Gaza und den jüdischen Staat, I. E.], oder wir bewegen uns unaufhaltsam auf die Zerstörung des Lebens auf dem Planeten Erde zu. […] Die Freiheit Palästinas wird eine schwere Niederlage für die westlichen imperialistischen Kräfte bedeuten und den Kampf für die Bejahung des Lebens unterstützen. Der Sieg der Palästinenser wird die Menschheit auf eine höhere Bewusstseinsebene führen.“[54] Das Heil der Welt wird durch den Sieg über den jüdischen Staat erhofft. Die „höhere Bewusstseinsebene“ und der Sieg „des Lebens“ repräsentieren die natura elevata, die zu Gott erhobene Natur, die die natura lapsa, die in die Sünde gefallene Natur ersetzt. Entsprechend heißt es auf Demos in Deutschland inzwischen: „Palestine will set us free“ oder „Gaza is freeing us“.

„Go back to Poland“/„Decolonization is not a metaphor“/„By any means necessary“

Wenn Israel in apokalyptischer Weise als Inkarnation aller westlichen Kolonialverbrechen gilt, welche das ‚indigene Volk‘ der Palästinenser ‚eliminiere‘, dann sollen gegen israelische Bürger auch alle Mittel erlaubt sein. „Mit allen erforderlichen Mitteln“ lautet denn auch ein weiterer Slogan der Hamas-Linken an amerikanischen Universitäten:

Der angeblich weiße jüdische Siedler darf dann sogar entmenschlicht werden. So warnt die auf Podien der New School for Social Research gern gesehene US-Aktivistin Linda Sarsour mit Blick auf die Zionisten: „if […] you’re actually trying to humanize the oppressor, then that’s a problem“.[55] Hier wenden heutige Ideologen die gewaltverherrlichenden Vorstellungen eines Vorläufers der postkolonialen Theorie, Frantz Fanon, auf den arabisch-israelischen Konflikt an. Fanon pries die gemeinschaftsstiftende „absolute Gewalt“ gegen den Kolonialherrn ohne jede moralische Hemmung: „Arbeiten heißt, am Tod des Kolonialherrn arbeiten.“ „Alle abendländischen Werte […] erweisen sich [dabei] als unbrauchbar“.[56] Während Veracini eine „Fanonian (and metaphorical) ‚cull‘ [‚Auslese‘, I.E.] of the settler“[57] beschwört, modifiziert die von Postcolonials wie Cornel West hofierte[58] radikale islamische Aktivistin Houria Bouteldja eine berüchtigte Passage aus Sartres Vorwort zu Fanons Hauptwerk: „Einen Israeli zu töten bedeutet, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem man mit einem Schlag den Unterdrücker und den Unterdrückten beseitigt: Der eine stirbt, der andere wird frei.“[59] Und auch Edward Said zitiert in The Question of Palestine ohne jeden Anflug von Kritik ein Gedicht von Mahmoud Darwish, das er das „nationale[…] Poem“ des palästinensischen Volkes nennt. Dort heißt es: „wenn ich hungrig werde, wird das Fleisch der Usurpatoren meine Nahrung sein. Nehmt Euch in acht … – vor meinem Hunger und vor meinem Zorn!“[60]

Die dekolonialen Theoretiker Eve Tuck und Wayne Yang fordern in ihrem Aufsatz Decolonization is not a metaphor, dessen Titel nach 10/7 zur verbreiteten Parole wurde, eine „Re-Invasion“ indigenen Landes – für amerikanische oder israelische Juden bedeutet das also bisweilen: ‚Geht zurück nach Polen!‘ Dass diese Parole neben einem grotesken Indigenitätsfetisch auch vollkommen übersieht, dass Juden bis tief ins 20. Jahrhundert hinein in den europäischen (aber auch den arabischen und islamischen) Staaten diskriminiert, bisweilen in Pogromen ermordet und im Holocaust sogar systematisch vernichtet wurden, sei nur nebenbei erwähnt. Die echte, nichtmetaphorische Dekolonisierung, so jedenfalls Tuck und Yang, folge einer „Ethik der Inkommensurabilität“, die sich nicht darum kümmere, welche Folgen die Re-Invasion des kolonisierten Landes für die Siedler haben werde. „[D]ekolonisierung”, schreiben sie, „ist weder den Siedlern noch der Zukunft der Siedler gegenüber rechenschaftspflichtig. […] Eine Ethik der Inkommensurabilität vollständig umzusetzen bedeutet, die Zukunft der Siedler aufzugeben und die Hoffnung aufzugeben, dass die Siedler eines Tages mit den Ureinwohnern gleichwertig sein könnten.“[61] Die Aufkündigung der moralischen Einheit der Menschengattung, die sich bereits im Critical Whiteness-Aktivismus angekündigt hatte, ereilt allerdings im Falle von Tuck und Yang auch People of Colour. Denn auch Afroamerikaner in den USA seien ja nicht die ‚ursprünglichen‘ Eigentümer des Landes und profitierten durch die Erkämpfung gleicher Bürgerrechte somit vom Siedlerkolonialismus. Es bleibe allein „indigener Souveränität“ überlassen, was nach erfolgter Re-Invasion mit ihnen geschehe. Analog interessierten sich die Mordbanden von Hamas und Konsorten am 7. Oktober nicht dafür, ob sie neben Juden auch arabische Israelis oder migrantische Arbeiterinnen verschleppten – in dieser Logik von Tuck und Yang sind das sämtlich „brown settlers“.[62] Wir haben es hier mit einer „rassisisierte[n] Identitätspolitik des Ressentiments“ zu tun, deren „leitende Fantasie […] die Vorstellung eines vollständigen Sieges bei der wahrscheinlichen Realität einer totalen Niederlage“[63] ist.

Der Enthistorisierung des arabisch-zionistischen Konflikts in den SCS steht damit eine Entpolitisierung zur Seite, wenn unter Politik der Gedanke von Kompromiss und praktischer Regelung des Zusammenlebens verstanden wird: „Die totalisierende Logik des Siedlerkolonialismus-Modells“, schreibt Matthew Bolton, „lässt keinen Raum für die Bewältigung von Konflikten, die gegenseitige Anerkennung gemeinsamer Interessen oder die Schaffung neuer Formen des kollektiven Lebens, die die Grundlage politischen Handelns bilden. Sie gibt daher die Politik als potenzielle Quelle konkreter Veränderungen auf und ersetzt sie durch einen erbärmlichen Fatalismus, der sich als kompromissloser Radikalismus tarnt. Soweit eine solche fatalistische Anti-Politik überhaupt einen äußeren Ausdruck finden kann, beschränkt sie sich auf vereinzelte Terrorakte, bei denen die momentane Ekstase der reinen Gewalt Vorrang vor politischer Strategie, Sozialkritik oder ethischen Überlegungen hat.“[64]

Kein Wunder also, dass der Columbia-Professor Joseph Massad die Ermordung, Vergewaltigung und Verschleppung israelischer Bürgerinnen und Bürger und die jubelnden Reaktionen palästinensischer Zivilisten darauf als „stunning“, „awesome“, „remarkable“ und „astonishing“ feiert. Die Flucht israelischer Bürger aus israelischen Städten könne sich, so hofft er, „als ein dauerhafter Exodus erweisen“.[65] Die bekannte Politikwissenschaftlerin Jodi Dean schließlich findet die Bilder der Hamas-Paragleiter „exhilarating“ und meint im Hamas-Terror „seemingly impossible acts of bravery and defiance“ zu erkennen. Sie verteidigt die Hamas als Vorläufer eines revolutionären Subjekts, das für alle Unterdrückten kämpfe: „Palestine speaks for everyone.“[66] Terror erscheint hier lediglich als stummer Akt ohnmächtiger Gerechtigkeit. Die ebenso paternalistische wie projektive Parteinahme für den vermeintlichen Underdog, von dessen Gewalt man nichts weniger als Erlösung erwartet, ist das kümmerliche Residuum einstiger linker Herrschaftskritik.

Zusammen mit der dekolonialen Idee einer subversiven Hybridisierung von ‚indigenen Traditionen‘ mit ‚westlichen‘ Konzepten von Menschenrechten, Erkenntnis und Demokratie[67], die in Projekten wie ‚islamischer Demokratie‘, ‚chinesischen Menschenrechten‘ oder ‚Maori-Wissenschaft‘ mündet, führt das beinahe zwangsläufig zu ideologischen Bündnissen postkolonialer Linker mit autoritären Regimen oder Dschihadisten: So meint Judith Butler, „understanding Hamas and Hezbollah as social movements that are progressive, on the left, part of a global left, is extremely important“[68] und würdigt die gemeinschaftsstiftenden, angeblich Stolz und Bescheidenheit ausdrückenden Funktionen der Burka.[69] Die islamische Revolution im Iran habe zwar Staatsterrorismus mit sich gebracht, meint eine andere Ikone der Postcolonials, Susan Buck-Morss, aber sie habe auch eine stolze neue muslimische Subjektivität generiert, „eine, die unbestreitbar modern und ebenso unbestreitbar nicht-westlich ist“. Auch sie sieht in der Verschleierung der Frau eine „feministische Kritik an der Verdinglichung von Frauenkörpern durch die Kulturindustrie“[70]. Hier sei kollektive Würde wichtiger als westliche Freiheiten: „Es geht hier nicht um Freiheit, sondern um Würde. Und in einem postkolonialen Kontext ist die Würde wichtig. Besser gesagt: Würde ist Freiheit in einem anderen Sinne, nämlich als Befreiung von westlicher Hegemonie“[71] Buck-Morss strebt zugleich ein Bündnis zwischen westlicher Kritischer Theorie und antisemitisch-islamistischen Denkern wie Sayyid Qutb an, das einen „Angriff von innen und außen“[72] auf die liberale kapitalistische Moderne vollziehen könne. Während der postmoderne Starphilosoph Gianni Vattimo forderte „to raise money ‚to buy Hamas some more rockets‘“ oder gleich selbst Hand anlegen wollte: „I’d like to shoot those bastard Zionists“[73], sieht Walter Mignolo, „von arabisch-islamischen Denkern (Sayyid Q’utb, Ali Shariati, Ayatollah Komeini [sic]) […] die Dekolonialität klar formuliert“.[74] Grosfoguel schließlich beschwört auf der Webseite der „Islamic Human Rights Commission“ „Gaza, Lebanon, Syria [vor dem Umsturz, I.E.], Iraq, and Yemen“ als Achse des Widerstands[75].

„Free Palestine from German guilt“/„Nakba is a part of Erinnerungskultur“

Die letztere Denglisch-Konstruktion wurde auf der documenta fifteen im Jahr 2022 präsentiert. Mit ihr ist nicht einfach gemeint, dass Nachfahren palästinensischer Araber in Deutschland das Recht haben sollten, an die Opfer von Flucht und Vertreibung der Jahre 1947/48 zu erinnern. Tatsächlich ist diese Aussage – zusammen mit „Free Palestine from German guilt“ – der Versuch einer Revision der Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust sowie die konsequente Fortsetzung der postkolonialen Ausblendung arabischer Handlungsmacht und des islamischen und arabischen Antisemitismus.

Im Zentrum steht einerseits die geschichtsklitternde Idee, der arabisch-zionistische Konflikt habe von arabischer Seite nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern sei lediglich als Widerstand indigener Palästinenser gegen weiße europäische Invasoren zu verstehen. Dass „Palestine from German guilt“ befreit werden soll, bedeutet, dass die Deutschen ihren Antisemitismus von einst nicht auf die Palästinenser projizieren sollen und dass der Holocaust in einem bestimmten Sinn „vergessen“ werden muss[76], um Frieden in Nahost zu schaffen. Dieses „Vergessen“ bedeutet, man solle den Holocaust ausblenden, weil „strictly no relation between the Nazis and the Palestinians“[77] bzw. den Arabern bestehe – eine schlichte geschichtsrevisionistische Falschbehauptung. Dass der Führer der palästinensischen Nationalbewegung Mohammed Amin al-Husseini ein am Holocaust beteiligter Nazi-Kollaborateur und radikaler Antisemit war[78], dass sich bei einer Umfrage unter palästinensischen Arabern aus dem Jahr 1941 88 Prozent für Hitlers Deutschland aussprachen[79], dass es der Terror der Bewegung al-Husseinis war, der die Briten 1939 zum „Weißbuch“-Kurs der weitgehenden Schließung der Tore Palästinas für vor dem NS flüchtende Juden veranlasste, und dass der Antisemitismus noch heute ein prägendes Element der palästinensischen Gesellschaft ist[80], wird hier völlig ignoriert.

Soll der Holocaust/Antisemitismus also nichts mit dem aktiven Verhalten der Palästinenser zu tun haben, so soll er aber doch andererseits, wenn es um sie als Opfer geht, plötzlich wieder zählen. Daher muss die Nakba „part of Erinnerungskultur“ werden: Grundlage dieses ganzen Punktes ist der Topos von den Palästinensern als ‚Opfern der Opfer des Holocaust‘, der schon von Said in The Question of Palestine bemüht wurde – bereits 1979 beschwerte er sich darüber, dass durch den Zionismus und die Gründung Israels die Begleichung der Schuld Europas am Antisemitismus den Palästinensern aufgebürdet werde.[81] Dieser Gedanke wiederholt sich in der Behauptung der deutschen postkolonialen Erinnerungskulturprotagonisten, man müsse „die Vertreibung der Palästinenser auch als indirekte Folge des Holocausts sehen“ und die Deutschen hätten „auch dafür eine Mitverantwortung“[82]. Der Opfer-der-Opfer-Topos, der die Grundlage für Verflechtungstheorien bezüglich Holocaust und Nakba ist, enthebt die arabischen Akteure der Jahre 1947/48 damit einmal mehr ihrer Eigenverantwortung. Er blendet vor allem aus, dass die ‚Nakba‘ mit dem sich anschließenden Flüchtlingsproblem das Resultat eines verlorenen arabischen Angriffskrieges gegen den Jischuw war.[83] Im deutschen Kontext schwingt dabei auch noch eine neokoloniale Täterstolz-Attitüde, eine „white man’s burden […] of guilt“[84], mit, die vornehmlich Deutsche als Subjekte des historischen Prozesses kennt.

3. Resümee

Es sei am Ende dieser Skizze nochmals darauf hingewiesen, dass wir es bei den erwähnten Positionen nicht mit Einzelfällen zu tun haben, sondern mit strukturell im postkolonialen Denken angelegten Mustern, die von prominenten Vertretern propagiert werden – was nicht bedeutet, dass jeder Wissenschaftler, der sich postkolonialer Argumente bedient, automatisch in diesem antiliberalen und antizionistischen Sumpf versinkt. Im Gegenteil: Einzelne postkolonialtheoretische Motive können durchaus sinnvoll sein, um Kolonialismus zu verstehen. Postkoloniale Theorie als „Wissensregime“[85], d.h. als institutionalisiertes und zur aktivistischen Weltanschauung erstarrtes Aussagensystem mit Machtwirkungen, ist hingegen wissenschaftlich verfehlt und politisch gefährlich.

Es ist die selektive Kontextualisierung bzw. der „doppelte Standard“[86] hinsichtlich der Darstellung von Massengewalt und Herrschaft, der in Form eines negativen Eurozentrismus die menschenfeindlichen Ideologien, Kriege, Massenmorde und Regime indigener oder nichtwestlicher Akteure weitgehend ausspart, verharmlost oder gar als verzweifelte Reaktion auf westliche Aggression rechtfertigt, während der Westen und Israel als Inbegriff des kolonialen Unrechts erscheinen, das zudem zur Ursünde aller Übel der Gegenwart stilisiert wird. Dabei werden häufig antisemitismuskompatible okzidentalistische Essentialismen etabliert: spirituelle, naturschonende, gemeinschaftsorientierte und friedliche Indigene vs. kulturzerstörender, materialistischer, hyperrationaler, habgieriger Westen.

Nicht minder gefährlich sind die zum Teil bei denselben Postcolonials vorkommenden humanistisch drapierten Phantasien eines erlösungsantizionistischen Pseudo-Multikulturalismus, die vollständig von den historischen und aktuellen politischen Realitäten abstrahieren und im Falle Israels nahelegen, dessen Untergang als jüdischer Staat würde alle nennenswerten Konflikte (nicht nur) des Nahen Ostens lösen. Das Schicksal der Juden in der islamischen Welt bis ins 20. Jahrhundert, der ethnozentrische Hass arabischer Führer gegen ein als Fremdkörper in einer angeblich homogenen arabischen Welt tituliertes Israel, die Flucht und Vertreibung hunderttausender Juden aus muslimischen Ländern und die katastrophale Situation von Minderheiten in den meisten islamischen Dominanzgesellschaften[87] sollten als Argumente dafür genügen, dass die Verwirklichung solcher Phantasien de facto das Ende jüdischen Lebens im Nahen Osten bedeuten würde. Dass Juden in einem ‚entzionisierten‘ Palästina zur Minderheit mit einem prekären Status würden, vermutete auch Edward Said. Das Schicksal der Juden in dieser Zukunft bereite ihm gar „Sorgen“. An seiner Forderung einer solchen Zukunft änderte das allerdings nichts.[88]

Eine auch nur annähernde Bereitschaft des postkolonialen Macht-‚Wissens‘-Regimes, sich für die Kritik an den eigenen Theoriemustern zu öffnen, ist leider nicht erkennbar. Im Gegenteil, die Apologetiken seit dem 7. Oktober 2023 sprechen eine Sprache des Verleugnens, Verharmlosens und Verzerrens, oft auch der lediglich unfreiwilligen Bestätigung der Kritik durch Reproduktion der kritisierten Annahmen.[89]

Der Beitrag wurde zuerst im Archiv für kritische Gesellschaftstheorie der Gesellschaft für kritische Bildung veröffentlicht.

Anmerkungen:

  1. Dieser Text beruht weitgehend auf bereits publizierten Aufsätzen und Artikeln. Eine stark gekürzte Version erscheint demnächst in einem Sammelband der Konrad Adenauer Stiftung.
  2. Vgl. Harvard Caps Harris Poll June 2025 (https://harvardharrispoll.com/wp-content/uploads/2025/06/HHP_June2025_KeyResults.pdf), S. 64. Im Oktober/November 2023 waren es 48% bzw. 45%. Die Verhältnisse sind auch in vielen anderen westlichen Staaten nicht besser. Die USA sollen hier nur als Beispiel dienen.
  3. Vgl. 7 October Parliamentary Commission Report Chaired by Lord Roberts of Belgravia (2025) (https://www.7octparliamentarycommission.co.uk/), S. 32f.
  4. Olivia Land: „Banned Columbia anti-Israel camp …“, 27.4.2024: https://nypost.com/2024/04/27/us-news/banned-columbia-anti-israel-ringleader-khymani-james-wanted-to-work-for-aoc/ (zuletzt aufgerufen am 10.9.2024; eigene Übers.).
  5. Vgl. Rana Ayyub on X (19.4.2024), https://x.com/RanaAyyub/status/1781364397421580636?t=DLvMYl87G9cTEY4UNGuh5g&s=35. (Eigene Übers.)
  6. Vgl. ausführlich: Ingo Elbe, Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der „Progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung, 3. Aufl., Berlin 2025.
  7. Wege, die Apologeten wie Sebastian Conrad ignorieren. Er behauptet gar, der „Versuch, eine inhärente Verbindung“ zwischen postkolonialer Theorie und Antisemitismus „nachzuweisen, wird jedoch gar nicht erst unternommen.“ (Sebastian Conrad, Postkoloniale Theorie und Antisemitismus. In: Merkur 9/2025, S. 25).
  8. Tomer Dekel, A Contextless Context: Postcolonial Studies and Terrorism in Israel and Gaza, in: Israel Studies, Vol. 29, No. 2, Summer 2024, S. 179 (eigene Übers.).
  9. Vgl. Edward Said, Orientalismus, 5. Aufl. Frankfurt/M. 2017, S. 33, 233f., 312f.
  10. Doris Bühler-Niederberger, Kinder in Palästina: „Nie hat mich ein Thema so erschüttert“. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1194509.israel-und-palaestina-kinder-in-palaestina-nie-hat-mich-ein-thema-so-erschuettert.html.
  11. Dekel, A Contextless Context, a.a.O., S. 179. Er konstatiert, dass die Worte ‚Bombe‘, ‚Terror‘ oder ‚Raketen‘ meist verwendet werden, um israelische Gewalt gegen Palästinenser, selten bis gar nicht allerdings, um palästinensische Gewalt gegen Israelis zu beschreiben. Begriffe wie ‚Dschihad‘ oder ‚Iran‘ als ideologische und geopolitische Kontexte des Konflikts kämen gar nicht vor. Häufig würden die o.g. Begriffe als bloßer Teil eines manipulativen israelischen Diskurses gedeutet, der Gaza illegitim als terroristisches oder feindliches Territorium konstruiere.
  12. Jürgen Osterhammel, Edward W. Said und die „Orientalismus“-Debatte. Ein Rückblick. In: asien afrika lateinamerika 25/1997, S. 603.
  13. Zum Begriff des Okzidentalismus vgl. Ian Buruma/Avishai Margalit, Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München/Wien 2005. Diese essentialistische Verdammung des Westens, die sich beim Nestor der Postcolonial Studies Edward Said findet, wurde schon früh kritisiert, vgl. als Überblick Joshua Teitelbaum/Meir Litvak, Edward Said und seine Schüler. Eine Bestandsaufnahme des ‚Orientalismus‘. In: I. Elbe/K. Henkelmann/A. Stahl u.a. (Hrsg.), Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik, Berlin. Zum Okzidentalismus gegen Israel vgl. Johannes Becke, Towards a De-Occidentalist Perspective on Israel: The Case of the Occupation. In: Journal of Israeli History. Volume 33, Issue 1/2014,
  14. Vgl. Edward Said, Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung, Stuttgart 1981, S. 15, 21, 23, 36.
  15. Ebd., S. 23.
  16. Walter Mignolo, The Darker Side of Modernity. Global Futures, Decolonial Options, Durham/London 2011, S. 321 (eigene Übers.).
  17. Das bedeutet nicht, dass es (vom rechten ganz abgesehen) davon unabhängig nicht schon einen genuin linken antiimperialistischen oder postkolonialen Antisemitismus in westlichen Diskursen gäbe.
  18. Achille Mbembe, On Palestine. Apartheid Israel: The Politics of an Analogy. An Ebook by Africa is a Country (2015). https://africaisacountry.atavist.com/apartheidanalogy (letzter Zugriff: 30.3.21), S. viii (eigene Übers.).
  19. Achille Mbembe, Nekropolitik. In: M. Pieper u.a. (Hg.), Biopolitik – in der Debatte, Wiesbaden 2011, S. 77, 89.
  20. Achille Mbembe, Politik der Feindschaft. 2. Aufl., Berlin, S. 83.
  21. Vgl. Achille Mbembe, Postkolonie. Zur politischen Vorstellungskraft im gegenwärtigen Afrika, Wien, 2016, S. 229 sowie Mbembe, Nekropolitik, a.a.O., S. 77.
  22. Etienne Balibar u.a., Guerre Israël-Hamas : „Nous appelons le président Macron à réclamer sans délai le cessez-le-feu“. In: https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/11/09/guerre-israel-hamas-nous-appelons-le-president-macron-a-reclamer-sans-delai-le-cessez-le-feu61991963232.html (letzter Zugriff: 11.11.23).
  23. Dunja Ramadan, Der Störenfried der Region. https://www.spiegel.de/ausland/israel-greift-in-katar-an-der-stoerenfried-der-region-a-a23ba3b1-4ab8-4a79-946a-4e50561329e2 ((letzter Zugriff: 19.11.25).
  24. Vgl. Lesley Klaff, Holocaust Inversion and contemporary antisemitism (2014). https://fathomjournal.org/holocaust-inversion-and-contemporary-antisemitism/ (eigene Übersetzung) (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  25. Vgl. Said, Orientalismus, a.a.O., S. 328f.
  26. So Enzo Traverso, Das Ende jüdischen Moderne. Geschichte einer konservativen Wende, Hamburg 2017, S. 11.
  27. Vgl. ebd., S. 31 sowie Abigail B. Bakan, Race, Class, and Colonialism: Reconsidering the ‘Jewish Question’.In: Dies./D. Enakshi (Hg.), Theorizing Anti-Racism: Linkages in Marxism and Critical Race Theories, Toronto 2014.
  28. Christian Thein, Konstellationen und Transformationen: Zwischen alter und neuer Kritischer Theorie, Weinheim 2025, S. 222.
  29. Vgl. Michael Rothberg, Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung. Bonn 2021.
  30. So, wenn Said sich z.B. als letzten jüdischen Intellektuellen bezeichnet, vgl. Edward Said, „My Right of Return“. Interview with Ari Shavit, in: Haaretz Weekend Supplement (8.8.2000).
  31. Judith Butler, Am Scheideweg. Judentum und die Kritik am Zionismus. Frankfurt/M., S. 25.
  32. Bruno Chaouat, Is Theory Good for the Jews? French Thought and the Challenge of the New Antisemitism, Liverpool 2020, S. xix.
  33. Vgl. Alain Badiou, Polemics, London 2011, S. 168f.
  34. Vgl. dazu u.a. Danny Orbach/Jonathan Boxman/Yagil Henkin/Jonathan Braverman: Debunking the Genocide Allegations: A Reexamination of the Israel-Hamas War from October 7, 2023 to June 1, 2025 (September 2025). https://besacenter.org/debunking-the-genocide-allegationsa-reexamination-of-the-israel-hamas-war-2023-2025/ (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  35. Vgl. dazu Norman Goda, The Genocide Libel: How the World Has Charged Israel with Genocide (2025). https://isca.indiana.edu/documents/ISCA%20research%20papers/isca-paper-2025-3-goda.pdf sowie Daniel Szeftel, From Johns Hopkins to Beirut, and from Beirut to Columbia: a history of the ‘settler colonialism’ charge. (2025) https://fathomjournal.org/from-johns-hopkins-to-beirut-and-from-beirut-to-columbia-a-history-of-the-settler-colonialism-charge/ (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  36. Vgl. zu den innerarabischen Konflikten in Palästina: Hillel Cohen, Army of Shadows: Palestinian Collaboration with Zionism 1917-1948, Berkeley 2008.
  37. Dass arabische Pächter der ehemaligen Großgrundbesitzer, die nach dem Verkauf und einer Abfindung das Land nicht freiwillig verlassen wollten, dabei teilweise auch vertrieben wurden, ist kein Geheimnis (vgl. Benny Morris, Righteous Victims. A History of the Zionist-Arab Conflict 1881-2001, New York 2001, S. 37-38, 55). Umfangreichere Konfiszierungen arabischer Häuser und Ländereien fanden erst als Konsequenz der panarabischen Invasion 1948 statt (vgl. Benny Morris, 1948. Der erste arabisch-israelische Krieg, Leipzig 2023, S. 408-414).
  38. Vgl. Benny Morris, Explaining Transfer: Zionistisches Denken und der Ursprung des palästinensischen Flüchtlingsproblems (14. Mai 2023). In: https://www.mena-watch.com/zionistisches-denken-und-bevoelkerungstransfer/ (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  39. Zur Kritik am Kolonialismusvorwurf vgl. u.a. Avi Bareli, Forgetting Europe. Perspectives on the Debate about Zionism and Colonialism. In: Journal of Israeli History 20:2 (2001), S. 99-120; Alexander Yakobson/Amnon Rubinstein, Israel and the Family of Nations. The Jewish nation-state and human rights, New York 2010; Balázs Berkovits, Israel als weißer kolonialer Siedlerstaat in der aktivistischen Sozialwissenschaft. In: Ingo Elbe/Andreas Stahl u.a. (Hg.): Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik, Berlin 2022, S. 520-551; Tuvia Friling, What Do Those Who Claim Zionism Is Colonialism Overlook?, in: Eliezer Ben-Rafael/Julius H. Schoeps et al (Hrsg.), Handbook of Israel: Major Debates, Berlin/Boston 2016, S. 848-872; Philipp Lenhard, ‘Go Back to Poland!‘ Der Zionismus, Palästina und das Paradigma des Siedlerkolonialismus. In: Historische Zeitschrift, Band 319, Heft 3/2024, S. 585-600; Adam Kirsch, Siedlerkolonialismus. Gewalt, Ideologie und Gerechtigkeit, Berlin 2025.
  40. Vgl. dazu Johannes Becke, Towards a De-Occidentalist Perspective on Israel, a.a.O.; Florian Markl, Besetzt – umstritten – annektiert? Jüdische Präsenz im Westjordanland. Völkerrechtliche Analyse (29. September 2020). In: https://www.mena-watch.com/mena-watch-wissen-volkerrechtliche-analyse/ (letzter Zugriff: 19.11.2025).
  41. Vgl. David Labude, Nachkriegsdiplomatie, in: DIG (Hrsg.): Der Sechstagekrieg. Ursachen. Verlauf, Folgen (1. Mai 2017), in: https://www.deutsch-israelische-gesellschaft.de (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  42. Vgl. Patrick Wolfe, Settler colonialism and the elimination of the native. In: Journal of Genocide Research, 8:4 (2006), S. 388.
  43. Vgl. Lorenzo Veracini, Settler Colonialism: A Theoretical Overview, London 2010, S. 33-52.
  44. Lorenzo Veracini, Israel-Palestine Through a Settler-Colonial Studies Lense. In: Interventions. International Journal of Postcolonial Studies 19.11.2018, S. 10. Zur Kritik am wirren und logisch widersprüchlichen Text Veracinis vgl. Elbe, Antisemitismus und postkoloniale Theorie, S. 192-197.
  45. Lorenzo Veracini, The Settler Colonial Present, London 2015, S. 71 (eigene Übers.).
  46. Wolfe, Settler Colonialism, a.a.O., S. 402.
  47. Ebd., S. 403.
  48. Wenn Günther Haller schreibt: „Der Staat Israel wurde ohne Zustimmung der bereits dort lebenden Menschen gegründet“ (Was hat Israel mit „Siedlerkolonialismus“ zu tun? In: Die Presse am Sonntag, 28.9.2025, S. 47), dann fragt man sich, welcher Staat denn jemals mit der Zustimmung der „bereits dort lebenden Menschen gegründet“ wurde? Zum einen ignoriert Haller, dass nicht bloß dem Zionismus feindlich gegenüberstehende Juden und Araber „bereits dort lebten“. Zum anderen hätte auch ein von Mohammed Amin al-Husseini im Jahr 1948 gegründeter arabisch-palästinensischer Staat bei einem signifikanten Teil der arabischen Bevölkerung keine Zustimmung erfahren, war dieser Teil doch noch vom innerarabischen Terror der al-Husseini-Schergen aus dem sog. arabischen Aufstand traumatisiert (vgl. dazu ausführlich: Hillel Cohen, Army of Shadows). Man merkt, wie die antikolonialen Kategorien per se zu obskursten Homogenisierungen und Pauschalisierungen führen.
  49. Vgl. am Beispiel von ethnologischen Museen: Matthias Brodkorb, Postkoloniale Mythen. Auf den Spuren eines modischen Narrativs, Springe 2025.
  50. Matthew Bolton, The Meaning of Genocide, in: https://k-larevue.com/en/the-meaning-of-genocide/ (5.6.2025) (eigene Übers.) (letzter Zugriff: 31.10.2025). Ähnlich: Balázs Berkovits, Israel als weißer, siedlerkolonialistischer Staat, a.a.O.
  51. Ramón Grosfoguel, Human Rights and Anti-Semitism after GAZA. In: Human Architecture 7/2, 2009, S. 93.
  52. Vgl. ebd., S. 95.
  53. Adolf Hitler, Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, 851.–855. Aufl., München 1943, S. 69f. (Herv. im Original).
  54. Ramón Grosfoguel: Gaza: The Warsaw Ghetto of the 21st Century. In: https://www.ihrc.org.uk/gaza-the-warsaw-ghetto-of-the-21st-century/ (1.2.2024) (eigene Übers.).
  55. Zitiert nach Steven Emerson: „ISNA Convention Uses Shame, Fear to Stir Radical Agenda“. In: https://www.algemeiner.com/2018/09/04/isna-convention-uses-shame-fear-to-stir-radical-agenda/ (4.9.2018) (letzter Zugriff: 19.11.2025).
  56. Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 16. Aufl., Frankfurt a. M. 2017, S. 72, 39.
  57. Lorenzo Veracini, Decolonizing Settler Colonialism: Kill the Settler in Him and Save the Man. In: American Indian Culture And Research Journal 41:1/2017, S. 2.
  58. West, der von Jens Balzer zu einem der „bedeutendsten Vertreter“ der von ihm (im Gegensatz zum „aktivistischen Milieu“) als seriöse „akademische Disziplin“ verstandenen postkolonialen Theorie stilisiert wird (vgl. Jens Balzer, After Woke, Berlin 2024, S. 43f.), nennt Bouteldjas Buch in einem euphorischen Vorwort „a courageous and controversial act of revolutionary love” (West in Houria Bouteldja, Whites, Jews, and Us. Towards a Politics of Revolutionary Love, Cambridge Mass./London 2016, S. 7).
  59. Houria Bouteldja, Whites, Jews, and Us, a.a.O., S. 22 (eigene Übers.).
  60. Said, Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung, a.a.O., S. 167.
  61. Eve Tuck/K. Wayne Yang, Decolonization is not a metaphor. In: Decolonization: Indigeneity, Education & Society 1/1 (2012), S. 7 und 35f. (eigene Übers.).
  62. Ebd., S. 10.
  63. Camila Bassi, „Dekolonisierung“ ist nach dem 7. Oktober keine Metapher mehr. In: V.S. Vukadinović (Hg.), Siebter Oktober Dreiundzwanzig. Antizionismus und Identitätspolitik, Berlin 2014, S. 67.
  64. Bolton, Genocide, a.a.O. (eigene Übers.).
  65. Joseph Massad, Just another battle or the Palestinian war of liberation? https://electronicintifada.net/content/just-another-battle-or-palestinian-war-liberation/38661 (8.10.2023) (eigene Übers.) (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  66. Jodi Dean: „Palestine speaks for everyone“. https://www.versobooks.com/blogs/news/palestine-speaks-for-everyone (9.4.2024) (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  67. Vgl. Ramón Grosfoguel, Die Dekolonisation der politischen Ökonomie und der postkolonialen Studien: Transmoderne. Grenzdenken und globale Kolonialität, in: M. Boatca/W. Spohn (Hrsg.): Globale, multiple und postkoloniale Modernen, München 2010, S. 309-338.
  68. Zit. nach Samuel Salzborn, Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne, Weinheim 2018, S. 111.
  69. Vgl. Judith Butler, Gefährdetes Leben. Politische Essays, 2. Aufl. Frankfurt/M. 2009, S. 168.
  70. Susan Buck-Morss, Thinking Past Terror. Islamism and Critical Theory on the Left, New York 2003, S. 48 (eigene Übers.).
  71. Ebd., S. 46 (eigene Übers.).
  72. Ebd., S. 99 (eigene Übers.).
  73. Anna Momigliano: „Well-known Italian philosopher: ,I’d Like to Shoot Those Bastard Zionists‘“, https://www.haaretz.com/2014-07-23/ty-article/.premium/id-like-to-shoot-those-bastard-zionists/0000017f-dc77-d3ff-a7ff-fdf784760000 (23. Juli 2014) (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  74. Walter Mignolo, Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität, Wien 2019, S. 70f.
  75. Grosfoguel, Gaza: The Warsaw Ghetto of the 21st Century, a.a.O.
  76. Alain Badiou, Polemics, a.a.O., S. 214 (eigene Übers.).
  77. Ebd.
  78. Vgl. Klaus Gensicke, Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten. Eine politische Biographie Amin el-Husseinis, Darmstadt 2007, v.a. Kap. 5 sowie Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina, 3. Aufl., Darmstadt 2011. Zur Kritik der islamwissenschaftlichen und arabistischen Apologetik in der Frage der NS-Kollaboration von Arabern vgl. instruktiv Karl Rössel, Treueschwüre für die Nazis – Kollaborateure in der Dritten Welt. In: iz3w, Nr. 312/2009 (https://3www2.de/publikationen/iz3w-themenheft/iz3w-themenheft-kollaboration/) (letzter Zugriff: 26.11.2025) sowie Karl Rössel, Auf der Suche nach Relativierungen. Eine Antwort auf Réne Wildangels Replik zum Themenschwerpunkt „Nazi-Kollaborateure“. In: iz3w, Nr. 314/2009.
  79. Vgl. Hillel Cohen, Army of Shadows, a.a.O., S. 175.
  80. Vgl. u.a. die neueste Umfrage der Anti-Defamation League (https://atlas.adl.org/#/palestine), der zufolge 2024 97% der Befragten 6 von 11 offen antisemitischen Statements zustimmten (2014: 93%). Zu den Schulbüchern der palästinensischen Autonomiebehörde vgl. Florian Markl, Erziehung zum Hass. Eine Analyse palästinensischer Schulbücher. https://www.mena-watch.com/wp-content/uploads/2022/09/erziehung-zum-hass-palaestinensische-schulbuecher-dossier.pdf (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  81. Vgl. Said, Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung, a.a.O., S. 12f., 16, 23, 81. Die UN-Teilungsresolution 181 kann aber nicht nur als Reaktion des Westens (und kurzzeitig auch der Sowjetunion) auf die Leiden des Holocaust, sondern auch als „Wiedergutmachung der Menschheit für 2000 Jahre Demütigung und – sowohl christliche als auch islamische – Verfolgung der Juden“ begriffen werden (Benny Morris, 1948. Der erste arabisch-israelische Krieg, a.a.O., S. 107). Insofern würden Muslime, wenn man schon im Saidschen Duktus verbleiben will, mit der Gründung des Staates Israel nicht bloß eine fremde Schuld begleichen. Die Staatsgründung Israels erhielt zudem aufgrund der Shoah zwar breite internationale Legitimität, Israel wäre aber wahrscheinlich auch ohne den Holocaust gegründet worden, denn es waren die zionistischen Juden, die das Staatsgründungsprojekt seit Jahrzehnten konsequent verfolgten. Zudem mussten sie sich auch nach der Teilungsresolution das von der UNO für einen israelischen Staat vorgesehene Gebiet mit hohem Blutzoll erkämpfen, nicht nur buchstäblich gegen arabische Milizen und Invasionsarmeen, sondern auch symbolisch gegen schon damals virulente Feuerpausen- und Waffenstillstandsdiskurse, die ein Ende des jüdischen Staates bedeutet hätten.
  82. Aleida Assmann, „Kaum jemand ist gern deutsch“. https://www.spiegel.de/geschichte/deutschsein-ist-vielfaeltig-und-verschieden-interpretierbar-a-96fce176-d20b-4374-93b5-2f75ad6890da (letzter Zugriff: 31.10.2025).
  83. Wenn Efraim Karsh in diesem Zusammenhang von der „Nakba“ als einer „Self-Inflicted Catastrophe“ (Palestine Betrayed, London 2011, S. 230) spricht, leugnet er keineswegs, dass Araber auch unschuldige Opfer in Gestalt von Flucht und Vertreibung wurden. Er bezieht dies vielmehr auf die politischen Entscheidungsträger der palästinensischen Nationalbewegung (und der arabischen Staaten), die ihr Volk in die „Katastrophe“ geführt hätten. Geradezu prophetisch, meint Hillel Cohen (Army of Shadows, a.a.O., S. 30), sei Muhammad Tawils Warnung vom Beginn der 1930er Jahre gewesen, die unversöhnliche und militante Ablehnung des Zionismus durch Mohammed Amin al-Husseini werde zur Niederlage und zum Verlust Palästinas für die Araber führen.
  84. Bernard Lewis, Race and Slavery in the Middle East. An Historical Enquiry, New York/Oxford 1992, S. 102.
  85. Monika Albrecht, Erinnerungspolitische Transformationen und koloniale Gewalt. Aus der Perspektive von Critical Post-Colonial Studies. In: A. Dunker u.a. (Hg.), Postkoloniale Germanistik und Konflikte im globalen Kontext. Herausforderungen, Möglichkeiten und Ausblick im 21. Jahrhundert, Berlin 2023, S. 136.
  86. Vgl. ebd., S. 145.
  87. Vgl. dazu Yakobson/Rubinstein, Israel and the Family of Nations, a.a.O., S. 44-55, Nathan Weinstock, Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor: 1947-1967. Freiburg i.Br. 2019 sowie Ruud Koopmans, Das verfallene Haus des Islam, München 2019.
  88. Wie man einem vielsagenden Interview aus dem Jahr 2000 entnehmen kann: Edward Said, My Right of Return, a.a.O.
  89. Einige Kritikpunkte an diesen Apologetiken finden sich bei Monika Albrecht/Ingo Elbe, Postkolonialismus-Apologetik nach dem 7. Oktober. Eine kritische Analyse. https://www.youtube.com/watch?v=DU306nDDbG0 (Januar 2025) (letzter Zugriff: 31.10.2025).