„Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft“

Peter Finkelgruen wird 80.

Von Roland Kaufhold

„Der Gedanke, es nicht zu tun, überfällt mich immer wieder. Mich nicht darauf einzulassen. Mir zu sagen, damit hast du nichts zu tun. Mich zu verkriechen. Mein Wissen zu verbannen. Das Stück herauszuschneiden, in dem der Film – wie ein Mensch in auf einem alten Mann herumtrampelt – immer wieder abläuft. (…) Dachte er an seine Kinder? An Dora, die mit der zionistischen Jugend nach Palästina gegangen war?“ (Finkelgruen 1993, S. 44-47)
Peter Finkelgruen über seinen 1942 von Malloth ermordeten Großvater Martin Finkelgruen.

Am 9.3. wird der jüdische Schriftsteller und Journalist Peter Finkelgruen 80 Jahre alt. Vor zehn Jahren hatten wir schon einmal einen Themenschwerpunkt zu Finkelgruen erstellt (Kaufhold 2012a). Hierin findet sich auch eine umfangreiche biografische Studie über Finkelgruens verwirrende, nur schwer nachvollziehbare Familiengeschichte (Kaufhold (2012b).

In diesem neuen Themenschwerpunkt zu Peter Finkelgruen, anlässlich seines 80 Geburtstages, gehe ich mit einzelnen Lebens-Studien noch einmal weit zurück in die Geschichte: In die deutsche Geschichte wie auch in die Geschichte eines in Shanghai geborenen Juden: Peter Finkelgruen wuchs in Shanghai, Prag und Israel auf. Dann wurde er, familiär betrachtet, zum „Rückkehrer“: Mit 17 Jahren, 1959, war er mit seiner Großmutter Anna nach Deutschland „zurück“ gekehrt. Damit war Finkelgruen eine absolute Ausnahme.

Und ein Rückkehrer war Finkelgruen natürlich nicht: Er wurde am 9.3.1942 in Shanghai geboren. Deutschland war ihm ein absolut fremdes, angsteinflößendes, nazistisches Land. Es war ein Land, das seine in Bamberg aufgewachsene jüdische Familie ausgestoßen, zum Teil ermordet hatte. Deutschland war die Todesdrohung.

Finkelgruens am 25.5.1908 in Bamberg geborene Vater Hans Leo, ein Jurist und hoch gebildeter Sprachkünstler, hatte auf höchst abenteuerlichen Wegen in dem einzigen Ort der Welt Zuflucht gefunden, in den Juden Ende der 1930er Jahre noch fliehen konnten: In Shanghai. Kurz danach holte er seine Frau Esti nach.

Die Fluchtstationen der Familie Finkelgruen

„Jeder floh in eine andere Richtung. Jeder floh zu dem Zeitpunkt, den er für richtig hielt. Die Flucht meines Vaters hatte sehr früh begonnen“ schreibt Finkelgruen (1992) in Haus Deutschland.

Finkelgruens am 5.5.1876 in Berlin geborener Großvater Martin Finkelgruen betrieb bis 1935 in Bamberg das Textilwarengeschäft „S. Levy & Co.“ Nach einer Zwangsversteigerung zog der Kaufmann von Bamberg nach Berlin. Sein am 25.5.1908 in Bamberg geborener Sohn Hans lebte im September 1937 in Bamberg, am 3.10.37 in Berlin, am 14.8.38 in Pystianin  (Slowakei) und am 22.9.38 in Prag.

Im Juni 1938 hatte sich Hans „illegal“ in Paris aufgehalten, in seinem Pass finden sich keine Einreisestempel. Er suchte verzweifelt nach Möglichkeiten der Emigration. Dabei wurde er von einem Nazi-Spitzel denunziert: Am  11.6.1938 wurde in der Konsularabteilung der deutschen Botschaft in Paris ein Bericht über den jüdischen Flüchtling Hans Finkelgruen verfasst: Dieser habe in Paris „Emigranten- und deutschfeindliche Zeitungen“ gelesen und Deutschland bereits verlassen. Er wolle eine Arierin aus Bamberg heiraten.

Am 14.9.1938 heiratete der Jurist Hans, die existentielle Gefahr spürend, in Karlsbad Esti. Die Chancen einer gemeinsamen Emigration wurden hierdurch erhöht. Auf der vom Berliner Standesamt beglaubigten Heiratsurkunde prangte ein mit Hakenkreuz verzierter Stempel (Finkelgruen 1992, S. 82). Nach dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ war der „Arierin“ Esti – Ernestine Marie Bartl (geb. 1.7.1913 zu Karwin) – , die eine tschechoslowakische Staatsangehörigkeit besaß, eigentlich die Heirat mit einem Juden untersagt. Der Jurist Hans Finkelgruen erkannte die Gesetzeslücke: Wegen Estis Passes galt das Nazi-Ariergesetz für sie nicht. Unmittelbar nach ihrer Heirat marschierten die Deutschen in Prag ein.

Gleichfalls im September 1938 war Hans fünf Jahre jüngere, am 20.8.1913 in Bamberg geborene Schwester Dora Fanny Finkelgruen (später: Schaal) nach Hachschara auf der Löhnberger Hütte (Hessen) mit ihrem späteren Ehemann Gerhard von Bamberg nach Palästina emigriert.[1] Doras Vater Martin sah diesen aus zionistischen Motiven gefassten Entschluss anfangs mit Skepsis, wie man den familiären Briefen zu entnehmen vermag.

Im September 1938 emigrieren Hans und Esti aus Bamberg nach Prag. Im Oktober 1938 emigriert ihr gemeinsamer jüdischer Jugendfreund Herbert Ashe von Bamberg nach New York. Über ein Jahrzehnt lang war Ashe der nahezu einzige Briefkontakt von Hans und Esti in die Welt, insbesondere während ihres Überlebenskampfes in Shanghai. Ashe unterstützte Hans und Esti regelmäßig moralisch durch Briefe und ökonomisch durch Paketsendungen mit Lebensmitteln. Sein Versuch, mit ihrem winzigen Laden in Shanghai von den USA aus in eine Geschäftsbeziehung zu treten, misslang.

Am 3.10.1938 verkündete Hitler, dass die Tschechei nicht mehr als eigenständiger Staat existiere. Ende 1938/Anfang 1939 flohen der Jude Martin Finkelgruen und Anna Bartl (Estis Mutter) von Karlsbad nach Prag. Drei Monate später, am 15.3.1939, besetzte die Deutsche Wehrmacht auch Prag und den Rest des verbliebenen Staatsgebiete der Tschechoslowakischen Republik. Nun waren alle jüdischen deutschen Emigranten erneut existentiell bedroht. 

Drei Jahre lang versteckte Anna Bartl, die keine Jüdin war, ihren jüdischen Lebensgefährten Martin in Prag, bis sie denunziert und im Dezember 1942 festgenommen wurden. Martin Finkelgruen wurde direkt danach, am 10.12.1942, in der Kleinen Festung Theresienstadt von Malloth totgetreten. Von der Geburt seines Enkels Peter neun Monate zuvor in Shanghai dürfte er nichts gewusst haben. Bela Krausová, die Freundin Anna Bartls während ihrer gemeinsamen KZ-Haftzeit in Ravensbrück und Peter Finkelgruens spätere gewählte Wahl-Tante in den Prager Jahren (1946 – 1951), bestätigte diesen Mord im Oktober 1989 gegenüber Peter Finkelgruen. Sie legte diese Zeugenaussage auch schriftlich nieder (Finkelgruen 1992, S. 13-25, Finkelgruen 2020).

Die am 5.9.1891 in Rosenau bei Kronstadt geborene Anna Bartl wurde in drei verschiedenen Konzentrationslagern festgehalten, überlebte den Todesmarsch kurz vor der Befreiung der deutschen Konzentrationslager und kehrte 1945, 54-jährig und schwer geschädigt, nach Prag zurück. In einem Brief vom 25.5.1946 gelang es ihr von Prag aus, Kontakt  zu ihrer Tochter Esti in Shanghai herzustellen.[2] Wenn dieser Brief Esti nicht erreicht hätte wären Esti, Peter und Anna nicht 1946 in Prag wieder zusammen gekommen. Dann wäre Esti mit ihrem vierjährigen Sohn Peter zu Herbert Brahm – den sie am 21.9.1946 in Shanghai geheiratet hatte – nach Peru gereist, und Peter Finkelgruen wäre Peruaner geworden (vgl. Kaufhold 2020b).

Nach der Besetzung Prags im März 1939 suchten auch Hans und Esti verzweifelt nach Fluchtwegen raus aus Prag. Hans entfaltete (vgl. Finkelgruen 1992, 1999), wie in der in diesem Themenschwerpunkt publizierten Studie von Kaufhold zu der Briefkorrespondenz der Finkelgruens im Detail nachvollzogen werden kann, immer neue Fluchtpläne. Als alle Fluchtpläne in ein westliches demokratisches Land scheiterten hörte er vom Zufluchtsort Shanghai. Alle demokratischen westlichen Staaten hatten ihre Tore für die jüdischen Flüchtlinge verschlossen. Mit ihnen wollten sie sich nicht belasten, das jüdische Schicksal, die jüdische Tragödie war ihnen gleichgültig, berührte nicht ihr Herz. Selbst die deutschen Bahngleise hin zu den Vernichtungsstätten von Auschwitz bombardierten weder die Amerikaner noch die  Russen; ab 1942 hatten sie von jüdischen Kurieren der Widerstandes das gesicherte Wissen, dass die deutschen Nazis in den besetzten Gebieten im Osten Millionen von Juden vernichten würden und damit bereits begonnen. Das ferne Shanghai war die letzte Chance, der Ermordung zu entgehen.

Hans beschloss, sich irgendwie von Prag aus über Moskau und Tokyo nach Shanghai durchzuschlagen. Den gefährlichen Fluchtweg wollte er allein unternehmen. Nach seiner Ankunft in Shanghai wollte er Esti nachholen. Am 18.2.1940 verließ Hans Prag, am 6.3. war er als Zwischenstation in Moskau, am 24.4. in Tokyo, am 21.5.1940 kam er in Shanghai an.

Ein halbes Jahr später, am 27.11.1940, gelang auch Esti die Flucht nach Shanghai. Am 9.3.1942 bekamen sie ihren Sohn Peter im Shanghaier Exil, ihre Überlebenshoffnung muss groß gewesen sein. 16 Monate später, am 29.7.1943, verstarb der Jude Hans Leo Finkelgruen infolge unzureichender ärztlicher Versorgung in Shanghai.

Auf Spurensuche in Shanghai

Anna Bartl, dies sei noch nachgetragen, wusste während ihrer dreijährigen KZ-Haft nichts vom Schicksal ihrer Tochter Esti. In einem Brief vom November 1944 aus dem KZ Ravensbrück schrieb sie an Bela Krausova, „daß sie von ihren Kindern keine Nachricht habe“ (Finkelgruen 1999, S. 136).[3] Sie überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Majdanek, Groß Rosenau und die Todesmärsche und kehrte im Dezember 1945 nach Prag zurück.

Offenkundig hatten Esti und Hans Finkelgruen, wie ihre Briefe zeigen, trotz ihrer Isolierung in Shanghai noch große Hoffnungen: Sie bauten, wie bereits im Prager Exil, erneut einen kleinen Laden mit Textilwaren auf. Die Hoffnung auf eine Zukunft als Juden in Shanghai muss groß gewesen sein, wie Hans Finkelgruens Briefe dokumentieren.

In Hans Finkelgruens letzten Lebensmonaten, nach der Geburt ihres Sohnes Peter, wurden die Briefe an seine letzten, verbliebenen Briefpartner zunehmend düster. Es war unmöglich, sich ökonomisch in der ungastlichen, weiterhin von den Nazis bedrohten Exil-Großstadt Shanghai zu behaupten. Hans wurde krank. Am 29.7.1943 verstarb er am Mangel an medizinischer Versorgung.

Peter zwischen Mutter und Großmutter, Prag 1947/48

1946: Prag, Israel und Deutschland

Ende 1946, als Reaktion auf Anna Bartls briefliches Lebenszeichen an Esti (s.o.), in dem sie mitteilte, dass sie überlebt habe, gelang die Übersiedlung der schwer kranken Esti und des vierjährigen Peter in das kommunistische Prag. Nun lebte sie wieder mit der durch die KZ-Haft schwer geschädigten Anna zusammen. Peter sprach chinesisch und deutsch, wohl auch schon etwas englisch. Bei seiner Ankunft im kommunistischen Prag lernte der Vierjährige sehr rasch die wichtigste Überlebens-Botschaft in der ihm völlig unbekannten Millionenstadt kennen: „Du darfst hier nicht deutsch sprechen. Nur zu Hause, bei Großmutter in der Wohnung, wenn wir alleine sind. Dann ja. Draußen, vor anderen Leuten, darfst du nie zeigen, daß du Deutsch kannst. Denk daran.“ (Finkelgruen 1992, S. 106)

In seinen beiden autobiografischen Büchern hat Finkelgruen seine Erinnerungen an die vier Prager Jahren sowie seine Jugend in Israel niedergeschrieben. Am 1.6.1950 verstarb Esti nach langer Krankheit. In Prag hatte er seine Mutter nur noch in Spitälern besuchen können. 1959, nach seinem Abitur in Haifa, hatte er nur einen Wusch: Er wollte studieren. Im jungen Staat Israel war dies dem Mittellosen nicht möglich. Er wusste, dass er von Deutschland Anspruch auf „Wiedergutmachung“ hatte. Am liebsten hätte er in England studiert. Seine betagte Großmutter Anna war sein einziger fester Bezugspunkt. Anna war Deutsche, keine Jüdin. Englisch sprach sie nicht. So landete Peter Finkelgruen, vor allem aus Rücksichtnahme auf seine deutsche Großmutter, 1959 gemeinsam mit der KZ-Überlebenden Anna in dem ihm erneut völlig unbekannten Deutschland. Auf der Zugfahrt näherten sie sich Freiburg. Vage erinnerte er den Namen „Freiburg“, dort solle es eine Universität geben. Sie stiegen am Freiburger Bahnhof aus und suchten ein Zimmer.

Zu den Studien dieses Finkelgruen-Schwerpunktes

Mein Beitrag „Peter Finkelgruens Neuanfang in Freiburg  (1959): Mussolinis „alles beherrschende Kraft““ handelt von diesen ersten zwei Lebensjahren in Deutschland – und seinem unglaublich anmutenden ersten Wohnort, gemeinsam mit Anna: Eine ältere Frau, Louise Diel, bot den aus Israel Remigrierten ein Zimmer als Untermietung an. Louise Diel war, wie Finkelgruen schrittweise mit ungläubigem Erstaunen und Erschrecken rekonstruierte, die engste deutsche Vertraute des italienischen Faschisten Mussolini. Diel hatte auf deutsch zahlreiche hymnische Schriften auf den italienischen Diktator verfasst und wurde von diesem privat empfangen. Der Beitrag wirft auch ein Licht auf die fragwürdige „Liebe“ vieler Deutscher zu Juden, auf die tödliche Ambivalenz, auf Philosemitismus und Antisemitismus bei den Deutschen.

Peter als junger Rundfunktredakteur DW Köln 1963

Ein weiterer Beitrag – „Versuchte Gefangenenbefreiung und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“. Irmtrud und Peter Finkelgruen, die RAF, Prof. Ulrich Klug und FDP-Partei“freunde“ (1971 – 1974) geht zurück in die Zeit des in den 1970er Jahren noch in der FDP angesiedelten Linksliberalismus. Finkelgruen war gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau Irmtrud Finkelgruen – eine spätere Richterin – 1968 in die Kölner FDP eingetreten, wie zahlreiche weitere, von der Apo-Atmosphäre inspirierte Linksliberale. Die kleine, insbesondere in NRW von „ehemaligen“ Nationalsozialisten „unterwanderte“ und geprägte Partei (Ernst Achenbach, Erich Mende, der „Naumann-Kreis mit Naumann, Werner Best, Franz Alfred Six), von denen viele unmittelbar an NS-Massenmorden beteiligt waren, verstand sich zuvörderst als Interessenvertreter für von der Justiz bedrohten NS-Täter.

In Köln waren Finkelgruens Freunde Gerhart Baum, Ulrich Klug und Michael Kleff – der wenige Jahre später zu den Mitbegründern des Liberalen Zentrums Köln (LZ) gehörte – die prominentesten Vertreter des Linksliberalen Flügels der FDP. Finkelgruen gehörte von 1968 – 1976 der FDP an, kandidierte 1970 sogar einmal in Köln für den Landtag

Finkelgruens damalige Ehefrau Irmtrud Finkelgruen war Kölner Vorsitzende der Deutschen Jungdemokraten (DJD) und mit Finkelgruen Mitglied der Kölner FDP. Der renommierte linksliberale Jura-Hochschullehrer und Staatssekretär Ulrich Klug gehörte zu ihrem Kölner  Freundeskreis. 1971 kam er zu einer selbst heute noch ungeheuerlich anmutenden Intrige und Rufmordkampagne des „rechten“ Flügels der FDP, gemeinsam mit der konservativen, katholischen Tageszeitung „Rheinische Post“ die Jurastudentin Irmtrud Finkelgruen öffentlich als Unterstützerin der RAF zu diffamieren. Ihr eigentliches politisches Angriffsziel war vor allem der Linksliberale Prof. Ulrich Klug. Diesen wollten sie vernichten, über einen Angriff gegen die linksliberale Studentin und junge Mutter Finkelgruen. Dieser politische Skandal, der seinerzeit drei Jahre lang, bis 1974, in der Tagespresse behandelt wurde, wird in meinem Beitrag „Versuchten Gefangenenbefreiung und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“. Irmtrud und Peter Finkelgruen, die RAF, Prof. Ulrich Klug und FDP-Partei“freunde“ (1971 – 1974)“ erinnert. Offenkundig wurde sogar versucht, einen Staatsschutzspitzel in das direkte Umfeld der Finkelgruens einzuschmuggeln.

1976: Siebengebirgsallee, RAF-Sympathisanten:

Diesem Thema zugehörig ist eine erzählende Studie, die sich sieben Jahre später, 1978, ereignete, in der Hochzeit des linken deutschen Terrorismus: Finkelgruens damalige Wohnung in der idyllischen, wohlhabend-bürgerlichen Köln-Klettenberger Siebengebirgsallee 77, wo er seit Mitte der 1970er Jahre mit Gertrud Seehaus-Finkelgruen und deren jugendlichen Tochter lebte, wurde von einem Spezialkommando der Polizei mit Maschinengewehren durchsucht.

Es war die Zeit der Schleyer-Entführung, im Nachhinein als „bleierne Zeit“ (Margarete von Trotta) erinnert. Im September 1977 war Hans-Martin Schleyer in Köln entführten worden, am 18.10.1977 wurde Schleyer von RAF-Terroristen ermordeten. Juristisch ist der Mord bis heute nicht eindeutig geklärt worden.

Zugleich war Hans-Martin Schleyer als ranghoher Industrieller und SS-Hauptstammführer im von den deutschen Nationalsozialisten besetzten Prag tätig und maßgeblich an der „Arisierung“ der Juden in der Tschechoslowakei beteiligt. Für Finkelgruen war er so erinnernd unmittelbar mit seiner eigenen Prager Familien-Verfolgungsgeschichte verbunden. Der Jude Peter Finkelgruen wurde Mitte der 1970er Jahre offenkundig verdächtigt, einer RAF-Terroristin Unterschlupf zu bieten – bzw. er wurde von einem lieben Köln-Klettenberger Nachbarn gezielt denunziert. Dies wird in dem Beitrag Terrorfahndung: Köln, Herbst 1978. Der verdächtige Jude und die junge blonde Frau. Eine persönliche Erinnerung an den „Deutschen Herbst“ nacherzählt – ein spannendes Stück deutscher Zeitgeschichte.

Ralph Giordanos „Ochsenfrosch

Ein weiterer Beitrag handelt von Finkelgruens enger Freundschaft mit seinem 19 Jahre älteren Kölner Weggefährten und Exil-Pen-Kollegen Ralph Giordano, (Finkelgruen, 2013). Der streitbare jüdische Publizist Giordano war häufig sehr solidarische. Seine Prominenz und seinen Ruf als Aufklärer des Nationalsozialismus (Kaufhold 2013b) setzte er auch dafür ein, seinen Kölner Freund sehr konkret zu unterstützen. Finkelgruens verzweifelter, ihn weit über die Grenzen der seelische Belastungsfähigkeit bringendes juristisches und schreibendes Bemühen, den NS-Täter Malloth zur juristisch zur Verantwortung zu ziehen, empörten Giordano angesichts der erkennbaren Passivität und Einfühlungsverweigerung der zuständigen Dortmunder Justiz. Giordano rezensierte 1993 Finkelgruens erstes, von dem Malloth-Prozess geprägtes autobiografische Buch – Haus Deutschland – in der Frankfurter Rundschau. Giordano schmähte den für NS-Prozesse zuständigen Dortmunder Oberstaatsanwalt gezielt mit der Titulierung „emotionsloser Ochsenfrosch“. Diese aufschlussreiche Geschichte wird in dem Beitrag Der emotionslose Ochsenfrosch, dem die Untat ins Gesicht geschrieben steht“ (Ralph Giordano) erinnert. Grundlage hierfür ist sowohl die damalige Tagespresse als auch Finkelgruens Privatarchiv.[4] Komplettiert wird dieser Themenkomplex zu den NS-Prozessen – an dem Gertrud Seehaus und Finkelgruen bereits 1979/80 beim „Lischka-Prozess“ beteiligt waren (Kaufhold 2013a) – durch einen weiteren einführenden Beitrag von Kaufhold sowie durch zwei Texten von Gertrud Seehaus (2013): Neun mutig gelebte Jahrzehnte sowie von Peter Finkelgruen: Der Ochsenfrosch. Diese hatten sie Giordano 2013 zu dessen 90. Geburtstag gewidmet (Finkelgruen 2013).

Nazi-Tochter Burwitz: Himmlers Erbin

Ob Finkelgruen es wollte oder nicht: Immer wieder kam er, direkt oder indirekt, in Kontakt mit „berühmten“ Nazis. Eine davon war die 1929 geborene, 2018 verstorbene Gudrun Burwitz, geborene Himmler (Kaufhold 2018). Diese unverbesserliche Himmler-Tochter war über Jahrzehnte das Aushängeschild der Nazigruppierung „Stille Hilfe“. Diese unterstützte mit einer großen Anzahl sehr rechter Rechtsanwälte zahlreiche von der Justiz verfolgte oder wegen einschlägiger NS-Delikte in Haft sitzende Rechtsradikale – darunter auch Malloth, den Mörder von Finkelgruens Großvater. Dies wird in dem Beitrag Himmlers Tochter oder: Die „Stille Hilfe“ für den Mörder in der Pullacher Seniorenresidenz entfaltet.

Zwölf Jahre Malloth-Prozess

Es folgt eine sehr umfangreiche Studie, in der Finkelgruens Prozess gegen Malloth im Detail rekonstruiert wird – anhand von Pressebeiträgen sowie anhand von Finkelgruens Privatmaterialien: „Der Mörder, der offenbar einen Schutzengel hat“

Briefkorrespondenzen

Abgeschlossen wird der Themenschwerpunkt durch einen umfangreichen Beitrag über die Korrespondenz von Finkelgruens Familie während ihres Exils in Prag, Shanghai, Prag und Israel. Hierin eingeflochten ist der Briefwechsel der einzigen noch verbliebenen drei Bezugspartner, die Finkelgruens Eltern bei ihrer jahrelangen Flucht vor den Nationalsozialisten noch blieben.

Verleihung des Rheinlandtalers des LVR an Peter Finkelgruen, © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Späte Ehrungen

Nachzutragen bleibt dass Finkelgruen nun doch, in den letzten Jahren, mehrfach geehrt wurde: In Deutschland erhielt er 2020 vom LVR den Rheinlandtaler, dieser wurde ihm von Jürgen Wilhelm überreicht, verbunden mit einer Laudatio von Elfi Scho-Antwerpes.   

Wilhelm hob in seiner Laudatio hervor: „Sie waren der erste Journalist, der von Köln aus ab Ende der 1970er Jahre über die Biografien mehrerer Edelweißpiraten publizierte, unter anderem in der Frankfurter Rundschau und in der Zeitschrift „Freie jüdische Stimme“, die Sie gemeinsam mit Henryk Broder herausgaben (Kaufhold 2019). Sie waren einer der Ersten, der mit ehemaligen Edelweißpiraten sprach und sie zum Sprechen ermutigte. Und diese Ermutigung war nötig, denn dieser jugendliche Widerstand in der NS-Zeit wurde von Behörden und politischen Parteien noch bis in die siebziger Jahre kriminalisiert.“ In seiner Rede hob Finkelgruen, auf die Einweihung eines Gedenkbaumes und Gedenksteines unweit seiner Wohnung in Köln-Sülz Bezug nehmend hervor: „Als der Gedenkbaum für meinen Großvater gepflanzt wurde hatte ich das Bewusstsein, dass ich mich in einer Stadt befinde, in der ich sicher bin“, benannte er Gründe für seinen Optimismus. „In Sülz-Klettenberg, wo ich wohne, habe ich immer noch ein sicheres Gefühl.“

Und im Mai 2021 wurde ihm von der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker das Bundesverdienstkreuz verliehen – was er mit Ambivalenzen, aber dennoch mit Freude annahm. Hierdurch sollten vor allem seine Lebensleistung zur Aufklärung von Naziverbrechen gewürdigt werden. 

In Israel wurde er vom sehr traditionsreichen JNF-KKL durch die Einweihung eines „Martin und Peter Finkelgruen Wanderweges“ geehrt. Dieser Wanderweg befindet sich in Nordisrael, in der Nähe des Wohnortes, in der er seine Jugend verbrachte – die prägendsten Jahre seines Lebens.

Hinweis

Peter Finkelgruens Privatarchiv ist archiviert bei der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln (RWWA), Vorlass Peter Finkelgruen, Köln, RWWA 570-16-1.

–> Peter Finkelgruens Neuanfang in Freiburg  (1959): Mussolinis „alles beherrschende Kraft“
–> „Versuchte Gefangenenbefreiung und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“. Irmtrud und Peter Finkelgruen, die RAF, Prof. Ulrich Klug und FDP-Partei“freunde“ (1971 – 1974)
–> Terrorfahndung: Köln, Herbst 1978. Der verdächtige Jude und die junge blonde Frau
–> Der emotionslose Ochsenfrosch, dem die Untat ins Gesicht geschrieben steht“
–> Himmlers Tochter oder: Die „Stille Hilfe“ für den Mörder in der Pullacher Seniorenresidenz
–> „Der Mörder, der offenbar einen Schutzengel hat“
–> Die Korrespondenz von Familie Finkelgruen
–> Der Ochsenfrosch – Für Ralph Giordano
–> Getrud Seehaus: Neun mutig gelebte Jahrzehnte

Diese Beiträge erscheinen in Kürze in gedruckter Form als eigenständiges Buch.

Literatur

Finkelgruen, P. (1982): Haus Deutschland. Die Geschichte eines ungesühnten Mordes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Finkelgruen, P. (1989): Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Finkelgruen, P. & G. Seehaus (2007): Opa und Oma hatten kein Fahrrad. Books on Demand, Norderstedt 2007.
Finkelgruen, P. (Hg.) (2013): Jubeljung begeisterungsfähig. Zum 90. Geburtstag von Ralph Giordano, Books on Demand, Norderstedt. http://buecher.hagalil.com/2013/04/giordano/
Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln. Herausgeber: Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Engelhart. Books on Demand. Norderstedt 2020. https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415
Kaufhold, R. (2012a): Shanghai, Prag, Israel und Köln. Seit 50 Jahren lebt der deutsch-jüdische Journalist und Schriftsteller Peter Finkelgruen in Köln – am 9. März feiert er seinen 70. Geburtstag, haGalil: https://www.hagalil.com/2012/03/finkelgruen-11/
Kaufhold, R. (2012b): Keine Heimat. Nirgends. Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln – Peter Finkelgruen wird 70, haGalil: https://www.hagalil.com/2012/03/finkelgruen-7/
Kaufhold, R. (2013a): Im KZ-Drillich vor Gericht. Ein Sammelband beschreibt, wie Serge und Beate Klarsfeld Schoa-Täter aufspürten und der Gerechtigkeit zuführten, in: Jüdische Allgemeine, 1.7.2013.
Kaufhold, R. (2013b): Unermüdlich streitbar: Filmemacher, Romancier, Essayist und Mahner: Ralph Giordano wird 90, Jüdische Allgemeine, 20.3.2013 https://www.juedische-allgemeine.de/politik/unermuedlich-streitbar/
Kaufhold, R. (2018): Nazi-Ikone aus familiärer Tradition: Himmler-Tochter Gudrun stirbt mit 88, Belltower, 3.7.2018: https://www.belltower.news/nazi-ikone-aus-familiaerer-tradition-himmler-tochter-gudrun-stirbt-mit-88-48478/
Kaufhold, R. (2019): Eine jüdische Apo. Vor 40 Jahren gründeten Henryk M. Broder und Peter Finkelgruen in Köln die »Freie Jüdische Stimme«, Jüdische Allgemeine, 4.7.2019: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/eine-juedische-apo/
Kaufhold, R. (2020a): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten. Eine Chronologie. In Finkelgruen (2020), S. 217-342.
Kaufhold, R. (2020b): Beinahe wäre er Peruaner geworden. Der Weltbürger Peter Finkelgruen und ein Hain zu seinen Ehren, JNF-KKL-Magazin Herbst 2020, Nr. 45, S. 14f. https://www.jnf-kkl.de/wp-content/uploads/NEULAND-46-JNF-KKL-Magazin-Herbst-2020.pdf
Schubert, D. (1997): Unterwegs als sicherer Ort. Dokumentarfilm, Deutschland, 1997.

Filmportraits über Finkelgruen

https://www.youtube.com/watch?v=WlJxI08mpgw
https://www.youtube.com/watch?v=I0ogI0PplOI
https://www.youtube.com/watch?v=yulCewO1CmE

 

[1] Über dieses Fluchtkapitel und die Löhnberger Hütte werden Markus Streb und Kaufhold demnächst eine eigenständige Einzelfallstudie veröffentlichen. Siehe auch: Markus Streb: Ein Kibbuz im Lahntal – Die Hachschara-Stätte „Löhnberger Hütte“ 1936-1938. GCJZ Limburg Rundbrief 2/2020, S. 25-30: http://cjz-limburg.de/PDF/Rundbrief_2_2020.pdf

[2] Siehe im Detail im haGalil-Themenschwerpunkt Finkelgruen: Roland Kaufhold (2022): Überlebensversuche in Prag und Shanghai. Zu der Briefkorrespondenz von Hans und Esti Finkelgruen mit Dora Finkelgruen/Schaal, Anna Bartl, Herbert Ashe (USA), Tilly Cohn (Zürich), Kurt Brahm (Shanghai), einer Berliner Jüdin (Shanghai) und Herbert Eschwege (USA).

[3] Anna Bartl, das sie hier nur angedeutet aber nicht weiter dargestellt, hatte noch einen Sohn, was sie Peter Finkelgruen bis kurz vor ihrem Tode 1968 in Lugano verheimlichte. (vgl. Finkelgruen 1999, S. 137-176)

[4] Peter Finkelgruens Privatarchiv ist archiviert bei der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln (RWWA), Vorlass Peter Finkelgruen, Köln, RWWA 570-16-1.

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