„Der emotionslose Ochsenfrosch, dem die Untat ins Gesicht geschrieben steht“

„Justiz-Schutz für Mörder“ – Ralph Giordanos und Peter Finkelgruens Prozess mit dem Dortmunder Oberstaatsanwalt Schacht (1993)

Von Roland Kaufhold                                                            

„Es heißt, der Mensch kann nur einmal sterben. Auch das ist ein Irrtum. Martin Finkelgruen, wie unzählige seiner Leidensgenossen, wurde zweimal getötet: einmal physisch, und ein anderes Mal dadurch, daß gegen Anton Malloth kein Verfahren eröffnet wurde.“
Ralph Giordano in einer Rezension von „Haus Deutschland“ in der Frankfurter Rundschau, 9.1.1993

Aktenvermerk Dortmunder Staatsanwalt, 5.8.1988: „Eine andere Möglichkeit, das Verfahren abzuschließen, ist nicht zu ersehen.“
(in: Finkelgruen 2002, S. 105)

Wenn es im Jahr 1993 bereits ein ausgebautes Internet gegeben hätte so wäre der 9. Januar 1993 als die Geburtsstunde eines veritablen Diskurses mit juristisch-publizistischen Folgewirkungen in die Geschichte eingegangen. Da es das Internet seinerzeit jedoch noch nicht gab ist diese erinnerungswürdige politisch-publizistische Episode vergessen. Ein Zeichen wahrhaftiger Solidarität zwischen Überlebenden. Es war die Geburtsstunde des „emotionslosen Ochsenfroschs“. Der seinerzeit knapp 70-jährige Kölner Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano hatte Peter Finkelgruens soeben erschienene familienbiografische Erzählung Haus Deutschland gelesen, die  auch und vor allem von der Ermordung seines Großvaters und die Gleichgültigkeit der zuständigen Dortmunder Staatsanwaltschaft handelte. Diese Erlebnisse seines Kölner Freundes empörte den erfahrenen und kampferprobten Journalisten so sehr, dass er seine Empörung gezielt in seine Buchbesprechung einfließen ließ: In seiner 1993 in der Frankfurter Rundschau publizierten Buchbesprechung von Finkelgruens Buch Haus Deutschland griff er zum Stilmittel der Schmähkritik.

In Finkelgruens ein Jahr zuvor erschienenem familienbiografischem Werk war auch die Ermordung seines Großvaters Martin Finkelgruen[1] am 10.12.1942 in der Kleinen Festung Theresienstadt eingeflossen. Dorthin, nach Theresienstadt, war der jüdische Geschäftsmann Martin Finkelgruen (1876 – 1942) nach seiner Denunziation von den deutschen Besatzern verbracht worden. Zuvor hatte ihn seine Lebensgefährtin Anna Bartl (1891 – 1968) – Peter Finkelgruens Großmutter und Begleiterin seiner Jugend in Prag, Israel und Freiburg – drei Jahre lang in Prag versteckt, nach der Besetzung Prags durch die Deutschen. Wenige Stunden nach seiner Ankunft im „Kleinen Lager Theresienstadt“ wurde Martin Finkelgruen vom NS-Mann Anton Malloth totgetreten. Von der Geburt seines Enkels im fernen Exil Shanghai dürfte er nichts erfahren haben. Im Prager Versteck vermochte er keinen Kontakt zu seinem Sohn Hans und dessen Lebenspartnerin Esti Finkelgruen – Peters Eltern –  nach deren abenteuerlichen Flucht nach Shanghai zu halten. Seine Lebensgefährtin Anna Bartl hingegen überlebte nach ihrer Denunziation in Prag eine dreijährige grausame Odyssee durch drei Konzentrationslager; bei einem Todesmarsch im Frühjahr 1945 gelang der 54-Jährigen die Flucht und sie kehrte nach Prag zurück. Es gelang ihr 1945 auf Umwegen, brieflichen Kontakt zu ihrer Tochter in Shanghai aufzunehmen. 1946 ging Esti mit ihrem vierjährigen Sohn Peter zurück nach Prag, zu ihrer betagten Mutter. 1951 übersiedelten Anna und Peter nach Israel, 1959 gingen sie nach Freiburg, wo Finkelgruen studieren wollte. 1988, bei seiner Rückkehr von Israel nach Köln, erfuhr der 46-jährige Finkelgruen den Namen des Mörders seines Großvaters: Anton Malloth. Es begann eine verzweifelte Spurensuche nach seiner ihm weitgehend unbekannten Familiengeschichte, von der er zeitlebens nur verstreute, unzusammenhängende Details gehört hatte. Sie mündeten 1992 in seinem Buch Haus Deutschland.

Vorgeschichte

Federführend für den von Peter Finkelgruen ab 1989 angestrengten Strafprozess gegen den in Italien lebenden NS-Täter Malloth – der sich in grausamer Weise bis zu Malloths Verurteilung zu einer Haftstrafe im Jahr 2002 in München hinstrecken sollte – war ein Dortmunder Oberstaatsanwalt namens Klaus Schacht. Dieser unternahm – wenn wir Finkelgruens Darstellungen sowie den in zahlreichen Ordnern versammelten Akten folgen, die sich bei Finkelgruen im Laufe von 13 Prozessjahren angesammelt haben – über viele Jahre hinweg nichts, um den Mörder von Martin Finkelgruen anzuklagen. Dies war selbst für den erfahrenen Publizisten und Überlebenden Ralph Giordano zu viel, zu unerträglich. Das Fass war übergelaufen… Der kampferprobte Giordano, dessen Lebensmotto sich in seinem  Buchtitel „Ich bin angenagelt an dieses Land“ (Giordano 1992) niederschlug, beschloss, die Essenz von Finkelgruens Erfahrung mit der bundesdeutschen Justiz in knappster Weise zusammenzuführen…

„Justiz-Schutz für Mörder“

„Justiz-Schutz für Mörder“ ist Ralph Giordanos in der seinerzeit auflagenstarken linksliberalen Frankfurter Rundschau publizierten Buchbesprechung von „Haus Deutschland“ überschrieben. Mit dieser Besprechung des prominenten Giordano erhielt Peter Finkelgruen endlich wirkkräftige mediale Unterstützung. Der erfahrene Publizist und Aufklärer Giordano, der in einem Land blieb, gegen dessen vom NS-Erbe geprägten Fortwirkungen er lebenslang ankämpfte (Kaufhold 2013a, b, c, 2014), unterstützt nun den 19 Jahre jüngeren Kölner Freund verbal wirkungsvoll. Sie wohnen nur einige Kilometer voneinander entfernt. Beide sind seit Jahren im PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland – so nannte sich der traditionsreiche ehemalige Exil-Pen nun – engagiert, beide wissen aus eigener schmerzhafter Erfahrung vom „jüdischen Schicksal“, von der Verleugnung ihrer Verfolgungsgeschichte und den damit einhergehenden seelischen Schädigungen. Bei Beiden hatte dies zu zahllosen schlaflosen Nächten, zu Albträumen geführt. Und doch blieben sie in Deutschland. „Dennoch“ (Kaufhold, 2014) blieb Giordano „unermüdlich streitbar“ (Kaufhold, 2013a).

„Die exkulpierenden Machenschaften des Oberstaatsanwalts Klaus Schacht…“

Mai 2016: Vor mir liegt ein akkurat geordneter, gut gefüllter Aktenordner mit Materialien allein zum Themenkomplex „emotionslose Ochsenfrosch“, darunter Giordanos Zeitungsbeitrag und zahlreiche weitere Zeitungsausschnitte. Ralph Giordano zeichnet hierin Finkelgruens mühevolle, quälende mehrjährigen Recherchen zum ungesühnten Mord an seinem Großvater nach – Recherchen, die zugleich ein biografisches Kennenlernen seines Großvaters sowie seines Vaters zur Folge hatten. Im Aufstand gegen das (Ver-)Schweigen lernt Finkelgruen seinen Vater und Großvater erstmals kennen, nach 50 Jahren. Beide waren wenige Monate nach seiner Geburt „verstorben“. Über ihr Leben, welches seines prägte, wusste er Jahrzehnte lang nahezu nichts.

Ralph Giordano hebt in seiner Buchbesprechung Finkelgruens bitteres, aus einem fünfjährigen Gerichts- und Aufarbeitungsprozess erwachsenes Resümee hervor: „Diese Erfahrungen mit dem Justizapparat verleiten Peter Finkelgruen zu dem qualvollen Geständnis: „Ich werde nicht explodieren, ich werde implodieren““, notiert Giordano. Er fügt konkretisierend hinzu: „Es sind die exkulpierenden Machenschaften des Oberstaatsanwalts Klaus Schacht, die solche Gefühlskompressionen im Enkel des ermordeten Martin Finkelgruen entstehen lassen.“ Es gebe nur „ein Interesse“ der verantwortlichen Juristen: „Das Verfahren gegen Anton Malloth zu verhindern.“ Zu allem Überfluss soll Finkelgruen, nach wiederholten Einstellungen des Prozesses gegen den NS-Täter, nun auch noch 509 DM an die Justizkasse zahlen, was als eine Verhöhnung des Opfers erscheinen musste.

Zum zeitlichen Hintergrund dieser Kontroverse: Am 24.2.1989 zeigt Finkelgruen Malloth wegen Mordes an, am 14.3.90 stellt Schacht das Verfahren ein. Finkelgruen strengt daraufhin eine Zivilklage gegen das Land NRW wegen der entstandenen Kosten an. Diese lehnt das Landgericht Dortmund ab: Die Übernahme der Ermittlungen durch die Privatperson Finkelgruen entspräche nicht „dem mutmaßlichen Interesse des beklagten Landes“, teilt das Gericht Finkelgruen mit. Finkelgruen empfindet das als eine Verhöhnung.

Giordano verweist in seiner Buchrezension auch auf einen ARD-Fernsehbeitrag über diesen „obszönen Fall“ und bezeichnet den auch im Film zu sehenden Oberstaatsanwalt bewusst und gezielt als „ein(en) emotionslose(n) Ochsenfrosch, dem die Untat ins Gesicht geschrieben“ stehe (Hervorheb. d. Verf.). Die Folgen dieser Ehrenbezeichnung nehme er „ganz auf meine Kappe“, fügt der kampferprobte Journalist in der Frankfurter Rundschau hinzu.

An die Stelle des Schweigens, der Geschichtsleugnung, der juristischen Abstinenz stellt Giordano also bewusst eine „Schmähkritik“. Martin Finkelgruen sei in Deutschland gleich zweimal getötet worden: Durch Malloth, physisch, sowie durch diesen Oberstaatsanwalt, psychisch, konstatiert er in der Frankfurter Rundschau. In der Tradition seiner befreundeten Hamburger Kollegin Peggy Parnass – gleichfalls eine jüdische Überlebende – zieht Giordano ein bitteres historisches Resümee: Schacht verkörpere und personifiziere eine „schändliche Geschichte einer schändlichen Justiz.“ Die erst ein, zwei Jahre zurückliegenden ausländerfeindlichen Übergriffe und Morde in Hoyerswerda, Hünxe, Rostock und Mölln seien die Saat, die durch solche Urteile gelegt worden seien.

Mit dieser Buchbesprechung, der Titulierung als „emotionslosem Ochsenfrosch“, erreicht Giordano mehr, als man gemeinhin durch Zeitungsbeiträge zu erreichen vermag: Der Prozess gegen Malloth wird binnen weniger Monate eine öffentliche, eine internationale Angelegenheit. Der emotionslose Ochsenfrosch durchbrach das kollektive, das historische Schweigen.

„Ein schwerer Angriff auf die Ehre unseres Mandanten“

Exakt ein Jahr später, am 5.1.1994, trifft bei Giordano ein Einschreiben der von Schacht beauftragten Dortmunder Kanzlei Krekeler, Manthey & Partner ein. Giordanos Äußerungen in der Frankfurter Rundschau seien „ein schwerer Angriff auf die Ehre unseres Mandanten“, heißt es im anwaltlichen Schreiben. Weitere Schreiben der Kanzlei gehen an den Dortmunder Oberstadtdirektor, wegen eines VHS-Veranstaltung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (s.u.). Am 25.2.94 sowie am 29.3.94 folgen per „Einschreiben gegen Rückschein“ weitere Schriftstücke: Eine Unterlassungserklärung, diesmal an den Enkel des Ermordeten gerichtet, an Peter Finkelgruen. „…Wir gehen daher davon aus, daß Sie keinerlei Argumente zu erwidern gedenken“, heißt es hierin.

Der angekündigte Gerichtsprozess löst eine Flut von Protestschreiben sowie von Presseberichten aus, die nachfolgend skizziert seien.

Die Solidaritäts-Zeitungsanzeige prominenter Schriftsteller

Am 5.10.1993 erscheint in der Frankfurter Rundschau, auf Giordanos Buchbesprechung Bezug nehmend, eine großformatige, von 28 Schriftstellern sowie vom PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland unterzeichnete Zeitungsanzeige, in der die Unterzeichner Giordanos „inkriminierte Sätzen als eigene“ übernehmen – „und äußern sie hiermit öffentlich“. Nun hätte Oberstaatsanwalt Klaus Schacht nicht nur Finkelgruen und Giordano, sondern auch diese 28 prominenten Autoren verklagen müssen. Unterzeichner sind u.a. Jurek Becker, Katja Behrens, Henryk M. Broder, Uwe Friesel, Jürgen Fuchs, Dieter Hildebrandt, Manfred Krug, Günter Kunert, Peter Schneider, Mario Simmel und Günter Wallraff. Mit dieser Erklärung wird zugleich der politische Charakter dieses Kriminalisierungsversuches benannt. Hunderte weiterer Schriftsteller und Autoren schließen sich in den folgenden Monaten dieser Erklärung an.

Am 30.3.1994 richtet der Internationale P.E.N. ein scharfes Protestschreiben an den NRW-Justizminister Krumsiek, in dem er, im Namen seiner Mitglieder, sein „Befremden über die Haltung deutscher politischer und Justizminister“ äußert. Durch den Gerichtsprozess gegen die beiden Autoren – Giordano und Finkelgruen – werde „den Kräften des Rechtsradikalismus“ ein „moralischer Aufschwung und eine falsche Berechtigung“ gegeben, schreibt der Internationale P.E.N.

5.4.1994 schickte Michael Neumann, Geschäftsführer von Rowohlt (wo Finkelgruens Buch Haus Deutschland erschienen war), ein Schreiben an Oberstaatsanwalt Schacht, mit Kopie an den NRW-Justizminister Krumsiek (SPD): Schacht wolle mit seinem Schreiben „auf höchst unangenehme Art und Weise“ in eine diesbezügliche Veranstaltung zum Buch in Dortmund eingreifen. Auch in Finkelgruens Buch spielen „Sie und Ihre Dienststelle eine unrühmliche Rolle“, heißt er weiter. Damit nicht genug: Als „offenkundig geborener Satiriker“ fordere er – Oberstaatsanwalt Schacht – nun den Dortmunder Stadtdirektor auf, ihm „den Namen des für diese Aktion Verantwortlichen vorab mitzuteilen.“ Neumann fügt hinzu: „Neu ist Ihr diesbezüglicher Eifer, den an den Tag zu legen Ihre Dienststelle sich weigerte, als sie von Amts wegen aufgefordert war, gegen den (…) Mörder von Peter Finkelgruens Vater intensiver als bisher zu ermitteln.“ Dieser Vorgang setze „in bizarrer Manier“ einen „Schlusspunkt hinter die furchterregende Justiz-Geschichte“ des Falles Finkelgruen. Er sende eine Kopie des Schreibens an den NRW-Justizminister, „in der Hoffnung, daß er Ihr Treiben, das zum Schaden seiner Regierung stattfindet, beendet“, schließt der Rowohlt-Geschäftsführer Neumann sein Schreiben ab.

„“Ochsenfrosch“ klagt gegen Giordano“

Sechs Tage später, am 11.4.1994, titelt die tageszeitung (taz): „“Ochsenfrosch“ klagt gegen Giordano“ und bemerkt: „Mit einem Eifer, den Finkelgruen zuvor so schmerzlich vermisste“ wehre sich dieser Justizbeamte nun gegen Giordanos und Finkelgruens Äußerungen. „Er verklagt beide auf Unterlassung.“ Gleichfalls am 11.4.1994 veröffentlicht die bildungspolitische Sprecherin der NRW-Grünen, Brigitte Schumann, einen an Justizminister Krumsiek gerichteten offenen Brief, in dem sie Peter Finkelgruens Darstellungen in seinem Buch unterstützt. Sie erinnert an Schachts vorhergehenden Versuch – 20.2.94 – nun auch noch einen Bediensteten einer lokalen Volkshochschule, der eine Solidaritätserklärung für Finkelgruen an Interessierte weitergeleitet hatte, in einem an den Dortmunder Oberbürgermeister gerichteten dienstlichen Brief vom 20.2.94 juristisch zu drangsalieren. Schachts erstaunlichen Aktivitäten, wenn es um ihn selbst gehe, interpretiert die Grünen-Politikerin als einen „Versuch eines hohen Justizbeamten“, einen „ihm unliebsamen Autor mundtot zu machen.“ Dies stelle einen Missbrauch seiner Dienstfunktion dar. Stattdessen solle er endlich das längst überfällige Gerichtsverfahren wegen Mordes in die Wege leiten.

Die Berliner Zeitung titelt am 13.4.94 über den bevorstehenden Prozess vor dem Frankfurter Amtsgericht: „Ein Mord und seine Folgen. Hessens Justiz schreibt neues Kapitel der Nichtverfolgung von NS-Verbrechen“.

Rechtsradikale mischen sich ein

„Ich bin angekettet an dieses Land“ – dies war Giordanos Lebensmotto (vgl. Kaufhold, 2013a). Nie wieder würde er, der mit seiner Familie in einem Versteck in Hamburg als Jude mit äußerstem Glück die Nazizeit überlebt hatte, „sich verstecken“, seine Identität, seine Biografie verleugnen. Dementsprechend stand Giordanos immer im öffentlichen Kölner Telefonbuch, mit Telefonnummer und Köln-Bayenthaler Anschrift. Antisemitische Beleidigungen gehörten zu seinem Alltag, im Laufe der Jahrzehnte erhielt er weit über 200 Morddrohungen.

Sechs Tage nach dem taz-Beitrag, am 17.4.1994, verteilt die nur wenige Hundert Meter von Giordano entfernt sitzende „Ortsgruppe Bayenthal“ der rechtsradikalen Gruppierung Deutsche Liga für Volk und Heimat (aus deren Reihen später Pro Köln entstand)[2] ein Flugblatt, in dem der Jude Giordano, unter Nennung seiner Anschrift und Telefonnummer, massiv und unverhüllt antisemitisch beleidigt wird: „In Ihrer Nachbarschaft wohnt ein Volksverhetzer und Brandstifter. Dieser Herr im Nadelstreifenanzug gibt sich gern als von den Nazis verfolgter Biedermann und Demokrat aus. In Wirklichkeit schafft er die Voraussetzungen für einen gewalttätigen Bürgerkrieg in dieser Stadt“, heißt es dort. Und: „Stellen Sie den Brandstifter Giordano zur Rede.“

Das mediale Echo auf diese staatsanwaltschaftliche Peinlichkeit und dessen Folgewirkungen ist beachtlich. Was Peter Finkelgruen mit seinem Buch „Haus Deutschland“ und seinen jahrelangen juristischen Bemühungen nicht gelungen war das gelingt nun Dank Giordanos mutiger sprachgewaltiger Intervention: Die – so empfinden es Finkelgruen und zahlreiche Prozessbeobachter – Verzögerungstaktik des Dortmunder Staatsanwaltes, bei gleichzeitig versuchter Kriminalisierung von Schriftstellern, von Nachkommen des Opfers Martin Finkelgruen, werden nun massiv attackiert. Einige Pressestimmen seien erwähnt: Das Neue Deutschland bringt am 13.4.1994, zwei Tage vor dem Prozesstermin, ein Interview mit Ralph Giordano, überschrieben mit „Eine bedrohliche Entwicklung“, in dem dieser die sehr deutliche gemeinsame Presseerklärung von drei P.E.N.-Organisationen zum Gerichtsprozess vorstellt. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignaz Bubis, „könne straflos beleidigt werden, und die Verhöhnung von in Konzentrationslagern Ermordeten würden durch Urteil des Bundesgerichtshofes sanktioniert“, betont Giordano.

Der abgebrochene Prozess: „Der „Ochsenfrosch“ quakt nicht mehr“

Der Prozesseröffnung wohnte eine sehr große Anzahl an Journalisten bei. Erst jetzt realisierte Schacht offenkundig, dass er ab diesem Zeitpunkt zu einer internationalen Person der Zeitgeschichte zu werden drohte. Nach nur einer Stunde Prozessdauer zog er seine Anzeige wieder zurück. Die Presse reagierte mehrheitlich mit Amüsement und Hohn:

““Ochsenfrosch“ kniff vor Gericht“ titelt der Kölner Express am 16.4.1994 in einem bebilderten Beitrag. Die taz titelt am 16.4.1994 „Der „Ochsenfrosch“ quakt nicht mehr“: Giordano habe mit einer Verurteilung wegen seiner Schmähkritik gerechnet. Dennoch hätten er und Finkelgruen den Prozess nun auf jeden Fall gewollt. Sie ließen es nicht mehr zu, zum hilflosen Objekt staatlicher Organe zu werden. Deshalb habe Giordano den Prozess „zu einer Art Abrechnung mit der deutschen Justiz über die Bewältigung der Verbrechen der NS-Zeit“ machen wollen, so die taz. Erst als Klaus Schacht dies verstanden und das gewaltige Presseaufkommen realisiert habe, habe er als Kläger seine Strafanzeige nach nur einer Stunde Verhandlungsdauer, unter dem Gelächter des zahlreichen Publikums, zurück gezogen. Die WAZ titelt zeitgleich: „Ochsenfrosch ohne Folgen“, die Süddeutsche Zeitung formulierte: „Deutsches Rechtsempfinden.“

Sogar in Israel, insbesondere in den Kreisen der aus Nazideutschland geflohenen Jeckes, erregt der Gerichtsprozess große Aufmerksamkeit. Hienz Moll veröffentlicht am 17.4.1994 in den Israel Nachrichten einen ausführlichen, sachkundigen Beitrag. „Heinz Giordano steht vor Gericht“ ist er überschrieben. Die „vielbeachtete Solidaritätsadresse“ – der in der FR sowie anschließend in der Zeitschrift Tribüne publizierte Aufruf war zwischenzeitlich von über 1000 Schriftstellern und Publizisten unterzeichnet worden! – habe den Oberstaatsanwalt Schacht „nicht etwa nachdenklich gemacht sondern ihn vielmehr zu einem weiteren Amoklauf inspiriert“, heißt es hierin.

„Dahinter steckt immer ein kluger Ochsenfrosch“ (taz)

Mitte der 1990er Jahre existierten zwischen „rechten“ und „linken“ Tageszeitungen noch erhebliche weltanschauliche Differenzen; dies spiegelt sich auch in den Pressebeiträgen zum „Ochsenfrosch“ wieder. Die FAZ vom 18.4.1994, Giordano erkennbar abgeneigt, titelt zurückhaltend: „Der Fall Ochsenfrosch“ und spricht von einer „Justizfarce“ – um dann doch Schachts Bedrohung Finkelgruens durch eine Unterlassungserklärung und eine Strafandrohung „von 50.000 Mark bei Zuwiderhandlung“ zur Sprache zu bringen. Die taz bringt am 18.4.1994 einen ironisierenden Kurzbeitrag, überschrieben mit „Kluge Ochsenfrösche“, in dem sie auf diese FAZ-Berichterstattung reagiert: Diese habe Giordano als einen „Demagogen“ diffamiert, der in einer „furiosen“ Selbstdarstellung „Entlarvungsworte“ gebrauch habe. Schachts (taktisch motivierter) Rückzug habe der Bundesrepublik „ein großes Theater erspart“, auch deshalb sei er ein „kluger Mann“. Die taz fügt spöttisch hinzu: „FAZ: Dahinter steckt immer ein kluger Ochsenfrosch.“

Die Frankfurter Rundschau bringt am 16.4.1994 einen umfangreichen Beitrag, überschrieben mit „Weisheit, Klugheit oder Feigheit? Warum Oberstaatsanwalt Schacht den Strafantrag gegen Ralph Giordano zurücknahm.“ Sie dokumentiert Schachts Presseerklärung zu seiner Einstellung der Anzeige und spekuliert über eine Einflussnahme durch das NRW-Justizministerium: Die Erkenntnis, dass „ein hetzender und beleidigender Franz Schönhuber“ 40 Jahre nach Kriegsende „nicht belangt“ werde, „dafür aber dem Schriftsteller Giordano der juristische Strick gedreht werden solle“, habe vielleicht sogar das SPD-Justizministerium nicht ganz gleichgültig gelassen.

Und am 21.4.1994 titelt die Schweizer Weltwoche: „In Deutschland bestimmt die Rechte, was Volksverhetzung und geistige Brandstiftung ist. Täter werden geschützt, Opfer verfolgt.“

2002: „Ich bin geblieben – warum?“

Ein zeitlicher Sprung: Acht Jahre später, 2002, veröffentlicht der inzwischen 59-jährige Finkelgruen in dem von Katja Behrens herausgegebenen Band „Ich bin geblieben – warum? Juden in Deutschland – heute“ einen – vorläufigen – Rückblick auf diese Kontroverse, die doch immer noch nicht ganz abgeschlossen war. „Kleine Festung Theresienstadt. Oder wie man Geisel der Verhältnisse bleibt. Protokoll einer Scheidung“ lautet sein erschütternder 16 Seiten umfassender Buchbeitrag. Acht weitere Lebensjahre ist sein Leben maßgeblich von diesen zermürbenden Gerichtsprozessen gegen den Mörder seines Großvaters bestimmt. Schacht hatte auch in den folgenden Jahren, nach seinem gescheiterten Kriminalisierungsversuch gegen die beiden Überlebenden, kein erkennbares Interesse gezeigt, den Mörder zu verurteilen, so Finkelgruen. Er erwähnt in seinem Buchbeitrag, dass er in den letzten zehn Jahren „drei konkrete und detaillierte Angebote“ erhalten habe, um „den Mörder meines Großvaters an der deutschen Justiz vorbei seiner Strafe zuzuführen.“ (Finkelgruen, 2002, S. 102) Er widerstand dieser Verlockung, dem Wunsch nach Rache, vertraute auf den deutschen Rechtsstaat – und wurde so „Geisel der Verhältnisse“. Über zehn Jahre seines Lebens wurden hierdurch seelisch toxisch kontaminiert. Er erzählt die traurige juristische Weiterentwicklung dieses Falles nach, in die zahlreiche Beamte in nordrhein-westfälischen und bayrischen Kreisverwaltungen und Ministerien involviert waren. Dies habe „zu der Tatsache“ geführt, „dass ein Ermittlungsverfahren gegen knapp einhundert Verdächtige oder Beschuldigte über eine Zeitspanne von 35 Jahren geführt wurde – ohne dass eine einzige, ich wiederhole, eine einzige Anklage erhoben wurde.“ (ebda, S. 103f.) Es war zeitweise eine Vollzeitbeschäftigung, die er auch noch selbst bezahlen musste.

Finkelgruen und weitere Forscher finden heraus, dass sich Gudrun Burwitz (vgl. Kaufhold 2018), Heinrich Himmlers Tochter und Hauptprotagonistin des Neonazi-Helfervereins „Stille Hilfe“ (vgl. Schröm & Röpke 2002), nachdrücklich um die juristisch-finanzielle Unterstützung  Malloths einsetzte; er sei „gut untergebracht“, notierte die überzeugte Nationalsozialistin Burwitz in einem internen Bericht (Finkelgruen 2002, S. 108).

Unterstützung findet Finkelgruen in all diesen Jahren bei engagierten Journalisten und Juristen, auch aus der FDP, der er seinerzeit, von 1968 bis 1976, angehört hatte. Hervorzuheben ist der linksliberale Prof. Ulrich Klug aus Köln, Innenminister Gerhart Baum (vgl. Baum 2020), der israelische Dramaturg Joshua Sobol mit seinem Theaterstück „Schöner Toni“ – an dessen Uraufführung Mitte der 1990er Jahre in Jerusalem Peter Finkelgruen und dessen gesamte Familie teilnahm, einschließlich seiner Enkelkinder – sowie der Filmemacher Dietrich Schubert (Schubert 1997). In diesem Kontext verweist Finkelgruen in innerlich identifizierender Weise auf die wegweisenden Studien seines Exil-Pen Freundes Hans Keilson, niederländischer Schriftsteller und Psychoanalytiker, zu kumulativen Traumatisierungsprozessen (vgl. Kaufhold 2008, 2011).

Auch er litt unter den schweren Traumatisierungen, die im Shanghai des Jahres 1942 begannen und durch diese Gerichtsprozesse, diese historisch-biografische Ungerechtigkeit wieder verstärkt wurden. Er wusste, dass er durch die Nennung des Namens des Mörders – kurz nach seiner Rückkehr aus Israel (1988) (!) – in Deutschland nur stören, das deutsche Unbewusste wecken würde. Deshalb formuliert er, angesichts der staatlichen Inaktivität, die er selbst immer wieder erlebte: „Ich kann nur eines tun – mich abwenden.“ (Finkelgruen, 2002, S. 114) Das Faktum, „dass keine deutsche Regierung (…) nach 1945 jemals die vertriebenen und geflohenen Juden, soweit sie überlebt haben, aufgefordert hat, nach Deutschland zurückzukehren“ (S. 116) sei ein Spiegelbild dieser verleugneten mörderischen Geschichte. „Man wollte die Juden nicht zurück“ (ebd.), konstatiert er.

Und in einem Nachtrag fügt er hinzu: „Erst im Mai 2001 wurde des SS-Mann Anton Malloth vom Landgericht München I endlich verurteilt – jedoch nicht wegen des Mordes an Martin Finkelgruen.“ (Finkelgruen 2002, S. 117, vgl. Übelhack 2001).

[„Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft“ – Peter Finkelgruen wird 80]

Literatur

Finkelgruen, P. (1992): Haus Deutschland. Die Geschichte eines ungesühnten Mordes. Rowohlt Verlag, Berlin.

Finkelgruen, P. (1997): Erlkönigs Reich. Die Geschichte einer Täuschung. Rowohlt Verlag, Berlin. https://www.bod.de/buchshop/erlkoenigs-reich-peter-finkelgruen-9783734744600

Finkelgruen, P. (2002): Kleine Festung Theresienstadt. Oder wie man Geisel der Verhältnisse bleibt. Protokoll einer Scheidung, in: Behrens, K. (2002): Ich bin geblieben – warum? Juden in Deutschland – heute. Gießen: Psychosozial Verlag.

Finkelgruen, P. (Hg.) (2013): Jubeljung begeisterungsfähig. Zum 90. Geburtstag von Ralph Giordano, Books on Demand, Norderstedt. http://buecher.hagalil.com/2013/04/giordano/

Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944, Hrsg. Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Englhart, Books on Demand, Norderstedt. https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415

Giordano, R. (1982): Die Bertinis. Roman. Frankfurt a. M.: S. Fischer TB.

Giordano, R. (1992): Ich bin angenagelt an dieses Land. Reden und Aufsätze über die deutsche Vergangenheit und Gegenwart. Hamburg: Rasch und Röhrig.

Giordano, R. (1993): Justiz-Schutz für Mörder. Besprechung von Peter Finkelgruen: Haus Deutschland, Frankfurter Rundschau, 9.1.1993.

Giordano, R. (2012): Für Peter Finkelgruen. Zum 70. Geburtstag, haGalil, 5.3.2012: https://www.hagalil.com/2012/03/finkelgruen-6/

Kaufhold, R. (2008): „Das Leben geht weiter“. Hans Keilson, ein jüdischer Psychoanalytiker, Schriftsteller, Pädagoge und Musiker, Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, H. 1/2-2008, S. 142-167.

Kaufhold, R. (2011): „Hitler war für mich – eine Schicksalsfigur. Ich dachte, er müsste ein sehr gestörter Mann sein. Jemand, der nicht lieb haben konnte.“ Zum Tode von Hans Keilson (12.12.1909 – 31.5.2011), in: Kinderanalyse 19 (4), 2011, S. 354-365.

Kaufhold, R. (2013a): Unermüdlich streitbar: Filmemacher, Romancier, Essayist und Mahner: Ralph Giordano wird 90, Jüdische Allgemeine, 20.3.2013.

Kaufhold, R. (2013b): „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“. In: Finkelgruen (Hg.) (2013), S. 51-66.

Kaufhold, R. (2014): Nachruf: Das Leben eines Davongekommenen. Ralph Giordano überlebte die Schoa und blieb bewusst in Deutschland. Sein Motto hieß: „Dennoch“, Jüdische Allgemeine, 12.10.2014: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/das-leben-eines-davongekommenen/

Kaufhold, R. (2018): Nazi-Ikone aus familiärer Tradition. Himmler-Tochter Gudrun stirbt mit 88, Belltower, 3.7.2018: https://www.belltower.news/nazi-ikone-aus-familiaerer-tradition-himmler-tochter-gudrun-stirbt-mit-88-48478/

Kaufhold, R. (2020): Bücher über Edelweißpiraten (1980-2019). Eine Chronologie. In Finkelgruen (2020), a.a.O., S. 227-342.

Parnass, P. (2014): Mein lieber Ralle. Letzter Gruß an einen alten Freund: Die Hamburger Autorin Peggy Parnass verabschiedet sich von Ralph Giordano, Jüdische Allgemeine, 15.12.2014: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/mein-lieber-ralle/

Schröm, O. & A. Röpke (2002): Stille Hilfe für braune Kameraden. Das geheime Netzwerk der Alt- und Neonazis. Berlin: Christoph Links Verlag.

Schubert, D. (1997): Unterwegs als sicherer Ort. Dokumentarfilm, Deutschland (www.schubertfilm.de).

Seehaus, G. & P. Finkelgruen (2007): Opa und Oma hatten kein Fahrrad. Norderstedt: Books on Demand. https://www.bod.de/buchshop/opa-und-oma-hatten-kein-fahrrad-gertrud-seehaus-9783837013597

Suchan, B. (1998): Der ‚Schöne Toni‘ Malloth auf der Bühne. Joshua Sobols „Schöner Toni“ im Theater im Künstlerhaus: Nicht Rache, sondern Gerechtigkeit, haGalil: https://www.hagalil.com/archiv/98/03/malloth1.htm

Übelhack, A. (2001): Prozess gegen Anton Malloth eröffnet: Mitleid mit einem alten Greis?, haGalil, 24.4,2001: http://judentum.net/deutschland/malloth.htm

 

[1] Ursprünglich wurde Peter Finkelgruens Familienname mit „ü“ – also: Finkelgrün – geschrieben. Als Peter Finkelgruen 1959 nach Deutschland einwanderte hatten die zuständigen britischen Behörden in Bonn, bei denen er sein in Israel erworbenes englisches Abitur anerkennen ließ, auf ihrer Schreibmaschiene kein „ü“. Seitdem wird sein Familienname mit „ue“ geschrieben. Um eine Verwirrung beim Lesen zu vermeiden schreibe ich ihn in dieser Studie durchgängig in der heute geläufigen Schreibweise.

[2] Unter der angegebenen Anschrift firmiert auch heute noch die Burschenschaft Germania, der in Medienberichten eine Nähe zu sehr Rechten nahegelegt wird: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschaften-die-ehrenhaften-jungs-von-der-germania-a-242348.html; dort soll 1977 auch die Gründung des „Rings Freiheitlicher Studenten“ (RFS) stattgefunden haben; einige seiner Mitglieder gehörten zu den Gründungsmitgliedern  der sehr rechten Gruppierung, aus der später Pro Köln entstand: http://www.koelnganzrechts.de/weitere/germania.html