Terrorfahndung: Köln, Herbst 1978

Der verdächtige Jude und die junge blonde Frau. Eine persönliche Erinnerung an den „Deutschen Herbst“.

Von Roland Kaufhold 

Herbst 1978, die Jahre der Verunsicherung, des blindwütigen Terrors der RAF. Aber auch die Jahre des Wohlstandes, der Stabilität, die ein seit vier Jahren amtierender sozialdemokratischer Bundeskanzler Helmut Schmidt symbolisiert. Ein Bundeskanzler, der sich drei Jahre später in eine persönlich gefärbte, mit starken Emotionen ausgetragene öffentliche Auseinandersetzung mit dem seit 1977 amtierenden konservativen israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin begibt. 1981 sollte es zum offenen Schlagabtausch zwischen dem Holocaust-Überlebenden Menachem Begin und dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt – der seinen jüdischen Großvater beharrlich verleugnete – kommen (vgl. Brenner 2013). Erst nach Begins Rücktritt, im Mai 1985 kam Schmidt mit seiner Frau Loki zu einem privaten Besuch nach Israel. Menachem Begin hingegen sollte keinen Anlass sehen, auch nur eines seiner empörten Worte zurück zu nehmen.

Köln, Siebengebirgsallee: „Ich sah in die Mündung eines Maschinengewehrs“

Der 36-jährige Peter Finkelgruen und seine Ehefrau Gertrud Seehaus leben noch nicht lange in der beschaulichen gelegenen Wohnung in der Köln-Klettenberger Siebengebirgsalle 77. Es ist eine bürgerliche, idyllische Wohnumgebung: Sehr viel Grün, gewunden verlaufende, friedlich anmutende Straßen, durchgehend aufwendig restaurierte Mehrfamilienhäuser. Armut gibt es hier eher wenig. Nichts in diesen Straßenzügen erinnert mehr an das zerbombte, durch schreckliche Bausünden geprägte wiederaufgebaute Köln der Nachkriegszeit. Die Kriegstrümmer wurden mit einer eigenen Straßenbahn in den nahegelegenen Beethovenpark transportiert, wodurch dort ein eigener, heute sehr beliebter kleiner Hügel entstanden ist. Sofern doch einmal Schnee fällt in Köln versammeln sich dort sogleich Kinder mit ihren Schlitten. Das Zerstörte wurde gewissermaßen kultiviert.

Gelegen ist Finkelgruens neuer Wohnort zwischen der von Autos und einer Straßenbahn stark frequentierten Luxemburger und der kleinstädtisch anmutenden Rhöndorfer Straße, mit feinem, inspirierendem Fahrradweg. Es ist ein sehr bürgerlicher, beliebter, teurer Stadtteil. Für Finkelgruen ist es zugleich der Ort eines biografischen Neuanfangs. Vorläufig.

Die nachfolgend beschriebene Szene hatte einen Vorläufer: Bereits 1977 wurde Peter Finkelgruen zweimal zum Objekt einer polizeilichen Kontrolle. Mehrfach, im Abstand eines Jahres, wurde der Rückkehrer Finkelgruen, der biografisch Entwurzelte, von deutschen Polizeibehörden in den Kontext terroristischer Pläne gesetzt. Eine Erfahrung, die für einen Betroffenen der Shoah nicht nur traumatisierend, sondern für einen Journalisten zugleich auch rufschädigend ist.

Und eigentlich hatten die Szenen für den 1942 in Shanghai Geborenen noch einen weiteren, traumatischen Vorläufer: Sieben Jahre zuvor, 1971, war seine damalige Frau Irmtrud Finkelgruen bereits im Rahmen einer politischen Kampagne gegen den linksliberalen, mit den Finkelgruens befreundeten Jurahochschullehrer und FDP-Politiker Ulrich Klug in den Kontext einer Unterstützung von RAF-Terroristen (Astrid Proll, heute eine renommierte Fotografin) gestellt worden (vgl. Kaufhold 2019c).

Am Freitagabend, dem 22. September 1978 gegen 19.50 Uhr wird dieser gediegene Wohlstand, diese Stille, abrupt durch einen massiven Polizeieinsatz durchbrochen. Die scheinbar stabile Demokratie zeigt Bruchlinien.

Gertrud und Peter Finkelgruen wohnen noch nicht lange hier. Sie kommen gerade aus Paris, ihre Wohnung wird noch von Handwerkern instand gesetzt. Ihre 15-jährige Tochter Anna ist mit einer Freundin alleine zu Hause. Die Finkelgruens kommen nach Hause, in ihre im 3. Stockwerk gelegene Wohnung. Die Wendeltreppe in das höher gelegene Appartement ist noch nicht eingebaut. Junge Männer arbeiten daran. Im Kapitel „Prager Nachspiel: Köln, Oktober 1977“[1] in Haus Deutschland erinnert sich Finkelgruen: „Ich musste durch das Treppenhaus. Als ich die Wohnungstür öffnete, sah ich in die Mündung einer Maschinenpistole. Ein älterer Polizist hielt sie im Anschlag. Er war nicht allein. Die Treppe hinauf und hinunter standen Polizisten, die mit Maschinenpistolen auf unsere Tür zielten.“ (S. 110) Finkelgruen bleibt erstaunlich gelassen. Er spürt, dass jede unbedachte Reaktion gefährlich ist. „Ich sage nur den Frauen in der Küche Bescheid. Damit sie nicht erschrecken“, sagt er zu einem mit einem Maschinengewehr ausgerüsteten Beamten. Dann öffnet er die Tür. Sogleich ist seine Wohnung mit Polizisten und Maschinenpistolen gefüllt. Die Ausweise werden penibel kontrolliert, auch der ihrer Tochter. Peter Finkelgruen öffnet die Balkontür: Große Scheinwerfer und zahlreiche Polizisten blicken auf sein Fenster, Maschinengewehre im Anschlag. Es herrscht eine gespenstische Stille. Sein hell erleuchtetes Haus ist zum Zentrum einer Anklage geworden, Symbol einer kollektiven Verdächtigung. Sie gilt dem wohl einzigen in dieser Straße lebenden Juden. Die Maßnahmen dienten der Bundesrepublik, es werde eine Terroristin gesucht. Das ist das Einzige, was ihm ein älterer Polizist zuraunt. Die anderen schweigen. Und richten ihre schweren Waffen weiterhin auf ihn. Der Beamte verweist noch auf die fehlenden Vorhänge: Dies solle er besser ändern. Er könne sich ja bei der Polizei beschweren und Anzeige erstatten, raunt er ihm abschließend zu.

Ergänzende Erinnerungen

Diese gewaltsam-bedrohliche Szene hat sich nicht nur in Peter, Gertrud und Anna Finkelgruens Erinnerung tief eingewoben, sondern auch in die seiner damaligen Mitbewohner – hierunter ein Regisseur, eine Lehrerin und der seinerzeit 23-jährigen Studentin Petra Seeger. Die langhaarige blonde, im damaligen Zeitstil gekleidete Petra Seeger wollte einen Mitbewohner besuchen; sechs Monate zuvor hatte sie noch mit ihm im Haus gewohnt. Heute arbeitet Petra Seeger als Filmregisseurin und Produzentin in Köln. Einer ihrer Filme – Auf der Suche nach dem Gedächtnis – portraitiert den Lebensweg des jüdischen Hirnforschers und Nobelpreisträgers Eric Kandel.

Herbst 1978, von Vielen der jüngeren Generation als der Deutsche Herbst erinnert (vgl. Fassbinder et. al., 1978): Es war die Zeit der Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyers. An das Datum meine ich mich noch zu erinnern: Es war mein 17. Geburtstag. Auch nach der an der Entführung beteiligten Terroristin Angelika Speitel wird intensiv gesucht. Speitel wird, dies sei zur zeitlichen Einordnung angemerkt, zwei Tage später bei einer Auseinandersetzung mit Schusswaffengebrauch in einem Dortmunder Wäldchen festgenommen. Drei Terroristen, darunter Speitel, hatten im Wald Schießübungen durchgeführt, Nachbarn hatten die Polizei hierauf aufmerksam gemacht. Die drei Terroristen eröffnen das Feuer, als sie die Polizisten, nur sechs Meter entfernt, sehen. Speitel selbst wird schwer verletzt, ein weiterer Terrorist getötet, ein Dritter entkommt unverletzt. Ein Polizist wird getötet, ein weiterer schwer verletzt (vgl. Der Spiegel, 10.9.1979). Speitel, die wie Einige über ihre Tätigkeit in der Stuttgarter Kanzlei Klaus Croissant zur RAF kam, wird 1979 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Sie distanziert sich kurz darauf vom Terrorismus und wird zehn Jahre später, im März 1989, von Bundespräsident von Weizsäcker begnadigt.[2]

Ich frage am 11.10.2016 per Mail bei der in Köln lebenden Filmregisseurin Petra Seeger – deren Namen ich in Finkelgruens Prozessunterlagen gefunden habe, als die „verdächtige“ Besucherin – nach. Sie antwortet sogleich, unkompliziert: Sie arbeite soeben an einem autobiografischen Spielfilm, der ausgerechnet kurz vor diesem Zeitraum ende. Ja, die Szene sei ihr bis heute sehr bewusst, sie habe sie eindrücklich geprägt, politisiert. Weiterhin schreibt sie mir:

„Bis heute ist diese Begebenheit für mich einschneidend! Manchmal dachte ich schon ich habe mir sie eingebildet. Insofern bin ich nun erst einmal ‚beruhigt‘, dass sie, so wie von mir erinnert, auch stattgefunden hat. Es scheint dass ich Angelika Speitel auf dem berühmten Fahndungspalkat, das damals überall aushing, ‚ähnlich‘ sah oder es in der damaligen Hysterie so wahrgenommen wurde.

An dem Tag ging ich zu einer Art Versöhnungsbesuch zu X. X. in die Siebengebirgsallee 77. Wir waren ein Paar und hatten uns ungefähr ein Jahr zuvor getrennt. Ich kaufte an der Ecke in der Bäckerei, in der ich früher immer eingekauft hatte, Kuchen und brachte ihn mit. Als wir beim Kaffee im Wohnzimmer saßen klingelte es stürmisch. X. ging zu Tür und ich blieb im Wohnzimmer, es lief auch Musik. Bevor er zur Tür kam donnerte es gegen die Tür. Ich hörte laute Rufe, Stimmen und dann X. der laut rief: „Petra, komm in den Flur!!“ Es war ziemlich dramatisch weil ich nicht wusste, was los war, ich dachte an einem Überfall. Ich hatte Angst. X. rief immer dringlicher. Ich ging dann langsam aus dem Zimmer in den Flur. Jemand schrie „Hände hoch!“ Ich sah X. geschockt an der Tür und ein schwarzes Überfallkommando in voller Montur, ihre Gewehre auf mich gerichtet, Helme, Stiefel, martialisch. Irgendwann schrien sie ‚Ausweis‘! X. gab mir den Rat langsam zu meiner Tasche im Wohnzimmer zu gehen mit erhobenen Armen und den Ausweis zu holen. Ich weiß noch, dass es lange dauerte bis sie den überprüft hatten. In der Zwischenzeit durchsuchten sie die Wohnung. Ich hatte die ganze Zeit Angst. Nach langer Zeit kam Entwarnung, was meine Person betraf.“

Die beiden versuchen – wie kurz danach auch Finkelgruen – herauszubekommen, wer die Anzeige gemacht habe. Keine Antwort. Die Stimmung blieb die ganze Zeit sehr bedrohlich, niemand sagte etwas: „Sie sagten die Anzeige sei anonym und, dass das ganze Viertel umzingelt sei. Ich weiß noch, als sie gingen, rieten sie uns „Gardinen vor die Fenster zu machen“.“

Den gleichen Tipp gaben sie Finkelgruen. Deutscher Herbst – Terrorismus – Schleyer heimkehrende Juden – Auschwitz – die RAF als „Selbstanmaßung einer ganzen Generation“, wie es Astrid Proll 1989 im Vorwort zu einem Fotoband formulierte  – heimkehrende Juden – Gardinen – Auschwitz. Die Chronologie, diese seelisch-gesellschaftlichen Verbindungslinien sind naheliegend, geradezu zwingend.

Von diesem massiven Auftreten der schwer bewaffneten Polizisten waren auch die weiteren Hausbewohner betroffen. Seeger erinnert sich: „In der Wohnung über uns wohnte eine Freundin mit ihrem kleinen Sohn. Als wir aus der Schockstarre erwacht waren gingen wir zu ihr hoch. Bei ihr hatten sie auch die ganze Wohnung durchsucht, in jedem Zimmer nach mir gesucht. Sie hatten den schlafenden Sohn mit vorgehaltenem Gewehr im Kinderzimmer geweckt.“

Wir tauschen uns per Mail über diese traumatische, 38 Jahre zurückliegende Szene aus. Alles ist wieder da. Ihre Erinnerungen sind mit denen Finkelgruens deckungsgleich, auch was die Details betrifft – obwohl sie sich noch nie getroffen haben, weder zuvor noch in den 38 Jahren danach. Seeger fügt in einer weiteren Mail hinzu: „Mir fällt jetzt noch ein, dass der Junge hinterher Ängste hatte durch diesen Überfall im Schlaf. Ich erinnere auch noch das Detail, dass die Mutter erzählte dass die Polizei auch im Backofen nachgeschaut hatte und ihn mit ‚Manndeckung‘ geöffnet hatte.“

Petra Seeger fühlte sich damals als die „Auslöserin“ dieses Polizeieinsatzes schuldig, ihre Freundin im Haus hatte nun Ängste, wie auch der Junge. Im gleichen Jahr erlebte Petra Seeger noch zweimal vergleichbare Szenen: Sie als Verdächtige, ihre Freunde wurden festgenommen und einzeln über sie verhört. Offenkundig waren diese Verdächtigungen ihrer optischen Ähnlichkeit geschuldet. Petra Seeger nahm sich daraufhin einen Anwalt mit dem sie – ergebnislos – die Sonderkommission Schleyer aufsuchte. Ziel war es eine Art Ausweis mit Fingerabdrücken zu bekommen – was damals in einigen Fällen gemacht wurde – , der ihre Identität im Ernstfall schneller aufklären und eine Gefährdung ihrer Person oder anderer Beteiligter schneller ausschließen sollte. Dem wurde mit dem Hinweis, dass damit Missbrauch getrieben werden könne, in ihrem Fall nicht stattgegeben. 

Der Jurist und radikale Demokrat Ulrich Klug

Peter Finkelgruen, dem Deutschland viele Jahre lang sehr fremd war, der jedoch immer wieder, gegen seinen Willen, mit weiterhin aktiven Nationalsozialisten konfrontiert wurde, verfügte über die Gabe, sich ein kleines Netz von Freunden, meist Publizisten und politisch aktive Menschen, zu schaffen. Sie retteten ihm vor dem Absturz in frühkindliche Ängste, vor der Überwältigung durch Traumata. Vor mir liegt ein roter, schon in die Jahre gekommener Aktenordner mit zahlreichen Schriftstücken, größtenteils verfasst vom renommierten Juristen und Hochschullehrer Prof. Ulrich Klug. Peter Finkelgruen kannte Ulrich Klug gut aus ihrer gemeinsamen Zeit im linksliberalen-radikaldemokratischen Flügel der Kölner FDP (Siehe Kaufhold (2020), S. 250, 259f., 298, 305). Eine FDP, die Finkelgruen bereits zwei Jahre zuvor verlassen hatte, nach der „Traube Affäre“. Der international renommierte Atomwissenschaftler Klaus Traube war bespitzelt worden (vgl. Die ZEIT 5/2012).

Die Freundschaften, die gemeinsamen Grundhaltungen jedoch blieben. Der 1913 geborene Ulrich Klug, der während der Nazizeit eine Jüdin heiratete, war seit 1960 in Köln als Professor für Strafrecht tätig. Klug symbolisierte wie nur Wenige den Geist eines radikalen, liberalen Demokraten. Bereits 1962 hatte er in der „Spiegel-Affäre“ als Anwalt mitgewirkt. Von 1979 bis 1982 – also ein Jahr nach dieser, im Folgenden beschriebenen, symbolreichen Szene – , war Ulrich Klug Bundesvorsitzender der Bürgerrechtsbewegung Humanistische Union. Klug brachte zahlreiche politische Erfahrungen mit: Seit 1968 Mitglied der FDP war er von 1970 bis 1974 Staatssekretär im Justizministerium von NRW und anschließend bis zum Februar 1977 Senator der Justizbehörde in Hamburg unter Ulrich Klose (SPD). Klug gehörte zu den Wenigen – wie auch sein Parteifreund Gerhart Baum – die verurteilte Terroristen wie Ulrike Meinhof besuchten, um die Brücke zu dem jungen, radikalisierten, in den wahnhaften Terror abgedrifteten Teil dieser Generation nicht ganz abbrechen zu lassen. Für ihn gab es im demokratischen Rechtsstaat keine Alternative zum vorbehaltlosen, offenen, tabufreien Dialog. Ab Mitte der 1970er Jahre gehörte Klug in Köln auch zu den wirkmächtigsten Persönlichkeiten, die sich, in enger Zusammenarbeit mit Peter Finkelgruen, für die Rehabilitation der Kölner Edelweißpiraten einsetzte (vgl. Finkelgruen 2019; Kaufhold 2019a)

In seiner Hamburger Zeit als Justizsenator hatte Klug vor allem Rückendeckung durch die linksliberale, gradlinige und sehr mutige Bundestagsabgeordnete und FDP-Landesvorsitzende Helga Schuchardt. Als sehr junger Mensch erlebte ich sie einige Male in meiner kurzen Zeit bei den Jungdemokraten und im in der Roonstraße gelegenen Liberalen Zentrum (LZ) Köln, bis zur „Wende“ Ende 1982 (vgl. Kaufhold 2018a, b). Finkelgruen konnte ich in jenen Jahren nicht begegnen: Er war 1982 mit Gertrud Seehaus für sechs Jahre nach Israel gegangen, im Auftrag der Friedrich-Naumann Stiftung.

1972 war Schuchardt als studierte Ingenieurin der technischen Physik von Hamburg aus in den Bundestag eingezogen. Ihr damaliger Ehemann, der Jurist Wolfgang Schuchardt, war von 1975 bis 1978 Pressesprecher von Justizminister Klug.

1982, nach der „Wende“, verließen Klug und Schuchardt gemeinsam mit ca. 20.000 Linksliberalen die FDP. Im bemerkenswerten Gegensatz zu allen anderen „Prominenten“ des ehemaligen linksliberalen FDP-Flügels verlor Helga Schuchardt mit ihrem Parteiaustritt zwar ihre politische Heimat, suchte sich jedoch keine neue. Ich habe nur wenige persönliche Erinnerungen an Helga Schuchardt. Ich kann nur sagen: Sie war wirklich toll. In der retrospektiven Fernsehdokumentation Helmut Schmidt – Der Kanzlersturz – Die Wende von 1982 (2012), 30 Jahre nach der „Wende“ ausgestrahlt, sieht man wie die wirklich redegewandte Helga Schuchardt immer noch um Worte ringt, wenn sie ihre 30 Jahre zurückliegende abgrundtiefe demokratische Abscheu vor dem selbstgefälligen Herrn mit der viereckigen Kassengestellbrille zum Ausdruck zu bringen versucht: „Ich war 1982 völlig unfähig, diesen Mann zu wählen. Ich glaub mir wär die Hand abgefault“, wenn ich Helmut Kohl hätte wählen müssen, bringt sie schließlich doch noch heraus… Von 1990 bis 1998 war Schuchardt als Parteilose dennoch Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur.

Der eigensinnig-freisinnige Kölner Jura-Hochschullehrer und Radikaldemokrat Ulrich Klug war in jenen Jahren das Hauptangriffsziel der Springer Blätter. Und nicht nur von ihr. Auch von Teilen der eigenen Partei. Sie wollten ihn mit allen Mitteln stürzen. Seinen zahlreichen, teils konspirativ agierenden parteiinternen Gegnern gelang sein Sturz schließlich im Februar 1977 durch eine Parteiintrige (vgl. Spiegel Nr. 1/1977 sowie Nr. 10/1977). Klug kehrte nach Köln zurück – und wurde nach der beängstigenden, beschriebenen „Terror-Szene“ in der Siebengebirgsallee Finkelgruens Anwalt. Für die Finkelgruens war es eine Selbstverständlichkeit, Ulrich Klug um juristische Unterstützung zu bitten. In jenen Jahren, dies sei noch nachgetragen, auch weil wir dies soeben auf haGalil dokumentiert haben, arbeiteten Ulrich Klug und Peter Finkelgruen eng bzgl. der Anerkennung der Kölner Edelweißpiraten zusammen, unterstützt auch durch ihren Parteifreund Gerhard Baum. Der angesehene Jurist trat als Sprecher der Kölner Bürgerinitiative zur Anerkennung der Edelweißpiraten immer wieder öffentlich als Redner auf. Finkelgruen dokumentierte dies auch in seinem seinerzeit unveröffentlicht gebliebenem Buch „„Soweit er Jude war“. Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944 (1981/2019); s. Finkelgruen (2019), Kaufhold/Livnat (Hg.) (2019), Kaufhold (2012, 2018, 2019a, b, 2019a, b, d).  

Die Akten

Vor mir liegen diverse juristische Schreiben von Prof. Ulrich Klug an den Kölner Polizeipräsidenten sowie an den Generalstaatsanwalt, weiterhin deren Antwortschreiben, alles aus dem Zeitraum vom 27.9.1978 bis zum 23.2.1979.

Fünf Tage nach den polizeilichen Eingriffen, am 27.9.78, schreibt Prof. Ulrich Klug, mit Absenderangabe seines Dienstortes Universität zu Köln, an den Kölner Polizeipräsidenten, unter Verweis auf eine von Finkelgruen ausgestellte Verteidigervollmacht. Klug beschreibt, dass an besagtem Abend gegen 19.50 Uhr „ein Sonderfahndungskommando“ von drei bis vier Polizeibeamte in Zivil in die Wohnung des abwesenden Finkelgruen eingedrungen seien, „aufgrund eines Hinweises aus der Bevölkerung.“ Es sei bestätigt worden, „dass die Ermittlungen zu keinem Ergebnis geführt hätten.“ Klug bezeichnet „diesen Vorfall“ als „das letzte Glied einer Kette von früheren kriminalpolizeilichen Aktivitäten“ gegen seinen Mandanten. Vorausgegangen seien Vernehmungen durch Kriminalpolizeibeamte im September und Oktober 1977 in Finkelgruens Wohnung. Im Oktober 1977 habe bereits eine „große Durchsuchungsaktion der Kriminalpolizei“ stattgefunden. Diese Fahndung habe einen „spektakulären Charakter“ gehabt: „Die Beamten gingen mit Waffen im Anschlag vor. Außerdem wurden Scheinwerfer eingesetzt. Das Aufsehen, das hierbei erregt wurde, war erheblich.“ Als Grund wurden „Hinweise aus der Bevölkerung“ genannt. Sprich: Der Jude Finkelgruen war bereits seinerzeit Objekt gezielter anonymer Denunziationen. Diese „nicht abreißende Kette der Maßnahmen“ drängten den Verdacht auf, „dass irgendein Denunziant die Kriminalpolizei getäuscht“ habe. Hierdurch werde Finkelgruen und seine Familie fortgesetzt psychisch schwer belastet. Zusätzlich werde durch diese Denunziationen „die Wirksamkeit der kriminalpolizeilichen Fahndung gegen Terroristen durch falsche Verdächtigungen schwerwiegend beeinträchtigt.“ Er bitte um Überprüfung der Maßnahmen auf Erforderlichkeit und Rechtmäßigkeit, und Klug fügt zehn verschiedene Detailfragen hinzu. Abschließend hebt er die „erheblichen Rufschädigungen“ hervor, die Finkelgruen bisher zugefügt worden seien.

Einen vergleichbaren Schriftsatz schickt Klug parallel an die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Köln.

Die Antwortschreiben des Kölner Polizeipräsidenten weichen dem Kern von Klugs Anfrage – es geht um die gezielte, als „anonym“ bezeichnete Denunziation Finkelgruens, die sich in eine Kette vergleichbarer früherer Denunziationen einreiht –  aus. Weiterhin verweisen sie auf die Zuständigkeit des Generalbundesanwaltes. Am 20.12.78 verschickt Klug deshalb an den Kölner Polizeipräsidenten sowie am 22.12.78 an die Staatsanwaltschaft Köln sowie an den Generalbundesanwalt in Karlsruhe erneute Schreiben, in denen er auf die Klärung des Sachverhaltes insistiert. Immerhin trug diese Denunziation zu einer schweren Rufschädigung des Journalisten Finkelgruen bei. Dieser lief Gefahr, im Kontext der angespannten Gesamtsituation in der Bundesrepublik durch den gleichermaßen sinnlosen wie gesellschaftlich spaltenden Terrorismus gegebenenfalls seine Tätigkeit als Redakteur bei der Deutschen Welle zu verlieren.

Im Schreiben vom 20.12.78 an den Kölner Polizeipräsidenten werden die vorhergehenden Darstellungen des Polizeipräsidenten bzgl. verschiedener Aspekte zurück gewiesen, auch unter Verweis auf das von einem Rechtsanwalt (Wackerhagen) eingereichte Zeugnis der Bewohnerin H. der Parterrewohnung: Es hätten nicht zwei, sondern vier Polizeibeamte die Wohnung betreten, „und zwar ohne zu fragen, ob die Bewohner hiermit einverstanden seien.“ Weiterhin sei die Feststellung unzutreffend, dass die Polizisten Finkelgruens Wohnung nicht betreten hätten. Dies habe die Familie Finkelgruen eindeutig versichert und dies habe der „diensttuende Beamte im Polizeipräsidium“ nach telefonischer Rückfrage eindeutig bestätigt. Auch aus dem Dienstbuch ergäbe sich „das Betreten der Wohnung meines Mandanten.“

Klug führt weiterhin ein Telefongespräch von Gertrud Seehaus mit dem Polizeipräsidium an, in dem sie mitteilte, dass sie eine Reise unternehmen müsse, so dass ihre 15-jährige Tochter in dieser Zeit alleine sei. Sie wies den Polizeibeamten eindringlich darauf hin, auch aufgrund der vorhergehenden traumatischen, Angstreflexe auslösende Erfahrungen ihrer Tochter bei der Durchsuchung, dass man nicht wissen könne wie ihre Tochter auf eine erneute polizeiliche Untersuchung reagieren werde. Dies könnten wiederum die Beamten falsch verstehen. Als Mutter befürchte sie, „daß gegebenenfalls sogar Leibes- und Lebensgefahr für ihr Kind“ die Konsequenz sei. Sie bitte deshalb um die Bestätigung, „daß während ihrer Abwesenheit mit einer Wiederholung der polizeilichen Maßnahmen nicht gerechnet zu werden brauche.“ Klug fügt in seinem Schreiben hinzu: „Diese Bestätigung wurde jedoch abgelehnt.“

Ulrich Klug verweist auf die vorhergehenden, ein Jahr zurückliegenden (Oktober und November 1977) massiven polizeilichen Maßnahmen gegen Finkelgruen: Im Oktober seien zweimal je zwei Polizeibeamte in Finkelgruens Wohnung sowie in die Wohnungen weiterer Hausbewohner gekommen, was bereits seinerzeit die Gefahr einer Rufschädigung für den Journalisten Finkelgruen dargestellt habe. Im November 1977 wurde sodann ein Herr Y. Y. „in das Polizeipräsiduum bestellt und dort intensiv über die Familie Finkelgrün befragt. Dieser informierte Gertrud Seehaus-Finkelgruen anschließend über die Vernehmungen, was bei ihr eine starke Schockreaktion auslöste. Sie rief im Polizeipräsidium an und erbot sich, „die gewünschten Auskünfte umfassend zu geben, sofern ihr konkrete Fragen gestellt würden. Dies Angebot wurde nicht in Anspruch genommen.“ Peter Finkelgruen befand sich seinerzeit als Korrespondent anlässlich des sensationellen Besuches des ägyptischen Präsidenten Anwar el-Sadat in der israelischen Knesset (20.11.1977) in Jerusalem. Sadats Knesset- Rede war ein Weltereignis. Als erstes arabisches Land signalisierte Ägypten seine Bereitschaft zur Annäherung an Israel. „Friede“ in Nahost erschien als möglich.

Im Schreiben vom 22.12.78 an die Kölner Staatsanwaltschaft bittet Klug im Interesse einer Klärung der Verdachtsgründe, „die zu dem kriminalpolizeilichen Einschreiten führten“, erneut um eine Beibeziehung der kriminalpolizeilichen Akten. In diesen Akten war Angelika Speitel konkret als Gesuchte genannt worden: „Ich gehe davon aus, daß es der Polizeibehörde ein Leichtes sein wird, der Staatsanwaltschaft mitzuteilen, um welche „Hinweise aus der Bevölkerung“ es sich handelte, die zu den in Rede stehenden kriminalpolizeilichen Aktivitäten gegen meinen Mandanten führten.“, fügt Klug hinzu. In seinem Schreiben an den Generalbundesanwalt in Karlsruhe – welches notwendig war, weil die Kölner Staatsanwaltschaft sich der Beantwortung seiner Fragen weitgehend entzog, unter Hinweis darauf, dass der Generalbundesanwalt für den Einsatz im Rahmen der Suche nach Terroristen verantwortlich zeichnete –  wiederholt er seine Anfragen und fügt alle bisherigen Schreiben hinzu. Klug verweist darauf, dass Finkelgruen bisher trotz Nachfrage nichts Näheres zu den Hintergründen mitgeteilt worden sei und betont: „Eine erhebliche Rufschädigung bahnt sich an und ist möglicherweise schon eingetreten.“  

Bisher durfte deutlich geworden sein, dass Finkelgruen seine Rechte als betroffener Staatsbürger nur deshalb, unter sehr erheblichem persönlichem und finanziellem Aufwand, zu vertreten vermochte, weil er Unterstützung durch einen sehr renommierten Juristen erhielt.

Die folgenden juristischen Antwortschreiben des Kölner Polizeipräsidenten (6.2.79), des Generalbundesanwaltes beim Bundesgerichtshof (7.2.79) sowie der Staatsanwaltschaft Köln (23.2.79) demonstrieren aus meiner Sicht erneut Finkelgruens Ausgeliefertsein gegenüber massiven polizeilichen Maßnahmen: Der Kölner Polizeipräsident verweist darauf, dass der Generalbundesanwalt diese „strafprozessuale Maßnahmen“ angeordnet habe „und die von der damaligen Sonderkommission Schleyer des Bundeskriminalamtes ausgelöst oder durchgeführt wurden.“ Sollten Beamte „mit gezogenen Waffen“ das Haus betreten habe, so „entsprach das der Besonderheit des Einsatzes und der Notwendigkeit der Eigensicherung bei der Suche nach Terroristen.“ Die Kölner Polizei selbst habe keine schriftlichen Unterlagen zu dem Einsatz. Es folgt eine ausführliche Darstellung des Einsatzes; weiterhin wird darauf verwiesen, dass der Auslöser des Einsatzes die Ähnlichkeit von Frau Seeger mit der gesuchten Terroristin Speitel gewesen sei. Diese Ähnlichkeit sei auch nach Abschluss des Einsatzes und nach der Identitätsfeststellung von Frau Seeger von den Beamten bestätigt worden.

Anschließend weisen sie die Darstellung der Finkelgruens – die ja aus einer schockartigen, als traumatisch erlebten Begegnung mit den schwer bewaffneten Polizisten entstanden war – , zurück: „Sofort nach Ausräumen des Verdachts auf Identität zogen sich die Kriminalbeamten aus dem Haus Siebengebirgsallee 77 zurück. Sie betraten weder die zum dritten Stockwerk führende Treppe geschweige denn die Wohnung Ihres Mandanten.“ Es sei nicht nachvollziehbar, dass Finkelgruen mit einem solchen Beamten (s.o.) gesprochen habe. Hierfür gebe es keinerlei Belege. Die Detailfragen zu einer „Täuschung der Polizei durch vorsätzliche Denunziation“ könne er „weder schlüssig noch plausibel beantworten.“ Es folgt eine knapp eine Seite umfassende Darstellung der sehr schwierigen Gesamtsituation, der die Polizeibehörden durch den Terrorismus sowie insbesondere durch die Vorwürfe der Öffentlichkeit wegen Fahndungspannen seit Monaten ausgesetzt sei. Es ist eine Darstellung, die aus Sicht der Polizei leicht nachvollziehbar ist, die jedoch keine Beantwortung der aufgeworfenen Fragen darstellte.

Der Generalbundesanwalt schickt am darauffolgenden Tag – 7.2.1979 – ein Antwortschreiben, das dem Schreiben des Kölner Polizeipräsidenten diametral widerspricht: Sie könne die gewünschten Auskünfte nicht geben, weil die Durchsuchungen „entgegen der Ausführung des Polizeipräsidenten Köln vom 10. Oktober 1978 nicht von der Bundesanwaltschaft veranlaßt wurden. Auch beim Bundeskriminalamt befinden sich keine Unterlagen darüber.“ Der Bundesanwalt weist jedoch überraschender Weise darauf hin, dass das Haus Siebengebirgsallee 77 bereits „zwischen dem 20. und 26. September 1977 von Beamten der aus Anlaß der Schleyerentführung gebildeten Sonderkommission abgeklärt wurde.“ Erst im November 1977 – also fünf bis acht Wochen nach der Durchsuchung – , sei der inzwischen wieder eingezogene Bewohner der 2. Etage „ohne Namensnotierung befragt“ worden. Abschließend wird ausgeführt: „Der Name Ihres Mandanten ist in keinem der beim Bundeskriminalamt eingegangenen Hinweise verzeichnet.“

Die Kölner Staatsanwaltschaft verweist in ihrem Schreiben vom 23.2.79 auf die bisherigen Darstellungen der anderen Behörden und weist die „Ihrer Strafanzeige zugrundeliegende Mutmaßung“ zurück, „Ihr Mandant sei im Sinne des § 164 StGB falsch verdächtigt worden.“ Der „anonyme Hinweisgeber“ habe weder Finkelgruen „noch sonst jemanden einer mit Strafe bedrohten Handlung verdächtigt oder beschuldigt.“ Von daher habe er das Verfahren eingestellt. Auf die naheliegende Frage nach der Identität der vorgeblich „anonymen Hinweisgeberin“ wird nicht eingegangen. Dass die Identität dieser Person – die von Finkelgruen und den weiteren betroffenen als eine Denunzianten wahrgenommen werden muss – nicht feststellbar sei erscheint jedoch als eher unwahrscheinlich.

Epilog: Ein Brief an die „lieben Nachbarn“…

Die Geschichte hat noch ein kleines, bemerkenswertes Nachspiel: Die Bewohner des Hauses Siebengebirgsallee 77 schließen sich zusammen. Sie lassen die gezielte Denunziation nicht auf sich beruhen. Sie, die durch den massiven Polizeieinsatz der Gefahr der Stigmatisierung als „Terrorunterstützer“ wehrlos ausgeliefert sind, lassen sich nicht einschüchtern. Sie lassen sich auch nicht gegeneinander ausspielen. Gemeinsam verfassen sie ein Flugblatt, überschrieben mit „Gegen die Schnüffelpraxis in der Siebengebirgsallee.“ Auch dieses, unmittelbar nach dem Erlebnis verfasste, heute nur noch schwer entzifferbare Flugblatt hat Finkelgruen aufbewahrt. Unterschrieben haben es sechs Hausbewohner sowie Petra Seeger. Es wurde in den Tagen nach dem Überfall im gesamten Wohnumfeld verteilt: „Zur Information über den Polizeieinsatz (…) wollen wir allen Anwohnern der Siebengebirgsallee die „Danksagung“ des Hauses Nr. 77 mitteilen“, lautet die erste Zeile. Dann folgt, eingerahmt, die ironisch formulierte „Danksagung“, die sich vor allem an den – auch in den staatsanwaltschaftlichen Stellungnahmen anonym gebliebenen – Denunzianten wendet. „Die unterzeichnenden Bewohner“, so heißt es weiter, bedanken sich „recht herzlich für die gestrige Entsendung eines bewaffneten Polizeitrupps.“ Ausgelöst wurde er durch einen „freundlichen Hinweis eines Nachbarn“. Die Hausbewohner hätten sich als „ausreichend verdächtig gemacht“ als Terroristen, Kommunisten und Anarchisten. Verdachtsmomente seien – und hierbei beziehen sie sich auch auf die vereinzelten Anmerkungen eines einzelnen Beamten – dass sie zwischen 25 und 35 Jahre alt seien, unverheiratet, Fahrradfahrer, ihre Fenster nicht regelmäßig putzten, keine Gardinen vor den Scheiben haben, häufig Besucher empfangen, die Plastiktüten, Einkaufsnetze oder Kartons tragen, in denen sich selbstredend Pistolen, Maschinengewehre und umstürzlerische Schriften befänden. Leider sei trotz der anonymen nachbarschaftlichen Denunziation kein Terrorist gefasst und auch nicht geschossen worden. „Aber“ – so lautet der Schlusssatz ihres Schreibens an die Köln-Klettenberger Nachbarn – „vielleicht lohnt sich der Anruf bei der Kripo das nächste mal. Deswegen: Beobachten Sie dieses Haus genau! Jedermann ist zu Jederzeit zu jedem Spitzeldienst bereit!“ Es folgen die Unterschriften, hierunter auch die der Finkelgruens.

In den Zeiten der Angst, der Denunziation, der Hysterie dürfte dies eine durchaus außergewöhnliche öffentliche Reaktion auf eine Denunziation gewesen sein, im „Deutschen Herbst“ Ende der 70er Jahre.

… Und ein persönlicher Epilog: Hannns Martin Schleyer in Prag

Peter Finkelgruen ist bei seinen mehrjährigen Spurensuchen zu seiner Familiengeschichte – die von dem verfolgungsbedingten Tod seiner Eltern im Exil, der Gefangenschaft seiner Großmutter Anna in mehreren Konzentrationslagern sowie von der Ermordung seines Großvaters in Theresienstadt markiert sind, wie auch seiner eigenen traumatischen biografischen Entwurzelung, immer wieder auf einen Namen gestoßen, der auch bei der furchterregenden Durchsuchung seines Hauses ausschlaggebend war: Hanns-Martin Schleyer.

Der ehemalige deutsche Arbeitgeberpräsident und seit 1977 Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Schleyer wurde von Terroristen der RAF entführt und am 18.10.1977 ermordet. Seine Ermordung war sinnlos, brutal, kriminell und zynisch. Sie löste eine der schwersten Staatskrisen der Nachkriegszeit sowie massive Einschränkungen bei bürgerschaftlichen Freiheiten aus. Auf Wikipedia (13.10.2016) findet sich zu seiner Person diesbezüglich die Darstellung: „Als kompromissloser Vertreter der Wirtschaft mit Vergangenheit als SS-Mann gab Schleyer für Teile der deutschen Linken das ideale Feindbild ab.“

Spätestens bei den Versuchen seiner Freilassung wurde bekannt – so schreibt Finkelgruen in seiner familiären Autobiografie (1992, S. 113) – , dass Schleyer „sich selbst als altgedienter Nationalsozialist und SS-Führer bezeichnete“. Finkelgruen fügt hinzu: „Hanns-Martin Schleyer trat seinen Dienst in Prag am 9. November 1941 an.“ (ebd.) Er war bereits seinerzeit sehr mächtig und war im Protektorat an der „größte(n) Kapitalenteignung der europäischen Geschichte“ maßgeblich beteiligt.

Sein Großvater Martin Finkelgruen, in Bamberg ein angesehener und relativ wohlhabender Geschäftsmann, wurde systematisch ausgeplündert, um den Wohlstand der Arier zu erhöhen. Der Nationalsozialismus war nicht nur ein unvorstellbar grausames und umfassendes Massenmordprogramm. Es war vor allem und zuerst – wie insbesondere Götz Aly (u.a. 2005, 2017) in seinen Studien belegt hat – ein gigantisches Raubprogramm zur Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Millionen von Menschen verdienten daran. Millionen von Menschen sahen die entrechteten Juden auf den Straßen des Deutschen Reiches, als ihre Synagogen angezündet, als sie aus ihren Wohnungen vertrieben und dann mit der Deutschen Bahn in die Konzentrationslager transportiert wurden. Die Wohnungen der deutschen Juden wurden frei, alle wussten wie – und Deutsche zogen in ihre Wohnungen ein. Es war auch Martin Finkelgruens Geld, mit dem das Arisierungsprogramm umgesetzt wurde.

Finkelgruen beendet 1992 sein Buchkapitel Prager Nachspiel: Köln, Oktober 1977 über den Polizeieinsatz in seiner Wohnung so:

„Großmutter hat mir erzählt, daß nach ihrer und Martins Verhaftung Deutsche in die Wohnung gezogen seien. Kurz vor der Befreiung seien sie geflohen. Die Wohnung war verlassen, als Großmutter aus Auschwitz zurückkehrte. Die alten Möbel waren noch da. Es muss merkwürdig gewirkt haben, gleichsam konserviert.

Nur Martin war nicht mehr da.

Hans, sein Sohn, war auch tot.

Die Täter aber lebten.

Das wußte Anna nicht. Sie kam aus Auschwitz, von einem anderen Planeten. (…)

Ich habe Hanns-Martin Schleyer nicht entführt.

Auch nicht Otto Bräutigam.

Ich habe Anton Malloth nicht ermordet.“ (Finkelgruen 1992, S. 114f.)

[„Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft“ – Peter Finkelgruen wird 80]

Verwendete Materialien:

Petra Seeger (2016): Persönliche Erinnerung, Schreiben vom 10.10.2016 an RK.
Peter Finkelgruen: Schreiben vom 10.10.1978 (6 Seiten)
Ulrich Klug: Strafanzeige gegen Unbekannt wegen falscher Verdächtigung. Schreiben an die Staatsanwaltschaft bei dem Kölner Landgericht, 27.9.1978
Ulrich Klug: Schreiben an den Kölner Polizeipräsidenten, 27.9.1978
Antwortschreiben des Kölner Polizeipräsidenten an Ulrich Klug, 10.10.1978
Ulrich Klug: Schreiben an den Kölner Polizeipräsidenten Hoss, 20.12.1978
Ulrich Klug: Schreiben an die Staatsanwaltschaft Köln, 22.12.1978
Ulrich Klug: Schreiben an den Generalbundesanwalt, Karlsruhe, 22.12.1978
Polizeipräsident Köln: Schreiben an Prof. Dr. Ulrich Klug, 6.2.1979
Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof: Schreiben an Prof. Dr. Ulrich Klug, 7.2.79
Staatsanwaltschaft Köln: Schreiben an Prof. Ulrich Klug, 23.2.1979
Flugblatt: Gegen Schnüffelpraxis in der Siebengebirgsalle.

Alle zitierten und erwähnten Materialien sind archiviert bei der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln (RWWA), Vorlass Peter Finkelgruen, Köln, RWWA 570-16-1.

 

Literatur:

Aly, G. (2005): Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Bundeszentrale für politische Bildung.
Aly, G. (2017): Europa gegen die Juden. 1880–1945. S. Fischer, Frankfurt am Main.
Brenner, M. (2013): 1981: Schmidt gegen Begin, Jüdische Allgemeine, 9.7.2013, Internet:  https://www.juedische-allgemeine.de/politik/1981-schmidt-gegen-begin/
Deutschland im Herbst (1978): Kurzfilme und Kurzreportagen von mehreren Regisseuren, Bundesrepublik Deutschland, Regie: Rainer Werner FassbinderVolker SchlöndorffAlexander KlugeEdgar Reitz et. al.
Die ZEIT (5/2012): Uwe Wessel: Chronik einer Behörde: Spitzel, Wanzen, Bomben, Die ZEIT 5/2012. Internet: https://www.zeit.de/2012/05/Verfassungsschutz/komplettansicht
Finkelgruen, P. (1981/2019) (Hg.: R. Kaufhold & A. Livnat): „Soweit er Jude war…“.   Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944, Internet: http://www.hagalil.com/finkelgruen/
Finkelgruen, P. (1992): Prager Nachspiel: Köln, Oktober 1977, in: Finkelgruen, P.: Haus Deutschland, S. 110-115.
Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln. Herausgeber: Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Engelhart. Books on Demand, Norderstedt 2020. https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415
Kaufhold, R. (2012): Keine Heimat. Nirgends. Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln – Peter Finkelgruen wird 70, haGalil März 2012: http://www.hagalil.com/2012/03/finkelgruen-7/

Kaufhold, R. (2013): Im KZ-Drillich vor Gericht: Ein Sammelband beschreibt, wie Serge und Beate Klarsfeld Schoa-Täter aufspürten und der Gerechtigkeit zuführten, Jüdische Allgemeine, 4.7.2013: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/im-kz-drillich-vor-gericht/
Kaufhold, R. (2017): 40 Jahre nach Entebbe. Deutsche Linke, Erinnerungen an den Holocaust und Antizionismus, haGalil, 2.2.2017: http://www.hagalil.com/2017/02/40-jahre-nach-entebbe/
Kaufhold, R. (2018a): Adresse der Linksliberalen. In Köln erinnerte eine Festveranstaltung an die Gründung des Liberalen Zentrums vor 40 Jahren, Neues Deutschland, 27.8.2018, Internet: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1098550.linke-bewegung-adresse-der-linksliberalen.html?sstr=roland|kaufhold
Kaufhold, R. (2018b): Radikaldemokraten und Liberale unter einem Dach. Vor 40 Jahren wurde in Köln das Liberale Zentrum gegründet, haGalil, Internet: http://www.hagalil.com/2018/09/lz-koeln/
Kaufhold R. (2019a): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten (1980-2019). Zeitlich chronologisch geordnet. Internet: http://www.hagalil.com/2019/09/edelweisspiraten-kontroverse/)
Kaufhold, R. (2019b): Die Unangepassten. Vor 40 Jahren verfasste Peter Finkelgruen ein Buch über die Kölner Edelweißpiraten, Jüdische Allgemeine, 6.10.2019. Internet: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/die-unangepassten/
Kaufhold, R. (2019c): „Versuchten Gefangenenbefreiung und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“. Irmtrud und Peter Finkelgruen, die RAF, Prof. Ulrich Klug und FDP-Partei“freunde“ (1971 – 1974), haGalil, 2019:
Kaufhold, R. (2020a): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten. Eine Chronologie. In Finkelgruen (2020): „Soweit er Jude war…“. Books on Demand, Norderstedt 2020. S. 217-342. https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415

 

[1] Bei der Jahresangabe hat sich Finkelgruen um ein Jahr geirrt, auch Ausdruck seiner tiefen Erschütterung.

[2] Vgl. Der Spiegel 13.3.1989: „Sie hat ihre Tat aufrichtig bereut“, Internet: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13493721.html