Peter Finkelgruens Neuanfang in Freiburg (1959)

Die Mussolini-Verehrerin und -Biografien Louise Diel als Vermieterin von Peter Finkelgruen…

Von Roland Kaufhold

Sommer 1959: Es ist eine sowohl individuell als auch gesellschaftlich sehr komplizierte Situation, die den 17-jährigen Juden Peter Finkelgruen im Sommer 1959 dazu veranlasste, gemeinsam mit seiner – nicht-jüdischen – Großmutter Anna von Israel ausgerechnet nach Deutschland zu übersiedeln. Äußerlich war sein Studienwunsch der Auslöser: Weitgehend mittellos vermochte Peter Finkelgruen in Israel nicht zu studieren. Da seine 1942 sowie 1950 verstorbenen Eltern Opfer der Naziverfolgung waren, hatte er grundsätzlich Anspruch auf „Wiedergutmachung“ durch die Deutschen. Mit diesem „Blutgeld“ hätte er einen Teil seines Lebensunterhaltes als Student bestreiten können. In England, wo er entschieden lieber studiert hätte, hatte er keine Aussicht, „Entschädigungsgelder“ für das deutsche Morden zu erhalten. Finkelgruen hatte bereits als Jugendlicher in Israel verstanden, dass er von „den Deutschen“ nur Entschädigungsgelder erhalten konnte, wenn er seine grausame Familiengeschichte belegen konnte. Deshalb bewahrte er zeitlebens alle Dokumente auf, die er über seine ihm über Jahrzehnte vorenthaltene Familiengeschichte erhalten konnte.

Eine weitere Rolle spielte der Wunsch seiner Großmutter Anna, die drei Jahre Konzentrationslagerhaft in der Kleinen Festung Theresienstadt, in Ravensbrück, Auschwitz, Majdanek und Groß Rosenau überlebt hatte, doch wieder nach Deutschland, vielleicht sogar in ihre Heimatstadt Bamberg zurück zu kehren, dem Land ihrer Jugend. Diesen Wunsch äußerte sie Peter Finkelgruen gegenüber zwar nie direkt, dennoch spürte er ihren Wunsch, ihre unterschwelligen Erinnerungen und Sehnsüchte: Nach ihrer Befreiung bzw. ihrer Flucht auf einem Todesmarsch 1945 war sie nach Prag gegangen, weil dies die einzige Stadt war, die sie noch kannte. Auch hatte sie dort einige einflussreiche Freundinnen, mit denen sie gemeinsam Ravensbrück überlebt hatte. Nach Israel war sie 1951, nach dem Tod ihrer Tochter Esti – Peters Mutter – in Prag gegangen, weil dies der ausdrückliche Wunsch ihrer Tochter war: Dort lebte Dora, die jüdische Schwester ihres 1943 verstorbenen Ehemannes Hans, dieser hatte sie das Schicksal ihres achtjährigen Sohnes Peter in ihren letzten Briefen ausdrücklich anvertraut.

Dennoch: Peru, die USA oder England: All diese Länder wären für Finkelgruen als Studienorte günstiger und naheliegender gewesen als Deutschland: „Ich hatte ein englisches Abitur abgelegt. England oder Amerika waren mir viel näher als Deutschland“, schreibt Finkelgruen (Finkelgruen 1997, S. 57).

Freiburg

Als der 17-jährige, juristisch betrachtet noch „unmündige“ Peter Finkelgruen und Großmutter Anna in Deutschland ankommen ist es mehr oder weniger ein Zufall, dass sie in der Universitätsstadt Freiburg aus dem Zug steigen und dort eine Wohnung suchen. Von der Stadt Freiburg hatte Finkelgruen zuvor noch nie gehört. In einer zentral gelegenen Straße finden sie eine Wohnung als Untermieter. Vermieterin ist eine Frau Diel. Diese stellt sich als Schriftstellerin vor und legt großen Wert darauf, ihnen das Vermieten als eine Großzügigkeit darzustellen. Dass die Finkelgruens aus Israel kamen war ihr bekannt. Dass Peter Jude war, war deshalb anzunehmen. 

In Erlkönigs Reich hat Finkelgruen seine Begegnungen mit Diel ausführlicher beschrieben. Diese Begegnungen mit der seinerzeit 66-Jährigen verwirren ihn. Schrittweise wird dem jungen Studenten erahnbar, dass er nun im Land der Mörder des jüdischen Volkes lebt, seines Volkes. Jedoch erst ein halbes Jahrhundert später wird ihm die biografisch-politische Brisanz dieser Begegnung, deren politisch-psychologische Tiefendimension bewusst: Die 1893 geborene Diel, die er 1959 nahezu als Erste in Deutschland kennenlernt, 14 Jahre nach der Shoah, war eine glühende Verehrerin des italienischen Duce Benito Mussolini.

Ein „Tabubruch“

Ich glaube es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, was für ein Tabubruch Finkelgruens Übersiedlung von Israel nach Deutschland darstellte, im Jahr 1959. Einige Fakten, Rahmenbedingungen: 1959 gab es keinerlei direkte Verbindungen zwischen Israel und Deutschland. Nahezu alle Juden hatten Deutschland verlassen. Der junge jüdisch-demokratische Staat Israel existierte erst seit elf Jahren, war unmittelbar nach seiner international anerkannten Gründung von fünf feindlichen arabischen Staaten angegriffen worden. In den Passstempeln Israels findet sich der ausdrückliche Hinweis: Für alle Länder der Welt gültig – mit Ausnahme Deutschlands.

Etwa 70.000 deutsche Jeckes – so wurden die aus Deutschland stammenden Juden in Israel genannt (Greif et. al. 2000) – , waren in den Jahren von 1933 bis 1939 nach Israel emigriert, darunter auch Peters Tante Dora. Dora verstand sich bereits als junge Frau als überzeugte Zionistin. Für sie war es seelisch unproblematisch, in das fremde, klimatisch heiße, ökonomisch unterentwickelte Palästina aufzubrechen. Eretz Israel war ihre Hoffnung. In Palästina wurden diese vor den deutschen Nazis geflohenen Deutschen jedoch keineswegs mit ausgeprägtem Enthusiasmus empfangen: „Kommst Du aus Deutschland oder aus Überzeugung“ war eine geflügelte Formulierung. Und nach Ende der Shoah emigrierte noch einmal eine größere Anzahl von Überlebenden in das seinerzeitige Palästina. Den Begriff der Jeckes verwendete man im jungen Staat Israel vermutlich – es existieren unterschiedliche Erklärungen für diesen Begriff, aber dies ist wohl die Überzeugendste – wegen des vornehmen, über-korrekten Auftretens vieler deutscher mittelständischer Emigranten, die selbst bei der Feldarbeit, bei 40 Grad und mehr, häufig ihre korrekte Kleidung anbehielten. Für osteuropäische Juden wurden sie hierdurch zum Objekt eines Spottes – welcher wiederum durch die „bürgerliche“ Geringschätzung gespeist wurde, die eingewanderte osteuropäische Juden zuvor, Anfang des 20. Jahrhunderts, von alteingesessenen Deutschen Juden erlebt hatten.

Sie blieben in der Tat die einzigen Einwanderer in Israel, die an ihrer eigenen Kultur und Identität festhielten und die Anpassung verweigerten. Dies nahm ihnen der Rest der jüdischen Gesellschaft übel. Ihre Bindung als deutsche Juden an ihre ehemalige Heimat, aus der man sie grausam vertrieben hatte, blieb auch Jahrzehnte nach der Shoah stark. Sie waren insbesondere im Justizwesen maßgeblich an der Gestaltung des demokratischen Staates Israels beteiligt. Viele Jeckes – Schriftsteller, Journalisten – hatten in Israel mehrere deutschsprachige Zeitschriften gegründet; dennoch war deutsch die am stärksten verhasste Sprache im jungen jüdischen Staat.

Es existierten 1959 keinerlei direkte Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, diplomatische Beziehungen wurden erst sieben Jahre später aufgenommen. Alle Anfragen und Anliegen von Deutschen wurden über die Botschaft Englands in Israel abgewickelt. Die ersten indirekten Kontakte zwischen Israel und Deutschland waren 1952 in Folge der sogenannten „Wiedergutmachungsverhandlungen“ entstanden. Legendär ist der seinerzeit entstandene Ausspruch der späteren israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir[1]: „Wir sollten mit den Deutschen wie Gewinner mit Verlierern verhandeln.“ Die israelische Delegation, an der kein Vertreter der seinerzeit winzigen Jüdischen Gemeinde Deutschlands beteiligt war, lehnte es auch ab, für die Gespräche deutschen Boden zu betreten oder deutsch als Verhandlungssprach zu verwenden; die ersten Verhandlungen fanden im März 1952 im Hotel Oud Castel in Wassenaar bei Den Haag statt (Jelinek 2004, S. 167). Nach dem Luxemburger Abkommen vom 11.9.1952, gemäß dem die Bundesrepublik Israel Waren als Aufbauhilfe leisten müsse, wurde am 4.5.53 in Köln in der Subbelrather Straße 15 die sog. „Israelmission“ eröffnet. Seit Mai 2013 erinnert im Jüdischen Wohlfahrtszentrum der Synagogen-Gemeinde in Köln-Ehrenfeld eine Gedenktafel an deren Geschichte.[2]

Natürlich kam es sehr vereinzelt, aus privaten und beruflichen Gründen, zu einer Remigration nach Deutschland. Dennoch wurde diese nur „im Geheimen“ vollzogen, unter schweren Schuldgefühlen. Insbesondere für in Israel aufgewachsene Kinder wurde diese Remigranten fast immer als ein abgrundtiefer Schock erlebt, als ein Verrat, eine Entwurzelung, die sie ihr Leben lang nicht mehr loswurden. Der jüdische Psychoanalytiker Sammy Speier hat dies sehr eindrücklich beschrieben. Sammy siedelte 1958, mit 14 Jahren,  mit seinen Eltern von Israel nach Frankfurt am Main über: „Die Übersiedlung nach Deutschland wurde erwogen, dann in die Tat umgesetzt, musste jedoch geheim bleiben: Selbst Nachbarn und Freunde durften nichts davon erfahren. Sie war mit tiefster Scham verbunden – wohl bei seinen Eltern, vor allem jedoch bei Sammy Speier: „Offiziell machten wir einen Ausflug nach Europa. Die Leute haben es natürlich gerochen. Für mich war es eine Zwangsemigration, darin war es eine Wiederholung. Es war mit Scham verbunden. Auswandern aus Israel! Ich war böse auf meine Eltern.“ (Kaufhold 2012, S. 162)

Eine frühe, dunkle Angst in einem fremden Land

Peter Finkelgruen ist anfangs seelisch mit der Bewältigung der alltäglichen Anforderungen in einem ihm vollständig unbekannten Land beschäftigt. Deutsch als vertraute Muttersprache hatte er bisher nahezu nur mit seiner Großmutter sprechen können. Mehrfach hatte er zuvor in Israel erleben müssen, dass seine Großmutter, selbst eine Überlebende von Auschwitz, von Überlebenden der Shoah körperlich attackiert wurde, als sie deutsch sprach.

In Freiburg verspürt er das Gefühl einer diffusen, sprachlosen, übermächtigen Bedrohung. Einer Angst, für die er keine Worte hat. Er hat abgrundtiefe Angst vor Deutschland, vor deutschen Polizisten. Überall trifft er auf das Erbe der Nationalsozialisten, denen der größte Teil seiner Familie zum Opfer gefallen war. In einer autobiografischen Skizze hat er seine Bedrohungsgefühle im Lande der Täter – die ihn nie ganz verlassen haben – im zeitlichen Abstand von über 50 Jahren beschrieben:

„Wer lange nach 1945 geboren und vielleicht in der Sowjetunion sozialisiert wurde, mag keine großen Ängste beim Anblick deutscher Uniformen gehabt haben, als er in die Bundesrepublik kam. Ich hatte Herzklopfen und Ängste, als ich im Sommer 1959 nach Deutschland kam. Ich musste Techniken entwickeln, mich gegen diese Angst zu wappnen. Dazu gehörte, dass ich erst lernen musste, in welchem Land, in welcher Gesellschaft ich mich befand: Deutschland war das Land, das mich ausgestoßen hatte, noch ehe ich überhaupt auf der Welt war. Deutschland hat mich nicht willkommen geheißen. Keine deutsche Regierung, seit Gründung der Bundesrepublik, hat je die Juden, die vertrieben und jene, die überlebt haben, für willkommen erklärt, sie gar gebeten, wenn sie es denn für möglich hielten, wieder nach Deutschland zu kommen. Im Gegenteil.“ (Finkelgruen 2012)

Finkelgruen sucht nach Sicherheiten, nach Vertrauten, nach Freunden. Von sich aus hat er wirklich keinerlei Interesse daran, sein erstes Jahr in dem ihm fremden Land von beunruhigenden, verängstigenden Begegnungen beeinträchtigen zu lassen. Er sucht wirklich keine Nationalsozialisten. Deutschland ist seine Zukunft, hofft er. Hier studiert er nun, hier sieht er seine berufliche Perspektive. Er steht weitestgehend allein in der Welt. Er verfügt über zahlreiche Sprachen, mit denen er sich durchs Leben schlagen kann. Und er hat drei Pässe: Einen israelischen, einen tschechischen und einen deutschen Pass.

Ein Mussolini-Buch mit einer persönlichen Widmung

Vieles ist dem jungen Studenten im Deutschland der späten 1950er Jahre unvertraut. Vieles macht ihm Angst. Beim Stöbern in den Büchern seiner Vermieterin, Frau Diel, wenige Monate nach seiner Ankunft in Deutschland – sie hatte ihn zum Gespräch in ihr dunkles Wohnzimmer gebeten – , fällt ihm ein 1937 erstmals erschienenes Buch in die Hände, welches seine Vermieterin über den italienischen faschistischen Führer Mussolini verfasst hatte. Der Name L. Diel war mit goldenen Lettern auf dem Buchcover eingeprägt. Mussolini. Duce des Faschismus lautet der Titel. Publikationsort war Leipzig, Paul List Verlag. Es war bereits die „6. – 8. verbesserte und ergänzte“ Ausgabe, erst ein Jahr nach der Erstausgabe. Benito Mussolini war zu diesem Zeitpunkt ein enger Verbündeter Deutschlands, über Mussolini und Italien hatte Peter bereits während seiner Zeit in Israel viel erfahren. Als er besagtes Mussolini-Buch in den Händen hält erinnert er sich:

„Es gab einen Grund, weshalb ich dieses Buch eine Weile festhielt. Wenige Jahre zuvor hatte ich in einem der Antiquariate in Haifa“ – die Finkelgruen seinerzeit häufig aufsuchte, auch während der Schulzeit, auf der Suche nach Ausfluchtmöglichkeiten und neuen Begegnungen – „ein Buch über die Erfahrungen von italienischen Antifaschisten gefunden, das mich tief beeindruckt hatte. Dieses Buch hatte vom Leben von Verbannten auf einer kleinen Insel im Mittelmeer berichtet. Es enthielt keine Berichte über entsetzliche Verfolgungen wie jene in den Konzentrationslagern, von denen Großmutter mir erzählt hatte. Ich empfand jedoch eine große Nähe zu diesen Verbannten.“ (Finkelgruen 1997, S. 53)

Daniele, einer seiner Internats- und Schulfreunde aus Jaffa, ist Sohn eines italienischen Ingenieurs, der noch rechtzeitig vor dem italienischen Faschismus nach Palästina geflohen war. Sein Vater war früh verstorben, aber Danieles aus Guatemala gebürtige Mutter hatte ihren drei Kindern trotz ihrer schwierigen Lebenssituation eine gute Erziehung geboten. Mit Daniele, dem früh vaterlos Aufgewachsenen, vermag er sich zu identifizieren; und dieser mit dem weitgehend elternlos  aufgewachsenen Peter: „Wir empfanden uns als Überlebende einer unnachsichtigen Verfolgung, vor der unsere Eltern geflohen waren, die unsere Väter dennoch nicht überlebt hatten. Irgendwie waren wir Teil dieser Geschichte. Unsere Existenz war noch immer abenteuerlich – wie Robinsons Überleben nach dem Schiffbruch.“ (ebd., S. 54)

Gemeinsam sind sie Verbannte, Ausgestoßene, „umgeben von Feinden“, besuchen gemeinsam eine christliche Mission, der die Juden im jungen zionistischen Staat mit wenig Interesse und Sympathie begegneten. Am Wochenende bleiben sie oft alleine im Internat zurück: „Daniele und ich blieben zurück, zwei für sich selbst verantwortliche Jugendliche.“ Gemeinsam versuchen sie an einem Samstag etwas zu Essen zu finden, die Schränke sind jedoch abgeschlossen, und das Land ist arm. Ihr Hunger wächst. Sie gehen auf den Speicher, fangen im Halbdunkel, inmitten des Staubes, selbst verängstigt, eine Taube. Diese schlachten sie mit ihrem Brotmesser, mit zitternden Händen, obwohl sie über keinerlei Erfahrungen hiermit verfügen. Gemeinsam genießen sie das Gefühl, wie Robinson alleine auf der Insel überlebt zu haben „wie jene von den Faschisten Verbannten.“

Hieran erinnert sich der 18-Jährige, als er das Mussolini-Buch seiner 50 Jahre älteren Vermieterin in den Händen hält. Vom Alter her hätte sie seine Großmutter sein können. Sie war die deutsche Biografin des Hitler-Verbündeten Benito Mussolini.

Im Buch findet er zu seiner ausgeprägten Überraschung sogar ein Geleitwort Herrmann Görings: „Der gewaltige Aufstieg des neuen italienischen Imperialismus ist das Werk eines Mannes, der seinem Volke durch den Faschismus eine große Gegenwart und Zukunft schuf. Kampf, Sieg und Sendung der faschistischen Bewegung sind uns Nationalsozialisten wesensverwandt“, heißt es dort.

Das Buch ist von einer bewundernden Darstellung Mussolinis geprägt, wie Finkelgruen sogar bei einer nur flüchtigen Lektüre versteht. Er blättert es auf: Auf der ersten Seite findet er eine handschriftlich mit Tinte geschriebene, großformatige Widmung: „Dem Reichskanzler Hitler Mussolini.“ Und darunter wird, seinerzeit noch in Frakturschrift (die mir aus den alten Winnetou-Büchern von Karl May, die ich als Jugendlicher gelesen habe, immer noch etwas vertraut ist) hinzugefügt: „Eine interessante, bisher noch unveröffentlichte deutsche Schriftprobe des Duce.“ Beim Durchblättern fällt ihm ein Motto ins Auge: „Der Imperialismus ist ein ewiges und unveränderliches Gesetz des Lebens.“ Auf S. 81 heißt es: „Dies „Erbe des Faschismus“, wie sein Schöpfer Mussolini es auch nennt, enthält enthält die geistigen Grundlagen der jungen Bewegung in höchster Vollkommenheit und Geschlossenheit und soll auch in zukünftigen Zeiten als Ausgangspunkt und Richtschnur dienen. Da der Faschismus sowohl als ein politisches Glaubensbekenntnis, wie als philosophische Lebensauffassung angesprochen werden darf und auch dem Mann des Volkes gerecht wird, so kann sich jeder das herausnehmen, was er sucht und braucht. Der Faschismus paßt sich der Form nach den Bedingungen des Raumes und der Zeit an und erklärt ausdrücklich, kein festes Programm zu haben, das etwa bis zum Jahre 2000 zu verwirklichen wäre.“

In einem anderen Buch seiner Vermieterin findet Finkelgruen einen Stempel: „Dr. Louise Diel, Mitglied der Reichsschrifttumskammer“ (1997, S. 57). Der junge Student vermag dies nicht einzuordnen, zu verstehen. Diese Reichsschrifttumskammer sagt ihm nichts. Er verspürt eine Irritation, eine Beunruhigung. 40 Jahre später sollte er hierzu anmerken: „Es gab noch vieles, was ich lernen mußte, wenn ich verstehen wollte, wo ich mich befand. Eines war gewiss: Wir waren in Deutschland. Und zwar in der Bundesrepublik, in West-Deutschland, dort, wohin Großmutter gewollt hatte.“ (Finkelgruen, 1997, S. 57)

Die „Mussolini-Enthusiastin“ Louise Diel

Es lohnt sich, sich näher mit der Person Louise Diel zu beschäftigen, die den Kontakt zu dem jungen Juden Finkelgruen suchte. Der Historiker Wolfgang Schieder hat 2013 ein Buch über den „Mythos Mussolini. Deutsche in Audienz beim Duce“ verfasst. Louise Diel nimmt hierin eine zentrale Rolle ein. Ein 20 Seiten umfassendes Kapitel widmet Schieder alleine ihr: „Mussolinis deutsche Vertraute – Die Audienzen Louise Diels 1934-1939“ (Schieder 2013, S. 86-105).

Die 1893 geborene Louise Diel war die „Enthusiastin Mussolinis“ in Deutschland, die sich „bewusst in den Dienst der faschistischen Propaganda“ stellte (Schieder 2013, S. 86). Ihren Enthusiasmus für Mussolini sollte sie ihr Leben lang bewahren. Ab 1934 erhielt Diel sehr regelmäßig als Privatperson und Publizistin persönliche Audienzen bei Mussolini. Nach fünf Jahren, 1939, mit Kriegsbeginn, brachen die Audienzen ab, offenkundig aufgrund von Intrigen einiger deutscher Nazi-Bürokraten. Diels rege Publikationen über Mussolini hielten jedoch weiterhin an. Sie legte in den Jahren von 1934 bis 1943 allein fünf deutschsprachige, den Duce hymnisch feiernde Bücher über Mussolini vor: Mussolinis neues Geschlecht (1934), Ich zeige Dir Italien (1935) (ein Kinderbuch über Mussolini), Kampf, Sieg und Sendung des Faschismus (1937) (Die erwähnte Neuauflage trug den Titel Mussolini. Duce des Faschismus (s.o.)),Sieh unser neues Land mit offenen Augen (1938) sowie Mussolini mit offenem Visier (1943) (vgl. Schieder 2013, S. 382).

Frauenbewegung, Faschismus und Kurt Tucholsky

1934 hatte Diel bereits das frauenbewegte Buch Das faschistische Italien und die Aufgaben der Frau im neuen Staat vorgelegt. Aber bereits drei Jahre zuvor, 1931, hatte sie, erstaunlicherweise gemeinsam mit ihrer progressiven Freundin Käthe Kollwitz (die die Bilder beisteuerte), das Buch Ich werde Mutter publiziert. Das Buch, das von einem Historiker als die Schrift einer Feministin eingeordnet wird (sie trat darin, 1931, wie ihre Freundin Käthe Kollwitz, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und für die Ehescheidung ein), erregte Aufsehen – und abgrundtiefen Spott. Kurt Tucholsky publizierte 1931 in der Weltbühne in deren Rubrik „Auf dem Nachttisch“ unter seinem Pseudonym Peter Panter eine ironische, zeitlos gültige Besprechung dieser 400 Seiten; diese bezeichnet Schieder (2013, S. 88) als „ziemlich bösartig“. Ich würde sagen: Sie könnte auch heute geschrieben sein. Tucholsky beschreibt das Phänomen des „Fremdschämens“, das ihn bei der Lektüre von Diels Buch Ich werde Mutter ereilt habe: „Ich habe mich bei der Lektüre immerzu geschämt. Kennen Sie das, wenn man sich schämt, weil einer auf dem Podium steckenbleibt? Frau Diel bleibt nicht stecken“, bemerkt der scharsinnige Satiriker und zeitgeschichtliche Kommentator. Und Tucholsky fügt in den Zeiten des herannahenden, für ihn deutlich spürbaren deutschen, mörderischen Faschismus hinzu:

„Das Buch ist in der Empfindung sauber, an keiner Stelle kokett. (Die Frau ist verheiratet. Wäre sie es nicht, nie hätte sie den Mut besessen, dieses Buch zu schreiben.) Die dargestellten Gefühle sind wahr, genauso hat die Frau sicherlich gefühlt. Das Buch ist durchaus anständig gemeint. Und es ist von einer so erschütternden Durchschnittlichkeit…“ Und am Ende fügt Tucholsky seine Verwunderung über Diels Kooperationspartnerin hinzu: „Eines hat mir einen kleinen Schlag gegeben, das sind die Bildbeigaben des Buches. Sie stammen von Käthe Kollwitz. Ich kann gar nicht verstehen, dass sie da mitgetan hat. Immerhin: das Buch wird ein beliebtes Weihnachtsgeschenk gebildeter, aber schwangerer Mittelstandsfrauen abgeben.“ Vier Jahre später, am 21.12.1935, nimmt sich Kurt Tucholsky, der frühe, scharfsinnige und kämpferische Kritiker der deutschen Faschismus voller Verzweiflung in Göteborg das Leben.[3]

„Unter Mitarbeit von Benito Mussolini…“

Kommen wir zu Diels Lebenslauf zurück. Im Juni 1933 unternahm sie als freie Journalistin ihre erste Italienreise, der zahlreiche weitere folgten. Ihre Reiseroute besprach sie mit Mussolini persönlich, zu dem sie einen sehr direkten Kontakt hatte. Am 5.4.34 gewährt Mussolini ihr die erste Audienz; bis zum 7.10.39 folgten 20 weitere (Schieder, S. 90). Sie hatte als Deutsche eine einzigartige Sonderstellung und besprach mit ihm die weiteren vier Bücher sowie die zahlreichen Zeitungsbeiträge und Vorträge über den von ihr verehrten italienischen Duce. Ihr Ende 1934 publiziertes Buch Mussolinis neues Geschlecht trug sogar, dank ihres Insistierens, den Untertitel „Unter Mitarbeit von Benito Mussolini.“ Bei der italienischen Ausgabe des Werkes wurde dieser Untertitel einfach weggelassen, um Mussolinis Beteiligung hieran zu vertuschen.

Das erwähnte Buch Kampf, Sieg und Sendung des Faschismus, welches weitgehend einer Biografie Mussolinis entsprach, war äußerst erfolgreich: 1940 wurde es in einer Sonderausgabe in der 48.-75.tausendsten Auflage gedruckt. Diel muss als Publizistin eine bekanntere Persönlichkeit in Deutschland gewesen sein. Selbst Relativierungen oder winzigste kritische Anmerkungen zu Mussolini sparte sie in all ihren Publikationen aus. Sie vermochte Mussolini sogar Ende der 30er Jahre noch regelmäßig zu besuchen, als dieser kaum noch Gäste aus Deutschland empfing. Immer wieder brach sie zu Italienreisen auf, wurde hierbei von italienischen Behörden unterstützt, „gerade so, als ob sie zum faschistischen Führungskader gehörte“, so Schieder (S. 93). 1937, offenkundig in Folge von Machtkämpfen und Intrigen innerhalb der deutschen Nazibürokratie, begann Diels Abstieg. 1938 geriet sie ins Visier des mächtigen deutschen NS-Amtes Rosenberg. Aus Rücksichtnahme auf seine deutschen Bündnispartner rückte auch Mussolini schrittweise von seiner glühenden Verehrerin ab. Ihr regelmäßiges, beträchtliches Honorar von 2500 Lire, welches sie seit wohl 1934 aus Italien bekam, wurde ihr jedoch weiterhin ausbezahlt. 1940 und 1941 versuchte Diel noch zweimal verzweifelt eine private Audienz bei Mussolini zu erhalten, was ihr jedoch verweigert wurde. 1943 erschien dann ihr letztes Mussolini-Buch (s.o.), dieses vermochte sie Mussolini jedoch nicht mehr persönlich zu übergeben. Erreicht hat es Mussolini doch noch, über die italienische Botschaft von Berlin. Am 18.2.1944 dankte Mussolini in einem handgeschriebenen Brief der „sehr geehrten Signora und Freundin“; und er zeigte sich berührt, dass sie ihm „ihr Talent und ihre Bemühungen gewidmet“ habe (ebd., S. 105). Acht Monate später trat Mussolini das letzte Mal öffentlich auf, im Teatro Lirico; am 28.4.45 wurde er bei seiner Flucht von Partisanen in Verhängung eines Todesurteiles erschossen.

Ein Besucher: Bankier Kurt Tuchler  – oder: „Ein Nazi fährt nach Palästina“

Diese Geschichte aus Finkelgruens ersten zwei Jahr in Deutschland geht jedoch noch weiter – und wird noch verwirrender, zwiespältiger, moralisch fragwürdiger – persönlich wie auch politisch. Sie führt hin zu einem Menschen, dessen Bedeutung für die Geschichte des Zionismus der 1930er Jahre sowie die Frühgeschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel bis heute ungeklärt und doch voller Spekulationen und dunkler Geheimnisse ist: Zum Ehepaar Kurt und Gerda Tuchler und deren Beziehung zu Leopold von Mildenstein, einem SS-Offizier im Sicherheitsdienst.

1950 erhielt die Mussolini-Verehrerin Diel Besuch aus Israel, offenkundig von einem guten alten Bekannten: „Er käme aus Israel, und sie dächte, sie sollte uns bekannt machen“, erinnert sich Finkelgruen (1997, S. 50):

„Der Besucher saß auf der Chaiselongue. Ein älterer Herr in einem eleganten Anzug. Seine Gesichtshaut war gebräunt. Solche Bräune kannte ich aus Israel. Mit gelangweiltem Misstrauen sah er mich an. Frau Dr. Diel stellte ihn mir als Herrn Bankier Tuchler aus Israel vor, einem alten Bekannten, der jetzt häufiger in Deutschland sei. Wegen der Wiedergutmachung, raunte sie verschwörerisch, als handele es sich um ein unanständiges Geheimnis.“ (Finkelgruen 1997, S. 50)

Finkelgruen stellte sie ihrem israelischen Gast gegenüber als angehenden Diplomaten vor, der mit ihrem eigenen Sohn Helmut befreundet sei.

Finkelgruen setzt seine Beschreibung seiner Begegnung mit dem – später auch hierzulande bekannt gewordenen – Tuchler fort:
„Ich reichte Herrn Tuchler die Hand, sprach auch ein, zwei Sätze Hebräisch, er aber wechselte sofort wieder ins Deutsche, fragte, ob wir, meine Großmutter und ich, unsere Wiedergutmachungsangelegenheiten schon geregelt hätten. Ich antwortete ausweichend, und er wandte seine Aufmerksamkeit wieder ganz seiner Gastgeberin zu.“ (ebd.,  S. 50f.)  

Arnon Goldfingers Dokumentarfilm Hadira – Die Wohnung

Über ein halbes Jahrhundert später, 2011, wurde die spekulationsträchtige Beziehung zwischen dem Ehepaar Tuchler und den von Mildensteins durch den vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm Die Wohnung des israelischen Filmemachers Arnon Goldfinger noch einmal ins kollektive Gedächtnis zurück gerufen – mit weiterhin mehr offenen Fragen als Antworten. Der Film beginnt mit einem Tod: 2007 war Gerda Tuchler im Alter von 98 Jahren in Tel Aviv verstorben. Zahlreiche Verwandte, Kinder und Enkel Gerdas – „eine Tochter, 12 Enkel, 29 Urenkel“ (Goldfinger 2012a) – , begannen mit der Entrümpelung der zentral in der Tel Aviver Gordon Street gelegenen Wohnung, in der Gerda 70 Jahre gelebt hatte; darunter auch ihr Enkel Arnon Goldfinger. Die Wohnung war überfüllt mit Erinnerungen aus der Berliner Lebensphase Gerda Tuchlers – „84 Handtaschen, 104 Schals, 92 Paar Handschuhe“ (Goldfinger) – , darunter einer riesigen Bibliothek deutschsprachiger Bücher. Deutsch blieb die Muttersprache Gerda Tuchlers, hebräisch vermochte sie in Israel nicht mehr zu lernen.

Ihre in Israel geborenen und aufgewachsenen Kinder und Enkel wussten nichts mit diesem Erbe, diesen Berliner Erinnerungen anzufangen. Vielleicht wollten sie seelisch auch nichts damit zu tun haben; sie hatten im bedrohten jüdischen Staat andere Sorgen und Wertschätzungen. Sie waren Sabres. Die tödliche Illusion einer deutsch-jüdischen Gemeinschaft war nicht mehr ihre Sache. Arnon Goldfinger wurde bei den im Film dokumentierten Aufräumarbeiten neugierig, befragte auch – was er in seinem Film eingearbeitet hat – seine Mutter Hannah darüber, was sie über das Wirken ihrer eigenen Mutter Gerda und deren Beziehung zu dem Nationalsozialisten Mildenstein wusste (vgl. Goldfinger 2012a). Arnon Goldfinger hat in seinem während seiner Filmarbeiten verfassten Beitrag – der treffender Weise mit „Ihr Freund, der Feind“ überschrieben ist – einige seiner Treffen mit Oma Gerda, als Kind und Jugendlicher, in dichter Weise erinnernd wiedergegeben:

„Großmutter, immer elegant gekleidet, geleitete mich erhabenen Schrittes ins Wohnzimmer. Wir setzten uns, ich aufs Sofa, sie in den Sessel, links und rechts an der Wand zwei imposante, von einem Künstler gemalte Porträtbilder: eine hübsche Frau mit schwarzem Haar, Großmutter Gerda; und, mit strenger Miene und durchdringendem Blick, Opa Kurt, seligen Angedenkens. Dann, bei Tee, Apfelstrudel oder Schweizer Schokolade, wurde das Gespräch eröffnet. Trotz all der Jahre in Israel beherrschte Großmutter Gerda die hebräische Sprache nicht, und ich, typisches Kind des Landes Israel, wollte kein Deutsch lernen. So fanden unsere Gespräche auf Englisch statt. Manchmal vergaß ich für einen Moment, dass wir uns im Nahen Osten befanden.“ (Goldfinger) Als sein Großvater Kurt, der deutsche Zionist, 1978 im Alter von 83 Jahren in Tel Aviv verstarb war Arnon 15 Jahre alt. Auch bei seiner Beerdigung wurde fast nur deutsch gesprochen.

Eine weitere Hauptfigur seiner eindrücklichen Spurensuche war die Wuppertalerin Edda Milz, Tochter der Mildensteins und im Film vielleicht als bildungsbürgerliche Verkörperung der kollektiven deutschen Unschuld oder aber des nicht-Wissen-Wollens wahrgenommen. Vielleicht aber auch, so scheint es mir zumindest, des stolzen Trotzes, historisch „den Juden“ kein Unrecht angetan zu haben. Beim Ansehen von Goldfingers Film Die Wohnung habe ich bezüglich der Persönlichkeit bzw. der Rolle von Edda Milz recht ambivalente Empfindungen gehabt, mit teils äußerst unangenehmen Gefühlanteilen. Sie sagte im Film zwar scheinbar offenherzig über ihren Vater aus, aber vieles entsprach offenkundig „nicht ganz“ der Wahrheit, und man möchte kaum glauben, dass sie ihre eigenen Darstellungen selbst geglaubt hat. Dennoch: Edda Milz stellte sich für den Film zur Verfügung, durchbrach hiermit das Schweigen, was für sie gewiss auch eine Belastung dargestellt hat. In der Endphase der Filmarbeiten erkrankte sie schwer an einer Alterskrankheit. Arnon Goldfinger äußert in einem Interview selbst seine Unsicherheit, wie er Edda Milz´ ihm entgegen gebrachte Freundlichkeit, ihren Wunsch nach Begegnungen, verstehen soll (Goldfinger 2012b).

Aus dieser familiären Spurensuche entstand Goldfingers eindrücklicher Kinofilm Hadira – auf deutsch: Die Wohnung. Der Film war nicht nur in Deutschland, dem Land der Enkel und Urenkel der Mörder, eine Sensation sondern auch in Israel: Sogar vier Monate nach Start des Films versammeln sich an einem Freitagabend in der Tel Aviver Cinematheque 280 mehrheitlich ältere Besucher, viele mit weißen „Goldlocken“, um den Film zu sehen (Tagesspiegel, 21.5.2014).

Der 1894 in Stolp geborene Kurt Tuchler war bereits als junger Mann ein überzeugter Zionist – und verstand sich zugleich als ein deutscher Patriot. Er war in der Jüdischen Jugendbewegung engagiert und gehörte zu den Mitbegründern von Blau Weiß. Mit Walter Benjamin verband ihn seit seinem 18. Lebensjahr eine intensive Freundschaft, die sich in einer gemeinsamen Parisfahrt, aber auch in einem regen, leidenschaftlichen Briefwechsel dokumentierte. Tuchler vertrat hierin wohl die zionistische Utopie, Walter Benjamin den utopischen, antinationalen Marxismus. Kennengelernt hatten sie sich bei einer Sommerfrische im Küstenort Stolpmünde. 

Nach einem Studium von Jura und Volkswirtschaft arbeitete der nach dem 1. Weltkrieg sogar mit zwei Eisernen Kreuzen (erster und zweiter Klasse) ausgezeichnete Jude Tuchler als Amtsrichter in Berlin. Kurt Tuchler saß im Vorstand der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) und nahm als Delegierter an mehreren Zionistenkongressen teil.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr von ihrer gemeinsamen Palästinareise nach Deutschland erhielt der deutsche Jude und Richter Tuchler die amtliche Mitteilung für seine Enthebung aus seinem Staatsamt. Die Tuchlers erkannten die zwingende Notwendigkeit zur Emigration rasch, eine lebensrettende Erkenntnis. 1936 emigrierten sie nach Palästina – wo 1963 auch ihr Enkel Arnon Goldberg geboren wurde…

Bei seinen Filmarbeiten durchbrach Goldberg die familiär erworbenen „jeckischen Anstaltsregeln“: Er öffnete alle Briefe seiner verstorbenen Großmutter, findet zahlreiche Fotos. Darunter befindet sich auch ein Foto, auf dem „Großvater aufrecht und stolz dasteht, eine Schärpe, bestickt mit dem Davidstern, um die Brust, in der Hand einen Säbel der zionistischen Verbindung, in der er aktiv war.“ (Goldfinger)

Beim Aufarbeiten des familiären Erbes findet Arnon Goldfinger weitere Überraschungen, so einen Brief aus der berühmten Wiener Berggasse 19, von Sigmund Freuds Sohn Ernst:

„Ich forsche weiter und finde einen Brief mit einer Adresse, die mir bekannt vorkommt: „Berggasse 19, Wien“. Als ich sie entziffere, kann ich meine Aufregung kaum verbergen – das Haus von Sigmund Freud. Der Name des Absenders ist Ernst, Freuds jüngster Sohn, Vater des Malers Lucian Freud. Im September 1914 stellten Ernst und mein Großvater, zwei jüdische Studenten an der Münchner Universität, Überlegungen an, ob sie sich als Freiwillige zur kaiserlichen Armee melden und am Krieg teilnehmen sollten. Ernst berichtet, sein Vater sei dagegen, aber sein ältester Bruder habe beschlossen, zur Artillerie zu gehen. Einen Monat später schreibt Ernst, er werde sich die Haare abrasieren und an die Front gehen. Auch mein Großvater meldet sich als Freiwilliger bei der Artillerie und wird an die Ostfront geschickt.“ (Goldfinger 2012a)

Die Nazizeitung Der Angriff: von Mildenstein und Tuchler fahren nach Palästina

Dann findet Arnon einen weiteren Fund, der ihn erst einmal zusammenzucken lässt. Er benötigt viel Überwindung, ihn sich näher anzuschauen: Zwölf zerbröselnde Exemplare der Goebbelschen Nazizeitung Angriff, überfüllt mit Symbolen der Nazis. Darunter findet er auch Exemplare der mit fetten Lettern hervorgehobenen Artikelserie Ein Nazi fährt nach Palästina, verfasst von einem LIM – die Initialien des SS-Mannes Leopold Edler von Mildenstein.

Hierzu nun mehr: Vor der Emigration der Tuchlers nach Palästina, vermutlich auch zu deren Vorbereitung, kam es 1933 zu ihrer mythenumwobenen Reise mit dem 1902 in Prag geborenen SS-Mann, früheren Korrespondenten der Berliner Börsenzeitung und Nationalsozialisten Leopold von Mildenstein nach Palästina. Mildenstein war im multinationalen Österreich-Ungarn aufgewachsen, woraus wohl eine Aufgeschlossenheit für die Rechte und nationalen Selbstbestimmungen von Minderheiten erwachsen war. Der Nationalsozialist Mildenstein hatte regelmäßig an Zionistenkongressen teilgenommen, wo er wohl Tuchler kennenlernte (Meier 2002). Irgend etwas muss die beiden verbunden haben, nicht nur von ihren jeweiligen politischen Interessen her sondern vor allem auch seelisch. Ihre Freundschaft blieb auch nach dem Ende der Nazizeit für Jahrzehnte bestehen.

Tuchler schlug Mildenstein eine gemeinsame, längere Reise nach Palästina vor, wohl in der Hoffnung, in ihm einen Mitstreiter für die zionistische Sache zu finden. Es sei an dieser Stelle daran erinnert:

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Zionismus – also die Vorstellung einer Übersiedlung einer großen Zahl insbesondere von jungen, zionistischen Juden in das ferne, ökonomisch unterentwickelte und klimatisch schwer erträgliche Palästina – insbesondere für bürgerliche, assimilierte deutsche Juden eine nur schwer zu ertragende Vorstellung. Bestrebungen ihrer Kinder, in das ferne, unterentwickelte Land überzusiedeln und dort mittels handwerklicher und bäuerlicher Tätigkeit das fantasierte Land ihrer Erzählungen, ihrer Gebete, Eretz Israel, aufzubauen, empfanden sie größtenteils als eine Bedrohung. Uri Avnery, der querköpfige, extrem linke israelische Publizist (und äußerst beliebte Kronzeuge ausgewiesener deutscher Antisemiten, die es vorziehen, sich als „Antizionisten“ zu bezeichnen, hat dies bezogen auf seine eigene Familiengeschichte eindrücklich beschrieben (Kaufhold 2003). Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30.1.1933 erhielt die zionistische Bewegung in Deutschland einen überraschenden Aufschwung. Die ZVfD wurde zu einer der größten und einflussreichsten jüdischen Strömungen. Die deutlich erkennbare Bedrohung durch den Nationalsozialismus und die bereits 1933 täglich erlebte rassistische Diskriminierung ließen die zionistische Idee, die Übersiedlung nach Palästina, in das Heilige Land, als eine realistische Perspektive erscheinen. Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ bemühte sich der ZVfD deshalb intensiv um eine „Verständigung mit dem neuen Regime über die zionistische „Lösung der Juden Frage““ (Meier 2002, S. 76) (wobei es innerhalb des ZVfD hierzu sehr unterschiedliche Positionen gab, die von der strikten Ablehnung solcher Gespräche bis hin zum Versuch einer Anerkennung der deutschen Juden nach internationalem Recht durch die Nationalsozialisten reichten (vgl. Meier ebd.))

Tuchler und Mildenstein, diese scheinbar so ungleichen Freunde bzw. Verbündeten, brachen im Frühjahr 1933 gemeinsam mit ihren Ehefrauen von Prag aus mit dem Zug nach Triest auf, wo sie das Schiff nach Haifa bestiegen. Mildenstein, der bereits zu diesem Zeitpunkt innerhalb der NSDAP als „Nahostexperte“ galt, wollte sich ein eigenes Bild vom zionistischen Leben in Palästina machen. Gemeinsam fuhren das Ehepaar Tuchler und Mildenstein 1933 von Berlin mit dem Zug nach Triest auf, wo sie ein Schiff – die Martha Washington – nach Palästina brachte. Die Fotos, die hierbei entstanden, machten den Eindruck einer Vergnügungsfahrt. Der Berliner Zionist Tuchler wollte dem „Nationalsozialisten von Mildenstein den Aufbau der „nationalen Heimstätte“ des jüdischen Volkes in Palästina zu zeigen. Er wollte ihn überzeugen, dass die „Lösung der Judenfrage“ in der Auswanderung der deutschen Juden nach Palästina liegt“ (Meier 2014). Er wollte die „Edelnazis“ – im Gegensatz zum „Pöbelantisemitismus“, wie er sich in Zeitschriften wie „Der Stürmer“ oder der SA zeigte – von einer „rationalen“ Lösung“ der „Judenfrage“ überzeugen: Die Juden sollten in möglichst großer Zahl Deutschland “freiwillig“ verlassen und nach Palästina emigrieren.[4]

Ein Jahr später, in der Zeit vom 26.9. – 9.10.1934, publizierte Mildenstein über diese Reise eine 12teilige Artikelserie in Goebbels Propagandazeitschrift Der Angriff; diese trug den irritierenden Titel Ein Nazi fährt nach Palästina. Gekennzeichnet waren diese Beiträge mit dem Kürzel Lim. Dass sie für Leopold von Mildenstein standen, also für die Anfangsbuchstaben seines Nachnamens, gemäß hebräischer Schreibweise von rechts nach links,  dürfte nur eine winzige Minderheit der Leser dieses nationalsozialistischen Propagandablattes gewusst haben. Exemplare der 12 Ausgaben dieser nationalsozialistischen Zeitung nun sollte Gerda Tuchler, die Mitreisende, bis zu ihrem Tode in ihrem Schrank aufbewahren. Das Entdecken dieser 80 Jahre alten Zeitungsausgaben in der Wohnung seiner soeben verstorbenen Großmutter in Tel Aviv war der Impuls für Arnon Grünberg für seinen eindrücklichen Kinofilm.

Mit Erscheinen der Reportage verbreitete der Angriff zu Werbezwecken eigens eine Medaille: Auf der einen Seite prangte ein Hakenkreuz und auf der anderen – ein Davidstern. Im „offiziellen“ Magazin der NSDAP, dem Hetzblatt Völkischer Beobachter, wurde parallel hierzu die Artikelserie beworben. Die Jüdische Rundschau hob kommentiert am 28.9.34, zwei Tage nach Erscheinen des ersten Beitrages, die „ungewöhnliche Eindringlichkeit der Vorankündigung dieser Serie hervor: „Die Voranzeigen lassen erkennen, daß diese Publikation als etwas Ungewöhnliches gewertet wird, sozusagen als ein Ereignis von politischer und journalistischer Pikanterie“ (Meier 2002, S. 78).

Zu diesem Zeitpunkt existierte bereits, darauf sei hingewiesen, seit einem Jahr das zwischen dem Reichswirtschaftsministerium, der Jewish Agency und der ZVfD abgeschlossene Haavara-Abkommen (25.8.1933), durch welches der Kapitaltransfer zwischen Deutschland und Palästina geregelt wurde und in Folge dessen zu diesem Zeitpunkt bereits 15.000 eher wohlhabende Juden nach Palästina emigrieren und dabei zumindest einen Teil ihres Besitzes retten konnten (wodurch wiederum auch mittellosen deutschen Juden die Übersiedelung nach Palästina ermöglicht wurde). Das Abkommen war naheliegenderweise auch innerhalb jüdischer Institutionen und im Ausland sehr umstritten. Es wurde von vielen als „Verrat am jüdischen Volk“ empfunden (vgl. Meier 2004). Die Nationalsozialisten erlangten hierdurch die Möglichkeit, die Vertreibung der Juden zu steuern.

In seiner Artikelserie hob Mildenstein den Fleiß, den Idealismus der nach Palästina emigrierten Zionisten und frühen Siedler hervor. Die wirtschaftliche Stärke Palästinas imponierte dem deutschen Nationalsozialisten. Seine ersten Reiseeindrücke von Palästina beschrieb Mildenstein den nationalsozialistischen Lesern in dieser Weise: „Hier liegen Schiffe aller möglichen Nationen (…) Aber auch zwei deutsche Frachter, sofort erkennbar am lustig flatternden Hakenkreuzwimpel, sind hier zu finden. Deutschland steht an zweiter Stelle unter den Importländern.“ (Meier 2002, S. 80)  Er beschreibt einen Purimumzug in Tel Aviv, in dem Karnevalswagen die Odyssee des jüdischen Volkes bis zur Wiedervereinigung in Palästina darstellen: Die „dennoch“ mit Optimismus erwartete Zukunft symbolisiert eine grüne Raupe, auf dessen Körper große rite Hakenkreuze aufgemalt sind. Sie besuchen auch den 1928 von anfangs 33 aus Russland und Polen stammenden Zionisten gegründeten Kibbuz Givat Brenner sowie in Ben Shemen eine Kinderkolonie.

Die Araber, denen Mildenstein auf ihrer Reise begegnete, belegte dieser hingegen projektiv mit abwertenden Ressentiments, die man in Deutschland bisher den Juden, insbesondere den Juden aus den Schteteln in Osteuropa, zugewiesen hatte (vgl. Meier 2002, 2014).

Das Erstaunliche und vielleicht Beunruhigende: Die Freundschaft des einflussreichen Nationalsozialisten und des vertriebenen, nur mit Glück überlebenden Juden hielt auch nach Ende der Nazizeit und nach Gründung des Staates Israel an – obwohl auch Gerda Tuchlers Mutter zu den Opfern der Shoah gehörte. Auch nach Ende der Shoah, nach Kriegsende, packten die Tuchlers regelmäßig ihre Koffer und reisten mit festlicher Kleidung wohl jährlich für zwei, drei Monate – nach Deutschland. Bei ihrer Rückkehr nach Israel, bei der sie von ihren Kindern und Enkeln feierlich empfangen wurden, brachten die Tuchlers sogar in Israel geächtete deutsche Produkte, Köstlichkeiten mit – für Israelis im jungen jüdischen Staat ein absoluter, geradezu traumatischer Tabubruch. Und 1960 besuchten die Tuchlers die Mussolini-Verehrerin Diel – und diese stellte Kurt Tuchler dem 18-jährigen Peter Finkelgruen vor… Arnon Goldfinger findet bei seinen Recherchen im Erbe sogar einen Briefumschlag aus dem Jahre 1974, der Brief darin war nicht mehr enthalten. Der Name der Absenderin war jedoch klar zu lesen: Gerda von Mildenstein. Der Brief stammte aus Wuppertal. Nach mehreren schlaflosen Nächten nimmt Goldberger allen Mut zusammen, ruft die Telefonnummer der Wuppertaler Anschrift an: Er spricht mit Edda Milz, geborene Mildenstein. Dann besucht er sie, sein Film Die Wohnung entsteht…

Als Arnon Goldfinger das Journalistenpaar Jehuda Koren und Elat Regev besucht, die in den 1980er Jahren in Israel einen Zeitschriftenbeitrag über diese Artikelserie Mildensteins publiziert hatten, ist diesen auch über 20 Jahre später das Gespräch in Großmutter Gerdas Wohnung, bei Kaffee, Keksen und Kuchen, noch gut in Erinnerung. Sie erinnern sich der sehr angespannten Atmosphäre, die während des Gespräches vorherrschte. Mit irritiertem Erstaunen nahmen sie wahr, wie „menschlich, fast freundschaftlich“ Gerda über die Mildensteins sprach.  Nie bezeichnete Gerda Tuchler diese als Nazis. Für sie waren sie wirkliche Freunde.

Erst spät hat Gerda innerfamiliär von der Ermordung ihrer Mutter durch die Deutschen erzählt. Innerfamiliär blieb der schmerzhafte Verlust wohl ein Tabu.

Die Reise nach Palästina und seine Artikelserie über seine Eindrücke hiervon machten Mildenstein zum Nahostexperten. Seine Karriere als Nationalsozialist ging erfolgreich weiter. 1935 machte ihn Reinhard Heydrich zum Leiter des Judenreferats im SD-Hauptamt in der Abteilung II/112: Juden. Mildenstein holte Adolf Eichmann in sein Amt, der sein Nachfolger im Amt wurde und seine einschlägigen „Erfahrungen“ wenig später im „Eichmannreferat“ auf grausame Weise weiter entwickelte. Selbst 1961, beim Israel aufwühlenden Eichmann-Prozess in Jerusalem, erwähnte Eichmann seinen ehemaligen Vorgesetzten Mildenstein mehrfach: „Er war der Einzige im Hauptamt des Sicherheitsdienstes, der umfassende und objektive Antworten auf die Judenfrage geben konnte.“ Und: „Er wusste mehr als seine Vorgesetzten.“ Und: „Ich betrachtete ihn als meinen Meister.“ (Goldfinger 2012a) Im Kinofilm sehen wir das umfängliche Fotoalbum, in dem die Tuchlers ihre gemeinsame Reise nach Palästina dokumentiert und welches sie gleichfalls aufbewahrt haben. Und wir sehen Auszüge aus der Befragung Eichmanns in Jerusalem, in dem sich Eichmann mehrfach auf Mildenstein als Ideengeber, als „Vater der Gedankens“ der „Verdrängung“ der Juden in Deutschland bezeichnete.

1938 wurde Mildenstein Referent bei Goebbels, dann Abteilungsleiter der Nahostabteilung. Im gleichen Jahr erschien seine Artikelserie unter dem Titel „Rings um das brennende Land am Jordan“ als Buch. Im von Herbert Hagen (s.u.) geleiteten „Judenreferat“ wurden seine Beobachtungen, in denen sich durchaus auch von Respekt getönte Beschreibungen fanden, jedoch mit Misstrauen betrachtet; Hagen verfasste eine sehr negative Beurteilung der Texte.

In der Nahostabteilung war Mildenstein für proarabische Propaganda zuständig. Die Araber wurden gegen England sowie gegen die Juden in Palästina eingesetzt, was vielen von ihnen nicht unrecht war. Auch als Publizist war Mildenstein weiterhin tätig. Nach dem Krieg war er wohl, so schließen sich für Finkelgruen die Kreise, Mitglied der FDP und war für Kontakte zu ägyptischen Propagandadienststellen und amerikanischen Geheimdienstkreisen zuständig. Von 1958–1960 gab er die Orient-Informationen heraus…

Leiter des „Judenreferats“: Herbert Hagen – und verschiedene Apo-Kids… 

Um weitere erstaunliche Kontinuitäten zu erwähnen, die sich auch im Leben Finkelgruens wiederspiegeln: Mildensteins Nachfolger als Leiter des „Judenreferats“ war der SS-Sturmbannführer Herbert Hagen (1913-1999) – dem Gertrud Seehaus und Finkelgruen 40 Jahre später, 1978, beim Kölner Prozess  gegen Lischka, Hagen und Heinrichsohn im Gerichtssaal begegneten. Jens Hagen, so wird geschrieben, soll erst als Erwachsener von der nationalsozialistischen Vergangenheit seines Vaters – als Sturmbannführer der SS und als einer der Hauptverantwortlichen für die Deportation von 70.000 französischen Juden in die deutschen Vernichtungslager – erfahren haben; beim – nur 29 Verhandlungstage dauernden – Lischka-Prozess (1979/80) (vgl. Klein 2013, Kaufhold 2013a, b) war Jens Hagen 35 Jahre alt.[5]

Hagens Sohn wiederum, der Schriftsteller und politisch sehr „links“ orientierte Jens Hagen (1944 – 2004), engagierte sich ab den 1960er Jahren in Köln im Umfeld der APO und deren Nachfolgergruppen als Journalist und Schriftsteller. In der seinerzeit eher überschaubaren linken Kölner Szene traf Jens Hagen auch mit den Freunden Henryk M. Broder, Fred Viebahn und Peter Finkelgruen zusammen; in den 60er Jahren waren sie eng miteinander befreundet. Beim gemeinsamen Lesen dieses Beitrages erinnert sich Finkelgruen an den Lischka-Prozess, den er regelmäßig besuchte. Jens Hagen kurvte während der meist mehrere Stunden dauernden Prozesstage um das Kölner Gerichtsgebäude herum, war jedoch nicht in der Lage, dieses zu betreten. Nach den Prozessen ging er gemeinsam mit Finkelgruen und Broder in eine Kneipe und quetschte sich stets zwischen sie. In den Gesprächen betonte er, dass sein Vater ihn zum Demokraten erzogen habe.

Broder, Viebahn und Hagen publizierten u.a. in der linken, von 1968 bis 1984 bestehenden Zeitschrift Spontan. Wohl Ende der 60er Jahre schrieben sie für Broders Zeitschrift Bubu und Viebahns Spaßzeitung eieapopeia „jeder für seinen Teil verantwortlich, aber Rücken zu Rücken gedruckt“; Hagen hatte dort „seine kleine „Jensimaus“-Kolumne““.[6] Erst als Hagen in der doktrinären DKP aktiv wurde – also endgültig als braver Sohn das Erbe seines Nazi-Vaters unter neuen Vorzeichen antrat – begann ihre Freundschaft zu bröckeln. Diese Wendung durchaus nicht weniger Linker der nach 68er-Zeit mit nationalsozialistischer Familienbiografie hat der Schriftsteller Peter Schütt, 1968 selbst Mitbegründer der DKP, unter Bezugnahme auf Jens Hagen und Bernhard Vesper, als einen Prozess „von der Selbstreinigung zur Selbsterhöhung“ beschrieben (Die Welt, 2.5.1988).[7] Hagens gemeinsam mit Günter Wallraff verfasstes Buch „Was wollt ihr denn, ihr lebt ja noch“ (1974) fand eine breitere Rezeption.

Mit Diels Sohn Helmut – , dieser war wenige Jahre älter als Peter Finkelgruen und schloss 1960 seine Promotion (über die Geschichte der FAZ) ab – , verbanden Finkelgruen von ambivalenten Gefühlen geprägte Gespräche. Es war die Zeit, als Adolf Eichmann vom Mossad gefangen genommen wurde – eine für Israels Identitätsentwicklung einschneidende Zäsur, die das Land erschütterte. Auch der 18-jährige Peter interessierte sich sehr für den Eichmann-Prozess (1961) und kaufte deshalb seinen ersten eigenen Fernseher, „damit Großmutter die Berichte über den Prozess sehen konnte.“ (1997, S. 52) Finkelgruens erinnernde Beschreibung ihrer vorsichtigen Begegnungsversuche lässt die Identitätsschwierigkeiten des 18-jährigen Peter plastisch werden:

Diels Sohn, erinnert sich Finkelgruen, „erkundigte sich bei mir immer wieder mit großem Interesse nach der politischen Situation in Israel. Ich meinerseits versuchte Fragen über Deutschland zu stellen, in der Hoffnung, Tatsachen zu erfahren, die es mir ermöglichen konnten, mich besser zurechtzufinden. Es war Frühjahr 1960, die Zeit, als Adolf Eichmann gefangen und nach Israel gebracht worden war. Ich hatte einen Fernseher gekauft, damit Großmutter die Berichte über den Prozeß sehen konnte. Auch mit Helmut, dem Sohn von Frau Dr. Diel, versuchte ich darüber ins Gespräch zu kommen. Er bemühte sich eifrig, mein wachsendes Misstrauen Deutschland gegenüber zu besänftigen. Dieses Misstrauen beruhte damals weniger auf faktischen Kenntnissen, sondern war diffus. Jedenfalls verhinderte es, dass ich mich sorglos und vertrauensvoll in Deutschland zu Hause fühlte. Ansonsten beschäftigte mich der Alltag. Das Bemühen, beispielsweise, mein englisches Abiturzeugnis anerkannt zu bekommen.“ (Finkelgruen 1997, S. 52f.)

Ein Epilog

Im Januar 2014 nahm der inzwischen pensionierte Mussolini-Experte Prof. Wolfgang Schieder – der 1935 Geborene hatte von 1991 bis 2000 als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Kölner Universität gelehrt und war nach seiner Emeritierung nach Göttingen gezogen – brieflich Kontakt mit Finkelgruen auf. Anlass war seine Lektüre von Finkelgruens Erlkönigs Reich (1997), in dem dieser seine Begegnungen mit Diel (s.o.) geschildert hatte. 

Er selbst habe 1955/56 in Freiburg studiert. Finkelgruens Beschreibungen seiner Begegnungen mit Diel habe er mit „großer Verblüffung“ zur Kenntnis genommen. Dieser „eigenartigen, faschismusfanatischen Frau“ habe er in seinem letzten Buch „Mythos Mussolini“ ein „ganzes Kapitel“ gewidmet. Grundlage hierfür war ihr Nachlass, den er bei Helmut Diel  frei benutzen durfte, da dieser seiner Mutter gegenüber heute „äußerst distanziert gegenübersteht.“ Durch die Aufarbeitung des Archivs habe er „ein kritisches Bild dieser Propagandistin des italienischen Faschismus entwerfen“ können.[i] In einem Antwortschreiben dankt Finkelgruen für den Brief und hebt die „elektrisierende Wirkung“ hervor, die insbesondere der Film „Die Wohnung“ von Goldfinger in ihm hervorgerufen habe. Die filmische Erinnerung an den „Bankier Tuchler“ rief in ihm die Erinnerungen an seine Begegnung mit Tuchler in Diels Wohnung wieder wach.

In einer weiteren Mail Schieders an Finkelgruen (10.8.2014) beschreibt Schieder die komplexe Beziehung der Protagonisten; seine Einschätzung trifft, wie ich nun sehe, mit meiner Darstellung überein: Tuchler sei offenkundig ein enger Freund Diels. Für ihre Entnazifizierung habe er ihr 1947 „einen der üblichen Persilscheine geschrieben“, in der ihr bescheinigt wurde, „daß sie und ihr Mann bis 1936 mit jüdischen Familien umgingen.“ Seit 1927 hatten die beiden Familien in Gatow an der Havel benachbarte Ferienhäuser. Auch Schieder hebt die Besonderheit dieser familienbiografischen filmischen Dokumentation hervor, dass sie nicht irgendwie versöhnlich endet, sondern auch die im Film präsente Wuppertaler Tochter des Leopold von Mildenstein letzten Endes als eine problematische Person erscheinen lässt, die zumindest Schwierigkeiten mit „der Wahrheit“ hat. Mildensteins spätere Misserfolge in seiner Karriere im Nazisystem – er wurde 1936 offenkundig auf Betreiben Heydrichs entlassen – nutzte dieser in der Nachkriegszeit dazu, um sich als ein Opfer darzustellen. Er benutzte also die Strategie der Selbstviktimisierung, die im Nachkriegsdeutschland die dominierende Form der „Vergangenheitsbewältigung“ war – und der Finkelgruen in den 1980er Jahren im Schicksal der Edelweißpiraten wiederbegegnete. Sie, die wenigen Widerständigen, die Unangepassten, galten auch 40 Jahre nach Kriegsende in Köln als die „Schuldigen“, die Übeltäter, die Kriminellen. Sie galt es zu bekämpfen, im Interesse der Fortschreibung der weiterhin nationalsozialistisch geprägten Geschichtsverklärung. Nichts hatte sich geändert. Eben deshalb verfasste Finkelgruen 1981 seine 2020 als Buch erschienene Edelweißpiraten-Studie „“Soweit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln (Kaufhold 2020).

[„Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft“ – Peter Finkelgruen wird 80]

Literatur

Diel, L. (1938): Mussolini. Duce des Faschismus, Leipzig: Paul List Verlag
Finkelgruen, P. (1997): Erlkönigs Reich. Hamburg: Rowohlt
Finkelgruen, P. (2012): Israel – freiwillige Geisel?. In: Kaufhold, R. & B. Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten nach dem Holocaust in Deutschland. Themenschwerpunktheft der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung, Heft 1/2012.
Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln“. Herausgeber: Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Engelhart. Books on Demand, Norderstedt 2020. https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415
Goldfinger, A. (2012a): Film „Die Wohnung“: Ihr Freund, der Feind, Die Zeit. Internet: http://www.zeit.de/2012/21/Deutsch-Juedisches-Familiengeheimnis
Goldfinger, A. (2012b): The Flat, documentarian Arnon Goldfinger, DP/30: The Oral History of Hollywood: https://www.youtube.com/watch?v=1vZLL9JbTrs&t=804s
Greif, G., C. McPershin & L. Weinbaum (Hg., 2000): Die Jeckes: Deutsche Juden aus Israel erzählen. Köln: Böhlau Verlag.
Jelinek, Y. A. (2004): Deutschland und Israel 1945-1965: ein neurotisches Verhältnis. In: Studien zur Zeitgeschichte, Band 66, Oldenbourg Verlag.
Kaufhold, R. (2003): Uri Avnery: Ein Porträt. In: Uri Avnery (2003): Ein Leben für den Frieden. Heidelberg (Palmyra), S. 258 – 287; sowie in psychosozial Nr.  93, H. 3/2003, S. 107 – 122.
Kaufhold, R. (2012): Der Psychoanalytiker Sammy Speier (2.5.1944 – 19.6.2003): ein Leben mit dem Verlust. Oder: „Kehrt erst einmal vor der eigenen Tür!“. In: Kaufhold, R. & B. Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten nach dem Holocaust in Deutschland, in: Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung H. 1/2012, S. 96-112; Internet haGalil 2016: http://www.hagalil.com/2016/05/sammy-speier/
Kaufhold, R. (2013a): Im KZ-Drillich vor Gericht: Ein Sammelband beschreibt, wie Serge und Beate Klarsfeld Schoa-Täter aufspürten und der Gerechtigkeit zuführten, Jüdische Allgemeine, 6.7.2013.
Kaufhold, R. (2013b): „Ich erinnere mich an diesen Deutschen ganz genau“ – Erinnerungen an den Lischka-Prozess, haGalil, 29.5.2013:  http://buecher.hagalil.com/2013/05/lischka-prozess/
Kaufhold, R. (2019): Die Unangepassten Vor 40 Jahren verfasste Peter Finkelgruen ein Buch über die Kölner Edelweißpiraten. Nun wird es im Internet erstmals veröffentlicht, Jüdische Allgemeine, 6.10.2019: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/die-unangepassten/
Kaufhold, R. (2020): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über Edelweißpiraten (1980 – 2019), in: Finkelgruen (2020), S. 217-342. 
Klein, A. (Hg., 2013) unter Mitarbeit von Judith Weißhaar: Der Lischka-Prozess. Eine jüdisch-französisch-deutsche Erinnerungsgeschichte, Berlin: Metropol Verlag.
Meier, A, (2002): „Ein Nazi fährt nach Palästina“ Der Bericht eines SS-Offiziers als Beitrag zur „Lösung der Judenfrage“, Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11, Berlin: Metropol Verlag.
Meier, A, (2004): Das Haavara-Abkommen. In: Zukunft braucht Erinnerung. Internet: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/das-haavara-abkommen/
Meier, A. (2014): Die Artikelserie „Ein Nazi fährt nach Palästina“, Bundeszentrale für politische Bildung, 18.11.2014. Internet: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/die-wohnung/195248/die-artikelserie-ein-nazi-faehrt-nach-palaestina
Schieder, W. (2013): Die Audienzen Louise Diels 1934-1939. In: Schieder, W. (2013): Mythos Mussolini. Deutsche in Audienz beim Duce. München: Oldenburg Verlag, S. 86-105.
Tucholsky, K. (1931): Auf dem Nachttisch, in: Die Weltbühne 27,2 (1931, S. 857f.), in: Gesammelte Schriften (1907-1935), Internet: http://www.textlog.de/tucholsky-louise-diel.html

[1] Golda Meir war von 1969 – 1974 israelische Ministerpräsidentin. Peter Finkelgruen war in den 1970er Jahren der erste deutschsprachige Journalist, dem Golda Meir ein, auf hebräisch geführtes, Interview gewährte.
[2] Nähere Informationen und Fotos finden sich hier: http://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/internationales/60-jahre-erste-mission-des-staates-israel-deutschland
[3] Bisher hatte ich es als gesichert betrachtet, dass Tucholsky Suizid begangen habe. Nun lese ich, dass Tucholskys Biograf Michael Hepp (Hepp 1993: Kurt Tucholsky: Biografische Annäherungen, Rowohlt) bereits 1993, unter Verweis auf einen fehlenden Abschiedsbrief und einen „unklaren Obduktionsbericht“, Zweifel an der Selbstmordthese hat. Auch eine versehentliche Überdosierung oder aber eine Ermordung Tucholskys erscheine als möglich. Vertiefendes hierzu findet sich auch auf diesem Blog: https://kurttucholsky.wordpress.com/wenn-tot-werde-ich-mich-melden/
[4] Vor diesem historischen Kontext wirkt es besonders verstörend bzw. eindrücklich, dass sich die zentrale politische Devise der Israel-Boykott-Bewegung heute in der Losung vereint: Juden raus aus Palästina…
[5] Siehe das Kapitel über den Lischka-Prozess in diesem Buch.
[6] Persönliche Mitteilung von Fred Viebahn, e-mail vom 19.4.2017.
[7] Der 1939 geborene Peter Schütt machte noch weitere beachtliche weltanschauliche Wendungen durch: Anfangs hatte er seine Literatur ganz in den Dienst der kommunistischen Ideologie gestellt, was ihm den zweifelhaften Ruf des „Hofdichters der DDR eintrug. 1988 wurde der inzwischen 49-Jährige aus dem DKP-Parteivorstand ausgeschlossen. Nach seiner Heirat mit einer Iranerin konvertierte er 1990 zum schiitischen Islam und absolvierte 1996 eine Pilgerfahrt nach Mekka. Im Alter wanderte er, wie durchaus nicht wenige Vertreter der APO-Generation, ins Lager der äußerten, „wertkonservativen“ Rechten und wurde 2015 Redakteur der sehr rechten Zeitschrift Mut. Man könnte sich an den bekennenden Antisemiten Horst Mahler erinnert fühlen.
[i] Brief Schieders an Finkelgruen vom 9.1.2014; weiterhin mehrere Mails zwischen Finkelgruen un d Schieder: 23.1.2014, 24.1.2014 und 10.8.2014