Rechte(s) von A-Z

Folge 17: S bis Sündermann, Helmut

Von Christian Niemeyer

Dieses Lexikon gibt Informationen in kompakter Form sowie weitergehende Literaturhinweise, basierend auf Forschungsliteratur sowie allgemein zugänglichen Nachschlagewerke, zumeist in Printversionen. Internetquellen, etwas das Belltower-Lexikon sowie Wikipedia, wurden konsultiert. Ersteres ist aber zu unspezifisch und im Übrigen schlecht aufgebaut und unvollständig. Letzteres ist zu spezifisch, mitunter unzuverlässig. Das Handbuch Rechtsradikalismus (2002) von Thomas Grumke & Bernd Wagner setzte in beiden Hinsichten neue Maßstäbe. Es hat nur einen Nachteil: es ist zu alt, im Vergleich zum im Folgenden dargebotenen Material (Redaktionsschluss: Juli 2021), das ab jetzt auf hagalil.com in mehreren Folgen erscheinen wird und dem Online-Anhang meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte (2021) entnommen wurde. Am Ende eines jedes Eintrags finden sich in eckigen Klammern in Fettdruck die Seitenzahlen, auf denen die jeweilige Person oder Sache in der Printversion erwähnt wird. Damit gewinnt dieses Lexikon den Charakter eines Sach- und Personenregisters im Blick auf jene Printversion. Literaturhinweise finden sich in jenem kostenlos auf der Homepage des Verlags Beltz Juventa (Weinheim) als Download verfügbaren Online-Material.

 

 

S., Frank (ca. *1971). Mehrfach vorbestrafter Neo-Nazi und Rudolf Heß-Bewunderer, 2016 wg. versuchten Mordes an Henriette Reker zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt, das milde Urteil – die Staatsanwaltschaft hatte lebenslänglich beantragt, die Verteidigung 15 Jahre – erregte Aufsehen, auch wg. Gerüchte um eine Tätigkeit von S. als V-Mann, die Tat wurde als Folge von Pegida-Propaganda gedeutet. (vgl. Röpke 2017: 80 ff.)

 

Salomon, Ernst von (1902-1972), aus Kiel. Beteiligt am Attentat auf Walter Rathenau, Drehbuchautor, etwa über die NS-Kolonialikone Carl Peters, Schriftsteller (Der Fragebogen [1951], nach Erik Lehnert ein Schlüsselwerk der Neuen Rechten) mit Neigung zur Bagatellisierung der eigenen Vergangenheit und Tendenz zur konservativ-revolutionären Kritik der US-Reeducation, deswegen Idol der Neuen Rechten, sei es à la Nils Wegner (s. Essay Nr. 13.3.3), sie es à la Karlheinz Weißmann. [317, 335, 410, 412-419, 432]

 

Salzhemmendorf in Niedersachsen. August 2015: Brandanschlag auf ein ehemaliges Schulgebäude, das als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird. Eine 34-jährige Mutter aus Simbabwe und ihre drei Kinder befanden sich im Nebenraum. Zwei 24 und 30 Jahre alte Männer aus der Gemeinde und eine 23 Jahre alte Frau aus der Region wurden als tatverdächtig ermittelt, die Männer wg. Sachbeschädigung, Körperverletzung und politisch motivierter Taten sind polizeibekannt. (s. Glosse Nr. 4) [663]

 

Sandberger, Martin (1911-1958), aus Berlin. Jurist, NS-Studentenbund, SA, NSDAP, 1937 Reichssicherheitshauptamt. 1941 SD Estland, Dez. 1943 SD Italien. Januar 1944 Leiter der Gruppe IV im RSHA. Todesurteil 1948, Entlassung Landsberg 5.5.2958. (vgl. Klee 2003: 519; s. Essay Nr. 13) [436]

 

Sarrazin, Thilo (*1945), aus Gera. Volkswirt, SPD-Politiker, Bestsellerautor (Deutschland schafft sich ab [2010], ein Schlüsselwerk der Neuen Rechten), der mit diesem Millionenbestseller dem Rechtspopulismus in Deutschland (PEGIDA, AfD) den entscheidenden Auftrieb gab. Kaum störend dabei: die Redundanz in nachfolgenden Bestsellern (s. Glosse Nr. 10) Tatsächlich aber weigert sich der beharrlich Missverstandene hartnäckig, diese Verantwortung zu akzeptieren resp. zu übernehmen. Deswegen fehlt nach wie vor beides: Der Parteiausschluss aus der SPD, der 2020 besiegelt wurde, aber wg. der Klage des Betroffenen dagegen noch nicht rechtskräftig ist; aber auch die Ehrenmitgliedschaft in der AfD. Beides hätte er fraglos verdient. [23, 25-28, 35-37, 40 f., 54, 57, 63, 66, 69, 72, 80, 118, 121, 145, 252, 277, 281, 436, 632, 667, 675-681, 686, 689, 700, 729, 789]

 

Schacht, Hjalmar (1877-1970), aus Tingleff/Schleswig. Bankier, Reichsbankpräsident 1923-1930, 1933-1939, Reichswirtschaftsminister 1934 bis 1936, Minister ohne Geschäftsbereich bis 1943. Verhaftung nach Stauffenberg-Attentat, 1947 acht Jahre Haft, 1948 Freispruch und Entlassung, 1953 Finanzberater Ägyptens etc., Verdacht ODESSA, 1960 GfP. (vgl. Dudek/Jaschke 1984, Bd. I: 47; Klee 2003: 522; s. Essay Nr. 13.3.5) [441, 452]

 

Schaumburg-Lippe, Friedrich Christian Prinz von (1906-1983), aus Bückeburg. Goebbels-Adjutant. Nach 1945 Geschichtsrevisionist mit in Neo-Nazi-Kreisen beachteten Publikationen. (vgl. Riechmann 2009) [62, 435]

 

Schaumburg-Lippe, Ingeborg Alix von (1901-1996), aus Oldenburg, verheir. m. Stephan Prinz zu, nach 1945 u.a. „Stille Hilfe“, Zusammenarbeit mit Theophil Wurm. (vgl. Klee 2003: 527 f.) [434]

 

Schaumburg-Lippe, Stephan Prinz zu (1891-1965), aus Stadthagen. SS-Obersturmbannführer 1939. NSDAP/SS 1922 Legationsrat in Sofia, danach Rom und Rio de Janeiro. (vgl. Klee 2003: 528) [435]

 

Scheil, Stefan (*1963), aus Mannheim. Historiker, AfD-Politiker; Autor bei Duncker & Humblot, bei der JF und bei Sezession mit geschichtsrevisionistischem Blick auf die NS-Zeit unter Verwerfung der Kriegsschuldlüge in Sachen beider Weltkriege und Inschutznahme Hitlers als eines von kriegswilligen Alliierten in die Falle Gelockten. Thesen wie diese fanden Widerhall bei Gerhard Frey. Sein Buch Fünf plus Zwei (2003) gilt Karlheinz Weißmann als Schlüsselwerk der Neuen Rechten und trifft, auch der gegen Fritz Fischer gerichteten Neudeutung der Kriegsschuldfrage in Sachen Erster Weltkrieg durch Christopher Clark – sein Buch Preußen (2006) gilt Johannes Ludwig als Schlüsselwerk der Neuen Rechten (SH 2: 183 f.) –, auf erhebliche Resonanz der auf Weltherrschafts-Visionen (s. Prolog Nr. 2) abstellenden Kreise in der AfD, darunter Michael Klonovsky mit seinem ganz speziellen Blick auf die Polenfrage. [21, 33, 143, 348, 400, 625]

 

Schelsky, Helmut (1912-1984), aus Chemnitz. Sch., einer der wichtigsten Soziologen der Adenauerära, wird im neu-rechten Staatspolitischen Handbuch von Rainer Waßner wg. „seiner polemischen Kampagne als ‚Anti-Soziologe‘ gegen den linken Zeitgeist“ (SH 3: 198) sehr geschätzt, sein Sachbestseller Die Arbeit tun die anderen (1975) gilt ihm (SH 2: 22 ff.) gar als Schlüsselwerk der Neuen Rechten. Keinen Anstoß erregten bei dieser Bewertung die im Vohergehenden (s. Essay Nr. 16.2.1) ausführlich dargestellten Bedenken gegen Sch. und seine grenzwertige auf Bagatellisierung Hitlers und des Holocaust hinauslaufende Position im Streit um die Studentenbewegung, die einen dunklen Schatten wirft auf die NS-Verstrickung von Sch. sowie seines gleichfalls der Jugendbewegung (Serakreis, ‚Meißnerfahrer‘) entstammenden akademischen Lehrers Hans Freyer (vgl. Breuer 2013: 263 f.), aber auch, wg. der Nicht-Thematisierung dieser Zusammenhänge, auf einen neu-rechten Lobredner auf Sch. wie Rainer Waßner. [481, 484, 487, 492-494, 500, 506]

 

Schenck, Ernst Günther (1904-1998), aus Marburg. 1931 (bis 1934) Oberassistent am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin. 1933 SA, 1937 NSDAP, Sept. 1939 Berater des Reichsgesundheitsführers in Ernährungsfragen. 1940 Ernährungsinspekteur der Waffen-SS, 1942 apl. Prof., Ernährungsversuche, auch im Blick auf Pervitin, 1943/44 im KZ Mauthausen. 1944 Ernährungsinspekteur der Wehrmacht. 1945 an Hitlers Todestag in Reichskanzlei. Sein Buch Patient Hitler (1989) basiert auch auf Eindrücken aus jener Zeit. 1945 sowj. Kriegsgefangenschaft, 1949 zum Tode verurteilt, umgewandelt in eine 25-jährige Haftstrafe, 1955 freigelassen, legte er als Wortführer den „Schwur von Friedland“ ab, also „nicht gemordet, nicht geschändet und nicht geplündert zu haben“ – ein Meineid. (vgl. Giordano 2000: 216; Klee 2003: 530 f.) Das Sch.-Bild nach 1945, etwa in Oliver Hirschbiegels Film Der Untergang (2004), auch in Jonathan Littels Buch Die Wohlgesinnten (2008), gilt als beschönigend. (vgl. Westemeier 2018a: 310 ff.)

 

Schieder, Theodor (1908-1984), aus Oettingen. Sch., einer der wichtigsten Historiker der Adenauerära, Ernst Nolte war einer seiner Assistenten, kam als Schüler zur JB, als Student in München Mitglied der Deutsch-Akademischen Gildenschaft, zusammen u.a. Theodor Oberländer und Friedrich Weber, die beide am Hitler-Putsch 1923 teilnahmen. Sch., der seit 1937 Mitglied der NSDAP war und sich aktiv im NS-Dozentenbund betätigte, habilitierte sich 1939 und war ab da an aktiv mit der volksdeutschen Durchsetzung im Osten beschäftigt (vgl. DBE, Bd. 8: 624 f.), so dass ihm beispielsweise der ostpreußische Gauleiter Erich Koch 1942 Dank sagte für seinen Einsatz bei der Konfiszierung der Mitgliederverzeichnisse von Synagogen (Haar 2008: 628). Sch. war ab 1940 Dozent und ab 1942 Prof. an der Universität Königsberg, nach dem Krieg von 1948-1976 Prof. an der Universität Köln. Sch. war u.a. „1953-1961 im Auftrag des Bundesvertriebenenministers Oberländer Leiter der Wissenschaftlichen Kommission zur Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ (Klee 2003: 534) und gab damit Oberländer „ein Instrument in die Hand, die alte Revisionspolitik neu fortzuführen.“ (Haar 2008: 628) In durchaus vergleichbarer Absicht war Sch. tätig als Leiter der Wissenschaftlichen Kommission für die Geschichte der JB, der die Kontrolle der Kindt-Edition oblag. Insoweit trägt er, zusammen mit Günther Franz, Verantwortung für die von Kindt exekutierten Verfälschungen, hätte durchaus auch etwas unternehmen können wg. der prominenten Rolle weiterer schwer NS-Belasteter – wie Walther Jantzen, Hans Wolf oder Karl Vogt – in der Burg Ludwigstein, Versäumnisse, die allerdings von Jugendbewegungshistoriographen wie Jürgen Reulecke oder Erziehungshistoriker wie Ulrich Herrmann über viele Jahre hinweg nicht thematisiert wurden und nach wie vor als „Trockenübungen“ (vgl. Behrmann 2015a) Fernstehender verächtlich gemacht werden. Und dies, obgleich Sch.s Beschweigen der dunklen Seite seiner Geschichte sowie jener der Jugendbewegung neu-rechten Geschichtsrevisionisten entgegenkommt. [151, 169 f., 351, 369, 375, 395, 473, 607, 609, 611, 624, 628 f.]

 

Schiffmann, Bodo (*1968), aus Bonn. Arzt, 2020 als Verschwörungstheoretiker resp. Covidiot auffällig geworden, im Dezember 2020 wurde ein Verfahren zwecks Rücknahme seiner Zulassung als Arzt eingeleitet. Behauptete ohne Beleg, drei Mädchen seien durch Masken gestorben. Im Februar 2021 wurde seine Praxis durchsucht wg. des Verdachts des Ausstellens von unbegründeten, von der Maskenpflicht befreienden Attesten. [79 f.]

 

Schilljugend. Wurde 1924 vom Freikorpsführer und Hitlerputschisten (1923) Gerhard Roßbach in Salzburg gegründet, wurde 1925 von Hitler als vorläufiger Ersatz für eine NS-Jugendorganisation anerkannt. Nachdem Roßbach die Unterordnung unter Hitler in Gestalt seiner Beförderung zum HJ-Chef ablehnte, agierte die Sch. ab Herbst 1926 parallel zur HJ, um sich schließlich im Sommer 1933 mit ihren ca. 1000 Mitliedern in die HJ einzugliedern. [368]

 

Schirach, Baldur von (1907-1974), aus Berlin. 1925 NSDAP, 1931 ‚Reichsjugendführer‘ der NSDAP, ab 1932 MdR, 1933 Jugendführer des Deutschen Reichs, ab August 1940 Gauleiter in Wien m. erheblicher Verantwortung für den Holocaust. (vgl. Niemeyer 2013: 26) [230, 271, 369, 438, 570, 582 f., 595 f.]

 

Schlund, Robby (*1967), aus Gera. Arzt, AfD Thüringen seit 2013, Gründung, MdB seit 2017, Putin-Anhänger. (s. Prolog Nr. 10) [90, 95]

 

Schmidt, Friedrich (1902-1973), aus Wiesenbach. Artamanenführer mit in der Kindt-Edition verharmlosend gekürzten Texten und Banalitäten aus der Biographie. (s. Essay Nr. 11) [594]

 

Schmidt, Paul, s. unter Carell, Paul.

 

Schmitt, Carl (1888-1985), aus Plettenberg. Staats- und Völkerrechtler, orientiert an Thomas Hobbes (s. Essay Nr. 6), NSDAP-Beitritt 1933, 1934 Rechtfertigung des Röhm-Putsches mit „Führer-Ordnung“, 1935 Rechtfertigung der antisemitischen Nürnberger Gesetze, 1936 fiel er in Ungnade, blieb aber Pg., aktuell Idol der Neuen Rechten, sein Homogenitätsideal traf auf Widerhall bei Jean Raspail sowie sonstige Gegner von Flüchtlingshilfe. [254, 265 f., 574]

 

Schnellroda. Metapher für neu-rechten Thinktank, wortwörtlich Name für einen Ortsteil in Thüringen, in welchem das Rittergut des Verlegers Götz Kubitschek (Antaios Verlag) sowie seiner Gattin Ellen Kositza beheimatet ist. Legendär wg. der unter dem Titel Tristesse Droite bekannt gewordenen ‚Abende von Schnellroda‘ (19. Tsd. Aufrufe, Juli 30, 2015, auf kanal schnellroda. (s. Glosse Nr. 2) [24, 27, 30, 64, 67, 135, 142, 150, 152, 154, 171, 175 f., 213 f., 281, 283, 343, 397, 406, 412, 422, 433, 435, 438, 449 f., 452, 456, 484, 539, 656-658, 685 f., 788]

 

Schnez, Albert (1911-2007) aus Abtsgmünd. Bei Kriegsende Oberst General des Transportwesens in Italien, gründete er mit 2000 ehem. Wehrmachts- und Waffen-SS-Offizieren die sog. Schnez-Truppe mit dem Ziel, 40.000 Mann für den Fall eines sowjetischen Überfalls in Bereitschaft zu halten – Pläne, über die der Kriegsverbrecher Otto Skorzeny involviert war, was ihn 1951 vor Verfolgung schützte. (vgl. Roth 2016: 40 ff.)

 

Schöll, Friedrich (1874-1967), aus Blaubeuren. Volks- und Oberrealschullehrer, seit 1903 in der Lebensreformbewegung, Hammerbund, Deutschbund, ab 1921 „Teilnahme an nationalsozialistischen Veranstaltungen und Parteitagen“ (Breuer/Schmidt 2010: 412), 1925 Gründer des völkischen Landerziehungsheims Vogelhof, NSLB 1931, NSDAP 1937. (vgl. Harten / Neirich / Schwerendt 2006: 465) [296 f.]

 

Schölz, Joachim (1909-?). Als Oberfeldrichter noch 1945 verzeichnet (vgl. Messerschmidt/Wüllner 1987: 338), von Alfred de Zayas (61998: 263 ff.) als Zeuge im Fall Kondamari 1941 aufgerufen, war wenig glaubwürdig und auch beteiligt an außergerichtlichen Terrormaßnahmen des Nacht-und-Nebel-Erlasses. Nach 1945 im Bundesjustizministerium. (Podewin 1968) [402-404]

 

Schönhuber, Franz (1923-2005). NSDAP 1931, Waffen-SS, rechtsextremer Politiker, Antisemit, der Ignatz Bubis mitschuldig sprach am Antisemitismus, Mitbegründer der Partei Die Republikaner (vgl. Grumke/Wagner 2002: 317 ff.), sein Redenschreiber war zwischenzeitlich Armin Mohler. Der neu-rechte Ideologe Thorsten Hinz behandelte Sch. mit entsprechender Nachsicht und verglich ihn wg. der Waffen-SS-Gemeinsamkeit mit Günther Grass. [439]

 

Schoeps, Hans-Joachim (1909-1980), aus Berlin. Jüdischer Religionsphilosoph und Mitbegründer der Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte (ZRGG) mit Wurzeln in der der Jugendbewegung, gilt aus AfD-naher Wertung als Vordenker der Neuen Rechten, dies insbesondere aufgrund seiner Kontakte zu den Jungkonservativen sowie, nach 1945, seiner Rückbesinnung auf Preußen sowie die Monarchie, schließlich seiner kritischen Haltung zu den 68ern und der Unterstützung einer „Konservativen Sammlung“ rechts von der CDU. (vgl. Brumlik 2020a) Indienststellungen dieser Art erfolgen, etwa bei Erik Lehnert, unter Bagatellisierung der NS-Verfolgung mittels Übernahme des Vokabulars jener Jahre. [396 f., 418, 584]

 

Scholl, Sophie (1921-1943), aus Forchtenberg. Wg. ihres unfassbaren Mutes inmitten des Gleichmuts der Mitläufer*innen die Ikone des dt. Widerstandes. Am 18. Februar 1943 während des Verteilens von Anti-Hitler-Flugblättern der Widerstandsgruppe ‚Weiße Rose‘ in der Münchener Universität zus. m. ihrem Bruder Hans festgenommen und am 22. Februar vom ‚Volksgerichtshof‘ unter Roland Freissler zum Tode verurteilt und am gleichen Tag gemeinsam mit ihrem Bruder sowie ihrem Kommilitonen Christoph Probst per Guillotine enthauptet. Für die wohl denkbar brutalste Schändung ihres Namens steht das „Jana-aus-Kassel“-Syndrom (s. Prolog Nr. 4), also die Berufung auf ihr Tun zwecks Rechtfertigung des neu-rechten Widerstandes gegen eine angebliche Corona-Diktatur durch Querdenker, darunter die Schriftstellerin Alexandra Motschmann von der Partei dieBasis. [41, 50, 53, 614]  

 

Schüßlburner, Josef (*1954), aus Geratskirchen. Jurist, Beamter, Publizist, 2007 wg. rechtsextremer Einstellung vom Dienst suspendiert. Geschichtsrevisionist. [232, 349]

 

Schumann, Gerhard (1911-1995), aus Eßlingen. Lyriker. NS-Studentenführer, SA-Oberführer. NSDAP, Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer, 1936 Nationaler Buchpreis, 1942 Chefdramaturg des Württemberger Staatstheaters, nach 1945 unbelehrbar, wie das Programm seines Hohenstaufen-Verlags (u.a. Karl Epting) zeigt. (vgl. Loewy 1966: 322; Klee 2003: 577)

 

Schwammberger, Josef (1912-2004), aus Brixen/Österreich-Ungarn. 1933 wg. Beitritt zur SS aus Österreich ausgebürgert, NSDAP 1938, Kommandant des Ghettos in Przemysl (1942-1944), danach des Arbeitslagers Mielec, zwang Juden, Kot zu essen, hetzte seinen Schäferhund auf zuvor zum Auskleiden Gezwungene, tötete aus Lust. Im Juli 1945 verhaftet, Januar 1948 Flucht und, nachdem er von Alois Hudal mit Geld und Pass ausgestattet war, im März 1949 über Genua per Rattenlinie nach Buenos Aires. Von dort 1990 ausgeliefert, 1992 lebenslänglich wg. Mordes und Beihilfe dazu an 650 Personen. (vgl. Klee 2003: 571 f.) [454 f.]

 

Schwend, Friedrich (1906-1980), aus Böckingen. Mechaniker, Fahrlehrer, Vertreter für KfZ-Motoren, NSDAP 1932, Agententätigkeit für die Wehrmacht und den Sicherheitsdienst der SS, sollte Fremdwährungsdepots ausfindig machen, 1943 Leiter einer Falschgeldaktion mit dem Codenamen „Bernhard“, die m. gefälschten Pfundnoten engl. Wirtschaft destabilisieren und Devisen beschaffen sollte, SS-Sturmbannführer, hatte Himmler zu berichten, konnte ein Drittel des Gefälschten behalten, musste davon aber seine Unterhändler unterhalten. Nach 1945 auf Grundlage von zuvor schon nach Italien und in die Schweiz verbrachten Valuten und Waren Basis der „größten Fluchtorganisation des Dritten Reichs“ (Wiesenthal 1988: 87 f.) mit Schloss Labers (Meran) als Dienstsitz. Im Mai 1945 stellte sich Sch. den Amerikanern und wurde von diesen für den CIC angeheuert, bis 1946 Lockvogel, um Kriegsverbrecher in Italien aufzustöbern. (vgl. Steinacher 2008: 180 ff.) [440-442]

 

Schreiber, Franziska (*1990), aus Dresden. AfD-Aussteigerin. (s. Glosse Nr. 19) [115, 117, 150, 155, 215, 250, 349, 715]

 

Schrenck-Notzing, Casper Freiherr von (1927-2009), aus München. Sch., zusammen mit Armin Mohler Gründer des neu-rechten Periodikums Criticón, hat es mit seinem Buch Charakterschwäche. Die amerikanische Besatzung in Deutschland und ihre Folgen (1965), einer kritischen Bilanz der Reeducation, zu einem Schlüsselwerk der Neuen Rechten gebracht. 

[58, 103, 130 f., 137, 152, 155, 213, 251, 351, 399, 474, 598]

 

Schulz, Fritz-Martin (*1941), aus Winsdorf b. Zossen. Seit 1974 Bundesleiter des Nerother Wandervogel. Wurde 2013, im Jubiläumsjahr der M., in der Jungen Freiheit mit haltlosen Invektiven gegen Proponenten der M. – wie etwa den Verf., unter Bezug auf dessen Buch Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend (2013) – auf- und ausfällig (s. Essay Nr. 22) Bezeichnete in Rundbriefen (an die Nerother) Ausländer als „nicht integrierbare Teile der Bevölkerung“ sowie die Aufregung über Neonazis als „Medienpopanz“, so dass das positive Sch.-Bild des neu-rechten Ideologen Gerald Franz nicht überrascht. [629 f.]

 

Schulz, Johannes (1884-1942), aus Luisenthal. Priesterweihe 1911, Kaplan, Pfarrer. Bistum Trier. Zusammen mit seinem Amtsbruder Josef Zilliken von Hermann Göring aus Ärger über Respektlosigkeit – sie waren nicht aufgestanden, als er ein Lokal betrat – ins KZ Buchenwald (später Sachsenhausen sowie Dachau) verbracht, wo er nach zwei Jahren verhungerte. (Details s. unter Zilliken) Am 28. August 1942 in seinem Dienstort Nickenich ein von vielen Geistlichen besuchtes Requiem. Da der Bürgermeister sich gegen die Beisetzung auf dem Gemeindefriedhof sperrte, fand die Beisetzung in Saarbrücken statt. Nach 1945 vielfaches Gedenken, im Bistum Trier zusammen mit Zilliken als Glaubenszeugen und Bekenner verehrt, beide fanden Aufnahme in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. (vgl. Zutter/Elsigk 1996; Eberle/Uhl 2005: 643) Bischof Alois Hudals Schweigen von Z. (und Schulz sowie anderen der insgesamt im Dritten Reich inhaftierten 2.579 katholischen Geistlichen) darf als kalkuliertes gelten, ebenso wie jenes von Fred Duswald. (s. Essay Nr. 13.3.5)

 

Scruton, Roger (1944-2020), aus Buslingthorpe/UK. Konservativer Philosoph und Schriftsteller. [74, 77]

 

Sellner, Martin (*1989), aus Wien. Österreichischer Bundesleiter der IB aus dem Zirkel um den Neonazi Gottfried Küssel und insoweit mit alt-rechter Aura sowie dem Anspruch, diese von ihm als Jugendbewegung verstandene und über Redpilling organisierte Gruppe international anschlussfähig zu machen und mittels der Moslemfrage – seiner Meinung nach das zeitgemäße Äquivalent zur Judenfrage der 1920er Jahre – zu vereinheitlichen als „das europäische Pendant zur amerikanischen Alt-Right.“ (Ebner 2019: 56) S. im Internet vielfach unterwegs als eine Art ‚Hasskrieger‘ (vgl. Schwarz 2020), der den Fall das im Dezember 2018 als Fälscher überführten preisgekrönten Spiegel-Reporters Claas Relotius „als den endgültigen Beweis dafür benutzte, dass man Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Studien keinen Glauben schenken dürfe.“ (Ebner 2019: 128) [71, 99, 125, 254, 510]

 

Seubert, Harald (*1967), aus Nürnberg. Philosoph und Theologe, Privatdozent, Anhänger von Günter Rohrmoser, Studienzentrum Weikersheim, der 2006 noch sowohl hier als auch am IfS referierte (vgl. Rornemann 2006) und 2010 an einer katholisch-fundamentalistischer Kampagne gegen die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ beteiligt war (s. Essay Nr. 20) sowie zahlreiche Artikel zum Staatspolitischen Handbuch des Antaios-Verlags beisteuerte. Inzwischen scheint der Nietzscheexperte und Günter-Rohrmoser-Schüler von diesen neu-rechten Anwandlungen Abstand genommen zu haben. [514]

 

Sezession. Herausgegeben von Götz Kubitschek vom IfS, versteht sich diese 2003 gegründete „rechtsintellektuelle“ Zeitschrift (mit begleitendem Weblog sezession.de) als „vordenkendes und wegbereitendes Medium der AfD.“ (Schudoma 2018: 142) Diesem Ziel verpflichten sich u.a., geordnet nach Anzahl ihrer Beiträge auf sezession.de in absteigender Linie (in Klammer die Anzahl der Beiträge, nur über 100, Stand 16.06.2021, 10:19): Götz Kubitschek (749), Ellen Kositza (657), Martin Lichtmesz (597), Erik Lehnert (300), Benedikt Kaiser (295), Nils Wegner (216), Till Lucas Wessels (184) und Caroline Sommerfeld (115). Die Analyse dieser Zeitschrift ergibt eindeutige Hinweise auf eine ausgeprägt rechtsextremistische Gesinnung. (vgl. Pfahl-Traughber 2017/18) [42, 84, 119, 136, 139, 174, 351, 397, 415, 438, 449 f., 656, 713]

 

Sieferle, Rolf-Peter (1949-2016), aus Stuttgart. Historiker mit einem neu-rechten Bestseller Finis Germania (2017) bei Antaios, seitdem Neu-Rechts-Ikone. Das Buch kam aufgrund der Empfehlung eines Spiegel-Redakteurs auf die Liste der „Bücher des Monats“. (s. Glosse Nr. 9) [110, 152, 280 f., 520, 540, 562, 685-687, 705]

 

Siegermächte, Siegerjustiz. Pejorative Vokabeln, vor allem bezogen auf die USA und deren Umgang mit NS-Tätern, gelesen als Teil der Reeducation, förderlich für den nach 1945 greifenden, von Alt-Nazis vorangetriebenen Anti-Amerikanismus sowie Geschichtsrevisionismus, auch bei AfD-Ideologen u. -Politikern verbreitet. [48, 103, 140, 143, 251 f., 315, 399, 407, 423 f., 429, 435, 450, 452, 474]

 

Skorzeny, Otto (1908-1975), aus Wien. Ingenieur, Burschenschaftler 1927, österr. NSDAP 1932, SS 1934, 1938 Synagogen-Brandstiftung, Waffen-SS 1939, „Leibstandarte SS Adolf Hitler“, war an der Festsetzung Mussolinis beteiligt (vgl. Kuby 1982: 258 ff.; Rauscher 2001: 533), auch an der durch Entführung seines Sohnes erreichten Rücktritt von Miklós Horthy (ebd.: 571), danach SS-Obersturmbannführer, Ardennenoffensive 1944 in GI-Uniformen, im März 1945 „Alpenfestung“, stellte sich am 16. Mai 1945 der US-Armee, wurde 1947 im Rahmen der Dachauer Prozesse als „the most dangerous man in Europe“ wg. Benutzung feindlicher Uniformen und Tötung amerikanischer Kriegsgefangener freigesprochen, im Juli 1948 unter ungeklärten Umständen Flucht, währenddessen Kontakte zu Reinhard Gehlen, in der Folge Agent beim CIC und bei der Organisation Gehlen (vgl. Klee 2003: 585), wurde auch in der Folge, etwa wg. der Erprobung von lautlosen Giftpistolen an KZ-Häftlingen in Sachsenhausen oder der Ermordung von 39 Zivilisten beim Rückzug von der Oderfront im April 1945 oder wg. der Hinrichtung österreichischer Widerstandskämpfer am 8. April 1945, nie verurteilt worden, wohl, so Jürgen Roth (2016: 42 f.) an einem auf das Jahr 1951 zurückweisenden Beispiel, weil S. wohl schon damals über Albert Schnez mit dem US-Geheimdienst zusammenarbeitete. Durchgehend, seit seiner Dachauer Haft, bestehen in Sachen S. Gerüchte – auch im Zusammenhang mit der Flucht Herbert Kapplers 1978 –, er sei Chef von ODESSA (vgl. Hammerschmidt 2014: 257 ff.; 462 ff.; s. Essay Nr. 13) resp. „Gründer einer rechtsextremen politischen Gruppierung.“ (Eberle/Uhl 2005: 622) S., seiner zahlreichen Schmisse aus burschenschaftlicher Zeit auch „Scarface“ geheißen, ist als (vormals) The Most Dangerous Man in Europe (Untertitel: Whiting 1998) Projektionsfläche in James Bonds Goldfinger (1964), aber auch in der US Graphic Novel Atomic Robo and the Dogs of War (2008) sowie in der japanischen Manga-Serie The Legend of Koizumi (2006-2015). S. gilt als drogenabhängig, speziell die Rauschdroge Pervitin betreffend. (vgl. Ohler 2015: 263 ff.) [427 f., 439-441, 443]

 

Sloterdijk, Peter (*1947), aus Karlsruhe. S., Philosoph, Publizist, Nietzscheverehrer, klass. Suhrkamp-Autor m. bedeutenden Bestsellern, umstrittene, vieldeutige Aussagen zum Rechtspopulismus, umstritten auch sein Verhältnis zu seinem ‚Schüler‘ Marc Jongen. (s. Glosse Nr. 19) [26-28, 110, 113, 122, 153, 161, 221, 242 f., 253, 520, 534, 645, 669, 724-736, 746, 748]

 

Sohnrey, Heinrich (1859-1948), aus Jühnde. Steglitzer Wandervogelpate, Schriftsteller mit ausgeprägter Tendenz zum Antisemitismus, Treuegelöbnis pro Hitler im Oktober 1933. [568-570].

 

Sommerfeld, Caroline (*1975), verh.: Sommerfeld-Lethen, aus Mölln. Philosophin, Publizistin, Autorin in Sezession sowie beim Verlag Antaios, neu-rechte Ideologin m. aufschlussreichem Redpilling. (vgl. Niemeyer 2021; s. Prolog 15) [40-42, 50-53, 62, 64, 83 f., 135-139, 141-147, 149, 153, 156, 164, 175, 213 f., 223, 263, 277, 351, 412 f., 443, 475, 483, 648, 713 f., 789]

 

Sonnenwendfeier. In den völkischen Kreisen der Jugendbewegung wurde die S. schon vor dem Ersten Weltkrieg begangen als ein aus ‚deutscher Vergangenheit‘ zu rechtfertigendes Brauchtum. Von Antisemitismus geprägt. Als solche wurden S. in der NS-Zeit zum offiziellen Feiertag. [571]

 

Speer, Albert (1905-1981), aus Mannheim. Architekt, 1931 NSDAP, SA, ab 1934 Bau des Parteitagsgeländes in Nürnberg, ab 1936 Neugestaltung Berlins, 1943 Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, als Hauptkriegsverbrecher zu 20 Jahren verurteilt, 1966 entlassen. (vgl. Eberle/Uhl 2005: 623) [466, 538, 618]

 

Spencer, Richard (*1978), aus Boston/US. White-Supremacy-Aktivist, US-Neonazi mit Hitler- wie Nietzsche-Vorlieben sowie solchen für Putin und Alexander Dugin, dessen von seiner Frau übersetzte Schriften in seinem Verlag erscheinen. Sp. Inspirierte den Rechtsterrorismus à la Charlottesville. (s. Glosse Nr. 8) Wg. Hate Speech wurde sein YouTube-Kanal im Juni 2020 gelöscht. [51, 134, 671]

 

Spengler, Oswald (1880-1936), aus Blankenburg. Philosoph, Gymnasiallehrer, Vertreter der Konservativen Revolution. (vgl. Weiß 2015) [253, 255, 298, 574]

 

Spieker, Manfred (*1943), aus München. Katholisch-fundamentalistischer Sexualethiker und Sozialwissenschaftler. (s. Essay Nr. 17) [517]

 

Spiethoff, Bodo (1875-1948), aus Düsseldorf. Dermatologe, Reichskommissar der Dt. Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. (vgl. Klee 2003: 592; s. Essay Nr. 12.2) [375 f., 380 f.]

 

Spuler, Bertold (1911-1990), aus Karlsruhe. SA 1933/34, NSDAP 1937, 1943 Prof. f. semitische Philologie u. Islamwissenschaft in München, im Juni 1944 an der Universität Göttingen Kurse f. muslimische Legionäre (vgl. Motadel 2017), 1948 Prof. Uni Hamburg, dort 1967 Skandal wg. seines Spruchs „Sie gehören alle ins Konzentrationslager!“ in Richtung der 68er. (s. Essay Nr. 16) [485-487]

 

Stahl, Alexander von (*1938), aus Berlin. Generalbundesanwalt von 1990 bis 1993, musste gehen wg. des missglückten GSG-9-Einsatzes in Bad Kleinen am 27. Juni 1993, bei dem ein Beamter ums Leben kam und der Terrorist Wolfgang Grams gleichfalls, angeblich durch Suizid. Der Fall ist bis heute nicht wirklich geklärt. St. jedenfalls ist inzwischen, wie sein Beistand von 2008 für Felix Krautkrämer andeutete (s. Prolog Nr. 11), im neu-rechten Lager angekommen. [194]

 

Stahlknecht, Holger (*1964), aus Hannover. Jurist, CDU-Innenminister (2011-2020) und CDU-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt. Musste nach einer Intrige gegen seinen Ministerpräsidenten am 4. Dezember 2020 zurücktreten. Steht wg. seines Versagens in Sachen des Anschlags auf die Synagoge in Halle 2019 in der Kritik, für Justiz- und Staatsversagen nach Art des Konstrukts vom Tiefen Staat verantwortlich zu sein. (vgl. Steinke 2020: 37 ff.) [162]

 

Stammler, Georg (1872-1948), aus Stammheim. Alt-rechter Ideologe und Erwachsenenbildner. (s. Essay Nr. 8) [151, 295 f., 595]

 

Stangl, Franz Paul (1908-1971), aus Altmünster/A. Nazi, Kommandant Sobibor u. Treblinka, lt. Himmler der „beste Führer“ der Aktion Reinhard, auch beteiligt an der Aktion T 4, 1948 Flucht aus der Haft in Linz n. Italien, über „Klosterroute“ resp. Bischof Alois Hudal n. Syrien, ab 1951 Brasilien (VW Sao Paulo), gejagt von Simon Wiesenthal, 1967 Verhaftung, 1970 LG Düsseldorf, Treblinka-Prozesse lebenslänglich wg. gem. Mordes an mind. 400.000 Menschen. (Vgl. Klee 2003: 596; s. Essay Nr. 13.3.5) [454 f.]

 

Steimle, Uwe (*1963), aus Dresden. Kabarettist, berühmt-berüchtigt für geschmacklose flüchtlingsfeindliche Witze. (s. Glosse Nr. 14) [75, 685, 700 f.]  

 

Stein, Dieter (*1967), aus Ingolstadt. Publizist, Gründer (1986) der neu-rechten Wochenzeitung Junge Freiheit. [119, 143, 743]

 

Stein, Edith (1891-1942), aus Breslau. Jüdin. 1916 Promotion bei Edmund Husserl, dessen Assistentin. Bekehrungserlebnis 1921, Konversion zum Katholizismus 1922. Da ihr als Frau Universitätskarriere versperrt war, arbeitete sie von 1923 bis 1931 als Lehrerin, 1932 Dozentur am Deutschen Institut für Wissenschaftliche Pädagogik in Münster/W. Am 12. April 1933 richtete sie von dort ein erst 2003 im Original bekannt gewordenes Bittgesuch an Papst Pius XI., das eindrücklich die Judenverfolgung in Deutschland beschrieb, aber ohne substantielle Antwort blieb und also ihr Schicksal nicht verhindern konnte: 1933 verlor St. als geborene Jüdin ihre Dozentur in Münster, nach der Reichspogromnacht 1938 Flucht nach Holland, am 2. August 1942 zusammen mit ihrer Schwester Rosa verhaftet, beide wurden am 9. August 1942 in Auschwitz vergast. (vgl. Wolf 2008: 208 ff.) Ihr Schicksal ist, zusammen etwa mit jenem sich im nämlichen Jahr vollendenden von Johannes Schulz und Josef Zilliken, eine schallende Ohrfeige für den NS-Helfer Alois Hudal. (s. Essay Nr. 13.3.5) 

 

Stein, Philip (*1991), aus Fritzlar. Rechtsextremer Verleger und Burschenschaftler. [438, 451]

 

Steinbach, Erika (*1943), aus Rumia/Pl. Langjährige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, verließ wg. Merkels Flüchtlingspolitik im Januar 2017 die CDU, unterstützt seitdem die AfD, ohne ihr beizutreten, seit März 2018 Vorsitzende der AfD-nahen Desidarius-Erasmus-Stiftung, leitete gegen Walter Lübcke gerichtete Drohmails weiter, aber auch zahllose weitere Fake News. (s. Prolog Nr. 11) Besonders demagogisch: 2016 die Verbreitung des Fotos eines blonden Kindes auf Twitter mit der Unterzeile: „Deutschland 2030. Woher kommst du denn?“ [89, 175, 396, 456]

 

Stellrecht, Helmut (1898-1987). Maschinenbau-Ingenieur, Freikorps, bayer. Wehrverband ‚Reichsflagge‘ 1923; NSDAP 1931, HJ-Obergebietsführer 1933, Autor von Neue Erziehung (1942), 1945 Regierung Dönitz, nach 1945 Sammlung nationaler Gruppen (vgl. Klee 2007: 530 f.; Benecke 2013: 394), auch unter dem Pseudonym Helmut Noelle, Anhänger des Kolonialismus. [118 f., 314, 323 f., 326]

 

Storch, Beatrix von (*1971). Rechtsanwältin, AfD seit 2013, Landesvorsitzende Berlin seit 2016, EU-Abgeordnete seit 2014, MdB seit 2017, berühmt-berüchtigt wg. Forderung nach Schießbefehl zwecks Flüchtlingsabwehr, bei dem sie von der PC-Maus gerutscht sein will. (s. Essay Nr. 3) [199 f., 204, 516, 648]

 

Strauß, Franz-Josef (1915-1988), aus München. CSU-Vorsitzender 1961 bis zu seinem Tod. Bundesminister (1953-1962; 1966-1969), bayerischer Ministerpräsident (1978-1988), wird kritisiert wg. der Spiegel-Affäre 1961, die seinen Hang zur Einschränkung der Pressefreiheit verdeutlicht habe, im gleichen Jahr Teil der Kampagne gegen Willy Brandt wg. dessen Zeit im Exil. (vgl. Bohr 2018: 161) Kanzlerkandidat der Union 1980, unterlag bei der Wahl am 5. Oktober 1980 gegen Helmut Schmidt, nachdem St. das Oktoberfestattentat des Rechtsextremisten Gundolf Köhler vom 26. September 1980 der RAF zugewiesen hatte, auch, um seine eigene, offenbar von Gerhard Frey angeregte Verharmlosung der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) des Karl-Heinz Hoffmann – der Köhler zugehörte – nicht angreifbar zu machen. (vgl. Koch 2016: 89; Chaussy 32020) Ein Nachruf auf St. stammte von der rechtsradikalen Kriegsverbrecher-Lobby „Stillen Hilfe“ (s. Essay Nr. 13.3.5); die Verbindung knüpfte hier der rechtsradikale NS-Kriegsverbrecher-Anwalt Rudolf Aschenauer, der St., als dessen Redenschreiber kurzfristig auch Armin Mohler agierte, 1966 für ein Gnadengesuch zu Gunsten Herbert Kapplers zu gewinnen suchte (vgl. Bohr 2018: 153) und ihm 1980 bei der Organisation seiner Chile-Reise half. [160-162, 165, 445, 448]

 

Streicher, Julius (1885-1946), aus Fleinhausen b. Augsburg. Volksschullehrer, Deutsch-völkischer Schutz- und Trutzbund, 1922 m. 2000 Mitgliedern der Deutschsozialen Partei Eintritt in die NSDAP. Gründung des antisemitischen Hetzblatts Der Stürmer, ab 1933 MdR, Impfgegner, 1940 von allen Parteiämtern entbunden wg. Behauptung, Göring sei impotent, in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher hingerichtet. (vgl. Klee 2003: 608; Eberle/Uhl 2005: 626 f.) [199, 260, 523, 582]

 

Student, Kurt (1890-1978), aus Birkholz, Neumark. Generaloberst der Luftwaffe, ranghöchster Offizier der Fallschirmgruppe der Wehrmacht. Befehlshaber beim Unternehmen Merkur und nachfolgend Inselkommandant, als solcher verantwortlich für das Massaker in Kondomari auf Kreta 1941. 1943 beteiligt an der Befreiung Mussolinis, zusammen mit Otto Skorzeny. Am 28. Mai 1945 festgenommen und zu fünf Jahren Haft verurteilt, im Herbst 1947 Auslieferungsbegehren Griechenlands, 1948 Entlassung aus der Gefangenschaft. Nachfolgend einer der führenden Köpfe der Traditionsverbünde, 1968 Trauerredner für Hermann-Bernhard Ramcke, Ehrengast beim jährlich am 20. Mai abgehaltenen „Kreta-Tag“ im Bundeswehrstandort Altenstadt, der erst 1998 ein Ende fand, in jenem Jahr, in dem auch der Name St. auf Straßenschildern des Kasernengeländes verschwand. (vgl. Giordano 2000: 301; Eberle/Uhl 2005: 628) [402, 405]

 

Studentenbewegung, auch: 68er (s. Essay Nr. 16)

 

Studienzentrum Weikersheim (SZW). 1979 von Hans Filbinger (wurde 1997 Ehrenpräsident) begründete christlich-konservative Denkfabrik, m. fließenden Übergängen zur Neuen Rechten, wie das Beispiel Harald Seubert (ab 2011 neuer Präsident; Rücktritt 2016) lehrt, da er parallel auch am Staatspolitischen Handbuch des IfS mitarbeitete. Aktuell gilt das SZW als offen AfD-nah, wohingegen Seubert sich wegbewegt hin zur bürgerlichen Mitte. [431, 514]

 

Sündermann, Helmut (1911-1972), aus München. NSDAP 1930, SS 1931, SS-Obersturmbannführer 1941, MdR 1942, Stellv. Pressechef der Reichregierung (1942-1945), US-Internierung 1945, Entlassung aus Dachau 1948, Mitbegründer der Zeitschrift Nation Europa 1951, Gründer des Druffel-Verlags 1952, mit Autoren wie Heinrich Härtle und Annelies von Ribbentrop. 1960 GfP. (vgl. Dudek/Jaschke 1984, Bd. I: 46, 50 f.; Klee 2007: 543; s. Essay Nr. 13.3.5) [452]

 

[Zum Autor: Christian Niemeyer, Prof. (i.R.) für Sozialpädagogik an der TU Dresden. Zum Text: Dieses Lexikon wurde, wie die noch ausstehenden Folgen, wurde dem Online-Material (S. 21-106) meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon (= Bildung nach Auschwitz 1). Mit Online-Materialien. Weinheim Basel 2021 entnommen. Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Beltz Juventa.]

Bild: V.l. Thilo Sarrazin, (c) Richard Hebstreit / CC BY 2.0; Hjalmar Schacht, (c) Bundesarchiv Bild 102-12733 / CC-BY-SA 3.0; Robby Schlund, (c) Hagen Schnauss / CC BY-SA 4.0