Rudolf Eksteins „Sexualpolitik des Faschismus“ (Mai 1937)

Ein frühes Dokument des politischen Widerstandes eines angehenden Psychoanalytikers…

„Ich erinnere mich noch an die Zeit, da ich zum Beispiel im Hörsaal 38 eine zweistündige Vorlesung höre, daß man plötzlich während dieser Vorlesung von draußen brüllende Studenten hören kann, nationalistische Studenten, die riefen: „Juden hinaus, Juden hinaus.“ Ich entsinne mich genau des Zwiespalts in mir. (…) Wir standen auf der Rampe, drinnen waren die nationalistischen Studenten mit den Prügeln, vor uns auf der Ringstraße die Polizei. So hat man halt damals Philosophie und Psychologie studiert.“
Rudolf Ekstein (Ekstein, 1992, S. 126)

 Von Roland Kaufhold

Der österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker und Pädagoge Rudolf Ekstein gehörte zu den wenigen Psychoanalytikern, die aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten. 1912 geboren und in Wien im Umkreis Freuds aufgewachsen engagierte sich der junge Intellektuelle aktiv im antifaschistischen Kampf. Rudolf Ekstein war eingebunden und geprägt durch die junge Wiener psychoanalytisch-pädagogische Aufbruchbewegung im „roten Wien“, die durch August Aichorn, Siegfried Bernfeld, Sigmund und Anna Freud, aber auch durch Edith Buxbaum (Kaufhold, 2010) und Edith Jacobson (Kessler & Kaufhold, 2015) inspiriert wurde. Zugleich und parallel hierzu engagierte sich der junge, sozialistisch und jugendbewegt orientierte Ekstein – dessen großes Vorbild zeitlebens der zionistische Aktivist und Theoretiker Siegfried Bernfeld war und blieb (Kaufhold, 2008, 2014a) – in der sozialistischen Wiener Jugend- und Untergrundbewegung: Zuerst bei den Kinderfreunden, den Roten Falken und der Arbeiterpartei. Nach der brutalen Unterdrückung der politischen Opposition – den gescheiterten Februarkämpfen 1934 – verließ Ekstein die Sozialdemokraten und engagierte sich in der Illegalität „weiter links“: Offenkundig sowohl bei den „illegalisierten“ Roten Falken als auch beim Kommunistischen Jugendverband (KJV).

In den „verbotenen“ „Rundbriefen der Roten Falken“ veröffentlichte Ekstein im Mai 1937 seinen an Wilhelm Reich orientierten Aufsatz Sexualpolitik des Faschismus. In Folge dieses Versuches, unter den Bedingungen der Illegalität eine Synthese zwischen Psychoanalyse und Marxismus herzustellen, wurde Ekstein als „Trotzkist“ – so lautete das ausstoßende Partei-Verdikt, das auf alle „Abweichler“ und Freidenker, vor allem jedoch auch auf Eksteins seinerzeitiges Vorbild Wilhelm Reich angewendet wurde (vgl. Peglau 2020, S. 262f.)  – aus dem KJV ausgeschlossen. Nun wird dieses zeitgeschichtliche Dokument, welches Ekstein unter seinem Pseudonym Wickerl publizierte – intern wusste man, dass „Wickerl“ Rudi Ekstein war – , erstmals in vollständiger Version veröffentlicht.

Einige Zeilen des Manuskriptes waren nur schwer, einzelne Zeilen sind gar nicht entzifferbar. Die Ekstein-Biografin Dorothea Steinlechner-Oberläuter (vgl. Oberläuter, 1985; Steinlechner-Oberläuter, 2005a, b) hat mir eine Kopie des gleichen Flugblattes zugeschickt. Leider sind auch bei dieser Version die identischen Passagen unleserlich.

Für weitergehende Informationen über dieses uns nur unvollständig vorliegende Manuskript wäre ich dankbar. Wir würden dann die noch fehlenden Textzeilen im Manuskript vervollständigen und möglicherweise nicht ganz zutreffende Angaben zum Verhältnis der Roten Falken zum KJV Mitte der 1930er Jahre korrigieren.

ZUM TEXT – SEXUALPOLITIK DES FASCHISMUS

Die Februarkämpfe 1934: Illegalisierung der linken Opposition

Der Psychoanalytiker Rudolf Ekstein hatte Wiener Wurzeln: Er wurde am 9.2.1912 dort geboren, seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt, was eine Wunde blieb. Er wuchs in der Nußgasse 12 im 9. Bezirk auf, unweit von Freuds Berggasse. Rudi Ekstein war bereits als Jugendlicher sozialistisch-jugendbewegt orientiert, begeisterte sich früh für die junge Psychoanalyse. 

1934 erlebte der 22-jährige Wiener Student der Psychologie und Philosophie die drei Tage andauernden, blutig niedergeschlagenen Wiener Februarkämpfe, mit mehreren Hundert Toten. Es folgte die konsequente Ausschaltung der politischen Opposition. Die Vertreter der linken Gruppierungen verloren überwiegend ihre staatlichen Positionen. Diese Atmosphäre der Gewalt, der gezielten Einschüchterung, erlebte Ekstein auch an der Universität in Wien nahezu täglich, wie es in seiner 1992 niedergeschriebenen Erinnerung Philosophiestudieren in den dreißiger Jahren – seinerzeit war Ekstein 80 Jahre alt – plastisch beschrieben hat:

„Ich erinnere mich noch an die Zeit, da ich zum Beispiel im Hörsaal 38 eine zweistündige Vorlesung höre, dass man plötzlich während dieser Vorlesung von draußen brüllende Studenten hören kann, nationalistische Studenten, die riefen: „Juden hinaus, Juden hinaus.“ Ich entsinne mich genau des Zwiespalts in mir. Nicht nur die Angst vor der Prügelei, auch der Wunsch zu lernen war da. Ich habe plötzlich den Gedanken, dass diese Burschen ja nicht in den Hörsaal eindringen werden, was auch der Fall war, dass ich da fast noch eine ganze Stunde zuhören und lernen kann, bis ich hinaus ins feindliche Leben muss, demonstrieren muss – die damalige soziale Situation in Wien. Trotz der Majorität der Studenten gab es den österreichischen und später den deutschen Faschismus, obwohl viele von uns in der sozialistischen Bewegung blieben und auch zurückhauen wollten. Wie ich mich doch jener Zeit erinnere, wo wir selbst (…) es den Deutschnationalen, den Vorläufern der Hitlerjungen zeigen wollten. Wir standen auf der Rampe, drinnen waren die nationalistischen Studenten mit den Prügeln, vor uns auf der Ringstraße die Polizei. So hat man halt damals Philosophie und Psychologie studiert.“ (Ekstein, 1992, S. 126).

Dass für ihn als Juden keine Chance bestand, eine akademische Karriere an der Universität zu machen, war Ekstein früh bewusst; dies hebt er in seinem Gespräch mit Daniel Benveniste (1998/2012) hervor:

„I was between 22 and 23 years of age but in 1935 there was already a fascist government. As a socialist, who was Jewish as well, it would be impossible to ever to get a professorship at one of the high schools but I resolved to do anything and I passed all the examinations. I went to the University for philosophy, went to Bergasse for psychoanalysis, and a few blocks away I went to where socialist students had their headquarters. And between these three points was the life of this young man.“ 

Der gleichermaßen politisch wie psychoanalytisch-pädagogisch geschulte Student Rudi Ekstein sah, wie viele Andere, die Notwendigkeit einer konsequenten, radikalen, illegalisierten Opposition gegen den Faschismus. Seine eigene, dreifache Gefährdung – als Jude, Sozialist und (angehender) Psychoanalytiker –  war ihm hierbei sehr bewusst (vgl. Oberläuter, 1985; Kaufhold, 1993a, 2001).

Ekstein blieb trotzdem noch in Wien, um seine Promotion abzuschließen, die er 1936 unter dem Titel „Zur Philosophie der Psychologie“ vorlegte. Sein Rigorosum hatte er am 6.3.1937 (Kaufhold, 2001, S. 104). Zwei Monate später erschien dann sein an Wilhelm Reichs Schriften angelehnter, mit seinem Untergrund-Pseudonym „Wickerl“ unterzeichneter  psychoanalytisch-politischer Untergrundtext Sexualpolitik des Faschismus, für den der Jude Ekstein einen weiteren hohen Preis zahlte: Nun wurde er auch noch aus „seinem“ Kommunistischen Jugendverband (KJV) ausgeschlossen. Ende Juli 1938 folgte eine Festnahme bei einem illegalen Treffen in der Berggasse und eine wohl einige Tage andauernde Haft in einem Gefängnis. Dort beschloss er, sogleich nach seiner Freilassung nach England zu emigrieren – und von dort in die USA.

Politische Arbeit im Untergrund

Ekstein trat 1934 (vgl. Kaufhold, 2001, S. 99-109) wie viele andere linke Jugendliche aus Protest gegen die zögerlich-unentschlossene Haltung der Sozialdemokraten aus der Arbeiterpartei aus und schloss sich dem illegalisierten Kommunistischen Jugendverband (KJV) an: „Man hat mit der Phantasie gelebt, man müsste siegen und dann die andere Partei vernichten. (…) Wir glaubten an volle Macht“ (Oberläuter, 1985, S. 85, Kaufhold 2001, S. 101), beschrieb Ekstein 50 Jahre später die damalige Situation. Bei den nun illegalen Roten Falken sowie bei weiteren kleinen linken Gruppen arbeitete er weiterhin mit. Auf der Website der österreichischen Roten Falken findet sich eine Beschreibung der Situation der linken Untergrundbewegung ab dem Februar 1934, die als politische Orientierung dienen mag.

Rudolf Ekstein hatte sein Studium in Wien 1930 begonnen und sich bereits in dieser Phase für die Psychoanalyse interessiert. Er belegte Kurse über Psychoanalyse und Pädagogik in der Berggasse; Anna Freud (vgl. Benveniste, 1998/2012) – die er nach seiner Emigration über England in die USA in England noch einmal wiedertraf – gehörte zeitlebens zu seinen großen Vorbildern, über die er immer wieder schrieb und mit der er im Briefaustausch stand (vgl. Kaufhold, 2001, S. 294). 1937 hatte Rudi Ekstein bei Edward Kronold (1899-1993) eine eigene Analyse begonnen, musste diese jedoch nach kurzer Zeit – Oberläuter (1985, S. 55, 58) spricht von wenigen Monaten, David James Fisher (Fisher, 2012) datiert das Ende der Analyse auf März 1938 –  wegen Kronolds Flucht wieder abbrechen. Der in einer jüdischen Familie in Lemberg geborene Arzt und Psychoanalytiker Kronold, sozialistisch orientiert, „passte“ zu Ekstein: Er hatte bei Wilhelm Reich seine Lehranalyse gemacht, war Mitglied der Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) und wurde 1928 Mitglied der „Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“ sowie 1929 Mitarbeiter der von Reich und Marie Frischauf eingerichteten Sexualberatungsstelle für Arbeiter. 1938 emigrierte er über Prag und England nach New York, wo er seinen Geburtsnamen – Eduard Kronengold – in Edward Kronold „amerikanisierte“. Im tiefschürfenden Gespräch mit seinem Schüler und Kollegen Daniel Benveniste hat sich Ekstein in dieser Weise an seine ersten psychoanalytischen Erfahrungen erinnert:

„So from Anna Freud I learned that if you want to teach, you must understand the child, not just the subject. So I started to go to the Institute and very soon found out that in order to make use of psychoanalysis one has to understand oneself. One ought to be analyzed. You must remember that was a time, I was twenty two years old, when it went a little faster there than it goes here, before one is accepted by an Institute. Well, Anna advised me to be analyzed by a doctor whose name was Kronengold, who later, when he came to America, shortened the name and americanized it to Kronold. You know in America we take big things and make something small and quick out of them. So that was Kronengold and I went to him. Kronengold was a Jewish person who had come from Poland in order to be an analyst. And I’m not quite sure if he, at that time, was a training analyst but, in any case, I could go to him.“ (Benveniste, 1998/2012).

Kronold hat beschrieben, dass nach dem Februar 1934 bei den Versammlungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung stets ein Beamter der Vereinspolizei anwesend war. Nach seiner Emigration in die USA führte Ekstein seine Psychoanalyse bei Edward Hitschmann fort.

Die entstandenen Freundschaften aus der „legalen“ Zeit bei den Roten Falken und anderen linken politischen Gruppen brachen auch nach dem Februar 1934 nicht ab: Einige Gruppen, wie die „Kinderfreunde“, mussten sich auflösen. Viele Mitglieder der Roten Falken schlossen sich anderen, meist kleinen Untergrundgruppen an; die Tätigkeit in der Illegalität beschleunigte den Prozess der Zersplitterung.

Ekstein hatte nach Oberläuter (1985, S. 32-38) bald eine führende Position innerhalb seiner Alsergrunder Untergruppe des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV) inne. Ekstein war als Leiter des „Agit-Prop-Kommittees“ des KJV wohl weiterhin für die nun illegalen Roten Falken tätig. Er war für die Erstellung von Flugblättern und weiteren illegalen Publikationen zuständig wie auch für die theoretische, marxistische Schulung der Mitglieder und beteiligte sich an der Verteilung der Flugblätter. Er versammelte eine Gruppe von 20 jungen Leuten um sich, die sich bereits aus der „legalen“ Zeit bei den Roten Falken kannten. Einer von Eksteins engsten Freunden, Herbert Roth, hat später ein Papier verfasst, in dem ihr gemeinsames und insbesondere Eksteins Engagement innerhalb des KJV beschrieben worden ist (Oberläuter, 1985, S. 32-38).

Rudi Ekstein nahm auch, so beschrieb er es später in Interviews und autobiografischen Erinnerungen an Wien, an illegalen Wehrübungen im Wienerwald teil. Weiterhin organisierte er Camps für die Roten Falken, etwa Weihnachten 1935 bei Pottschach, wodurch der interne Zusammenhalt in der Phase der existentiellen Bedrohung gestärkt wurde. Ekstein und seine Freunde suchten Möglichkeiten, diese antifaschistischen Treffen weiterhin in einem formal legalen Rahmen zu organisieren. So fand das interne Weihnachtstreffen im Haus eines Taubstummenvereins statt; zahlreiche Treffen fanden im Wienerwald statt. Mehrfach wurde Ekstein hierbei verhaftet und musste jeweils einige Tage in Untersuchungshaft verbringen. Im Vergleich zu Deutschland war der österreichische Faschismus dennoch relativ mild.

Eksteins inspirierende Persönlichkeit, der impulsgebende Charakter seiner internen Vorträge während der Jahre der Illegalität – die nach meiner Einschätzung der seines Vorbildes Siegfried Bernfeld glich (vgl. Kaufhold, 1993b) – ist von mehreren Freunden Jahrzehnte später beschrieben worden. Exemplarisch sei die 1920 geborene Fanny Grossmann zitiert: „Wir haben bei den „Roten Falken“ viel miteinander unternommen. Der Rudolf Ekstein, der nach seiner Emigration über London nach Amerika ein bekannter Psychoanalytiker in Los Angeles geworden ist, ist unser Falkenführer gewesen. Er war ein paar Jahre älter als wir und hat uns immer Vorträge gehalten; er war sehr gescheit.“[1]

Ekstein verfasste gemeinsam mit Freunden auch ein Lied für die Roten Falken, in dem es hieß:

„Rote Falken in der Illegalität
Sind immer tapfer und klug.
Wer trotz Hass und Not
Zu unserer roten Fahne steht,
reih sich ein in unseren Zug.“

Dann folgte der Refrain:

„Illegal heißt ungesetzlich.
Das Gesetz, das machten nicht wir.
Drum kämpfen Rote Falken in der Illegalität
Mit der Volksfront vereint um den Sieg.“ (Roth in Oberläuter, 1985, S. 34)

In der Phase der Illegalität suchten die jungen Aktivisten verzweifelt Möglichkeiten, den inneren Zusammenhalt aufrecht zu erhalten. Die gemeinsamen Lieder waren eine Hilfe hierbei, wie auch das Beispiel der Kölner Edelweißpiraten zeigt (Finkelgruen, 2020).

Weiterhin war Ekstein Herausgeber der beiden monatlichen Publikationen der Roten Falken: Der „Rundbriefe“ sowie der „Roten Trommel“. In der Ausgabe vom Mai 1937 dieser Rundbriefe erschien auch Eksteins Aufsatz Sexualpolitik des Faschismus. Zu diesem Zeitpunkt begann der nun 25-jährige Ekstein seine psychoanalytische Ausbildung.

Das Vorbild Wilhelm Reich – und Eksteins Ausschluss aus dem Kommunistischen Jugendverband (KJV)

Ekstein begeisterte sich in dieser Zeit auch für die Schriften des ungestümen marxistischen Wiener Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Dessen Schriften, dessen konsequentes öffentliches Engagement gegen den Faschismus, in Wien, Berlin sowie auf seinen Fluchtstationen in Dänemark, Schweden und Norwegen (vgl. Peglau, 2013, 2010), als angesehener, bis 1930 von Freud hoch geschätzter Psychoanalytiker, beflügelten ihn. 1937 publizierte Rudi Ekstein diesen von Wilhelm Reichs psychoanalytischem Gedankengut beeinflussten Aufsatz zur Sexualpolitik des Faschismus. Das weitestgehend unbekannte Dokument des psychoanalytischen Widerstandes gegen den Faschismus wird hier erstmals publiziert. Es erinnert an das außergewöhnlich mutige Engagement der Wiener Psychoanalytikerin und Widerständlerin Edith Jacobson (Kessler & Kaufhold, 2015).

Rudolf Eksteins Beitrag – ob er unter seinem politischen Pseudonym „Wickerl“ publiziert wurde oder ganz ohne Autorenname ist in dem mir vorliegenden Manuskript nicht erkennbar – hatte weitreichende Folgen für den linken Intellektuellen: Eksteins Versuch, vergleichbar wie Wilhelm Reich marxistische und psychoanalytischer Ideen zu verbinden und sich hierbei sowohl bei den Sozialdemokraten als auch in kommunistischen Widerstandsgruppierungen antifaschistisch und sexualaufklärerisch zu engagieren, stieß auf Unverständnis, auf scharfe Ablehnung.

Erinnert sei in diesem Kontext an Wilhelm Reichs politisches Schicksal:

Der 1897 geborene Reich, von Freud anfangs hoch geschätzt, war bereits 1920 in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung aufgenommen worden. In den 1920er Jahren hatte er sich der SPÖ angeschlossen. Nach dem Wiener Justizpalastbrand im Juli 1927 und der von der SPÖ-Regierung geduldeten blutigen Niederschlagung eines Arbeiteraufstandes trat er „klandestin“ der KPÖ bei (Peglau, 2020, S. 223), blieb aber weiterhin Mitglied der SPÖ. Zeitgleich begann er mit seinen Versuchen einer Synthese von Psychoanalyse und Marxismus. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin im November 1930 schloss sich Reich der KPD an. Vor allem wegen seines Buches Massenpsychologie des Faschismus, im August oder September 1933 in Dänemark erschienen (Reich war im November 1930 von Wien nach Berlin geflohen, im Januar 1933 floh er wieder zurück nach Wien, im Mai 1933 weiter nach Kopenhagen, im Dezember 1933 nach Schweden, im Oktober 1934 nach Norwegen und im August 1939 weiter in die USA), wurde er noch im gleichen Jahr aus der KPD ausgeschlossen. Wenige Monate später bezeichnete Reich sein Buch als Anlass seines KPD-Ausschlusses. Auch im Nachwort, das er der zweiten Auflage seines Buches im März 1934 anfügte (vgl. Peglau, 2020, S. 191-196), schrieb Reich, die Publikation seiner „Massenpsychologie des Faschismus“ habe seinen „Ausschluss aus der kommunistischen Partei zur Folge“ gehabt (Peglau, 2013, S. 261 sowie Peglau, 2020, S. 192.). „Die Begründung“ – so fügte Reich hinzu – lautete, meine Anschauungen wären „konterrevolutionär““. (ebd.) Dies sei eine fatale Fehleinschätzung, eine Verleugnung der „katastrophalen faschistischen Flut.“ (Peglau, 2020, S. 193)

Mit seiner Massenpsychologie des Faschismus löste Reich nun nicht nur Hass bei den Nationalsozialisten sondern zusätzlich auch noch tiefe Feindseligkeiten bei den moskautreuen Kommunisten aus. Reich appelliert in seiner Studie, es nicht bei einer moralischen Verdammung Hitlers zu belassen. Er wollte Hitlers bedrohlichen Aufstieg seit Ende der 1920er Jahre begreifen: „Wir müssen uns energisch darin üben, auf das, was der Gegner sagt, genau zu hören und es nicht als Blödsinn oder Schwindelei abzutun.“ (Peglau, 2020, S. 105) Dann verstehe man den „Gefühlsgehalt dieser Theorie, die wie ein Verfolgungswahn anmutet“ besser. (ebd.) An mehreren Stellen analysiert der Jude Reich den Wahncharakter der neonazistischen Rassenlehre: „Nach Hitler ist die Menschheit einzuteilen in kulturbegründende, kulturtragende und kulturzerstörende Rassen.“ Die Juden seien eine „kulturzerstörende Rasse.“ (S. 82) Bei der Untersuchung der Rassetheorie komme es „nicht auf ihren rationalen Gehalt an. Wir werden auch keinen Faschisten, der von der überragenden Wertigkeit seines Germanentums narzisstisch überzeugt ist, mit Argumenten beikommen.“ (S. 84)

Die Voraussetzungen der sexualpolitischen Praxis seien der antireligiöse Kampf, so Reich. Die Religion habe Gehorsam und Entsagung gegenüber der Autorität gefördert, diese “Mechanismen der religiösen Verseuchung der Massen“ müsse man aufdecken (S. 153f.) Ironisch erinnert der ehemalige, enttäuschte Sozialdemokrat Reich an „die deutschen SPD-Abgeordneten, die das Deutschlandlied bei der letzten Parlamentssitzung begeistert-flehend mitsangen und trotzdem „als Sozialisten“ ins Konzentrationslager kamen.“ (S. 170) Die Kirche habe „also von ihrem Standpunkt durchaus Recht, wenn sie, um sich zu erhalten und in den Menschen reproduzieren, so scharf gegen die Sexualität auftritt.“ (ebd.) Es gehe ihm nicht darum zu helfen, „sondern Unterdrücktheit bewusst zu machen, den Kampf zwischen Sexualität und Moral ins Licht des Bewusstseins zu rücken  (…) und in politische Aktion zu überführen.“ (ebd., S. 175)

Der Aktivist Reich propagiert den Aufbau einer „mächtigen internationalen sexualpädagogischen Organisation“, es bereite aber „bisher Schwierigkeiten, die Führung der kommunistischen Parteien zu überzeugen, dass dies eine ihrer Hauptaufgaben wäre.“ (S. 176) Seinen gelegentlichen Pessimismus vermochte der existentiell gefährdete Emigrant nicht immer zu verbergen: Es sei fraglich, „wie sich der Prozess weiter gestalten wird, wenn die faschistische Barbarei länger dauert, als wir ohnedies befürchten.“ (S. 177)

Rudolf Eksteins dürfte sich bewusst gewesen sein, wie gefährlich die Veröffentlichung seines Aufsatzes Sexualpolitik des Faschismus in einem KPÖ-nahen Untergrundmagazin, vier Jahre nach dem Erscheinen von Reichs Massenpsychologie des Faschismus, war. Dennoch vertraute Ekstein auf die Einsichtsfähigkeit seiner Genossen. Einige Reaktionen auf Reichs bahnbrechende Studie seien nachgezeichnet.

Reaktionen auf Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (1933)

Peglau (2020) hat die Rezeptionsgeschichte von Reichs Werk aufgearbeitet. In linken, nicht der KPÖ zuzurechnenden Blättern löste Reichs Studie teils vorsichtigen Zuspruch, teils aber auch „begeisterte Zustimmung“ aus (S. 262). Ludwig Marcuse betrachtete Reichs Studie in der Exilzeitschrift „Neue Weltbühne“ als „das theoretische Fundament für eine realistische, also wirksame Propaganda gegen den Faschismus.“ (S. 262) Moskautreue Blätter hingegen attackierten das Buch vehement, schrieben 1934 von einem „vorübergehende(n) Erfolg Hitlers“ und denunzierten Reich als einen „Kleinbürger“, der sich für einen Kommunisten halte. 

Die „Deutsche Volkszeitung“ schrieb 1934, dass die Massenpsychologie „völlig die Position des internationalen Trotzkismus“ wiedergebe (S. 262) – eine ideologische Denunziation, die letztlich einem Aufruf zur Vernichtung des Emigranten Reichs entsprach. Der „Sexualprediger“ Reich sei „ein verkannter Erotik-Eremit in der sexuellen Wüste“ (S. 262f.)

Der Zorn der moskau- und obrigkeitstreuen kommunistischen Funktionäre wurde vor allem durch Analysen wie diese ausgelöst: Hitlers Sieg, schrieb Reich, sei durch eigene Fehler und falschen Rücksichtnahmen ermöglicht worden. Hitler habe „an die nationalistischen Gefühle der Massen“ appelliert: „Er will also, was offen zugegeben wird, den nationalistischen Imperialismus mit Methoden durchsetzen, die er dem Marxismus und seiner Technik der Massenorganisation entlehnt. Dass diese Massenorganisation gelang, lag an den Massen und nicht an Hitler. Es lag an ihren kleinbürgerlichen Strukturen, dass seine Propaganda Wurzel fassen konnte.“ (ebd., S. 48)

Das höchste Parteigremium in Form u.a. Wilhelm Piecks und Ernst Grubes war bereits ein Jahr zuvor, nach dem Erscheinen von Reichs Schrift Der sexuelle Kampf der Jugend (1932), aktiv geworden. Dort hatte Reich bereits konstatiert, dass auch den Kommunisten die bürgerliche Sexualmoral „viel tiefer in den Knochen“ stecke „als wir alle glauben“ (ebd., S. 242). Diese Kritik sollte Reich ein Jahr später noch verschärfen. Am 5.12.1932 teilte die KPD-nahe Zeitschrift „Rot Sport“ mit, dass der Vertrieb von Reichs Schriften einzustellen sei, da dort „die Probleme in einer der revolutionären Kinder- und Jugendarbeit widersprechenden Weise behandelt“ würden (Peglau 2020, S. 242). Gleichfalls im Dezember wurde Reich seiner Leitungsfunktion im Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz enthoben und es wurde ein Parteiverfahren gegen ihn eröffnet. Das Verfahren wurde auch noch nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30.1.1933 fortgeführt. Ein Genosse aus Essen forderte: „Wenn wir bereits die politische Macht hätten, müsste Reich an die Wand gestellt werden.“ (ebd., S. 243)[2]

In vergleichbar scharfer Form wurde Reich von nationalsozialistischen Institutionen und Medien eingeordnet: Seine „Massenpsychologie“ und weitere seiner Schriften wurden im März 1934 als Schrift attackiert, die öffentlich nicht mehr genutzt werden dürfte. Im Mai 1935 verkündete der „Deutsche Reichsanzeiger“ ein Verbot sämtlicher Schriften von Reichs Verlag. Reich war 1933 der erste Psychoanalytiker, dessen gesamte Werke auf den Verbotsindex gesetzt wurden. Und er war der einzige Psychoanalytiker, bei dem die Buchverbote durch den Reichsanzeiger bekannt gegeben wurden. Alle seine Werke standen 1935 in der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums.“ (ebd., S. 263)

Wilhelm Reichs wenige Jahre später – 1936 – erschienenes Buch Die Sexualität im Kulturkampf (1936) enthielt erneut eine scharfe Kritik der Entwicklung in der Sowjetunion unter Stalin.

Die „Entlarvung der Trotzkisten“ Wickerl, der „Zersetzungsarbeit innerhalb der Kinderbewegung leistete“

Der talentierte, vielseitig antifaschistisch engagierte Jude Rudi Ekstein wurde wegen seines Beitrages – „verbunden mit anderen Missverständnissen und Uneinigkeiten“ (Oberläuter, 1985, S. 35) – aus dem KJV ausgeschlossen. In dem (selbstredend gleichfalls illegal produziertem) KJV-Organ „Proletarierjugend. Zeitung der werktätigen Jugend“ (Nr. 7, 1937), ganz an der Vorgaben aus Moskau gebunden, wurde – wie bereits Wolfgang Huber (1977) dokumentiert hat – , hierzu über Ekstein von einer „Entlarvung eines Trotzkisten“ gesprochen, der „Zersetzungsa­rbeit innerhalb der Kinderbewegung“ geleistet habe:

„Die Beratung der Roten-FalkenFührer Österreichs führte dank der revolutionären Wachsamkeit unserer Jugendgenossen zu der Entlarvung eines Trotzkisten (Wickerl), der lange Zeit hindurch seine Zersetzungsarbeit innerhalb der Kinderbewegung leistete. Von Marx, Engels, Lenin, Stalin wollte dieser Trotzkist nichts wissen, an die Stelle der sozialistischen Lehre schmuggelte er falschverstandene Phrasen von Freud oder die des Trotzkisten Reich. Er versuchte es, ungesunde sexuelle Zweideutigkeiten in die Falkenbewegung einzuschmuggeln. Dieser Fall zeigt uns deutlich, welch dreckige Methoden der Trotzkismus anwendet, um unsere Bewegung zu schädigen. Mehr als bisher heißt es auch für uns Rote-Falken-Führer, wachsam zu sein und solche schlechte, trotzkistische Elemente rechtzeitig aus unseren Reihen zu entfernen, ein wachsames Auge auf die Einheit und Reinheit unserer Organisation zu haben.“ (Ober­läuter, 1985, S. 35f.)

Ergänzend sei angemerkt: Im Netz findet sich noch eine weitere Quelle, in der diese Kontroverse aufgegriffen worden ist: Peter Nasselstein, der sich wohl als politisch sehr „rechter“ Reich-Verehrer versteht[3] und Verfasser einer „Orgonomie-Website“ ist, schreibt in seinem im Internet veröffentlichten Beitrag „Der Rote Faden – Biographische Notizen über Wilhelm Reich und die Linke“ (im Unterkapitel „Psychoanalyse und Kommunismus“) folgendes zu Eksteins Ausschluss aus dem KJV (ohne jedoch eine Quelle anzugeben)[4]:

„Im Dezember 1937 wurde Eckstein (Schreibweise im Original, d. Verf.) für die Verbindung von Psychoanalyse und revolutionärer Politik aus dem kommunistischen Jugendverband „Rote Falken“ ausgeschlossen. Mit Freud und seinem Kreis scheint er aber keine entsprechenden Konflikte gehabt zu haben! Das Organ des kommunistischen Jugendverbandes Proletarierjugend. Zeitung der werktätigen Jugend (Nr. 7, 1937) berichtete über Eckstein’s (alias „Wickerl“) Ausschluß. Beratungen der Führung der Roten Falken Österreichs hätten aufgrund der revolutionären Wachsamkeit der jugendlichen Genossen zur Entlarvung des Trotzkisten Wickerl geführt, der lange Zeit subversiv in den Jugendorganisationen gewirkt habe. Mit Marx, Engels, Lenin und Stalin wolle dieser Trotzkist nichts zu tun haben, anstelle der sozialistischen Lehre, habe er stattdessen mißverstandene Phrasen Freuds bzw. des „Trotzkisten Reich“ eingeschmuggelt. Er habe versucht, in die Falken-Bewegung ungesunde sexuelle Mehrdeutigkeiten hineinzuschmuggeln. Dieser Fall zeige erneut, was für schmutzige Tricks der Trotzkismus verwende, um die kommunistische Bewegung zu schädigen. Um so mehr gelte es auf die Reinheit und Einheit der Organisation zu achten.“[5]

Ekstein, der zu diesem Zeitpunkt ja als Jude und Widerständler unmittelbar bedroht war und wohl nur aus Sorge um seine Eltern seine Emigration „vor sich her schob“, zog sich daraufhin aus allen Partei-Ämtern zurück, wurde im Dezember 1937 aber dennoch aus dem KJV offiziell ausgeschlossen. Eine weitere Rolle spielte hierbei vermutlich Eksteins enge Freundschaft mit dem damaligen KJV-Mitglied Christian Broda, der gleichfalls ab 1936 eine oppositionelle Richtung innerhalb der Partei verfolgte. Der 1916 geborene Broda, der seinerzeit in Wien auch eng mit Ernst Federn befreundet war – bereits mit 14 Jahren hatten sie gemeinsam in einer marxistischen Schülergruppe zusammen gearbeitet – , wurde ab 1960 für viele Jahre Justizminister in Wien. Bereits in den 1960er Jahren hatte Broda vergeblich versucht, seinen Jugendfreund Rudi Ekstein zu einer Rückkehr nach Österreich zu bewegen. Ernst Federn hingegen folgte 1972 Brodas Angebot und beteiligte sich seitdem für viele Jahre als Psychotherapeut, Supervisor und Vortragender an der Reform des österreichischen Strafvollzugs (Kaufhold, 1993a, 2001).

Das Erleben dieser engstirnigen ideologischen Strei­tigkeiten, der inneren Zersplitterung bei gleichzeitiger Leugnung der realen äußeren Gefahr, dürfte zu Rudolf Eksteins späterem Bemühen um Zu­sammenarbeit und politische Liberalität maßgeb­lich beigetragen haben. Ekstein erlebte diesen Ausschluss als „ein merkwür­diges Schicksal, dass man mehr von den eigenen (Leuten) rausges­chmissen wird, als von den anderen“ (Oberläuter, 1985, S. 37).

Das Zerstörte bewahren: „Ich bin´s, der Rudi aus Los Angeles“

Rudolf Ekstein, darauf sei hingewiesen, weil es hierzulande nahezu unbekannt bzw. vergessen ist, gehörte in den Jahrzehnten nach seiner Emigration in die USA zu den produktivsten Publizisten im Bereich der Psychoanalyse und der Psychoanalytischen Pädagogik überhaupt. Sein größtenteils englischsprachiges Gesamtwerk umfasst gut 400 Beiträge, einschließlich zahlreicher Buchbesprechungen (vgl. Oberläuter, 1985, S. 253-Kaufhold, 2001a). Immer wieder hat Rudi Ekstein Kontakte gesucht, Beziehungen zu dem Verlorenen, dem Vertriebenen hergestellt. Alles, was ihn an seine Wiener Jugend erinnerte, aus der er gewaltsam herausgerissen, vertrieben wurde – der größte Teil seiner Verwandten wurden von den Deutschen und Österreichern ermordet, nur seinen Vater vermochte er zu retten (vgl. Koelbl, 1989) – blieb ein Teil von ihm. Seine Lebensphase des politischen, linken Widerstandes gegen den Faschismus blieb in seinem Inneren lebendig. Bis zum Ende.

Immer wieder erinnerte er in seinen Schriften und seinen regelmäßigen Vorträgen und Supervisionstätigkeiten in Österreich und Deutschland an die untergegangene Welt seiner sozialistisch inspirierten europäischen Hoffnungen und Utopien, sein sozialistisches, jugendbewegtes Wien, aus dem man ihn vertrieben hatte. Durch sein professionelles Engagement, sein Schreiben, Denken und Erinnern versuchte er den Riss zu „bewältigen“ – im Wissen darum, dass dies letztlich nicht geht. Und für ihn selbst doch innerlich ging. Bei meinem Besuch in seiner Wohnung in Los Angeles 1992 zeigte er mir die einfacheren Snack-Läden, in denen er regelmäßig den kranken, zum Schluss lebensmüden Bruno Bettelheim getroffen hatte. Und doch stellte er sich dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky am Rande einer 1. Mai Kundgebung mit den Worten vor: „Ich bin´s, der Rudi aus Los Angeles, Wiener mit amerikanischem Pass.“ Mehr war nicht zu sagen.

A refugee Teacher Looks on Democratic and Fascist Education: „Meine Hoffnung ist Amerika!“

Ekstein in den 1950er Jahren

Seinen ersten englischsprachigen Beitrag nach seiner Emigration über England in die USA veröffentlichte Ekstein wenige Woche nach seiner Ankunft – am 22.12.1938 im Land der großen Hoffnung, den demokratischen USA: Ekstein betitelte ihn mit A refugee Teacher Looks on Democratic and Fascist Education (Ekstein 1939/1994) und führte hierin aus:

„So sehr wir uns auch bemühten, in meinem kleinen Land in Mitteleuropa den Faschismus zu verhindern und die Demokratie wiederherzustellen – wir hatten keinen Erfolg. (…) Wir wenigen Glücklichen aus einer unüberschaubaren Anzahl von Flüchtlingen und Gefangenen müssen unser Versagen eingestehen. Es ist uns nicht gelungen, in unserer Heimat die Kultur, die Glaubensfreiheit, die Freiheit der politischen Meinung zu verteidigen. (…)  Meine Hoffnung ist Amerika!“ (in: Kaufhold, 2001, S. 107f.)

2016 hat eine mir unbekannte Person – sie nennt sich auf YouTube „John Masters“ und dürfte in den USA leben – Rudolf Eksteins ersten amerikanischen Beitrag A refugee Teacher Looks on Democratic and Fascist Education aus dem Jahr 1939 „entdeckt“ und ihn in einem YouTube-Beitrag in vollständiger Version vorgelesen.

Der Kindertherapeut Joachim Staigle (2013) hat in einem einführenden Beitrag zu einem Band seines Rottenburger Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit Rudi Eksteins – sowie Federns, Bettelheims und Keilsons – Beteiligungen an ihrer psychoanalytisch-sozialarbeiterischen Tätigkeiten mit „Grenzfallkindern“ (Ekstein & Cooper, 1973) bzw. mit autistisch-psychotischen Kindern und Jugendlichen eindrücklich beschrieben und dies mit ihrem sie verbindenden Schicksal als verfolgte und vertriebene Juden in Kontext gestellt. Ich stimme seiner interpretierenden Darstellung vollständig zu:

Es ist kein Zufall, dass sich gerade Personen wie Hans Keilson, Ernst Federn, Bruno Bettelheim und Rudi Ekstein lebenslang um Erforschung der und das Herabsteigen in die psychotische Angstwelt – genauer gesagt: um eine helfende Beziehung – bemühten. Obwohl und gerade weil sie einer Welt ausgeliefert und entronnen waren, die eine alptraumhafte Realität war. Der Realität des staatlichen Terrors, der Konzentrationslager, des Exils, der ermordeten Angehörigen. In der Freiheit erwartete sie der Kampf um das soziale Überleben. Indem wir dieser Fachtagung den Titel: „Grenz(fall)kinder“ geben, möchten wir Rudi Ekstein anlässlich seines 100. Geburtstages ehren. Ihn in Ehren halten. Weil wir gerade ihm so vieles verdanken. Weil wir ihn in Erinnerung behalten und in Erinnerung bringen wollen. (…)

Ekstein spricht wesentliche Erfahrungen an: Das erhaltene Vertrauen des Vaters und des neuen Lehrers halfen. Und das ermutigende Erleben, dass sich schwierige Aufgaben bewältigen lassen, begleiteten ihn weiterhin. Er wurde bald bester Schüler seiner Klasse, gab schwächeren Kindern Nachhilfe und engagierte sich für Benachteiligte.- Sein Berufswunsch stand nun fest: Er wollte Lehrer werden. Ein besserer Lehrer als der, der ihn ausschließen wollte.

In der Schülerzeit entstand ein weiteres Engagement, das ihn bis ins hohe Alter nicht verließ: Die Begeisterung für die sozialistische Jugendbewegung, das Zusammensein mit Gleichgesinnten und die Arbeiterlieder der Ersten Republik bewegten ihn innerlich, formten sein Lebensgefühl, das Interesse an Politik und Erkenntnis erwachte, das Kämpferische, die Betonung der sozialen Verantwortung und die sozialen Utopien befriedigten seine Suche nach Sinn und boten dem als Einzelkind aufgewachsenen Jungen eine zweite Heimat (vgl. Oberläuter 1985, S. 29). Es bedeutete wohl auch für ihn: Um Zugehörigkeit muss man kämpfen.

Aus einem assimilierten Elternhaus stammend, hatte er zum Judentum eine Beziehung, die auf ethischer Haltung und aufklärendem Denken beruht. (…)

Seine Bemühungen um die Synthese marxistischer und psychoanalytischer Ideen stießen später im Kommunistischen Jugendverband auf Unverständnis und führten zum Ausschluss. Mit dem typischen traurig grundierten Humor sagte er dazu: es ist „ … ein merkwürdiges Schicksal, dass man mehr von den eigenen (Leuten) rausgeschmissen wird, als von den anderen.“ (…)
Den inneren und äußeren Riss der Emigration versuchte er durch sein Schreiben und Denken ebenso zu bewältigen wie durch sein beruflich erfolgreiches Engagement. Der Schatten blieb. (…)

Seelischer Ort des Traumas. In den helfenden Beziehungen zu diesen Kindern ist die Anerkennung der destruktiven erlebten Wirklichkeit und was sie in den Seelen hinterlassen hat, eine Voraussetzung.

Es bleibt eine unendliche Traurigkeit. Von Wiedergutmachung kann man hier nicht sprechen. (…)
Man kann nicht heilen, aber helfen. Da sein.

Es geht um eine Haltung. Einen Respekt vor dem Umgang mit Leiden. Und wie der Einzelne es für sich erträglicher gestaltet. (…)
In den Jahren, in denen er unser Gesprächspartner wurde, war er schon sehr alt. Und er wusste um das Abschiednehmen. Und um das für ihn so belebende und bergende Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Gleichgesinnten. Er genoss nach Tagungen oder Falldiskussionen die gemeinsamen Essen und erbat sich zum Abschluss, noch gemeinsam das Arbeitereinheitsfrontlied zu singen. „Und weil der Mensch ein Mensch ist…“.

Im Bewusstsein, es sei vielleicht sein letzter Besuch, wünschte er noch einmal einen Spaziergang zum Therapeutischen Heim, um es von außen zu betrachten. Und Abschied zu nehmen.

Ich denke, er verabschiedete sich an vielen Orten. Wieder und wieder. Von dem, was ihn innerlich trotz der äußeren Risse über seine Trennungen in seinem Leben getragen hatte. Die Freundschaften, die Kämpfe und die Projekte, sie alles verbanden. Er war immer begleitet von seiner Frau Ruth. Am 18. März 2005 starb Rudi Ekstein nach langer Krankheit. 10 Tage später starb Ruth.

Ich hoffe, es gelingt uns, der Generation der Enkel, etwas zu bewahren. Zu zeigen, was aus der Identifizierung mit den Vorbildern stammt,  für die Rudi Ekstein ein Beispiel ist. (…)

Auch der Letzte dieser jüdischen Emigranten, Lehrer, Wegbereiter der Psychoanalytischen Sozialarbeit mit schwer traumatisierten und schwer kranken Menschen ist als Gesprächspartner verstummt. In gewisser Hinsicht sehen wir uns verlassen.“ (Staigle, 2013, S. 11 – 27) 

Zur Rezeption und „Findungsgeschichte“ von Rudolf Eksteins Flugblatt Sexualpolitik des Faschismus (1937)

Einige Anmerkungen zur Rezeption und „Findungsgeschichte“ dieses in verschiedener Hinsicht bedeutsamen Dokuments: Die Psychotherapeutin Dorothea Oberläuter hat 1985 eine sehr verdienstvolles Lebens- und Werkstudie zu Rudolf Ekstein erstellt (Oberläuter, 1985; Steinlechner-Oberläuter, 2005a, 2005b).

Bis auf vereinzelte Aufsätze (Kaufhold, 2012), einem psychosozial-Themenheft über Bettelheim, Ekstein, Federn und Bernfeld (Kaufhold, 1993a), einem schon lange vergriffenen Band mit einzelnen Schriften Eksteins (Wiesse (Hg.), 1994) und meinem 2001 erschienenem Buch über Bettelheim, Ekstein und Federn (Kaufhold, 2001). 

2012, anlässlich des 100. Geburtstages von Rudi Ekstein – er war sieben Jahre zuvor in Los Angeles verstorben – veröffentlichten wir auf haGalil einen Themenschwerpunkt zu seinem Leben und Wirken, mit mehreren Beiträgen: (Kaufhold (Hg.), 2012a): Rudolf Ekstein: „Ich bin’s, der Rudi aus Los Angeles“. Zum 100. Geburtstag von Rudolf Ekstein (9.2.1912 – 18.3.2005).

Ansonsten ist der jüdische Emigrant Rudolf Ekstein hierzulande weitestgehend unbekannt und wohl auch vergessen. Oberläuter war die Erste, die auf diesen frühen Beitrag Eksteins zur Sexualpolitik des Faschismus (1937) hingewiesen und über dessen politisch-biografischen Hintergründe geschrieben hat. Ich selbst habe vereinzelt, angeregt durch Oberläuters Werk, ausschnittweise aus diesem Beitrag zitiert. Vollständig publiziert worden ist er jedoch noch nie.

Zum Hintergrund: Ende der 1980er Jahre interessierte ich mich für den jüdischen Psychoanalytiker und erfolgreichen Publizisten Bruno Bettelheim. Bei meinen Recherchen wurde ich immer wieder  auf Rudolf Ekstein und den Shoah-Überlebenden Ernst Federn aufmerksam. Alle drei waren jüdische Emigranten, die aus Wien in die USA geflohen waren. Und alle drei standen zeitlebens in engem persönlichem und fachlichem Kontakt.

Ernst Federn überlebte sieben furchtbare Jahre in Dachau und Buchenwald und verfasste schon kurz nach seiner Befreiung in Belgien mehrere grundlegende Studien zu einer Psychologie des Terrors. Sie blieben weitestgehend unbeachtet und wurden erst 1999 erstmals gesammelt als Buch vorgelegt (Kaufhold, 1999). Zu Federns 100. Geburtstag entschloss sich der Psychosozial-Verlag zu einer erweiterten Neuauflage. Der Berliner Politikwissenschaftler Martin Jander (2014) publizierte in der Jüdischen Allgemeinen eine dichte Besprechung von Federns wegweisenden, zugleich jedoch auch zutiefst irritierenden Studien zur Psychologie des Terrors, in der er ausführte:

„Federns aktuelle Bedeutung liegt nicht nur darin, dass er einer von vielen Überlebenden ist, die den Terror, dem sie unterworfen waren, analysierten. (…) Sie liegt darüber hinaus darin, dass er nach dem Nationalsozialismus einer psychoanalytisch orientierten Pädagogik und Sozialarbeit verpflichtet war und in den USA und Österreich als Sozialarbeiter in Gefängnissen arbeitete. Sein Denken und Handeln war nicht nur auf die analytische Durchdringung des Terrors gerichtet, sondern auf seine präventive Verhinderung.“ (Jander, 2014)

Bettelheim überlebte elf Monaten Haft in Dachau und Buchenwald. Er lernte dort Ernst Federn kennen und freundete sich mit ihm in Buchenwald an. Gemeinsam führten sie Gespräche über ihre verstörenden Erfahrungen, über ihre Versuche zu überleben. Und sie beschrieben gemeinsam die Veränderungen, die sie bei vielen Mitgefangenen beobachten. 

Bettelheim kam nach elf Monaten durch glückliche Umstände frei und publizierte 1942 die erste psychoanalytische Studie zum Terror. Hierdurch und durch weitere populär geschriebene Aufsätze und Bücher wurde Bettelheim bald sehr berühmt (vgl. Kaufhold, 1994, 2001).

Kurzum: 1992 besuchte ich Rudolf Ekstein für fünf Tage in seinem Haus in Los Angeles. Sehr rasch wurde klar: Dieses Haus war ein einziges Museum, eine Erinnerung an das sozialistische und jüdische Wien, aus dem Rudi vertrieben worden war. Unvergessen die Szene an seinem Swimmingpool, als Rudi einen Hitlergruß andeutet und „Dank dir Adolf“ sagt. Irritiert schaue ich ihn an: „Ja, soll ich mich denn mein Leben lang von ihm kränken lassen“, bemerkt Rudi nachdenklich lächelnd. Der Besuch mündete in drei Büchern (Kaufhold, 1993a, 1994, 2001) und in mehreren Briefen des seinerzeit bereits betagten Rudi Ekstein. Es gelang mir auch, ein schriftlich gehaltenes gemeinsames Interview mit Ekstein und Federn für ein Themenschwerpunktheft der Zeitschrift psychosozial (Nr. 53) zu erhalten (Kaufhold, 1993a). 

Ekstein schenkte mir auch zahlreiche Sonderdrucke seiner Schriften, viele hiervon waren mit handschriftlichen Widmungen versehen.

Auch in den Jahren danach hatten wir vereinzelt Kontakt. Verschiedentlich traf ich Rudi Ekstein in Wien und 1988 bei einer großen Tagung des Vereins für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg/Tübingen (s. hierzu Staigle, 2013 sowie Maas, 2004).

Dort trat Rudi Ekstein gemeinsam mit Ernst Federn und Hans Keilson auf; auch Ruth Ekstein und Hilde Federn waren anwesend. Diese betagten jüdischen Emigranten waren sehr weit angereist, um noch einmal gemeinsam, in Deutschland, über diese schwer beeinträchtigten Kinder und Jugendlichen in einen fachlichen sowie einen persönlichen Austausch zu treten. Ekstein sprach auch gemeinsam mit dem 1923 geborenen Tübinger Kinderpsychiater Reinhart Lempp das Grußwort zur Tagung (Ekstein & Lempp, 1989). In diesen Jahren kam es zu weiteren Besuchen Rudi und Ruth Eksteins in Rottenburg und Tübingen jeweils im Frühjahr, bei ihren regelmäßigen, mehrere Wochen überspannenden Reisen nach Europa. Dort kam es auch zu regelmäßigen Kontakten mit Tübinger Psychoanalytikern. Gesichert ist ein Besuch Eksteins im Mai 1986.[6]

Rudi Ekstein hatte seinen engen, neun Jahre älteren Freund und Kollegen Bettelheim auch für eine Teilnahme zu gewinnen versucht. Vergeblich. Bettelheim fühlte sich zu alt. Wenige Jahre später nahm Bettelheim sich das Leben (Fisher, 2003; Kaufhold, 2001a). Ein für mich und – wie mir berichtet wurde – auch andere unvergessliches Erlebnis, diese von den Wortbeiträgen dieser drei jüdischen Emigranten geprägte Tagung, auch 30 Jahre später noch (vgl. Staigle, 2013).

Fünfzehn Jahre später: Hilde und Ernst Federn ziehen Ende der 1990er Jahre altersbedingt von ihrer großen Wohnung im Zentrum Wiens – Haidgasse 20/11 – in eine kleinere Wohnung in einer Seniorenresidenz am Rande Wiens. Ernst Federn verschenkt zahlreiche Materialien und Bücher, er hat nicht mehr ausreichend Platz hierfür. Mich erreichen zahlreiche Sonderdrucke, viele mit handschriftlichen Grüßen versehen, darunter einige Texte von Bettelheim und Rudi Ekstein. Darunter befand sich auch besagter zweiseitiger Text Eksteins zur Sexualpolitik des Faschismus; anfänglich hatte ich wegen seiner Aufmachung vermutet, dass es sich um ein Flugblatt handele. Ich vermute, dass Rudi Ekstein Ernst Federn seinen Text per Post aus Los Angeles nach Wien geschickt hat. Ich könne über diese Texte beliebig verfüge, fügte Ernst Federn in einem seiner sehr zahlreichen handschriftlichen Kurzbriefe hinzu. In mir hinterließ es „dennoch“ ein kleines Schuldgefühl. Nun, 20 Jahre später, erinnere ich mich noch einmal dieses frühen Beitrages von Rudi Ekstein…

ZUM TEXT – SEXUALPOLITIK DES FASCHISMUS

„Für Ernstl: aus der Zeit „wo ich noch jung und unschuldig war“

Das zwei Seiten umfassende Manuskript ist auf dicker Pappe gedruckt. Es hat ein Überformat, einige Zeilen sind nicht mehr zu lesen. Links sieht man eine Zeichnung einer jungen Frau, die offenkundig eine Fahne, ein Transparent oder ein Plakat trägt. Ihre kämpferische, unerschrockene Grundhaltung ist unverkennbar. Auf dem Flugblatt sind zahlreiche schwarze Punkte zu sehen: Offenkundig handelt es sich nicht um den Originaltext sondern um eine gescannte oder kopierte Version; hierbei sind die Punkte entstanden. Daher wohl auch das Überformat, zur besseren Lesbarkeit. Der zweiseitige Originalbeitrag aus der KJV-Untergrundbroschüre, unter den Bedingungen der Illegalität angefertigt, war in sehr kleinem Schrifttyp gestaltet.

Ernst Federn und Rudi Ekstein, von ihrer Persönlichkeit sehr unterschiedlich und doch zeitlebens durch ihr gemeinsames Schicksal, ihre Vertreibung geprägte Freunde und Kollegen, standen Zeit ihres Lebens in einem lockeren Kontakt. Ihre Wiener Wurzeln und vielleicht auch ihre konträren politischen Positionen verbanden sie. Ernst Federn verstand sich viele Jahre lang als Trotzkist – also als ein strikter Gegner Stalins – , weshalb er in Buchenwald nur mit äußerster Not Verfolgungsmaßnahmen nicht nur der Nationalsozialisten, sondern auch der stalinistischen „Häftlingsselbstverwaltung“ überlebte (Kuschey, 2003). Hierzu hat Federn 1994 in Frankfurt/M. in einem Gerichtsprozess eine Zeugenaussage gegen Emil Carlebach vorgelegt, was in der linksliberalen Presse breiter rezipiert wurde[7] (Kaufhold, 1994; Federn, 2014).

Rudolf Eksteins Übertritt von sozialdemokratischen Jugendorganisationen (s.o.) zum  Kommunistischen Jugendverband (KJV) – vergleichbar zur vorhergehend geschilderten politischen Entwicklung des 15 Jahre älteren Psychoanalytikers Wilhelm Reich –  war seiner Enttäuschung über das zögerliche Verhalten der österreichischen Sozialdemokratie gegenüber der erkennbaren nationalsozialistischen Gefahr geschuldet. Er hoffte, seine neu erworbenen psychoanalytischen Erkenntnisse den linken Parteigenossen vermitteln zu können. Hierauf spielt auch sein handschriftlicher Gruß an den zwei Jahre jüngeren psychoanalytischen Widerständler Ernst Federn an, den er mit dickem schwarzen Filzstift über das Flugblatt geschrieben hat: „Für Ernstl: aus der Zeit, wo ich noch jung und unschuldig war.“ Seine Widmung spiegelt seine Enttäuschung über die Reaktion der dogmatischen, moskautreuen KPÖ-Parteioberen wieder, die ihn wenig später wegen dieses Flugblattes, im Jahr 1937 (!) aus dem Kommunistischen Jugendverband ausschlossen: Sie beschuldigten ihn – wie auch Wilhelm Reich – ein „Trotzkist“ zu sein.

Ekstein fügt noch einen weiteren handschriftlichen Gruß hinzu: „damals „Vickerl“ – jetzt Rudi. „Vickerl war der Tarnname, den er sich im Untergrund zugelegt hatte. Unter „Rudi“ hat er, vermutlich etwas später – er verwendet nun einen Kugelschreiber mit dünnerer Mine – seinen Nachnamen hinzu gefügt. Offenkundig fürchtete er, dass sein Gruß ansonsten nicht ihm selbst zugeordnet werden könne.

Ich vermute, dass Rudolf Ekstein bei seiner Flucht keine Broschüre dieses Heftes mitgenommen hat. Vermutlich haben österreichische Freunde ihm diese Broschüre Jahrzehnte später mit nach Los Angeles gebracht.

Dorothea Steinlechner-Oberläuter hat mir kürzlich, im Mai 2020, noch eine kopierte Version des Manuskriptes per mail geschickt. Ich hatte die Hoffnung, dass in ihrer Version die unleserlichen Passagen vielleicht doch entzifferbar seien. Leider hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Ihre Kopie enthält auch eine von Rudi Ekstein verfasste handschriftliche Widmung: „damals „Vickerl“, jetzt wieder Rudi Ekstein. Beste Wünsche für Peter. 12. Juni 1980.

Sie schreibt mir zum Hintergrund ihrer Version: „Offenbar hat Ekstein dieses Flugblatt mehreren Personen zukommen lassen, einem „Peter“ erst im Jahre 1980, und dieser hat es offenbar dem Wiener DÖW-Archiv vermacht, denn ich habe es 1982 „gefunden“.“

Ekstein 1992 am Eingang zu seinem Haus und Garten in Los Angeles, (c) R. Kaufhold

Ein Nachtrag: Rudi Eksteins Weg ins Exil

Ekstein hat in seinen verstreuten Erinnerungstexten verschiedentlich Angaben zu den näheren Umständen seiner Untergrundarbeit sowie seiner Flucht gemacht. Er bereitete sich gemeinsam mit einigen Freunden aus dem Untergrund durch intensive Englischkurse auf seine Flucht vor. Es ließ sich, gerade wenn man den nostalgischen Rudi kannte, jedoch nie mit Gewissheit feststellen, was hiervon faktische belegbare Realität war. In einem Aufsatz (Ekstein 1973a) hat Rudi Ekstein berichtet, dass er bei seiner Flucht „zwei Koffer voller Bücher“ mitgenommen hat, darunter elf Bände der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik, „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“ seines lebenslangen Idols Siegfried Bernfeld sowie Thomas Manns „kleines, aber unvergessliches Büchlein“ (Ekstein) „Über den kommenden Sieg der Demokratie“ (Kaufhold, 2001, S. 106).

Ekstein fügt erinnernd hinzu:

„Als es mir im Sommer 1938 gelang zu flüchten und ein neues Leben im Ausland zu beginnen, war ich voller Angst und Wut. Aller Widerstand war vergebens gewesen. Der Kampf gegen den Faschismus, seit 1934 sogenannter illegaler Widerstand, war verloren. Ich mußte weg, aber nicht nur als Jude, sondern auch als Illegaler, als Widerstandskämpfer. Ich war ein junger Mann und versprach mir, ich würde nie wieder zurückkommen, ich würde nie wieder Deutsch sprechen. Deutsch war für mich die Sprache der Unterdrücker, der Hakenkreuzler“. (ebd.)

Als Rudi Ekstein nach seiner wohl sechsmonatigen Zwischenstation in England – wo er Anna Freud anlässlich eines Vortrages A. Freuds für Lehrer am 27.10.1938 noch einmal wiedertraf; die Eintrittskarte bewahrte er zeitlebens auf, er hielt auch einen zumindest von 1952 bis 1971 andauernden Briefwechsel (vgl. Kaufhold, 2001, S. 274) – am 22.12.1938 per Schiff in den USA ankam ließ er sich anfangs in New York nieder. Wenige Wochen später verfasste er seinen ersten, englischsprachigen Aufsatz in dem Land seiner großen Hoffnung: Er ist mit „A refugee Teacher Looks on Democratic and Fascist Education“ überschrieben (s.o.). Ekstein endet mit den Worten: „Ich bin sehr glücklich darüber, an einer amerikanischen Schule zu arbeiten, und ich bin besonders froh darüber, dass diese Schule ein Interesse an fortschrittlicher Erziehung hat. (…) Ich werde mein Bestes geben, um den Weg der Demokratie zu gehen. (…)“ (Kaufhold 2001, S. 107f.)

Die Suche nach einer Originalversion von Rudi Eksteins Untergrundschrift ist vergeblich geblieben. Auch die in die Universität eingebundene Rudolf Ekstein Sammlung [8] sie wurde 2006 eröffnet und befindet sich in der Sensengasse 3a im 9. Wiener Bezirk – verfügt über kein Exemplar dieses Heftes, wie mir Frau Ariella Sobel per Mail mitgeteilt hat. Auch dies spricht dafür, dass Ekstein seine Schrift nicht mit ins Exil mitgenommen hat.  

Eksteins in den USA geborenen und bis heute dort lebenden Kinder hatten seine Privatbibliothek sowie zahlreiche private Hinterlassenschaften nach dem Tode ihrer Eltern im Jahr 2005 der Universität Wien vermacht. Sie selbst vermochten mit den deutschsprachigen Materialien in Los Angeles nicht zu „arbeiten“. Die Rudolf Ekstein Sammlung enthält laut Selbstauskunft 5.400 Fachbücher, zahlreiche Nachschlagewerke und über 800 Zeitschriftenbände. Weiterhin befinden sich in ihrem Bestand etwa 300 Objekten, die Rudi Ekstein auf Reisen zusammengetragen bzw. aus Interesse an der präkolumbianischen Kultur erworben hat. Dass das Werk Rudi Eksteins nach seinem Tode nun wieder nach Wien zurückgekehrt ist löst in mir ambivalente Gefühle aus. Wenn Rudolf Ekstein noch die massiven Wahlerfolge der sehr rechten, teils offen antisemitischen FPÖ sowie der teils unverkennbar rechtsradikalen und völkischen AfD in Deutschland erlebt hätte: Ob er dieser „Rückübersiedlung“ an den Ort seiner Vertreibung, dem sozialen Ort der Auslöschung eines großen Teils des jüdischen Volkes immer noch zugestimmt hätte? Ich habe zumindest Zweifel. Aber wer weiß. Vielleicht wäre es auch ein Triumph für ihn.

Brückenschlag zu Anna Freud: Die feste Bindung zu Freuds Wiener Tradition 

Rudolf Ekstein hatte bereits als 14- oder 15jähriger von einem Onkel einige Bücher von Freud geschenkt bekommen Seit Mitte der 1930er Jahre machte er parallel zu seinem Studium, angeregt durch Siegfried Bernfelds „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“, bei Eduard Kronen­gold seine psycho­analytische Aus­bild­ung. Sein Aufnahmegespräch wurde u.a. von Anna Freud und Willi Hoffer gelei­tet:

„Willi Hoffer (…) fragt mich: ›Was bringt Sie hierher?‹ und ich sage: ›ich habe Bernfelds Buch gelesen, Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung‹ und er sagt mir: ›treten Sie bei‹. Wir beginnen ich weiß nicht, morgen, nächste Woche. Erst später habe ich langsam herausgefunden, dass das ein­mal sein bester Freund war, und komm natürlich auf das Buch, das die zusammen geschrieben haben, Kinderheim Baumgarten. Also vom Sisyphos zum Kinderheim Baumgarten. Plötzlich war ich drin. Was aber merkwürdig war, dass der Übergang einer war von ›Ändere die Gesellschaft‹ zu einem neuen Standpunkt, ›Du kannst keine Gesellschaft ändern, wenn Du Dich nicht selbst änderst‹. Dann begann der Kampf.“ (Scholz-Strasser 1992, S. 4)

Kronold, der bei Wilhelm Reich seine Lehranalyse gemacht hatte und Mitglied der WPV war, wurde 1928 Mitglied der „Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“ und ab Herbst 1930 Mitarbeiter der von Reich und Marie Frischauf ab 1929 aufgebauten Sexualberatungsstellen für Arbeiter.

Ekstein musste seine psychoanalytische Ausbildung bei Kronold nach kurzer Zeit abbrechen: Sein Lehranalytiker Dr. Eduard Kronengold (1899 – 1993), ein polnischstämmiger Jude, musste im März 1938 nach dem “Anschluss” vor den Nationalsozialisten über Prag nach England fliehen und von dort in die USA.

Nach seiner Emigration (s.o.) 1938 lebte Ekstein für einige Monate in England und traf dort Anna Freud anlässlich ihres Vortrages für Lehrer am 27.10.1938 (Ekstein, 1982, S. 11). Dieses Wiedersehen war ihm so wichtig, dass er die Eintrittskarte zeitlebens aufbewahrte. 22 Jahre später, am 22.12.1960, hob er in einem Brief an Anna Freud noch einmal hervor, wie bedeutsam für ihn als jungem Psychoanalytischen Pädagogen dieses damalige Wiedertreffen gewesen sei, „wie gestärkt wir uns alle nach dem Debakel in Österreich fühlten, als wir kamen, um Sie anzuhören« (in: Young-Bruehl 1995, S. 48).

Eksteins Respekt vor der Kinderanalytikerin Anna Freud zeigt sich auch an dem Umstand, dass er mehrere Aufsätze über deren Lebensweg und Werk schrieb – so 1975 „Twin sisters of Psychoanalysis“ (Austria Today, 51) und sie immer wieder in seinen zahlreichen Beiträgen über die durch den Faschismus abgebrochene, zerstörte Tradition der Psychoanalytischen Pädagogik einband (vgl. Kaufhold, 2001).

Wie wertvoll ihm seine noch aus seiner Wiener Studienzeit erwachsene Beziehung zu der 20 Jahre älteren Anna Freud war zeigt sich auch in dem Umstand, dass er mit ihr – wie auch mit vielen anderen emigrierten Kollegen –von den USA aus einen regelmäßigen Briefkontakt aufrecht erhielt. So zeigte er mir bei einem Besuch in Los Angeles zumindest elf an ihn gerichtete Briefe Anna Freuds aus dem Zeitraum von 1952 bis 1971, in denen ihr kontinuierliches wechselseitiges Interesse an sie verbindenden psychoanalytisch-pädagogischen Themen erkennbar wird.

Ekstein überließ mir 1992 – ich befand mich in den Vorarbeiten zu dem psychosozial-Themenheft über Bettelheim, Ekstein, Federn und Bernfeld (Kaufhold, 1993a) – u.a. Kopien von elf an ihn gerichtete Briefen Anna Freuds vom 4.7.1952, 21.9.1952, 18.6.53, 1.2.1954, 9.5.1955, 16.7.1956, 12.12.1965, 2.1.1966, 29.12.1969, 10.10.1970 und 7.6.1971. Vier dieser Briefe wurden handschriftlich, die anderen mit der Schreibmaschine angefertigt. Neben einem sehr freundlich-allgemein gehaltenem Austausch über ihre persönliche und berufliche Entwicklung sowie ihre Versuchen, sich auf Konferenzen wiederzutreffen, werden einige konkrete gemeinsame Interessen erwähnt. Von besonderem Interesse sind für Anna Freud Eksteins Fallstudien über das psychotische »Raumkind« sowie über Psychoanalytische Pädagogik (vgl. Kaufhold, 2001, S. 111-114). So schreibt Anna Freud am 4.7.1952: „(…) We shall use the case for discussion in one of our seminars here and I am grateful for the stimulation which it provides.“ Und am 18.6.1953 hebt sie bzgl. einer weiteren Studie Eksteins über das »Raumkind« hervor: „(…) which I read with great interest. In my new Clinic here we have now become very interested in this borderline case, too, have taken several into analysis and hope to report on results in time. If there should be any interim reports availible for reading, I will see that you get them so that we can continue to share these interests.“

Besonders angetan und inspiriert zeigt sich Anna Freud über Rudi Eksteins erste deutschsprachige Publikation nach seiner Emigration, diese trug den Titel: „Der Einfluß Freuds auf die amerikanische Psychiatrie“ (Ekstein 1956). Am 29.12.1969 sowie am 10.1.1970 gratuliert sie Ekstein nachdrücklich zu dem von ihm herausgegebenem grundlegenden psychoanalytisch-pädagogischem Sammelband „From learning of love to love of learning“ (Ekstein/Motto 1969). Für diesen Band war es Ekstein gelungen, Beiträge von nahezu allen renommierten deutschsprachigen, in die USA emigrierten Psychoanalytischen Pädagogen zu versammeln: „I am very glad that the application of psychoanalysis to education has such a good friend in you“ (29.12.1969), versichert sie Ekstein. Und: „I wonder sometimes: now that we have an American Association for Child Psychoanalysis, should not there be also a body looking officially after the application of psychoanalysis to education? It would strengthen the position in the various societies“ (10.1.1970).

Amerikanische Kontinuitäten: David James Fisher und Daniel Benveniste

Eksteins auch im Exil fortgeführter Austausch mit Anna Freud zeigt sich auch in den autobiografischen Studien des amerikanischen Psychoanalytikers David James Fisher (Los Angeles) über Bettelheim und Ekstein. David James Fishers eindrücklichen Studien erschienen 2003 auch auf deutsch in seinem Buch Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen. Essays über Bruno Bettelheim.

David J. Fisher, der in den USA über europäische Kulturpolitik mit dem Schwerpunkt Frankreich promoviert hatte, hatte bei Ekstein seine Lehranalyse gemacht; hieraus erwuchs auch seine enge Freundschaft mit Bruno Bettelheim, aus der sich seine zahlreichen autobiografisch-kulturtheoretischen Studien über den „späten“ Bettelheim entwickelten (vgl. Fisher, 2001; Kaufhold, 1993b).

Dies gilt in vergleichbarer Weise für den amerikanischen Psychoanalytiker Daniel Benveniste (Benveniste, 2002, 2008). Auch Benveniste, der in San Francisco den Spuren des Emigranten Siegfried Bernfeld nachgespürt hatte (vgl. Kaufhold, 2012c, 2014a), stand in einem dichten intellektuellen und persönlichen Austausch mit Rudi Ekstein.

In einem veröffentlichten Interview mit Rudolf Ekstein (Benveniste, 2012) erinnerte er an Freuds und Eksteins Spuren, so wie er sie in den USA nachverfolgte:

“Ekstein: He went to London and my escape also began in London. Freud was still alive – no more Schlick – and a little while later, in 1939, we lost Freud too. It was now a life where one’s intellectual fathers belonged to the past. Fascism came and I had to gather together all that I had and to see what I could do in another country and to have thoughts of my own.

Daniel Benveniste: You mentioned Anna Freud being a part of that scene in Vienna. Did you know Anna Freud?

RE: Did I know Anna Freud? When I heard Anna Freud the first time I gave up philosophy and decided I would be an analyst. And I had good professors – famous professors. Come on, come on. Did I know Anna Freud? Here (pointing to a picture of Anna Freud on the wall) you see – Anna Freud in London – in the last years of her life. And when you imagine yourself sitting in front of her, what could you hold back? Just look at that face. „Well?“ she says „Well?“ I was accepted for training back in 1935. Did I know Anna Freud?

When I came to Bergasse 19, although the Institute itself was also at Bergasse but a little nearer to Wühringerstrasse, I had found a place. That was in 1935. I was then a 22 year old boy. In Vienna you could develop an interest in psychoanalysis without already having to have a doctor’s degree. It was expected you would do that anyway but it was possible for lay people to be accepted too. After all Anna Freud was a lay person.

She didn’t have a medical degree. And it took some time for her to finally be accepted in America. If she would have been a refugee and come to America, I don’t believe she would have become a member. She visited us several times. You can see her in this picture that was taken when she was teaching here in Los Angeles. (…)

We can have a peaceful and democratic society but democracy begins at home with the parents. I became now a teacher, interested in parents, interested in children, interested in children that could not learn. As a matter of fact, beginning at 14 years of age, I began to tutor children and learned to understand them.” (Benveniste, 2012)

ZUM TEXT – SEXUALPOLITIK DES FASCHISMUS


Literatur

Benveniste, D. (1992): Siegfried Bernfeld in San Francisco. Ein Gespräch mit Nathan Adler. In: Fallend, K. und J. Reichmayr (Hrsg.) (1992): Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse. Materialien zu Leben und Werk. Stroemfeld/Nexus: Frankfurt a. M.. 

Benveniste, D. (1998/2012): A Bridge Between Psychoanalytic Worlds. A Dialogue with Rudolf Ekstein…, haGalil, 9.2.2012: http://www.hagalil.com/2012/02/benveniste/

Dokumentationsarchiv des österreichiscvhen Widerstandes (DÖW) (o. J.): Rudolf Ekstein: Zweisprachig gelebt – Erzählte Geschichte. Internet: https://www.doew.at/erinnern/biographien/erzaehlte-geschichte/exil/rudolf-ekstein-zweisprachig-gelebt#ekstein.

Ekstein, R. (1939/1994): Demokratische und faschistische Erziehung aus der Sicht eines Lehrers und Flüchtlings – Oktober 1939. In: Wiesse, J. (Hg.) (1994): Rudolf Ekstein und die Psychoanalyse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 138–151.

Ekstein, R. & R. S. Wallerstein (1958): The Teaching and Learning of Psychotherapy. New York: Basic Books.

Ekstein, R. (1966): Children of Time and Space, Of Action and Impulse: Clinical Studies on the Psychoanalytic Treatment of Severely Disturbed Children. New York: Appleton-Century-Crofts.

Ekstein, R. & R. Motto (1969): From Learning for Love to the Love of Learning. New York: Brunner/Mazel.

Ekstein, R. (1971): The Challenge: Despair and Hope in the Conquest of Inner Space: Further Studies of the Psychoanalytic Treatment of Severely Disturbed Children. New York: Brunner/Mazel.

Ekstein, R. (1973): Grenzfallkinder. München: Geyer-Edition.

Ekstein, R. & B. Cooper (1973): Der Einfluss der Psychoanalyse auf Erziehung und Unterricht. In: Ammon, G. (Hg.) (1973): Psychoanalytische Pädagogik. Hamburg, S. 35-55.

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Anmerkungen:

[1] Portrait Fanny Grossmanns in: centropa. Jüdische Erinnerung bewahren – Geschichte zum Leben erwecken. Internet: http://www.centropa.org/de/biography/fanny-grossmann

[2] Es sei daran erinnert, dass Eksteins Wiener Freund und Kollege Ernst Federn diese stalinistischen Verfolgungsmaßnahmen während seiner siebenjährigen Haft in Dachau und Buchenwald von Seiten der kommunistischen „Häftlingsselbstverwaltung“  von Buchenwald insbesondere in der Person Emil Carlebachs in konkreter Form erleben. Carlebach drohte ihm mehrfach, wie Federn sogar 1994 in einem Gerichtsprozess über Carlebach aussagte; es ging um den Prozess von Carlebach gegen den österreichischen Historiker Schafranek sowie um Schafraneks Buch „Zwischen NKWD und Gestapo“ (Frankfurt, ISP Verlag 1990) https://www.hagalil.com/2010/08/federn/ (Kaufhold, 1995/2010; 2001).

[3] Ich gehe in meiner Ekstein-Studie bewusst nicht auf das breite Spektrum im Umfeld der Reich-Rezeption sowie der selbsternannten „Reich-Schüler“ ein, mit all seinen Fremdwürdigkeiten, seinen esoterischen Ambitionen und teils offen fremdenfeindlichen und gesellschaftlich ausgrenzenden Erscheinungsformen.  Überschneidungsformen zu verschwörungstheoretischen und rechtsradikalen Strömungen, auch im Kontext der aktuellen „Corona-Krise“, ließen sich unschwer nachweisen. Namen lasse ich bewusst weg, es wäre ein eigenes Thema, das jedoch keinerlei Berührungspunkte zu Rudi Ekstein hätte und somit vom Thema wegführen würde. Bei Nasselsteins „Nachrichtenrundbrief“ etwa finden wir (Post vom 27.5.2019) Auslassungen zu „Die Antifa aus metaphysischer Sicht“ (Teil 3) mit dem Zusatz „Posts Tagged `Schwarzafrikaner´. Der Verfasser hatte auch 2018 eine neurechte, fremden- und flüchtlingsfeindliche „Gemeinsame Erklärung“ mit unterzeichnet.

[4] Nasselstein teilte mir auf Anfrage per Mail mit, dass er sich nicht mehr erinnern könne, woher er seine Information habe. Insofern ist davon auszugehen, dass er sie der Ekstein-Biografie von Oberläuter (1985) entnommen und dies mit eigenen Interpretationen angereichert hat.

[5] Internet (S. 137f.):  http://www.orgonomie.net/hdoroterfaden.pdf

[6] Mailnachricht von Ingrid Allerdings vom Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg vom 22.3.2018.

[7] Ernst Federns Aussage als Zeitzeuge vor dem Oberlandesgericht Frankfurt führte 1994 zu einer Revision eines früheren Urteils zugunsten des Historikers Hans Schafranek. Dieser hatte in seinem Buch „Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937–1941“ (Verlag ISP, Frankfurt 1990) die „stalinistische“, von Selbstheroisierungen geprägte Darstellung u.a. des Kommunisten Emil Carlebach in einem sehr anderen Licht dargestellt. Carlebach hatte seine Funktion als Leiter der „Häftlingsselbstverwaltung“ von Buchenewald gemäß Ernst Federns Darstellungen dazu genutzt, um vermeintliche „trotzkistische“ Häftlinge zu verfolgen und an deren Ermordung in Buchenwald beizutragen. Ernst Federn entging nur mit äußerstem Glück diesen Verfolgungsmaßnahmen (Kuschey, 2003; Federn, 2014; Kaufhold, 1995, 2014) Die „Frankfurter Rundschau“ fasste besagtes Urteil unter der Überschrift: „Historiker darf KZ-Häftling `skrupellosen Apparatschik´ nennen“ so zusammen: „… Schafraneks Prozeßgegner, der ehemalige Buchenwald-Häftling Emil Carlebach, muß sich nun doch den Vorwurf gefallen lassen, er sei `ein skrupelloser Apparatschik´ gewesen, der versucht habe, `einen ihm mißliebigen österreichischen politischen Häftling auf Block 46 (Fleckentyphus-Versuchsanstalt) zu bringen´. (…) Ausschlaggebend hierfür war die Aussage des in Frankfurt als Zeuge vernommenen Wiener Professors Ernst Federn. Als sogenannter `Austro-Marxist´ selber in Buchenwald interniert, konnte er Carlebachs Auftreten genau beschreiben“ („Frankfurter Rundschau“, 6.7.94, S. 1) Auch die tagezeitung (taz) brachte am  22.7.1994 einen vergleichbaren Beitrag zum Prozess (Kaufhold, 1995, 2014).

[8] Website der Rudolf Ekstein-Sammlung: http://bibliothek.univie.ac.at/sammlungen/rudolf_eksteinsammlung.html