„Meine Jugend aber verbrachte ich sehr beschützt in einer von Bürgerkriegen geschüttelten Zeit“

Ein Gespräch mit Ernst Federn (26. August 1914 – 24. Juni 2007)…

Von Roland Kaufhold

1. Herkunft

Kaufhold: Herr Federn, Sie wurden am 26. August 1914 als Sohn eines Psychoanalytikers und Arztes in Wien geboren. Sie verkehrten bereits in ihrer Jugend sowohl in marxistischen als auch in psychoanalytischen Kreisen. Versuchen Sie, das kulturelle Klima Wiens Anfang der 20er und 30er Jahre zu skizzieren.

Federn: Ich kam am Beginn des I. Weltkrieges zur Welt und lebte in einer der gewalttätigsten und schrecklichsten Epochen der Geschichte. Meine Jugend aber verbrachte ich sehr beschützt in einer von Bürgerkriegen geschüttelten Zeit. Die Gegensätze zwischen Arbeitern und Bürgern waren unüberbrückbar, und ich war von Kindheit an bei den Arbeitern, sammelte bereits mit zwölf Jahren Geld für die roten Kinderfreunde. Zu Hause verkehrten hauptsächlich Psychoanalytiker, Ärzte und Sozialisten, da bereits meine Eltern Sozialdemokraten waren. Ich kannte im Grunde keine anderen Einstellungen mit Ausnahme meiner Schulkollegen, von denen viele aus dem bürgerlichen Lager kamen, was mich aber nicht daran gehindert hat mit ihnen Freundschaft zu schließen, die auch heute noch anhält. Es verkehrten sehr berühmte Leute in meinem Elternhaus, aber Freud wurde krank, als ich 10 Jahre alt war, ich lernte ihn daher nicht persönlich kennen. Es gab viele Gäste, das Haus meiner Eltern wurde von Dr. Istvan Hollos „Die Pension zur aufgelassenen Ichgrenze“ genannt. Ich hörte von früh an hochinteressanten Gesprächen zu. Manche meiner Gesprächspartner waren auch keine Sozialisten. In meiner Familie waren nur meine Eltern Sozialisten. Ich hatte immer sehr gute Freunde für´s Leben. Geleitet wurde meine Jugend vom sechsten Lebensjahr an von Therese Schlesinger, eine der Führerinnen der sozialdemokratischen Partei und Abgeordnete im Parlament, und seit meinem 12. Lebensjahr von Mihaly Biro, einem berühmten ungarischen sozialistischen Maler und Zeichner

2. Zur Persönlichkeit August Aichhorns

Kaufhold: Sie haben häufig darauf hingewiesen, daß der bedeutende psychoanalytische Pädagoge August Aichhorn – neben Ihrem Vater – für Sie bereits in Ihrer Jugend das große Vorbild war. 1937 – nach Ihrem politisch bedingten Ausschluß von der Wiener Universität – führte Aichhorn Sie direkt in die Erziehungsfürsorge ein. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an August Aichhorn?

Federn: Ich habe wenige Erinnerungen an August Aichhorn, den ich aber sehr verehrte und dessen Beruf ich mit 13 Jahren für eine kurze Zeit ergreifen wollte. Aber richtig kennengelernt habe ich ihn nicht. Im Jahr 1937 hatte ich eine lange Aussprache mit ihm, in der er mir riet, zuerst einmal Wohlfahrtswesen zu studieren, bevor ich in die Psychoanalyse gehe, was ich dann auch tat.

3. Politischer Widerstand

Kaufhold: Sie waren im politischen Widerstand gegen den Faschismus sehr aktiv. Sie haben nach dem Verbot und der Zerschlagung der politischen Opposition im Februar 1934 im Untergrund gearbeitet und wurden mehrmals verhaftet. Versuchen Sie, das gesellschaftliche und politische Klima jener Jahre zu beschreiben.

Federn: Das politische Klima der 20er und 30er Jahre war geprägt von unerbitterlichen Klassenkämpfen, die bereits 1927 in Wien zu blutigen Auseinandersetzungen mit 80 Toten geführt haben. Seit 1933 gab es bürgerkriegsähnliche Zustände. Persönlich war ich nicht betroffen, da meine Familie zur privilegierten Bürgerschicht gehört hat. Wir waren drei Kinder, die alle studiert haben.

4. Erklärung der internationalistischen Kommunisten Buchenwalds

Kaufhold: Unmittelbar nach Ihrer Befreiung, am 20. April 1945, haben Sie noch in Buchenwald gemeinsam mit zwei befreundeten Mithäftlingen die „Erklärung der internationalistischen Kommunisten Buchenwalds“ verfaßt. Was war der Grundtenor dieses Aufrufs?

Federn: Der Aufruf war an eine revolutionäre Arbeiterschaft gerichtet, mit dem Ziel, eine Revolution zu machen und dadurch einen 3. Weltkrieg zu verhindern. Der Aufruf wurde von ganz wenigen Leuten gelesen, aber im November 1978 erschien eine französische Übersetzung in Paris in „Critique Cummuniste“ mit einem Artikel über die Trotzkisten in Buchenwald. Wer das Original hat, weiß ich nicht. Politische Bedeutung hatte der Aufruf keine.[01]

5. Gerichtsprozeß zur historischen Aufarbeitung des Stalinismus

Kaufhold: Mit diesem Themenkomplex eng verbunden sind die aktuellen Bemühungen, die historische Wahrheit über den Terror der mehrheitlich stalinistischen Häftlingsselbstverwaltung in Buchenwald gegenüber „abweichenden Meinungen“ aufzuarbeiten. In dem Kinofilm „Überleben im Terror. Ernst Federns Geschichte“ von Wilhelm Rösing haben Sie Ihre Erfahrungen eindrücklich dokumentiert. Zur Zeit[02] findet in Frankfurt/M. ein Gerichtsprozeß um das Buch „Zwischen NKWD und Gestapo“ des österreichischen Historikers Hans Schafranek statt. Sie haben hierzu vor Gericht als Zeitzeuge ausgesagt und hierbei insbesondere der Version des ehemaligen Buchenwald-Häftlings und kommunistischen Funktionärs Emil Carlebach widersprochen. Was möchten Sie zu diesem Gerichtsprozeß sagen?

Federn: Im Prozeß Carlebach/Schafranek habe ich eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, über die ich vor Gericht in Wien ausgesagt habe. Die Aussage wurde aber von dem Verteidiger Carlebachs abgelehnt und meine Aussage in Frankfurt verlangt. Dort werde ich sie im Mai wiederholen. Ich bin einer der letzten lebenden ehemaligen Trotzkisten und halte meine Aussage daher für sehr wichtig.[03]

6. Emigration über Brüssel nach Amerika

Kaufhold: Nach Ihrer Befreiung erschien für Sie als Stalingegner eine Rückkehr nach Wien als zu gefährlich. Sie gingen nach Brüssel und wanderten am 1.1.1948 in die USA aus. Beschreiben Sie Ihre Motive, Europa zu verlassen und in die USA zu emigrieren.

Federn: Die Entscheidung nach den USA zu gehen war nicht schwierig. Ich wollte unbedingt meine alten Eltern wiedersehen und dachte, nach einigen Jahren wieder nach Europa zurückzukehren. Aber mein Vater starb wie auch meine Mutter im Jahre 1950, mein Vater hinterließ kein Geld, ich mußte von meinem Gehalt leben und hatte bereits eine Familie. Mein erster Besuch in Europa wurde erst durch eine kleine Erbschaft im Jahre 1964 möglich.

7. Sozialarbeit in Amerika

Kaufhold: Sie ließen sich in New York nieder und machten dort eine Ausbildung als Sozialarbeiter. In Ihrer 1993 erschienenen Studie „Psychoanalytische Sozialarbeit. Kulturelle Perspektive“ (psychosozial Nr. 53 (1/93), S. 103-108) haben Sie die unterschiedlichen Traditionen der Sozialarbeit in den USA und in den deutschsprachigen Ländern beschrieben. Skizzieren Sie die Besonderheit der Sozialarbeit in den USA im Vergleich zu Europa.

Federn: Die Sozialarbeit in den Vereinigten Staaten ist von der in Europa grundsätzlich verschieden. Sie war dort bis 1933 eine Angelegenheit großer privater Verbände. Erst 1933 führte Roosevelt eine Sozialversicherung ein. Die großen Sozialverbände wandten sich darauf der Familien- und Jugendberatung zu. Die amerikanische Sozialarbeit umfaßt auch Berufe, die in Europa von Psychologen und Lehrern ausgeführt werden, wie etwa Heilpädagogik. Auch Kindergärtnerinnen sind Sozialarbeiter. Der Beruf verlangt eine bis sieben Jahre gehende Universitätsausbildung. Da für dieses Berufsfeld viel Geld ausgegeben werden mußte, wurde eine Aufsicht, eine Supervision, als Teil der Verwaltung eingeführt.

In Europa wurde die Wohlfahrt zuerst von der Kirche, dann vom Staat oder den Gemeinden betrieben, war größtenteils religiös oder staatlich bestimmt und besteht aus einer Beamtenhierarchie. Erst in den letzten Jahrzehnten kommt es zu einer Annäherung und gegenseitigen Beeinflussung der beiden Systeme. Als ich 1972 nach Österreich übersiedelte, wurde ich als Magister der Sozialpsychologie in der mittleren Beamtenhierarchie eingestuft.

8. Psychoanalyse in Amerika

Kaufhold: Ihr Freund und Kollege Bruno Bettelheim hat in seinem Buch „Freud und die Seele des Menschen“ (1986) nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die Psychoanalyse in den USA – u.a. bedingt durch massive Übersetzungsfehler – letztlich nur in einer oberflächlichen, „entschärften“ Form aufgenommen worden ist. Verstärkt wurde diese Tendenz durch den „Medicozentrismus“ (Paul Parin) sowie die Ablehnung der Laienanalyse in den USA. Wie könnte man die Besonderheit der amerikanischen Psychoanalyse kennzeichnen? Welche reale Bedeutung hat sie für das kulturelle und soziale Leben Amerikas?

Federn: Man muß zwischen der amerikanischen Psychoanalyse und der Psychoanalytischen Psychiatrie in Amerika unterscheiden. Die erstere ist infolge von Übersetzungsirrtümern, dem medizinischen Zentrismus und den kulturellen Unterschieden sehr verschieden von dem was Freud geschaffen hat. Freud schuf eine Psychologie des unbewußten Seelenlebens, die auch zur Behandlung von Neurosen verwendet werden kann. Die Amerikaner machten aus der Psychoanalyse eine Behandlungsmethode für alle seelischen und Geisteskrankheiten. Sie wurde hierdurch jedoch auch sehr stark vereinfacht. Psychoanalytische Psychiatrie ist ein Anwendungsgebiet, das auf die von Paul Federn geschaffene Ich-Psychologie gestützt ist und das in den Vereinigten Staaten große Erfolge und neue Erkenntnisse hervorgebracht hat, welche langsam auch von Europa übernommen wurden. Die Bedeutung der Psychoanalyse für das soziale und kulturelle Leben in Amerika ist schwer abschätzbar. In intellektuellen und literarischen Kreisen hat die Psychoanalyse sicherlich großen Einfluß genommen, diese Kreise sind aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung.

9. Bruno Bettelheims Orthogenic School

Kaufhold: Bruno Bettelheims Arbeit in der „Sonia Shankman Orthogenic School“  in Chicago scheint mir für die Heilpädagogik von besonderem Interesse zu sein. Sie waren mit Bettelheim befreundet und haben die Orthogenic School „von innen“ kennengelernt. Beschreiben Sie Ihren Eindruck.

Federn: Ich habe die Orthogenic School  in Chicago 1967 besucht und war mit Bruno Bettelheim befreundet. Die Schule war sehr eindrucksvoll und kindgerecht ausgestattet. Bettelheims Methode ist eine der erfolgsreichsten Anwendungen der Milieutherapie und sein Verständnis von Kindern, besonders Geisteskranken, sehr groß, und man kann viel von ihm lernen.

10. Das therapeutische Heim von Rottenburg

Kaufhold: Sie haben die Impulse Bettelheims wie auch die Ihres Vaters bzgl. einer milieutherapeutischen Arbeit mit autistischen und psychotischen Kindern aufgegriffen und insbesondere die Arbeit des Rottenburger Heimes für autistisch-psychotische Kinder über mehr als zehn Jahre helfend und beratend begleitet. Welche Erfahrungen aus dieser Arbeit erscheinen Ihnen als besonders bedeutsam?

Federn: Der Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit in Tübingen und Rottenburg/N. war das Werk von Stephan Becker, der von Bettelheim manches übernommen hat. Sein Heim ist aber sehr viel kleiner als die Orthogenic School. Er geht auf psychoanalytische Erkenntnisse Winnicotts und Bions und der englischen Schule zurück, übernimmt auch viel von Paul Federn. Ich war für Becker und seinen Stab für mehr als zehn Jahre ein Berater und teilte mit ihm meine Erfahrungen und mein Wissen. Ich halte das Vorgehen und die Prinzipien der Vereine für Psychoanalytische Sozialarbeit in Tübingen und seit 1992 in Berlin nach dem gegenwärtigen Wissensstand für richtig und durchführbar.

11. Strafvollzugsreform in Wien

Kaufhold: 1972 sind Sie auf Einladung des früheren österreichischen Justizministers Christian Broda nach Wien zurückgekehrt und haben als psychoanalytischer Sozialtherapeut und Supervisor im österreichischen Strafvollzug gearbeitet. Welche Erfolge konnten Sie erzielen? Sind diese sozialreformerischen Erfolge heute durch den veränderten „Zeitgeist“ bedroht?

Federn:  Während meiner 14-jährigen Tätigkeit im österreichischen Strafvollzug ist es mir gelungen, den Stand der Psychologen von 5 auf über 40 zu erhöhen. Ich konnte den größten Teil der heutigen Leiter von Justizanstalten beeinflussen und habe in Konferenzen viel gelernt. Ich habe durchgesetzt, daß auch der Gefangene als Mensch behandelt und eingeschätzt wird und darauf hingewiesen, daß nur mit den Beamten, niemals gegen sie etwas durchgeführt werden kann. Persönlich habe ich Tausende von Häftlingen betreut und manche behandelt, die meisten mit Erfolg, d.h. so, daß sie nicht mehr rückfällig wurden. Der Strafvollzug ist durch die große Anzahl von Ausländern und durch Überbelegung sehr schwer behindert, aber die von mir vertretenen Prinzipien und Konzepte werden von den leitenden Beamten nach wie vor hochgehalten.

12. Psychoanalyse und Marxismus

Kaufhold: Sie gehören zu der Minderheit unter den Psychoanalytikern, die mögliche Verbindungen zwischen Freud und Marx nicht in Abrede gestellt, sondern Gemeinsames und Trennendes herausgearbeitet haben. Nach Ihrer Rückkehr nach Wien haben Sie Ihre Beschäftigung mit dem Marxismus „reaktiviert (s. Federn 1986, 1993b). Unmittelbar vor dem Ende der DDR haben Sie dort einen – bisher unveröffentlichten – Vortrag mit dem Titel „Sein und Bewußtsein in Gesellschaft und Individuum aus psychoanalytischer Sicht“ gehalten. Am Ende dieses Vortrages haben Sie gesagt: „Hierin liegt eine Bedeutung der Psychoanalyse und eine gesellschaftliche Aufgabe. Die gegenseitige Abhängigkeit individueller Bewußtheit (Mario Erdheim) von gesellschaftlicher Bewußtheit aufzuzeigen und bewußt zu machen. (…) Wenn wir auf unser vorhandenes Wissen aufbauen, werden wir manche Erkenntnisse von Marx als richtig, manche als falsch, manche als überholt beurteilen müssen. Dadurch wird Marx zum großen unser Denken verändernden Wissenschaftler. Hätte er immer recht oder unrecht gehabt, wäre er ein richtiger oder falscher Prophet gewesen. Mit Freud ist es ein bißchen anders. Sein Objekt der Forschung, das Seelenleben des Menschen, ist unmittelbar und täglich einsichtbar, nicht so weit entfernt und schwer zugänglich wie gesellschaftliche Produktionsprozesse und verändert sich nur ganz langsam. Daher ist seine Methode der Forschung immer wieder unmittelbar überprüfbar. Seine Erkenntnisse scheinen mir deshalb viel gesicherter als die von Marx es waren, und seine Methode konnte seit seinem Tod auf Gebiete ausgedient werden, die er selbst nicht erforscht hat. Neue Einsichten konnten dadurch gewonnen werden.

Ich habe bereits anläßlich des 100. Todestages von Karl Marx gemeint, daß Marxismus und Psychoanalyse sich ergänzen und nicht widersprechen (s. Federn 1993b, R.K.) Im heutigen Vortrag habe ich diesen Gedanken weiter ausgebaut. Es kann die Vielfalt des gesellschaftlichen Geschehens nicht ohne die Erkenntnisse beider Wissenschaften, Marxismus und Psychoanalyse, erfaßt werden. Beide zu koordinieren wird eine Aufgabe der Zukunft sein. Ohne in eine falsche Euphorie zu verfallen, scheint es mir, daß der Untergang der stalinistischen Verfälschungen des Marxismus einerseits und die größere Akzeptanz der Psychoanalyse andererseits uns Hoffnung geben, eine bessere Gesellschaftsordnung als die gegenwärtige aufzubauen. Meine Ausführungen mögen dabei mithelfen“ (Federn 1989d, S. 8). Möchten Sie Ihren Ausführungen noch einige ergänzende Worte hinzufügen?

Federn: Ich stehe dazu, daß Marxismus und Psychoanalyse sich ergänzen und nicht widersprechen. Der Marxismus ist eine Erklärung sozialer, ökonomischer und historischer Prozesse, die sich in unserem Jahrhundert total verändert haben. Die Psychoanalyse ist die Erklärung unbewußter Vorgänge im Seelenleben, die sich im Menschen kaum verändert haben, noch sich verändern werden. Daher brauchen Marxisten die Psychoanalyse mehr als umgekehrt.

13. Der Rechtsradikalismus

Kaufhold :In den letzten Jahren hat es in Europa ein erschreckendes  Wiederaufleben des Rechtsradikalismus gegeben. Das österreichische Symbol hierfür ist Jörg Haider. Sehen Sie durch ihn eine reale Gefahr für die österreichische Demokratie? Inwiefern könnte man von Parallelen zwischen den 20er und 30er Jahren und der Gegenwart sprechen? Erscheint Ihnen der „neue“ Rechtsradikalismus primär durch eine mangelhafte „Aufarbeitung“ des Faschismus begründet zu sein?

Federn: Jörg Haider ist kein Rechtsradikaler, sondern ein rechtskonservativer Populist, der nach Macht strebt. Er ist mit Mrs. Thatcher vergleichbar. Er repräsentiert die bürgerlichen Kreise, die unzufrieden sind und auch aus der sozialen Bahn geworfene Arbeiter. Gegenwärtig besteht keine Gefahr für die österreichische Demokratie.

Zwischen den 30er Jahren und heute bestehen keine Parallelen. Es gibt zwar eine große Arbeitslosigkeit, aber die sozialen Strukturen und das politische Klima sind voneinander völlig verschieden. Meiner Meinung nach hat der heutige Rechtsradikalismus nichts mit dem Faschismus zu tun. Die Parolen der 20er und 30er Jahre werden benützt, weil sie die etablierten Parteien und Menschen am meisten aufregen. Es gibt immer 7 bis 8 % der Bevölkerung, die persönlich so gestört sind, daß sie von Zeit zu Zeit böse Krawalle verursachen. Das war immer so und wird auch immer so bleiben, solange man nicht lernt mit diesen gestörten Menschen anders umzugehen. Den Faschismus der Vergangenheit aufzuarbeiten halte ich für unmöglich, weil man nur die eigenen Probleme aufarbeiten kann und nicht die von anderen Menschen. Heute gibt es keine faschistische Bewegung in Mittel- und Westeuropa. Unsere Probleme sind andere als die der beiden Weltkriegszeiten. Unser Problem ist, daß das erste Mal in der Geschichte die Phantasien totaler Zerstörung Wirklichkeit werden können, eine völlig neue Weltsituation.

Dieses Interview führte Roland Kaufhold 1994 mit Ernst Federn, anlässlich dessen 80. Geburtstages. Es ist zuvor erschienen in der Behindertenpädagogik, 34. Jg., Heft 2/1995, S. 157-170. Wir danken dem Psychosozial-Verlag, Gießen für die Nachdruckrechte.

haGalil – Themenschwerpunkt zu Ernst Federn:
Roland Kaufhold: Ernst Federn, Pionier der kollektiv orientierten Psychoanalyse – Einführung zum Themenschwerpunkt
Roland Kaufhold: Biographische Kontinuität, Emigration und psychoanalytisch-pädagogisches Engagement. Laudatio auf Ernst Federn zu seinem 90. Geburtstag

  1. Dieser Aufruf wurde publiziert in „Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär“, Frankfurt/M. 1980 (ISP-Verlag), S. 149-151. Internet: http://www.labournetaustria.at/archiv37.htm. Der besagte Artikel über die Trotzkisten in Buchenwald ist auf Deutsch erschienen in: Rodolphe Prager: Die Trotzkisten in Buchenwald, Inprekorr Nr. 284 (Mai 1995). Internet: http://inprekorr.de/284-buchenwald.htm []
  2. März 1994, R.K. []
  3. Ernst Federn hat diese Aussage inzwischen vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wiederholt; sie führte zu einer Revision des früheren Urteils zugunsten von Schafranek. Die „Frankfurter Rundschau“ faßte das Urteil unter der Überschrift: „Historiker darf KZ-Häftling `skrupellosen Apparatschik´ nennen“ so zusammen: „… Schafraneks Prozeßgegner, der ehemalige Buchenwald-Häftling Emil Carlebach, muß sich nun doch den Vorwurf gefallen lassen, er sei `ein skrupelloser Apparatschik´ gewesen, der versucht habe, `einen ihm mißliebigen österreichischen politischen Häftling auf Block 46 (Fleckentyphus-Versuchsanstalt) zu bringen´. (…) Ausschlaggebend hierfür war die Aussage des in Frankfurt als Zeuge vernommenen Wiener Professors Ernst Federn. Als sogenannter `Austro-Marxist´ selber in Buchenwald interniert, konnte er Carlebachs Auftreten genau beschreiben“ („Frankfurter Rundschau“, 6.7.94, S. 1, s. auch „die tageszeitung“, 22.7.94). []

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