„Es ist unerträglich schmerzhaft, gleichzeitig allein und lebendig zu sein“

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Sigmund Freud, Foto: Max Halberstadt, und Wilhelm Reich, Foto: L. Gutmann

Das Interview von Kurt R. Eissler mit Wilhelm Reich (1952)

Von Roland Kaufhold

Der Name Wilhelm Reich (24.3.1897 – 3.11.1957) ist auch heute noch, sieben Jahrzehnte nach seinem viel zu frühen Tod in einem amerikanischen Gefängnis, international präsent. Kein Psychoanalytiker und jüdischer Emigrant hat so heftige Auseinandersetzungen ausgelöst wie der ungestüme, außergewöhnlich produktive psychoanalytische Theoretiker und zeitweilige Marxist Wilhelm Reich. Die Deutungs- und Aneignungsversuche zu Reichs imposantem Lebenswerk halten bis heute an (Peglau 2013, Kaufhold & Hristeva 2021).

„Befreien Sie mich von Reich“

Anfangs hielt auch Sigmund Freud große Stücke auf den 1897 geborenen Wilhelm Reich. Eine Ambivalenz und Skepsis machte sich bei Freud jedoch bereits um 1928 bemerkbar: „Wir haben hier einen Dr. Reich, einen wertvollen, aber ungestümen jungen Mann, seinem Steckenpferd leidenschaftlich ergeben, der nunmehr den genitalen Orgasmus als Gegenmittel gegen jegliche Neurose preist. Er mag von Ihrer Analyse (…) vielleicht lernen, etwas Respekt vor der komplizierten Natur der menschlichen Psyche zu empfinden.“ (S. 125) schrieb Sigmund Freud am 9.5.1928 an seine Vertraute Lou Andreas-Salomé.

Und fünf Jahre später, am 17. April 1933 –  nur zehn Tage, nachdem Reich einen Vortrag über die Massenpsychologie der nationalen Bewegung in Wien gehalten hatte – , kam Freud mit dem „Arier“ Boehm zusammen, um mit ihm die interne Verbandspolitik zur „Rettung“ der Psychoanalyse abzusprechen. Faktisch ging es darum, dass die jüdischen, vor allem die „linken“ jüdischen Psychoanalytiker, „freiwillig“ auf ihre Mitgliedschaft bei den psychoanalytischen Standesverbänden verzichteten. Erinnert sei: 147 der 150 Mitglieder von Freuds „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ waren Juden (Kaufhold 2001, 2003c, Kaufhold & Hristeva 2021, Peglau 2013, 2022, Kessler & Kaufhold 2015). Die „arischen“ Psychoanalytiker Felix Boehm, Carl Müller-Braunschweig und Harald Schultz-Hencke übernahmen nun die Leitung der Psychoanalytischen Standesverbände in Wien und Berlin, vorgeblich um die Psychoanalyse zu „retten“. Die Freudsche Psychoanalyse musste sich vollständig an die nationalsozialistische Ideologie anpassen, um „zu überleben“…

Wilhelm Reich zahlte einen sehr hohen Preis für seinen politisch-psychoanalytischen Widerstand: Seine Bücher wurden bereits 1933 in Berlin komplett verboten, Freuds Bücher erst später. Und Wilhelm Reich wurde, im Gegensatz zu Freud, offiziell aus Deutschland ausgebürgert. Auch dies verdeutlicht die einzigartige Position Wilhelm Reichs als aktivem öffentlichem Antifaschisten innerhalb der Geschichte der Psychoanalyse.

Neben Wilhelm Reich wurden als einzige jüdische Psychoanalytiker nur Bruno Bettelheim, Therese Benedek – vor allem wegen ihrer SPD-Mitgliedschaft und ihrer Mitgliedschaft und ihren öffentlichen psychoanalytisch-politischen Reden für den Verein sozialistischer Ärzte – , sowie Adolf Josef Storfer (Kaufhold 2017, 2018a, 2018b) offiziell aus der deutschen Staatsbürgerschaft ausgebürgert.

Sigmund Freud verstarb 1938, so dass ihm der große Schrecken der antisemitischen Judenverfolgung und -vernichtung erspart blieb. Vier seiner fünf hoch betagten Schwestern – Adolfine, Marie, Pauline und Rosa – wurden wenige Jahre nach Freuds Emigration und Tod in den deutschen Vernichtungslagern ermordet, weil sie Jüdinnen waren (vgl. Kaufhold & Hristeva 2021, Hristeva & Kaufhold 2023).

Der Jude und Ausländer Max Eitingon (1881 Russland – 1943 Jerusalem), seit 1919 Mitglied von Freuds „Geheimem Komitee“ – dies war Freuds engster, nur sechs Psychoanalytiker umfassender Vertrautenkreis -, war der erste Psychiater gewesen, der von sich aus Kontakt zu Freud aufnahm. Eitingon gründete schon 1920 die psychoanalytische Poliklinik in Berlin und war an der Finanzierung von Freuds Internationalem Psychoanalytischen Verlag beteiligt. Dieser Max Eitingon wurde nun von den „arischen“ Psychoanalytikern in Berlin gezwungen, am 18.11.1933 – nach 24 Jahren – den Vorsitz in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft „freiwillig“ an die „Arier“ Boehm und Müller-Braunschweig zu übergeben. Sechs Wochen später, am 31.12.1933, emigrierte Max Eitingon aus Berlin nach Jerusalem und gehörte dort gemeinsam mit Mosche Wulff zu den Begründern der Psychoanalyse in Palästina, später Israel (Kaufhold 2008, Kloocke 2002, Rolnik 2013)

In seinem Abschiedsbrief an seine „arischen“ Psychoanalytikerkollegen schrieb der 52-jährige Max Eitingon:

„Lieber Doktor Boehm,
Die Entwicklung der Dinge in unserer Vereinigung hat anscheinend zwangsläufig die Diskussion entschieden, die wir so lange geführt haben.
Ich hoffe, Sie werden es zumindest begreiflich finden, dass ich nun einen Schritt tue, der mir sehr schwer fällt, sind doch  die letzten 24 Jahre, deren Hauptinhalt die Arbeit für die Psychoanalyse in, mit und für unsere Gesellschaft war, wahrscheinlich der wesentliche und entscheidende Abschnitt meines Lebens.
Ich bitte, meinen Namen aus dem Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft zu löschen.“ 

Der seinerzeit marxistisch orientierte Psychoanalytiker Wilhelm Reich, der in Wien und auf Berlins Straßen in Reden aktiv gegen die sehr konkrete nationalsozialistische Gefahr kämpfte und den antifaschistischen Widerstand zu organisieren versuchte, verkörperte für die deutschen Nationalsozialisten das größte Feindbild – ein sehr viel größeres Feindbild, als es linke Psychoanalytiker wie Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel, Edith Jacobson oder auch ein Paul Federn verkörperten (Peglau 2013, Kaufhold & Hristeva 2021). Wilhelm Reich war für die Nationalsozialisten eine wirkliche Gefahr.

Bei der Verabschiedung an besagtem 17.4.1933 habe Sigmund Freud gegenüber Boehm den „Wunsch“ geäußert: „Befreien Sie mich von Reich“. Nitzschke und Fallend haben, aus ihrer Perspektive, zahlreiche Studien über die radikale Entfremdung zwischen Reich und Freud, aber auch zwischen Reich und Otto Fenichel publiziert (Fallend & Nitzschke 2002).

So begann im Jahr 1933, als der antisemitische Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich seinen ersten Höhepunkt erreichte, Wilhelm Reichs Flucht über die skandinavischen Länder in die USA. Begleitet und verstärkt wurde sie von auf Vernichtung ausgerichteten Intrigen gegen Wilhelm Reich und seinem Rauswurf aus den psychoanalytischen Standesverbänden (vgl. Kaufhold & Wirth 2006, Kaufhold & Hristeva 2021, Peglau 2013, Reich 2020). Eine besondere Tragik war hierbei, dass der ungestüme Wilhelm Reich wegen seiner Verbindung von antifaschistischem Kampf und sexualpädagogischem Engagement zeitgleich auch aus der doktrinären KPD – der er formal, so beteuert er dies gegenüber Eissler im Buch (Reich & Eissler 2026) gleich mehrfach, nie offiziell angehört hatte – hinausgeworfen wurde (siehe vertiefend Peglau 2020, Reich 2020). „Einer gegen alle“, unter diesem Motto stand nun Wilhelm Reichs einsamer Kampf (Kaufhold 2021).

Diese Sache ist jedoch bei Wilhelm Reich, wie alles in Reichs Biografie, so sei an dieser Stelle angemerkt, sehr viel komplizierter und widerspruchsreicher, als es sich in diesem Gespräch darstellt:

Seit seiner lebensrettenden Ankunft in den USA – sein Ruf als “Kommunist“ und „Trouble Shooter“ lief ihm voraus – war Reich fortdauernd massiv gefährdet und wurde in amerikanischen Zeitungen massiv als „feindlicher Ausländer“ angegriffen und mehrfach auch arretiert. Deshalb fälschte Reich, aus sehr verständlichen Gründen, in den USA mehrfach seine Biografie. Er versuchte sich zu schützen.

Es ist davon auszugehen, dies bestätigt mir auch der Reich-Forscher Andreas Peglau, dass Reich KPD-Mitglied war. Wilhelm Reich brachte seine Massenpsychologie offenbar spätestens im September 1933 in Dänemark heraus. Wenige Monate später bezeichnete er sie als Anlass seines KPD-Ausschlusses. Auch im Nachwort, das er der zweiten Auflage des Buches 1934 anfügte, schrieb er, die Publikation des Buches habe seinen „Ausschluß aus der kommunistischen Partei zur Folge“ gehabt (Reich 1934/2020, S. 279). Obwohl die Weichen dafür sicher ohnehin längst gestellt waren, ist diese Aussage plausibel. Am 21.11.1933 erfuhr Reich aus der dänischen KP-Zeitung Arbejderbladet, er sei „in Übereinstimmung“ mit dem ZK der deutschen KP aus der dänischen Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden – deren Mitglied er jedoch nie war (Reich 1995, S. 208). Da es innerhalb der Komintern üblich war, dass Genossen, die sich dauerhaft in einem anderen Land niederließen, der dortigen KP beitraten, könnte allerdings den dänischen Kommunisten die Zuständigkeit für Reich zugefallen sein.

„Man kann „keinem Faschisten, der von der überragenden Wertigkeit seines Germanentums narzisstisch überzeugt ist, mit Argumenten beikommen“

Um die politische Bedeutung von Wilhelm Reichs entschlossenem, öffentlichen Kampf gegen den Faschismus in Berlin und Wien zu verdeutlichen: In seiner unter den Bedingungen der existentiellen Bedrohung veröffentlichten Massenpsychologie des Faschismus, im August 1933 publiziert, formulierte Reich klarsichtig und vollständig frei von taktischen Zugeständnissen an seine Todfeinde wie auch an einen Teil der verängstigen Wiener Psychoanalytiker: Bei der Rassentheorie komme es „nicht auf ihren rationalen Gehalt an“. Man könne „keinen Faschisten, der von der überragenden Wertigkeit seines Germanentums narzisstisch überzeugt ist, mit Argumenten beikommen“. (Kaufhold 2021, Kaufhold & Hristeva 2021).

Auch der linke Wiener Psychologiestudent und angehende Psychoanalytiker Rudolf Ekstein, der sich als psychoanalytischer Antifaschist Mitte der 1930er Jahre kurzzeitig dem kommunistischen Jugendverband zuwendete und sich für Wilhelm Reichs revolutionären Schriften begeisterte, machte vergleichbar desillusionierende Erfahrungen wie Wilhelm Reich (Kaufhold 2001, 2020). 

18.10.1952: Kurt R. Eissler und Wilhelm Reich: Reich speaks about Freud

Die katastrophalen Folgewirkungen dieser Intrigen ereilten Wilhelm Reich auch noch im skandinavischen sowie im amerikanischen Exil. Der Reich-Biograf Myron Sharaf, der die Größe und Tragik von Wilhelm Reich vorzüglich nachgezeichnet, hat auch diese Intrigen, so wie sie Wilhelm Reich durchleben und seelisch verarbeiten musste, detailreich beschrieben (Kaufhold 2025a). Diese Intrigen und gezielten Rufschädigungen gegen Reich bilden die Hintergrundmatrix für den nun erstmals auch auf Deutsch vorliegenden Band der zweitägigen Gespräche zwischen Wilhelm Reich und dem jüdischen Emigranten und Psychoanalytiker Kurt R. Eissler.

Am 18.10.1952 trafen sich die emigrierten Wiener Psychoanalytiker Wilhelm Reich und Kurt R. Eissler in New York, um sich an die Ursprünge der Psychoanalyse in Wien zu erinnern – und um die Entfremdung zwischen Reich und Freud aus Wilhelm Reichs eigener Perspektive, im zeitlichen Abstand von 20 Jahren, angemessener zu verstehen. Am nächsten Tag setzten sie ihre Gespräche fort.

Wilhelm Reich ging es, wie bei der Lektüre spürbar ist, vor allem darum, seinen eigenen damaligen Standpunkt nun, 20 Jahre später, wo er sich vom Marxismus radikal verabschiedet und im amerikanischen Exil seine spekulative Orgontheorie entwickelt hatte, zumindest vor der Geschichte und innerhalb der winzigen psychoanalytischen Community nachvollziehbar zu machen. Zugleich wollte Wilhelm Reich mit diesem Interview seine Position innerhalb der Geschichte der Psychoanalyse klären.

Der jüdische Psychoanalytiker und Wiener Emigrant Kurt R. Eissler, das sollte zum Verständnis dieses Bandes hervorgehoben werden, war Leiter des renommierten Sigmund Freud Archivs in New York. Dieses hatte Eissler drei Jahre zuvor zusammen mit einigen seiner psychoanalytischen Kollegen (Ernst Kris, Heinz Hartmann, Bertram Levin und Hermann Nunberg), die Mehrzahl waren gleichfalls Wiener jüdische Emigranten, gegründet. Das Interview selbst sollte nach Vorstellungen Eisslers für 100 Jahre in seinem Freud-Archiv aufbewahrt werden. Es sollte also erst im Jahr 2052 öffentlich gemacht werden. Eissler selbst hielt seine Funktion als Sekretär des amerikanischen Freud-Archivs bis zum Jahr 1985 inne. Die Initiative für dieses Zeitzeugengespräch ist dabei, gemäß Sharaf (2022, S. 483), von Wilhelm Reich ausgegangen.

Der späteren Nachlassverwalterin der Wilhelm Reich Archivs, Mary Higgins, gelang es jedoch, die Begrenzung auf 100 Jahre zu umgehen: 1967 erschien ihr Buch zu diesen zweitägigen Gesprächen unter dem Titel Reich speaks about Freud. Es kursierten unter einigen Reich-Spezialisten „illegal“ angefertigte deutschsprachige Übersetzungen. Das vorliegende Werk ist die erste sorgfältige Übersetzung dieses Werkes auf Deutsch.

Fokus der Gespräche bildet die tragische Beziehung zwischen dem 1897 geborenen Wilhelm Reich und seinem 41 Jahre älteren „Lehrmeister“ Sigmund Freud (vgl. Kaufhold & Wirth 2006). Aus dem Amerikanischen übersetzt wurde das Buch von von Lisa Teichmann und Beatrix Teichmann-Wirth. Teichmann-Wirth hat u.a. als Psychotherapeutin viele Studien über Wilhelm Reich publiziert.

Biografische Hintergründe: Kurt R. Eissler (1909 – 1999), Ruth Eissler-Selke (1906 – 1989) und Wilhelm Reich (1897 – 1957)

Der jüdische Wiener Psychoanalytiker Kurt Robert Eissler (2.7.1909 – 17.2.1999), über dessen österreichischen Anfänge relativ wenig bekannt ist, war zwölf Jahre jünger als Reich. Eissler studierte in Wien Psychologie und promovierte dort 1931 bei Karl Bühler über das Tiefensehen.

1936 heiratete er in Wien die jüdische Psychiaterin und Psychoanalytikerin Ruth Selke-Eissler (1906-1989). In Odessa, Hamburg, Danzig und Freiburg unter dem Namen Selke aufgewachsen, ihre jüdischen Eltern hatten einen deutsch-polnischen Hintergrund, erlebten diese früh Verfolgungsmaßnahmen. Ruth Eissler studierte in Freiburg Medizin, spezialisierte sich auf die Psychiatrie und promovierte in Freiburg mit der Arbeit Sechs Lebensläufe als sozialhygienischer Beitrag zur Frage Alkoholismus und Tuberkulose. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrierte sie von Deutschland nach Wien. Sie machte zuerst bei Theodor Reik ihre Lehranalyse, bis dieser als Jude in die Niederlande und von dort aus weiter in die USA emigrieren musste. Danach setzte sie ihre psychoanalytische Ausbildung bei Richard Sterba und August Aichhorn fort.

Ruth Eissler-Selke, die nebenbei auch Gedichte schrieb und publizierte, wurde Mitarbeiter des berühmten Psychoanalytikers und Psychoanalytischen Pädagogen August Aichhorn, der der Pionier einer psychoanalytisch fundierten Arbeit mit verwahrlosten Jugendlichen war. Sie  machte zuerst bei Richard Sterba – der als nahezu einiger Nicht-Jude aus Solidarität mit seinen jüdischen psychoanalytischen Kollegen und aus Protest gegen den Anpassungskurs der verbliebenen „arischen“ Psychoanalytiker mit dem Naziregime (Kessler & Kaufhold 2015, Kaufhold & Hristeva 2021, Fallend & Nitzschke 2002), obwohl er also nicht persönlich bedroht war, in die USA emigrierte. Vermutlich hat Ruth Eissler danach auch noch eine Analyse bei August Aichhorn gemacht. Im Mai 1932 war Ruth Eissler vom Lehrinstitut der WPV im Rahmen des pädagogischen Lehrganges als Ausbildungskandidat aufgenommen worden. Ruth Eissler-Selke begann als Psychoanalytiker zu arbeiten und wurde 1937 außerordentliches Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Ein Jahr zuvor hatte sie Kurt R. Eissler geheiratet. 1938, unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland, gelang den Eisslers grade noch die Flucht in die USA. Ruth arbeitete in Chicago als Kinderpsychiaterin und, auf August Aichhorns bahnbrechenden Entdeckungen aufbauend, in einer Anstalt für „delinquente“ Jugendliche. Dann eröffnete sie eine eigene psychoanalytische Praxis und wurde Lehranalytikerin am Chicago Psychoanalytic Institut.

Ihr Ehemann Kurt R. Eissler arbeitete nach seiner Flucht zuerst in Chicago, wo er mit dem emigrierten Bruno Bettelheim Austausch hatte (Kaufhold 2001, Fisher 2003). Bettelheim hatte ein knappes Jahr Konzentrationslagerhaft in Dachau und Buchenwald, teils gemeinsam mit seinem Freund Ernst Federn, überlebt und 1943 die erste psychoanalytische Studie über die Terrorinstitutionen Dachau und Buchenwald veröffentlicht, wodurch er im Laufe der Jahre Weltruhm erlangte (Kaufhold 2001, 2014).

Kurt R. Eissler: Die Verbindung mit der Shoah

Der jüdische Emigrant Kurt R. Eissler war auch familiär unmittelbar mit der Shoah verbunden: Sein Bruder Erich (Erik) Eissler (1906 – 1943) war am 11.10.1943 in Auschwitz ermordet worden. Zuvor war Erich Eissler als Jude und Widerständler im KZ Buchenwald inhaftiert gewesen, wo ihn Ernst Federn kennen lernte (Kuschey 2003). 

Um die Einflechtung der Emigrations-Biografie der Eisslers in die psychoanalytische Emigrationsgeschichte zu verdeutlichen (vgl. Kaufhold & Hristeva 2021, Hristeva & Kaufhold 2023) sei eine Episode erzählt:

In dem von mir besprochenen Band der Briefkorrespondenzen Paul Parins (Kaufhold 2023c) ist auch Parins Korrespondenz mit Ruth und Kurt Eissler wiedergegeben. Hierin tauschen sie sich auch über ihre Besuche in Israel aus. Wie „überraschend schnell“ sei Israel doch entstanden, wie heilsam für den eigenen Narzissmus sei es, dass Juden nun „ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und Hoffnung und Glaube“ sie beflügele, schrieb Paul Parin. Man halte in Israel weiterhin am „Ideale einer Volksidentität“ fest, obwohl dieses „doch nichts mehr hergebe“. Eine „Umorientierung, kreative politische Ideen, eine aktive Bewältigung der Vergangenheit und damit ein Ausblick für die Zukunft“ scheine „auch für das ganze Volk so wie für viele Einzelpersonen eine kaum lösbare Aufgabe zu stellen.“ (S. 406) Und doch, so hebt Parin hervor, liege in diesem „kaum“ auch „meine Hoffnung, dass es doch noch gelingen möge.“ (Kaufhold 2023c)

Allein der von 1965 bis 1992 andauernde Briefwechsel mit Kurt Eissler umfasst in Parins Band 88 Seiten. Parin erinnert sich des Todes vieler junger Partisanen, den er als revolutionärer Arzt im Spital in Montenegro1944/45 erleben musste: Er habe, so schreibt Parin 1966 an Eissler, „viele Helden sterben sehen“; Freiheitskämpfer, „die für das Ideal der Befreiung von der Naziherrschaft alles und zuletzt das Leben geopfert haben.“ (S. 398) Das Sterben sei ihnen leicht gefallen, „jedoch unter einer Bedingung: sie durften nicht allein sein.“ (ebd.) Das Ideal, das ihre überlebenden Kampfgefährten teilten, erleichterte ihnen den Abschied.

1978 berichtet Eissler, gewiss auch in Erinnerung an den Tod seines Bruders Erich im Oktober 1943 in Auschwitz, von seiner gutachterlichen Tätigkeit für Konzentrationslager-Opfer. 1963 – seinerzeit waren die seelischen Folgen der NS-Verfolgung auf Juden in Deutschland noch kein öffentliches oder wissenschaftliches Thema, sie waren ein radikal verleugnetes Tabu – publizierte Eissler auch auf Deutsch die psychiatrische Studie Die Ermordung von wie vielen seiner Kinder muß ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben“ (Eissler 1963). 

In den USA meldete sich Kurt R. Eissler 1943 freiwillig zur US-Army, um als Psychiater den Kampf gegen Nazideutschland zu unterstützen.

1947: Übersiedlung der Eisslers nach New York

1947 ließen sich die Eisslers in New York nieder, dem Zentrum zahlreicher europäischer Psychoanalytiker. Dorthin war Wilhelm Reich bereits 1939 emigriert. In New York erschien auch Wilhelm Reichs späten Schriften wie Listen, little man! (deutsche Übersetzung: (1948): Rede an den kleinen Mann); wie auch: People in Trouble (deutsche Übersetzung (1995): Menschen im Staat).

Dieser gut lesbaren Schriften spiegeln den „späten“ Wilhelm Reich wieder, der sich von seinem marxistischen Denken vollständig gelöst hatte – ohne diese zu „verteufeln“ oder in Abrede zu stellen, – und der sich nun leidenschaftlich für seine Orgontheorie engagierte. Es ist dieser „späte“ Wilhelm Reich, dem wir auch in dem nun vorliegenden Band Reich über Freud begegnen (Reich & Eissler 2026).

Dies ist die Lebensphase, in der der inzwischen 55-jährige Wilhelm Reich 1952 seine zwei Tage andauernden Gespräche mit seinem psychoanalytischen Kollegen Eissler führte. 

Eissler publizierte als Militärpsychiater der amerikanischen Armee – eine Tätigkeit, der er von 1945 bis 1947 nachging – Studien („Kriegsmanuskripte“ („WAR-MS“)), die lange keinen Verlag fanden und erst 2021 unter dem Titel „Männer und Militär. Psychoanalyse der US-Armee als Institution in Zweiten Weltkrieg“, mit einem Vorwort von Mario Erdheim, erschienen.

Kurt R. Eissler wurde in den USA ein sehr produktiver Autor, der zahlreiche, stark rezipierte Bücher publizierte, darunter eine monumentale Goethe-Studie, die 1983 als zweibändiger Band bei Stroemfeld/Roter Stern auf Deutsch erschien, sowie eine psychoanalytische Studie über Leonardo da Vinci.

Weiterhin publizierte Eissler mehrere Bücher über Psychoanalyse und über psychoanalytische Kollegen (C. G. Jung, Wagner-Jauregg und Viktor Tausk). Eissler galt als orthodoxer Verteidiger der Schriften und des Lebenswerkes von Sigmund Freud. Weiterhin verteidigte er Freuds Theorem vom Todestrieb, was ihn in einen scharfen Gegensatz zu Wilhelm Reich brachte – was in dem nun vorliegenden Band zumindest indirekt zum Ausdruck kommt. In psychoanalytischen Kreisen wurden Eisslers Bücher stärker rezipiert. Es ist insbesondere dem großartigen, engagierten Wiener Psychoanalytiker Thomas Aichhorn sowie Konstanze Zinnecker-Mallmann zu verdanken, dass eine Sammlung von Eisslers Essays 2016 auf deutsch als Buch Bleibende Relevanz. Beiträge zu Theorie und Technik (Eissler/Aichhorn & Zinnecker-Mallmann 2016; s. auch Eissler 2013) erschien.

Der Psychoanalytiker und Sozialpädagoge Thomas Aichhorn (12.11.1944 – 26.4.2025), der Enkel August Aichhorn und Vertraute Ernst Federns, der unendlich viel für die Wiedererinnerung der durch den Nationalsozialismus weitgehend zerstörten Wiener Tradition der Psychoanalyse und ihrer pädagogischen und sozialpädagogischen Wirkkraft im Geiste August Aichhorn beigetragen hat, ist 2025 im Alter von 80 Jahren in Wien verstorben. Seine WPV hat ihn in diesem Nachruf erinnert. 

Es war mir eine große Freude und Ehre, als ich ab 2002 mehrere Jahre lang mit ihm publizistisch und erinnernd produktiv zusammenarbeiten durfte (u.a. Kaufhold 2003c) und auch danach kontinuierlich gelegentlichen Austausch mit ihm hatte. Thomas Aichhorns lebenslange Schaffens- und Erinnerungskraft ist imposant.

Einordnende Anmerkungen zu den Gesprächen in Reich über Freud

In dem knappen Vorwort von T. Harms zeichnet dieser einige zentrale Kennzeichen der wechselvollen Beziehung Freuds mit dem 41 Jahre jüngeren Reich nach. Reich hatte seine Eltern früh – seine Mutter starb 1911 durch Suizid, was eine eigene sehr tragische Geschichte ist, sein Vater starb drei Jahre später – verloren.

1919 wurde Reich als Wiener Medizinstudent mehr durch Zufall Mitglied einer sexualogischen Arbeitsgemeinschaft. Initiator war der gleich alte Medizinstudent Otto Fenichel, wodurch die kompliziert zu entschlüsselnde, spannungsvolle Beziehung zwischen den „Linken“ jungen Psychoanalytikern Fenichel und Reich entstand (vgl. Fallend in Fallend & Nitzschke 2002). Reich wurde zum Leiter des Seminars gewählt und besorgte sich psychoanalytische Literatur.

Er besuchte, so schrieb Reich in anderen seiner Publikationen, 1919 erstmals den 63-jährigen Freud in der Berggasse Nr. 19. Freud beeindruckte ihn: „Freud war anders, vor allem im Auftreten. (…) Freud sprach mit mir wie ein gewöhnlicher Mensch und hatte brennend kluge Augen.“ (Reich & Eissler 2026, S. 10)[i]

Der talentierte, leidenschaftliche Wilhelm Reich kam sehr rasch in den engen psychoanalytischen Kreis um Sigmund Freud. 1920, da war er erst 23, wurde Reich offizieller Gast in der WPV. Ende 1923 wurde er, er hatte soeben sein Medizinstudium abgeschlossen, nach einem wissenschaftlichen Vortrag über „Libidokonflikte und Wahn des Peer Gynt“ zum offiziellen Mitglied der WPV gewählt.

Seine Beziehung zu Freud schien von Anfang an eng zu sein, auch im  Sinne einer Vater-Sohn Beziehung. In einem seiner späten Bücher erinnerte Wilhelm Reich die anfangs idealisierte Beziehung zu Freud in dieser Weise: „Ich ging zu Freud. Freud verstand es großartig, den Knoten einer komplizierten Situation theoretisch zu lösen. Technisch war es unbefriedigend. Analysieren, sagte er, bedeute vor allem, Geduld zu haben. Das Unbewusste wäre zeitlos. Man sollte seinen therapeutischen Ehrgeiz meistern.“ (S. 11)

Reich schien unzufrieden mit seiner eigenen psychoanalytischen Ausbildung zu sein. 1927 bat er seinen Lehrmeister Freud, eine Lehrtherapie bei ihm machen zu können. Nach einer anfänglichen Zusage widerrief der (seit 1923 krebskranke), schon betagte Freud diese Zusage. Er wolle generell nicht mehr therapeutisch mit Kollegen arbeiten. Nicht nur Harms sieht in dieser wohl als massive Kränkung erlebten Zurückweisung ein mögliches Motiv für die einige Jahre später eintretende Entfremdung Reichs von Freud, die in einem radikalen Beziehungsabbruch endete. Hierzu gibt es in der letztlich spärlichen Literatur vielfältige Interpretationen und Vermutungen. Deren Ausformung hängt weitestgehend von den jeweiligen weltanschaulichen und standespolitischen „Interessen“ der Autoren ab…

Harms zeichnet knapp Reichs theoretische Entwicklungen nach. Die Betonung der genitalen Sexualität nahm hierbei zunehmend eine dominante Position in Reichs Denken ein – was bei Freud keine ungeteilte Freude auslöste.

Die Gespräche in Reich über Freud

Die an zwei Tagen – 18. / 19.10.1952 – aufgenommenen Interviews umfassen 92 Buchseiten. Eissler gibt generell nur kurze Inputs. Ihm gehe es darum, „gerne alles“ zu „erfahren, was Sie über Freud wissen, beobachtet haben, und alles, was Sie über ihn gedacht haben.“ (S. 33)

Reich hebt hervor, dass er bereits um 1940 – also kurz nach Freud Tod im Londoner Exil  (Kaufhold & Wirth 2006) – vor allem Verzweiflung auf einigen Fotos Freuds gesehen habe. Bei Freud, so sei erinnert, war bereits 1923 ein bösartiger Tumor in der Mundhöhle aufgetreten, gegen den er in den folgenden 16 Jahren insgesamt 33 Operationen durchführen ließ.

Er frage sich nun im Rückblick, so Reich, warum er diese Verzweiflung bei Freud – „wenn ich den Gefühlsausdruck also richtig lese“ (S. 33) – nicht bereits früher wahrgenommen habe. Er interpretiert diese Entwicklung vor allem vor Freuds Krebserkrankung – und stellt diese in den Kontext seiner heutigen psychoanalytischen Grundüberzeugungen zur Bioenergetik, also als „Folge von emotionaler Resignation, einem bioenergetischen Schrumpfen, einem Aufgeben von Hoffnung.“ (S. 35) Vermutlich reagieren viele heutige Leser der Gespräche eher mit Skepsis auf Reichs Interpretation.

„Ich habe nicht mehr das geringste Interesse an der psychoanalytischen Bewegung“

Mehrfach versichert Reich Eissler, dass er letztlich keinen Groll mehr über Freud empfinde. Und er verstehe sich nun – im Jahr 1952 (!) – auch nicht mehr als Psychoanalytiker. Er möchte nur noch Zeugnis über die Geschichte und seinen eigenen langen Kampf ablegen: „Ich möchte dass Sie mir glauben, dass ich nicht beabsichtige, irgendjemanden zu beschuldigen. Ich habe nicht mehr das geringste Interesse an der psychoanalytischen Bewegung. Ich stehe seit ungefähr 1930 alleine da.“ (S. 35)

Reich beschreibt die, von Freud maßgeblich unterstützten, Kampagnen gegen sich selbst und setzt diese in den Kontext von Verfolgungsmaßnahmen innerhalb der Kirche 1500 Jahre zuvor. Zurückhaltend in seinen Interpretationen war Wilhelm Reich eher selten.

Reich verwendet in den Zeitzeugen-Gesprächen weiterhin stark emotionale Begriffe, spricht immer wieder von „Verleumdungen“ gegen seine Person – was sachlich zutreffend ist – , obwohl Freud doch anfangs „enthusiastisch, sehr enthusiastisch“ gegenüber seinen eigenen Theorien und therapeutischen Bemühungen gewesen sei. (S. 36) Und Freuds Tochter Anna Freud sei immer in Kontakt zu seinen Überlegungen gewesen und habe Freud regelmäßig hierüber informiert. Anna Freud habe ja auch an seinen eigenen Seminarabenden teilgenommen. Angemerkt sei, dass beispielsweise der Wiener Emigrant und Psychoanalytiker Bruno Bettelheim, obwohl im Alter zunehmend konservativer werdend, die Vitalität und Kreativität Wilhelm Reichs auch im hohen Alter noch bewunderte. Bettelheim war gleichfalls der Auffassung, dass Anna Freud zentrale ihrer theoretischen Auffassungen erstmals in Wilhelm Reichs Wiener Seminaren gehört und dann übernommen habe (Fisher 2003, Kaufhold 2001).

Als seinen gefährlichsten Feind hebt Reich gegenüber Eissler immer wieder Paul Federn hervor – bei dem Reich zeitweise eine Therapie gemacht habe. Paul Federn – der sich, so sei ergänzend angemerkt, selbst als Sozialdemokrat bzw. Sozialist verstand (vgl. Kaufhold 2001) – habe seit 1924 damit begonnen „„mich in den Schmutz zu ziehen. Er war auf meinen Erfolg eifersüchtig. Er begann, bei Freud über mich nachzubohren. Ich wusste es damals nicht, es wurde mir erst später klar.“ (S. 36f) Das Ergebnis sei das berühmte „Fiasko“ auf dem Luzerner Kongress im Jahr 1934 gewesen. Dort wurde Wilhelm Reich aus den Psychoanalytischen Institutionen ausgeschlossen.

Diese Wahrnehmung Reichs darf als zutreffend gelten: Paul Federn, der als Stellvertreter Freuds in Wien galt, sprach sich mehrfach in sehr ablehnender Weise gegen Wilhelm Reich aus, was sein Sohn Ernst Federn Jahrzehnte später bestätigt hat: Ernst Federn betrachtete, wie Paul Federn, Reich und dessen vehementes antifaschistisches Auftreten in Berlin in den Jahren von etwa 1928 bis 1933 als eine Gefahr für das Überleben der Psychoanalyse in Wien und Berlin. Hierzu hat Ernst Federn (Kaufhold 2005 / 2010) immer mal wieder, anlässlich aktueller psychoanalyseinterner Debatten, als Zeitzeuge und Überlebender von sieben Jahren furchtbarster KZ-Haft in Dachau und Buchenwald, eigene tiefgründige Debattenbeiträge beigesteuert, so 1985 den Diskussionsbeitrag Weitere Bemerkungen zum Problemkreis »Psycho­analyse und Politik« (Federn 1985).

Paul Federn glaubte, wie Freud, an ein Überleben der Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Naheliegender Weise gibt es hierzu sehr unterschiedliche Einordnungen – wiederum abhängig von der eigenen standespolitischen und politischen Grundhaltung (vgl. Hristeva & Kaufhold 2023, Kaufhold & Hristeva 2021, 2023),

Ab 1928 sei gegen ihn, Reich, das Gerücht gestreut worden, dass er „ein Psychopath“ (S. 37) sei, dass er Patientinnen verführt habe und dass er schizophren sei. An der Verbreitung dieser Gerüchte sei auch sein langjähriger marxistischer Kollege Otto Fenichel beteiligt gewesen. Fenichel war in jenen Jahren Herausgeber der „Geheimen Rundbriefe“ der im Exil verstreuten „Linksfreudianer“ gewesen (Reichmayr und Mühlleitner 1998). Reich stellt zum besseren Verständnis noch einmal die Situation der Wiener und Berliner Psychoanalyse dar, soweit er sie miterlebt und teilweise mit beeinflusst hatte. Seine Einschätzung, dass die meisten der damaligen Psychoanalytiker „genital gestört“ gewesen seien, habe ihren Hass gegen ihn evoziert.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Machen Sie einfach weiter“

Freud sei sehr präzise über seine – Reichs – Theoreme informiert gewesen und habe ihn Mitte der 1920er Jahre „stets ermutigt“ (S. 43). Reich hebt seine Sichtweise über den psychischen Anteil bei der Entstehung des Krebses hervor und setzt dies in den Kontext von Freuds schwerer Krebserkrankung, die diesen zu einem sozialen Rückzug nötigte. Das letzte Mal habe er ihn 1922 als öffentlichen Vortragenden bei einer Tagung in Berlin gesehen. Freud habe niemals seine Libidotheorie aufgegeben. Freuds Weiterentwicklungen hin zu seiner Theorie eines Todestriebes in den Jahren 1924/1925 – die Reich entschieden ablehnte – habe  nicht zu ihrer Entzweiung beigetragen: „Machen Sie sich keine Sorgen. Machen Sie einfach weiter (…) machen Sie Ihre klinische Arbeit“ (S. 47) Für Reich ist dieser Aspekt zentral zum Verständnis der weiteren Entwicklung hin zu ihrem Bruch. Und immer wieder streut Reich gegenüber Eissler die besorgte Nachfrage ein: „Können Sie mir folgen?“ Er scheint sich unsicher zu sein, ob überhaupt irgendjemand seine Erfahrungen und Reflexionen nachzuvollziehen vermag.

Reich hebt die Bedeutung der Mental-Hygiene-Bewegung in Österreich und Berlin ab dem Jahr 1927 hervor. So gab es, unter dem maßgeblichen Einfluss von Reich, in Wien und später auch in Berlin – Reich war 1930 von Wien nach Berlin übergesiedelt – zahlreiche  psychoanalytisch-proletarische Beratungsstellen – „Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“ sowie  „Proletarischen Sexualberatungsstelle“ – an denen viele seiner links orientierten KollegInnen beteiligt waren (Edith Jacobson, Annie Reich, Marie Frischauf, Edith Buxbaum (Bettelheims Cousine), Annie Angel und Edmund Bergler (Kaufhold 2003/2020)). Reich geht in dem Interview mehrfach auf dieses gemeinsame konkrete politisch-soziale Engagement ein, so wichtig ist ihm dieses (S. 53, 87ff) Seine Begeisterung für dieses Projekt ist auch 15 Jahre später noch spürbar; er erinnert sich daran in dieser Weise: „Mir schlug diese Begeisterung entgegen, diese erste Reaktion darauf, die unglaublich war, es hat mich sechs Jahre hindurch getragen. Als ich in Berlin bekannt wurde, hielt ich fast täglich, sicher vier- bis fünfmal pro Woche bei Massenveranstaltungen Vorträge. Zu den Versammlungen kamen bis zu zwei-, dreitausend Menschen. (…) in Berlin waren im ersten Jahr etwa 50.000 Menschen in meiner Organisation.“ (S. 88f.)

Freud habe dies unterstützt: „Ich hatte viele Treffen mit Freud. Er war begeistert.“ (S. 53)  

„Ich war in der Jugendbewegung. Er war ein konservativer Gentleman“

Reich kennzeichnet ihre unterschiedlichen Positionen und sozialen Rollen: „Ich war in der Jugendbewegung. Er war ein konservativer Gentleman.“ (S. 54)

Am auffallendsten erscheint mir Wilhelm Reichs prinzipielle Verweigerung gegenüber Kompromissen in Fragen, die ihm als bedeutsam erscheinen. Sie erklärt sehr viel mehr als die historischen Details die Prozesse der kollektiven Entfremdungen innerhalb der Gruppe der existentiell bedrohten jüdischen Psychoanalytiker: „Ich musste eine Organisation nach der anderen zerstören, um frei zu bleiben und nicht gezwungen zu sein, klein beizugeben.“ (S. 54f, Hervorheb. RK). Reich machte grundsätzlich keine Kompromisse. Und er war überzeugt davon, dass vor allem er selbst entscheidende existentielle und wissenschaftliche Entdeckungen gemacht hatte. Dies führte ihn in den USA dazu, sich zuerst von dem Marxismus und danach von der gesamten Psychoanalyse radikal abzuwenden und vorgeblich im Orgon das entscheidende Modell zur Welterklärung zu finden.

Freud habe das Alleinsein nicht zu ertragen vermocht. Er selbst hingegen habe dieses Schicksal immer wieder aufs Neue auf sich genommen: „Es ist unerträglich schmerzhaft, gleichzeitig allein und lebendig zu sein. Das ist die Hölle. Ich bin selbst da durchgegangen. Sie wissen, warum ich hier alleine sitze. Sehen Sie sich um. Sie sehen es. Ich habe mich entfernt. Ich muss meine reinen Gedanken bewahren. Eine Sauberkeit, eine Reinheit dessen, was man will. Freud ist das nicht gelungen, und das kann man in seinem Gesicht sehen.“ (S. 55) Dies erscheint mir als die zentralste Passage in diesem Band, insbesondere Reichs Verwendung von Kategorien wie „Sauberkeit“ und „Reinheit“. Es sind Kategorien, wie man sie heute bei Islamisten und bei radikalen Evangelikalen findet. Wilhelm Reichs äußerst tragisches Schicksal, das ihn wenige Jahre später in ein amerikanisches Gefängnis trug, wo er 1957 verstarb, und all die sie begleitenden furchtbaren Umständen, die Sharaf (Sharaf 2022, Kaufhold 2023a, b) vorzüglich beschrieben hat, dies deutete sich bereits in diesem Interview an.

Reich erinnert an dieser Stelle auch an seine Spätwerke, insbesondere an seine „Rede an den kleinen Mann“ (Reich 1984), – ein Werk, das durch Andreas Peglaus Initiative nun auch in einer gekürzten Version als Hörbuch kostenlos im Internet zur Verfügung steht. Das ist der „späte“ Wilhelm Reich, der sich von allem getrennt hat – und doch immer noch argumentativ an seine scharfe Kritik am stalinistischen Marxismus anschließt.

„… der beste Kopf in der Vereinigung“

Reich erinnert viele weitere Details über Paul Federn, Fenichel, Anna Freud und vor allem an seine ersten Begegnungen mit Freud und dessen Enttäuschung über ihn selbst. Dies ist durchaus lesenswert und aufschlussreich.

Reichs Erinnerungen an das Wien der 1920er Jahre erscheinen als ungetrübt durch eigene starke Affekte. Freud habe ihn Kollegen gegenüber als den „beste(n) Kopf in der Vereinigung“ (S. 60) bezeichnet. Selbst 1930 sei seine Beziehung zu Freud noch stabil gewesen, beteuert Reich. Erneut nennt er Paul Federn als den Hauptakteur „der gegen mich zu integrieren begann, und bohrte und bohrte von 1923 bis 1928.“ (S. 61)

Heute sehe er es als einen Fehler an, „an die breite Masse zu glauben.“ (S. 64) Reich verwirft damit 1952 letztlich alles, was er politisch und psychoanalytisch gegen den Nationalsozialismus unternommen hatte und worüber er psychoanalytisch-politische Bestseller schrieb, als Illusion. Heute sei er genau an dem Punkt, an dem Freud 1930 gestanden habe. Hier wirkt es so als wenn Reich, 13 Jahre nach dem Tode seines Lehrmeisters Freud, eine „Versöhnung“ mit diesem herbei sehne. Ihre endgültige Trennung im Jahr 1930 erinnert er in dieser Weise:

„Nein, ich wurde nicht wütend. Er war wütend, vielleicht war auch ich wütend, aber sehr ruhig. Wir wussten, dass wir uns trennen mussten, und dass wir es mit etwas Essenziellem zu tun hatten, wo sich unsere Meinungen einfach unterschieden.“ (S. 68) Solche Einschätzungen wird man in der gesamten Debatte über Wilhelm Reich, beginnend mit den ersten Raubdrucken seiner Werke um 1968, und insbesondere in der vorgeblich wissenschaftlichen Deutungsdebatten über die Anpassung der Psychoanalyse an den Nationalsozialismus und der zentralen Rolle Wilhelm Reichs hierbei, nirgends finden.

Reich sagt auch, im Jahr 1952, dass er sich persönlich und politisch mehr zurückgehalten hätte, wenn er geahnt hätte, welche Diffamierungen ihn auf dem Luzerner Kongress 1934 und dann später auch im Osloer Exil der Jahre 1937 – 1939 erwarten würden. Und bereits bei Reichs Ankunft in den USA lief ihm „sein Ruf“ als gefährlicher Kommunist und Aufrührer voraus. Das Ende war, 20 Jahre später, Wilhelm Reichs Tod in einem amerikanischen Gefängnis.

Reich schwärmt in dem Gespräch weiterhin von Freuds Vortragskunst, dessen sprachlicher Klarheit und Genialität: „Seine Worte flossen, klar, einfach, logisch. Ich erinnere mich an den Berliner Kongress. Es war wunderschön. Er hielt einen Vortrag über das Ich und das Es. Er sprach sehr deutlich, und dann traf es ihn genau in seinem Sprechorgan. Er musste resignieren.“ (S. 83)“

Da spürt man nichts von dem zornigen, enttäuschten Wilhelm Reich. Reich gelingt es, seine Emotionen zu „kultivieren“, wenn er über seine frühe Beziehung zu Freud spricht. Nur ein Genie wie Freud könne so denken wie Freud.

Reich sieht an verschiedenen Stellen des Interviews sein früheres „radikales“ politisches Engagement skeptisch: Da sich die Charakterstruktur des Menschen i.d.R. nicht geändert habe dürfe eine „mentalhygienische Bewegung“ (S. 90) nicht mit politischem Engagement verbunden werden. Die Gefahr des Scheiterns sei zu groß.

„Freud hatte einen politischen Standpunkt: dass er jüdisch sei“

Damit lasse sich auch sein Scheitern Anfang der 1930er Jahre erklären: „Ich bin zu weit gegangen. Das Ganze war zu heiß, es hat zu viel Enthusiasmus hervorgerufen, von Anfang an.“ (S. 90) Nein, er wisse das nicht, aber er glaube nicht dass Freud jemals ein Gegner dieser Bewegung gewesen sei. Die Kommunisten, Sozialisten, Psychoanalytiker und Nazis und sogar die Liberalen seien die eigentlichen Gegner gewesen.

Freud selbst – hier scheint Reich in seinem Urteil gelegentlich zu schwanken – habe bei einem Thema einen politischen Standpunkt gehabt: „nämlich dass er jüdisch war.“ (S. 91, Hervorheb. RK) Diesen Aspekt haben wir in unserer dichten Freud-Studie (Kaufhold & Wirth 2006) umfassend beleuchtet.

An dieser Stelle erinnert er sich mit Wärme an den Wiener Psychoanalytiker und Freud-Vertrauten Josef Friedjung: Dieser habe mit ihm in der Gesellschaft für sexuelle Aufklärung – diese Bezeichnung formuliert er in diesem englischsprachigen Interview auf Deutsch – eng zusammen gearbeitet: „Er mochte mich. Ich mochte ihn.“ (S. 92) Diese Buchpassagen sind auch heute noch sehr interessant und Erinnerungen weckend. Sowohl Eissler wie auch Reich rätseln im Gespräch über Friedjungs weiteres Schicksal. Eissler vermutet „dass er von den Nazis umgebracht wurde.“ (S. 92) So waren die Zeiten. Von den meisten Emigranten, Freunden, wusste man nicht einmal, ob sie überlebt hatten.

Es sei angemerkt dass dem 1871 geborenen Kinderarzt Josef Karl Friedjung, der ab 1905 mit Freud zusammen gearbeitet hatte und von 1922 – 1934 sozialdemokratischer Gemeinderat in Wien und Landtagsabgeordneter war – Ernst Federn hat sich häufig auf ihn bezogen – 1934 kurzzeitig im „Anhaltelager“ Wöllersdorf inhaftiert war. Unmittelbar nach seiner Freilassung emigrierte er nach Palästina und engagierte sich in Haifa als Berater für medizinische und psychologische Fragen bei der Jewish Agency (vgl. Rolnik 2013; Kaufhold & Hristeva 2021)

„Die Psychoanalyse ist eine großartige Sache. Ich habe nur nichts mehr damit zu tun“

Reich spricht in diesem bemerkenswerten Interview häufig in für ihn ungewohnter Milde und Klarheit. Sein Text erscheint mir vor allem auch als ein Trauerprozess. Unterbrochen wird dieser vor allem, wenn er auf die – objektiv betrachtet – auf Zerstörung ausgerichteten, 20 Jahre zurück liegenden Kampagnen innerhalb der kleinen psychoanalytischen Szene gegen ihn zu sprechen kommt. Bei der Erwähnung von Paul Federn, Ernest Jones und seinem langjährigen Begleiter Otto Fenichel ist seine Empörung durchgehend groß. Reich bietet Eissler an, ihm Unterlagen über Fenichel – dem Organisator der Briefkorrespondenz der emigrierten und über die Welt verstreuten psychoanalytischen Linken – zu überlassen. In 100 Jahren könnten diese Briefe „ein wichtiges historisches Dokument“ sein (S. 102). Aber für ihn selbst, Reich liegt daran das hervorzuheben, sei diese ganze Zeit unbedeutend. Ihm liege nur an einer Klärung seiner emotionalen Verbindung zu Freud. Ich mochte ihn sehr, er mochte mich sehr. Es war wichtig, aber jetzt ist es nur eine Erinnerung.“ (S. 103) Die Psychoanalytiker dächten immer noch, dass er einer von ihnen sei. Aber dies sei nicht zutreffend.

Reich betont gegenüber dem emigrierten jüdischen Psychoanalytiker Eissler: „Die Psychoanalyse ist eine großartige Sache. Ich habe nur nichts mehr damit zu tun. Ja. Sind Sie damit zufrieden?“ (S. 103)

Diese zweite Interviewfolge fand am 19.10.1952 statt. Neun Monate später, im Juli 1953, schickt Reich Eissler das verschriftlichte Interview mit der Bemerkung, „Gelesen und korrigiert“, zurück (S. 104).

„Sie war krank. Ich musste sie einfach verlassen“

Im Buch findet sich noch ein 21seitiger Anhang zum Interview. Hierin geht Reich noch einmal auf sein damaliges turbulentes Privatleben ein, welches er immer offen gehalten habe: Er habe damals Schwierigkeiten mit seiner ersten Frau (dies war die Psychoanalytikerin Annie Reich, seine frühere Patientin (vgl. Kaufhold, R. & G. Hristeva 2023, Kaufhold 2024), gehabt. Er habe zeitlebens, so bringt er es indirekt zum Ausdruck, vorrangig an sich selbst und an sein Liebesleben denken müssen: „Wissen Sie, sie war krank. Ich musste sie einfach verlassen. (…) Als das mit meiner ersten Frau nicht klappte, nahm ich mir eine andere Frau.“ (S. 106)

Er sei immer offen mit seinem Leben umgegangen, „die anderen“ Psychoanalytiker hingegen nicht. Dann erwähnt er seine zweite Ehefrau, Elsa Lindenberg (1906 – 1990), eine Tänzerin und Tanzlehrerin, die aktiv gegen die Nationalsozialisten kämpfte. Reich fügt dann in für ihn kennzeichnender Direktheit hinzu: „Als ich mit meiner ersten Frau fertig war, hatte ich eine zweite. (…) Während ich mit meinen genitalen Beziehungen mit Frauen offen umging, blieben die anderen damit im Verborgenen.“ (S. 107) An seiner eigenen Person hegt Reich offenkundig keinen Zweifel. Wenn er seinerzeit Probleme innerhalb einer Organisation gehabt habe so habe er sie einfach aufgelöst. Er habe nie Wert auf „Anhänger“ (S. 108) gelegt – und fügt dann doch moralische Urteile über seine Gegner ein: „Ich sage nicht, dass sie schmutzig waren. Ich sage nicht, dass sie es sind, aber sie sind Heuchler, ganz einfach nur Heuchler.“ (S. 108) Reich analysiert das Verhalten seiner Kollegen nachfolgend mit seinen Kategorien und kommt sogleich wieder auf die Kampagnen gegen seine eigene Person zurück, die dazu führten, dass das Gerücht über ihn „ein Jahr vor mir in Amerika ankam.“ (S. 115)

Reich betont, dass er auch in den Jahren von 1927 – 1930 weder ein Kommunist noch ein Marxist gewesen sei. Das wiederholt er mehrmals. Er habe Marx verstanden. Aber er habe verstanden und das in seinen Büchern dargelegt, dass der Marxismus unzureichend sei, um die gegenwärtigen Probleme zu verstehen. Das habe er auch „sehr oft und tiefgehend mit Freud“ besprochen (S. 116). Freud habe immer auf seiner Seite gestanden. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass Freud, wenn er bei dem Interview noch gelebt hätte, sehr überrascht über diese Erinnerung gewesen wäre.

Dann erwähnt Reich weitere Weggefährten wie Hartmann und Kronold – denen beiden die Emigration in die USA gelang – und betont dann zugleich: Sein früherer Schüler Kronold „war sehr anständig, aber sie haben mich alle verlassen. Sie haben mich alle im Stich gelassen.“ (S. 119)

Man könnte an den tragischen Wilhelm Reich denken: Seine Mutter hatte eine Beziehung zu einem Privatlehrer, der Wilhelm Reich erzog. Der etwa elfjährige Wilhelm Reich erzählte dies seinem Vater. In Folge dieser Ereignisse nahm sich seine Mutter das Leben.

Reich beendet sein Interview mit Mutmaßungen über die Anfänge nicht seiner eigenen, sondern von Freuds Tragödie. Die „genitale Störung des durchschnittlichen Psychoanalytikers“ (S. 124f.) verhindere dessen Fähigkeit, bioenergetisch zu denken. Dies sei der Hintergrund „für diesen Hass und die Verleumdung mir gegenüber“, so Reich gegenüber Eissler (S. 125) Seine eigenen Entdeckungen hätten ihn durch die Charakteranalyse, die Emotionen, die Lustangst bis hin zu den Plasma Bewegungen und der Amöbe geführt: „Sehen Sie das Blau am Himmel? Das ist mein Werk: Libido ist physische, kosmische Realität.“ Und darin liege Freuds wahre Bedeutung.

Sieben Jahre später verstarb Wilhelm Reich in einem amerikanischen Gefängnis. Zuvor hatten amerikanische Behörden seine Orgonapparate zerstört. Wilhelm Reich hielt selbst vor Gericht seine erschütternde, entschlossene  Kompromisslosigkeit bei. Bei den Gerichtsprozessen trat er eher wie ein Führer statt als ein Mensch auf, der die letzte Tragödie zu verhindern versuchte.

Bei seiner Beerdigung wurde, auf Reichs Wunsch, das Ave Maria gespielt. Sein amerikanischer Biograf und zeitweiliger Schüler Sharaf hat diese letzte Tragik im Leben Reichs berührend nacherzählt. Mit Der Weg in den Tod hat er das Drama von Reichs letzten Lebensjahren betitelt (vgl. Kaufhold 2025a).

Es ist gut, dass nun auch dieses Interview Eisslers mit Reich auf Deutsch vorliegt. Auch hierin wird die Größe, aber vor allem auch die Tragik dieses vielseitigen Theoretikers, einschließlich seiner Irrungen, erahnbar und spürbar.

Abschließend sei darauf verwiesen, dass seine zeitweilige Lebensgefährtin Irene Ollendorff-Reich (1975), seine Tochter Lore Reich Rubin (2019) und sein Sohn Peter Reich (1975) aus ihrer Sicht ihre Erinnerungen an Wilhelm Reich publiziert haben.

Wilhelm Reich & Kurt R. Eissler (2026): Reich über Freud. Aus dem Amerikanischen von Lisa Teichmann und Beatrix Teichmann-Wirth. Mit einem Vorwort von Thomas Harms. 133 S., 24,90 Euro. Gießen: Psychosozial-Verlag, Bestellen?

Leseprobe

[i] Alle weiteren nicht näher gekennzeichneten Zitate in dieser Studie stammen aus dem rezensierten Buch „Reich über Freud“, Reich & Eissler 2026

Literatur

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