Wilhelm Reichs Rede an den kleinen Mann als Hörbuch

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Der österreichische Psychoanalytiker und Widerständler Wilhelm Reich war in vielfältiger Hinsicht ein bemerkenswerter psychoanalytischer und wissenschaftlicher Autor. Seine Massenpsychologie des Faschismus, 1933 erschienen, war eine fulminante, wortgewaltige und klarsichtige Analyse des Faschismus. Sie richtete sich nicht nur gegen den Nationalsozialismus sondern gleichermaßen gegen den Stalinismus.

Von Roland Kaufhold

Der Psychotherapeut und Psychoanalysehistoriker Andreas Peglau ist der profundeste Reich-Forscher im deutschsprachigen Raum. 2013 legte er die umfangreiche (635 S.) und detailgenaue Studie Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus vor. Diese Studie „zerstörte“ standesgeschichtliche Mythen über den vorgeblichen „Widerstand“ der Psychoanalyse gegen den Nationalsozialismus: Es gab einige linke Psychoanalytiker, die sich antifaschistisch gegen die Nationalsozialisten „auflehnten“; zu nennen sind neben Reich vor allem Ernst Federn (Kaufhold 2014) sowie die Berliner Psychoanalytikerin Edith Jacobson. Diese hat ihren Überlebenskampf, vor dem Hintergrund ihrer jüdischen Biografie sowie ihrer Gestapohaft (1935 – 1938), in ihren berührenden Gefängnisaufzeichnungen (vgl. Kessler & Kaufhold 2015, Kessler 2015) dokumentiert.

Kürzlich ist in einer sehr umfangreichen Studie die ganze Breite des psychoanalytischen Widerstandes sowie des Verrates vieler Psychoanalytiker an ihren widerständigen KollegInnen dokumentiert worden (Kaufhold & Hristeva 2021).

Im Sommer 1946 verfasste Wilhelm Reich, der zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Desillusionierungen hatte durchmachen und verarbeiten müssen, in den USA einen anrührenden Text: Eine „Rede an den kleinen Mann“. Dieser war anfangs nicht zur Veröffentlichung vorgesehen; Reich hatte ihn für das Archiv seines Orgon-Instituts verfasst. Es war das Ergebnis besagter politischer und persönlicher Desillusionierungen. Wilhelm Reich erlebte als Zeitzeuge und, letztlich wehrloser, Akteur, anfangs mit ungläubigem Staunen und dann mit Entsetzen, wie der „kleine Mann“ – also auch der deutsche bzw. österreichische  Kommunist; Reich war in Wien und Berlin anfangs noch KPD-Mitglied und wurde von diesen dann 1933 aus politischen Gründen ausgeschlossen – anfangs litt, dann seine Feinde verehrte und schließlich in durchaus nicht wenigen Fällen zu ihnen überlief.

Wilhelm Reichs Werk erschien dann 1948 in den USA unter dem Titel Listen, Little Man! und 1984 auf deutsch unter dem Titel: Rede an den kleinen Mann.

Sieben Jahre später, 1955, ordnete ein amerikanisches Gericht ein Verbot von Reichs Orgonakkumulatoren sowie eine Vernichtung seiner Geräte und Bücher an. Dann wurde Reich in den USA angeklagt. Reichs Freund und langjähriger Briefpartner Alexander Sutherland Neill (1883-1973), Begründer der legendären libertären Summerhill-Reformschule, war entsetzt: „Reich, ich liebe Dich. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Du mit einer irrsinnigen Gefängnishaft bestraft wirst. Du würdest es nicht aushalten, und Du weißt das“ (Reich & Neill 2023), schrieb er seinem Freund und Seelenverwandten Reich. Wenige Jahre zuvor waren sich Neill und der ehemalige KPD-Redner Reich bereits einig gewesen über das totalitäre Wesen von Hitler und Stalin. Reich schrieb an Alexander Neill: „Der Kampf Stalins gegen Hitler beweist nicht, daß sein System kein Hitlersches ist. […] Natürlich, jetzt kämpft er, weil er muß, aber ich glaube, Du zweifelst doch nicht daran, daß er es viel lieber gehabt hätte, an Hitlers Seite gegen die Demokratien kämpfen zu können. […] Wir müssen zwar gegen Hitler kämpfen, wo wir können, aber wir müssen nicht für Stalin kämpfen“ (Neill/Reich 1989, S. 100f.)

Neills Besorgnis bewahrheitete sich kurz danach: Der nicht unbedingt zu Zugeständnissen neigende Wilhelm Reich kam, weil er sich bestimmten gerichtlichen Anordnungen widersetzte, in Haft und verstarb 60-jährig in einem amerikanischen Gefängnis.

Das Hörbuch Rede an den kleinen Mann

Zurück zu Reichs anrührendem Werk Rede an den kleinen Mann: Soeben hat Andreas Peglau eine CD publiziert, auf der größere Auszüge aus Reichs persönlich gehaltenem Werk professionell (von Felix Würgler) gesprochen werden.

Das Hörbuch kann auf Peglaus Website kostenlos gehört und auch heruntergeladen werden.

Peglau hat seinem Reich-Hörbuch auch ein gesprochenes Vorwort beigefügt, in dem die Besonderheit dieses Werkes herausgehoben wird.

1939 war Wilhelm Reich mit großem Glück über Skandinavien die Flucht in die USA geglückt. 1946, da war er 49, erschien in den USA die dritte, erweiterte Auflage seiner legendären Massenpsychologie des Faschismus. Zeitgleich verfasste er besagte Rede an den kleinen Mann.

Diese Rede sei, schrieb Reich im Vorwort zu seinem Buch, „ein menschliches, kein wissenschaftliches Dokument“, solle „niemand überzeugen, gewinnen oder erobern“. Er nehme für sich nur jenes Recht zur „persönlichen Äußerung“ in Anspruch, welches „man dem Dichter oder Philosophen nie bestritten“ habe. Peglau zeichnet Reichs Enttäuschungen und Entillusionierenden nach. Sowohl die Linke als auch die große Mehrzahl der Psychoanalytiker waren – zumindest aus Reichs Sicht – politisch gescheitert.

Reichs in mehreren Büchern dargestellten Erkenntnisse zu den Auswirkungen einer kleinbürgerlichen Sozialisation, die – wie sich Reich auch autobiografisch erinnerte – durch eine autoritäre, gefühls- und sexualunterdrückende Erziehung gekennzeichnet war, bildete für ihn eine Mitursache des gesellschaftlichen Scheiterns; des Sieges der Nationalsozialisten. Die anfängliche Hoffnung des ehemaligen KPD-Mitgliedes Reich, dass Russland sich in irgend einer Weise „vorteilhafter“ entwickeln würde als Nazideutschland, war Reich umfänglich entschwunden. Er hatte die KPD bereits Anfang der 1930er Jahre als eine autoritäre, antiemanzipatorische Partei erlebt und in seinen Studien auch in dieser Weise beschrieben. 1933 war er von der KPD vor allem wegen seiner soeben erst erschienenen Massenpsychologie des Faschismus ausgeschlossen worden – eine Erfahrung, die etwa der junge österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker Rudolf Ekstein (Kaufhold 2001, 2020) 1937 mit ihm teilen sollte.

Die folgenden Jahre verstärkten Reichs abgrundtiefe Enttäuschung. Reichs „Rede“ lasse sich, so Peglau, „daher zu Teilen auch verstehen als eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Lebensgeschichte, mit dem „Kleinen Mann“ in ihm selbst.“

Doch zugleich gehe es um viel mehr, so Peglau. Wer unterdrückender Erziehung und Sozialisation ausgesetzt sei, trage unvermeidlich schwerwiegende psychische Störungen davon, staue destruktives Potential in sich an. Dementsprechend schlussfolgerte Reich: 

„Man kann den faschistischen Amokläufer nicht unschädlich machen, wenn man ihn, je nach politischer Konjunktur, nur im Deutschen oder Italiener und nicht auch im Amerikaner und Chinesen sucht; wenn man ihn nicht in sich selbst aufspürt, wenn man nicht die sozialen Institutionen kennt, die ihn täglich ausbrüten“, so Peglau in seiner Einleitung zum Hörbuch.

Wilhelm Reichs „Rede an den kleinen Mann“ (Auszüge) – Hörbuch kostenlos herunterladen und anhören:
https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/

Literatur

Federn, E. (2014): Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors. Hg. R. Kaufhold. Gießen: Psychosozial Verlag.

Kaufhold, R. (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn. Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung. Gießen: Psychosozial Verlag.

Kaufhold, R. (2020): Rudolf Eksteins „Sexualpolitik des Faschismus“ (Mai 1937). Ein frühes Dokument des politischen Widerstandes eines angehenden Psychoanalytikers, haGalil, 17.6.2020: https://www.hagalil.com/2020/06/sexualpolitik-des-faschismus/.

Kaufhold, R. & G. Hristeva (2021): „Das Leben ist aus. Abrechnung halten!“ Eine Erinnerung an vertriebene Psychoanalytiker unter besonderer Berücksichtigung von Wilhelm Reichs epochemachenden Faschismus-Analysen. In. Psychoanalyse im Widerspruch, H. 66/2021. Gießen: Psychosozial Verlag, S. 7 – 66.

Kessler, J. & R. Kaufhold (Hg., 2015): Edith Jacobson (2015): Gefängnisaufzeichnungen. Gießen: Psychosozial Verlag.

Kessler, J. (2015). Das schwarze Heft. Wie ich ein Vierteljahrhundert auf Edith Jacobsons Gefängnisnotizen saß, in: Kessler & Kaufhold (2015), S. 11-44.

Peglau, A. (2013): Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Gießen: Psychosozial Verlag. https://buecher.hagalil.com/2014/10/wilhelm-reich/

Reich, W. (2020): Massenpsychologie des Faschismus: Der Originaltext von 1933. Mit einem Vorwort von Andreas Peglau. Gießen: Psychosozial Verlag.

Reich, W. (1984): Rede an den kleinen Mann (Original: Listen, Little Man!). Fischer TB (Frankfurt/M.)

Reich, W. & A. Neill (2023): Zeugnisse einer Freundschaft. Der Briefwechsel zwischen Wilhelm Reich und A. S. Neill 1936–1957. Gießen: Psychosozial Verlag.