Antisemitismusforschung und Extremismusforschung

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Entgegen weit verbreiteter Fehlwahrnehmungen: Antisemitismus wird sehr wohl breiter in der Extremismusforschung zur Kenntnis genommen, auch bezogen auf die Gesamtgesellschaft und nicht nur hinsichtlich der politischen Ränder. Eine Klarstellung aus extremismustheoretischer Sicht.

Von Armin Pfahl-Traughber

Gelegentlich findet sich die Auffassung, wonach Antisemitismus in der Extremismusforschung analytisch nicht breiter erfasst werden könne, in Publikationen (vgl. z.B. Nikolas Lelle/Tom Uhlig, Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung, Berlin 2026, S. 109-115). Dabei lassen sich bezüglich der neueren Extremismusforschung immer wieder Fehlwahrnehmungen feststellen, welche hier Gegenstand klarstellender Reflexionen sein sollen. Zunächst seien aber zu beiden Forschungsrichtungen einige Gemeinsamkeiten hervorgehoben, die sich auch auf Missverständnis in der inhaltlichen Orientierung beziehen. Weder der Antisemitismus- noch der Extremismusforschung geht es hauptsächlich darum, den Antisemitismus oder Extremismus bei einem Untersuchungsobjekt nachzuweisen. Es geht um die Analyse von antijüdischen oder republikfeindlichen Einstellungen und Handlungen in ganz unterschiedlichen Kontexten. Trotz dieses breiten Ansatzes werden bedingt durch die Forschungsstrategie bestimmte inhaltliche Gesichtspunkte selektiv thematisiert.

Antisemitismus wird aber in der Extremismusforschung keineswegs nur an den politischen Rändern wahrgenommen. Denn der politische Extremismus beschränkt sich nicht nur auf diese politischen und sozialen Sphären, was die zahlreichen Analysen zu entsprechenden Einstellungspotentialen auch veranschaulichen. Dabei ist von einem „sozialen Extremismus“ in der Forschung die Rede, womit der gesamtgesellschaftliche Kontext als Ort für einschlägige Stereotype gesehen wird. Antisemitismus wird demgemäß in der Extremismusforschung auch nicht über das Hufeisenmodell wahrgenommen, welches übrigens eindeutig in der neueren Forschung dezidiert negiert und verworfen wird. So könnte etwa ein Antisemitismus im Islamismus und der Islamismus überhaupt gar nicht wahrgenommen werden. Dieser Aspekt und die Fixierung auf eine politische Mitte führten schon lange zu einer Negierung derartiger Vorstellungen. Es gibt daher in der Forschung auch keinen „Hufeisentheoretiker“, allenfalls bei diverse Journalisten.

Wenn von einem „linken Antisemitismus“ und einem „rechten Antisemitismus“ gesprochen wird, dann erfolgt dabei ebenso wenig wie bei einem „linken Extremismus“ oder „rechten Extremismus“ eine Gleichsetzung. Derartige Deutungen verkennen die Differenz, die zwischen einer Gleichsetzung und einem Vergleich besteht. So ist etwa der Antisemitismus im linken Extremismus weniger präsent als im rechten Extremismus, wobei sich diese Einsicht eben erst aus einem Vergleich folgt. Eigentlich gibt es für Antisemitismus in einer linken Ideologie kaum politische Prägungen, gleichwohl gibt es auch Antisemitismus unter linken Extremisten. Daher erhebt sich die Frage, wie dieses Phänomen erklärbar ist. Gegenwärtig artikuliert es sich gar bei gemeinsamen Demonstrationen von islamischen und linken Extremisten. Demgegenüber kann man aus einer rechten Ideologie direkter und einfacher eine antisemitische Prägung ableiten, etwa durch die ethnische Fixierung und die traditionellen Verankerungen.

Und dann nehmen Antisemitismus- wie Extremismusforschung sehr wohl auch die Gesamtgesellschaft wahr, bilden dort existente Haltungen in diesem Kontext doch die soziale Rahmensituation. Bekanntlich sind antisemitische wie extremistische Einstellungen in der Gesellschaft weit über das ermittelte extremistisch-organisierte Personenpotential verbreitet. Extremistische Akteure unterschiedlicher ideologischer Couleur wissen darum, werben sie doch mit antisemitischen Diskursen um neue Unterstützer.  Dabei können sowohl diffuse Konspirationsvorstellungen wie konkrete Israelfeindlichkeit relevant sein. Weder die Antisemitismusforschung noch die Extremismusforschung sind demnach eingeschränkt darauf fixiert, nur an bislang offen erkennbaren Erscheinungsformen juden- und republikfeindlicher Prägungen orientiert zu sein. Derartige Ausrichtungen im erweiterten Blickfeld der Extremismusforschung nimmt man aber nur wahr, wenn nicht nur Aufsätze oder Bücher bis in die 1980er Jahre hinein zur Kenntnis genommen werden.

 

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