„Unser Traum, ein freies Volk in unserem Land zu sein“

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Amos Oz‘ Essays und Reden aus den Jahren 1964 bis 2018

Von Roland Kaufhold

Amos Oz (4.5.1939 – 28.12.2018) war einer der ganz Großen unter Israels Schriftstellern. Er war auch in Deutschland sehr bekannt und viel gelesen. Nahezu alle seine Werke wurden auch ins Deutsche übersetzt. Nun ist, sieben Jahre nach seinem Tode, posthum auf Deutsch eine Sammlung seiner Reden und Essays erschienen, aus den Jahren 1964 bis 2018. Die Beiträge sind im Buch zeitlich chronologisch angeordnet. Bei seinem ersten Interview war er 25, bei seinem letzten Vortrag 79 Jahre alt; sechs Monate danach verstarb der weltberühmte israelische Schriftsteller. Staatspräsident Reuven Rivlin, der mit Amos Oz gemeinsam die Schule besucht und in Jerusalem dessen Nachbar war, verabschiedete sich mit einer Traueransprache von „unserem geliebten Amos“. Amos Oz wurde in seinem Kibbuz Chulda, 40 Kilometer südöstlich von Tel Aviv gelegen, beerdigt, in dem er von 1954 bis 1987 gelebt hatte. Eine lesenswerte Erinnerung an den am 28.12.2018 in Petach Tikwa verstorbenen Schriftsteller Amos Oz stammt von seiner Übersetzerin Ruth Achlama. Die 1945 Geborene, die als Studentin in Heidelberg in den jüdischen Studentenverband hineingewachsen und 1972 konvertierte, war 1974 nach Israel eingewandert. Sie hat 13 seiner Bücher ins Deutsche übersetzt hat: Ein Jahr nach Oz Dahingegen erinnerte sie sich an Oz Wirken

1954: Mit dem Seesack in den Kibbuz Chulda

Mit 15 Jahren war Amos Klausner, wie er als Sohn von Jehuda Arie Klausner und Fania Klausner (Musmann) bei seiner Geburt hieß, alleine mit einem Seesack von Jerusalem zum Kibbuz Chulda gegangen und hatte sich dort niedergelassen. Mit seinem Eintritt in den Kibbuz änderte er seinen Namen von Klausner in Oz (Kraft, Stärke). Dort besuchte er die Oberschule und wurde nach seinem Militärdienst offiziell als Kibbuzmitglied anerkannt. Nach seinem Armeedienst kehrte er 1961 in seinen Kibbuz Chulda zurück, wurde von diesem zum Studium der Philosophie und Literatur an die Hebräische Universität Jerusalems geschickt und arbeite danach selbst als Lehrer an der Kibbuzschule. Nebenbei arbeitete er in der Landwirtschaft, schrieb Erzählungen und Bücher. So wurde er in Israel rasch sehr bekannt.

Der Kibbuz Chulda wurde 31 Jahre lang, bis 1985, zu einem Zuhause. Viele der Personen in seinen Romanen und Erzählungen wurden durch sein Leben in Chulda inspiriert. Oz wurde in Deutschland vielfach ausgezeichnet. Dass er als kritischer Zionist, Schriftsteller und wortgewaltiger Sprecher für Schalom Achschaw – Peace Now entschieden eine „Verständigung“ mit „den“ Palästinensern forderte und seine eigene konservative Regierung häufig mit lauten Worten kritisierte, kam in Deutschland besonders gut an.

Viele seiner Reden und Essays kreisten um sein politisches Engagement. Einige seiner im nun gedruckt vorliegenden Buch veröffentlichten Beiträge wurden auf politischen Demonstrationen von ihm vorgetragen. Auf Deutsch war bisher nahezu keiner dieser Texte publiziert worden.

In Amos Oz nun gedruckt vorliegender Essaysammlung – Worte, Essays und Reden – ist zugleich, zumindest für Oz-Spezialisten, auch seine sprachliche und politische Entwicklung bis zu seinem Tode nachspürbar – eigentlich ein ideales Thema für eine Promotion im Fach Literatur- oder Geisteswissenschaft. 

1964: Interview mit dem Militärsender Kol Israel

Eröffnet wird der Band mit einem Radiointerview des Militärsenders Kol Israel im Jahr 1964 mit dem 25-jährigen Amos Oz. Oz wurde gebeten, über seine Geschichten und deren literarischen Protagonisten zu erzählen. Zwar spielten sich die Mehrzahl der Geschichten in einem Kibbuz ab. Dennoch thematisierten sie nicht vorrangig das Kibbuzleben sondern behandelten allgemeine menschliche Themen. Diese seien eher von extremen und randständigen Situationen geprägt, führt der 25-Jährige aus.

Für Oz ist der Begriff der Verlegenheit eine zentrale Kategorie. Er vermag sich nicht vorherrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen von Funktionalität und Anpassung anzuschließen. In der Politik seines Landes erlebe er vorrangig Politiker, denen eine solche Kategorie wesensfremd sei. Oz‘ Distanz zu den politisch Herrschenden deutet sich bereits früh an. Und er stellt sich die Frage, in was für einem jüdischen Staat man in 30 Jahren –  also 1995 – leben wolle (S. 23). Ob eine solche Unfähigkeit zur Verlegenheit nachteilig für den Staat und dessen führenden Vertreter sei vermöge er nicht zu beurteilen: „Ich weiß es nicht. Aber es muss geprüft werden.“ (S. 26) Und er reflektiert die Beziehung zwischen Israel und den umliegenden arabischen Staaten. Ein Austausch von Interessen könne einen „Vernichtungskrieg“ (S. 28) verhindern. Für einen jungen, weitgehend elternlos aufgewachsenen Israeli wie Amos Oz hat es nie einen Zweifel an der konkreten Gefahr einer Vernichtung gegeben. Deutsche vermögen dies eher nicht nachzuvollziehen.

1972: Patriotismus als „die letzte Zuflucht des Schurken“

1972 folgt ein Fernsehgespräch mit dem zehn Jahre älteren Regisseur Yaakov Agmon. Sie sprechen über Oz‘ 1968 erschienene Erzählung Mein Michael sowie Dem Tod entgegen. Oz hat bereits eine eigene literarische Stimme und reflektiert in seinen Erzählungen die Gefühle und Familienerfahrungen junger, in Israel geborener Juden. Er reflektiert über den Begriff des Patriotismus: Dieser Begriff sei sowohl „die letzte Zuflucht des Schurken“ als auch der „Ruheort eines müden Menschen“ (S. 44). Jeder Nationalstaat sein ein Eingeständnis des Scheiterns. Er selbst versuche, sich einer solchen einfachen Position zu entziehen. Auf diese Formulierung sollte er Jahrzehnte später noch öfter eingehen.

Oz, der am Sechstagekrieg teilgenommen hatte, spricht 1972 auch über die Filminterviews mit israelischen Soldaten, die Jahrzehnte später in Deutschland unter dem Titel „Man schießt und weint. Gespräche mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg“ erstmals publiziert wurden. In Israel galten sie 1968 als „Nestbeschmutzung“.

Erst ein halbes Jahrhundert später, 2017, sollte Oz diese 200 Stunden Tonbandmaterial über alternative Heldengeschichten zusammen mit Avraham Shapira unter dem Motto als Buch veröffentlichen. Auch wenn politische Themen in seinen Romanen häufig auftauchten: Er selbst sei schlicht unfähig, sich auch nur „in einer Dreiergruppe“, geschweige denn innerhalb einer Partei oder in einem Gremium zu organisieren (S. 53).

1981: „Über die Liebe zum Land“

1981, da ist Oz 42, spricht er vor der Gesellschaft für Naturschutz über die zionistische Dimension des Naturschutzes.

Der Zionismus bzw. die Liebe zum Land sei für Israelis unweigerlich verbunden mit einem „Aufstand gegen das Exil“ (S. 64). Oz reflektiert über die vielen Variationen des Zionismus: Die einen wollten in ihrem jungen jüdisch-demokratischen Staat einen marxistischen Garten Zion errichten, die anderen träumten von einem Wien in Israel. Sein Großvater war ein altgedienter Anhänger der konservativ-nationalistischen Cherut-Partei (1948-1988), der die Großstadt liebte und 45 Jahre lang nie ins ländliche Galiläa fuhr. Höhepunkt seiner diesbezüglichen Bemühungen war ein einmaliger, wenige Stunden andauernder Besuch in Gedera.

Der Zionismus sei eindeutig eine „komplizierte und zerstrittene Familie“ (S. 67), die seelische Toleranz und enormen Pluralismus einfordere, führt Oz aus. Selbst der Negev gleiche zunehmend einem einzigen Panzerparkplatz. Er selbst sei, so offenbart er seinen Zuhörern, gegen  das Ideal des Naturschutzes. Das Land Israel sei nicht Gottes Museum. Er selbst lehne den „“kämpferischen“ Eifer vieler Naturschützer ab“ (S. 74) und plädiere für Kompromisse. Die ökologischen und grünen Moralpredigten, die er aus Westeuropa höre – wir befinden uns im Jahr 1981 – wiesen „Symptome eines von Zorn verzehrten Fanatismus“ (S. 77) auf. Was Joschka Fischer oder die Ruhrbarone seinerzeit wohl dazu gesagt hätten?

1985: „Man darf nicht in den Krieg ziehen, wenn es eine andere Wahl gibt“

Immer wieder sprach Amos Oz über Wege zu einem Frieden, auch vor hohen Militärs, so 1985 vor der israelischen Führungs- und Staatsakademie. Selbstverständlich sei Gewalt weder unwichtig noch überflüssig. Aber mit ihr allein könne man einen Frieden nicht erringen. Die Anhänger eines Großisrael behaupteten, dass das gesamte Land Israel „ein nationales Ziel“ sei (S. 11) Dem widerspreche er, betont Oz. Die Erweiterung der Grenzen Israels lehne er ab, und für seine Grundhaltung eines Ausgleichs von Interessen mit den Palästinensern könne man sofort eine gesellschaftliche Mehrheit von 90 Prozent erreichen. Oz spricht ohne jegliche Romantisierung von den Motiven vieler Araber, von deren nationalen oder islamistisch-religiösen Tiraden, die er immer wieder bei seinen Dialogbemühungen erlebte. Diese könne man ruhig und entschieden zurück weisen. Die Existenz des Staates Israel stelle grundsätzlich „keine existentielle Bedrohung für die Araber dar.“ (S. 113) Es sei sinnvoll und geboten, den Streit mit den Arabern nicht von der eigenen Seite aus anzuheizen. Er erinnert in erzählender Weise an zahlreiche historische Episoden, wo dieser Weg gelungen sei. Es sei nicht in Israels Interesse, die verschiedenen arabischen Staaten dazu zu bringen, sich kollektiv gegen Israel zu verbünden. Seine dringlichste Empfehlung sei: Man dürfe nicht in den Krieg ziehen, „wenn es eine andere Wahl gibt.“ (S. 124) Das gefährde auf Dauer Israels Sicherheit und den inneren Zusammenhalt der israelischen Gesellschaft. Oz erklärt dies den hohen Militärführern in erzählender, auf Gewinnung ausgerichteter, nachvollziehbarer, persönlicher Weise: „Regierungen kommen und gehen, aber Nachbarn bleiben, wenn sie nicht ausgelöscht werden.“ (S. 130) Es ist eine Wohltat, Amos Oz in seinen bedächtigen, streitbaren, nachdenklichen Darstellungen zu folgen, die für einen gesamtgesellschaftlichen Kompromiss kämpfen. In der anschließenden Diskussion lässt er keinen Zweifel daran, dass die PLO mit den Mitteln bekämpft werden müsse, „mit denen man eine Terrororganisation bekämpft. (…) Ich bin für einen Krieg gegen die PLO so wie ich für Gespräche mit der PLO bin. Ich sehe darin keinen Widerspruch.“ (S. 137)

„Ich will eine ehrenhafte Scheidung von den Palästinensern“

Als gemäßigt Linker sowie Gründer und Sprecher von Schalom Achschaw / Peace Now ist Amos Oz im Jahr 1985 – damals lebte Jitzchak Rabin wie auch der Glaube an eine Verständigung mit den Palästinensern bzw. den arabischen Staaten noch – klar, dass es keine kurzfristige Lösung „des Palästinenserproblems“ geben könne, dass jedoch jede Chance für einen Fortschritt ergriffen werden müsse. Oz hatte auch im Namen von Schalom Achschaw zahllose Gespräche mit dialogbereiten Palästinensern geführt, vor allem mit dem palästinensischen Philosophen Sari Nusseibeh – mit dem gemeinsam er 25 Jahre später, 2010, den Siegfried Unseld Preis erhalten sollte  (Kaufhold 2010). 2003 hatte Nusseibeh gemeinsam mit Uri Avnery in Köln den Lew Kopelew Friedenspreis erhalten.

Bei diesen Dialogen hatte Oz immer wieder die verstörende Erfahrung machen müssen, dass diese bei einem Glas Whiskey in London die schönsten, friedensbereiten Worte als Grundlage von Verhandlungen verwendeten – und nur zwei Tage später in ihrem Beiruter Wahlkreis auftraten und dort auf Arabisch „die wildesten Parolen der PLO über die Notwendigkeit, Israel zu vernichten“ (S. 146) verbreiteten. Dies ist in der Tat seit Jahrzehnten eines der Hauptprobleme bei jedem Versuch einer Verständigung. Deshalb fordert Oz: „Alles, was Sie in diesem Raum sagen, müssen Sie entweder auf Arabisch oder öffentlich sagen oder Sie haben es nicht gesagt. Mich interessiert nur, was Sie auf Arabisch sagen.“ (S. 147)

Die einzige politische Lösung sei eine Teilung des Landes „unter wirksamen Sicherheitsvorkehrungen“ (S. 147). Dies trenne ihn von einigen seiner israelischen Freunde. Den Namen Uri Avnery spricht er hierbei nicht aus, dachte aber gewiss an diesen und an dessen radikale, teils antizionistisch angehauchte Friedensgruppe Gush Shalom (Kaufhold 2013). 

Amos Oz betont deshalb vor dem Auditorium von israelischen IDF-Vertretern zu den Beziehungen mit den Palästinensern:

„Ich will eine ehrenhafte Scheidung von ihnen. Ich erinnere Sie daran, dass die palästinensische Nationalbewegung meiner Meinung nach zufälligerweise eine der fanatischsten, dunkelsten, ignorantesten und dümmsten Bewegungen der modernen Geschichte ist. Ich bedauere dies. Aber ich kenne sie. Vielleicht besser als Sie, denn ich hatte mit einigen ihrer Sprecher zu tun, die als moderat gelten. Es tut mir leid, dass ich das sagen muss.“ (S. 147)

Im Jahr 1985 vermochte er noch nicht ein barbarisches Pogrom wie das des 7.10.2023 auch nur zu erahnen. Er hätte dies auch zu gewissen deutschen „Linken“ oder „Friedensbewegten“ sagen können… Ein Abgrund des moralischen und politischen Verfalls tut sich auf. Richard Schuberth (2025) hat in seiner grandios formulierten Schrift Vom Antisemitismus, der keiner sein will 40 Jahre später die vorzüglichste Schrift über dieses halb-linke deutsche Milieu vorgelegt, das Amos Oz wohl nur aus der absoluten Entfernung kannte. Oz´ langjähriger Austausch mit dem vorgeblich dialogbereiten palästinensischen Milieu genügte ihm bereits.

1989: „Ihr wahres Ziel ist eine Vertreibung der Araber“

Es folgen im Buch zwei Reden – „Im Namen des Lebens und des Friedens“ – die Amos Oz 1989 sowie 1990 im Namen von Schalom Achschaw / Peace Now gehalten hat – also vier Jahre vor der Ermordung Jitzchak Rabins.  Politisch und historisch betrachtet sind dies vielleicht die wichtigsten Texte seines Buches.

Oz warnt die Demonstrationsteilnehmer und die gesamte israelische Öffentlichkeit auf dem heutigen Tel Aviver Jitzchak-Rabin-Platz nachdrücklich vor der rechtsradikalen Bewegung Gush Emunim, die gezielt alle bisherigen Grenzen Israels mittels ihrer Siedlungen auszuweiten versuchte – was ihr in den Jahren danach auch gelungen ist. Dies sei „eine messianische, verschlossene und grausame Sekte“, die vor wenigen Jahren „aus einer dunklen Ecke des Judentums“ hervorgetreten sei, um den liberal-demokratischen Kern des Judentums und Israels zu zerstören. Ihr wahres Ziel sei eine Vertreibung der Araber, um anschließend „die Juden zu unterdrücken und uns alle der Herrschaft ihrer brutalen Lügenpropheten zu unterwerfen.“ (S. 172)

Bereits 1974 habe diese rechtsradikale Sekte „Jitzchak Rabin an der verlassenen Bahnstation von Sebastia in die Knie gezwungen“ (ebd.), seitdem sei ganz Israel „am Boden“. Heute seien die Masken gefallen, und der rechtsradikale Meir Kahane bedrohe ganz Israel. Nicht nur die besetzten Gebiete stünden auf dem Spiel, nicht nur der Friedensprozess. Bedroht sei die Existenz des Zionismus an sich, der „Traum, ein freies Volk in unserem Land zu sein.“ (S. 173) Oz warnt im Jahr 1989 in seiner Demonstrationsrede vor der sehr konkreten, existentiellen Gefahr, die diese Rechtsradikalen für den demokratischen Rechtsstaat Israel darstellten – vier Jahre vor der Ermordung seines Freundes und Gesprächspartners Rabin. Heute sitzen einige von deren extremistischen Vertretern (Ben Gvir, Bezalel Smotrich) in der israelischen Regierung und gefährden weiterhin, in noch stärkerem Maße, Israels Sicherheit und Demokratie.

Alle Versuche, deren wahres Gesicht zu enthüllen, seien vergeblich gewesen. Nun müsse man aufstehen um „den entscheidenden Schwur zu leisten: Sie werden nicht durchkommen.“ (S. 173)

Amos Oz spricht einige der mit ihm befreundeten Regierungsmitglieder, insbesondere Jitzchak Rabin, in sehr persönlicher Weise, politische Unterstützung einfordernd, an: „Wenn Sie nicht aufstehen und Mord als Mord bezeichnen, werden auch Sie nicht gegen die Kugeln der Mörder und gegen das Schicksal Emil Grünzweigs s. A. gefeit sein. Dort, in der Dunkelheit, gibt es bereits jemanden, der auch Sie als Verräter betrachtet. Und dort, in der Dunkelheit, hat jemand bereits Ihr Blut freigegeben.“ (S. 175) Vier Jahre später wird Rabin auf einer großen Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsradikalen israelischen Fanatiker ermordet.

Amos Oz dichte Beschreibungen und Warnungen bleiben aktuell und bestürzend. Ein Jahr später, nach der Ermordung von sieben arabischen Arbeitern aus dem Gazastreifen im Mai 1990 durch einen rechtsradikalen jüdischen Fanatiker, und in Erinnerung an den durch einen rechtsradikalen Aktivisten 1983 ermordeten Friedensaktivisten Emil Grünzweig von Schalom Aschaw, spricht Amos Oz auf der zweiten Kundgebung (26.5.1990) – Unschuldiges Blut – über die sie verbindenden Gefühle von Trauer, Angst und Entsetzen. Er warnt vor den „verrückten Randgruppen auf beiden Seiten“ (S. 183) wie auch vor dem Wunsch nach Rache: „Wer jetzt „Tod den Juden“ schreit, ist nicht besser als derjenige, der „Tod den Arabern“ brüllt. Ein arabischer Rassist ist der Zwillingsbruder eines jüdischen Rassisten.“ (S. 184)

„… und ihr einziger Sohn blieb allein auf der Welt“

Sehr eindrucksvoll auch Amos Oz dichter Essay über sein erfolgreichstes Buch Eine Geschichte von Liebe und Finsternis (2002). Amos Oz erinnert sich in dichter Weise an das Jerusalemer Stadtviertel, in dem er aufgewachsen war. Sein Roman sei in keinster Weise autobiografisch. Es sei vielmehr eine würdigende Erinnerung an seine Eltern und Großeltern. Vor allem erinnere er sich seiner Eltern, „zweier guter Menschen, zweier sanfter Menschen, zweier Menschen, die das Gute suchten, zweier kultivierter und rücksichtsvoller Menschen“ (S. 193). Seine Großeltern waren von Odessa nach Wilna geflohen und von dort aus, unter Lebensgefahr, weiter nach Palästina. Seine 1913 geborene Mutter Fania Klausner nahm sich 1952 das Leben, da war Amos Oz zwölf Jahre alt. Und sein Vater Jehuda Arie Klausner (1910-1970) verschwand kurz danach aus seinem Leben „und ihr einziger Sohn blieb allein auf der Welt zurück. Ich fragte mich: Wie ist das möglich?“ (S. 193).

Sein universell gebildeter Vater vermochte 17 Sprachen zu lesen, seine Mutter beherrschte fünf oder sechs Sprachen. In seiner Gegenwart unterhielten sie sich auf Polnisch und Russisch, wenn sie über Katastrophen und ihre Ängste sprachen. Sie wollten ihr einziges Kind vor diesen Ängsten schützen. Ihren Sohn Amos lehrten sie „mit Bedacht“ nur eine einzige Sprache: Hebräisch (S. 202). Ihr neuer Staat sollte das 1948 gegründete Israel sein. Eindrücklich beschreibt Amos Oz die Fluchtgeschichten seiner Familie: Alle westlichen Länder, in die sie während ihrer existentiellen Gefährdung zu fliehen versuchten, wiesen sie ab. Nirgendwohin vermochten sie vor den Deutschen zu fliehen. Am Ende blieb ihnen nur Palästina: „Es gab keinen anderen Ort. Es war der einzige Balken, an den sich eine halbe Million Juden klammern konnten, und hätten sie sich nicht daran festgehalten, hätte Hitler sie ermordet.“ (S. 205) Seine Eltern kamen nach Jerusalem – und sie sehnten sich weiterhin nach Europa. Als der Sohn seiner verzweifelten, fürsorgenden Mutter zwölf war nahm sie sich das Leben. Und sein Vater verschwand.: „Ich schrieb also, um die Toten nach Hause zu holen.“ (S. 211, Hervorheb. RK)

Amos Oz beschreibt seine anfängliche Wut über seine Mutter, die ihn allein in der Welt zurück gelassen hatte. Später verlor er das Interesse an der Frage, wer Schuld an dem Unglück war. Erst danach vermochte er seinen großen Roman zu schreiben. Darin habe er über seine Eltern geschrieben, als seien sie seine eigenen Kinder. Er beschreibt seine kindlichen Gefühle der grenzenlosen Angst in Jerusalem; des Gefühls, eine neue, zweite Shoah stehe ihnen bevor. Siebenjährig erlebt er seine eigene „Intifada der Juden gegen die Briten in den Jahren 1946-1947“, als sie in Jerusalem Steine gegen die britischen Jeeps warfen. (S. 203)

In weiteren Essays dieses vorzüglichen Buches schreibt Amos Oz über die hebräische Sprache, über das Buch Jeremia und über das elfte Gebot.

Den Abschluss bildet sein großartiger Vortrag „Noch ist die Rechnung nicht gemacht“ vom Juni 2018. Ein halbes Jahr später verstarb Amos Oz. Allein dieser klarsichtige Essay sollte zu einer Pflichtlektüre werden.

Der 79-jährige Oz beschreibt seine tiefe Skepsis gegenüber einem multinationalen Staat: Entweder es gebe, so rasch wie möglich, zwei Staaten – oder Israel werde irgendwann über Zwischenstaaten, ein arabischer Staat vom Meer bis zur Wüste, in dem Juden bestenfalls als Minderheit leben. In seiner Kindheit waren noch 20 – 25 Prozent der Araber Christen. Diese Christen seien aus Bethlehem, Beit Jala und Nazareth weitgehend verschwunden. Die sei jedoch nicht Israels Schuld: „Sie sind fort. Dabei waren sie palästinensische Araber. Sie haben Arabisch gesprochen. Man ist besser keine Minderheit. Nirgendwo, und schon gar nicht im Nahen Osten.“ (S. 276)

Amoz Oz erinnert an sein Büchlein Liebe Fanatiker (2018). Dieses Werk hatte er wenige Monate nach den Terroranschlägen des 11.9.2001 in Tübingen vorgetragen. Er habe es auf eigene Kosten in den Siedlungen verteilen und auch auf Russisch und Arabisch übersetzen lassen.

Selbst kluge israelische Freunde hätten sich in die Ecke eines extremen Linken wie Gideon Levy treiben lassen, der Zionismus nur noch aus den Zerrbildern von Kolonialismus und Apartheid wahrzunehmen vermöge: „Niemand ist moralischer als wir. Sollen die Kritiker schweigen! (S. 277)

Die palästinensischen Araber führten zwei Kriege gegen Israel: Einen gerechten Krieg – gegen den Siedlungsbau ab 1967 – und „einen gemeinen und verbrecherischen.“ (S. 278)

Er selbst habe immer gegen die Besatzung nach 1967 gekämpft – aber alle anderen Selbstverteidigungskriege Israel ab 1948 vorbehaltlos verteidigt. Amos Oz erzählt noch einmal von den verzweifelten, aussichtslosen Versuch seiner Eltern, in den 1930er Jahren eine Zuflucht zu finden. Die Flucht der Mehrzahl der Juden endete in Auschwitz – sofern sie Palästina nicht erreichten. Oz schreibt über das Märchen eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Arabern in arabischen Ländern wie dem Irak: Die Juden aus Bagdad „verließen den Irak, als die britischen Machthaber kurz davor waren abzuziehen und sie wussten, dass sie dort alleine zurückbleiben würden. Und sie verließen auch Nordafrika kurz vor dem Abzug der französischen Machthaber, weil sie nicht allein zurückbleiben wollten.“ (S. 286)[i]

Es habe niemals, auch nicht in seiner Kindheit, auch nur einen vagen Konsens zwischen zwei Juden gegeben, was man unter Zionismus verstehe. Was also sei der Zionismus?

„Darauf kann ich Ihnen nicht antworten. Außer: die Anerkennung, dass wir keinen anderen Ort haben.“ (S. 291) Egal welche jüdische Geschichte er und Andere nun als knapp 90-Jähriger erzählten. Als Jude hätten er und viele Weitere ihre Träume nur an diesem Ort, in Israel, verwirklichen können, „weil wir an anderen Orten keine Chance hatten.“ (S. 291)

Niemand solle ihm erzählen, dass irgend etwas politisch „unumkehrbar“ sei. Das habe die Geschichte Israels und ihrer rechten und linken Politiker und Strömungen gezeigt. Immer wieder sei absolut Unvorstellbares passiert: Menachem Begin etwa gab den Sinai zurück, um Frieden zu erreichen.

„Nur der Tod ist unumkehrbar, und auch das werde ich demnächst noch prüfen. Persönlich werde ich das herausbekommen. Ich weiß nicht, ob ich zurückkommen kann, um Ihnen zu berichten, aber ich werde es untersuchen“ (S. 294), bemerkt Amos Oz. Es gebe weiterhin die Chance für eine politische Mehrheit in Israel. Für eine Mehrheit für eine Trennung zwischen Juden und Arabern. Für ein weitgehend friedliches Leben nebeneinander, in zwei getrennten Staaten. Das sei die einzige politische Option.

Die Rechnung sei noch nicht gemacht. Damit endet dieser wunderbare Vortrag und auch Amos Oz‘ posthum erschienene Essaysammlung. Ein schönes, berührendes Werk. Gut dass seine Tochter Fania Oz-Salzberger und Gafni Lasri Kokia die Essays aus seinem Nachlass als Buch heraus gegeben haben.

Amos Oz: Worte. Essays und Reden. Herausgegeben von Fania Oz-Salzberger und Gafni Lasri Kokia. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase, Suhrkamp Verlag / Jüdischer Verlag, 303 Seiten, 26 Euro, Bestellen?

 

[i] Zum Thema Juden aus Bagdad sei auf die literarischen Werke von Mona Yahia (2002): Durch Bagdad fliesst ein dunkler Strom https://www.hagalil.com/2024/10/mona-yahia/ sowie Mona Yahia (2026): 4 Tage. Eine nahöstliche Tetralogie. Mossul, Tel Aviv, Babel, Istanbul verwiesen.https://www.hagalil.com/2026/04/mona-yahia-vier-tage/