Antisemitismus-Definition in abgrenzender Perspektive

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„Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung“ ist ein neues Buch überschrieben, worin kursierende Deutungen kritisch hinsichtlich einer möglichen Verallgemeinerung geprüft werden. Der Band liefert für innovative Reflexionen viel Stoff, kann aber auch in manchen Detailfragen im differenziert-kritischen Sinne kommentiert werden.

Von Armin Pfahl-Traughber

Über ein Ausschlussverfahren kann man auch zu Erkenntnissen kommen, welche dann auf der Negation von Postionen beruhen. Einem solchen Ansatz folgen zwei Autoren, um Antisemitismus in einem gemeinsamen Buch zu definieren. Gemeint sind Nikolas Lelle und Tom Uhlig, beides studierte Sozialwissenschaftler. Entsprechend ist auch mit „Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung“ die gemeinte Monographie überschrieben. Es geht den Autoren darin nicht um eine neue Begriffsbestimmung, wollen sie doch einen Perspektivwechsel für das Verständnis vornehmen. Dabei präsentieren sie eine kritische Auseinandersetzung mit fehlgeschlagenen Bemühungen, eben Antisemitismus auf den Begriff zu bringen. Allein dieser Ansatz macht das Buch schon interessant, können so doch bekannte Betrachtungen einer kritischen Prüfung ausgesetzt werden. Dabei entsteht aber gleich zu Beginn ein methodisches Problem: Man prüft Deutungen zur gemeinten Frage, ohne aber die inhaltliche Grundlage für dieses Thema zu skizzieren.

Anders formuliert: Wenn erläutert werden soll, was Antisemitismus nicht ist, dann muss eigentlich zunächst erläutert werden, was Antisemitismus ist. Genau dies geschieht aber nicht! Gleichwohl liefern die Autoren wichtige Betrachtungen darüber, welche bisherigen Deutungen kursieren und was daran als kritikwürdiger Gesichtspunkt anzusehen ist. Dabei werden die gemeinten Auffassungen nicht pauschal verworfen, soll doch nach dem wahren Kern gefragt werden. Offenbar will man aus diesen Aspekten jeweils Bestandteile für eine neue Definition entwickeln. Um das Gemeinte zu veranschaulichen, seien hierzu einige Inhalte exemplarisch genannt. „Antisemitismus … ist nicht ewig“ bezieht sich auf die Deutung, wonach es angeblich schon immer eine solche Einstellung in unterschiedlichen Kontexten gegeben habe. Diese Auffassung sei nicht nur inhaltlich falsch, sie lasse an ein überzeitliches Phänomen denken. Oder: Antisemitismus könne zum Massenmord führen. Nicht alle Antisemitismusformen hätten aber eine solche Konsequenz gehabt.

Auch andere weit verbreitete Deutungen werden hinterfragt: Dazu gehört etwa die Auffassung, wonach es sich jeweils um Rassismus gehandelt habe. Die Autoren verweisen zwar hierbei auf gewisse Gemeinsamkeiten, betonen aber für die Gesamtschau viele Unterschiede. Man könnte etwa auf folgenden Gesichtspunkt verweisen: Während ein rassistischer Diskurs meist von „oben“ nach „unten“ blickt, stehen antisemitische Narrative häufig für ein von „unten“ nach „oben“. Gemeint ist hier die Auffassung von einer angeblichen „jüdischen Macht“. Es gibt darüber hinaus auch Kommentierungen zu aktuellen Stereotypen, etwa hinsichtlich des „importierten Antisemitismus“ als Fehldeutung. Zwar gebe es einen eingewanderten Antisemitismus, der Antisemitismus sei aber schon länger in Deutschland vorhanden. All diese Erörterungen werden in essayistischer Form vorgetragen, jeweils mit einigen Beispielen auf nur wenigen Seiten präsentiert. Dabei laden viele Betrachtungen auch zu kritischen Reflexionen des bisherigen Verständnisses ein.

Genau darin bestehen die Stärken der Veröffentlichung. Nicht alle einzelnen Kapitel treffen hierbei aber den Kern. In dem Abschnitt „Antisemitismus … nicht extrem“ findet man etwa einige inhaltliche Fehlschlüsse, die sich auf die Extremismustheorie in einem verzerrten Sinne beziehen. Dieser Forschungsbereich berücksichtigt sehr wohl gesellschaftliche Kontexte, wird doch dort Antisemitismus keineswegs nur an den „Rändern“ gesehen. Offenbar wurde die Entwicklung in einschlägigen Publikationen dazu nicht wahrgenommen. So kommt auch nur ein aus dem Jahr 1990 stammendes, nicht repräsentatives Zitat vor. Darüber hinaus fallen diverse inhaltliche Lücken auf, wozu der Antisemitismus von links gehört. Zwar wird er in „Antisemitismus … kein Nebenwiderspruch“ angesprochen, aber dann doch nicht in einem ausführlicheren Sinne zum Thema gemacht. Bei allen genannten Einwänden liefert die Monographie gleichwohl interessante Reflexionen, die bei einer Erörterung des Themas mit systematischer Zielsetzung berücksichtigt werden sollten.

Nikolas Lelle/Tom Uhlig, Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung, Berlin 2026 (Verbrecher-Verlag), 215 S., Euro 18,00, Bestellen?

Leseprobe

Termine:

BUCHPREMIERE: „Antisemitismus definieren“ mit Nikolas Lelle & Tom Uhlig
Jüdisches Museum Frankfurt
30. April 2026, 19:00

Nikolas Lelle & Tom Uhlig: „Antisemitismus definieren“
Jüdisches Museum Fürth
18. Juni 2026, 19:00

Nikolas Lelle & Tom Uhlig: „Antisemitismus definieren“
Conne Island
10. Juli 2026, 19:30