
Die seit dem 7. Oktober 2023 eskalierende Gewalt gegen Juden und ihre Einrichtungen in ihrer drastischen Intensität verlangen nach einer Analyse, die über politische Rechtfertigungen und moralische Stellungnahmen hinausgeht. Diese begleiten Gewalthandlungen zwar regelmäßig, tragen jedoch nur begrenzt zu ihrem Verständnis bei. Ein vertiefter Zugang eröffnet sich erst durch eine sozialpsychologisch erweiterte Perspektive auf die psychodynamischen Prozesse, die entgrenzter Gewalt zugrunde liegen.
Von Hans-Peter Häfele
Eine solche Perspektive verschiebt den Fokus von den expliziten Begründungen der Täter auf die latenten Dynamiken ihres Handelns. Gerade weil diese unbewusst bleiben, entfalten sie eine besondere Wirksamkeit. Es soll hier nicht um eine Pathologisierung des Antisemitismus gehen und hierin einer krankheitsbedingten Freisprechung von Schuld der Täter gehen, sondern um ein vertieftes Verständnis der Judenfeindschaft. Die hierfür herangezogenen Begriffe entstammen der psychoanalytischen Tradition. Deren Terminologie gilt mitunter als sperrig, bietet jedoch ein differenziertes Instrumentarium zur Analyse kollektiver Prozesse – insbesondere dort, wo sich Gewaltmuster in auffälliger Persistenz reproduzieren.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Antisemitismus nicht als bloßes Vorurteil, sondern als sozialpsychologisch vermitteltes Deutungsmuster. In Phasen gesellschaftlicher und ökonomischer Krisen tritt er in spezifischer Weise hervor. Dabei fungieren „die Juden“ in einer personalisierenden und damit verkürzten Kapitalismuskritik als Projektionsfläche für komplexe strukturelle Widersprüche. Unterhalb der normativen Ächtung des Antisemitismus scheint ein Reservoir an Ressentiments fortzubestehen, das in Krisenzeiten reaktiviert wird.
Bereits die „Studien zum autoritären Charakter“ des Frankfurter Instituts für Sozialforschung lieferten hierfür grundlegende Einsichten. Die Arbeiten aus dem Umfeld von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zeigen, dass autoritäre Dispositionen und projektive Feindbildkonstruktionen eng mit gesellschaftlichen Strukturbedingungen verschränkt sind. Zwar haben sich die sozioökonomischen Konstellationen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts erheblich gewandelt, doch zentrale Mechanismen bestehen fort. Mit der liberal- demokratischen Transformation des Kapitalismus ging eine Erosion traditioneller Sozialisationsinstanzen einher, ohne dass sich der Anpassungsdruck auf das Individuum verringert hätte. Vielmehr verlagert sich dieser in subtilere Formen, die unter den neoliberalen Imperativen von Selbstverantwortung und Wahlfreiheit auftreten.
Das gegenwärtige System erzeugt weiterhin Erfahrungen sozialer Unsicherheit, Austauschbarkeit und individueller Entwertung. Es begünstigt damit jene psychischen Dispositionen, die Erich Fromm als Ausdruck einer „kranken und krank machenden Gesellschaft“ beschrieben hat. Antisemitische Gewalt ist vor diesem Hintergrund nicht als bloßer Affektdurchbruch gegenüber Juden zu verstehen, sondern als Ausdruck spezifischer psychodynamischer Konstellationen.
Einen zentralen Schlüssel zum Verständnis bietet der von Sigmund Freud entwickelte Begriff der Projektion. In seiner sozialpsychologischen Weiterführung beschreibt er einen Mechanismus, bei dem unerträgliche innere Spannungen nach außen verlagert werden. Eigenschaften, die mit dem eigenen Selbstbild unvereinbar sind, erscheinen im Anderen und können dort bekämpft werden. In der sogenannten projektiven Identifikation radikalisiert sich dieser Vorgang. Hier werden als bedrohlich erlebte Persönlichkeitsanteile abgespalten und den anderen förmlich ,,eingepflanzt“, die fortan als deren wesentliche Träger erscheinen. Diese Zuschreibung gewinnt den Charakter objektiver Evidenz und entzieht sich damit weitgehend rationaler Kritik.
Antisemitische Feindbilder folgen genau dieser Logik. Historisch wandelbar, bleiben sie dennoch strukturell konstant: „Die Juden“ erscheinen als personifizierte Ursache gesellschaftlicher Krisen – sei es als vermeintliche Finanzakteure, kulturelle Zersetzer oder aktuell denunziert als ein Volk von kolonialen Siedlern. In dieser Funktion dienen sie als Projektionsfläche für diffuse Ängste und Aggressionen.
Die von Adorno und Horkheimer beschriebene „pathische Projektion“ bezeichnet diesen Prozess treffend als ein Umschlagen des Inneren ins Äußere, bei dem das Vertraute als das feindliche im Außen erlebt wird. Die so erzeugte Bedrohungswahrnehmung legitimiert Gewalt als vermeintlichen Akt der Selbstverteidigung. In letzter Konsequenz erscheint die Vernichtung des imaginierten Feindes als notwendige Bedingung eigener Selbsterhaltung. Das Judentum insgesamt erscheint als „Feind der Menschheit“. Die antisemitischen Massaker der Hamas- Terrororganisation wurden als vermeintlichen Akt des Widerstandes aus tiefer Verzweiflung umgedeutet und fiel auf einen fruchtbaren politischen Boden.
Diese Struktur prägte bereits den nationalsozialistischen Antisemitismus, der sein Objekt als Projekt des kollektiven Vernichtungswunsches – so die Diagnose – gewissermaßen erst hervorbrachte. Feindbildkonstruktionen fungieren dabei nicht nur als Ventile für individuelle Spannungen, sondern stabilisieren zugleich kollektive Ordnungen, indem sie komplexe Krisenerfahrungen in personalisierte Erklärungen überführen. Auch gegenwärtige Erscheinungsformen des Antisemitismus lassen sich in diesem Rahmen analysieren. Häufig treten sie als Antizionismus auf, der Israel und „die Juden“ als homogene Einheit adressiert und in ein dichotomes Schema von Tätern und Opfern einordnet. Solche Deutungsmuster gewinnen insbesondere in polarisierten Konfliktlagen an Plausibilität.
Die Reaktionen auf die Angriffe der Hamas und die militärischen Maßnahmen Israels im Gazastreifen und aktuell im Libanon haben weltweit Proteste ausgelöst, in denen sich nicht selten, offen oder verklausuliert, antisemitische Narrative artikulieren. In sozialen Medien erfahren diese eine zusätzliche, enthemmende Dynamik und Reichweite.
Für viele Jüdinnen und Juden bedeutet dies eine zunehmende Verunsicherung im Alltag. Bereits vor den jüngsten Ereignissen war ihre gesellschaftliche Teilhabe in Gestalt öffentlicher Sichtbarkeit vielfach bedroht und eingeschränkt. Die aktuelle Entwicklung verschärft diese Situation weiter. Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), antisemitische Einstellungen durch Initiativen der Aufklärung und Bildungsarbeit überwinden zu können, als begrenzt. So notwendig solche Maßnahmen sind, erreichen sie die zugrunde liegenden unbewussten Dynamiken nur bedingt. Realistischerweise wird es daher vor allem darum gehen, antisemitische Gewalt juristisch einzudämmen, diese zu ächten und ihr in der Haltung der mutigen Zivilcourage entschieden entgegenzutreten.
Die gegenwärtige Situation unterstreicht die Dringlichkeit dieser Aufgabe. Antisemitismus – ob offen artikuliert oder in vermeintlich legitimer Kritik an Israel codiert – darf nicht als Randphänomen verharmlost werden. Ihm entgegenzutreten bleibt eine zentrale gesellschaftliche und persönliche Verpflichtung.
Wann ist es Antisemitismus?
Judenfeindschaft ist ein Ressentiment, tief verankert im westlichen Denken und Fühlen, auf affektiven Stereotypen fußend, eine religions- und kulturhistorisches Kategorie, die Juden als das Übel der Welt stigmatisiert und dabei im Laufe der Jahrhunderte chamäleonartig diese kollektive Entwertung stets passend und zeitgemäß angepasst hat.
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