Vor gut sechs Jahren machte die Autorin Sarah Levy Aliya. Die 1985 Geborene stammt aus einer „gemischten“ jüdisch-christlichen Familie. Vor knapp fünf Jahren ging sie „doch“ nach Israel. Mit ihrem israelischen Ehemann Itay hat sie gemeinsam einen kleinen Sohn: Oz.[i] Kurz nach seiner Geburt ereignete sich der auf vollständige Vernichtung ausgerichtete Hamas Überfall des 7.10.2023.
Von Roland Kaufhold
Die Autorin – zur Korrektheit sein angemerkt, dass sie mir bisher vollständig unbekannt war – begann unmittelbar nach dem 7. Oktober mit dem Verfassen eines persönlich gehaltenen, leicht lesbaren Buches. Sie beschreibt die durch den Hamas Überfall ausgelösten kriegerischen Auseinandersetzungen mit der Terrororganisation und deren Finanzier Iran. Ihre Aufzeichnungen enden am 1.6.2026.
Das Buch wird insbesondere für Leser, die sich noch nicht intensiv mit Israels komplizierter Lebenswirklichkeit beschäftigt haben, anregungsreich sein. „Israelspezialisten“ werden in dem Werk eher nichts Neues entdecken.
Die „Verräterin“
Ihre persönlich gehaltenen Erinnerungen eröffnet die Journalistin Sarah Levy – die 2022 ihren literarischen Erstling Fünf Wörter für Sehnsucht publizierte – mit einer Szene vom 5.10.2023: Mit ihrer Familie ist sie zu einem Kurzbesuch nach Herzliya ans Meer gefahren. Das Leben erscheint als friedlich, voller Hoffnung.
Ihr kleiner Sohn Oz hat eine liebevolle arabische Kinderfrau. Nach dem Pogrom spricht Sarah Levy auch mit dem Schwager ihres Mannes, Sagie. In der entspannten Atmosphäre ist dieser bereit, über seine eigene Mutter zu sprechen, die der Shoah entkommen war. Dies verbindet ihn mit der Autorin. Zwei Jahre später und auf der vorletzten Seite ihres Buches beschimpft Sagie Sarah – die sich weiterhin der linken Opposition zurechnet und ein Video einer Demonstration von Israelis in der Familien-Whats-App-Gruppe geteilt hat, in dem Israelis auch getöteter palästinensischer Kinder gedenken – , vor der gesamten Familie als „Verräterin“: „“Dies ist nicht wirklich dein Land, sagt er. „Du bist hergekommen, um zu stören“. (S. 328)
Vielleicht so fügt Sarah Levy als Abschluss ihres Buches hinzu, werde der Hass auch innerhalb der israelischen Gesellschaft „unser Leben hier unerträglich machen.“ (S. 328) Diese schmerzvolle Ambivalenz in Zeiten nahezu täglicher Bedrohung durch die iranischen Raketen durchzieht ihr gesamtes Buch.
Eindrücklich beschreibt sie die schockhaften frühen Stunden des 7.10.2023: Whats-App-Gruppen und Handynachrichten informieren sie über das für unmöglich gehaltene absolute Grauen in den Kibbuzim rund um Gaza. Anfangs vermag sie nicht zu glauben, in was für einem Horror sie aufgewacht ist: „Ich verstecke mich hier in so einer Ecke eines Gebäudes auf dem Festivalgelände. Es sind Leute draußen, ich muss still sein. Hörst du sie?“ „Allahu Akbar!“ „Dany … Ich werde leben.“ „ Du wirst leben.“ (S. 25)
Es folgen dichte Schilderungen des konkreten Horrors, des organisierten Mordens durch die Hamas-Terroristen. Als IDF-Soldaten verkleidet klopfen sie an Türen. Verzweifelt halten die Bewohner die Bunkertüren zu, stehen unter Maschinengewehrfeuer. Die Kinder von Freunden sehen die verstörenden Nachrichten. Ihre Eltern versuchen, ihnen die Ängste zu nehmen, was nicht gelingen kann. Sarah Levy erhält Nachrichten, ob sie nicht für deutsche Zeitungen etwas über die „Erlebnisse“ schreiben mag: „Allein der Gedanke, mich hinzusetzen und zu recherchieren (…) verursacht mir Herzrasen.“ (S. 33) Sie bringt ihr Kleinkind ins Bett, liest zwischendurch weitere verstörende Nachrichten. „Auf X sehe ich Fotos und Videos von Männern, Frauen, halbnackt, gefesselt, auf Motorrädern, auf der Ladefläche von weißen Pick-up-Trucks, umringt von bewaffneten Männern. Manche der Gefesselten tragen Pyjamas.“ (S. 41)
Dazwischen Anrufe ihres Vaters aus Deutschland. Dann Beschreibungen der heldenhaften Reaktionen der israelischen Zivilgesellschaft (vgl. Anita Haviv-Horiner (2024): Solidarität heißt Handeln. Die israelische Zivilgesellschaft nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023): Viele Israelis nehmen ihr Auto und ihre Uzi, fahren unter unmittelbarer Todesgefahr Richtung Gaza, um das Leben zumindest einiger junger Menschen auf dem Tanzfestival zu retten: „Für mich ist das unvorstellbar. Aber ich war auch noch nie in einer vergleichbaren Situation.“ (S. 42) Auch solche Beschreibungen sind ein Versuch, das Grauen und den Mut vieler Israelis für deutsche Leser zu vermitteln – während zeitgleich die ersten wahnhaft-bösartigen antisemitischen Demogruppen auf deutschen Straßen gegen Israel mobilisieren, die Nazidemonstrationen ähneln. Auch dies beschreibt sie, die kurz danach zu Lesungen aus ihrem ersten Buch nach Deutschland eingeladen wurde, mit ungläubigem Staunen.
„Wenn du so denkst, haben die Hetzer in unserer Regierung gewonnen“
Und immer wieder Beschreibungen alltäglicher Auseinandersetzungen zwischen israelischen Freunden. Freunde, die auch versuchen, wie die Autorin selbst, als „Linksliberale“ die schreckliche Lebenssituation von Palästinensern im Krieg zumindest zu verstehen: „Das sind eher Tiere als Menschen“, stößt Dalit hervor. „Wenn du so denkst, haben die Hetzer in unserer Regierung gewonnen“, sagt Itay.“ (S. 46)
Sie beschreibt aber auch die andere Seite, die Aufrufe der Hamas-Führer an alle Feinde Israels, „sich dem Kampf anzuschließen an allen Fronten: Ost-Jerusalem; Westjordanland, die arabischen Bürger Israels, Libanon.“ (S. 54)
Dann Darstellungen von Familientreffen, inmitten der Raketen und der Flucht in die eigenen Schutzbunker. Ihr langsames Hineinwachsen in die Familie, ihre Identitätssuche als Israelin, die erst vor vier Jahren Aliyah gemacht hat und selbst nie bei der Armee war. Auch dies beschreibt sie immer wieder aufrichtig. Es sind gruppendynamische Spaltungsprozesse, die, aus psychoanalytischer Sicht, unvermeidliche Folgen von sehr konflikthaften Themen sind. Der israelische Psychoanalytiker Carlo Strenger (1958 – 2019) hat hierzu zahlreiche Beiträge veröffentlicht.
Sowohl aus Deutschland als auch aus den USA erhält sie Beschreibungen und Hilferufe zu den Folgewirkungen des über Jahre geplanten Pogroms gerade gegen die linken Kibbuzim – die Hauptopfer des Pogroms: „… jetzt empfinden die Leute noch Mitgefühl mit Israel, in wenigen Tagen werden sie nur noch Bilder aus Gaza in den Medien zeigen und die ganze Solidarität wird dann nur noch bei den Palästinensern liegen“ (S. 71), schreibt ihr ihr Cousin aus den USA kurz nach dem 7.10.
Der Hamasführer wollte eben dies durch das Pogrom erreichen: Dass der Antisemitismus weltweit massiv anwächst. Um einen Staat für die Palästinenser ist es der islamistischen Terrororganisation Hamas nie gegangen. Für die Gründung eines Staates Palästina gab es seit 1948 mehr als ausreichend Möglichkeiten.
Sie beschreibt den jahrzehntelangen harten innerisraelischen Diskurs über die Anerkennung eines palästinensischen Staates. Der radikale, aus Deutschland gebürtige „Friedensaktivist“ Uri Avnery (1923 – 2018)[ii] war der erste prominentere Journalist und Politiker, der diese Forderung ab den 1960er Jahren in nachdrücklicher Weise den innerisraelischen Diskurs brachte. Sie erinnert an die Ermordung Jitzchak Rabins im Jahr 1995 durch einen rechtsextremistischen Israeli: „Es wurde klar, dass eine radikale Minderheit der israelischen Bevölkerung alles dafür tun würde, einen palästinensischen Staat zu verhindern.“ (S. 75) Spätestens seit dem 7.10. ist in Israel nahezu jede Hoffnung auf eine friedliche Konfliktlösung ausgelöscht worden. Auch dies wird von der Autorin erklärend dargestellt.
Der Kampf für die Geiseln: Einav Zangauker
Levy beschreibt ihre Gefühle bei den eindrucksvollen Kundgebungen für die Freilassung der Geiseln, deren eindrucksvollste, wortgewaltigste Vertreterin seit dem 7.10. Einav Zangauker, Mutter des entführten Matan Zangauker aus Nir Oz, war. Selbst auf den Kundgebungen verspürt sie ein „Gefühl der Fremdheit“ (S. 96). Und immer wieder hört sie die sie tief berührende Parole „Ich habe kein anderes Land!“, die sie auch als Titel für ihr Buch wählte. Sie stammt vom Poeten Ahud Manos und wurde zur Protesthymne gegen den Libanonkrieg und zu einem berühmten Song.
Im September 2023 ist sie mit ihrer Familie in Deutschland, bei ihren Eltern in Frankfurt. Sie hat, im Gegensatz zu vielen Israelis, noch einen zweiten Pass. Sie möchte Abstand vom Krieg finden – und findet ihn in Frankfurt doch nicht. Die deutschen Nachrichten sind voller Bilder aus Israel und Gaza – und weitgehend frei von dem Versuch, die nahezu ausweglose Situation des angegriffenen Israel auch nur verstehen zu wollen. Und sie sieht die Bilder des kleinen rothaarigen Babys Kfir und seines vierjährigen Bruders Ariel Bibas, ihrer Mutter Shiri und des gleichfalls entführten Yarden Bibas. Dass Kfir, Ariel und Shiri Bibas von den palästinensischen Terroristen auf barbarische Weise ermordet wurden, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Sie beschreibt das Schicksal weiterer ermordeter Israelis und hebt ihr Bemühen hervor, dem Leser in Deutschland hierdurch zu ermöglichen, „das komplexe Land Israel etwas besser verstehen“ zu können (S. 110).
Sie erzählt vom 85jährigen radikalen Friedensaktivsten Oded Lifshitz aus Nir Oz, der über Jahre krebskranke Palästinenser an der Grenze zu Gaza abholte und in israelische Krankenhäuser brachte. Auch Oded wurde von den Terroristen ermordet. Und sie zitiert mehrfach Odeds betagte Frau Yocheved Lifshitz, die die Geiselhaft überlebte.
„Wir sind stolz darauf, Märtyrer zu opfern“
Mir Schrecken nimmt die Autorin wahr: Frankfurter Juden haben ihre Kinder von der jüdischen Schule genommen, weil sie Angst haben, „dass sie auf dem Schulweg als Juden erkannt und angegriffen werden.“ (S. 109) Auch das sollte durch das Hamas-Pogrom erreicht werden.
Treffen mit Frankfurter Freunden geht sie aus dem Weg. Sie hat keine seelischen Kapazitäten, mit ihnen über Alltäglichkeiten zu sprechen, während ihre Seele in Israel ist.
Sarah Levy zitiert Ghazi Hamad vom Politbüro der Hamas, der einem libanesischen Fernsehsender triumphierend erzählt, dass das Pogrom vom 7.10. erst der Anfang sei und dass sie dieses Pogrom noch ein, zwei, drei und vier Mal wiederholen würden: „Wir werden eine Nation von Märtyrern genannt, und wir sind stolz darauf, Märtyrer zu opfern.“ (S. 123) Jeder Mord an Israelis sei legitim. Auf deutschen Straßen wird diese Parole Tausendfach auf den Hass-Demos der „roten Gruppen“ gepredigt. Straffrei.
Sie beschreibt ihre Gespräche mit palästinensischen Israelis, deren Zerrissenheit und deren Wunsch, als „vollwertige Mitglieder der israelischen Gesellschaft angesehen“ zu werden. (S. 136) Und sie zitiert aus Gesprächen mit Freunden wie Avi, die bisher auf ein friedliches Zusammenleben mit Palästinensern vertrauten, sich dafür aussprachen – und die sich nun, nach dem 7.10., für einen entschiedenen Kampf gegen den Terror aussprechen. Es gebe keine „unschuldigen Zivilisten in einer Gesellschaft, die Geiselnahmen und Morde bejubeln.“ (S. 138)
Die Autorin beschreibt ihre Entschlossenheit, das bedrohte und zunehmend gewaltsame Israel als die Heimat ihres Kindes Oz zu wählen, erzählt aber auch von israelischen Freunden, die Israel nun verlassen werden. Dan hat ein One-way-Ticket nach Amsterdam gekauft, erzählt er ihr am Telefon. Und doch ist Dan im Zweifel darüber, ob das Land eines Geert Wilders für ihn als Juden toleranter ist als ein „Bibi“.
Eines der Vorzüge dieses Buches ist, dass die Autorin ihre inneren Zweifel und Unsicherheit über ihre familiäre Zukunft, insbesondere über die Zukunft ihres kleinen Sohnes Oz – dem sie das Buch „Für Oz. In der Hoffnung“ (S. 5) widmet – in Israel deutlich benennt.
Sie zitiert die 75jährige Ada Sagie aus Nir Oz, früher eine Friedensaktivistin und Hebräisch- sowie Arabischlehrerin in Nir Oz, die die Entführung nach Gaza überlebte und heute kein Mitleid mehr mit den Palästinensern zu empfinden vermag: „Mein Herz ist hart geworden.“ (S. 182) Eine Chance für eine Versöhnung sieht Ada Sagie nicht mehr.
Einige radikale Siedler sprechen auf TikTok davon, dass das Pogrom vom 7.10. eine Strafe Gottes sei – weil diese Kibbuzim Linke seien. Der Hass ist ungebremst – in Israel, aber auch in der teils seltsamen „pro Israel“-Szene in der Bundesrepublik. Auch hierüber könnte man ein Buch schreiben – mit sehr unschönen Beschreibungen und psychologischen Interpretationen.
„Geht, bevor Oz eingeschult wird“
Weitere Widersprüche, Ambivalenzen: Ein Freund, Ran, der mit seiner Familie nördlich von Tel Aviv lebt, hat sich auch für den Alltag eine Waffe besorgt und trägt diese bei sich. Früher war Ran auch in den nahegelegenen arabischen Städten einkaufen. Nun bereitet er sich auf einen Überfall vor. Das menschliche Leid auf der anderen Seite finde im israelischen Fernsehen seit dem 7.10. nicht mehr statt.
Ronen, Sohn deutscher Eltern, ist in Israel aufgewachsen, er spricht deutsch. Er studierte teilweise in Deutschland, ging dann nach Israel – und bereut es heute: „Geht, bevor Oz eingeschult wird“ (S. 243), empfiehlt er ihnen. Die Einschulung der eigenen Kinder entscheidet oft über die familiäre Zukunft – in Deutschland oder in Israel.
Die Autorin erzählt von Szenen, in denen israelische Soldaten sogar die demonstrierenden Familien der Geiseln, u.a. eine Verwandte von Matan Zangauker, massiv attackieren. Es gibt Morddrohungen und Hetzkampagnen im Netz gegen israelische Familienangehörige. Israel sei noch stärker ein Land der Extreme geworden. Sie selbst schaffe es innerlich nur noch selten, auf die Demonstrationen gegen Netanyahu und dessen antidemokratischen Attacken zu gehen. Der neue Staatshaushalt sieht Milliarden für die Siedler und die Ultraorthodoxen vor.
Am Ende des Buches die Szene, wie Sagie sie vor der gesamten Familie eine Verräterin nennt – es war eine vergleichbare Hetze, die vor 31 Jahren in der Ermordung Rabins mündete. „Mein Sohn ist jetzt drei Jahre alt. Die Hälfte seines kurzen Lebens hat er im Krieg gelebt (…) unsere Nachbarn bleiben unsere Nachbarn“, schreibt Sarah Levy am Ende. (S. 328)
Sarah Levy (2025): Kein anderes Land. Aufzeichnungen aus Israel. Rowohlt Verlag, Hamburg, 335 S., 24 Euro, Bestellen?
[i] Die Autorin hat viele Namen in ihrem Buch anonymisiert, was sinnvoll ist.
[ii] Roland Kaufhold (2003): Uri Avnery: Ein Porträt, in: Avnery, U. (2003): Ein Leben für den Frieden. Palmyra Verlag, S. 258–287; eine ausführlichere Version: https://www.hagalil.com/2013/09/avnery-3/



