Wörter kollabieren unter der Last ihres Missbrauchs

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Dem Schrecken des 7. Oktober folgte ein politisches Nachbeben: In Teilen äußerte sich dieses in Sympathie für islamistische Täter. Getragen von israelbezogenem Antisemitismus verbreiteten sich fortlaufend haltlose Anschuldigungen gegen Israel rasch. Der Begriff «Genozid in Gaza» wurde zum Schlagwort mit globaler Wirkung. Doch dieser Wortmissbrauch entwertet den Begriff selbst; Durch die inflationäre und falsche Verwendung verlieren die Wörter nicht nur an Bedeutung, sondern auch an Validität, normativen Gehalt und Geltung und kollabieren schließlich unter der Last ihrer Missbrauchs.

Von Michael Mobasheri

Victor Klemperer, dem deutschen Philologen, der das Leben unter dem Dritten Reich chronologisch festhielt schrieb: „Worte können wie winzige Dosen Arsen sein: Sie werden unbemerkt geschluckt, scheinen keine Wirkung zu haben, und dann setzt nach einiger Zeit doch die toxische Reaktion ein.“ [1] Seine Mahnung trifft den Kern der Gegenwart, wo politische Opportunismus auf Bildungsdefizit und systematische Faktenverzerrung trifft und Sprache in ein Instrument der Täuschung und Institutionalisierte Missbrauch von Begriffen verwandelt wird. Heute bedarf es kaum noch Nachdenken, die Anschuldigung nachzuerzählen, dass Israel in Gaza insgesamt gegen Palästinenser und insgesamt in  Nahost GENOZID begangen habe.

Dabei lässt sich erkennen, dass einige es aus einer einzigartigen Feindseligkeit gegenüber Israel und insgesamt Juden wiederholen; andere pflegen diese Narrative aus einem aufrichtigen Wunsch, das Ende eines langwierigen Konflikts zu beschleunigen, in dem auch Menschen gelitten haben, während es für andere Akteure -wie Karin Stögner analysiert– angeblich darum geht „bei etwas dabei zu sein, sich zu beteiligen. Sie meinen, auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen. Es geht dabei mehr um sie selbst als um die „Befreiung Palästinas“, eines Ortes, von dessen Geschichte und Komplexität sie ebenso wenig Ahnung haben…“[2] Zur Epidemiologie dieses Phänomens betonen Stephan Grigat und Karin Stögner: „Hier offenbart sich vor allem historische Unkenntnis, denn die Gründung des Staates Israels war auch ein antikolonialer Akt, weil die Kolonialmacht Großbritannien dadurch aus der Region gedrängt wurde.“[3] Dabei werden die Herrschaftsverhältnissen in Gaza –und islamischen Ländern– ausgeblendet. Aus psychologischer Perspektive speist sich diese Tendenz weniger aus aufrichtiger Solidarität oder Überzeugung, sondern vielmehr aus dem Bedürfnis nach Selbstbestätigung sowie dem Drang, ein Defizit im Selbstwertgefühl zu kompensieren, das z.T. durch sozialen Druck galvanisiert wird.

Der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis sagt: „Was auch immer die Motivation sein mag, das Ergebnis ist dasselbe: Dieses schwerste aller Verbrechen wird beiläufig erwähnt, ohne die Bedeutung und das Gewicht des Wortes selbst gebührend zu berücksichtigen.“[4] Er argumentiert, als Akademiker, Aktivisten, religiöse Führer und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit unerschütterlicher Gewissheit erklären, dass [in Gaza] ein Völkermord stattgefunden hat, sie etwas weit Destruktiveres tun, als nur eine Unwahrheit zu wiederholen. Sie verharmlosen genau das Konzept, das sie angeblich verteidigen [möchten]: „den Begriff Genozid als Anklage zu verwenden, bedeutet, ihm seine wahre Bedeutung zu nehmen und das schwerste Verbrechen der Menschheit zu einer politischen Beleidigung zu degradieren.“[5]

Diese dargestellte Argumentation steht mit dem in der kognitiven Psychologie und Psycholinguistik etablierten Konzept des „Reframing“ (auf Deutsch: semantische Umdeutung) in Einklang. Dieses beschreibt die Neubewertung oder semantische Verschiebung von Begriffen innerhalb spezifischer diskursiver Kontexte. Empirisch lässt sich beobachten, dass Kritikäußerungen heute als «Gewalt» oder «Beleidigung» und Begriffe wie «Faschist», «Kommunist» oder «Kindermörder» in bestimmten politischen Diskursen zunehmend als pauschale Schimpfwörter und pejorative Marker verwendet werden, um politische Gegner zu diskreditieren, wodurch die semantische Präzision der Wörter verloren geht.

Aus diskursanalytischer Perspektive kann eine solche semantische Verschiebung bzw. Umdeutung zur Entstehung verzerrter Narrative führen, insbesondere in politisch und historischen Kontexten. Problematisch wird dies vor allem dann, wenn prominente Akteure, darunter auch Akademiker aus einschlägigen Forschungsfeldern wie der Genozidforschung (z.B. Omer Bartov, B. Milton-Edwards und Stephen Farrell), entsprechende Begriffsverschiebungen aufgreifen oder verstärken. Aufgrund ihrer epistemischen Autorität und gesellschaftlichem Status kann dies zur sozialen Validierung führen und eine hohe Nachahmungswirkung entfalten, die die Entwicklung solcher Deutungsmuster zusätzlich legitimieren. In der Folge entsteht eine zunehmende Entkopplung zwischen sprachlicher Bezeichnung und faktischer Referenz, während zugleich faktische Grundlagen zunehmend durch narrative Konstruktionen ersetzt werden. Ergänzend ist auf die Rolle sozialer Medien hinzuweisen, die als strukturelle Verstärker solcher fatale Diskursdynamiken fungieren und deren Diffusion und Expansion zusätzlich beschleunigen.

Diese sprachliche «Rüstungsspirale» hat jedoch weitere, häufig latente Konsequenzen. Die erste zentrale, oft unbeachtete Folge besteht darin, dass die ungehemmte Verbreitung eines Begriffs irrtümlich als Indikator und Evidenz für dessen inhaltliche Richtigkeit bzw. Bestätigung seiner Wahrheit interpretiert wird! Darüber hinaus etabliert sich dadurch in der Regel ein groteskes Denkverständnis, in dem solche Begriffsverwendungen als standardisierte Methode politischer Auseinandersetzung verstanden und reproduziert werden. Dies trägt dazu bei, dass eine Fiktion als vermeintlich wahrheitsgemäßer Sachverhalt rezipiert wird, wodurch ein Handlungsdruck zur Ergreifung entsprechender Gegenmaßnahmen entsteht. Die zahlreichen antisemitischen Anschläge u.a. in Australien, England und Deutschland gegen jüdische Einrichtungen kommen nicht von ungefähr; sie sind als Folge solcher Narrative zu verstehen, die u.a. durch Wortmissbrauch entstanden sind.

E. Mirvis weist darauf hin, dass „einige Begriffe eine Bedeutung haben, die um jeden Preis geschützt werden muss. GENOZID ist einer davon.“[6] Diese Argumentationslinie lässt sich historisch unter anderem daran festmachen, dass die USA, Großbritannien und die Alliierten des Zweiten Weltkriegs nicht wegen Völkermordes angeklagt wurden, obwohl bei strategischen Bombenangriffen auf Nazi-Deutschland –insbesondere dem erforderlichen Bombardement Dresdens im Februar 1945 unter der Regie von Air Marshal Arthur Harris – zahlreiche Zivilisten ums Leben kamen, für dessen Entstehung einzig und allein Nazi-Deutschen selbst verantwortlich war. Die Absicht lag darin, die Naziherrschaft und den von Deutschland und den Achsenmächten geführten Vernichtungskrieg zu stoppen. Daher ist zu unterstreichen, dass Genozid als die ABSICHT definiert ist, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Entscheidend ist und bleibt die ABSICHT bzw. INTENTION: sie ist der maßgebliche moralische und rechtliche Faktor, um einen Genozid als solchen zu identifizieren und klar zu benennen. Genau dieser Aspekt ist relevant und bildet den entscheidenden Kernpunkt, „da er die tragischen, oft verheerenden Folgen des Krieges von einem der abscheulichsten Verbrechen der Menschheit abgrenzt.“[7]

Der klarste Beweis dafür, dass Israel nicht beabsichtigte, die Palästinenser in Gaza zu vernichten, ist, dass Israel den Krieg weder suchte noch begann –identisch mit dem Vorgehen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland. Israels erklärte und rationale Absicht war es, die Fähigkeiten der Hamas zu neutralisieren, die Wiederholung eines Massakers wie am 7. Oktober zu verhindern und die Freilassung von über 250 Geiseln zu erreichen, von denen viele täglich physischer und psychischer Folter sowie Vergewaltigung ausgesetzt waren. Würde Israel nur passiv zusehen und die existenziellen Bedrohungen ignorieren, gäbe es kein Israel mehr, während Teile der Weltgemeinschaft und westliche Staaten–und ihren europäischen linken Sympathisanten– die Vernichtungsdrohungen gegen Israel fortwährend als bloße Rhetorik der Islamisten wahrnehmen und statt existenzielle Bedrohung gegen Israel ausschließlich einen Genozid in Gaza feststellen wollen!

Wenn Israel mit überlegenen militärischen Fähigkeiten wirklich darauf aus wäre, eine Bevölkerung durch gezielte ethnische Säuberung auszulöschen, hätte es nicht gleichzeitig die Einreise von über zwei Millionen Tonnen humanitärer Hilfe (Lebensmittel, Medikamente, sauberes Trinkwasser etc.) nach Gaza ermöglicht. Es hätte nicht dazu beigetragen, 15 Feldlazarette zur Versorgung palästinensischer Zivilisten einzurichten. Es hätte die Massenimmunisierung von über einer Million Kinder in Gaza gegen Polio nicht ermöglicht. Und es würde sicherlich nicht jeden Tag das Leben seiner eigenen Soldaten am Boden in Gaza gefährden, damit sie besser zwischen Zivilisten und Terroristen unterscheiden können. Das markante Gegenbeispiel stellt der gezielte Angriff vom 7. Okt. bei Hamas mit 1200 israelischen Opfern und das Massaker im Januar 2026 im Iran mit über 40000 Opfern dar, bei dem exzessive Gewalt gezielt und mit vollen Absicht gegen Zivilisten eingesetzt wurde, um möglichst viele zu vernichten. Dass Hamas und Mullahregime nur Teile und nicht alle ausgelöscht haben, liegt u.a. an externen Faktoren, wobei genau diese Absicht weiterhin aufrecht ist.

Viele politische und gesellschaftliche Akteure scheinen sich daran zu befriedigen, den Begriff «Genozid» zu missbrauchen, weil er sich für sie als besonders effektives Mittel zur Mobilisierung erwiesen hat. Sie tun dies, um Aufmerksamkeit zu erregen und ihre eigenen Interessen zu rechtfertigen – somit werden in erster Linie die Opfer von Genoziden degradiert und instrumentalisiert.

Das ist ein beunruhigender Wandel, weil er auf einem moralischen Betrug basiert, der sich zur Norm etabliert hat. Darüber hinaus ist es ein Verrat an den Grundprinzipien der Menschenrechtskonventionen sowie an völkerrechtliche Errungenschaften selbst. Dabei ist es offensichtlich, dass im Fall Gaza von Genozid kaum die Rede sein kann, wenn die als Opfer und Freiheitskämpfer dargestellten Akteure wie Hamas ihre Gewalt jederzeit beenden könnten, um die Eskalationsspirale zu stoppen. In der Tat hinterlässt ein Völkermord unverkennbare Spuren: Massengräber, Aufnahmen von sanktionierten Hinrichtungen aus nächster Nähe, dokumentierte Befehle zur Tötung Unschuldiger… Doch, wie Professor John Spencer, Leiter der Studien zur urbanen Kriegsführung in West Point, feststellt, deuten die verfügbaren Beweise in Gaza darauf hin, dass die zivile Opferrate in Gaza für die urbane Kriegsführung dieser Größenordnung historisch niedrig ist.[8]

Rückblickend auf diese Fakten lässt sich herleiten, dass sowohl die Menschenrechte als auch die Möglichkeit zur Koexistenz zwischen Nationen maßgeblich von der kognitiven Klarheit und der Präzision der Sprache abhängen, die wiederum einen moralischen Kompass ausrichten, für dessen Aufrechterhaltung es unverzichtbar ist, Ereignisse objektiv und wahrhaftig zu verstehen und zu adressieren –ohne dass bedeutungsschwere Begriffe aus politischem Opportunismus oder zur Kompensation mangelnden Selbstwertgefühls missbraucht werden. Der Missbrauch von Wörtern verwischt die Trennlinie zwischen Fakt und Fiktion und legt damit den Grundstein für Verbrechen – von Hasskriminalität bis hin zum Genozid. Geht diese klare Trennlinie verloren, schwächen sich die zentralen normativen und kognitiven Orientierungsmechanismen der Gesellschaft ab. In der Folge wird die Fähigkeit beeinträchtigt, diesen Kompass aufrechtzuerhalten sowie die Schutzbedürftigsten zu erkennen und wirksam zu schützen.

Michael Mobasheri ist ein exiliranischer Psychologe (M.Sc.– Studium im Iran), Freelance-Kolumnist bei der Wochenzeitung „Iranshahr News Agency“ (LA, USA und, dem Azadi-Monatsmagazin(Boston, USA und Übersetzer von Sachliteratur. Der Exiliraner ist ein Dissident gegen das islamische Regime im Iran und wegen politischer Verfolgung durch den Gottesstaat lebt er in Deutschland. Er setzt sich für Freundschaftsbrücken zwischen Iran und Israel ein und schreibt Artikel zu den Themen Antisemitismus und Israel-Hass.

Quellen:
[1] zit. n. Victor Klemperer, LTI. Notizbuch eines Philologen, Berlin: Aufbau-Verlag 1947, S. 29f
[2] Prof.Dr.Stephan Grigat, Prof.Dr.Karin Stögner (Hrsg,), Projektiver Antizionismus
Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober, Nomos, 1. Auflage 2025. S. 31 ff. “Open Access Download(PDF)”: https://www.nomos-shop.de/de/p/projektiver-antizionismus-gr-978-3-7560-3514-4
[3] ibid. S. 28 f.
[4] Ephraim Mirvis, Januar 2026, “Genocide is humanity’s gravest crime. It should not be used as a political insult”; cf. https://chiefrabbi.org/all-media/sunday-telegraph-genocide-is-humanitys-gravest-crime/
[5] ibid.
[6] ibid.
[7] ibid.
[8] John Spencer(2025), “I’m a Genocide Scholar. I Know It When I See It”. cf.
https://www.nytimes.com/2025/07/15/opinion/israel-gaza-holocaust-genocide-palestinians.html