Alt-neues Gift in kriselnden Demokratien        

0
288

Lars Rensmann neues Buch widmet sich dem „Politischen Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter“  

Von Olaf Glöckner 

Anfang der 1990er Jahre – der Kalte Krieg hatte ausgehaucht – rief der renommierte US- Politologe Francis Fukuyama „das Ende der Geschichte“ aus. Postkommunistische Staaten und weitere Teile der Welt würden, so die beliebte These, würden westliche Demokratie, Marktwirtschaft und Liberalismus nun ebenfalls verinnerlichen – eine gewaltige Chance für globale Stabilität und mehr Gerechtigkeit. Tatsächlich hielt die progressive Stimmung noch zwei Jahrzehnte an, bis die globale Finanzkrise 2008 neue Unsicherheiten schürte, der arabische Frühling im regionalen Chaos endete und die weltweite Covid-Pandemie ungeahnte existenzielle Fragen heraufbeschwor. Inzwischen sind größere bewaffnete Konflikte hinzugekommen, stecken westliche Demokratien in einer inneren Krise, beeinträchtigen Desinformation und „post-faktische“ Berichterstattung den öffentlichen Raum. Idealer Nährboden also für die Rückkehr von Verschwörungstheorien, Antisemitismus „on top“. Die besonders nach dem 7. Oktober 2023 weltweit rapide gestiegene Zahl antisemitischer Zwischenfälle wie auch die seither spürbar gewachsenen Vorurteile gegen Jüdinnen und Juden wie auch gegen Israel sprechen hier eine eindeutige Sprache.                                                                                     

Lars Rensmann, Politikprofessor an der Universität Passau, verfolgt das Phänomen seit Jahrzehnten. Nun diagnostiziert er die Rückkehr des Antisemitismus im Westen nicht nur an den extremistischen Rändern und in kulturellen wie religiös-fundamentalistischen Milieus. Rensmann sieht eine wachsende Judenfeindschaft dezidiert auch in der politischen Landschaft. In seinem neuesten Buch „Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter“ beschreibt er Entstehungsbedingungen, Erscheinungsformen und auch gesellschaftliche Wirkungen des neuen Phänomens, das letztendlich auch vom digitalen Strukturwandel und dem häufig sorglosen Umgang „quasi-monopolistischer Konzerne wie Google, Meta und Bytedance (TikTok)“ mit hochproblematischen Inhalten profitiere. Hier sieht der Autor, im Einklang mit anderen Extremismus- und Antisemitismusforschern, dass soziale Medien wie TikTok, X oder Instagram im Namen der „Redefreiheit“ und eines „freien Marktes der Meinung“ zu häufig die Verantwortung für weiterverbreitete demokratie- wie gruppenfeindliche Inhalte ignorieren, was sowohl für den öffentlichen Diskurs, aber auch die demokratische Stabilität und das Sicherheitsgefühl gesellschaftlicher Minderheiten – wie etwa der jüdischen – fatale Folgen haben kann.

Autor Rensmann sieht viele westliche Länder längst im Zustand „postfaktischer Demokratie“ und damit in einer bedrohlichen Krise, die häufig auf eine Autokratisierung der gesellschaftlichen Strukturen hinauslaufe. Hier misst er rechtspopulistischen Tendenzen eine besondere Bedeutung bei, konzediert aber auch, dass „der politische Antisemitismus (…) trotz verschiedener Rationalisierungsmuster eine Brückenideologie“ sei, „die verschiedene politische und soziale Gruppen miteinander verbinden kann, die ansonsten wenig miteinander gemein oder zu tun haben“.

In einem der stärksten Kapitel seines Buches weist Lars Rensmann der radikalen Rechten in ausgewählten Ländern (USA, Ungarn, Frankreich, Österreich, Italien) einen „camouflierten“ (verborgenen) Antisemitismus zu, was deren vermeintlich besondere Solidarität mit der jüdischen Welt und Israel deutlich konterkariert. Lieblingsfeind vieler rechtsextremer wie rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen ist der in Ungarn geborene jüdische Unternehmer, Milliardär und Philanthrop George Soros, welcher nach Ende des Kalten Kriege gerade in Osteuropa viel in den Aufbau demokratiefördernder Bildungseinrichtungen und Stiftungen investiert hat. Soros wird von den Rechtsextremen und -populisten unterstellt, mit seinen Milliarden eine „muslimische Masseneinwanderung“ in die EU bewusst zu stimulieren – mit dem Ziel, die christlichen Nationalstaaten in Europa zu destabilisieren.                                                               

Ein separates Kapitel widmet der Autor dem von ihm diagnostizierten „politischen Antisemitismus in der Partei ‚Alternative für Deutschland‘“. Hier geht er u.a. auf Invektiven gegen renommierte jüdische Persönlichkeiten wie Anetta Kahane und Michel Friedman, antisemitische Einstellungen im AfD-Elektorat, die Nähe zu rechtsgerichteten Zeitschriften wie „Sezession“ und „Compact“ und die Plattform „Juden in der AfD“ ein. Auch auf radikalislamistische Einflüsse und ihr hohes Mobilisierungspotential bei anti-israelischen Kundgebungen und Demonstrationen muslimischer Aktivisten in deutschen Städten – wie Berlin und Hamburg – geht der Autor ausführlich ein.  Im Kapitel über politischen Antisemitismus in der globalen radikalen Linken verweist Lars Rensmann zudem darauf, dass gerade der israelbezogener Antisemitismus bei jungen Wähler:innen der „Generation Z“ überdurchschnittlich verbreitet sei, und das auch bei linken Wähler:innen.

Insgesamt vermittelt das brillant geschriebene Buch einen fundierten Überblick über die Rückkehr des politischen Antisemitismus in verschiedenste politische Lager und religiös-kulturelle Milieus, wie wir sie heute insbesondere in Europa vorfinden. Da das Phänomen, wie Rensmann selbst betont, noch relativ neu ist, bleiben viele Fragen im Kontext von (langfristiger) gesellschaftlicher Auswirkung und wirksamer Bekämpfung noch offen. 

Lars Rensmann, Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts. Nomos, Baden-Baden 2025, 301 Seiten, 39,00 €, Bestellen?