„Ein großer Tag für den Weltfrieden“

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Bei einem iranischen Raketenangriff auf Haifa starben in diesem Haus vier Menschen, Foto: IDF

So fasste US-Präsident Trump die Entscheidungen der letzten Nacht zusammen: Nach 39 Tagen Krieg und kurz vor Ablauf seines Ultimatums einigten sich die USA und der Iran auf eine zweiwöchige Waffenpause. Die USA hätten alle militärischen Ziele erreicht – ein „vollständiger Sieg“, so Trump. Die Waffenruhe, die nach Angaben des Vermittlers Pakistan mit sofortiger Wirkung in Kraft trete, ermögliche Verhandlungen auf Grundlage eines vom Iran vorgelegten Plans. Die direkten Friedensgespräche könnten Berichten zufolge bereits am Freitag in Islamabad beginnen. Die Waffenruhe sei jedoch an die Bedingung geknüpft, dass die Straße von Hormus vollständig, unverzüglich und sicher geöffnet werde.

Von einem Waffenstillstand war in Israel heute Nacht indes noch nichts zu bemerken. Mehrmals heulten die Sirenen nach Raketenangriffen aus dem Iran. Aus dem Büro von Premierminister Netanjahu hieß es, Israel unterstütze die Waffenruhe zwar, sie gelte jedoch nicht für den Libanon. Auf diese Mitteilung folgte umgehend scharfe Kritik aus der israelischen Opposition. Yair Lapid schrieb auf X: „Eine solche politische Katastrophe hat es in unserer gesamten Geschichte noch nie gegeben. Israel war nicht einmal an den Entscheidungen beteiligt, die den Kern unserer nationalen Sicherheit betreffen.“ Die Armee habe alles getan, was von ihr verlangt wurde, und die Bevölkerung habe eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit bewiesen, so Lapid. Netanjahu aber sei politisch und strategisch gescheitert und habe keines seiner selbstgesteckten Ziele erreicht. „Es wird Jahre dauern, den politischen und strategischen Schaden zu beheben, den Netanjahu durch Arroganz, Nachlässigkeit und mangelnde strategische Planung angerichtet hat.“

Auch Yair Golan, Vorsitzender der Demokraten, fand deutliche Worte: „Netanjahu hat gelogen. Er versprach einen ‚historischen Sieg‘ und Sicherheit für Generationen, doch in Wirklichkeit erleben wir die schwerste strategische Niederlage, die Israel je erlitten hat. Keines der Ziele wurde erreicht: Das Atomprogramm wurde nicht zerstört, die ballistische Bedrohung besteht weiterhin. Das Regime ist intakt und geht sogar gestärkt aus diesem Krieg hervor. Der Iran besitzt das angereicherte Uran, kontrolliert die Straße von Hormus und diktiert die Bedingungen. Und Israel ist – wie schon in Gaza – wieder nicht mit am Tisch. Es hat keinen Einfluss.“

Tatsächlich müsste ein mögliches Abkommen die für Israel existenziellen Punkte enthalten: ein Ende der Urananreicherung, die Einstellung des Raketenprogramms sowie der Unterstützung der Proxies in der Region. Wirft man einen Blick auf den Zehn-Punkte-Plan, den der Iran den USA vorgelegt hat und der laut Trump eine gute Verhandlungsgrundlage bietet, sind jedoch erhebliche Zweifel angebracht. Für Israel ist das Ergebnis eine bittere Niederlage. Ein Zustand, der immer wieder neue Runden kriegerischer Auseinandersetzungen mit dem Iran festschreibt – ähnlich wie bei Hamas oder Hisbollah –, ist inakzeptabel. Es bleibt abzuwarten, wie Netanjahu dies der Öffentlichkeit als Erfolg verkaufen möchte. Eine Realität, in der „Schutzgeld“ gezahlt werden muss, um die Straße von Hormus zu passieren, ist zudem nicht nur für Israel ein Problem.

Was bleibt, sind die Menschen. Die Zivilbevölkerung im Iran, die dem Regime weiterhin gegenübersteht – einem Regime, das primär um sein Überleben bemüht ist und alles daran setzen wird, neue Protestwellen noch brutaler und unnachgiebiger zu ersticken.

Und die Menschen in Israel, die nach 39 Kriegstagen einfach dort weitermachen sollen, wo sie vorher aufgehört haben. Als ob nichts gewesen wäre. 26 Menschen wurden in Israel durch iranische Raketenangriffe getötet, Tausende haben ihr Zuhause verloren. Das Umschalten fiel schon im Juni nach zwölf Kriegstagen schwer, jetzt wird es umso mühsamer werden – auch weil ungewiss ist, was nach diesen zwei Wochen folgt. 

Für die Bewohner des Nordens bleibt die Bedrohung ganz konkret. Die Armee teilte am Morgen mit, dass die IDF ihre Angriffe gegen den Iran gemäß den Anweisungen der politischen Führung eingestellt habe. Die Kämpfe und Bodenoperationen gegen die Hisbollah im Libanon werden jedoch fortgesetzt. Inwieweit eine Pufferzone im Südlibanon die Bedrohung durch die Terrormiliz beheben kann, bleibt dabei fraglich. Die meisten Raketen, die die Hisbollah derzeit auf Israel abfeuert, stammen nicht aus dem Süden, sondern aus Gebieten nördlich des Litani-Flusses. Seit Wochen drängen Sicherheitsexperten darauf, eine diplomatische Lösung nicht außer Acht zu lassen. Tatsächlich gibt es vonseiten der libanesischen Regierung Schritte, die neue Möglichkeiten eröffnen könnten. Ob die israelische Regierung diese nutzen kann, ist wiederum eine andere Frage.

Während sich am Morgen weltweites Aufatmen über die Waffenruhe breitmacht, bleibt in Israel kein gutes Gefühl. Ein großer Tag für den Weltfrieden? Die kommenden zwei Wochen werden es zeigen. (al)