Ein militärisches Vorgehen gegen die Bedrohung aus dem Iran wird vom gesamten, linken wie rechten zionistischen Lager in Israel unterstützt.
Ein Kommentar Von Stephan Grigat
Zuerst erschienen in: Jungle World v. 12.03.2026
Derzeit wird in zahlreichen Kommentaren kolportiert, die Schläge gegen das Regime in Teheran resultierten aus einer Iran-Obsession des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Doch israelische Regierungen haben nicht erst seit der zweiten Amtszeit von Netanyahu, die 2009 begann, vor dem Atomwaffen- und Raketenprogramm des Ayatollah-Regimes gewarnt. Bereits Anfang der neunziger Jahre wurde der sozialdemokratische Ministerpräsident Yitzhak Rabin von seinen Geheimdiensten darüber informiert, dass die Islamische Republik Iran versucht, in den Besitz der Technologie der Massenvernichtung zu kommen. Seitdem haben sämtliche israelische Regierungen versucht, die EU-Staaten, zu denen bis 2020 auch Großbritannien gehörte, von einer scharfen Isolations- und Sanktionspolitik gegen die Islamische Republik zu überzeugen – womit sie weitgehend gescheitert sind. Ausgerechnet Deutschland und Österreich haben entscheidend dazu beigetragen, dass nun ein militärisches Vorgehen notwendig wurde, weil sie über Dekaden zu den ökonomischen Förderern des Holocaustleugner-Regimes im Iran gehört haben.
Dass Israel sich nun genötigt sieht, gemeinsam mit den USA militärisch gegen das iranische Vernichtungspotential vorzugehen, ist eine unmittelbare Konsequenz aus der verfehlten Iran-Politik der EU-Staaten. Selbst noch nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, das vom iranischen Regime mit ermöglicht und vom nun getöteten Obersten Führer Ali Khamenei als vorbildlich gepriesen wurde, belief sich das jährliche Handelsvolumen der EU-Staaten mit dem Iran auf über vier Milliarden Euro.
Durch die jahrzehntelange Weigerung insbesondere dieser Staaten, nichtmilitärische Möglichkeiten eines Vorgehens gegen das iranische Nuklearwaffenprogramm konsequent auszuschöpfen, rückte die militärische Option in Israel seit Anfang der nuller Jahre ins Zentrum der Debatte. Die fatale Entscheidung Barack Obamas, 2009 die Massenproteste im Iran nicht zu unterstützen (was er heutzutage als Fehler bezeichnet) und stattdessen Verhandlungen und ein auf Illusionen beruhendes Atomabkommen zu bevorzugen, haben diese Diskussionen in Israel weiter angefacht. Zwar war es in israelischen Sicherheitskreisen in den vergangenen Dekaden weitgehender Konsens, dass Militärschläge gegen die iranischen Nuklearanlagen nicht das bevorzugte und – wenn sie von Israel allein durchgeführt werden müssten – ein ausgesprochen riskantes Vorgehen darstellen, aber sie hatten zwangsläufig für jede israelische Regierung eine Option zu sein.
Wie lagerübergreifend das Bewusstsein über die iranische Bedrohung in der israelischen Gesellschaft schon seit langem war, demonstrierte 2010 der ehemalige Vorsitzende der linksliberalen, in scharfer Opposition zu Netanyahu stehenden Meretz-Partei, Yossi Beilin, als auch er klarstellte, dass die militärische Option auf keinen Fall ausgeschlossen werden dürfe. An dieser Konstellation hat sich bis heute nichts geändert: Derzeit spricht sich das gesamte zionistische Lager in Israel bis hin zum Vorsitzenden der linken Demokratischen Partei, Yair Golan, für den Versuch aus, die Bedrohung aus dem Iran dauerhaft zu beseitigen.
Dieser Versuch hätte jede Unterstützung verdient. Erklärungen aus den EU-Staaten hingegen, die zur »Mäßigung«, »Deeskalation« und erneuten Verhandlungen aufrufen, sind die Fortsetzung der fatalen europäischen Appeasement-Politik gegenüber dem Islamisten-Regime im Iran, die zur gegenwärtigen Situation beigetragen hat – und sie konterkarieren das (zumindest rhetorische) Bekenntnis europäischer Regierungen zur konsequenten Bekämpfung des Antisemitismus. Wem angesichts der Ausschaltung einiger der einflussreichsten Antisemiten und der radikalen Dezimierung der militärischen Macht jenes iranischen Regimes, das die zentrale Bedrohung für den jüdischen Staat darstellt, nur Aufrufe zur Mäßigung einfallen, hat entweder nicht verstanden, worum es bei der Bekämpfung des globalen Antisemitismus geht, oder meint diese nicht ernst.
Anders als in den Staaten der EU hat man sich in Israel nie Illusionen darüber gemacht, dass vom iranischen Regime eine spezifische Bedrohung ausgeht, welche die expliziten Vernichtungsdrohungen gegen Israel mit einer islamistischen Märtyrerideologie und dem Streben nach der Technologie der Massenvernichtung kombiniert. Diese Konstellation gebietet es, das Regime, seine Verbündeten und seine globalen Unterstützer ins Zentrum einer zeitgemäßen Kritik des Antisemitismus zu rücken: Die gegenwärtigen Schläge gegen die Machthaber in Teheran und gegen die Hizbollah im Libanon sind ebenso wie das Vorgehen im Zwölftagekrieg im Juni 2025 praktizierte Antisemitismuskritik.
Statt einem Völkerrechtsfetischismus zu huldigen, der ein ebenso eliminatorisch-antizionistisches wie misogynes und massenmörderisches System schützt und seine Opfer im Stich lässt, wäre in den europäischen Hauptstädten Selbstkritik angebracht: Es bräuchte ein Eingeständnis der bisherigen Komplizenschaft mit dem Terrorregime in Teheran und des Scheiterns der eigenen Politik. Was anstünde, wäre eine uneingeschränkte Unterstützung jener aktiven Antisemitismuskritik, als welche das derzeitige israelische und US-amerikanische Vorgehen verstanden werden sollte.



