„Als ich am Strand in Israel Deutsch gehört habe, hat das mein Herz gewärmt“

Ihre Arbeiten sind interdisziplinärere und multimediale Inszenierungen von Themen wie „Heimat“, „Wurzeln“ und „Sprache“. Dazu zählen auch die Dokumentar-Filme „ID. Israelisch-Deutsche Partnerschaften“ und „Überleben – Berlin – Givatayim“. Darüber, wodurch ihre Arbeiten mit jüdischem Bezug entstanden, sprach Anat Manor mit Sharon Adler.

Das Interview mit Anat Manor führte Sharon Adler für das Deutschland Archiv / BpB.
Foto: © Sharon Adler/PIXELMEER, 2022

Sharon Adler: Du bist in Israel geboren und aufgewachsen und 1996 zum ersten Mal für längere Zeit nach Deutschland gekommen. Wie war diese Zeit für dich, wie hast du Deutschland damals erlebt? Welchen Reaktionen bist du begegnet, wenn du erzählt hast, dass du aus Israel kommst?

Anat Manor: Die erste Zeit in Bremen habe ich einerseits als sehr angenehm in Erinnerung. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die sehr herzlich darauf reagierten, wenn sie erfuhren, dass ich aus Israel komme. Ich nehme an, diese Wärme und die Bereitschaft, sich auf mich einzulassen, war auch meiner Herkunft geschuldet. Auf meiner weiteren „Reise“ traf ich Menschen, die offensichtlich Schuldgefühle gegenüber Juden hatten und versuchten, etwas „wiedergutzumachen“. Andererseits beschlich mich oft eine innere Panik, zum Beispiel, wenn ich auf der Straße jemanden nach einer Adresse fragte, denn ich spürte in den Blicken der Menschen eine mangelnde Offenheit gegenüber Ausländerinnen und Ausländern. Ganz andere Erfahrungen machte ich später in Berlin.

Sharon Adler: Zwischen 1997 und 2001 hast du das erste Mal in Berlin gelebt und gearbeitet. Warum hast du dich gerade für Berlin entschieden?

Anat Manor: Nach meinem Militärdienst machte ich eine lange Reise durch Europa, wie es in den 1980er-Jahren üblich war. Israel war für mich zu intensiv und überfüllt. Ich brauchte Raum. Als ich nach Paris kam, wollte ich bleiben und dort leben, aber wie es im Leben manchmal passiert, kam es anders. Ich bin in Deutschland gelandet und ich denke, es war richtig so. Heute kann ich sagen, dass Deutschland meine geistige Heimat ist.

Das erste halbe Jahr lebte ich in Bremen. Dann bin ich durch ein Stipendium an das Jüdische Museum Rendsburg gekommen. In dieser Zeit wurde ich auf eine Vernissage in Hamburg eingeladen und lernte dort ein Paar kennen, das mir zehn Minuten nach unserem Kennenlernen versprach: „Wenn du nach Berlin willst, hast du eine Wohnung!“ Ich war schockiert: „Ihr kennt mich doch gar nicht!“, doch sie erwiderten nur: „Alles in Ordnung“.

Ich nahm sie beim Wort und reiste nach Berlin, um einen Eindruck von der Stadt zu bekommen. Als ich am Bahnhof Zoologischer Garten ankam, wusste ich sofort, dass Berlin die Stadt ist, wo ich leben möchte, wenn ich mich dazu entscheide, in Deutschland zu bleiben. Noch am Bahnsteig habe ich mich in Berlin „verliebt“. Ein paar Monate später zog ich um. Hier fühlte ich mich als „Ausländerin“ frei und entspannt .

Sharon Adler: Hast du damals Kontakte zur Jüdischen Gemeinde, zur jüdisch-israelischen Community, zu anderen jüdisch-israelischen Künstlerinnen gesucht?

Anat Manor: Als ich in Berlin ankam, kannte ich niemanden. Ich hatte die Telefonnummern von zwei nichtjüdischen Berlinern. Die rief ich an, aber beide hatten erst einige Wochen später Zeit. Das kannte ich so nicht. In Israel verabredet man sich spontan. Ich musste lernen, Geduld zu haben. Anfangs suchte ich vor allem Kontakt zu jüdischen Einrichtungen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich als Jüdin fühlte – im Gegensatz zu Reisen in anderen Ländern, wo ich mich immer als Israelin gefühlt hatte. Diese neu entstandene Selbstwahrnehmung als Jüdin, die ein Bewusstsein für das Judentum zu entwickeln begann, weckte in mir das Bedürfnis, mit der Jüdischen Gemeinde in Kontakt zu treten und auch, an einem Ort mit jüdischem Bezug wie dem Centrum Judaicum auszustellen. Dort fand meine erste Einzelausstellung statt.

Damals suchte ich nicht unbedingt den Kontakt zu Israelis; es war mir wichtig, mich in eine andere Kultur einzubringen, eine andere Mentalität kennenzulernen und zu erleben. Das war zumindest das anfängliche Gefühl. Später änderte sich das, und ich war glücklich, Israelis zu treffen.

Sharon Adler: Wie hast du die Berlin-Besuche deiner Eltern erlebt? Welche Erinnerungen hast du an deren Gefühle und Reaktionen?

Anat Manor: Meine Eltern sind in Rumänien geboren. Mein Vater ist 1948 nach Israel eingewandert. Seine Eltern und sein Bruder sind zunächst in Rumänien geblieben und erst ein paar Jahre später nachgekommen. Meine Mutter wanderte 1951 mit ihren Eltern nach Israel ein. Als meine Eltern mich im Jahr 2010 in Berlin besuchten, war meine Mutter begeistert von der Freundlichkeit und Höflichkeit der Deutschen, während mein Vater unruhig wurde, als er die deutsche Sprache auf der Straße hörte; er fühlte sich verfolgt.

Sharon Adler: Wann entstanden deine Arbeiten mit jüdischem Bezug?

Anat Manor: Hier, in Deutschland, ist mir meine jüdische Identität bewusster geworden. Von Beginn an suchte ich eine Verbindung zu meinen jüdischen Wurzeln. Ich fing an, die Synagoge zu besuchen, etwas, das ich seit meiner Kindheit in Israel nicht mehr gemacht hatte. Bevor ich nach Deutschland kam, lag der Tanach (die hebräische Bibel) jahrelang auf meinem Nachttisch – seit meiner Schulzeit ungelesen. Erst in Deutschland habe ich wieder angefangen, das Buch der Bücher zu lesen – diesmal „freiwillig“. Ich wollte meine Werke aus der Bibel „nähren“ und mich davon inspirieren lassen.

Auch diese literarische „Wende“ hat meine künstlerische Arbeit geprägt. In dieser ersten Phase in Deutschland sind mehrere Arbeiten mit genuin jüdischen Motiven entstanden, die teilweise von den Jüdischen Museen in Berlin und Rendsburg erworben worden sind: unter anderem die mit gemischten Techniken kreierte siebenteilige Serie „Die Schöpfung“, die Installation „Zwischen Erde und Himmel“, die Serie „In der Gegenwart leben, an die Vergangenheit erinnern“, die Schachteln mit Fotos vom jüdischen Friedhof Weißensee zeigt, außerdem eine Tagebücher-Hommage an Else Lasker-Schüler. Meine Masterarbeit an der Universität der Künste habe ich 2009 über „Jüdische Tradition und weibliche Dimension des Schabbat-Brotes“ geschrieben.

Sharon Adler: Im gleichen Jahr hast du dazu unter dem Titel „Rundlich – Fraulich – Verflochten“ eine Installation mit Film und Performance gestaltet, die du im Jüdischen Gemeindehaus Berlin gezeigt hast. Inwiefern steht für dich der Schabbat und das Backen der Challah in einer weiblich geprägten Tradition?

Anat Manor: Ausgangspunkt meines thematischen Interesses war zunächst das Brot allgemein mit seinen vielfältigen Symbolen und Bedeutungen. Dabei habe ich mich auf die Challah, das traditionelle Schabbat-Brot, konzentriert.

Der Schabbat verkörpert das Zentrum jüdischen Lebens und ist in hohem Maße weiblich geprägt. Um diesem Tag einen besonderen Charakter zu geben, wird das geflochtene Challah-Brot gebacken. Die Challah gilt als die „goldene Krone“ des Schabbats. Das Challah-Backen ist eine der drei wichtigsten Mitzwot (Gebote), die die traditionelle jüdische Frau erfüllen muss. Sowohl der Frau als auch dem Brot kommen für die Erhaltung und Weitergabe des Lebens eine wichtige Bedeutung zu. In der Regel wird die Challah aus mehreren Teigsträngen geflochten, sodass sie an einen weiblichen Haarzopf erinnert.

Die runde Form der Challah korrespondiert mit den Rundungen des weiblichen Körpers. Indem die Frau den Teig knetet, gestaltet sie sich auf eine gewisse Art und Weise selbst: Die weiche, amorphe und doch feste Konsistenz des Teigs steht für den Körper der Frau. Darüber hinaus symbolisiert die Challah die Flechtarbeit, eine traditionell weibliche Tätigkeit. Der Schabbat ist der siebte Tag der Woche, der für die seelische Erholung und die geistige Erneuerung vorgesehen ist. Es ist auch bemerkenswert, dass die Begriffe „Schabbat“ und „Challah“ im Hebräischen weibliche Wörter sind. Der Schabbat wird in liturgischen und theologischen Texten als „Braut“, als „Prinzessin“ oder als „Königin“ bezeichnet.

Sharon Adler: Vor dem Haus in der Grolmanstraße 51 in Berlin-Charlottenburg, wo du von 1997 bis 1998 gelebt hast, wurden 2015 drei Stolpersteine [1] verlegt. Auch vor dem Haus, in dem du heute lebst, gibt es Stolpersteine. Welchen Einfluss hat die tägliche Begegnung damit auf dein Leben als Jüdin in Deutschland heute? Wie sehr prägt das deine künstlerische Arbeit?

Anat Manor: Hier zu leben, sich jeden Tag zu erinnern und erinnert zu werden, hat in mir ein starkes Bedürfnis geweckt, mich mit der deutsch-jüdischen Katastrophe auseinanderzusetzen. So entstand der Dokumentarfilm „ÜberLeben – Berlin – Givatayim“. Ich begann, daran zu arbeiten, kurz nachdem im März 2018 vor dem Eingang unseres Hauses drei Stolpersteine verlegt wurden. Dieser Tag war für mich ein trauriger Tag. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Ein großer, lange verdrängter Schmerz kam bei mir hoch.

Die tägliche Begegnung mit diesen goldfarbenen Stolpersteinen ist eine tägliche Erinnerung an die Geschichte meines Volkes. Ich „muss“ mich erinnern, muss und will aber auch weiter hier leben. Als ich vor ein paar Tagen unser Haus verließ, sah ich eine Frau, die sich bückte und die Stolpersteine reinigte – das hat mich sehr bewegt. Es war das erste Mal, dass ich jemanden sah, der die Stolpersteine unseres Wohnhauses schrubbte. Mir gefällt es und ich freue mich, zu sehen, dass sie gepflegt und gesäubert werden. Wenn die Steine immer wieder zum Glänzen gebracht werden, verschmelzen sie nicht mit den Pflastersteinen, sondern „erinnern“ dauerhaft an das, was war. Das zeigt mir, dass es zumindest in einem Teil der Gesellschaft eine Art Gedenkkultur gibt.

Sharon Adler: Du bist 2001 nach Israel zurückgekehrt, aber nach sechs Jahren wieder nach Berlin gekommen. Was hat dich zu diesen Schritten bewogen?

Anat Manor: Die Fremdheit und die Anonymität, die ich zu Beginn meines Aufenthalts in Deutschland empfunden hatte, haben meine künstlerische Arbeit stark bereichert. Das war für mich sehr positiv und wesentlich.

Ich fühlte Freiheit und Raum, als anonyme Fremde zu agieren. Es war eine Zeit, in der ich inneren Frieden fand und die es mir erlaubte, fieberhaft zu gestalten. Mir war es auch sehr wichtig, mich in gewisser Weise zu „integrieren“, die Landessprache zu sprechen und keine Touristin zu bleiben, die nur Englisch spricht. Ich habe sofort Deutsch gesprochen. Mir war es egal, dass ich Fehler machte. Ich mochte die Sprache. Irgendwann aber wurde diese befreiende Anonymität und Fremdheit, die am Anfang für mich schön und wichtig waren, durch ein unangenehmes Fremdheitsgefühl ersetzt. Ich ging die Straße entlang, hörte die Sprache, die ich mochte, aber ich sagte mir zugleich: Das ist nicht meine Straße; das ist nicht meine Sprache; das ist nicht mein Land.

Es war ein sehr schweres und bedrückendes Gefühl. Dann begannen konkrete Überlegungen: Was tun? Nach Israel zurückkehren oder trotzdem bleiben? Ich war hier aktiv, hatte gute Kontakte, Profis schätzten meine Kunst. Der Besitzer einer angesehenen Galerie, der überlegte, mich zu den Künstlern der Galerie hinzuzufügen, fragte mich: „Warum gehen Sie gerade jetzt, wo wir beginnen, eine berufliche Beziehung aufzubauen?“ Aus beruflicher Sicht war es nicht richtig, zu gehen und den Prozess zu unterbrechen, aber mein Herz sagte etwas anderes. Ich überzeugte mich selbst, dass die Entscheidung reversibel sei, und tatsächlich war sie umkehrbar.

In den Jahren 2001 bis 2007 war ich aufgrund künstlerischer Aktivitäten viel in Berlin. Ich habe einen Koffer und Kunstwerke hiergelassen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, weder hier noch dort zu sein – unfähig, nach Israel zurückzukehren und einen „Pfahl in die Erde meiner Heimat“ zu stecken. 2007 kehrte ich nach Berlin zurück. Seitdem bin ich in Berlin, inzwischen verheiratet mit einem deutschen Mann. Gerade bin ich von einem Kurzbesuch in Israel zurückgekehrt, und habe dort am Strand ein Gespräch auf Deutsch gehört. Das hat mein Herz gewärmt.

Sharon Adler: In deinem Dokumentarfilm „ID. Israelisch-Deutsche Partnerschaften“ (2013/2015) nimmst du den Mikrokosmos deutsch-israelischer Zweierbeziehungen in den Blick und dokumentierst Einblicke in den Alltag von sieben „gemischten“ Paaren. Bitte berichte von der Arbeit an diesem Projekt. Wie bestimmt oder beeinflusst die Herkunft den Alltag der Paare? Was sind ihre größten Herausforderungen? Was sind deine Erkenntnisse daraus?

Anat Manor: Die gezeigten Beziehungen wären vor 80 Jahren noch ein absolutes Tabu gewesen: gefährlich, verboten, unrein. Und nach allem, was in der Shoah geschehen ist, wären sie auch vor 50 Jahren noch unerhört und beinahe undenkbar gewesen – auf jüdisch-deutscher wie auf jüdisch-israelischer Seite. Heute sind wir an diesem Punkt weitergekommen und unbefangener geworden. Als ich in Deutschland ankam und einen Partner suchte, war es mir wichtig, dass er jüdisch ist – etwas, was sicherlich auf den elterlichen Einfluss zurückzuführen ist. Ich habe aber bald entschieden, dass dies für mich kein Kriterium sein sollte. Es ergab für mich keinen Sinn, im Exil zu leben und nach Religion zu selektieren. So habe ich mich für mehr Möglichkeiten geöffnet.

Ich bin mit Martin verheiratet, den ich „Deutsch-Zionist“ nenne. Das ist meine Antwort, wenn ich gefragt werde, ob er Jude ist. Martin interessiert sich seit seinem achten Lebensjahr für Israel! Er gilt heute als Experte für Antisemitismus und deutsch-israelische Beziehungen. Kein Wunder also, dass wir uns über den Weg gelaufen sind und gefunden haben. Als ich spürte, dass es zwischen uns allerlei Konflikte gibt, wollte ich herausfinden, ob diese mit unseren kulturellen Unterschieden oder mit unseren unterschiedlichen Charakteren zusammenhängen. Eine Beziehung ist niemals eine einfache Angelegenheit, und wenn die Kommunikation in einer fremden Sprache eines der Partner geführt wird, ist es schwierig, Nuancen und Feinheiten auszudrücken. Mir wurde sehr bald klar, dass kulturelle Unterschiede und unterschiedliche Hintergründe potenziellen Konflikten eine weitere Dimension hinzufügen.

So habe ich mich entschieden, über dieses Thema einen Film zu machen. Mir ging es um die persönliche Ebene, um den Mikrokosmos in der deutsch-israelischen Zweierbeziehung. Mit dem Film wollte ich ein oder zwei Fenster bei anderen sogenannten gemischten Paaren öffnen: Ich wollte hineinschauen und herausfinden, wie andere Paare „ticken“, ob sie Konflikte haben wie alle anderen Paare auch, oder ob sie sich von der Masse sogenannter homogener Durchschnittspaare unterscheiden. Die Kernfrage war also, ob Differenzen und Konflikte etwas mit den unterschiedlichen Mentalitäten, Hintergründen und Kulturen zu tun haben, die aufeinandertreffen – oder ob diese Verschiedenheiten nur mit individuellen Persönlichkeitsausprägungen zu tun haben.

Eine andere zentrale Frage war für mich, ob die deutsch-jüdische Vergangenheit Einfluss auf die Beziehung hat – und wenn ja, wie sie sich äußert. Ich war froh, dass sich die Paare mir gegenüber öffneten, denn einige von ihnen kannte ich vorher nicht. Nicht nur an ihren Worten, sondern auch an der Dynamik ihrer Körpersprache ließen sich filmisch gewisse Beziehungs- und Konfliktmuster ablesen.

Manche saßen nah beieinander und berührten sich, andere saßen mit Abstand und schüttelten den Kopf, wenn ihnen an den Worten ihres Partners oder ihrer Partnerin etwas nicht gefiel. Dass die herkunftsbedingten kulturellen Unterschiede die Bandbreite von Konflikten erweitern, zeigen jene zahlreichen Missverständnisse, die nur dem Tonfall geschuldet sind. So interpretieren manche Deutsche die israelische Tonlage in der Kommunikation häufig als „aggressiv“ – auch dann, wenn das überhaupt nicht so gemeint war. Aber die Liebe steht über allem.

Sharon Adler: 2016 hast du am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur in Attenweiler mit einem Kunstobjekt teilgenommen, das den Titel „Entwurzelt-Verbunden“ trägt. Was stellt dieses Kunstobjekt dar, was transportiert der Titel für dich persönlich? In welchen Kontexten fühlst du dich „Entwurzelt-Verbunden “?

Anat Manor: Dieses Kunstobjekt ist ein Teil der אבא-Tata-Papa-Ausstellung – eine Hommage an meinen Vater, die ich im rumänischen Kulturinstitut in Tel Aviv und in der rumänischen Botschaft in Berlin ausgestellt habe. Ausgangspunkt dieser Werke ist die Auseinandersetzung mit den rumänischen Wurzeln meines Vaters und deren Unterbrechung durch seine Einwanderung nach Israel. Mein Vater war sehr stark mit seinen rumänischen Wurzeln verbunden, und er hat sich in Israel nicht richtig integriert. Als ich klein war, hat er oft Rumänisch mit mir gesprochen, besonders auf der Straße. Ich konnte das nicht ertragen und sagte ihm dann immer: „Papa, wir sind in Israel!“

Er schaute meist auch den rumänischen Sender im Fernsehen. Als ich ihn als Erwachsene fragte, warum er das tat, erwiderte er: „Du weißt nicht, was Wurzeln bedeuten!“ „Natürlich weiß ich, was Wurzeln sind“, antwortete ich. „Ich lebe doch in Deutschland!“ Ich selbst hatte mich von den Wurzeln meines Heimatbodens gelöst, natürlich unter anderen Umständen, fand sie aber auf fremdem Boden. Ich empfand mich als „Pflanze in fremder Erde“, die immer wieder ihre Wurzeln sucht. Meine Wurzeln wurden einerseits abgeschnitten, andererseits habe ich sie in Deutschland wiederentdeckt. Hier höre ich regelmäßig israelisches Radio und schaue israelisches Fernsehen, verhalte mich also in Sachen „Herkunftsland“ wie mein Vater.

Die Verbundenheit mit der Heimat, das Streben nach Universalität, die Befreiung von den Fesseln des Ortes und die Anziehung hin zu den Wurzeln sind die beiden Kräfte, die mich antreiben. Hier physisch zu leben, aber mit Geist und Herz auch dort präsent zu sein, schafft gegensätzliche Gefühle: Zugehörigkeit und Fremdheit, Verwurzelung und Fremdheit, wenn Heimat und Vergänglichkeit an beiden Orten zu finden sind. Die Wurzeln der Heimat sind mit den Gräbern der Juden verbunden. Das spiegelt sich in meiner Serie „In der Gegenwart leben, an die Vergangenheit erinnern“ wider.

Sharon Adler: Fühlst du dich heute in Deutschland eher als Jüdin oder eher als Israelin? Oder als eine Kombination aus beidem?

Anat Manor: Heutzutage fühle ich mich zuallererst – in dieser Reihenfolge – als Ausländerin, Israelin und Jüdin. Ich empfinde nicht mehr die frühere, aufregende „Entdeckung“, Jüdin zu sein, zumal mein Jüdischsein in Israel gar kein Thema war, sondern völlig selbstverständlich.

Sharon Adler: In deinem Dokumentarfilm ÜberLeben – Berlin – Givatayim hast du 14 Shoah-Überlebende im Jeanette-Wolff-Heim in Berlin und im Mishan Givatayim in Israel getroffen. Bitte erzähle von der Arbeit an diesem Projekt über die Lebens- und Überlebensgeschichten.

Anat Manor: 2016 ist meine Mutter ins Altenheim Mishan Givatayim gezogen, was nicht einfach für sie war. „Wir sind die Letzten!“, sagte mir eine Bewohnerin des Heims. Dieser Satz hat mir keine Ruhe gelassen, und ich wollte wissen: Wie erleben andere Bewohner*innen, darunter viele Shoah-Überlebende, diese neue Lebensphase? Ich wollte ihre persönlichen Geschichten hören.

Einige Überlebende zögerten, über ihre Vergangenheit zu sprechen, um Wunden und Traumata nicht (wieder) zu öffnen und ihre Kinder nicht zu belasten. Auch ich selbst weiß bis heute nur sehr wenig über das, was meine Mutter erlebt hat – wie und unter welchen Umständen sie die Jahre der Verfolgung überlebt hat.

Bei der Arbeit an „ÜberLeben – Berlin – Givatayim“ habe ich mich auf zwei jüdische Altenheime fokussiert: eines in Berlin und eines in Israel. In beiden Heimen habe ich Menschen getroffen, die von ihren Herkünften, aber auch ihren Überzeugungen her sehr unterschiedlich sind. Die meisten der Befragten öffneten sofort ihr Herz und erzählten von ihren Kindheitserinnerungen und mehr. 14 Menschen, mit Wurzeln unter anderem in Deutschland, Litauen, China, Argentinien, den Niederlanden oder in Rumänien, haben ihre Erfahrungen über die dunklen Zeiten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit mir geteilt.

Erst dachte ich, dass 14 Zeitzeug*innen vielleicht zu viele für dieses Filmprojekt seien; anderseits war es mir wichtig, möglichst viele Stimmen zu Wort kommen zu lassen und zu dokumentieren. Emotional war es nicht einfach, mich diesen extrem schwierigen Lebenserfahrungen in 14-facher Weise während unzähliger Stunden auszusetzen; zugleich war ich aber auch sehr berührt von der optimistischen Willenskraft dieser hochbetagten Menschen. Die Interviews mit ihnen haben meinen Blick auf das wirklich Wichtige im Leben geschärft.

Mein Film unterscheidet sich insofern von anderen Filmen, die sich mit den Zeugnissen von Shoah-Überlebenden befassen, als dass die Protagonistinnen und Protagonisten davon erzählen, was ihnen während der Shoah angetan wurde, aber auch über ihr Leben danach berichten – über das Heute und sogar das Morgen. In wechselnden Szenen bilanzieren die Zeitzeug*innen ihr Leben und erzählen, was sie rückblickend, wenn überhaupt, lieber anders gemacht hätten. Es geht aber auch um Fragen wie diese: Würde Israel ohne den Holocaust existieren? Sollten alle Juden in Israel leben? Was wollen wir an die nächste Generation weitergeben?

Ein weiterer sehr wichtiger Punkt für mich war, den Menschen Freude am und Mut zum Leben zu machen. Viele Kinder und Enkel haben aus beruflichen und anderen Alltagsgründen häufig wenig Gelegenheit, ihre Eltern oder Großeltern in den Altenheimen zu besuchen. Jeder und jede ist mit seinem oder ihrem Leben beschäftigt. Darüber hinaus gibt es auch Bewohner*innen, die keine Familie haben oder aus anderen Gründen selten oder nie Besuch bekommen. So habe ich in beiden Heimen Kunst-Workshops initiiert, indem ich drei- bis vierjährige Kinder mit den alten Menschen zusammengebracht habe: Die Begegnungen – die Interview-Sessions wie auch die Workshops mit Vorschulkindern – haben Freude und Abwechslung ins Leben der Heimbewohner*innen gebracht.

Diese Projektphasen stellten für diese hochbetagten Menschen auch eine Form der Anerkennung dar. Die im gemeinsamen Spiel, im kreativen Schaffensprozess verbrachte Zeit war ein wertvoller Schatz – sowohl für die Jungen als auch für die Alten, die sich gegenseitig Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es ist ein Versuch, Brücken zwischen der Vergangenheit und der Zukunft zu bauen.

Sharon Adler: In deinem Dokumentarfilm „Das Leben ist eine Ganzheit“ [2] widmest du dich der Pädagogin Malka Haas und ihrem Konzept der frühkindlichen Kunsterziehung. Fühlst du dich ihrem pädagogischen Konzept verbunden, und wie integrierst du es selbst in deine Arbeit mit Kindern?

Anat Manor: Besonders als Jüdin, die in einer Stadt lebt, die einen immer wieder mit der Vergangenheit konfrontiert, möchte ich auch die Gegenwart und Zukunft im Blick haben. Wer würde sich besser dazu eignen, diesen Wunsch zu erfüllen, als Kinder?

Den Dokumentarfilm habe ich mit Unterstützung der Stiftung ZURÜCKGEBEN realisiert. Ich fühle mich dem pädagogischen Konzept von Malka Haas [3] sehr verbunden. Sie wurde 1920 im Berlin der Weimarer Republik geboren und flüchtete in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina, als sie 15 Jahre alt war. Erst konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie Künstlerin oder Erzieherin werden wollte und begann ihren beruflichen Weg als „Kindergärtnerin“. Später arbeitete sie in Israel als Pädagogik-Dozentin und entwickelte ein einzigartiges Konzept frühkindlicher Kunsterziehung.

Der Kern ihres Konzepts besteht darin, einen Hof mit Altmaterialien aufzubauen, wo Kinder frei und fantasievoll experimentieren können; darüber hat sie sieben Bücher verfasst. Als Künstlerin veranstalte ich in dieser Tradition ebenfalls Kunst-Projekte und Workshops für Kinder, bei denen sie mit Alltagsgegenständen experimentieren. Auch ich selbst arbeite mit Alltagsgegenständen. So haben sich unsere Wege gekreuzt. Ich sehe darin einen pädagogischen Beitrag für die kommende Generation.

Zur Vita von Anat Manor

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY-NC-ND 3.0 DE – Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland“ veröffentlicht. Autoren/-innen: Anat Manor, Sharon Adler für bpb.de

Fußnoten:

[1] Im Gedenken an die jüdische Familie Gollop, siehe: https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.418877.php, zuletzt aufgerufen am 14.12.2022.
[2] http://anat-manor.net/werk/filme/, zuletzt aufgerufen am 14.12.2022.
[3] Über Malka Haas vgl. auch: Matti Friedman, „Kids Need Dirt and Danger“, The Atlantic, 16.6.2021, https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2021/06/malka-haas-kibbutz-kindergarten-junkyard/619204/, letzter Zugriff 20.12.2022.

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