Andrei S. Markovits – „Proudly rootless Cosmopolitan“

Autobiografische Reflektionen zu einer Suche nach Mitgefühl, Generosität und weltoffener Herzlichkeit

Von Martin Jander

Die Autobiografie von Andrei S. Markovits, “The Passport as Home“, ist vieles zugleich: der sehr süffig lesbare Roman eines Lebens, ein intellektuell-akademisches Statement und nicht zuletzt die Erklärung seines Autors, warum er sich von den demokratischen Linken und ihren Debatten in Europa, besonders von den deutschen, mit denen er sich in seinem Forscherleben häufig beschäftigt hat, abwendet. Der aus Rumänien, über Österreich in die USA ausgewanderte Markovits legt die Rolle eines „public intellectual“ in der Bundesrepublik Deutschland ab. Er wird sich, anders als in der Vergangenheit, nicht mehr in die deutschen politischen Debatten einmischen. Seine Schmerzen sind dabei zu groß. Sein Zuhause sind endgültig die USA. Er versteht sich selbst als einen „proudly rootless cosmopolitan“. Das neue Buch wurde bereits im Oktober 2022 auf einer Lesereise in der Bundesrepublik vorgestellt. Der Neofelis Verlag, der die deutsche Ausgabe des Buches veröffentlicht hat, plant bereits eine zweite Lesereise im Jahr 2023. Die Termine stehen noch nicht fest, man wird sie auf der Seite des Verlags finden.[1]

Foto: privat

Die autobiografischen Geschichten des neuen Buches von Andrei Markovits sind vor allem erstaunlich. Er erläutert auf den mehr als 300 Seiten seinen intellektuellen Werdegang und spart dabei viele, zunächst sehr privat erscheinende Geschichten seines Lebens nicht aus. Wer andere Autobiografien von Intellektuellen und Wissenschaftlern kennt und sie vor seinem inneren Auge mit „The Passport as Home“ vergleicht, wird über die Offenheit und den Detailreichtum der Erzählungen erstaunt sein.

Der Leser erfährt aus dem neuen Buch zwar ganz klassisch, welche Lehrer, Anreger und Mentoren der Autor vieler erfolgreicher und in viele Sprachen übersetzter Bücher hatte. Ganz besonders hebt Markovits die ihn prägende Arbeit am „Center for European Studies at Harvard University“ hervor.[2]

Aber der Leser erfährt in dieser Publikation vor allem etwas über (1) die Kindheit und frühe Jugend des Autors in Timişoara (Rumänien), (2) wie Markovits in Wien, wo er Abitur machte, bereits einen Vorgeschmack auf Amerika bekam, (3) wie der Autor entdeckte, dass Persönliches auch sehr politisch sein kann, (4) was ein Konzert der Rolling Stones in Wien und zwei schallende Ohrfeigen miteinander zu tun haben, (5) wie Markovits nach dem Abitur in New York ankam und sein Traum von Amerika auf die Wirklichkeit der USA traf, (6) wie das Jahr 1968, Markovits studierte an der berühmten Columbia University in New York, die Welt und ihn selbst veränderte, (7) wie der junge Mann bei einem Urlaub in Wien zum ersten Mal die Liebe seines Lebens traf, mit ihr aber erst mehr als 20 Jahre später zusammenleben würde, (8) warum die Band „Grateful Dead“ bis heute wichtig für ihn ist, (9) wie seine Arbeit am „Center for European Studies“ seine späteren Forschungen prägte, (10) wieso Bären und Hunde eine so große Rolle in seinem Leben spielen und (11) warum er die Bundesrepublik Deutschland bewundert, ihm aber „Deutschland“ Beschwerden bereitet.

Die intellektuelle Biografie und die Entwicklung des Menschen Andrei Markovits sind nicht zu trennen. Der Autor öffnet sich mit diesem Buch seinen Lesern in einer Weise, wie sich Menschen meist nur sehr guten Freunden öffnen.

USA, Europa und die Bundesrepublik

In einem Interview zu seinem 70. Geburtstag hat Markovits selbst einen „roten Faden“ durch sein Leben als Politikwissenschaftler und Soziologe gezogen. [3] Der lässt sich im neuen Buch gut finden. Angeregt durch seine Arbeit am „Center for European Studies“, an der Harvard Universität, habe er sich vornehmlich mit Gesellschaften, Politik und Kultur in Europa beschäftigt und dabei einen vergleichenden Ansatz verfolgt. „Amerika Europa“ haben die Herausgeber die Festschrift zum 70. Geburtstag von Markovits deshalb genannt. 

Aber Markovits Denken ist nicht lediglich ein Forschungsansatz. Ob explizit oder implizit, so erfahren wir es in seinen autobiographischen Geschichten, verglich Markovits in seinem ganzen Leben Gesellschaften und einzelne ihrer Phänomene in Europa und den USA. Der aus Rumänien über Österreich in die USA auswandernde jüdische Intellektuelle befragte sich mit seinen Forschungen selbst immer wieder, ob er mit seiner Emigration in die USA richtig gehandelt hatte. Die Herausgeber der Festschrift zum 70. Geburtstag nennen diesen vergleichenden Blick „Transatlantizismus als Erkenntnisstrategie“.

Eine besondere Stellung nahm in der breiten Palette der von Markovits vergleichend betrachteten Phänomene dabei die immer noch nicht abgeschlossene Modernisierung und Zivilisierung der deutschen Gesellschaft ein.[4] Die Festschrift zu Markovits 50. Geburtstag enthielt hauptsächlich Beiträge zu diesem Thema.[5]

Im Alter von 35 Jahren gründete er die renommierte Zeitschrift „German Politics and Society“ und leitete sie lange Jahre. Als er 2012 von der Bundesrepublik mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet wurde, gratulierte das Team der Zeitschrift: „The editorial team at ‚German Politics and Society‘ would like to extend the heartiest of congratulations to Professor Andrei Markovits, the founder and first editor of the journal, who received the Officer’s Cross of the Order of Merit of the Federal Republic of Germany, First Class, in March 2012. This accolade represents one of the most supreme distinctions the Federal Republic of Germany confers upon individuals, whether German or foreign. Andy was recognized for the outstanding scholarly contributions he has made in the fields of the humanities and the social sciences, for his efforts to promote a modern understanding of Germany, and for his engagement with German-American and German-Jewish relations. Well done, Andy — you deserve it!“[6]

Europäische Linke, deutsche 68er

Aber, obwohl der Autor Markovits durch verschiedene Forschungen, Artikel und nicht zuletzt Doktoranden in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik bekannt wurde und deshalb auch als Gesprächspartner für Zeitungen, Radiostationen und Fernsehsender gefragt war, war man an seinen vielen verschiedenen Talenten nicht interessiert. Markovits wurde vor allem als überlebender, jüdischer Holocaustzeuge der „Zweiten Generation“ wahrgenommen und auf diese Rolle reduziert.

Der Andrei Markovits, der ein Fan der Band „Grateful Dead“ und von „Bob Dylan“ ist, ein Kosmopolit mit vielen Herkünften und vielen Sprachen, der Sport liebt und Tiere, insbesondere Hunde, der ein akademischer Lehrer aus Passion ist, ein Jude, den Antisemitismus, die Shoah und Antiamerikanismus immens belasten, der interessierte in der Bundesrepublik weniger. Er hat daher vor einiger Zeit beschlossen, der Leser findet das vor allem im Abschlusskapitel des neuen Buches, die Rolle eines sich an den Diskursen der Bundesrepublik Beteiligenden, des auf jüdische Themen reduzierten Experten, aufzugeben.[7]

In einem Interview mit den Herausgebern der Festschrift zu seinem 70. Geburtstag erklärte Markovits, er wisse, dass viele seiner früheren Freunde und Kollegen ihm seine Abwendung von den für sie so wichtigen Themen wie Antisemitismus, Antiamerikanismus und deutsche Erinnerungskultur übelnähmen. Es täte ihm wirklich leid, diese Freundschaften nicht mehr zu pflegen, „aber diese Leute verstanden nie, wie sehr mich diese Auseinandersetzungen zum Antisemitismus und Antiamerikanismus belastet haben.“ Er wolle mit diesen Dauerthemen der deutschen Debatten, „die unlösbar sind“, in Zukunft so wenig wie möglich zu tun haben.[8]

Markovits: „Was ist das ‚Deutsche‘ an den Grünen“?

Markovits Enttäuschung und Abwendung von demokratischen Linken hat nicht nur etwas mit deutschen Linken in der Tradition der „68er“ zu tun. Seine Enttäuschung und Abwendung bezieht sich auf die demokratische Linke in Europa überhaupt. Die Ablehnung offener demokratischer Gesellschaften, der Antiamerikanismus und der Antisemitismus grassieren in allen Ecken Europas. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität in der Bundesrepublik Deutschland, hat Markovits darüber ein viel gelesenes Buch – „Amerika, dich haßt sich`s besser“ – verfasst. Es liefert einen faszinierenden Überblick über antiamerikanische, demokratiefeindliche und antisemitische Traditionen aus der politischen Rechten und der politischen Linken in den verschiedenen europäischen Kulturen.[9]

Aber, Markovits Enttäuschung und Abwendung von den deutschen 68ern gerät entschiedener. Er hatte sich von ihnen sehr viel erhofft. Drei Jahre nachdem Markovits die Zeitschrift „German Politics and Society“ gegründet hatte, drei Jahre nachdem die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen waren, im Jahr des berühmten „Historikerstreits“, 1986, veröffentlichte er einen Aufsatz mit dem Titel „Was ist das ‚Deutsche‘ an den Grünen? Vergangenheitsaufarbeitung als Voraussetzung politischer Zukunftsbewältigung.“[10] In dem Aufsatz diskutierte er die Notwendigkeit, dass die Partei „Die Grünen“ einen Anstoß für eine Fundamentaldemokratisierung der drei Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus – BRD, DDR, Österreich – geben müssten.

Markovits hoffte damals, dass die Kinder und Enkel der Nazi-Täter und -Mitläufer zu einer solchen Fundamentaldemokratisierung der deutschen Gesellschaft in der Lage wären, weil sie nicht mehr selbst Täter und Mitläufer sind. Beendigung der beständigen Relativierung der Shoah, Übernahme von Haftung und Verantwortung für die deutschen Verbrechen, ein neues Verhältnis zu Israel und Juden, eine Abwendung von den antisemitischen und antiuniversalistischen Traditionen der deutschen politischen Kultur, eine umfassende Verteidigung der offenen Gesellschaften, dass schien Markovits von den Kindern und Enkeln der Nazis erwartbar und auch möglich.

Er hielt eine existenzielle Konfrontation der Nazi-Kinder mit den Verbrechen, eine Fundamentaldemokratisierung der deutschen Gesellschaft, für nötig und möglich, damit sich in den Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus demokratische Vorstellungen von der Rolle der Deutschen in Europa, ihres Verhältnisses zu Israel, den USA, zur Demokratie und nicht zuletzt zu Juden entwickeln könnten.

All das ist damals, als Markovits es aufschrieb, nicht geschehen und auch später nicht. Eine Fundamentaldemokratisierung der deutschen Gesellschaft nach der Shoah ist bis heute ausgeblieben. Es lässt sich sogar davon sprechen, dass sich die Tätergemeinschaft des Nationalsozialismus, die gegen ihren Willen und Widerstand militärisch befreit wurde, heute in eine „Erinnerungsabwehrgemeinschaft“[11] transformiert hat und dass die Kinder und Enkel der Nazis den „Verlust humaner Orientierung“ ihrer Eltern und Großeltern zu großen Teilen weder erkannt noch abgelegt haben.[12]

Moderne und „Discourse of Compassion“

In seinen jüngeren Forschungen geht Markovits immer deutlicher auf den Komplex von Haltungen und Werten zu, die als das Gegenteil des deutschen „Verlusts humaner Orientierung“ (Ralph Giordano) genannt werden könnten. Die autobiografischen Geschichten von Markovits sind eine wahre Fundgrube für diese Suche ihres Autors nach humanistischen Werten und Haltungen. Wie aber drückt man das als Politikwissenschaftler und Soziologe aus?

Markovits hat in seinen Büchern, er beschreibt das detailliert in den autobiografischen Geschichten, eine eigene Interpretation der gesellschaftlichen Änderungen vorgelegt, die mit dem Jahr „1968“ in den westlichen Industriegesellschaften vor sich gingen.[13] Er ist davon überzeugt, dass ein gesellschaftlicher Wandel eingetreten sei, der sich in den verschiedenen Gesellschaften des Westens in unterschiedlicher Weise zeige, aber überall nachweisbar sei. Markovits spricht von der Entstehung eines „Discourse of Compassion“.[14]

Bereits mit seinem Buch „Grün schlägt Rot“ hatte Markovits zusammen mit Philip Gorski eine Interpretation der politischen Linken in der Bundesrepublik geschrieben, in der er auf die Weiterentwicklung der Idee gesellschaftlichen Fortschritts bei den Grünen hinwies.[15] Das klassisch-sozialdemokratische Modell einer Erweiterung gesellschaftlicher Teilhabe aller Individuen nicht nur an den politischen Rechten, sondern auch an Bildung, Wohnung, Gesundheit und allen anderen Sphären sozialen und kulturellen Lebens, ergänzten die Autoren durch eine „fortschrittliche und universalistische Kritik an der Moderne und Modernisierung“, die zugunsten einer erweiterten Autonomie der Individuen die „institutionalisierten Formen der technischen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Rationalität in Frage“ stelle, aber eine „romantische Idealisierung traditioneller Institutionen und Werte wie Familie, Kleinbesitz, Gemeinschaft und Nation“ vermeide.[16]

Diese erweiterte, von Markovits weiterhin universalistisch gedachte Moderne, sieht er als gesellschaftliche Möglichkeit in dem seit den 70er Jahren sich entwickelnden „Discourse of Compassion“ aufscheinen. Dieser Diskurs enthalte, wie Markovits und Katherine Crosby unter Verweis auf Alexis de Toqueville[17], Elazar Bakan[18] und Steven Pinker[19] erläutern, die Forderung, entmachtete und diskriminierte Menschen nicht nur fair und menschlich zu behandeln, sondern ihnen auch die Würde zu verleihen, die sie lange schmerzlich vermissen mussten und die sie zumindest moralisch und nominell, häufig noch nicht in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, den bereits Mächtigen und Privilegierten gleichstelle.[20]  

Bereits in Toquevilles Analyse der Demokratie in Amerika sei die Idee vorhanden, dass eine voranschreitende Gleichheit sozialer Verhältnisse und eine bessere Bekanntschaft mit früher entfernter lebenden Menschen auch zu freundschaftlicheren Umgangsformen führen könnten. Neugierde, Mitgefühl, Generosität und weltoffene Herzlichkeit gelten in diesem Diskurs des Mitgefühls, so Markovits, mehr als Gelehrsamkeit, Intelligenz, Umgangsformen und Leistungen.[21] Frauen und Minderheiten seien die ersten gewesen, die von diesem massiven Wandel im Diskurs, in der Haltung und in der Repräsentation profitiert hätten.

In der bisher letzten großen sozialwissenschaftlichen Recherche über die Bedeutung von Hunderettungsorganisationen für die Entwicklung politischer Kultur in den USA, haben Markovits und Katherine Crosby nicht nur einen Wandel des Bildes von Frauen und Minderheiten in den westlichen Industriegesellschaften konstatiert, sondern, am Beispiel der USA, ausdrücklich auch von Tieren, insbesondere Hunden.

Wendet man sich der Forschung über politische Kulturen zu, ist unbestreitbar, dass Empathie, auch mit diskriminierten Gruppen, eine wichtige Fähigkeit von Menschen darstellt und eine fortschreitende Modernisierung und Zivilisierung politischer Kultur anzeigt.[22] Jüdische Aufklärer, z. B. Moses Mendelsohn, haben immer wieder auf deren Notwendigkeit verwiesen.[23] Dass aber Freundschaft mit Tieren, Aktivität im Tierschutz in gleicher Weise wie Engagement für andere Menschen, ein Signal für eine fortschreitende Zivilisierung der politischen Kultur sein könnten, ist dem Rezensenten nicht einsichtig, Andrei Markovits hingegen ist davon überzeugt.[24]

Der Rezensent sieht in der neuesten intellektuellen Weiterentwicklung von Markovits einen romantischen Zug aufscheinen, den Markovits selbst vor noch nicht langer Zeit ausdrücklich vermeiden wollte. Er wollte die sozialdemokratische Vision der Partizipation aller Menschen an der Gesellschaft durch eine größere Autonomie der Individuen überwinden, ohne in romantische Gemeinschaftskonzeptionen abzugleiten. In der neuen Welt des „discourse of compassion“, den Markovits ausdrücklich auch auf Tiere erweitert, scheint die romantische Vision einer Gemeinschaft von Menschen, Tieren und Natur auf und nicht länger die demokratische Vision erweiterter Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft und ihrer Verwaltung. 

In einem Interview, das in der Festschrift für Markovits zum 70. Geburtstag enthalten ist, sagte er: „Was ist denn Demokratie, wenn es nicht die stete Inkludierung von Exkludierten beinhaltet! Wenn es nicht ‚the granting of complete dignity‘ für Schwache bedeutet. In diesem Sinne ist der Kampf für das Wohl von Hunden und Tieren nur eine andere Frage des ‚democratic struggle‘ von Arbeitern, Frauen, ethnischen Minoritäten und anderer rechtlosen oder nicht voll integrierten Gruppen, wirklich mündige Wesen in dieser Welt zu werden. Insofern sehe ich mein Interesse an Tieren und deren Emanzipation als eine nahtlose Fortsetzung meiner Arbeiten zu Gewerkschaften, Sozialdemokratie und der vielfältigen Welt der Grünen.“[25]

„Rootlessness“

Aber, natürlich wäre es eine grobe Verkürzung Andrei Markovits lediglich als einen Forscher zu betrachten, der die Gesellschaften Europas und der USA miteinander vergleicht, der als Politikwissenschaftler und Soziologe einen „cultural turn“ und auch einen „animal turn“ der westlichen Moderne konstatiert, und der enttäuscht ist von den europäischen, insbesondere von den deutschen demokratischen Linken und ihren Debatten. Markovits ist natürlich viel mehr und die vielen Geschichten von „Passport as Home“ breiten seine vielen anderen Talente, Ideen, Herkünfte und Vorlieben aus.

Markovits beschreibt sich selbst als einen „proudly rootless cosmopolitan.“[26] Er habe, wie es bereits im Untertitel seines Buches heißt, „Comfort in Rootlessness“, gefunden. Der deutsche Verlag hat das mit „Aufgefangen in Wurzellosigkeit“ übersetzt. Michael Ignatieff, ein kanadischer Historiker, Autor, Journalist und Politiker, von 2008 bis 2011 Vorsitzender der Liberalen Partei Kanadas und von 2016 bis 2021 Rektor der „Central European University“ (CES), deren Verlag die englischsprachige Ausgabe des neuen Buches von Markovits publiziert, zeigt sich im Vorwort von Markovits Geschichten begeistert, besonders deshalb, weil der Autor mit einer ganzen Tradition über Juden im Exil zu schreiben, breche.

In „Passport As Home“, so Ignatieff, begegne der Leser einem Juden, der nach dem Holocaust, dem so viele Mitglieder seiner Familie zum Opfer fielen, in Rumänien geboren wurde, zunächst nach Wien und dann in die Vereinigten Staaten emigrierte, der jedoch nicht mit Wut, Nostalgie oder Sehnsucht auf seine verlorenen Wurzeln zurückblicke. Im Gegenteil, die Wurzellosigkeit sei ihm eine Quelle der Freude und nicht der Angst. Er genieße es ein „wurzelloser Kosmopolit“ zu sein, ergreife das antisemitische Ephiteton, das einst die Stalinisten, Faschisten und Nationalisten verwendeten. Sein ganzes Leben lang sei er ein wandernder Jude gewesen und genau das habe ihm erlaubt, frei zu sein.[27]

Andrei S. Markovits: Der Pass mein Zuhause. Aufgefangen in Wurzellosigkeit, Neofelis Verlag 2022, Jüdische Kulturgeschichte in der Moderne, Bd. 26, 326 S., Euro 18,00, Bestellen?

[1] Siehe das Buch von Markovits auf der Website des Neofelis Verlages: https://neofelis-verlag.de/verlagsprogramm/wissenschaft/auto-biografie/1051/der-pass-mein-zuhause
[2] Siehe die Publikationsliste von Markovits auf seiner persönlichen Website: http://www.andymarkovits.com/publications.asp. Nicht immer ist Wikipedia eine gute Quelle. Das englischsprachige Wikipedia gibt jedoch einen guten ersten Überblick über Markovits Leben und seine wichtigen Veröffentlichungen: https://en.wikipedia.org/wiki/Andrei_Markovits
[3] Siehe zu dem inneren Zusammenhang der Forschungen von Markovits sein Interview mit Heiko Beyer und Martin Krauß: Heiko Beyer, Martin Krauß (Hg.), Amerika Europa. Transatlantizismus als Erkenntnisstrategie, Berlin 2020, S. 179 – 196.
[4] Markovits letzte große Arbeit dazu ist: Andrei Markovits und Simon Reich (1997). The German Predicament. New York, Cornell University Press. Die deutsche Ausgabe: Andrei Markovits und Simon Reich (1998). Das deutsche Dilemma. Berlin, Alexander Fest Verlag.
[5] Siehe: Carl Lankowski (ed.), Breakdown, Breakup, Breakthrough: Germany’s difficult passage to modernity, New York 1999.
[6] Übersetzung Martin Jander: „Die Redaktion von Deutsche Politik und Gesellschaft gratuliert Professor Andrei Markovits, dem Gründer und ersten Herausgeber der Zeitschrift, der im März 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet wurde, ganz herzlich. Diese Auszeichnung ist eine der höchsten Ehrungen, die die Bundesrepublik Deutschland an deutsche und ausländische Persönlichkeiten vergibt. Andy wurde für seine herausragenden wissenschaftlichen Beiträge auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften, für seine Bemühungen um ein modernes Deutschlandverständnis und für sein Engagement in den deutsch-amerikanischen und deutsch-jüdischen Beziehungen ausgezeichnet. Gut gemacht, Andy – du hast es verdient!“ (https://ciaotest.cc.columbia.edu/journals/gps/v30i3/index.html).
[7] Siehe dazu besonders: Andrei Markovits, Germany: Admiration for the Bundesrepublik, Discomfort with Deutschland, in: Andrei Markovits, The Passport as Home, Budapest – Wien – New York 2021, S. 265 – 304. In der deutschen Ausgabe S. 277 – 314.  
[8] Zitiert nach: Heiko Beyer, Martin Krauß (Hg.), Amerika Europa, Transatlantismus als Erkenntnisstrategie, Berlin 2020, S. 185.
[9] Siehe: Andrei Markovits, Amerika, Dich haßt sich`s besser. Antisemitismus und Antiamerikanismus in Europa, Hamburg 2004; Andrei Markovits, Uncouth Nation. Why Europe Dislikes America, Princeton 2007.  
[10] Andrei Markovits, Was ist das „Deutsche“ an den Grünen?, in: Otto Kallscheuer (Hg.), Die Grünen – Letzte Wahl, Berlin 1986, S. 146 – 163.
[11] Zitiert nach: Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Berlin Leipzig 2020, S. 7. 
[12] Zitiert nach: Ralph Giordano, Die zweite Schuld oder Von der Last ein Deutscher zu sein, München 1990, S. 29.
[13] Siehe: Andrei Markovits, Columbia 1968: How the World – and Andy – Changed in a Single Year, in: Andrei Markovits, a. a. O., S. 131 – 166. In der deutschen Ausgabe S. 149 – 182.
[14] Siehe dazu gerafft: Andrei Markovits, Katherine Crosby, From Property to Family. American Dog Rescue and the Discourse of Compassion, Ann Arbor 2014, S. 1-34.
[15] Siehe: Andrei Markovits, Philip Gorski, Einleitung, in: Andrei Markovits, Philip Gorski, Grün schlägt Rot. Die deutsche Linke nach 1945, Hamburg 1997, S. 13 – 54.
[16] Zitiert nach: Ebenda., S. 32.
[17] Alexis de Toqueville, Democracy in Amerika, New York 1961.
[18] Elazar Bakarn, The Guilt of Nations, New York 2000.
[19] Steven Pinker, The Better Angels of Our Nature, London 2012.
[20] Andrei Markovits, Katherine Crosby, From Property to Family. American Dog Rescue and the Discourse of Compassion, Michigan 2014, S. 1 – 34.
[21] Siehe dazu: Andrei Markovits, Dogs: The Rescuer Rescues Himself, in: Andrei Markovits, The Passport, a.a.O., S. 257 – 264. In der deutschen Ausgabe S. 269 – 276.
[22] Siehe dazu zum Beispiel: Natan Sznaider, Politik des Mitgefühls. Weinheim, Belz. Siehe dazu auch: Natan Sznaider (2022). Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus. München, Hanser Verlag.  
[23] Siehe dazu: Shulamit Volkov, Deutschland aus jüdischer Sicht. München S. 20-22.
[24] Siehe dazu besonders: Andrei Markovits, Columbia 1968: How the World – and Andy – Changed in a Single Year, in: Andrei Markovits, a. a. O., S. 131 – 166. In der deutschen Ausgabe S. 149 – 182. Und zusätzlich: Andrei Markovits, Dogs: The Rescuer Rescues Himself, in: Andrei Markovits, The Passport, a.a.O., S. 257 – 264. In der deutschen Ausgabe S. 269 – 276. Siehe auch: Andrei Markovits, 1968 und der Diskurs des Mitgefühls: Der lange Marsch zur sozialen Inklusion, Vortrag, 5. Juni 2018 in Stuttgart (http://emafrie.de/1968-und-der-diskurs-des-mitgefuehls-der-lange-marsch-zur-sozialen-inklusion/#more-5054).
[25] Zitiert nach: „Damit alle wirklich mündige Wesen in dieser Welt werden“, in: Heiko Beyer, Martin Krauß (Hg.), Amerika Europa. Transatlantizismus als Erkenntnisstrategie, Berlin 2020, S. 192.
[26] Zitiert nach: Andrei Markovits, The Passport as Home, Budapest – Wien – New York 2021, S. 4. In der deutschen Ausgabe S. 32.  
[27] Siehe dazu: Michael Ignatieff, Foreword, in: Andrei Markovits, The Passport, a.a.O., S. vii. In der deutschen Ausgabe S. 16.

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