Der 1939 geborene Schriftsteller Amos Oz gehörte hierzulande zu den bekanntesten israelischen Intellektuellen Israels. Er starb vor acht Jahren im Alter von 79 Jahren und hinterließ eine Vielzahl von literarischen und essayistischen Schriften.
Von Roland Kaufhold
2023 veröffentlichte sein befreundeter und noch vier Jahre älterer Freund und Kollege Robert „Uri“ Alter, in New York wirkender jüdischer Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer für Hebräische Literatur, eine schmale, gut lesbare Biografie von Amos Oz. Diese ist mit Autor, Friedensaktivist, Ikone betitelt. Sie wirft ein Licht auf zentrale, Amos Oz prägende Ereignisse aus dessen komplexer, herausfordernder Vita.
Kindheit: „…dieses plötzliche Verlassenwerden von seiner Mutter“
In Amos Oz berühmtestem voluminösen, autobiografisch geprägtem Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, auf welches Robert Alter, autobiografische Bezüge herstellend, vielfach verweist, findet sich viel Verstörendes und Oz‘ Biografie Vermittelndes: Oz Vater Amos Klausner, 1910 in Odessa geboren, war 1923 nach antisemitischen Verfolgungserfahrungen nach Palästina gelangt, 25 Jahre vor der Staatsgründung Israels.
Dort, an der Hebräischen Universität, lernte er die attraktive Fania Rivka (1913-1952) kennen. Fania hatte zuvor in Prag mit dem Studium begonnen und war 1934 von der Ukraine nach Palästina gegangen. Ein halbes Jahr später lernte sie Amos Klausner kennen und lieben. 1938 heirateten sie. Sie passten jedoch wohl nicht gut zusammen, der pedantische Bücherliebhaber und die melancholische, Gedichte liebende und zunehmend in eine Depression und dann in eine Psychose abgleitende Frau.
1952, da war Amos 13, nahm sich seine Mutter Fania das Leben. Amos vermochte hierüber über Jahrzehnte kaum zu sprechen und auch nur höchst selten hierüber zu schreiben – „Über meine Mutter habe ich mein Leben lang fast nie gesprochen.“ Es war wohl vor allem auch der Verlust ihrer geistigen und kulturellen Heimat Europa und das Gefühl einer auch in Israel bleibenden Einsamkeit, die auch der neue jüdisch-familiäre Nationalismus nicht zu kompensieren vermochte, die ihre schwere psychische Krankheit und dann ihren Suizid auslöste. Damit stehe seine Familie jedoch nicht alleine sondern sei weitgehend repräsentativ für die Gründergeneration des Staates Israel.
Erstmals gelang ihm das Schreiben über seine Mutter in seinem lyrischen Band Allein das Meer, der soeben bei Suhrkamp neu aufgelegt worden ist (eine Rezension auf haGalil wird folgen).
Erst 1979, nach 19 Jahren Ehe, erwähnte Amos Oz diese innere Verlorenheit und Ausstoßung gegenüber seiner Ehefrau Nily zum ersten Mal. Diesen unermesslichen Schmerz über „dieses plötzliche Verlassenwerden von seiner Mutter“ (S. 16) habe Amos Oz bis zu seinem Tode verspürt.
30 Seiten weiter im Buch kehrt Robert Alter noch einmal zu dieser traumatischen Erfahrung des Suizides zurück. Anfangs habe der junge Amos Wut über diese Ablehnung seiner selbst empfunden. Als solche empfand er den Selbstmord seiner Mutter: „Ich war wütend auf sie, weil sie gegangen war, ohne Verabschiedung, ohne Umarmung, ohne ein Wort der Erklärung.“ (S. 44) Wenige Wochen später wich die Wut der Schuld: „Je weniger ich meine Mutter hasste, desto mehr verabscheute ich mich selbst.“ (S. 44) Wenn er ein besserer Sohn gewesen wäre, so fantasierte er wohl auch unbewusst, hätte sie ihn gewiss nicht verlassen. Die Schuldgefühle begleiteten Amos Oz bis zu seinem Tode im Jahr 1988, „noch im Sterben quälten sie ihn.“ (S. 44)
Danach war nichts mehr so wie zuvor. Amos empfand sein Zusammenleben mit seinem Vater nun als eine „klaustrophobe Einkerkerung“ (S. 19).
Ein früher Konservativer
Mit zehn Jahren verstand sich Amos Oz, bedingt durch seinen teils sehr konservativen Familienkreis, eher als einen Konservativen. Die unversöhnlichen Spannungen zwischen „links“ und „rechts waren bereits direkt nach der Staatsgründung 1948 vorhanden: „Man verachtete und man dämonisierte die jeweils andere Seite.“ (S. 40)
Zehnjährig nahm ihn sein konservativer Großvater zu einer Cherut-Kundgebung – der konservativ-revisionistischen Partei von Begin und Schamir – im Jerusalemer Edison Saal mit. Amos war desillusioniert, als er den mächtigen, von ihm verehrten Kämpfer Menachem Begin als eine schmächtige, zartgliedrige Person gewahr wurde. Bei der Kampfesrede Begins brach der Zehnjährige ob dieser ihn überraschender Diskrepanz in ein Gelächter aus, worauf ihn sein Großvater an den Ohren packte und aus dem Saal zerrte. Dies sei der Moment gewesen, beteuerte Amos gegenüber seinem Freund Robert Alter, „in dem er für immer mit dem rechten Zionismus brach.“ (S. 42)
Frühe Kontakte zu jüdischen Intellektuellen
Amos hatte früh persönliche Kontakte zu jüdischen Intellektuellen und Schriftstellern, so zu seinem Onkel Joseph Klausner, (1874 – 1958), der, 1919 aus der Nähe von Odessa nach Palästina eingewandert, in den 1920er Jahren eine Professur für moderne hebräische Literatur inne hatte; wie auch zu dem Schriftsteller Samuel Joseph Agnon. Der tief religiöse, aus der Ukraine gebürtige Agnon, geboren unter dem Namen Samuel Josef Czaczkes, erhielt 1966 – gemeinsam mit Nelly Sachs – den Literatur-Nobelpreis. Diese literarische Ehre ist bisher ansonsten noch keinem Israeli gewährt worden. Selbst Amoz Oz wurde niemals mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet, obwohl sein Name oft auf der Kandidatenliste stand.
Die Bindung zu Agnon vermochte Amos über Jahrzehnte aufrecht zu halten. Er kam früh mit sehr unterschiedlichen politischen Positionen in Berührung, auch mit sehr rechten Zionisten. Diese Vielfalt bereitete ihm keine Schwierigkeiten. Auch in seinem 1982er Buch Im Lande Israel (Kaufhold 2026a) , seine literarisch-politische Befragung seines Landes nach dem 1982er Libanonkrieg, sollte er, als intellektuell-politischer Brückenbauer, diese schwer erträgliche politische Pluralität aufrecht erhalten.
1948: „Dem Jubel folgte in den nächsten Tagen Artilleriebeschuss“
Achtjährig, Ende 1947, erlebte Amos Oz die Entscheidung der UNO-Vollversammlung zur staatlichen Unabhängigkeit Israels von der britischen Mandatsregierung und zur Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Die Antwort der arabischen Staaten war, wie in den Jahrzehnten danach immer wieder, eine unverantwortliche, politikunfähige Verweigerung einer friedlichen Konfliktlösung: „Dem Jubel folgte in den nächsten Tagen Artilleriebeschuss von der jordanischen Seite auf die jüdischen Stadtteile Jerusalems“ (S. 27). Schon als Kind entwickelte Amos Oz keinerlei Illusionen über seine individuelle wie auch seine kollektive existentielle Gefährdung. Oz war auch als Sprecher von Peace Now niemals ein naiver Pazifist (Kaufhold 2026a). Nein, Oz trat immer schon vor einem halben Jahrhundert entschieden für Gespräche mit der PLO wie auch für einen Krieg gegen die PLO ein. Hierin sehe er keinen Widerspruch, betonte er immer wieder in seinen Reden und Texten: Die PLO müsse mit den Mitteln bekämpft werden, „mit denen man eine Terrororganisation bekämpft.“ (Kaufhold 2026b)
Früh erlebte Grausamkeiten
Amos Oz habe, so sein Biograf Alter, immer wieder grenzenlose Grausamkeit erlebt, auch später als Soldat der israelischen Armee, aber er habe hierüber nur sehr selten geschrieben. Die Grübelei über die Schrecken der Vergangenheit führe doch nur „zu Hass und Rachegelüsten“ (S. 29), was dem späteren Hauptvertreter von Peace Now nie als eine sinnvolle Strategie der Lebens- und Zukunftsgestaltung erschienen sei.
Amos Oz wird in der nun vorliegenden Biografie als ein überaus talentiertes Kind beschrieben, das schon mit vier Jahren Karten zu lesen vermochte, die den Kriegsverlauf zeigten. Auch seine vielsprachige Mutter war eine begeisterte Leserin, bis die schwere Depression ihren Lebenswillen zerstörte. Amos wurde seelisch ein Teil dieser toxischen Tragödie. Seine Mutter habe ihn so früh zu einem Schriftsteller gemacht und habe ihn verschiedentlich gebeten, gemeinsame Geschichten selbst zu Ende zu fantasieren und zu erzählen. So habe er, der zartgliedrige, schmächtige Junge, bereits sehr früh beschlossen, ein Schriftsteller zu werden.
Robert Alter schlägt als Interpretationsthese vor, dass Oz Eine Geschichte von Liebe und Finsternis vor allem ein Portrait des Künstlers als kleiner Junge sei. Das Drama seiner früh verletzten, in das ihnen anfangs unbekannte, arme Palästina geflohenen bzw. eingewanderten Eltern habe „eine Wunde“ hinterlassen, „die nie verheilte.“ (S. 34) Dieses belastende Beziehungsgeflecht seiner Eltern entfaltet der Autor nachfolgend ausführlicher.
15-jährig: Umzug in den Kibbuz
Nach dem Suizid seiner Mutter, welcher in Amos eine sprachlose Leere und Verlassenheit auslöste, brach auch seine Beziehung zu seinem in der Periodika-Abteilung der späteren Nationalbibliothek arbeitenden Vater ab.
1954, da war Amos erst 15, verließ er seinen Vater und zog alleine in den Kibbuz Hulda. Er verstand sich nun als Sozialist. Dort nahm er den hebräischen Namen Oz („Kraft“) an. Nach seinem Militärdienst bei der Nachal-Brigade kehrte er in den Kibbuz zurück und wurde dort offizielles Mitglied.
Kibbuz, Liebe, Armee
Mit „Kibbuz, Liebe, Armee“ ist auch ein Kapitel in Alters Buch betitelt. Dem linken Kibbuz-Ideal blieb Amos Oz zeitlebens verbunden. 33 Jahre lang, bis 1987, blieb Amos Oz in Hulda. Der Kibbuz genehmigte dem Intellektuellen ein Studium der Literaturwissenschaften und des Lehramtes. Diese folgende Lehrtätigkeit an dem Gymnasium seines Kibbuz hielt Amos Oz auch noch viele Jahre nach seinem internationalen Ruhm aufrecht; der größte Teil seiner internationalen Honorare floss in die Kibbuz-Kasse.
Das liberal-freizügige Leben in Hulda war für ihn anfangs ein Schock: Die sexuelle Freizügigkeit im Kibbuz war ihm unvertraut und erschreckte ihn. Oz blieb in der Lebensgemeinschaft des Kollektivs nach Robert Alters Wahrnehmung ein Einzelgänger. Und doch verkörperte der Kibbuz Oz´ intellektuelle Befreiung von dem konservativen Geist, den er in seiner Familie prägend erlebt hatte. Einige befreundete Kibbuzmitglieder, die Amos zugeneigt waren, empfanden Amos, gewissermaßen psychoanalytisch geschult, ob seiner verschlissenen Kleidung und seiner löchrigen Schuhe als einen „Waisen“ (S. 53) – was er seelisch in den ersten Kibbuz-Jahren ja auch war. Amos Oz gelang es, einzelne Bindungen zu Kibbuzmitgliedern herzustellen; vereinzelt vermochte er diese ein Leben lang aufrecht zu erhalten. Seine Bindungsfähigkeit war trotz seiner vielfältigen Traumata erhalten geblieben. Er kultivierte diese in seiner Literatur innerlich und dann auch in seinen Werken öffentlich weiter.
Amos Oz, der bereits in seiner Schülerzeitung publiziert hatte, schrieb anfangs nur nachts, da er tagsüber an sechs Tagen in der Woche, wie alle Kibbuzmitglieder, seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit sowie der Tätigkeit bei der Weinernte nachging. Schrittweise gewährte man ihm wegen seiner zunehmend beachtlichen Honorare eine Freistellung für einige Tage in der Woche, um mehr Zeit für das Schreiben zu haben. Sein Ruhm als eigenständige israelische literarische Stimme wuchs rasch: 1960 verfasste er zwanzigjährig in der Tageszeitung Davar, als Antwort auf den hochverehrten Ministerpräsidenten Ben Gurion (1886 – 1973), einen Entwurf, in dem er auf den Gleichheitsgedanken der Kibbuz-Idee insistierte. Ben Gurion lud den 53 Jahre jüngeren Autor daraufhin zu einem Gespräch in sein Büro ein (S. 155).
Amos Oz ersten Erzählungen und Romane handelten, wie Robert Alter darstellt, vor allem vom Leben von Kibbuzbewohnern sowie von Familien im jungen jüdischen Staat. Es war ein Versuch des jungen Familienvaters. Amos entwickelte einen eigenen Stil, der ihn bald sogar international berühmt machte – was ihm zugleich Neider und Denunzianten einhandelte, so Alter.
Eine Lehrerin führte den zurückhaltenden 16-Jährigen in die Liebe ein. In seiner Militärzeit wurde Amos nach Robert Alters Beschreibung deutlich selbstbewusster. Und er errang sogar die Position eines Kommandeurs des Panzerkorbs. In seiner Zeit als IDF-Reservist von 1967 bis 1973 erkannte sein Vorgesetzter, der General Jisrael Tal, der sein lebenslanger Freund bleiben sollte, Amos Oz´ sprachliches Talent und ließ ihn beim 1967er Sechstagekrieg die Freiheit, die Soldaten in literarischer Weise für ihren Militäreinsatz gegen den Feind zu ermutigen. Nach der Beendigung der Kampfhandlungen kam es sogar zu kleinen Verhandlungsgesprächen zwischen ihm und dem ägyptischen Militärsprecher. Der inoffizielle Politiker und Dialogpartner für eine zweistaatliche Verständigung war geboren.
1976 hatte Amos Oz bei einem Autounfall ein Nahtoderlebnis. Seine Frau Nily und seine Tochter Fania blieben unverletzt; seine Tochter Galia, die in seinen letzten Lebensjahren vollständig mit ihm brach, erlitt leichte Verletzungen. Amos blieb nahezu ein halbes Jahr lang auf der Intensivstation.
Der junge Schriftsteller
Amos Oz´ internationale Karriere wird in dem Kapitel „Der Schriftsteller“ (S. 79ff) nachgezeichnet. In einigen neuen Texten (Kaufhold 2026a, b) habe ich hierüber geschrieben. Mit zehn Jahren zeigte er seiner Lehrerin seine ersten Texte. 16 Jahre später war er nach dem Erscheinen seiner Erzählungen Wo die Schakale heulen und Mein Michel in Israel bereits eine herausragende literarische Stimme. Hieraus erwuchsen Freundschaften zu Schriftstellerkollegen, vor allem zu A. B. Jehoschua, mit dem er bei Peace Now ab 1976 gemeinsam politisch für eine Zweistaatenlösung eintrat.
Anfangs zog es Amos Oz nicht auf die große Bühne in Tel Aviv. So besuchten ihn viele seiner Kollegen in seinem Kibbuz.
1986, da waren ihre drei Kinder schon lange selbständig, verließen Amos und Nily, trotz aller inneren Loyalitäten, den Kibbuz Hulda und zogen in die südlich gelegene, neu gegründete Stadt Arad im Negev. Arad lag nur 45 Kilometer von Beerscheba entfernt, wo Oz an der dortigen Ben Gurion Universität eine Professur für Literaturwissenschaft übernahm. Diese gab er erst 2014, da war er 75, auf, und Nily und Amos zogen in die Metropole Tel Aviv. Dort setzte er sein literarisches Engagement fort. Sein letzter Roman Judas (2014), erneut von Mirjam Pressler übersetzt, errang weiterhin internationalen Weltruhm. Hierin findet sich eine Zusammenschau von Religionsgeschichte und Politik, eine ausweglose Liebesgeschichte sowie eine versöhnliche Beziehung zwischen einem Vater und dessen Sohn (S. 112-118).
Freunde, Familie und Öffentlichkeit
Ausführlicher beleuchtet Robert Alter die Familie von Amos Oz und dessen engeres Umfeld. Der Schriftsteller S. Yizhar (Yizhar Smilansky) (1916 – 2006) gehörte zu seinem engen Freundeskreis. Nach Jahrzehnten des literarischen Schweigens hatte der liberale Zionist und Schriftsteller S. Yizhar 1992 mit seinem Roman Auftakt wieder internationales Gehör als das Gewissen Israels gefunden und den Umgang Israels mit den Arabern scharf kritisiert. Sie trafen sich nahezu wöchentlich in Yizhars Haus in Rehovot – sofern sein Kibbuz ihm und Nily ein Auto zur Verfügung stellte. Die Literaturagentin Nurith Gertz war eine weitere enge Vertraute. Amos Oz internationalen Auftritte mehrten sich, und Oz vermochte nun regelmäßig in internationalen Millionenstädten aufzutreten. Er war ein beliebter Interviewgast. So trat er auch mehrfach in Oxford auf, wo seine 1961 geborene Tochter Fania Oz-Salzberger, die spätere Politik-Hochschullehrerin in Haifa und zugleich seine politische Vertraute, später Geschichte und Philosophier studieren sollte (Kaufhold 2024).
2013 veröffentlichten Amos und Fania Oz-Salzberger gemeinsam das Buch Juden und Worte. 2018 hielt Fania auch die Grabrede auf ihren Vater Amos.
Die tragische Beziehung zwischen Amos Oz und seiner Tochter Galia, der Jüngeren der beiden Töchter, wird ausführlicher beleuchtet. Galia hatte wenige Jahre vor Amos Oz Tod jeden Kontakt mit ihm abgebrochen und war auch seiner Beerdigungsfeier ferngeblieben. Posthum machte sie ihm in einem Buch schwere Vorwürfe, um seinen Ruf nachhaltig zu schädigen. Diese wurden von Nily, Daniel und Fania Oz „taktvoll und diskret“ (S. 131) als unangemessen zurück gewiesen (S. 130-135): Sie nähmen ihren „offensichtlichen und herzzerreißenden Schmerz“ zur Kenntnis, sie selbst hätten jedoch „ihr Leben lang einen anderen, einen warmherzigen und zärtlichen Vater gekannt, der seine Familie von ganzem Herzen geliebt habe.“ (S. 131)
Alter fügt auch ergänzend Anmerkungen von Amos Oz über die im Kibbuz praktizierte teilweise Trennung zwischen Kindern und ihren Eltern hinzu: Amos Oz erscheint diese Trennung im Rückblick, aus seiner eigenen Erfahrung heraus, als eher problematisch und teilweise als schmerzhaft.
Diese Debatten haben mich an die posthumen Angriffe gegen den jüdischen österreichisch-amerikanischen Psychoanalytiker Bruno Bettelheim erinnert, über den ich vor mehreren Jahrzehnten mehrere Bücher geschrieben habe (Kaufhold 2001).
Robert Alter beleuchtet und reflektiert an dieser Stelle auch seine eigene Freundschaft mit dem vier Jahre jüngeren Amos: Ihre Freundschaft sei ihm selbst „immer ausgesprochen unkompliziert“ erschienen, „vielleicht weil wir viele literarische Vorlieben und politische Ansichten teilten.“ (S. 129).
Der internationale Aktivist für eine Zwei-Staaten-Lösung
Amos Oz wurde hierzulande vor allem auch als wortmächtiger Sprecher der israelischen Friedensinitiative Schalom Achschaw – Peace Now bekannt. 1978 gehörte er zu deren Mitbegründern, und Amos Oz engagierte sich für Jahrzehnte für diese. Ihr politisches Hauptziel war, pragmatisch: Eine Zwei-Staaten-Lösung. Innerisraelisch repräsentierte diese liberal-aufgeklärte Gruppierung vor allem das linke und liberale politische Spektrum Israels.
Vor allem letztlich antizionistisch orientierte radikale kleine Gruppierungen in Israel wie etwa die u.a. von Uri Avnery (1923 – 2018) gegründeten Gruppierung Gush Shalom („Friedensblock“) vertraten letztlich, wenn man politisch ehrlich argumentiert, sehr andere Zielsetzungen (Kaufhold 2003/2018).
Im Kapitel „Der Aktivist“ wird dieses Engagement beschrieben: Neben Amos Oz gehörten die beiden progressiven Schriftsteller A. B. Jehoschua und David Grossmann, mit denen Oz befreundet war, zu den Hauptvertretern dieser „bürgerlich“-pragmatischen, zionistischen Friedensbewegung. David Grossman selbst zahlte einen hohen Preis für die kriegerischen Auseinandersetzungen: 2006 war sein Sohn Uri im Libanonkrieg als Soldat gefallen.
Amos Oz hatte sich bereits als junger Mann leidenschaftlich für politische Probleme und für eine friedlichere Zukunft Israels interessiert. Oz spürte in sich Jahrzehnte lang den dringenden Wunsch, vor allem Israelis durch seine Vorträge wie auch durch seine Bücher für ein „friedenspolitische“, eine an Ausgleich orientiertem Konfliktlösung zu gewinnen. Noch im Junin 2018, sechs Monate vor seinem Tod in Folge seiner Krebserkrankung, hielt er an der Tel Aviver Universität einen Vortrag über Möglichkeiten einer Zwei Staaten-Lösung. Am Ende glaubte er wohl selbst nicht mehr daran. Nach dem Pogrom vom 7.10. hätte Oz ganz gewiss, wie einige meiner linken israelischen FreundInnen, die absolute Notwendigkeit gesehen, die Hamas vollständig zu vernichten – als Voraussetzung einer Zwei Staaten Lösung.
Robert Alter zeichnet Oz Vorträge zu diesem ihm wichtigen Themenfeld nach. Oz 1982er Buch Im Lande Israel nach dem Libanonkrieg bildete gewissermaßen den Ausgangspunkt seines Jahrzehnte andauernden leidenschaftlichen Engagements. Er versuchte, seine Gesprächspartner in Israel, die sehr unterschiedliche Standpunkte einnahmen, verstehend und Anteil nehmend zu überzeugen, sie politisch-argumentativ zu gewinnen. Oz sprach für dieses Buch auch mit rechten Siedlern: Wenn man für die eigene Existenz kämpfe sei alles erlaubt, war ihr Standpunkt, „auch das Vertreiben aller Araber von den West-Banks“ (S. 160) Oz, der immer besten Kontakt zu höchsten israelischen Staatslenkern hatte, hüllte die Identität dieser Aussage in Anonymität. Und doch ordnete man diese dem „Hardliner“ Ariel Sharon zu. Nun war es ausgerechnet der „Falke“ Ariel Sharon, der 2005 die vollständige Räumung aller israelischen Außenposten in Gaza gegen Tausende von Siedlern durchsetzte und Gaza ohne Gegenleistung abgab. Zwei Jahre später begann die Hamas mit dem Bau des geschätzt 700 km lange Terror-Tunnelbausystem, Voraussetzung ihres Pogroms vom 7.10. Der Aufbau eines eigenen palästinensischen Staates war erkennbar nie ihr Ziel.
Oz unterstrich in Im Lande Israel mehrfach, dass er die unterschiedlichen politischen Positionen respektiere und er sein Israel auch dann liebe, „wenn er es nicht ausstehen könne“ (S. 162).
Mein Eindruck, dies sei hier angemerkt, war schon immer, dass insbesondere die hiesigen vorgeblichen „Freunde“ der Palästinenser wie auch die vorgeblich „kritischen Freunde“ Israels unfähig sind, so einen differenzierten Standpunkt innerlich auch nur ansatzweise zu verstehen.
Vom sehr rechten Lager in Israel wurde Amos Oz auch regelmäßig als „Verräter“ gebrandmarkt – wie auch sein Freund Jitzchak Rabin (1922 – 1995).
„Das Geheimnis ist, dass wir immer schwächer waren als die Gesamtheit unserer Feinde“
Alter verwendet an dieser Stelle den Begriff des „Rationalen Pluralisten“ (S. 163), um Amos Oz dialogbereite Grundhaltung – für den er Prügel von allen Seiten bezog – zu verdeutlichen.
Alter zeichnet Oz Vorträge hierzu aus dessen letzten Lebensjahren nach. In seinem Essayband Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers (Oz 2018) hat er diese Gedanken versammelt. Oz war zeitlebens ein aufrechter Linker. Und politisch verwies er auf den schlichten Umstand, dass die Geburtenrate der eher Kompromissunfähigen (Siedler, Religiöse und Palästinenser) auf beiden Seiten deutlich höher ist als bei dem Durchschnitt der Bevölkerung.
Die Zeit für eine friedliche Lösung des Konfliktes sei allein deshalb schon nur noch sehr gering. Der Glaube, dass Waffen alleine Sicherheit gewährleisteten, sei „eine gefährliche Illusion“ (S. 172). Eine der Folgen davon sei eine gefährliche internationale Isolation Israels. „Wir sind schon auf dem Weg dorthin“ (S. 173), beklagt Oz visionär. Radikale wie Ben Gvir, Bezalel Smotrich und deren geistigen Brüder der Hamas, wie auch deren hiesigen BDS-Apologeten, sind sich sehr ähnlich. Sie sind Brüder im Geiste. Deshalb formuliert Oz in einer seinen späten Reden: „Das Geheimnis ist, dass wir eigentlich (…) immer schwächer waren als die Gesamtheit unserer Feinde.“ (S. 173)
Seine liberale Grundhaltung sei keineswegs töricht, betont der ehemalige Soldat, Kommandant und Redenschreiber der israelischen Arme. Er predige kein „sentimentales Loblied“ (S. 175), er sei auch niemals ein „Pazifist“ gewesen. Die Leugnung der legitimen Interessen beider Seiten – auch das „rechte“ Mantra, dass es doch eigentlich keine Palästinenser gebe – verewige den Konflikt. Die Palästinenser müssten durch die Umstände gezwungen werden, ihre verzerrte Sichtweise aufzugeben und „die Wirklichkeit zu akzeptieren, so schmerzvoll es auch sein mag: dass es zwei Völker gibt, die beide ein Anrecht auf einen eigenen Staat haben.“ (S. 179) Millionen von Juden gingen in den 1930er Jahren nach Palästina, weil kein anderes Land sie aufnehmen wollte. Ihre Interessen sind mehr als legitim.
Es kann kein Rückkehrrecht der Jahre vor 1948 geben; ein Insistieren auf ein solches „Rückkehrrecht“ ist der Standpunkt von reaktionären Vertriebenenverbänden. Insofern kann es auch keine Vererbung dieses Rückkehrrechtes geben! Jahrzehnte lang Kämpfte Amos Oz für diese Grundhaltung einer Zwei-Staaten-Lösung, schrieb hierüber „ohne Unterlass Artikel für hebräische Zeitungen“ (S. 183), gelegentlich zwei pro Woche. Er wollte die israelische Öffentlichkeit für diese offenkundige Notwendigkeit gewinnen.
Amos Oz blieb ein unverbesserlicher Optimist…
Am 28.12.2018 verstarb Amoz Oz nach längerer Krankheit in Tel Aviv.
Die gut lesbare Biografie Robert Alters – es werden gewiss noch weltweit zahlreiche voluminöse wissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Abhandlungen folgen – ist ansprechend, persönlich und anregend. Sie lädt zu einer Lektüre der zahlreichen Romane und Essays des großen Friedenskämpfers Amos Oz ein.
Robert Alter, Amos Oz: Autor, Friedensaktivist, Ikone. Jüdischer Verlag / Suhrkamp 2024, 222 S., 26 Euro, Bestellen?
Literatur:
Kaufhold, R. (2010): Amos Oz und Sari Nusseibeh erhalten den Siegfried Unseld Preis, haGalil 4.10.2010: https://www.hagalil.com/2010/10/oz-nusseibeh/
Kaufhold, R. (2003/2018): Uri Avnery: Ein Porträt, in: Avnery, U. (2003): Ein Leben für den Frieden. Heidelberg (Palmyra), S. 258-287 sowie in psychosozial Nr. 93 (1/2003). In einer deutlich erweiterten Version: haGalil 2018: https://www.hagalil.com/2018/08/avnery-4/
Kaufhold, R. (2017): „Bücher bauen Brücken“: Schreiben wider den Hass, Jüdische Allgemeine, 21.5.2017: https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/schreiben-wider-den-hass/
Kaufhold, R. (2018): „Tagsüber arbeitete ich beim Rechtsanwalt, und abends war ich im Untergrund“. Der Utopist und Kämpfer Uri Averny ist tot. Am 10. September wäre er 95 geworden, haGalil 8/2018. https://www.hagalil.com/2018/08/avnery-4/
Kaufhold, R. (2024): Kampf für die Idee des Zionismus. Eine bemerkenswerte Streitschrift von Fania Oz-Salzberger zum 7. Oktober, haGalil 10/2024. https://www.hagalil.com/2024/10/fania-oz-salzberger/
Kaufhold, R. (2026a): Neu gelesen: Im Lande Israel https://www.hagalil.com/2026/08/im-lande-israel/
Kaufhold, R. (2026b): „Unser Traum, ein freies Volk in unserem Land zu sein“. Amos Oz‘ Essays und Reden aus den Jahren 1964 bis 2018, haGalil, 8.6.2026 https://www.hagalil.com/2026/06/amos-oz-worte/
Oz, A. & F. Oz-Salzberger: Juden und Worte. Berlin: Suhrkamp Verlag / Jüdischer Verlag.
Oz-Salzberger, F. (2024): Deutschland und Israel nach dem 7. Oktober. Berlin: Suhrkamp Verlag.



