Neu gelesen: Im Lande Israel

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Der Blick zurück ist nicht immer ermutigend. Amos Oz, 1939 in Jerusalem geboren und aufgewachsen, veröffentlichte bereits als Student der Literatur und Philosophie Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften. Von 1987 – 2005 lehrte er als Professor für hebräische Literatur an der Ben-Gurion Universität. In der israelischen wie auch weltweiten Öffentlichkeit war er neben seinem literarischen Wirken bereits sehr früh und über Jahrzehnte als prominenter Sprecher für eine friedliche Lösung „des Palästinenserproblems“ bekannt. Als wortgewaltiger Sprecher der 1978 von ihm mitgegründeten Friedensinitiative Schalom Achschaw – Peace Now engagierte er sich für Jahrzehnte eine Zwei-Staaten-Lösung. 

Von Roland Kaufhold 

Einige der zahlreichen Ehrungen, die Amos Oz für sein breitgefächertes literarisches Leben und politisches Engagement ereilten, teilte er mit prominenten Palästinensern. Es waren Zeiten, als man noch Hoffnung auf eine friedlich Konfliktlösung, auf ein leidlich friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern in zwei selbständigen Ländern hatte.

2010 erhielt er gemeinsam mit dem prominenten, in Oxford akademisch ausgebildeten palästinensischen Philosophen Sari Nusseibeh den Siegfried Unseld Preis. Oz war zehn Jahre älter als der 1949 geborene Nusseibeh. Beide sind nur zwei Kilometer voneinander entfernt in Jerusalem aufgewachsen. In meinem Beitrag zur Preisverleihung (2010) – diese Rückerinnerung führt zu Amos Oz 16 Jahre zuvor erschienenem Buch „Im Lande Israel“ (1984) – zeichnete ich die „verständigungsbereite“ Grundhaltung von Nusseibeh und Oz nach. Für diese, wie auch für ihre literarischen Werke, wurden sie gemeinsam in Deutschland ausgezeichnet.

In diesem Sinne hob Nusseibeh im Jahr 2010 hervor: „Israelis und Palästinenser (…) sind gar keine Feinde. (…) Sie sind strategische Verbündete.“ Und: „Israel kann den Willen der Palästinenser, in Freiheit zu leben, nicht gewaltsam brechen, und ebensowenig können die Palästinenser Israel mit Gewalt hinter die Grenze von 1967 zurückdrängen. Gewaltanwendung ist nicht nur unmenschlich, sondern auch politisch sinnlos.“

Familiäres Erbe der Shoah

Die Last der Shoah war für Amos Oz Eltern zu schwer, was Amoz Oz zur Sprache brachte und in Literatur verwandelte: „Meine Mutter nahm sich das Leben, als ich zwölf Jahre alt war, mein Vater verlor allen Lebensmut, und ihr einziger Sohn blieb allein zurück. Wie war es möglich, fragte ich mich, dass die Ehe zweier guter, gebildeter und rücksichtsvoller Menschen ein so schreckliches Ende fand“, erinnert sich Oz seiner frühen Zweifel und Unsicherheiten. 

Amos Oz Großeltern hatten 1933 verzweifelt versucht, aus Wilna in ein europäisches Land oder in die USA zu emigrieren. Kein Land bot ihnen Zuflucht. So blieb einzig das damalige Palästina als Zufluchtsort. Amos Oz hebt hervor: „Meine Großeltern klammerten sich an den einzigen Strohhalm, der ihnen geblieben war, und kamen 1933 nach Jerusalem. Heute fragen sich viele Schlaumeier, ob es sich wirklich gelohnt hat, den Staat Israel zu gründen, ob der Preis nicht zu hoch war, das Ganze nicht zu teuer erkauft war. Für meine Eltern und für Millionen anderer Juden gab es aber kein anderes Rettungsboot weit und breit. Man hatte sie vom Deck der Europa in ein kaltes und dunkles Meer geworfen, während die Decks aller anderen Schiffe voller Lichter und fröhlicher Menschen war. Ihr Glück war, dass man sie zu Anfang der dreißiger Jahre ins Wasser geworfen hat – denn hätten sie gewartet, wären sie wenige Jahre später ermordet worden.“ Und Oz fügt in seiner Berliner Dankesrede hinzu: „Sie lernten, ihr neues Land zu lieben und Jerusalem zu lieben, den einzigen Ort der Welt, wo sie sich nicht schämen mussten, Juden zu sein. Sie liebten das neue, junge, dynamische Israel, das vor kreativer Kraft strotzte – aber sie sehnten sich nach Europa.“ Sie lebten mit der unerwiderten Liebe, ein schreckliches Gefühl, welches von Millionen israelischer Juden geteilt wurde.

1982: Protest gegen den Libanonkrieg

1982 kam es zu dem Libanonkrieg (Juni – September 1982). Intellektuelle wie Amos Oz und Abraham B. Jehoschua hatten schon am ersten Kriegstag öffentlich gegen den Einmarsch im Libanon protestiert. Ihnen schlug harsche Kritik aus dem „nationalistischen“ Lager Israels entgegen – Bilder die sich heute scheinbar wiederholen, nur dass Israel, als Reaktion auf den Bombenterror und das Pogrom vom 7.10.2023, sehr viel weiter nach „rechts“ gerückt ist.

Amos Oz, so sei erinnert, war 1954, da war er 15, alleine in den Kibbuz Chulda („Kraft“) gezogen, wo er sein Abitur ablegte. 1957, nach seinem Militärdienst, kehrte er dorthin zurück und wurde offizielles Kibbuzmitglied. Von 1972 bis 1987 arbeitete er als Philosophie- und Literatur-Lehrer an einem Gymnasium im Kibbuz Givat Brenner – und nebenbei in der Landwirtschaft seines Kibbutz.

Von 1986 an lebte Amos Oz mit seiner Familie 27 Jahre lang in  der „Entwicklungsstadt“ Arad in der Negev-Wüste, ganz gewiss auch ein seelischer Rückzugsort. Von dort aus war es nicht weit – 45 Kilometer – zu seinem Uni-Arbeitsplatz an der Ben Gurion Universität in Beerscheba. Dort war er wohl nicht fortgesetzt und tagtäglich den heftigen innerisraelischen Auseinandersetzungen und Kontroversen ausgesetzt, die ihn als prominentem Sprecher der Friedensorganisation Peace Now ereilten. 

Im Lande Israel

Im Lande Israel erschien 1983 unmittelbar nach dem Libanonkrieg, auch als Reaktion darauf, in Israel und ein Jahr später auf Deutsch. In seinem Buch versammelt er seine Begegnungen und Gespräche mit zahlreichen Israelis aus sehr unterschiedlichen politischen „Lagern“ und Prägungen wie auch mit arabischen Israelis. Hierdurch versucht er die kulturelle und soziale Atmosphäre in seinem durch den Libanonkrieg geprägten Land literarisch zum Sprechen zu bringen. Bei seinen Gesprächen waren sich seine Gegenüber Oz politischer Identität als „Peacenik“, als „Linker“ – was immer das heißen mochte und mag – bewusst.

Seine Gesprächspartner waren u.a. Siedler aus der Westbank, ein noch vor der Staatsgründung eingewanderter Landwirt, der Chefredakteur einer in Jerusalem erscheinenden palästinensischen Zeitung und ein Philosophiehochschullehrer aus Jerusalem.

Die seinerzeit – und heute weiterhin – kontroversen Themen wie die Siedlungspolitik, das Verhältnis zwischen Juden und Arabern, Beziehung zwischen orientalischen und europäischen Juden, zwischen orthodoxen und nicht-orthodoxen jüdischen Grundorientierungen und die Beziehungen zwischen Zionisten, Nicht-Orthodoxen und Anti-Zionisten werden im Buch immer wieder thematisiert.

Seinerzeit, so sei erinnert, waren die „Linksliberalen“ der Arbeiterpartei immer noch eine starke Kraft in Israel, wenn auch der Konservative Menachem Begin als Vertreter des Likud-Blocks im Mai 1977 erstmals die Wahlen gewonnen und Ministerpräsident geworden war – eine historische Zäsur. Im Oktober 1983 trat Begin wegen ausbleibender Erfolge im Libanon als Ministerpräsident zurück. Ein Jahr zuvor, so verwirrend und widersprüchlich waren die Zeiten in Nahost, hatte er noch gemeinsam mit Muhammad Anwar as-Sadat den Friedensnobelpreis erhalten.

„Peres an den Galgen, Begin an die Macht“

Im Kapitel „Gelobt sei Gott täglich“ zeichnet Oz Szenen und Debatten in der Raw-Meir-Strasse im orthodoxen Jerusalemer Geula-Viertel nach. Orthodoxe bestimmen das Straßenbild. Früher, in den 1940er Jahren, erinnert er eine andere, buntere Mischung: „Neue Menschen. Aber die Gassen und die Höfe haben sich kaum verändert. In meiner Kindheit wohnten hier, außer den Orthodoxen, auch Intellektuelle aus Ost-Europa sowie gebildete Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich. Nebeneinander lebten hier Handwerker und Gelehrte, Gewerkschafter, Funktionäre der „Misrachi“ und überzeugte Revisionisten, Beamte der englischen Mandatsverwaltung und Mitarbeiter der „Hewish Agency“, der Hagana und der „Etzel“-Leute, Jugendliche von Betar.“ (S. 9) Das änderte sich in den folgenden Jahrzehnten: „Sie sind alle gestorben oder änderten ihre Meinung. Oder zogen weg von hier in ruhigere Ortschaften.“ (S. 9)

Er sieht dort ein schwarzes Hakenkreuz und Inschriften wie „„Peres an den Galgen, Begin an die Macht“ – durchgestrichen, und darüber steht, in Wut geschrieben: „Tod den hitleristischen Zionisten“. Und auch „Komfort – Nazi“. „Weg mit Teddy Hitler Kollek.““ (S. 12f) Der aus Wien gebürtige Teddy Kollek, 1911 in Österreich-Ungarn geboren, wuchs in Wien auf, wanderte 1935 mit seinen Eltern nach Palästina aus, arbeitete für die Hagana und war 28 Jahre lang, von 1965 – 1993, Bürgermeister von Jerusalem. Hitler und der Messias beherrschten in diesem Straßenviertel die Wände wie auch die Seelen. Selbst die weniger Begabten der Orthodoxen gingen in die Jeschiwa, „damit das Militär sie nicht holt.“ (S. 16)

Mit „Beleidigung und Wut“ ist sein Buchkapitel über Begegnungen in der Entwicklungsstadt Bet Schemesch überschrieben. Oz setzt sich in ein Cafe, wird rasch angesprochen: Er wolle sich über Bet Schemesch informieren, vielleicht dorthin ziehen? Er solle es vergessen, es sei „ein Kaff, und ein Kaff wird es auch bleiben.“ (S. 29)

Jeder hat dort sein Wissen, seine Grundüberzeugung über die große Politik. Man wisse genau, wer Schimon Peres sei, und „die Kibbuzim erkennt man an der Visage.“ (S. 30) Auch die entschiedenen Linken kennt sein Gesprächspartner, insbesondere einen linken Peacenik wie Jossi Sarid. Wohlwollen sieht anders aus. Sein Gegenüber erledigt Peres und Sarid mit einem Witz, redet dann unbekümmert weiter.

Irgendwann gibt Oz seinen Dialog an diesem Tag auf: „Der Chor schwillt an: Die Gerechtigkeit des Krieges.“ (S. 33) Es ist die Zeit nach dem Libanonkrieg, in dem es furchtbare Gewalt gab. 400.000 Menschen gingen in Israel gegen die zwischen dem 16. und 18.9.1982 mit Duldung der IDF begangenen Übergriffe der libanesische Phalangisten in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila auf die Straße; Israel hatte seinerzeit nur vier Millionen Einwohner. Die Emotionen sind zu stark, Bemühungen um einen Ausgleich seien Propaganda für die PLO.

„…gebraucht als Straßenkehrer, Diener und Notstandsarbeiter“

Viele Sepharden fühlen sich durch die europäischen Juden drangsaliert und gering geschätzt. Er wisse sehr genau, so sein Dialogpartner, wofür man seine Eltern in das junge Israel gebracht habe – auch wenn Oz dies „sicher nicht schreiben“ werde, weil er dies als „Hetze“ empfinde: Man habe sie nach Israel geholt, „um die schmutzige Arbeit zu erledigen, oder nicht? Damals hattet ihr die Araber noch nicht, ihr habt unsere Eltern gebraucht als Straßenkehrer, Diener und Notstandsarbeiter.“ (S. 35)
Menachem Begin sei sein Held. Sie, die Oz´, die Peace-Leute hätten Begin immer als Großmaul beschimpft: „… siehe da: Er kam an die Macht und schloß Frieden mit Ägypten.“ (S. 36) Was Begin sage tue er auch. Er werde am Ende Frieden mit der ganzen Welt bringen, „nicht wie Peres oder Yossi Sarid, die den Arabern von Anfang an zurufen, sie sollten kommen und alles nehmen.“ (S. 37)

Die heutigen Themen des politischen Streits, der erregten Debatten sind wahrlich nicht neu. In welchem anderen Staat könne ein Jossi Sarid sogar in Kriegszeiten frei herum laufen „und den ganzen Tag für den Feind Propaganda machen? In Syrien? In Rußland?“ (S. 39) Man habe „ihnen“ – den Palästinensern – alles gegeben und ihnen Ideen in den Kopf gesetzt, insbesondere bei den linken Demonstrationen, die sie geradezu zur Gewalt angestachelt hätten. Und immer wieder die Forderung an den linken Schriftsteller: „Höre gut zu. Ich werde dir etwas sagen. Du sollst es Wort für Wort aufschreiben.“ (S.41) Den rechten Kampfbegriff der „Lügenpresse“ verwendete man seinerzeit noch nicht, als die Debatten noch über Zeitungen ausgetragen wurden.

In seinen Kibbuzim, so weiß man in Bet Schemesch, schliefen die israelischen Mädchen mit den Volontären, nähmen Drogen, klauten Autos und die Männer „heiraten schwedische Mädchen und verlassen das Land.“ (S. 43)

Und überhaupt, was sei das denn, ein Schriftsteller wie Amos. Ein Mensch, der mit bloßen Worten sein Geld verdient: „Die Araber sind gut und wir sind minderwertig? Auch über Begin wirst du kein gutes Wort schreiben.“ (S. 44) Der Zorn ist groß über diese privilegierten „linken“ Israelis, die zu 400.000 gegen die eigene Regierung demonstrieren, die im Libanon kämpft. Sie sollten endlich ihre Überheblichkeit zu Hause lassen. Dann könne man sprechen. Sechs Stunden lang schallt Oz diese Erregung entgegen. Wer eine Lösung kenne solle aufstehen und reden. Mit „Die Lage ist ernst“ schließt er das Kapitel (S. 46).  

„Der Glaube siegt! Gott siegt!“

Es folgt ein Besuch in der Siedlergemeinschaft von Tekoa, nur 7 km von Bethlehem entfernt. Mit Gottes Finger ist das Kapitel überschrieben. 3600 Bewohner soll sie 2016 gehabt haben, gegründet wurde sie 1967, mit der Besetzung des Westjordanlandes. Gegenüber liegt das gleichnamige arabische Dorf. Im Netz finden sich Filme über den Abtransport einiger Siedler Ende 1999 durch israelische Soldaten. Man sieht Protestdemonstrationen der linken radikalen Gruppe Gush Shalom. Der Dauerkonflikt ist vorprogrammiert.  

Dort gibt es felsige Hügel und ein „Reich der Stille“ (S. 47). Emunim, der siedelnde radikale Flügel der rechten Gruppierung Gush Emunim, habe die Siedlung aufgebaut. Einige Bewohner bezeichnen die Siedlung dennoch als „Schmelztiegel“ (S. 48), weil dort Religiöse mit Nicht-Religiösen zusammen leben. Arbeit finden diese überwiegend in Jerusalem. Auch in Tekoa begegnet Amos Oz dem unausgesprochenen Gesetz, nicht mit „Fremden“ zu sprechen. Damit habe man schlechte Erfahrung gemacht.

Oz zeichnet eine der Stimmen auf, die göttliches Denken mit nationaler Überzeugung verbindet: „Nicht die Waffen siegen im Krieg! Der Mensch siegt! Der Glaube siegt! Gott siegt! Die Welt muss das begreifen! Auch im Sechs-Tage-Krieg und auch im Jom-Kippur-Krieg hätten wir nicht aufhören dürfen!“ (S. 55) Andere Gruppen kamen ab 1978 aus den USA direkt nach Tekoa, um die Siedlermission zu unterstützen. Es sei jedoch zu Anpassungsschwierigkeiten mit den dort bereits lebenden Russen gekommen.

„Zerstörung des Landes, des kulturellen Konsenses“

Oz hört auch die Stimme derjenigen, die den nationalen Glaubensätzen widersprechen; die mit Blick auf die Geschichte verkünden, es gäbe eigentlich keine Palästinenser. Solche Überheblichkeit entmündige die Palästinenser: „Wer im Namen der Palästinenser entscheidet, sie seien keine Gruppe mit eigenständiger, nationaler Identität, sondern ein Zweig der „großen Pan-Arabischen-Nation“, unterscheidet sich nicht von Arafat, der sich anmaßt festzustellen, daß die Juden kein Volk seien.“ (S. 124) Und immer wieder der mahnende Hinweis darauf, dass die erbittert geführten Debatten in Israel zwischen den verschiedenen Gruppen und Interessen zu einer Zerstörung des Landes, des kulturellen Konsenses führen könne: Wenn „die Unteilbarkeit des Landes“, auf Leben und Tod ausgetragen, zu einer „Entzweiung der Nation“ führe (S. 128) sei der Preis hierfür vielleicht doch zu hoch.

Und Amos Oz begegnet den Stimmen, die für eine offene, pluralistische, demokratische Gesellschaft kämpfen: „Mein Haß ist gestorben. Jetzt bleiben nur Bitterkeit und Zorn. Kein Haß. Nichts kann uns helfen: hier in diesem Land bleiben wir aneinandergekettet. Juden und Araber. Für immer.“ (S. 148) Es sind leise, mahnende Stimme, die Amos Oz immer wieder in seinen Texten und politischen Reden zur öffentlichen Stimme macht.

Der Chor dieser mit heftigsten Emotionen ausgeführten Kontroversen war im ehemaligen Palästina bereits in den 1920er Jahren zu hören. Einige der von Amos Oz wiedergegebenen Protagonisten erinnern sich dieser innerfamiliären Debatten.

Sie misstrauen seinen Worten

In einem Nachwort zum Buch gibt Oz Stimmen der Kritik an seinen Gesprächen wieder. Einige der Portraitierten fühlen sich durch Oz missverstanden, verletzt. Teils ist der Zorn der Konservativen überbordend: „Auch heute kam mit der Post ein kleiner, faszinierender Drohbrief an. Unter anderem lese ich da: „PLO-Agent Terrorist schmutziger Verräter Du Nachfolger der Nazis für Dein eigenes Wohl hör auf mit Deinem satanischen Wüten bevor wir Dich erledigen die Likud-Bewegung wird ewig bleiben Begin an der Spitze.“ Die Arbeiterpartei Mapai, „das sind Araber und Kibbutzniks jeder einzelne man kennt euch als kommunistische Abschaum PLO Rakach Jossi Sarid.“ (S. 190)

Nach dem 1982er Libanonkrieg schienen die erregten Debatten und Kontroversen unüberbrückbar. Die Jahrzehnte danach, die Amoz Oz noch erlebte, führten zu einem beinahe vollständigen Verschwinden der organisierten Linken, der Arbeiterpartei und von Meretz. Der besagte Jossi Sarid (1940-2015), scharfzüngiger und leidenschaftlicher Haaretz-Kolumnist, führte von 1996 – 2003 die linke, säkulare Partei Meretz an. Er starb 2015. Sein 1965 geborener Sohn, Yishai Sarid, ist Jurist und Schriftsteller.

Amos Oz verstarb 2018 im Alter von 79 Jahren. Bei seinem Tode war die Zwei-Staaten-Lösung weiter entfernt als jemals zuvor.

Der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 hatte die Zielsetzung, jede Übereinkunft für alle Zeiten zu verhindern und den Hass gegen Israel und Juden weltweit zu verankern. Der Plan ist weitgehend aufgegangen. Amos Oz´ 1960 geborene Tochter Fania Oz-Salzberger, eine kritische Historikerin und Publizistin, legte 2024, ganz im Geiste ihres Vaters, eine luzide, geradezu verzweifelte Schrift – Deutschland und Israel nach dem 7. Oktober – vor (Kaufhold 2024). Der weitgehend zerstörte Kibbuz Nir Oz jedoch hat sich nicht auf Dauer durch das Hamas-Pogrom zerstören lassen. Er wird 2026 und 2027 wieder neu aufgebaut (Kaufhold 2025). Dies ist ganz gewiss im Sinne von Amos Oz.

Amos Oz (1984): Im Lande Israel, suhrkamp 1982, Euro 12,00, Bestellen?

Literatur:
Kaufhold, R. (2010): Amos Oz und Sari Nusseibeh erhalten den Siegfried Unseld Preis, haGalil 4.10.2010: https://www.hagalil.com/2010/10/oz-nusseibeh/
Kaufhold, R. (2025): Über die Zerstörung und den Neuaufbau von Nir Oz, haGalil, 28.5.2025: https://www.hagalil.com/2025/05/kibbutz-nir-oz/
Kaufhold, R. (2026): „Unser Traum, ein freies Volk in unserem Land zu sein“. Amos Oz‘ Essays und Reden aus den Jahren 1964 bis 2018, haGalil, 8.6.2026 https://www.hagalil.com/2026/06/amos-oz-worte/