Schulter an Schulter Miteinander

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Petra Michalski, Foto: C. Wollmann-Fiedler

„Hohler Zahn“ wird die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin genannt. Kaiser Wilhelm II. der preußische Regent bis 1918 ließ sie zu Ehren seines Vaters, der 1895 starb, erbauen. Touristen aus der weiten Welt kennen sie, am heutigen Breitscheidplatz am Europacenter gelegene moderne Kirche mit der Turmruine.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Franz Schwechten, der Kölner Architekt,  entwarf und baute die Kirche im neoromanischen historischen Stil, wie Seine Majestät es wünschte. Schwechten war ein Schüler der berühmten Bauakademie in Berlin und wurde später Königlicher Baumeister. 1895 wurde die Kirche, das Schmuckstück in der Stadt Charlottenburg, eingeweiht. Der 2. Weltkrieg und seine Schrecklichkeiten machten keinen Bogen um die Kirche, 1943 wurde sie durch einen Britischen Luftangriff zerstört. In Schutt und Asche lag sie nun da auf dem Auguste-Victoria Platz. Letztlich blieb der alte Turm als Ruine stehen. Der Architekt Egon Eiermann bekam den Auftrag, damals einer der modernsten Architekten. Nach dem Abriss und Wegräumen einiger Gebäudeteile, baute Eiermann eine hochmoderne neue Kirche im Achteck und einem sechseckigen separat stehenden Turm. Ein wunderschönes blaues Licht fällt durch die ultramarinblauen Glasfenster bei Licht und Sonne in das Innere. Ein inspirierender Effekt.

Warum Kirche? Die Jeanette Wolff Medaille wird in dieser protestantischen Kirche von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit alljährlich verliehen. Jeanette Cohen – Wolff wird 1888 in Bocholt geboren und stirbt 1976 in West-Berlin. Sie überlebt als Jüdin den Naziterror, überlebt die Konzentrationslager Riga Kaiserwald in Lettland und Stutthof in der Danziger Niederung und weitere Arbeitslager. Tochter Edith und sie überleben den Todesmarsch, werden in Polen von der Roten Armee  befreit. Die gesamte Familie Cohen und Wolff wird umgebracht. Sie und Tochter Edith sind die einzigen Überlebenden. Eine Vita, die ich nie begreifen werde.

Bereits als junge Frau geht sie in die SPD. Ihr soziales Engagement bleibt ihr bis zum Lebensende. 1945 kommt sie nach Berlin, wird Stadtverordnete und 1952 in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Politikerin, Frauenrechtlerin, Demokratin und als bekennende Jüdin beschreibt sie sich. Eine mutige Frau!

Nun komme ich zu einer anderen mutigen Frau, der in diesem Jahr die Medaille überreicht wird. Es ist Petra Michalski, die für ihr soziales Engagement schon öfters geehrt wurde. Orden und Medaillen bekam sie im Laufe der Jahre. 1937 wird sie in Hamburg geboren und wächst in einer absolut gegensätzlichen Familie auf. Ihre Mutter ist eine indigene Paraguayerin, der Vater deutsch-polnisch-holländischer Abstammung. Sie selbst bezeichnet sich als „Gemischten Salat“. Ein wenig katholisch, ein wenig evangelisch, ein wenig jüdisch. Der Stiefgroßvater war Jude aus Ungarn und zog Ende des 18. Jahrhunderts nach Argentinien und vertrat dort eine bekannte rheinische Firma. Die Eltern trafen sich in den 1920er Jahren in Hamburg.

Franz Michalski wird 1934 in Breslau geboren. Der Vater gehört zur Katholischen Kirche, die Mutter in eine säkulare jüdische Familie. Die Mutter konvertiert und beide lassen sich katholisch trauen. Das junge Paar zieht nach Görlitz. Die Probleme in der „Mischehe“ beginnen. Von Ort zu Ort, von Land zu Land wird untergetaucht. Mutige Menschen halfen, versteckten  und versorgten sie. Im Mai 1945 befreit sie die Rote Armee im Sudetenland. Kurz darauf werden die Deutschen von dort vertrieben und Görlitz und Berlin waren Ziele für die gerettete Familie Michalski.

Petra Ulrich lernt ihren Mann Franz Michalski 1953 in Hamburg kennen. Sie heiraten und bekommen zwei Kinder. Ein interessantes und abwechslungsreiches Leben folgt für Petra und Franz. In Südwestdeutschland wohnten sie bis zur Pensionierung, dann war das offene, wiedervereinte Berlin der Wunsch des Wohnens.

Franz schrieb ein Buch über sein Leben in der Nazizeit  In der Gedenkstätte Stille Helden beginnt er mit seiner Frau nicht anklagend über die unendlichen Schikanen in der Hitlerzeit zu erzählen. Franz wird krank und Petra übernimmt in den Jahren seinen Erzählpart. Seine Stimme schafft es nicht mehr. An einer tückischen Krankheit stirbt Franz im Jahr 2023. Nun geht Petra den Weg alleine weiter und erzählt über das wechselvolle jüdische Leben ihres Mannes in der schrecklichen Nazizeit auf Podien und in Schulen.

Hier in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zur Festveranstaltung „Schulter an Schulter Miteinander“ wird sie herzlich begrüßt und umarmt, man kennt sie. Die vielen Menschen in Berlin die mit der jüdischen Gemeinschaft zu tun haben sind gekommen. Inmitten der Gäste erkenne ich die sehr engagierte Politikerin Petra Pau.

Begrüßt werden wir von Beatrice Loeb, der Jüdischen Vorsitzenden der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit.

Alina Li und Avalon Stottrop musizieren mit ihren Violinen Sonaten von Eugene Ysaye und Jean-Marie Leclair. Preisträgerin und Preisträger des Landeswettbewerbes „Jugend musiziert“ sind beide. Die wunderbare Musik begleitet die interessanten Reden.

Aus Frankfurt am Main ist Sabena Donath angereist. Direktorin der Jüdischen Akademie ist sie. Sie selbst ist Enkelin von Holocaustüberlebenden. In Kapstadt wurde sie geboren und kam mit drei Jahren nach Hessen ins Frankfurter Umland. Schule und Studium folgten.

Sehr lebendig erzählt sie und erzählt von gemeinsamer moralischer Pflicht den Juden gegenüber. Antisemitismus ist keine Rarität. Abgrenzung der Christen vom Judentum ist antisemitisch. Die Judensau in Kirchen wird erwähnt, die Morde, die Schoa im 20. Jahrhundert. Nicht nur in der Vergangenheit spielt Antisemitismus eine Rolle, auch bedauerlicherweise in der Gegenwart.

Der Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus im Land Brandenburg, Andreas Büttner, verleiht zum Ende der sehr schönen Veranstaltung an einem Sonntag im Mai die Jeanette-Wolff-Medaille an Petra Michalski.

Foto: C. Wollmann-Fiedler