Zum Neuen Jahr starten wir ein neues Projekt. Es versammelt Originaltexte aus der deutsch-jüdischen Presse vor 1938, die sich mit den jüdischen Feiertagen befassen. Blätter wie die „Jüdische Rundschau“, „Ost und West“, „Menora“ oder das „Israelitische Familienblatt“ zeigen, wie Pessach, Rosch haSchana, Jom Kippur, Sukkot, Chanukka oder Purim im Alltag deutscher Juden begangen, gedeutet und diskutiert wurden. Die Auswahl eröffnet nicht nur Einblicke in religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Perspektiven jener Zeit, sondern kann auch Anregungen für heute geben.
Es geht los mit vier Texten zu Rosch haSchana:
-> Neujahr!
Der vorliegende Text erschien am 24. September 1897, kurz vor Rosch haSchana, in der Zeitschrift „Die Welt“, dem Zentralorgan der Zionistischen Bewegung. Der Beitrag ist unter dem Namen Leo Rafaels veröffentlicht, dem Pseudonym von Leon Kellner. Der Philologe und Lehrer war einer der frühesten Weggefährten Herzls in Wien und engagierte sich sowohl für die Verbreitung der zionistischen Idee sowie in der Organisation der Bewegung. Rosch haSchana nahm Kellner zum Anlass, das Neujahrsfest im Lichte der jungen zionistischen Bewegung neu zu deuten.
-> Eine Geschichte zu Rosch haSchana: Der Zaddik vom Dorfe
Die vorliegende Geschichte stammt aus der Feder des 1880 in Kutno geborenen Schriftstellers Schalom Asch, der zu den bedeutendsten jiddischen Schriftstellern gehörte. Die hier wiedergegebene, aus dem jiddischen übersetzte Geschichte erschien 1903 in der Zeitschrift Ost und West, die sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ verstand und im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vorstellte. Die Geschichte erzählt von dem einfachen und ungebildeten Hirtenjunge Jaschek, der keinen Zugang zu Gebeten findet, aber eine tiefe Nähe zu Gott in der Natur empfindet, die er auf seine eigene Weise durch lautes Pfeifen ausdrückt.
-> Rosch-Haschonoh 5675
Der vorliegende Text erschien im September 1914 in der Zeitschrift „Das jüdische Echo“, dem Mitteilungsblatt der Zionistischen Vereine Bayerns, und spiegelt die durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs geweckte Hoffnung wider, dass der politische Druck auf die Juden in Polen durch Zugeständnisse der Kriegsparteien endlich ein Ende finden könnte. Zugleich fordert der Text seine deutsch-jüdischen Lesern auf, bestehende Vorurteile gegenüber den oft abgewerteten „Ostjuden“ zu überdenken.
-> Die Hörigkeit an die Sorge
Dieser Beitrag erschien im September 1938 in der Zeitschrift „Zion – Monatsblätter für Lehre, Volk, Land“, die vom Zentralbüro des deutschen Misrachi zwischen 1929 und 1938 herausgegeben wurde. Rabbiner Eliezer Berkovits warnt darin davor, dass die deutschen Juden unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung in eine Lähmung durch ihr Leid verfallen und dadurch die geistige Freiheit verlieren, die für das jüdische Überleben und das bevorstehende Neujahrsfest essenziell ist.



