Neujahr!

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Der vorliegende Text erschien am 24. September 1897, kurz vor Rosch haSchana, in der Zeitschrift „Die Welt“, dem Zentralorgan der Zionistischen Bewegung. Der Beitrag ist unter dem Namen Leo Rafaels veröffentlicht, dem Pseudonym von Leon Kellner. Der Philologe und Lehrer war einer der frühesten Weggefährten Herzls in Wien und engagierte sich sowohl für die Verbreitung der zionistischen Idee sowie in der Organisation der Bewegung.

Rosch haSchana nahm Kellner zum Anlass, das Neujahrsfest im Lichte der jungen zionistischen Bewegung neu zu deuten. Während ihm die düstere Stimmung der Bußtage in seiner Jugend noch wie eine unverständliche, mittelalterliche Askese erschienen war, erkennt er im zionistischen Kontext nun die tiefe kollektive Bedeutung des Festes. Die Liturgie der Hohen Feiertage basiere nicht auf dem Heil des Einzelnen, sondern auf einem prägenden Gemeinschaftsgefühl, das sich im durchgehenden „Wir“ der Gebete manifestiert. Davon ausgehend blickte Kellner auf den zionistischen Aufbruch seiner Zeit, der in nur kurzer Zeit viel erreicht hatte. Zum Ende schlug er die Brücke zum traditionellen „Schulklopfer“. So wie dieser einst im Morgengrauen die Schlafenden mit dem Ruf „Steht auf! Zu Awaudas Habaureh!“ (Zum Dienst des Schöpfers), also zum Gebet weckte, zeichnete Kellner den Zionismus als modernen Aufruf an das gesamte jüdische Volk, aus Trägheit und Indifferenz zu erwachen und sich aktiv für die gemeinsame Zukunft einzusetzen.

Neujahr!

Leo Rafaels
Die Welt, 1. Jahrgang, Nr. 17, 24. September 1897

Wieder sind sie da, die „furchtbaren Tage“ des Elul mit ihrem Pathos, dessen Wucht uns in den Jahren der Kindheit schier erdrücken wollte. Tage der Buße ohne ein persönliches Sündenbewußtsein, eine Fastenzeit ohne vorhergegangenen Carneval , ein Aschermittwoch hinter dem andern ohne einen einzigen Faschingdienstag, dessen Erinnerung die Bitternisse der endlosen Kasteiungen versüßte. Wie seltsam, wie unbegründet, wie abnorm erschien mir die schwermuthsvolle Einleitung zu einem Feste, das bei allen modernen Völkern einen Tag ungebundener Freude bedeutet ! Ein versteinertes Stück mittelalterlicher Askese schien nur unser Neujahrstag mit feinem Uebermaß von Einkehr und Selbstprüfung, mit seinen Bußpsalmen und Selbstanklagen, und ich faßte das Unbehagen der schweren Tage in den Vorwurf zusammen , daß wir Juden es nicht verstünden , Geburtstage zu feiern wie andere Menschen, während wir
niemals einen Todestag vergessen.

Die Wiedergeburt der gesammtjüdischen Idee, der wir so vieles verdanken, hat mir auch unseren eigenartigen Neujahrstag in neuem Lichte und ich glaube, auch in seiner richtigen Bedeutung gezeigt. Die Schwermuth unserer Bußetage ist etwas Größeres und Tieferes, als die Abrechnung des Individuums mit seinem Gotte und seinen: Gewissen, etwas ganz anderes, als die im Grunde selbstsüchtige Sündenfurcht des mittelalterlichen Büßers. Wie weit sind unsere Gebete von persönlicher, selbstischer Seelenrettung entfernt! „Vergib uns. Du unser Vater, denn wir haben gesündigt; entsühne uns. Du, unser König, denn wir haben gefehlt !“ — „Auf die Fülle Deiner Barmherzigkeit vertrauen wir, auf Deine Güte stützen wir uns, Deine
Verzeihung erhoffen wir, Deiner Hilfe sehen wir entgegen; Du, unser König, liebst die Milde von altersher, Du hast die Sünden Deines Volkes mit Nachsicht beurtheilt. “ — Selbst das formelhafte Sündenregister kennt kein Ich : „wir“ von Anfang bis zu Ende. Das ist es, was unseren Bußetagen ihre Wucht und ihre Tiefe gibt, das macht sie Jedem unvergeßlich, der sie einmal in seiner Kindheit miterlebt.

Jeder von uns hat feine schwere Last durchs Leben zu tragen, und er würde sie als Einzelner tragen, ohne ein Wort der Klage von sich zu geben; erst wenn wir das Elend Aller beisammen sehen, schwillt uns das Herz, und die Welt hört verwundert herzzerreißende Klagen von den Lippen, die sonst so gut zu schweigen verstehen. In unseren Bußetagen spricht das Leid und die Hilflosigkeit eines ganzen Volkes zu Gott: „Wir haben gesündigt, o Herr, aber Du hast uns gestraft, so schwer gestraft, wie ein Vater seinen Sohn, wie der Herr seinen Sclaven , mit Schande, mit Ketten, mit Schlägen — ist es noch nicht, noch immer
nicht genug?“

Das Fürchten und Hoffen des Einzelnen geht am Neujahrstage auf in der Sehnsucht und Erwartung des ganzen Volkes; ganz schwach, im Flüstertöne, kommen persönliche Wünsche zum Ausdruck. Gibt es ein treffenderes Argument gegen das „verlorene Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit der Juden“ als dieses „Wir“ in den persönlichsten aller Gebete , den Bußegebeten?

Seht Euch doch die Worte des Gebetbuches an, die Ihr an den hohen Feiertagen zu Hunderttausenden die Tempel, Synagogen und Betstuben füllt, gleichviel, ob Ihr noch die heilige Ursprache versteht oder ob die Seele Eurer Väter in den Lauten Deutschlands oder Frankreichs zu Euren Herzen spricht: ist das glaubensstarke Hoffen auf „unsere“ Erlösung die Erwartung einer besseren Zeit für ein und das andere Häuflein Juden, die unter augenblicklich besonders arger Noth leiden oder ist das Ende des achtzehnhundertjährigen moralischen und materiellen Gesammtelends gemeint?

In seinen Gebeten offenbart sich die innerste Seele des Menschen: Gott gegenüber gibt es keine Verstellung. Wir können stolz sein aus das „Wir“ in unseren Gebeten. Die lange Sclaverei, die gemeine Noth hat uns im alltäglichen Leben, im elenden Erwerb oft genug einander entfremdet; das Schlimmste, das Traurigste an der Verfolgung ist ja jene Entartung, welche Stammes-, Geschichts – und Religionsgenleinschaft um eines schmählichen Vortheiles willen verkauft. Wir haben so viele Jahrhunderte auf dem engsten Raume um Licht und Luft ringen müssen; das tödtet den Gemeinsinn und weckt die niedrigsten Instinkte; das hat uns mißtrauisch gegen einander gemacht in unserem eigenen Lager, das hat uns in der Bitterkeit des Kampfes um die Selbsterhaltung dazu gebracht, die Vorwürfe, welche die Feinde uns selbst ins Gesicht schleuderten, gegen unsere Stammesgenossen zu wiederholen. Lassen wir uns nicht irre machen durch die Fälle von vereinzelter Entartung, die doch nicht tiefer geht, als eine vorübergehende Verstimmung; die Seele, das Herz unseres Volkes weiß nichts von diesem Mißtrauen, dieser Selbstsucht: das zeigt das „Wir“ in den Gebeten unserer heiligsten Tage.

Für uns Zionisten hat das Neujahr 5658 eine ganz besondere Bedeutung. Wir blicken auf ein Jahr der größten Erfolge zurück, und wenn die nächste Zukunft mit dem Maßstabe der unmittelbaren Vergangenheit gemessen werden kann, sehen wir einer noch erfolgreicheren Thätigkeit entgegen. Das vergangene Jahr wird in der Geschichte des Judenthums als annus mirabilis gefeiert werden. Die Organisation des Zionismus in Wien, die Gründung der „Welt“ und der Baseler Congreß — das sind die drei
Hauptetappen, welche die zionistische Bewegung in rapid aufsteigender Linie zeigen. Im Laufe von nicht ganz zwölf Monaten ist aus einem Wollen, welches auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten beschränkt war, ein gewaltiges, elementares Streben geworden, das jetzt Hunderttausende unserer Stammesgenossen umfaßt; was früher unter den eifrigsten Bekennern und Vorkämpfern als ein fernes Ideal hochgehalten wurde, das wird jetzt als eine Hoffnung gehegt, deren Verwirklichung in absehbarer Zeit erwartet werden kann; die Gegner unter unseren Brüdern, die damals mit der Ueberlegenheit der bequemen Theilnahmslosigkeit und Gefühlsarmuth auf uns mitleidig herabsahen, bekämpfen uns jetzt mit der blinden Wuth des Fechters,
der seine Schlappe in allen Gliedern ahnt; die Nichtjuden, welche damals den Zionismus nicht einmal dem Namen nach kannten oder von ihm besten Falls wie von irgendeiner utopistischen Grille im verstecktesten Winkel des Bewußtseins Notiz nahmen, folgen unseren Bestrebungen mit wohlwollender Theilnahme oder studiren ihn immerhin als neuen maßgebenden Factor im Getriebe der Welt . „Wir  — die Gesammtheit der jüdischen Diaspora, vertreten durch Abgeordnete aus allen Richtungen der Welt, haben in offenen, Jedermann zugänglichen Sitzungen unseren berechtigten Wünschen Ausdruck gegeben; wir haben den Zweiflern gezeigt, wir haben es ihnen in concretester Weise vor Augen geführt , daß ein jüdisches Volk existirt, ein Volk, welches nicht nur durch gemeinsame Vergangenheit, sondern weit mehr noch durch eine gemeinsame Zukunft seine Zusammengehörigkeit documentirt; denn ein Volk hat die Zukunft, die es erstrebt . Wir haben den Zaghaften gezeigt, daß die Aufrichtigen und menschlich Fühlenden unsere Offenheit zu schätzen wußten: die vornehmsten Blätter Deutschlands, Englands und Amerikas haben den Congreß in seiner ganzen epochemachenden Bedeutung gewürdigt und unseren Ideen eine  Verbreitung gegeben, die wir mit unseren schwachen Kräften nie und nimmer erzielt hätten.

Aber wenn uns das Erreichte mit Genugthuung erfüllt, so gibt es uns noch lange nicht das Recht, uns über die Schwierigkeit unserer Aufgabe zu täuschen. Eine ungeheure Arbeit wartet unser, und zwar in erster Reihe auf dem Gebiete der Mission, der Mission im zionistischen Sinne, der Mission an unserem eigenen Volk. Es gilt, die Trägen, die Gleichgiltigen, die Theilnahmslosen aufzurütteln und für die Sache der Gesammtheit zu gewinnen.

In diesen Tagen der Bußgebete gedenke ich des Mannes, der in meiner Vaterstadt mit der Laterne in der Hand mitten in der Nacht von Haus zu Haus ging und die Schläfer weckte mit seinem feierlichen
Steht aus ! steht auf !
Zu Awaudas Habaureh !

Solche fromme Mahner und Wecker brauchen wir jetzt aller Orten : wacht auf ! wacht auf ! ihr trägen, saumseligen Schläfer, wacht auf ! zum Dienste Gottes und Eures Volkes !