Dieser Beitrag erschien im September 1938 in der Zeitschrift „Zion – Monatsblätter für Lehre, Volk, Land“, die vom Zentralbüro des deutschen Misrachi zwischen 1929 und 1938 herausgegeben wurde. Die Misrachi Bewegung (Akronym für „Merkas Ruchani“ – „geistiges Zentrum“) wurde 1902 als Reaktion auf den Fünften Zionistenkongress gegründet, der kulturelle Aktivitäten in das zionistische Programm aufnahm. Der Misrachi legte daraufhin die Grundlagen des religiösen Zionismus fest: die Verbindung von Zionismus mit der Einhaltung der Gebote sowie die religiös begründete Rückkehr nach Zion.
Der zu Rosch haSchanah 1938 veröffentlichte Text stammt aus der Feder von Rabbiner Eliezer Berkovits. Berkovits wurde 1908 in Nagyvárad, Österreich-Ungarn geboren, studierte am orthodoxen Rabbinerseminar zu Berlin und wurde 1934 zum Rabbiner ordiniert. Bis 1939 amtierte er als Rabbiner an der Synagoge Pestalozzistraße. Er konnte nach England auswandern und ging nach Stationen in Australien und den USA 1975 nach Israel, wo er 1992 starb.
Im vorliegenden Text zu Rosch haSchanah warnt er davor, dass die deutschen Juden unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung in eine Lähmung durch ihr Leid verfallen und dadurch die geistige Freiheit verlieren, die für das jüdische Überleben und das bevorstehende Neujahrsfest essenziell ist. Berkovits kritisiert das Fehlen einer vorausschauenden Führung in der Not und ruft dazu auf, sich am Widerstands- und Aufbauwillen der Juden in Erez Israel ein Beispiel zu nehmen, um dem Schicksal trotz aller Härte mit Glauben und innerer Unabhängigkeit zu begegnen.
Die Hörigkeit an die Sorge
Rosch Haschanah 5699
Rabb. Dr. Eli L. Berkovits, Berlin
Zion, 10. Jahrgang, Nr. 6, Berlin, September 1938
Die Tage des sich vollendenden Elul bereits waren in früheren Jahren umstrahlt von der Schönheit des Tischri. Die Spannung der Seelen steigerte sich von Tag zu Tag. Langsam und allmählich vollzog sich die immer tiefergreifende Konzentration auf das große Ziel — ימים נוראים. Immer mehr und mehr ballte sich die Kraft des jüdischen Herzens zusammen, um am Tag des Gerichts und der Versöhnung das Wunder der Wandlung und Erneuerung in der תשובה zu vollbringen. In erhabener Anspannung der Kräfte der Seele und des Geistes fegten diese Tage einst die Trägheit aus unserem Innern . Die Umklammerung des Alltags löste sich unmerklich: Fessel um Fessel zerbrach. Und der jüdische Mensch wurde bereit. Er wurde frei. In Freiheit stand er dann an den ימים נוראים Gott gegenüber, gelöst von allen lähmenden Bindungen an Menschen und Dinge. Die Tage der Ehrfurcht waren Feste höchster menschlicher Freiheit.
In diesem Jahr, in dem die Krisenhaftigkeit jüdischer Existenz eine furchtbare Steigerung erfahren hat, ist all dies gefährdet. Heute ist zu befürchten, daß die jüdische Gemeinschaft, ihren tausendfachen Sorgen hingegeben, von den Tagen der Ehrfurcht sich überraschen läßt, sie erleben könnte ohne die Bereitschaft der Herzen. Denn viele von uns haben eine furchtbare Sklaverei auf sich genommen — sie sind Sklaven geworden ihrer eigenen Not, Sklaven ihrer Sorgen, Hörige des Leids.
Rosch Haschana und Jom Kippur sind aber Feste von Freien. Seit Jahrtausende gibt es Galut und in ihr Leid. Aber neben dem Leid gab es — z . B . — ein Bet-Hamidrasch, wo in unglaublicher Frische der geistige Elan des Volkes sich konzentrieren konnte. Es gab Feste des Kalenders, Feste des Hauses, die bestimmt waren vom Frohsinn und der Freude glücklicher Menschen. Die jüdische Straße war da und der jüdische Markt mit pulsierendem , energiegeladenem jüdischen Leben.
Das Leid war eine Begleiterscheinung der Galut, nicht aber das Dominierende in ihr. Neben dem Leid gab es Leben, Mut und
Glauben. Das Leid wurde aufgenommen und eingefangen von einer Vitalität, die nicht zu brechen war.
Heute ist all dies anders geworden. Das Leid hält den ganzen Menschen gefangen. Es hat sich auf alle Erscheinungsformen unseres Lebens gelegt. Es schleicht sich überall ein. Es lähmt den Lebenswillen, den Mut und den Glauben an die Zukunft.
Galut war einst Schicksal, das gemeistert werden mußte und gemeistert worden ist. Heute ist Galut in diesem Land eine Krankheit der Seele. Galut war Leben, heute ist Galut Leid — dies ist die Hörigkeit an die Sorge.
Wir gehören heute unseren Sorgen — darin besteht das vorläufige Fazit aus dem sich schließenden Kapitel jüdischer Geschichte in Deutschland.
Die vergangenen 5 — 6 Jahre waren, innerjüdisch gesehen, unter dem Gesichtspunkt der Verpflichtung und der Aufgabe eine Periode der Enttäuschungen. Enttäuscht hat der jüdische Mensch — im Volk und in der Führung.
Als diese neue Epoche unserer Geschichte begann, glaubten wir, an der Schwelle einer für uns Juden in Deutschland großen Zeit zu stehen. Wir glaubten an die Wandlung und Erneuerung des jüdischen Menschen im aufwühlenden Geschehen der Zeit. Wir haben uns geirrt. Der neue jüdische Mensch, auf den wir warteten, ist nicht Wirklichkeit geworden. Die große Chance der Erneuerung aus der Kraft des historischen Geschehens ist bereits — zum großen Teil — vertan. Geblieben ist nur der Elan der Not. Er ist es, der uns heute noch bewegt. Der Mensch aber ist im wesentlichen der gleiche geblieben.
Wie er als Einzelner in der breiten Masse enttäuscht hat , so enttäuschte er auch in den Organisationen, die mit der Lenkung unseres Lebens betraut waren. Niemals wurde in den vergangenen Jahren von verantwortlicher jüdischer Seite vorausschauend, nüchtern und sachlich die jüdische Situation in Deutschland konsequent zu Ende gedacht. Da dieses „Zu-Ende-Denken“ gefehlt hat, arbeitete man im Grunde genommen ohne Planung. Man sah nicht über den Augenblick hinaus. Von allem ließ man sich überraschen. Man führte nicht, man wurde geschoben von der Not des jeweiligen Augenblicks.
Nicht Beschuldigung wird damit erhoben, sondern ein Mangel festgestellt. Es fehlte die konstruktiv – wegweisende Tat. Selbst
unsere zionistischen Organisationen haben sich mit der Propaganda begnügt. Sie haben „Stimmungen“ organisiert, nicht aber den Menschen erfaßt. Das Vorausschauende und Schöpferische ging uns ab — die Freiheit im Leid.
Gewiß ist es nicht in unserer Macht, das Ausmaß des Leides zu bestimmen. Aber an uns liegt es, die Hörigkeit an die Sorge zu beheben , frei zu bleiben inmitten von Leid . Daß dies möglich ist, daß dies von uns allein abhängt, beweist Erez Jisrael. Erez Jisrael leidet, aber Erez Jisrael kämpft. Erez Jisrael lebt! Es gibt Leid, aber keine Hörigkeit an das Leid. Das Leid lähmt nicht den Willen, sondern spornt ihn an. So ist es möglich, daß trotz schwerster Krise in heroischem Mühen das Land weiter gebaut wird. Das Schöpferische wächst an dem sich steigernden Leid, wenn Freiheit ist im Leid.
Düster erscheint uns der Ausblick auf das kommende Jahr. תרצט verspricht ein Jahr schwerster Entscheidungen zu werden. Was wird es uns bringen — in der Galut, in Erez Jisrael?! Was auch die Vorzeichen künden mögen: Fürchten wir nicht das Leid, fürchten wir die Hörigkeit ! Jedes Schicksal ist nur in Freiheit zu meistern! Freiheit aber gibt es nur, wo Charaktere sind, wo Glaube ist .



