Der vorliegende Text erschien im September 1914 in der Zeitschrift „Das jüdische Echo“, dem Mitteilungsblatt der Zionistischen Vereine Bayerns, und spiegelt die durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs geweckte Hoffnung wider, dass der politische Druck auf die Juden in Polen durch Zugeständnisse der Kriegsparteien endlich ein Ende finden könnte. Zugleich fordert der Text seine deutsch-jüdischen Lesern auf, bestehende Vorurteile gegenüber den oft abgewerteten „Ostjuden“ zu überdenken.
Rosch-Haschonoh 5675
Das jüdische Echo. Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten, Nummer 9 / München / Sept. 1914
Wieder stehen wir am Beginn eines neuen Jahres. Nicht eines gewöhnlichen. Denn die Zahl 5675 wird einen Wendepunkt in der neueren Geschichte der Juden bedeuten. Lange war unsere Lage, soweit sie von äußeren politischen Verschiebungen abhing, stationär. Staatenbildungen, die wesentlichen Einfluß auf unsere Geschicke nahmen, haben seit dem Berliner Kongreß nicht stattgefunden. Im kommenden Jahr geht es auch um die Zukunft Polens, der Polen und — der polnischen Juden. Was aus ihnen werden wird, können wir heute auch nicht ahnen. Wollten wir jedoch aus der Gegenwart Schlüsse ziehen, darin allerdings stünde es nicht schlecht um sie. Denn sie sind — man möchte es nicht glauben — urplötzlich zum Gegenstand der allgemeinen Liebe geworden.
Der Zar wendet sich „an seine lieben Juden“, indem er ihnen einige Freiheiten verspricht; die Polen selbst schließen mit ihnen, die sie seit zwei Jahren durch einen hartnäckigen Boykott zu vernichten trachteten, Frieden; und „das Oberkommando der deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen in Polen“ läßt den Juden Polens in hebräischer und jüdischer Sprache sagen, daß es ihnen „Recht und Freiheit, gleiches Bürgerrecht, Glaubensfreiheit, die Freiheit, ungestört auf allen Gebieten des ökonomischen und kulturellen Lebens in ihrem Geiste zu leben, bringen will“.
Die Zeit wirkt Wunder. Wunder der Eintracht, Wunder der Aufopferung fürs Vaterland, Wunder der Nächstenliebe. Es ist die dräuende Not, die zur Besinnung drängte. Sie war es, die auch für Anschauungen, die in der Politik petrefakt geworden waren, Wandel schuf.
Lange galten die polnischen Juden als ungebetene Gäste. In Polen selber, in Österreich, in Deutschland. Man sah durch die Kruste nicht den Kern. Nun kommt die Einsicht von ihrem Werte nicht nur als Bundesgenossen für den Augenblick, sondern als Menschen, denen die Rechte freier Entwicklung, Ansprüche auf Selbstbestimmung zustehen.
Schon hat sich die Stellung zu den ausländischen Juden in Deutschland merklich geändert. Ergab es sich doch, daß die „Silberfarbs und
Mandelbaums“ keineswegs aus „Schnorrern und Verschwörern“ bestanden, vielmehr die russische Regierung unter dem Deckmantel ihrer Überwachung nur eine ausgedehnte Spionage ermöglichen wollte. Von dem sittlichen Ernst, der die leitenden Männer der beiden Dreibundstaaten erfüllt, von der Hochstimmung, welche die Völker der Bundesgenossen erfaßt hat, darf man erwarten, daß die schwerwiegenden Worte der Proklamation des Oberkommandos nicht einer Minute kühler Rechnung entsprungen sind. Wenn Deutschland und Österreich, wofür wir beten, aus dem Kampfe gegen die Widersacher siegreich hervorgehen, dürfen wir hoffen, daß die Versprechungen auch zur Wahrheit werden.
Von der Wohlfahrt und Wertschätzung unserer Stammesgenossen aus und in anderen Ländern hängt auch der Grad der uns entgegengebrachten Achtung ab. Wenn wir selbst und unsere Mitbürger bessere Beziehungen zu den vom Unglück verfolgten Juden des Ostens anbahnen, ihnen in Zukunft mehr Verständnis entgegenbringen werden, ist dieser Umschwung ein Lichtstrahl in der schweren Zeit, die wir an der Jahreswende erleben.



