„In der Nacht, in der der Rhein über die Ufer trat, war alles, was ich wusste, dass die Liebe zu Ende ging…“

Zum Tode des Schriftstellers, Menschenrechtlers und sanften Menschenfreundes Dogan Akhanli

Von Roland Kaufhold

Dogan Akhanli, der große Schriftsteller, sanfte Menschenfreund und außergewöhnlich mutige, unerschrockene Menschenrechtler und Brückenbauer, lebt nicht mehr. Man kann es nicht glauben. Es tut weh, unermesslich weh. Dogan, wie ihn seine Freunde nannten, 1957 in einem kleinen Dorf im Nordosten der Türkei beim Schwarzen Meer geboren, wurde nur 64 Jahre alt. Er verstarb in Berlin, nach kurzer Krankheit.

Der Student der Pädagogik und Geschichte wurde bereits mit 17 Jahren erstmals von der türkischen Willkür verhaftet und schwer misshandelt. Sein Verbrechen: Er hatte an einem Kiosk eine – legale – linke Zeitschrift gekauft. Dogan radikalisierte sich, das Unrecht und die staatliche Folter wollte er nicht hinnehmen. Er wurde ein Linksradikaler und Widerständler; nach dem blutigen Militärputsch 1980 in der Türkei ging er in den Untergrund. Fünf Jahre später wurde der Intellektuelle gemeinsam mit seiner Frau Ayse und seinem kleinen Sohn inhaftiert und im Beisein seines Sohnes schwer gefoltert. Dogan gab nicht auf, 1991 floh er mit seiner Familie in die Bundesrepublik. Seit 1992 lebte er in Köln, da war er 34.

Die Geburt des Schriftstellers

In Köln litt Dogan unter dem Exil, den Verlusten, der Folter. Lange, viel zu lange weigerte er sich, deutsch zu sprechen. Er war viel mit dem Fahrrad unterwegs, wenn die Depressionen zu stark wurden. Am 28.12.1995, nach einer schweren Nacht, beschloss er, Schriftsteller zu werden. „Ich war zwar jemand, der noch keinen einzigen literarischen Satz geschrieben hatte, aber ich spürte, dass ich schreiben musste. Ich glaubte an die Worte Gabriel Garcia Marquez‘, wonach das Talent zum Schreiben erforderlich, aber entscheidend der hartnäckige Wille ist, am Schreibtisch zu sitzen und die nötige Geduld zum Arbeiten aufzubringen. In dieser Nacht habe ich nur eine Seite schreiben können. Auch in der folgenden Nacht habe ich eine Seite geschrieben“ erinnerte er sich 2010. Dogan wollte das Leid, seine Erfahrungen und die türkische Gewaltgeschichte in Worte gießen. Es gelang famos, er schrieb auf türkisch, lebte aber in Köln – eine schwer auszuhaltende Gespaltenheit. Dogan verwandelte sie in Weltliteratur.

Dogan Akhanli auf den Internationalen Armin T. Wegner Tagen in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. Foto: Ulrich Klan

1998/99 erschien seine Trilogie Die  verschwundenen Meere. In seinen Erzählungen erinnerte er die politische und soziale Geschichte der Türkei zwischen den 1970er und 1990er Jahre. Seine Titel standen in der Türkei in den Bestsellerlisten – obwohl er zugleich, wegen seiner hartnäckigen Erinnerung an den türkischen Völkermord an den Armeniern, langsam zum Staatsfeind wurde.

Sein engster persönlicher und politischer Freund und Wegbegleiter in Köln wurde der armenisch-kölsche Rechtsanwalt Ilias Uyar. In seinem Jurastudium hörte Ilias Uyar, dass es in Köln einen türkischen Schriftsteller geben solle, der den türkischen Völkermord anerkenne. Das vermochte Ilias anfangs nicht zu glauben. In einem Interview mit haGalil erinnerte er sich 2015:

„Dogan habe ich schon als Jura-Student kennengelernt, vor vielen Jahren. Ich hörte, dass ein türkischer Autor ein Buch zum Völkermord an den Armeniern geschrieben hatte. Einige Zeit später rief ich ihn an und er schickte mir sein Buch Die Richter des Jüngsten GerichtsSo begann unsere Freundschaft.“ Zahlreiche gemeinsame Gedenkaktionen folgten in Köln.

Dogan Akhanli und Ilias Uyar, Foto: R Kaufhold

Die Shoah wurde zu einem zentralen seelischen Orientierungspunkt für Dogan. Er wusste, dass jede Menschenrechtsarbeit, jede Erinnerung, nur tragfähig war, wenn sie den deutschen Völkermord an den Juden mit einschloss. Und Dogan, der zahlreiche linksradikale deutsche Freunde hatte, machte sich nie Illusionen auch über den linken Antisemitismus.

2005 erschien sein Roman Madonnas letzte Traum auf türkisch, 2019 auch auf deutsch: Er erzählte hierin, eingewoben in eine komplexe Liebesgeschichte, die Tragödie des jüdischen Flüchtlingsschiffes Struma. Dieses sank 1942  vor der türkischen Küste, 780 jüdische Flüchtlinge fanden den Tod. Die Shoah war für Akhanli ein kollektives Versagen der Menschheit.

Späte Auszeichnungen: „Wir brauchen einen transnationalen Gedächtnisraum“

Gedenken an den türkischen Völkermord an den Armeniern in Köln, Foto: R. Kaufhold

In den letzten Jahren wurde der unerschrockene Menschenrechtler Dogan Akhanli vielfach für sein literarisches Talent, seinen Mut und seinen leidenschaftlichen Kampf um eine illusionsfreie Erinnerung und Versöhnung ausgezeichnet. 2014 erhielt er einen Preis der Evangelischen Kirche Kölns – und revanchierte sich mit der grandiosen Rede „Wir brauchen einen transnationalen Gedächtnisraum“.

Hierin erinnerte er sich an den türkischen Bürgerkrieg der 1980er Jahre – und entschuldigte sich bei seiner Frau und seinen Kindern Can und Ceren, als Familienvater war sein damaliges Handeln unverantwortlich und töricht:

„Ich habe auch die Folter, der ich gemeinsam mit meiner Frau und meinem Sohn ausgesetzt wurde, überlebt. Ich bin meiner damaligen Frau Ayşe dankbar, die mit mir durch die Hölle gegangen ist. Wenn ich aus der Folterkammer nicht als gebrochener Mensch heraus gekommen bin, verdanke ich das ihrem Mut und ihrem Widerstand. Ich bin meinen Kindern, Can und Ceren, die nicht mehr Kinder sind, dankbar, dass sie mir keinen Vorwurf gemacht haben, weil ich sie in Flucht und Heimatlosigkeit mitgeschleppt habe. Nach der Geburt meines Sohnes hätte ich sofort das Land verlassen sollen. Es war keine Heldentat, mich weiter gegen das Militär zu engagieren; als Vater war es eine dumme, verantwortungslose Haltung, ihm gegenüber und später meiner Tochter gegenüber.“

2010, nach seiner ersten willkürlichen Verhaftung in der Türkei – er wollte seinen todkranken Vater ein letztes mal besuchen – beteiligten wir uns auf haGalil mit zahlreichen Beiträgen an der internationalen Solidaritätskampagne.

Aber selbst in diesen vier Monaten in türkischer Haft, deren Ausgang mehr als fragwürdig war, verlor der Schriftsteller Akhanli niemals seinen Mut. In der Zelle verfasste er die Kurzgeschichte Sibirien. Diese beginnt so:

„Endlich bin ich in Istanbul, bin aus dem Flieger ausgestiegen und gehe zur Passkontrolle. Ein wenig aufgeregt bin ich auch. Beinahe 20 Jahre ist es her, dass ich zuletzt hier war. Ich verlangsame meine Schritte, um nicht als erster an der Kontrolle zu sein. Mein Personalausweis ist in der Tasche. Vorzeigbereit.
„Doğan Bey, haben Sie auch Ihren türkischen Ausweis dabei?“ fragt mich der Beamte, der meinen Pass am Computer überprüft. „Nein. Ich bin deutscher Staatsbürger. Aus der türkischen Staatsbürgerschaft hat man mich rausgeworfen.
„Nein, efendim. Man hat Sie sicher nicht rausgeworfen. So etwas gibt es nicht. Man wird nicht aus der Staatsbürgerschaft rausgeworfen.“
„Ich schon. Offiziell. Mit dem Urteil des Ministerrats. Vor 12 Jahren.“
„Unmöglich. Das nennt man nicht Rauswurf, sondern Verlust. Wie beim Geld. Schmeißt man Geld raus? Man verliert es. Genauso. Werfen Sie Ihr Geld raus? Nein. Sie verlieren es. Sie werden Ihre Staatsbürgerschaft verloren haben. Doğan Bey, Sie müssen mit uns kommen. Es liegt ein Haftbefehl gegen Sie vor.“
Ein Zuständiger in der Abteilung für Terrorbekämpfung informiert mich:
„Doğan Bey, da ist nichts, wonach wir vorgehen könnten. Die Organisation, wegen der Sie gesucht werden, tauchte – Sie werden es besser wissen – Mitte der 80er Jahre auf, warf hier und da ein paar Molotow-Cocktails und verschwand wieder von der Bildfläche. Seit 20-25
Jahren gibt es keine Einträge über sie. Es dürfte sich um etwas Harmloses handeln. Da ist wohl irgendwo eine alte Aussage gegen Sie…“ 

Eigentlich war Dogan, der den Karneval mochte, ein „kölscher Jung“. Hier fühlte er sich wohl, heimisch, umringt von Freunden – und sicher. Als Dogan Anfang 2011 wieder nach Köln zurück kehrte – zuvor hatte er nach seiner Freilassung noch ein letztes mal sein Heimatdorf und das Grab seines Vaters besucht – traf ich Dogan Karneval auf der Straße, meine Posaune in der Hand. Es war der Anfang einer lockeren Freundschaft und einer Zusammenarbeit, die wohl die beglückendste und befriedigendste Beziehung meines Lebens war.

„In Berlin bin ich mit meiner Menschenrechtsarbeit auch oft, aber da bin ich vorsichtig, wenn ich dort herumlaufe“, erzählte er mir 2016, nach dem Erscheinen seiner großen Erzählung Die Tage ohne Vater. Köln blieb der Mittelpunkt seines Lebens, erst in den letzten Jahren verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt vorsichtig nach Berlin, wo er mit zahlreichen Regisseuren und Menschenrechtsaktivisten zusammen arbeitete.

2017: Verhaftung in Granada: „Ich bin ein Glückspilz.“

Im Sommer 2017 wurde Dogan nach einem privaten Spanienbesuch erneut festgenommen – die Macht des rachsüchtigen Despoten Erdogan reichte bis ins spanische Granada. Sein Freund Ilias Uyar reiste noch am gleichen Tag nach Spanien. Die Solidarität gerade auch in Köln war unermesslich. Dogan wurde einen Tag später wieder freigelassen, durfte Spanien jedoch nicht verlassen. Er nutzte die zwei Monate erzwungener Abwesenheit, um in Spanien seine autobiografische Erzählung Verhaftung in Granada niederzuschreiben. In seinem gleichermaßen traurigen wie abgrundtief komischen Werk ist von Solidarität und Freundschaft oft die Rede, so von jener zu seinem lebenslangen Freund und Schriftstellerkollegen Adnan Keskin. In Köln trafen sich die Exilanten wieder und verbrachten viele Sonntage miteinander, in Erinnerung an die Speisen und die geteilten Utopien ihrer Jugend während der Diktatur: „Beide waren wir heimwehgeplagt.“

Ganz am Ende seines Erinnerungsbuches notiert Dogan Akhanli überraschend und scheinbar nebenbei: „Ich bin ein Glückspilz.“ Seinen literarischen Erfolg in Deutschland verdankte er – so paradox das erscheinen mag – auch Erdogans Willkür. 

Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Köln wurde Dogan Akhanli im Herbst 2017 von der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker feierlich im Rathaus empfangen; in ihrem heutigen Beileidschreiben zu Dogans Tode hat sie hieran noch einmal erinnert.

2019 wurde ihm für sein grandioses literarisches Erinnerungswerk die Goethe-Medaille verliehen. Niemand hat sie so sehr verdient wie Dogan Akhanli!

Zwei Rosen: Abschied von Gertrud

Ende März diesen Jahres war die Kölner Lyrikerin Gertrud Seehaus-Finkelgruen verstorben. Dogan war mit ihr und deren Ehemann Peter Finkelgruen vertraut, schätzte sie beide ungemein. „Oh, ich bin so stolz, dass ich gemeinsam mit Gertrud, der großen Lyrikerin, auftreten durfte“, meinte er einmal mit leiser Stimme zu mir. Er ist oft mit Peter Finkelgruen und seinem engen Freund Ilias Uyar in Köln aufgetreten, um gemeinsam an den Völkermord an den Armeniern zu erinnern. 

Dogan im Sommer 2021 vor dem Gedenkstein und Gedenkbaum für Martin Finkelgruen, gestiftet anlässlich des 70. Geburtstages seines Freundes Peter Finkelgruen. Foto: R Kaufhold

Einige Wochen nach dem Tode von Gertrud rief er mich an: Ob ich ihn begleiten könne, er wolle Peter besuchen. Wir trafen uns vor dem Gedenkbaum und Gedenkstein vor Finkelgruens Wohnung; diesen hatte Dogan neun Jahre zuvor mit eingeweiht. Dogan hatte eine rote und eine weiße Rose dabei, „für die Trauer und die Hoffnung“, sagte er seinem Freund Peter Finkelgruen. Wir sprachen über die große Lyrikerin Gertrud, mit der er gemeinsam im PEN war.

Trotz der Trauer wurden es zwei schöne Stunden. Wir sprachen auch über Netanjahu, machten Witze über den Egomanen, in aller tiefen Liebe und Besorgnis, die Dogan gegenüber Israel empfand. Anschließend gingen wir noch einmal zum Gedenkbaum. Dogan war stets ein überaus aufmerksamer Beobachter, der unermesslich viel verstand und ganz außergewöhnlich liebenswürdig und freundlich gegenüber Menschen war. Er war ein Brückenbauer von den Verbrechen hin zu einem besseren Leben. Verleugnungen akzeptierte er nicht, und er wusste, welchen Preis er für seinen Mut zahlen musste.

Eine ruhige Reise, Dogan

Eine ruhige Reise, Dogan, Dogan Akhanli, du Menschenfreund, großer Schriftsteller, mutiger Menschenrechtler und tollkühner Brückenbauer. Ich und wir vermissen Dich schon jetzt so sehr, Deine Klugheit, Belesenheit. Deine ironische Verschmitztheit in der größten Gefahr im Gefängnis, die Du durch Worte und Erzählungen überwunden hast, wo andere für immer verstummt wären.

Wir teilten Deinen Schmerz über den Verlust der Heimat, aus der der törichte und dumme Diktator Dich 2010, als Dein Vater starb, vertrieben hat. Und doch hast Du diesen Verlust kreativ bearbeitet: Du hast die Türkei des unbarmherzigen und brutalen Diktators innerlich ausgestoßen, für immer, 2015, und Du hast mit Deinem lieben Sohn Can endlich „richtig“ deutsch gelernt.

Unvergessen bleibt Deine Brüderlichkeit, Deine Umarmungen, lieber Dogan. Und Deine Bescheidenheit, wo Du doch einer der ganz Großen bist und bleibst.

Und doch bleiben wir mit Deiner zarten Seele verbunden – bis wir uns wiedersehen, ganz bald und ganz sicher.

Herzliches Beileid Deinen beiden Kindern Ceren und Can, deiner ehemaligen Frau Ayşe und Deiner Freundin.

Foto oben: © R. Kaufhold

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