In den Norden

Manchmal möchte ich wie einst Nina Ruge am Ende ihrer Fernsehsendung „Leute heute“ ausrufen: „Alles wird gut“. Nach meiner ersten Wanderung im Sinai im Jahre 1995 fahre ich mit dem Bus von Eilat nach Haifa. Es ist der 24. September, der Tag, an dem im ägyptischen Taba am Golf von Akaba der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin und der Vorsitzende der PLO, Jassir Arafat, das Israelisch-Palästinensisches Interimsabkommen, später als „Oslo 2“ bekannt, unterzeichnen. Es geht um noch mehr Autonomie für die Palästinenser und um mehr Sicherheit für die Israelis…

Von Wolfgang Frindte
Aus meinem israelischen Tagebuch

Der Bus nimmt den Weg durch die Negev-Wüste über Be’er Scheva nach Tel Aviv. Dort steige ich um in den Bus nach Haifa. Der Tel Aviver Busbahnhof wurde 1993 eröffnet und ist einer der größten der Welt. Ich brauche einige Zeit, bis ich meine Abfahrtsstation gefunden habe, komme aber rechtzeitig dort an, um mich der Sicherheitskontrolle unterziehen zu können. Schade, es sind Männer und keine Frauen, wie am Flughafen, die mich, nach einem Blick in meinen Pass, befragen, woher ich komme und warum ich nach Haifa will. Derartige Kontrollen an Busbahnhöfen bzw. Bushaltestellen sind – zumindest bis 1995 – nicht üblich. Ich sehe aber auch nicht wie ein üblicher Reisender aus. Ziemlich verbrannt von der Wüstensonne, mit großem Rucksack (und das in meinem Alter) und etwas aufgeregtem Verhalten wecke ich die dienstliche Aufmerksamkeit der Polizisten.

Die Aufmerksamkeit hat aber noch einen anderen, viel gewichtigeren Grund. Seitdem in der arabischen und israelischen Öffentlichkeit bekannt ist, dass Israelis und Palästinenser über ein neues Abkommen beraten, eben jenes, das dann Oslo 2 heißen wird, häufen sich die Terroranschläge von palästinensischen Selbstmordattentätern in Israel. Am 23. Januar 1995 sterben 19 Israelis bei einem Anschlag in Netanya; am 9. April werden sieben Israelis im Gazastreifen durch einen Selbstmordanschlag zweier Palästinenser getötet; am 24 Juli kommen an einer Bushaltestelle in Ramat Gan, in der Nähe Tel Avis, sechs Israelis durch einen palästinensischen Terroranschlag ums Leben.

Es ist schon dunkel als ich im Zentrum Haifas aus dem Bus steige. Ich rieche das Meer und spüre den – im Vergleich zur Wüste – kühlen Wind auf meinem verbrannten Gesicht. Ich muss zum Hotel Bet Shalom. Dort habe ich ein Zimmer gebucht. Ein Taxi bringt mich hin. Der Taxifahrer ist ein gesprächiger Mann. Er zeigt auf mein gebräuntes Gesicht und fragt, ob ich ein Seemann sei und von einem Schiff komme. Ich: „No, from the desert“. „Which desert?“. Ich: „Sinai“. Er: „Oj, this is a dangerous place“. Ich: “Not really. But, very hot”. „Yes, very hot“. Und dann erzählt er mir, er sei als Soldat zwischen 1980 und 1982 im Norden des Sinai stationiert gewesen, in der Nähe von Yamit.

Die Sinai-Halbinsel wurde nach dem Sechstagekrieg im Jahre 1967 von den Israelis besetzt und blieb 15 Jahre in israelischer Hand. In dieser Zeit siedelten sich viele Israelis auf der Halbinsel an. Sie errichteten Militärstationen und bauten neue Siedlungen, so wie die Stadt Yamit im Nordosten der Halbinsel (mit zirka 3000 Einwohnern) oder Moschaw Neviot (das heutige Nuweiba) am Golf von Akaba im Süden. Die Wüstenlandschaft wurde bewirtschaftet und touristisch erschlossen. Dann kam das Ende der israelischen Besiedlung des Sinai. Im März 1979 unterzeichneten der israelische Ministerpräsident Menachem Begin und der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat in Washington das israelisch-ägyptische Friedensabkommen. „Land für Frieden“ wurde für die israelischen Siedler auf dem Sinai zur praktischen Realität. Der Friedensvertrag sah den kompletten Abzug der Israelis von der Halbinsel vor. Bis 1982 mussten sie die Militärbasen räumen, ihre Siedlungen und Plantagen aufgeben und die Halbinsel verlassen. Das geschah nicht ohne Widerstand. Im SPIEGEL vom 26. April 1982 war zu lesen: „Bis zuletzt kämpften über 1200 wilde Siedler gegen 5000 Soldaten der Räumungsaktion ‚Rote Taube‘. Mit Flaschen, Sand, Steinen, Eisenstangen, faulem Gemüse und sogar brennenden Autoreifen versuchten sie, die eigene Armee zu stoppen. Elf Ultras der chauvinistischen Kach-Bewegung hatten sogar gedroht, sie würden den Freitod einer Räumung vorziehen. Tagelang widersetzten sie sich den Bemühungen ihrer Familien, der Armee und sogar der beiden Oberrabbiner Israels, ihre Selbstmordpläne aufzugeben“ (DER SPIEGEL, 26.4.1982).

Ja, so mein Taxifahrer, er sei an der Räumung der Stadt Yamit beteiligt gewesen. Das sei keine schöne Zeit gewesen. Ein großer Teil der Siedler, die Yamit verlassen mussten, seien erst wenige Jahre zuvor aus der Sowjetunion nach Israel gekommen.

Dann sind wir am Hotel. Mein Hotel liegt auf dem Berg, dem Carmel Center. An der Rezeption fragt mich eine gutaussehende und sehr freundliche Dame auf Englisch nach meinem Namen. Mit dem Blick auf meinen Pass wechselt sie ins Deutsche. Später erfahre ich, dass sie und ihr Mann die Eigentümer des Hotels sind und aus der Schweiz stammen. Mein Zimmer ist angenehm, nicht sehr teuer und ohne Fernseher. Ich bin ziemlich hungrig auf Neuigkeiten. Also mache ich mich auf, um ein wenig die Hotelumgebung zu erkunden. Ich suche nach einem Tabakladen, der jetzt – so gegen 21.00 – noch geöffnet haben könnte und nach einem Restaurant. Beides finde ich auch. In dem kleinen Restaurant läuft ein Fernseher und ich habe einen wunderschönen Blick auf die Bucht von Haifa bei Nacht.

Die Bucht von Haifa, ganz im Hintergrund Akko, aufgenommen unweit von der Universität, 2003.

Die Universität Haifa und ein gemeinsames Projekt

Am nächsten Tag holt mich Devorah C. mit dem Auto vom Hotel ab und wir fahren zur Universität. Sie liegt auf einem Buckel des Carmel-Gebirges., Der Eshkol Tower, benannt nach dem ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Levi Eshkol, ein 30-geschossiges Hochhaus, ist das Zentrum der Universität. Wir fahren in den 18. Stock. Dort befindet sich – im Jahre 1995 – das Ray D. Wolfe Centre for Study of Psychological Stress. Und hier treffe ich zum ersten Mal Miriam Rieck.

Eshkol Tower der Universität Haifa und Miriam Rieck (aufgenommen 2003)

Die Universität Haifa wurde 1963 gegründet. Zirka 20 Prozent der Studierenden sind israelische Araber. Unterrichtet wird in Hebräisch und Englisch.

Im Jahre 1995 wird das Ray D. Wolfe Centre for Study of Psychological Stress von Shlomo B. geleitet, dem vormaligen Rektor der Universität Haifa und Professor für Psychologie. Er und Miriam Rieck begrüßen uns, Devora C. und mich, am Institutseingang. Im Dienstzimmer von Shlomo B., bei Kaffee, Wasser und süßem Gebäck sprechen wir zunächst über unsere Herkunft und dann über meine Forschungsambitionen und die des Instituts. Ich erfahre, dass Shlomo 1936 in Bratislava geboren wurde. Sein Vater wurde in Auschwitz ermordet; die Mutter überlebte die Vernichtungslager. Shlomo und dessen Schwester wurden während des Holocaust von Mönchen in einem katholischen Kloster versteckt. 1949 kamen Mutter und Kinder nach Israel.

Psychologischer Stress ist der allgemeine Forschungsschwerpunkt des Instituts. Im Konkreten, so erläutert Shlomo B., gehe es um die psychologischen Folgen des Holocaust – bei den Überlebenden und deren Nachkommen. Er zeigt auf eine wissenschaftliche Zeitschrift, die vor ihm auf den Tisch liegt. Es ist eine Ausgabe des International Journal of Behavioral Development, in der kürzlich (1994) ein Artikel von Miriam Rieck erschienen ist. Ich frage nach dem Thema des Beitrages. Sie habe, antwortet Miriam, die psychische Befindlichkeit von Kindern aus Familien von Holocaust-Überlebenden untersucht. Und wie sehen die Ergebnisse aus, frage ich weiter. „Nun, was meinen Sie?“, fragt Miriam auf Deutsch zurück. „Ich vermute“, antworte ich zurückhaltend, „die Kinder aus Familien der Holocaust-Überlebenden zeigen größere emotionale Probleme und psychisch auffälligere Symptome als Kinder aus ‚normalen Familien‘“. Und nun schaltet sich auch Devora mit der rhetorischen Frage ein, was ich denn unter einer normalen Familie in Israel verstehen würde. Oh, denke ich, bin ich gerade in ein Fettnäpfchen getreten. Miriam Rieck scheint meine Besorgnis erraten zu haben. „Ich vermute, Wolfgang, Sie meinen mit normaler Familie eine, die nicht direkt vom Holocaust betroffen ist. Ja, und genau diesen Vergleich haben wir in unserer Studie vorgenommen. Und rausgekommen, ist etwas Interessantes und Wichtiges. Die Nachkommen aus Holocaust-Familien unterscheiden sich in ihren psychischen Befindlichkeiten nicht von den Kindern, deren Eltern oder Großeltern während der Zeit des Nationalsozialismus in Palästina und nicht in Europa lebten. Das heißt, den Nachkommen der Holocaust-Überlebenden – wir nennen sie auch die ‚Zweite Generation‘ – ist es offenbar gelungen, die Schmerzen ihrer Eltern anzunehmen, ohne selbst darunter leiden zu müssen. Vielleicht haben die Nachkommen Mechanismen entwickelt, um in konstruktiver Weise mit dem Leid der ‚Ersten Generation‘ umzugehen“. Ich schaue verwundert und ratlos in die Runde: „Wie sehen solche Mechanismen aus?“ Darauf meldet sich Devora und sagt: „Wichtig sind die Gespräche zwischen der ‚Ersten‘ und der ‚Zweiten Generation‘. Nicht Verschweigen oder Verdrängung hilft, sondern das gemeinsame Reden über das Erleben und Überleben. Aber auch schwarzer Humor kann helfen. Du weißt“, wendet sie sich an mich, „immer dann, wenn es den Juden schlecht geht, greifen sie in die Kiste der jüdischen Witze“. Ganz überzeugend finde ich den Hinweis auf die therapeutische Wirkung von Witzen nicht. Meine Gesprächspartner bemerken meine Irritationen und Shlomo B. ergänzt: Die Befunde aus Miriams Studie seien natürlich nicht repräsentativ, aber sie würden auf einen wichtigen Aspekt verweisen. Holocaust-Überlebende möchten über viele Themen reden: über die traumatische Familienvergangenheit, aber auch über das Überleben in Deutschland und später in Israel, über ihre Hassliebe zu Deutschland, über den Antifaschismus während und nach dem Holocaust, über Versuche des Widerstandes usw. Dieses Reden und Gehörtwerden sei wichtig.

Und Shlomo schließt:

„The remembrance of the victims and the perpetrators is important for future generations. Even though the individual narratives and different dialogues, as well as explanations, theories and collective memories about the Holocaust may not be comparable, these different points of view are important for understanding what really occurred in the Shoa. The underlying process required for this understanding is tolerance and mutual respect for diversity, rendering a dialogue between survivors and their interpreters empathic and humane.”

Dann bittet Shlomo B. noch um Verständnis, dass er uns nun verlassen müsse. Ein wichtiger Termin in Tel Aviv ließ sich nicht verschieben.

Ich bleibe mit Devora C. und Miriam Rieck zurück. Wir denken noch einmal an Shlomos letzte Worte: Toleranz und wechselseitiger Respekt vor der Vielfalt menschlichen Lebens! Ja, an diesen Punkten treffen wir uns und können gemeinsame Forschungspläne schmieden. Nach mehr als fünf Stunden sind wir uns einig: Wir entwerfen ein Forschungsprojekt, dass sich mit den Werthaltungen, Einstellungen und Bewältigungsstrategien von jungen Deutschen und jungen Israelis beschäftigen wird.

Offiziell trägt dieses Projekt später den Titel „Jugendliche Einstellungen gegenüber ‚Fremden‘, Geschichten über die Vergangenheit, Modernisierungsrisiken, aktuelle Werthaltungen und individuelle Bewältigungsstrategien – ein sozialpsychologischer Vergleich zwischen deutschen und israelischen Jugendlichen“. Die Volkswagenstiftung wird dieses Projekt bis 1998 unterstützen. Insgesamt werden wir in Deutschland ca. 2500 Jugendliche befragen und in Israel 800 junge Menschen im Alter von 14 bis 18 Jahren interviewen. Wir werden die Ergebnisse auf nationalen und internationalen Konferenzen vorstellen und in einem Buch sowie in mehreren wissenschaftlichen Beiträgen publizieren. Wir werden zeigen, dass Jugendliche in Deutschland versuchen, durch ausländerfeindliche und rechtsextreme Äußerungen gegen gesellschaftliche Tabus und Normen der political correctness zu verstoßen, um damit ihre Unzufriedenheit mit der etablierten Politik auszudrücken. Überdies werden unsere Befunde darauf verweisen, dass die Zunahme fremdenfeindlicher Einstellungen kein ausschließliches Problem der neuen Bundesländer ist, hier, im Osten des neuen Deutschlands, aber gravierender ausgeprägter und entschiedener geäußert werden. Auch auf neue Formen des Antisemitismus werden wir in unserer deutschen Studie stoßen. Seine Gesellschaftsfähigkeit hat der Antisemitismus zwar verloren, weil er mit einem Tabu belegt ist. Genau dieses Tabu macht ihn aber für Jugendliche (und nicht nur für diese) wieder interessant. Mit antisemitischen Äußerungen können Jugendliche (und Erwachsene) heute noch Aufmerksamkeit erregen, was ihnen sonst kaum mehr gelingt. Kaum ein anderes Thema weist eine solche Treffsicherheit auf den inneren Frieden der Bundesrepublik auf (vgl. auch: Frindte, 1999) .

In der israelischen Studie werden die Einstellungen von israelisch-arabischen und israelisch-jüdischen Jugendlichen verglichen. Dabei wird sich zeigen, dass die arabischen Jugendlichen, die in Israel leben und deren Eltern die israelische Staatsbürgerschaft haben, fremdenfeindlicher und gewaltbereiter als ihre jüdischen Altersgenossen sind. Insgesamt äußern aber sowohl die arabischen als auch die jüdischen Jugendlichen, die sehr religiös erzogen sind, stärkere Vorurteile gegenüber den jeweiligen Fremdgruppen (also die Araber gegenüber den Juden und diese gegenüber den Arabern) und eine ausgeprägtere Gewaltbereitschaft als die weniger religiös orientierten Araber und Juden. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass die Probleme zwischen Israel und Palästina vor allem von den religiösen Fundamentalisten auf beiden Seiten verursacht und ständig angeheizt werden (vgl. auch: Frindte, Rieck & Carmil, 2002).

Gegen 17.00 Uhr haben wir die wichtigsten Ideen unseres gemeinsamen Projekts niedergeschrieben. Miriam Rieck schlägt vor, Essen zu gehen. In den Drusendörfern auf dem Carmel gebe es gute Restaurants. Wir fahren nach Daliyat El-Carmel, ein Dorf unweit von der Haifa Universität. Vor dem Restaurantbesuch schlendern wir durch die schmale Einkaufsstraße mit ihren basarähnlichen Läden. Und wie konnte es anders sein, ich finde wieder einmal eine alte oder auf alt gemacht Eule aus Holz. Es wird nicht die letzte sein, die ich in Israel kaufe.

Das Restaurant ist angenehm. Wir bestellen kleine Portionen für drei Personen und bekommen neben den Hauptgerichten mindestens weitere zehn essbare Kleinigkeiten, Humus, Tehina, Mais, rote Beete, Salate usw. usf.

Die Drusen sehen sich zwar als Araber, nicht aber als Muslime. Ihr Glaube scheint mit dem Islam verwandt, haben sich die Drusen doch im 11. Jahrhundert vom Islam losgesagt. Die Inhalte, Rituale und Gebräuche ihrer Religion bleiben indes Außenstehende verborgen. Auch missionarisch betätigen sich die Drusen nicht. Verschwiegenheit nach Außen und Treue nach Innen dürften die Grundprinzipien ihres Glaubens und ihrer Lebensgestaltung sein. Von den mehr als eine Million Drusen weltweit leben zirka 130.000 In Israel; vor allem auf dem Carmel, aber auch auf den von Israel besetzten Golanhöhen. Die im Kernland Israels lebenden Drusen sind israelische Staatsbürger. Anders als die in Israel lebenden Palästinenser müssen sie den Wehrdienst in der israelischen Armee absolvieren, sind aber auch im Polizeidienst, in der Politik oder in der Leitung wissenschaftlicher Einrichtungen engagiert und erfolgreich.

Die Drusen sind dem Alkohol abhold. Im kleinen Restaurant in Daliyat El-Carmel bekomme ich trotzdem einen süffigen Rotwein, natürlich vom Carmel.

Inzwischen ist es spät geworden im kleinen drusischen Restaurant. Wir fahren mit dem Auto nach Haifa zurück. Ein wunderschöner Sonnenuntergang begleitet uns auf dem Heimweg.

Blick vom Carmel (2003)

Und später wird alles anders: Im November 1995 wird der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin bei einer politischen Großveranstaltung in Tel Aviv von einem israelischen Studenten aus der Bar-Ilan Universität erschossen.

Miriams Geschichte

Miriam Rieck wurde 1929 in Essen geboren. Ihr Vater, ein bekannter Neurologe und Psychiater, war bis 1936 Vertrauensarzt bei Krupp. 1936 floh die Familie nach Palästina. Als jüngste von drei Töchtern arbeitete Miriam Rieck nach ihrem Schulabschluss als Krankenschwester; studierte von 1972 bis 1977 Psychologie und Soziologie und arbeitete zunächst als Kinder- und Entwicklungspsychologin und anschließend bis 2012 als Wissenschaftlerin am Ray D. Wolfe Centre. Dann wurde das Centre aus finanziellen Gründen aufgelöst. In den 1990er und den 2000er Jahren baute sie in Zusammenarbeit mit dem Fortunoff Archive an der Yale University and dem Washington Holocaust Museum ein Archiv auf, in dem mehr als 2000 Interviews mit Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugen als Ton-, Bild- und Videomaterial gesammelt und ausgewertet wurden. Finanziell unterstützt wurde diese Arbeit u.a. vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Der Holocaust, die Überlebenden und der Umgang mit den Holocaust-Überlebenden in Deutschland und Israel wurden schließlich die zentralen Arbeitsthemen, mit denen sie sich bis zu ihrem Tode im Jahre 2017 beschäftigt, Vorträge in Israel und im Ausland hielt und im hohen Alter noch drei Konferenzen organisierte.

Die erste Konferenz fand 2007 in Haifa statt und trug den Titel „Social interactions after massive traumatization“ (Rieck, 2009). In dieser Konferenz ging es um die oftmals problematischen Begegnungen zwischen Holocaust-Überlebenden und den Gesellschaften, für die sie sich nach der Befreiung aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern für ihr weiteres Leben entschieden hatten, ob in Israel, den USA, in Deutschland oder anderswo. Viele der Holocaust-Überlebenden wollten oder wollen reden. Ob sie nun aber über Scham, Schuld oder über Vergangenheitsbewältigung sprechen, immer geht es ihnen darum, als Menschen anerkannt zu werden. Deshalb und vor allem deshalb müssen sich die Holocaust-Überlebenden verständlich machen dürfen. Sie wollen sich in einen größeren Erzählzusammenhang einschreiben, Teil der Geschichte sein und nicht pathologisiert werden.

Die zweite Konferenz – im Jahre 2009 – wiederum in Haifa befasste sich unter dem „Traumatic effects of the Holocaust and other persecutions“ (Rieck, 2012) u.a. mit der Rolle des Holocaust im Film, in der Malerei und der Musik. In dieser Konferenz stand ein moralisches Dilemma im Mittelpunkt der Diskussionen: Wie können Bilder, Töne oder Musik über etwas gemacht werden, dass eigentlich nicht dargestellt werden kann und darf?

Die dritte Konferenz im Jahre 2012 („Holocaust Survivors and Medical Indemnification“) war vor allem den langwierigen und schmerzvollen Prozessen gewidmet, die Holocaust-Überlebende durchleiden mussten, wenn sie die Wiedergutmachung erlangen wollten. Die Schäden an Leib und Seele, die die Verfolgten zu erleiden haben und für die sie entschädigt werden wollten, wurden meist hinter den geschlossenen Türen einer Klinik oder eines Sprechzimmers verhandelt. Auf diese Weise wurden die Geschichte des Völkermordes und die „Wiedergutmachung“ – zumindest in der alten Bundesrepublik – auf die Begutachtung von Symptomklagen im ärztlichen Sprechzimmer reduziert.

Miriam Rieck (v.r.) vor Beginn der dritten Konferenz (Haifa, 2012)

In meinen Tagebüchern finden sich Bruchstücke der Gespräche, die ich an langen Abenden mit Miriam Rieck geführt habe. Ich erlaube mir, hier einige Auszüge aus diesen Gesprächen zu zitieren.

Ich: Als Ihr 1936 nach Palästina ausgewandert seid, wie und wo seid Ihr hier angekommen?

Miriam: In Haifa. Wir kamen mit dem Schiff von Triest. Von Haifa sind wir gleich nach Tel Aviv gefahren. Erst haben wir bei Freunden gewohnt. Dann haben wir uns im selben Haus eine Wohnung gemietet. Die Zeit war schwierig, weil es keine Arbeit gab für meinen Vater.

Ich: Es gab keine Arbeit, weil es keine Patienten gab.

Miriam: Es gab mehr Ärzte als Patienten.

Ich: Dein Vater war Neurologe und Psychiater?

Miriam: Ja, bis 1936 war er Vertrauensarzt bei Krupp. Dann bekam er sein Abschiedsschreiben, sehr höflich. Aber es war ein Rausschmiss, weil er Jude war.

Ich: Wie ging es mit Euch weiter?

Miriam: Wir haben uns irgendwie durchgeschlagen. Meine große Schwester war in einem Internat in einem Kibbutz, in einer Jugendorganisation, die sie schon aus Deutschland kannte.

Ich: Wie alt waren Deine Schwestern in dieser Zeit?

Miriam: Die Große war vierzehn. Meine zweite Schwester und ich haben bis zum 14. Lebensjahr in der Schule gelernt und dann haben wir gearbeitet.

Ich: Was hast Du gelernt?

Miriam: Erst habe ich versucht, in die Schneiderei zu gehen. Aber das war doch nichts für mich. Dann habe ich Säuglingspflege gelernt. Da war ich auch schon bei Palmach. Das war die Jugendorganisation der Hagana. Und dann kam der Befreiungskrieg 1948 und man konnte in die Schwesternschule auch ohne Abitur. Ich wollte ja gern Krankenschwester werden. Nach dem Befreiungskrieg kam die große Einwanderungswelle und es gab einen großen Mangel an Schwestern.

Ich: Wie habt ihr den Zweiten Weltkrieg und die Shoah erlebt?

Miriam: Wir hatten Angst, dass die Deutschen von Ägypten aus Palästina überfallen. Wir wussten, dass es die Lager gab und dass Menschen vernichtet wurden. Ich weiß nicht mehr, woher wir das wussten, aber wir wussten es.

Ich: Und was habt ihr vom Zweiten Weltkrieg mitbekommen?

Miriam: 1938/39 gab es Unruhen im Land, also hier in Palästina, und Angriffe von Arabern auf die Juden. Diese Angriffe hörten plötzlich auf. Das war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. 1940 hörten wir auch von Luftangriffen italienischer Bomber auf Haifa. Auch Jaffa wurde bombardiert.

Ich: Haben die Angriffe der Araber aufgehört, weil die Engländer hier in Palästina waren?

Miriam: Ich weiß es nicht genau. Ich war auch ja auch noch sehr jung und ging in die Schule zu dieser Zeit. Ich weiß aber, dass britische Flugzeuge gegen italienische Bomber kämpften. Und ich weiß, dass auch die Briten hier in Palästina Angst vor einem Überfall der Deutschen hatten. Es gab ja auch Deutsche in Palästina, die auf der Seite von Hitler standen, zum Beispiel hier in Haifa, in der German Colony am Fuße des Bahai-Tempels. Auf einmal waren die Briten auch bereit, Juden aus Palästina in ihrer Armee aufzunehmen. So entstand die Jüdische Brigade, von der Du ja schon gehört hast.

Ich: Bist du eigentlich gern in die Schule gegangen und was war dein Lieblingsfach?

Miriam: Ich habe sehr gern gelernt und wollte nie aufhören zu lernen. Aber das ging nicht. Ich musste etwas lernen. Mein Lieblingsfach war der Bibel-Unterricht. Ich interessiere mich ja auch heute noch besonders für die Bibel, wie Ihr das nennt. Bei uns Juden heißen die Bücher Tanach. Der Tanach oder die Bibel ist ja kein Religionsbuch, sondern ein Buch über die Menschheit. Aber Religion interessiert mich auch. Was mich weniger interessiert, ist der Zwang, der von der Religion ausgeht, der Zwang, gewisse Gebote einzuhalten, auch wenn man nicht davon überzeugt ist.

Ich: Na, diese mangelnde Überzeugung bringt Dich aber nicht in den Himmel.

Miriam: Da ist eh ein großes Gedränge. Das ist nichts für mich. Aber mal sehen. Meine Küche ist aber schon koscher.

Ich: Das bringt mich noch einmal auf die Zeit in Deutschland zurück. Wie religiös war euer Leben in Deutschland?

Miriam: Sehr religiös waren wir nicht. Mein Vater ist jede Woche aus Solidarität in die Synagoge gegangen, aber nicht primär aus religiösen Gründen. Nein, eine sehr religiöse Familie waren wir nicht.

Ich: Wo hat dein Vater studiert?

Miriam: In Bonn und in Berlin. Und in Israel war er wieder als Neurologe tätig. Später, als die Wiedergutmachung begann, hat er auch für die Deutschen als Gutachter gearbeitet.

Ich: Warum seid Ihr eigentlich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder nach Deutschland zurückgekehrt?

Miriam: Das kam uns und meinen Eltern überhaupt nicht in den Sinn. Sicher, manche sind aus Israel wieder nach Deutschland zurück. Wir wollten nicht. Wir waren Israelis geworden und hier ist unsere Heimat.

Ich: War der Beruf Deines Vaters auch das der Grund, warum du dich später und heute immer noch mit den psychologischen Folgen des Holocaust beschäftigt?

Miriam: Nein, überhaupt nicht. Nach meiner Ausbildung als Krankenschwester habe ich mehrere Jahre gearbeitet und dann beschlossen, mein Abitur nachzuholen und zu studieren.

Ich: Warst du da schon verheiratet?

Miriam: Nein, nicht gleich. Ich habe 1964 geheiratet.

Ich: Wie habt ihr, Dein Mann und Du, Euch kennengelernt?

Miriam: Durch Freunde.

Ich: Und dann seid Ihr nach Haifa gezogen. Und du warst ja gleich Mutter von drei Kindern, die dein Mann, dessen Frau gestorben war, mit in die Ehe brachte. Das ist ja auch so etwas wie unbefleckte Empfängnis, wie in der Christenheit heißt.

Miriam (lacht): Ja, bei uns sagt man, das Kind ist vom heiligen Geist.

Ich: Wann kam dein Sohn zur Welt?

Miriam: 1965

Ich: Wann hast du mit deinem Psychologiestudium begonnen?

Miriam: Anfang der 1970er Jahre.

Ich: Und wie hast du das alles bewältigt? Kinder, Studium, die Praxis deines Mannes, der Arzt war, den Haushalt?

Miriam: Ja alles musste ich nicht machen. In der Praxis gab es eine Hilfe. Nachmittags und abends habe ich dann die Telefonanrufe und Telefonbestellungen für die Arztpraxis meines Mannes erledigt und meine Kinder versorgt.

Ich: Und zwischendurch hast du studiert?

Miriam: Ja, aber ich habe auch lange studiert. Länger, als nötig.

Ich: Wann hast du deine Thesenarbeit geschrieben?

Miriam: Das war 1977.

Ich: Worüber hast du deine Abschlussarbeit geschrieben?

Miriam: Oje, das ist eine schreckliche Geschichte. Ich war damals in einem experimentellen Labor und habe mit Mäusen gearbeitet.

Ich: Naja, von den Mäusen zur Kinderpsychologie, das ist ja schon ein Riesenschritt.

Miriam: Das finde ich auch. Wichtig war mir, nach dem Studium praktisch arbeiten zu können.

Ich: Was machen Deine Kinder heute?

Miriam: Ich habe ja auch eine Menge Enkelkinder. Auch Urenkel sind schon da. Also, mein Sohn ist Mathematikprofessor in den USA. Meine ältere Tochter arbeitet an der Universität Haifa als Religionswissenschaftlerin; die mittlere Tochter ist Psychoanalytikerin und die Jüngste lebt freischaffend in Jerusalem. Du wirst sie alle noch kennenlernen. (WF: Das habe ich auch).

Ich: Und nun noch einen großen Sprung in Deine wissenschaftliche Arbeit. Wie begann Deine Beschäftigung mit den Holocaust-Überlebenden?

Miriam: Es begann schon 1979. Da war Leo Eitinger für ein Jahr Gast am Ray D. Wolfe Center.

Ich: Der Psychiater Leo Eitinger?

Miriam: Ja, der. Er wurde ja in Mähren geboren, floh in der Nazizeit nach Norwegen. Als Norwegen von den Deutschen besetzt wurde, kam er nach Auschwitz und später in das Konzentrationslager Buchenwald. Später hat er Medizin studiert und wurde Professor in Oslo. Vor allem mit den Posttraumatischen Belastungsstörungen hat er sich wissenschaftlich beschäftigt.

Ich: Ja, von daher kenne ich ihn auch (siehe auch: Eitinger, 2011).

Miriam: Eitinger kam also nach Haifa und wir haben gemeinsam eine Bibliographie über die psychologischen Arbeiten über Holocaust-Überlebende erarbeitet. Das ist später auch veröffentlicht worden. Ja, das war mein Einstieg in das Thema, das mich noch immer beschäftigt. Es wird mich wohl auch nicht loslassen. Du kennst ja meine Auffassung: Sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die in den Vernichtungslagern ermordet wurden, lassen sich aber ebenso wenig wiedergutmachen, wie die physischen und psychischen Leiden der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Nach mehr als einem halben Jahrhundert verlieren wir die Zeugen der Shoah. Sie sterben und mit ihnen sterben die individuellen Erinnerungen über die Shoah. Aber auch unsere kollektiven Erinnerungen scheinen zunehmend zu verblassen.

Nicht nur im Land der Täter, in Deutschland, auch in Israel sind die Erzählungen über die Shoah kaum noch Teil der alltäglichen Kommunikation zwischen den Menschen. Dagegen muss man etwas tun. Wer vom Holocaust, der Shoa, spricht, sollte nicht nur von wissenschaftlichen Beobachtungen sprechen, sondern der Erinnerung der jüdischen Opfer zuhören. Erinnern und erzählen, Zeugnis ablegen, um die Wahrheit zu sagen und sich von der Sprachlosigkeit befreien. Darum geht es. Aber das sagt sich leicht.

Ahavath Israel

Kann man ein Land, ein Volk oder eine Gemeinschaft lieben? Hannah Arendt, die große Philosophin, verneinte das. In den Jahren 1961 und 1962 beobachtete Arendt den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem. Ihre Beobachtungen fasste sie in dem Buch „Eichmann in Jerusalem“. Das Buch trägt den bekannten Untertitel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Über die letzten Minuten, bevor Eichmann in Jerusalem hingerichtet wurde, schreibt Hannah Arendt:

„In den letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der langen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten – das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert“ (Arendt, 1963, hier 1990, S. 394).

Diese Schlussfolgerung hat ihr nach Veröffentlichung des Buches viel Kritik und Schelte eingebracht. Gershom Scholem, der 1923 aus Deutschland nach Palästina ausgewanderte bekannte Religionshistoriker, schrieb am 23. Juni 1963, wenige Wochen, nach dem Hannah Arendt ihm ein Exemplar der Erstveröffentlichung geschickt hatte, an die „Liebe Hannah“ u.a.:

„Es ist der herzlose, ja oft geradezu hämische Ton, in dem diese uns im wirklichen Zentrum unseres Lebens angehende Sache bei Ihnen abgehandelt wird. Es gibt in der jüdischen Sprache etwas durchaus nicht zu Definierendes und völlig Konkretes, was die Juden Ahavath Israel nennen, Liebe zu den Juden. Davon ist bei Ihnen, liebe Hannah, wie bei so manchen Intellektuellen, die aus der deutschen Linken hervorgegangen sind, nichts zu merken“ (Arendt, Ein Briefwechsel, in: Arendt, 1989, S. 65).

Hannah Arendt antwortet dem „lieben Gerhard“ am 20.Juli 1963:

„Sie haben vollkommen recht, dass ich eine solche ‚Liebe‘ nicht habe, und dies aus zwei Gründen: Erstens habe ich nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ‚geliebt‘, weder das deutsche, noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst so noch gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Zweitens aber wäre mir diese Liebe zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt. Ich liebe nicht mich selbst und nicht dasjenige, wovon ich weiß, dass es irgendwie zu meiner Substanz gehört“ (Arendt, Ein Briefwechsel, in: Arendt, 1989, S. 72f.).

Ich habe die Meinung Hannah Arendts, was die Liebe oder Nicht-Liebe zu einem Volk betrifft, viele Jahre geteilt. Ich teile sie auch heute noch, wenn man mich nach meinem Verhältnis zu Deutschland befragt. Ich habe aber auch gelernt, nachdem ich Miriam Rieck kennengelernt habe, dass es mit der Liebe zum eigenen Volk oder zum eigenen Kollektiv doch etwas komplizierter ist, als Hannah Arendt meint.

Auf einer Autofahrt in Norden Israels fragt Miriam Rieck eines Tages, ob ich Deutschland liebe. Ich erwähne Arendts Antwort an Scholem und antworte, dass ich nur meine Freunde, aber nicht Deutschland lieben könne. Dann fragte ich zurück, ob sie Israel lieben würde. Prompt antwortet Miriam mit „Ja“. Ich muss wohl ziemlich verdutzt gucken. Miriam lächelt, sieht mich und meint: „Hannah Arendt ist in Israel wirklich nicht sonderlich beliebt. Aber daran liegt es nicht, dass ich ihre Meinung nicht teile. Du kennst ja sicherlich die kleine Schrift von Erich Fromm über die Kunst der Liebe?“ Ich: „Naja, vom Hörensagen.“ Darauf wieder Miriam: „Fromm schreibt unter anderem, dass die Liebe vor allem ein Geben sei, ein Geben, das auch mit Arbeit verbunden ist. Indem ein Mensch einem anderen Menschen oder einer Gruppe etwas gibt, erweckt er im anderen etwas zum Leben, dass wieder auf den zurückstrahlt, der gegeben hat“ (siehe auch: Fromm, 1980). Ich nicke und denke wieder an mein Lieblingszitat von Karl Marx („Erst durch die Beziehung auf den Menschen Paul als seinesgleichen bezieht sich der Mensch Peter auf sich selbst als Mensch“).

Den Sinn von Miriams Argument habe ich aber noch nicht verstanden und sage nur „Hm“. „Wir“, setzt Miriam noch einmal an, „wir Israelis lieben dieses Land und unser jüdisches Volk, nicht nur, weil es unsere Heimat ist. Wir lieben dieses Land, weil wir unsere Arbeit, unser Leben in dieses Land stecken, damit es besser und schöner wird, auch endlich friedlicher. Auch in unserer Kritik, in unserem Schimpfen über korrupte oder kriegsbegeisterte Politiker oder in unserem lauten Streiten steckt das Geben, von dem Fromm spricht. Eben auch unsere Liebe. Das ist manchmal ganz schön anstrengend. Und nicht immer kommt bei unserem Geben auch etwas Gutes zurück. Wir könnten ja auch weggehen. Nach Amerika oder Deutschland. Nein, wir bleiben hier, weil wir Israel und die Israelis lieben. Mag sein, dass da auch viel Selbstverliebtheit drinsteckt“.

Selbstverliebtheit in das eigene Land, das eigene Volk! Würden wir das in Deutschland nicht Nationalismus oder zumindest Patriotismus nennen? Ich weiß es nicht.

Im nächsten Teil: Haifa und Bahai

Wolfgang Frindte ist Sozialpsychologe und war Professor für Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena. Von 1998 bis 2005 war er Gastprofessur für Kommunikations- und Medienpsychologie am Institut für Psychologie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und 2004 Fellow am Bucerius Institut der Universität Haifa. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören u.a. „Inszenierter Antisemitismus“ (2006), „Inszenierter Terrorismus“ (2010, mit Nicole Haußecker), „Der Islam und der Westen“ (2013), „Muslime, Flüchtlinge und Pegida“ (2017, mit Nico Dietrich) und „Halt in haltlosen Zeiten“ (2020, mit Ina Frindte).

Bild oben: Die Bucht von Haifa, ganz im Hintergrund Akko, aufgenommen unweit von der Universität, 2003.

Literatur

Arendt, Hannah (1963, 1990). Eichmann in Jerusalem. Leipzig: Reclam.
Arendt, Hannah (1989). Nach Auschwitz. Essays & Kommentare 1. Berlin: Edition TIAMAT.
Landmann, Salcia (1997). Die klassischen Witze der Juden. Berlin: Ullstein.
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