
Eigentlich dürfte es doch keinen Antisemitismus unter Linken geben, sprechen diese doch häufig von Gleichheit und Menschenrechten. Gerade in der Gegenwart kann man indessen erneut konstatieren, dass es sich in der gesellschaftlichen Realität anders verhalten kann. Fünf Aspekte bilden dafür einen Erklärungsansatz.
Von Armin Pfahl-Traughber
Wie kommt es eigentlich zum Antisemitismus unter Linken? „Ein linker Antisemitismus ist unmöglich“, meinte noch in den 1970er Jahren ein Gerhard Zwerenz. Mit einem rein ideologietheoretischen Blick könnte man gar gute Gründe für diese besondere Interpretation vortragen. Denn in politischen Auffassungen, die auf mehr soziale Gleichheit hin orientiert sind, findet sich eigentlich für so etwas keinen Platz. Gleichwohl gab es bereits früh antisemitische Auffassungen auch bei „Klassikern“ der politischen Linken. Dass der „weltliche Kultus des Judentums“ der „Schacher“ sei, meinte bereits der jungen Karl Marx, der später einen Konkurrenten als „jüdischen N.“ titulierte. Und Michail Bakunin sprach von einem „Blutegelvolk“, das einen „einzigen fressenden Parasiten bildet“. Demnach bestand ebendort gar früh ein rassistischer Antisemitismus, der auch mit eliminatorischen Forderungen einher gehen konnte. Der Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon meinte etwa, dass „diese Rasse … zurückgeschickt oder vernichtet werden“ müsse.
Wie erklären sich nun solche Auffassungen von Linken, welche man meist nur bei Reaktionären und Rechten zu entdecken meinte? Als Antwort auf diese Frage soll, unabhängig von gegenwärtigen Ereignissen, ein Interpretationsversuch mit diversen Perspektiven gewagt werden. Ausgangspunkt dafür ist die Definition des Gemeinten, wobei Antisemitismus auch, aber nicht nur als Form einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit verstanden wird. Es geht dabei allgemein um eine Feindschaft gegen das angebliche oder tatsächliche Jüdische als Jüdisches. Sie richtet sich demnach gegen bestimmte Menschen, aber auch Wertvorstellungen. Es gibt aber noch andere Besonderheiten der Judenfeindschaft, richtet sich diese doch gegen das behauptete „Oben“ und nicht nur das diskriminierte „Unten“. Juden erscheinen auch als „Mächtige“, nicht nur als „Minderwertige“. Und dann bildete der Antisemitismus nicht nur ein allgemeines Ressentiment, sondern stand für eine ganze Weltanschauung. So erklärten sich deren Anhänger nahezu alles.
Aus diesen Besonderheiten und einer ideologischen Fixierung ergeben sich unter politisch Linken die antisemitischen Prägungen. Als erster Aspekt sei bezogen auf die Gemeinten darauf hingewiesen, dass sie sich in Gesellschaften mit antisemitischen Prägungen bewegten. Distanzlos und unkritisch übernahmen diese Linken wie andere Menschen auch einschlägige Stereotype. Dies gilt indessen nicht für alle Anhänger des politischen Lagers, wurde der Antisemitismus doch auch von vielen Linken negiert. Dazu gehörten nicht nur deren Angehörige, die selbst aus jüdischen Familien stammten. Es existierte also immer die Gelegenheit, derartige Prägungen selbstkritisch zu überwinden. Daraus ergibt sich der zweite Aspekt: Indessen existierten dafür immanent in der linken Ideologie keine inhaltlichen Notwendigkeiten, war man doch fixiert auf die soziale Gleichheit als letztendliches politisches Ziel. Ein Engagement für Juden hätte lediglich einer gesellschaftlichen Teilgruppe genutzt, aber eben nicht eine soziale Revolution als eigentliches Wollen vorangetrieben.
Als dritter bedeutender Aspekt kam hinzu, das einzelne Juden tatsächlich ökonomisch mächtig waren. So entstand eine jahrhundertelange Auffassung von „Geldjuden“, die mit „Jud Süß“ oder den „Rothschilds“ verbunden wurde. Die Ablehnung des „Finanzkapitals“ geht gelegentlich daher auch mit einer antisemitischen Prägung etwa im latenten Sinne einher. Diese Feststellung darf indessen nicht verallgemeinert werden, sie verweist aber auf derartige Potentiale. Als vierter Aspekt kam in diesem Kontext hinzu, dass die Folgen des Kapitalismus gelegentlich personell und nicht strukturell empfunden wurden. Diese Auffassung stand und steht bei den gemeinten Linken für einen intellektuellen Niedergang, denn es wurde bekanntlich nicht von „Der Kapitalist“, sondern von „Das Kapital“ bei Marx gesprochen. Aber auch bei ihm selbst bestanden antisemitisch geprägte Ansichten, etwa in dem erwähnten „Schacher“-Stereotype. Derartige Einstellungen prägten latent oder manifest demnach auch Linke und nicht nur nationalistische oder rassistische Rechte.
Und fünftens kann auch der gegenwärtige israelfeindliche Antisemitismus in diesem Kontext erklärt werden, wobei dann Israel als „der Jude unter den Völkern“ gilt. Die Aversion gegen das „Jüdische“ als angeblich „Mächtiges“ spielt hier eine Rolle. Da sich außenpolitisch Israel auf der Seite des „kapitalistischen“ Westens positioniert hatte, kam es auch spätestens ab 1967 zu einer entsprechenden Feindbildzuschreibung gegen den jüdischen Staat. Sie ging weit über nachvollziehbare Einwände gegen die israelische Politik hinaus, einhergehend mit einer gegenüber islamistisch- oder nationalistisch-reaktionären Palästinenserorganisationen auszumachenden Solidarität. Gerade die affirmative Auffassung gegenüber solchen Kooperationspartnern macht deutlich, dass diese Linken doch nicht universelle Menschenrechte verteidigen wollen. Die Ablehnung des Antisemitismus setzt aber gerade deren Bejahung voraus. Diese erlaubt auch gegenwärtig eine Differenzierung von antisemitischer Feindschaft und menschenrechtlicher Kritik gegenüber dem jüdischen Staat.
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