Frühling in Kattowitz – Katovice

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Foto: C. Wollmann-Fiedler

Wie im Bilderbuch ist die Frühlingsstimmung in Nieder- und Oberschlesien rechts und links der Bahngleise. Das helle Grün, die blühenden Büsche und das Gelb der Rapsfelder ziehen vorbei. Eine besondere Pracht, eine Reise in die Vergangenheit.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Über 200 Jahre bis 1922 gehörte Oberschlesien zum preußischen Königreich, dann wurde es vertraglich polnisch durch Volksabstimmung und Entscheidung des Völkerbundes. Viele Bewohner wollten beim Deutschen Reich bleiben, doch kam es anders. Die deutschen Juden hatten bereits Freiheiten vom Kaiser erworben, die polnischen Einwohner waren ziemlich antijüdisch. 9.000 jüdische Mitglieder wurden 1932 in der Stadt gezählt.

Foto: C. Wollmann-Fiedler

1939 überfiel Hitler gegen völkerrechtliche Konventionen Polen und das eben erwähnte Gebiet kam erneut zum Deutschen Reich bis 1945. Die Nazis steckten die jüdische Bevölkerung wie Vieh in Ghettos und deportieren sie ab 1942 in Konzentrationslager. Andere kamen als Zwangsarbeiter in Arbeitslager und hatten höhere Überlebenschancen. 1940 gab es nur noch über 850 Juden in Kattowitz.

Im Osten tobte der 2. Weltkrieg, viele Millionen Soldaten kamen ums Leben und viele Millionen Deutsche mussten 1945 auf die Flucht in den Westen gehen. Sie wurden getrieben, ihr Hab und Gut ließen sie stehen und liegen. 6 Millionen Juden deportierte der Massenmörder Adolf Hitler in die Konzentrationslager und ließ sie vergasen. Auschwitz ist nur 30 km entfernt von Kattowitz.

Bedingungslos zerstörte der Nazi Hitler mit Himmler und Konsorten die uralte jüdische Kultur und Identität. Die größte Katastrophe der Menschheit.

Kattowitz ist eine prosperierende Stadt. Damals, noch 1848, bestand das bäuerliche Dörfchen Kattowitz, dass durch die Industrialisierung rasant zur Stadt wurde. Hütten, Bergwerke und Hochöfen und andere wichtige Industrien gaben der Stadt einen enormen Wohlstand. Die deutschen Architekten Konrad Segnitz, Alvin Wiedemann aus Breslau, der Kölner Architekt Karl Moritz  und andere bauten straßenweise Bürgerhäuser im Historismus, einige mit feinen Jugendstilornamenten. Die Jahreszahlen der Baujahre sind oben am Giebel zu lesen. Kirchen und Schulen entstanden, Museen und Theater. Krankenhäuser wurden gebaut. Emil und Georg Zillmann, Architekten aus Charlottenburg, bauten die bekannte Arbeitersiedlung Nikiszowiec für die Arbeiter  der schlesischen Grube „Giesche“.

Arbeiter aus dem Osten kamen, ebenso jüdische aus ihren armen Schtetln. Sie waren nicht nur Grubenarbeiter, auch angesehen wohlhabende Direktoren wurden sie. Auch in anderen hohen Positionen in der Stadtverwaltung oder im Magistrat kamen sie zu Wohlstand. Sie haben sich ebenso am Aufbau der Stadt Kattowitz beteiligt. Seit 1871 waren jüdische Bürger in Preußen gleichberechtigt. Die jüdische Gemeinde wuchs rasch auf 8.000 Mitglieder. 1825 lebte in Kattowitz nur eine jüdische Familie. In einer kleinen Betstube gründeten 1840 die Juden ihre Gemeinde. Die alte kleine Synagoge von 1861, die ebenso Ignatz Grünfeld errichtete, wurde zu eng und Mitten in der Stadt in der Adam-Mickiewicz-Straße ließ sich die Gemeinde eine prachtvolle Neue Synagoge von Ignatz und Max Grünfeld im neorenaissance und maurischen Stil bauen. Die riesige Kuppel war von weit her zu sehen.

Foto: C. Wollmann-Fiedler

An Rosh ha-Schana im Jahr 1900 wurde die Synagoge eingeweiht. Sie soll die prächtigste in Oberschlesien gewesen sein und wird als eines der größten Gotteshäuser in Deutschland beschrieben. Es wurde ein regelrechtes Wahrzeichen der Stadt. Die beiden Grünfelds bauten auch das eine oder andere Bürgerhaus in Charlottenburg.

Foto: C. Wollmann-Fiedler

1939 zerstörten die Nazis diese prächtige jüdische Synagoge. Hässlich ist in der Gegenwart der Plac Synagogi. Auf einem kleinen ungepflegten Platz wurde im Jahr 1988 ein Gedenkstein aufgestellt. Umgeben von braunen Verkaufsbuden, eigentlich kaum zu erkennen. Kein Schild, kein Hinweis, einfach zugebaut. Ein wenig mehr Ehrfurcht vor den ermordeten Juden wäre notwendig.

Foto: C. Wollmann-Fiedler

Im Internet ist zu lesen. “Er mahnt an die ausgelöschte Jüdische Gemeinde der Stadt Kattowitz, sowie an deren Mitglieder und Angehörige, die während der nationalsozialistischen Verfolgung ermordet wurden“.

In der polnischen Ära, in den Jahren 1920 – 1930, entstanden moderne futuristische Bauten. Der Drapacz Chmur, der Wolkenkratzer, von 1929 bis 1934 mit 14 Stockwerken wurde von den Architekten Stefan Bryla und Mieczyslaw Koslowski erbaut. Es wurde das höchste polnische Gebäude und eines der höchsten in Europa. Die Architektur des Funktionalismus wurde zur Ikone und Katovice/Kattowitz bekam den Namen  „Polnisches Chicago“.

Für die jüdischen Bürger wurde der Einzug der Deutschen Wehrmacht 1939, wie überall in Deutschland oder Europa, eine große Katastrophe. Ein Ghetto wurde  installiert und 1942 begannen die Deportationen in die Konzentrationslager, vor allem in das nahegelegene Auschwitz. Kattowitz soll ein Außenlager von Auschwitz gehabt haben.

1940 wurde Kattowitz Hauptstadt des Gaus Oberschlesien. 1945 nach dem Ende des 2. Weltkriegs kam Kattowitz zur Volksrepublik Polen, von 1953 bis 1956 wurde gar der Name der Stadt an der Ravah in Stalinstadt verändert.

Das Jüdische Gemeindehaus ist kaum zu finden. Ohne Schild oder Hinweis steht es bescheiden an der Ecke Grundmannstrasse /Ecke Schillerstrasse /ul. 3 Maja 16. Gut 100 Mitglieder soll die heutige Gemeinde haben.

Noch im 19. Jahrhundert wurden die Juden in Myslowitz begraben. 1870 fand die erste Beerdigung auf dem heutigen historischen Jüdischen Friedhof in der Gartenstraße / ul. Kozielska statt, der 1868 angelegt wurde.

Foto: C. Wollmann-Fiedler

Über 300 Kilometer entfernt von Kattowitz wird Arnold Zweig 1887 in Glogau/Glogow in Niederschlesien in eine jüdische Familie geboren. Nach einigen Jahren zieht Familie Zweig nach Kattowitz, wo Arnold Zweig die Schule bis zum Abitur besucht und anschließend zum Studium nach Breslau wechselt. Weitere Umzüge und viele Ortswechsel folgen bis zur Flucht nach Palästina. Haifa wird sein Zuhause. 1948 kehrt er nach Deutschland zurück,  wird ein bekannter Bürger und Schriftsteller in der DDR, stirbt 1968 und liegt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin – Mitte neben Bertold Brecht und Helene Weigel begraben. In einem autobiografischen Essay beschrieb Zweig eindrucksvoll den Kontrast zwischen seiner Heimatstadt Glogau, die er als friedliches Jugendparadies an der Oder in Erinnerung hat, und der industriellen, rußgeschwärzten Stadt Kattowitz. Der Umzug war ein prägender Einschnitt, aber in Kattowitz erlebte er den intellektuellen Aufbruch mit Freunden.