
Die ersten Zeilen dieses Beitrags haben in den letzten Jahren so oder ähnlich schon mehrere Beiträge von mir eröffnet – und es scheint mir notwendig, sie immer weiter zu wiederholen, auch und gerade, weil der Blick auf die antisemitische Dauereskalation mittlerweile in Deutschland gesellschaftlich in einem Nebel der Gleichgültigkeit und Ignoranz versinkt, der unerträglich ist und bleibt, deshalb muss weiterhin wiederholt werden: Seit dem 7. Oktober 2023 ist alles anders. Alles. Und nicht nur für ein paar Wochen, Monate oder Jahre.
Von Samuel Salzborn
Der barbarische Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 hatte nur ein Ziel: möglichst viele Jüdinnen und Juden zu töten. Die unfassbare Grausamkeit und die bestialische Brutalität, mit der die Terrororganisation vorgegangen ist, basiert auf dem Weltbild eines eliminatorischen Antisemitismus. Der antisemitische Massenmord wurde auf deutschen Straßen bejubelt, der Terror verherrlicht, der antisemitische Hass bei Versammlungen, an Universitäten und Hochschulen sowie in Kultureinrichtungen in aggressiver Weise sichtbar. Das antisemitische Gewaltpotenzial ist extrem hoch – und richtet sich, wie der Terror der Hamas, gegen Jüdinnen und Juden weltweit, auch und gerade in Berlin.
Das zeigt neben vielem anderen auch der statistische Blick auf die antisemitischen Vorfälle und Straftaten in Berlin – und zwar auf allen Ebenen: sowohl in der zivilgesellschaftlichen Erfassung (die auch antisemitische Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze dokumentiert), wie auch der polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlung antisemitisch motivierter Straftaten der letzten Jahre. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin zählt für 2025 2.197 Vorfälle (2024: 2.521; 2023: 1.270; 2022: 848), die Polizei Berlin 2.268 Fälle (2024: 1.825; 2023: 901; 2022: 380), die Staatsanwaltschaft Berlin leitete 820 Verfahren ein (2024: 757; 2023: 747; 2022: 691) – hinzu kommen allerdings 2025 noch weitere 2.450 Verfahren, die im Kontext des Nahostkonflikts stehen und bei denen überwiegend der Verdacht eines antisemitischen Hintergrundes besteht. Dies zeigt den Zusammenhang von antisemitischer Einstellung und antisemitischem Verhalten in Verbindung mit einer antisemitischen Gelegenheitsstruktur: Antisemitismus nimmt zu, wenn öffentliche Artikulationsmöglichkeiten als Vorwand genutzt werden, das vorhandene antisemitische Ressentiment auszuagieren.
Die Entwicklung antisemitischer Vorfälle und Straftaten hat sich gigantisch gesteigert – und den Kern des Dramas macht für die gesellschaftliche Realität, die sich, neben jedem einzelnen, konkreten Vorfall, mit Blick auf jüdischen Lebensalltag und antisemitische Alltagsdiskriminierungen mit oder ohne körperliche Gewalt ergibt, vor allem aus, das sich die politische Gesamtsituation drastisch verschoben hat: Es gibt keine Abgrenzungen mehr zwischen den politischen Milieus, es hat sich eine neue Form des Integralantisemitismus entwickelt, der an die globale Integrationsideologie des antiisraelischen Antisemitismus anschließt, die sich seit 9/11 weltweit verdichtet hatte. Denn trotz zeitlich-räumlicher Verschiebungen und Verwebungen gab es in den vorangegangenen Jahrzehnten relativ klare historische Kontexte der Entstehung von einzelnen Artikulationsformen von Antisemitismus – und auch relativ klare Abgrenzungen zwischen den politischen Milieus. Das hat sich seit dem antisemitischen Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 verändert, die Grenzen zwischen den Milieus sind gefallen – und die antisemitischen Artikulationsformen überlappen nicht mehr nur, sie haben sich amalgamiert.
Besonders markant und auffällig ist, dass sich in der antisemitischen Eskalation seit dem 7. Oktober 2023 eine weltanschauliche Verschmelzung des antiisraelischen Antisemitismus mit einer Form von Antisemitismus zeigt, die bisher weitgehend auf die extreme Rechte und den Neonazismus beschränkt war: die Erinnerungs- und Schuldabwehr, verbunden mit antisemitischem Geschichtsrevisionismus und der Relativierung und Bagatellisierung der Shoah.
Dies zeigte sich allein am Beispiel von Berlin als dem Ort in Deutschland, der das Zentrum der antisemitischen Eskalation seit Ende 2023 bildet. Weithin bekannt ist die geschichtsrevisionistische und antisemitische Parole „Free Palestine from German Guilt“, die intensiv auf antisemitischen Versammlungen skandiert wurde, oder auch das Posieren mit so genannten Palästinensertüchern, die als Vermummung genutzt wurden, am Holocaust-Mahnmal, wobei letzteres auch im Oktober 2023 zusätzlich als Poster im öffentlichen Raum plakatiert wurde. Zudem kam es aber auch zu reihenweise antisemitischen und israelfeindlichen Schmierereien an Erinnerungs- und Mahnorten. Dazu gehörten solche auf dem Mahnmal Levetzowstraße, das an die dort von den Nazis in der damaligen Synagoge eingerichtete Sammelstelle für die Deportation von Jüdinnen und Juden erinnert, in Berlin-Moabit im Mai 2024, oder die antisemitische Beschmierung einer Gedenkwand in Berlin-Steglitz, die an eine ehemalige Synagoge erinnert, Anfang Juli 2024. Noch expliziter wurde der antisemitische Hass in seiner israelfeindlichen und schuldabwehrenden Integration mit der ausdrücklich gegen Juden formulierten Parole „Jews are committing genocide“ in Verbindung mit „Free Palestine“, die am Standort der Alten Synagoge in Berlin-Mitte im August 2024 an das Mahnmal „Frauenprotest 1943“ geschmiert wurde, das an den Protest von hunderten Frauen gegen die Verhaftung jüdischer Männer im Februar 1943 erinnert. Überdies wurden zwei Gedenktafeln mit dem Terror- und Feindmarkierungssymbol der Hamas (dem antisemitischen „roten Dreieck“) an einem Gebäude im Berlin-Wilmersdorf im Oktober 2024 beschmiert – in diesem Gebäude befand sich historisch das Zionistische Zentralarchiv und das Palästina-Amt der Jewish Agency, hier wurde also ganz explizit ein Ort attackiert, an dem Jüdinnen und Juden zur Flucht vor NS-Verfolgung und Vernichtung verholfen wurde, was in der Verdopplung antisemitischer Vernichtungspolitik noch besonders aggressiv ist: die Erinnerung an das Entkommen vor der antisemitischen NS-Vernichtung wird mit Symbolen der antisemitischen Feind- und Verfolgungsmarkierung der Hamas belegt. Zudem kam und kommt es seit dem 7. Oktober 2023 zu massiven Zunahmen von Sachbeschädigungen und antisemitischen Einträgen unter Bezugnahme auf antiisraelische Positionen in Gästebüchern an NS-Gedenkorten.
Mit dieser Verbindung aus Israelhass und Schuld- und Erinnerungsabwehr schließt sich der antisemitische Kreis: denn die Verherrlichung des antisemitischen Terrors der Hamas und die massive antisemitische Eskalation auf den Straßen verbindet sich mit antisemitischem Geschichtsrevisionismus und einer Relativierung der Shoah. Die Opfer werden bei dieser doppelten Täter-Opfer-Umkehr auf perfide Weise verhöhnt: die Opfer des antisemitischen Terrors der Hamas und die Opfer des antisemitischen Nazi-Terrors.
Der Blick auf die antisemitischen Parolen zeigt überdies eine Entwicklung, die es bis dato in der Geschichte noch nicht gegeben hat: waren sich Antisemitinnen und Antisemiten aller politischer Couleur in der Geschichte immer einig in ihrem Hass auf Jüdinnen und Juden, so gab es in den unterschiedlichen Milieus eben doch differente Artikulationsformen von Antisemitismus – diese Differenzen sind in dem Antisemitismus, der sich selbst pro-palästinensisch etikettiert, mittlerweile vollständig aufgehoben.
Mit anderen Worten: seit dem 7. Oktober 2023 hat sich eine neue Form von Integralantisemitismus mit pro-palästinensischer Projektionsfläche entwickelt, die nun tatsächlich alle antisemitischen Artikulationsformen verbindet, auch jene, die – wie der Schuldabwehr-Antisemitismus – zuvor wesentlich im rechtsextremen Milieu anzutreffen waren: vom religiösen Antisemitismus und dessen christlichen wie islamischen Elementen, Metaphern und Mythen, über einen völkischen Antisemitismus mit einer kollektiv-ethnisierten Weltwahrnehmung, den Schuldabwehr-Antisemitismus mit Täter-Opfer-Umkehrungen und geschichtsrevisionistischer Erinnerungsabwehr bis zum antiisraelischen Antisemitismus, eingebettet in antisemitische Verschwörungsphantasien. Dieser weltanschauliche Integralantisemitismus ist Motor und Motivator für antisemitische Akteure aus allen politischen Milieus und führt insbesondere zu Allianzen der linksextremen/antiimperialistischen und arabischen/islamistischen Szenen, wobei auch etwa bei Schmierereien immer wieder Verbindungen zwischen israelfeindlichen und rechtsextremen/neonazistischen Parolen und Symbolen festzustellen sind. Exakt diese drei Milieus gingen schon bei den antisemitischen Großdemonstrationen 2014 gemeinsam auf die Straße – nun sind aber auch die Fäden ihrer antisemitischen Denkformen fest miteinander verknotet. Und die Grundlage für antisemitische (Gewalt-)Taten sind antisemitische Einstellungen; dass diese sich milieuübergreifend weiter verfestigen, ist der Kern der antisemitischen Dauereskalation seit dem 7. Oktober 2023.
Von Samuel Salzborn sind zuletzt unter anderem die Bücher Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Mit einem Vorwort von Josef Schuster (3. Aufl., Weinheim 2022), Wehrlose Demokratie? Antisemitismus und die Bedrohung der politischen Ordnung (Leipzig 2024) und Antisemitismus und Rechtsextremismus. Vom Verschwörungsmythos zum Vernichtungswahn (Baden-Baden 2025) erschienen.
Hörtipp zum Thema:
Es war noch nie populär, für Juden einzustehen – Antisemitismus seit dem 7. Oktober


