Navid Kermani beginnt sein neuestes Buch „Wenn sich unsere Herzen gleich öffnen (2025)“ mit einer Abhandlung über das Unsagbare, das die Shoah-Erinnerung umgibt. Doch dieses Unsagbare existiert meines Erachtens nicht mehr. Wir leben in einer Krise des Sagbaren – in einer Zeit, in der scheinbar wieder alles über jüdisches Leben im analogen und digitalen Raum gesagt werden kann.
Von Julia Pohlmann
So müssen sich deutsche Akademiker:innen sowie Politiker:innen seit Langem seitens ihrer europäischen Partner anhören, dass sie als „Deutsche eine zu eigene Sichtweise“ auf Israel als jüdischen Staat oder sogar auf jüdische Gemeinden haben. Zu häufig wird diesen Aussagen jedoch von deutscher Seite sogar Verständnis geschenkt, anstatt den Mut zu finden, solchen Behauptungen entgegenzuwirken. Gleichzeitig zeigen die neusten Zahlen von RIAS und anderen Monitoringprojekten in der EU einen Anstieg antisemitischer Vorfälle und Aussagen um mehr als 80 Prozent. Unberücksichtigt bleibt dabei die Dunkelziffer antisemitischer Vorfälle, die im europäischen Vergleich höher sein wird, da Formen wie israelbezogener Antisemitismus für das Gro der EU-Länder nicht definiert sind.
Wie kommt es also dazu, dass kaum mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Andenken an die Shoah politisch missbraucht wird und jüdisches Leben, Kultur und Religion von rechts und links dauerhaft bedroht werden, obwohl die Erinnerung an die Shoah Teil des Ursprungs pan-europäischer Politik war?
Ein Grund liegt in der Unkenntnis über die Motivik des Antisemitismus. Wir wissen zwar um Auschwitz, aber wir verstehen die subtilen Mechanismen nicht, mit denen der Diskurs über „den Juden“ unser Denken in Kultur und Politik prägt. Das Wissen über die Komplexität von Aussagen über den „Juden“ als Prisma – durch das negative und positive Eigenschaften der eigenen Gruppe und des Selbst definiert werden – und die Bildung darüber können jedoch wegweisend dafür sein, dieser Krise des europäischen Antisemitismus gerade unter Jüngeren entgegenzuwirken.
Durch das Wissen über den imagined Jew – erstmals in den 1980er-Jahren von Alain Finkielkraut konzipiert – als Figur in Politik und Literatur wird Zugehörigkeit geschaffen und Exklusion legitimiert, Vielfältigkeit navigiert und Allianzen geschaffen, die sonst keine Rechtfertigung haben. Diese Figur symbolisiert das undurchsichtige „Gerücht über die Juden“ (Adorno). Dabei sind diese Figuren schwer fassbar, kontextabhängig und vor allem häufig paradox global und lokal gedacht. Gleichzeitig sind uns diese Motive kulturell subtil antrainiert und existieren selten plakativ. Jedoch: Nur weil Themen komplex sind, sollte man nicht aufhören, über sie zu sprechen. Zu erfahren, wie die Motivik des imagined Jew in anderen Ländern funktioniert und wie komplex diese Diskurse sind, kann uns helfen, paneuropäisch und national über Antisemitismus und jüdisches Leben zu reden. Ein Verständnis für die Vielstimmigkeit von Diskursen innerhalb der politischen Imagination Europas verwehrt sich monolithischen Erklärungen und kann den Zyklus binärer Dialoge und Zuschreibungen durchbrechen.
Das Verstehen unserer eigenen politischen Imagination und die Aufwertung unserer Diskurse in Europa – das Erkennen, dass der „pan-European Jew“ als Konzept existieren muss, um selbstbewusst gegen Antisemitismus vorzugehen – schützt vor falscher Toleranz. Es geht um Austausch, nicht um Hierarchien, aber auch um die Frage, wie wir Antisemitismus selbstbewusst entgegensteuern können. Schauen wir also beispielhaft wie unterschiedlich die Diskurse über den imagined Jew in drei derzeitigen popkulturellen Darstellungen sind.
Bram Stokers „Dracula“ und Heathcliff in „Wuthering Heights“
Die aktuellen Londoner Theateraufführungen von Bram Stokers „Dracula“ mit Cynthia Erivo sowie die Debatte um Heathcliffs Ethnie in Emerald Fennells „Wuthering Heights“-Adaption (2026) offenbaren eine eklatante Leerstelle: unser Unwissen über die Komplexität jüdischer Identität im viktorianischen Zeitalter. Es zeigt sich, dass binäre, postkoloniale Interpretationen der Vielfalt des imagined Jew als Deutungsfigur eher schaden als nützen. Liest man Werke jüdisch-britischer Autoren wie Amy Levy oder Israel Zangwill parallel zu Nicht-Juden wie Sir Walter Scott („Ivanhoe“), wird deutlich, dass jüdische Figuren seit jeher dazu dienen, die Grenzen von Ethnie, Religion und der Zugehörigkeit zum Ideal des „protestantischen Gentleman“ auszuloten.
Diese Definitionen sind keine starren Blöcke, sondern ein Spektrum. Mitglieder des britischen Empires – seien es Schotten, Iren oder Inder– wurden unterschiedlich betrachtet, ihre Stellung in der Gesellschaft jedoch stets durch den „nächsten Anderen“ definiert: den imagined Jew. Heathcliff wird in Brontës Roman durch Motive beschrieben, die ihn als jüdisch markieren, ohne ihn explizit als solchen zu benennen. Er verweigert ein christliches Begräbnis, gelangt zu schnellem Reichtum, hat eine dunklere Hautfarbe und schwarze Haare. Er ist dem englischen Gentleman äußerlich durch Kleidung ähnlich, aber im Aussehen nicht ebenbürtig.
Diese subtile, nicht absolute Andersartigkeit macht ihn zum imagined Jew – zum Paradigma, durch das die Regeln akzeptierter Differenz und der Umgang mit dem religiös Anderen im British Empire verhandelt werden. An Heathcliff werden die Fragen durchexerziert, die eigentlich den Katholiken, Sinti und Roma oder den imperialen Anderen gelten. Er ist der „unbewusste Jude“ des viktorianischen Zeitalters, einer Ära der rasanten Expansion und Einwanderung. Durch ihn diskutiert die Gesellschaft die Regeln und Bedingung von Integration, Migration und Assimilation. Durch Juden wir letzendes definiert wie die perfekte Minderheit auszusehen hat. Das bedeutet nicht, dass diese Bezüge frei von antisemitischen Vorurteilen sind; vielmehr sind sie so vielfältig, dass sie einen tiefen Einblick in die Codierung des gesellschaftlichen Diskurses über Juden erlauben.
Gleichzeitig dienen diese jüdischen Figuren innerhalb Großbritanniens dazu, „Bindestrich-Identitäten“ wie schottisch-englisch oder irisch-englisch zu definieren und in die anglozentrische Gesellschaft einzuschreiben. Die Stellung zu England wird über den Juden als den ultimativen Dritten definiert. Auch in Bram Stokers „Dracula“ finden sich diese Bezüge zu Heimatlosigkeit, Erfolg und dem angeblichen schleichenden Eindringen in die Gesellschaft. Hier ist der Bezug noch virulenter, da die Bedroher der englischen Ordnung den „Nicht-Vampiren“ unheimlich ähnlichsehen. Wieder wird das Vage, das Ungesagte zum Ausdruck des Jüdischen.
Das ist der Grund, warum es fast unmöglich bleibt, diese Stellen zu tilgen. Moderne Aufführungen können das Stück zwar von offener Antiziganismus befreien, doch die antisemitischen Stereotype sind undurchdringlicher. Die Crux des imagined Jew liegt darin, dass Aussagen über ihn immer auch Rückschlüsse auf unsere eigene Gesellschaft und Individualität zulassen. Wo von „parasitären Neigungen“, einer „Aversion gegen das Christentum“, einer „seltsamen Physique“ oder gar einer genderfluiden Anziehungskraft und dem spezifischen Geruch der Vampire die Rede ist, wird – ohne das Wort jemals auszusprechen – die Andersartigkeit des Fremden über jüdische Bilder impliziert, die dem viktorianischen Leser tief eingeschrieben waren und uns unbewusst immer noch eigen sind.
Marty Supreme: Die jüdische Antwort auf den imagined Jew
Ein glänzendes Beispiel dafür, wie der Balanceakt zwischen globalen und lokalen Referenzpunkten gelingt, liefert Josh Safdies Film „Marty Supreme“ (2025). Der Film fächert die gesamte Bandbreite jüdischer Identität in der New Yorker Lower East Side auf. Hier erhält der imagined Jew eine radikale Antwort von einem jüdischen Filmemacher, der das Narrativ des „noblen, vergebenden Juden“ entlarvt. Ob bei Shylock, Nathan dem Weisen oder in aktuellen Diskursen über die Geiseln des 7. Oktobers: Oft dienen imaginierte Juden lediglich der moralischen Läuterung einer nicht-jüdischen Mehrheit. Sie dürfen nicht zornig, stark oder mutig sein – ihre Funktion ist die Vergebung.
Dieses universelle Konstrukt wird im Film gezielt demontiert. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der der Protagonist und sein Teamkollege (gespielt von Géza Röhrig) von einem US-Amerikaner aufgefordert werden, doch „dankbar für die Befreiung von Auschwitz“ zu sein. Die prompte Erwiderung – dass es die Russen und nicht die Amerikaner waren, die das Lager befreiten – bricht das Motiv der ewigen Dankbarkeit auf. Marty inszeniert sich stattdessen als fleischgewordener Beweis für die Niederlage Hitlers. Wo sonst Demut und Vergebung erwartet werden, zeigt Safdie Juden, die selbstbewusst, obszön und widersprüchlich sind. Vom Bettler bis zum Mafioso begegnen uns Figuren, die schlicht menschlich sind: brutal, genial und liebenswürdig zugleich.
Reden wir hier noch vom imagined Jew? Eigentlich nicht. Es ist vielmehr die kraftvolle Erwiderung auf die über Juden geführten Narrative. Wenn Marty betont, dass auch jüdische Soldaten für die USA kämpften und dass die Geschichten wahrer Shoah-Überlebender oft ungehört bleiben, fordert er ein Judentum auf Augenhöhe ein. Er verweigert sich der Rolle des „Anderen“, die ihm die Mehrheitsgesellschaft ständig zuweist.
Gleichzeitig beweist Safdie eine tiefe Kenntnis der US-spezifischen Diskurse. Durch Martys Freundschaft zu Wally werden jüdisch-schwarze Allianzen thematisiert, die auf einer real gelebten Nachbarschaft basieren. Doch der Film zeigt auch die Ambiguitäten: In einer Tischtennis-Szene wird deutlich, wie beide Gruppen von der weiß-protestantischen Mehrheit als konkurrierende „Andere“ instrumentalisiert werden. Dass schwarze Geschichte oft durch die Linse jüdischer Geschichte erzählt wird – und umgekehrt –, ist eine Komplexität, die Zuschauern außerhalb der USA meist verborgen bleibt. Safdie macht diese Spannungen sichtbar und entzieht sich damit jeder monolithischen Deutung.
Jenseits der Projektion: Warum wir die politische Imagination über den „Juden“ verstehen müssen
Die Erkenntnis, dass der imagined Jew in unserer Kultur, Sprache, Literatur und Politik omnipräsent ist, ist weit mehr als eine akademische Übung. Dieses Wissen ist das notwendige Fundament, um mit anderen Europäern auf Augenhöhe über Antisemitismus und die Krise der westlichen Demokratie zu sprechen, und gleichzeitig jüdisches Leben in Europa wirksam zu schützen. Nur weil diese Konzepte komplex und schwer fassbar sind, dürfen wir sie nicht verschweigen. Im Gegenteil: Wir müssen die Unkenntnis über den imagined Jew enttabuisieren. Es ist an der Zeit, dieses blinde Fleckchen durch gezielte Lerninhalte, Vorträge und publikumsnahe Debatten in aktives Wissen zu übersetzen.
Erst wenn wir die Mechanismen des Diskurses über „die Juden“ verstehen, begreifen wir, wie wir über das Gegenüber, und letztlich über uns selbst, sprechen.
Julia Pohlmann promovierte an der University of Aberdeen (Schottland) in den Bereichen Jüdische Studien, Ideengeschichte und Antisemitismusforschung. Derzeit arbeitet sie an ihrem Postdoc-Projekt „A Pan-European Imagined Jew“, das Diskurse über „den Juden“ im Vergleich verschiedener europäischer Nationen untersucht.



