Ein anderer Krieg – Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg

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Von Ingo Elbe

Der Historiker Dan Diner schreibt in seinem Buch eine Geschichte des Zweiten Weltkrieges unter dem Gesichtspunkt einer „Verschränkung zweier Konfliktlagen“, nämlich dieses ‚großen’ Krieges mit dem ‚kleinen‘ „jüdisch-arabisch-britische[n] Krieg in und um Palästina“ (8). Dabei stehen das britische Empire und seine Interessen im Mittleren Osten und Indien im Zentrum. Insofern ist der Untertitel „Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg“ ein wenig irreführend, zumal die Konfliktlinien des „kleine[n] Krieg[es]“ (9) in diesem globalgeschichtlich angelegten Buch unweigerlich etwas unterrepräsentiert sind.

Diner beschreibt schonungslos den totalen Vernichtungswillen der Nationalsozialisten im Holocaust, das enorme Ausmaß des Antisemitismus in Osteuropa, der von Diskriminierung über Vertreibungspläne bis hin zu Pogromen reichte, und er stellt die Unwilligkeit der Welt dar, den von den Nazis verfolgten Juden Zuflucht zu gewähren. Die verbreiteten Sympathien mit den Achsenmächten im Mittleren Osten und in Indien werden ebenso erwähnt wie der Anteil indischer Soldaten auf Seiten der Briten am Sieg über eben diese Achsenmächte. Die Herausforderungen, vor die der Jischuw in Palästina gestellt war, werden herausgearbeitet: Man hatte zwei Kriege zu bewältigen – den Zweiten Weltkrieg mit der existentiellen Bedrohung seitens der Nazis, die dazu führte, dass viele jüdische Bewohner des Mandatsgebiets auf Seiten der Briten kämpften, sowie den Krieg um die nationale Unabhängigkeit gegen die arabisch-palästinensischen Nationalisten und gegen eine britische Mandatsmacht, die bereits im Winter 1937 inoffiziell und 1939 öffentlich die Unterstützung des Zionismus aufgekündigt hatte. Den zionistischen Dilemmata, Fehlwahrnehmungen und Kontroversen, die dieser Konstellation geschuldet waren, widmet Diner einige Aufmerksamkeit.

Zentral, wenn auch keineswegs neu, ist dabei Diners Einsicht, dass die Briten gerade aufgrund ihrer imperialen Interessen die Juden fallen ließen und ein Appeasement gegenüber Arabern und Muslimen praktizierten. Die von Anfang an ambivalente Förderung einer jüdischen Heimstätte wich dem „politischen Raumkonzept eines (arabischen) ‚organic whole‘“, das die imperiale Verbindung „zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean“ (75) in den Blick nahm. Diese geopolitischen Interessen des Empire waren aufs Engste mit der „muslimischen Internationalisierung der Palästina-Frage“ (118) verbunden. Die Bedeutung der „Araber und Muslime, vor allem der indischen“ (77), die einen erheblichen Teil der britisch-indischen Streitkräfte stellten, und der antizionistische Druck, den sie auf die Briten ausübten, war diesen wichtiger als die Belange der Juden: Um die Ost-West-Achse des Empire von Indien bis zur Levante zu sichern, wollte man es sich mit der islamischen Welt also nicht verscherzen. Dass es zugleich die britische Politik in Indien war, die zumindest eine Mitverantwortung für eine Hungersnot im Jahr 1943 trug, die drei bis vier Millionen Menschen das Leben kostete, ist eine der vielen Ambivalenzen, auf die Diners Buch aufmerksam macht.

Nicht nur in Palästina wurde allerdings der Terror der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung gegen den Jischuw, der im vorliegenden Buch höchstens am Rande vorkommt, letztlich mit britischem Appeasement belohnt. Auch im Irak lieferten britische Truppen nach der Niederschlagung des achsenfreundlichen Aufstands, wie Diner zeigt, aus strategischer Rücksicht auf arabische Interessen die Juden Bagdads 1941 willentlich dem antisemitischen Mob im Pogrom des „Farhud“ aus (175). Dies ist auch eine der wenigen Stellen im Buch, an der (in diesem Fall: völkisch-)antisemitische Ideologen der arabischen Welt als solche thematisiert werden. Treffend schreibt Diner zur britischen Strategie: „Das britische Vorgehen im Irak 1941 entsprach durchaus der Haltung, mit der das Empire dem arabischen Aufstand in Palästina 1936/39 begegnet war: zunächst die Autorität des Weltreiches mit unnachsichtiger militärischer Härte wiederherstellen, dann – aus übergeordneten regionalen wie imperialen Erwägungen heraus – auf die geschlagene arabische Seite politisch zugehen.“ (176)

Andererseits zeigt Diner detailreich, wie zentral die mittelöstlichen Versorgungswege unter britischer Herrschaft für die Kriegsführung der Alliierten waren, sei es für die massive Versorgung der Roten Armee mit US-Kriegsgütern über den „Persischen Korridor“, sei es für den Nachschub der 8. Britischen Armee, die letztlich die Truppen Rommels bei El-Alamein aufhielt und damit die Ausweitung des Holocausts auf den Jischuw verhinderte (199). Dabei erwähnt Diner zwar mit Verweis auf die Historiker Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers, dass es Vorbereitungen für ein SS-Einsatzkommando gab, „sich dem Tross der Panzerarmee Afrika bei Durchbruch nach Ägypten anzuschließen“ (227), aber nur dem informierten Leser dürfte klar sein, dass es sich um Vollstrecker des Holocausts gehandelt hätte. Um die letztliche Ohnmacht des jüdischen Palästina in dieser Gemengelage zu verdeutlichen, wird der Linkszionist Yaakov Zerubavel zitiert, der 1945 feststellte, das Überleben der Juden des Jischuw sei „reiner Zufall“ gewesen (285).

Diners Buch konterkariert durchaus den üblichen eurozentrischen Blickwinkel auf den Zweiten Weltkrieg. Allerdings bleibt das Bild, das er von den Handlungsmotiven insbesondere der arabischen Akteure zeichnet, bisweilen eigentümlich vage. Wenn islamische Kräfte Thema sind, stehen eher die für das Empire zentralen indischen Vertreter im Mittelpunkt. Beispielsweise muss man das Wissen darum, dass der Führer der palästinensischen Nationalbewegung und Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, ein glühender Antisemit war, schon mitbringen – in diesem Buch wird er vornehmlich am Rande als antikoloniale, wenn auch achsenfreundliche Führungsfigur im Dienst der „arabische[n] Sache“ präsentiert (155). In Bezug auf al-Husseini kann von einer regelrecht verharmlosenden Schilderung gesprochen werden. Dazu passt, dass Diner den arabisch-zionistischen Konflikt zunächst als reinen Territorialkonflikt einführt (80), ohne an dieser Stelle die arabisch-ethnozentrischen und islamisch-antisemitischen ideologischen Motivationen einiger Protagonisten, die bereits in den 1920er und 30er Jahren wirksam waren, umfassend zu berücksichtigen. Dass die für die Briten schließlich ausschlaggebende islamische Internationalisierung der Palästina-Frage gelingen konnte, wird vor dem Hintergrund dieser Lücke in der Darstellung zu einem rätselhaften Phänomen. Dabei weist Diner an einer Stelle selbst, wenn auch wiederum nur in verklausulierter Form, darauf hin, dass al-Husseini versuchte, Palästina „zu einer gesamtarabischen, gar einer all-muslimischen“ Sache zu machen, und zwar über das „Medium“ der „im britischen Mandatsgebiet gelegenen heiligen Stätten des Islam“ (118). Das soll bedeuten: mittels der Propaganda von einer angeblichen jüdischen Verschwörung zur Zerstörung dieser heiligen Stätten in Jerusalem. Erwähnt wird dabei nicht, dass der Mufti neben judenfeindlichen Stellen in Koran und Hadithen auch die „Protokolle der Weisen von Zion“ als ‚Beleg‘ für die vermeintlichen ‚jüdischen Machenschaften‘ anführte.

Dan Diner, Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935-1942, Deutsche Verlags-Anstalt 2021, Bestellen?