Zeitenwende

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Peter Finkelgruen als junger Rundfunkredakteur, 1963 in Köln

Der Autor Peter Finkelgruen über seinen in Theresienstadt erschlagenen Großvater, seine Familie und den neu erstarkenden Antisemitismus in Deutschland

Von Eva Schwis

„Das war ja Dracula-Land“, erklärt Peter Finkelgruen den Vorfall, warum sein Ururgroßvater der früh verwaisten Enkelin Anna mit einem Hammer auf den Daumen schlug, weil diese ungehorsam gewesen war. Großmutter Anna, Jahrgang 1891 und gebürtige Siebenbürger Sächsin, kam aus dem Dorf Rosenau bei Kronstadt im heutigen Rumänien und kannte körperliche Gewalt, schwere Arbeit und Härte zur Genüge. Vielleicht einer der Gründe, weshalb sie den späteren Horror überlebte, meint Peter Finkelgruen.

Anna hatte ihren jüdischen Lebenspartner Martin Finkelgrün in der gemeinsamen Wohnung in Prag versteckt. Die beiden wurden verraten und von der Gestapo auf die kleine Festung Theresienstadt gebracht. Dort trampelte und schlug der für seine Prügelattacken gefürchtete KZ-Scherge Anton Malloth den sechsundsechzig jährigen Martin wie viele andere Häftlinge zu Tode. Für Anna begann ein dreijähriges Grauen in den KZs Ravensbrück, Majdanek und Auschwitz.

Auch Annas Tochter Esti und Martins Sohn Hans waren ein Paar. Sie flüchteten unter Schwierigkeiten und auf Umwegen nach Shanghai. Dort kam Peter 1942 zur Welt. Schon kurz darauf beschloss die japanische Besatzung auf deutschen Druck hin die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung.

Hans litt an Magengeschwüren. Im jüdischen Ghetto von Shanghai gab es keine medizinische Versorgung. Magendurchbruch. Peters Vater starb an inneren Blutungen.

Die Nichtjüdin Esti Finkelgrün hätte das jüdische Ghetto verlassen können; ihr nach den Nürnberger Rassegesetzen als „Halbjude“ kategorisierter Sohn Peter nicht. So blieb Esti mit Peter im jüdischen Ghetto und kehrte erst nach dem Krieg mit ihrem Sohn nach Prag zurück.

„Es gibt so eine Erinnerung an meine Mutter. Das war in Prag, und Mutter war zu Hause, und ich war draußen mit Kindern. Da gab es eine Prügelei oder so etwas. Ich kam jedenfalls verheult nach Hause. Meine Mutter geriet in hysterische Aufregung, und ich habe die Sätze noch im Ohr: ‚Peter, du musst dich wehren. Wehr dich. Wehr dich. Wehr dich.‘ Da war eine enorme emotionale Kraft hinter. Das ist so ein Moment, den hast du ein ganzes Leben im Kopf.“

Esti Finkelgruen, Peter und Anna Bartl ca. 1948 in Prag

Peter Finkelgruen las erstmals 1988 in einer Zeitungsmeldung den Namen Anton Malloth. Eine Freundin Annas aus Theresienstadt lieferte weitere Informationen. Es folgten jahrelange Recherchen.*

Bereits 1948 war Malloth von einem tschechoslowakischen Gericht für seine Kriegsverbrechen in Theresienstadt in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Doch die Gesellschaft der Nachkriegs-BRD hatte kein Interesse an Peter Finkelgruens tot getrampeltem Großvater; zu viele Täter saßen noch in entsprechenden Machtpositionen und schützten sich gegenseitig. Folglich wurde den Auslieferungsersuchen der Tschechoslowakei nicht stattgegeben und die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens verweigert. Malloth blieb auf freiem Fuß und lebte sein Leben.

Erst im Jahre 2000 zeigte Peter Finkelgruens zähes Ringen um Gerechtigkeit Früchte. Malloth kam ins Untersuchungsgefängnis Stadelheim, und die Staatsanwaltschaft München erhob Anklage wegen Mordes. Bis dato hatte der ehemalige KZ-Scherge schon einige Jahre in einem heimeligen Seniorenheim in Pullach am Südrand Münchens verbracht. Gudrun Burwitz, Tochter Heinrich Himmlers, hatte ihn im Auftrag der „Stillen Hilfe“, einer rechtsextremen Gefangenenhilfsorganisation für ehemalige NS-Kriegsverbrecher und deren Angehörige, dort untergebracht.

Am 30. Mai 2001 wurde Anton Malloth vom Landgericht München wegen Mordes und versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

„Aber der Hammer für mich war, das wusste ich damals ja nicht, die Sache mit Gudrun Burwitz. Vor einigen Jahren kriege ich einen Anruf. ‚Peter, kauf Dir mal die Bild-Zeitung. Die Gudrun Burwitz ist gestorben.‘ Habe ich gemacht, und da lese ich, Gudrun Burwitz hat einige Jahre als Angestellte beim Bundesnachrichtendienst gearbeitet. Wow, dachte ich. Jetzt verstehe ich, was gelaufen ist.“

In Prag traf Esti ihre Mutter, Peters Großmutter Anna, wieder. Anna hatte trotz Oberschenkelhalsbruch und Flecktyphus Auschwitz überlebt.
War seine Mutter auch so robust wie Anna?

„Nein. Meine Mutter war ein kleines, schmales Persönchen. Ich habe noch ein Kleid aus Shanghai von ihr. Da kann man die Figur dran erkennen.“

Peter Finkelgruen steht auf und kehrt mit einer leichten Tragetasche zurück.

Feines weißes Papier umhüllt schützend den kostbaren Inhalt. Vorsichtig holt er ein eng geschnittenes, zart braun schimmerndes Kleid mit chinesischem Muster hervor. Ein apartes Teil für eine zierliche Frau. Eine junge Frau.

Doch lange behielt Peter seine Mutter nicht mehr. Esti war herzkrank. Immer häufiger lag sie mit Kissen im Rücken auf der Couch im Wohnzimmer. Die Hospital-Aufenthalte mehrten sich. Sie kam ins Sanatorium nach Podebrady. In der Nacht vom 1. Juni 1950 starb Esti.

„Wir waren in der Wohnung nach Mutters Tod; das Fenster war auf, und ein Vogel flog ins Zimmer. Das war ein oder zwei Tage nach dem Tod, und da sagte Großmutter: ‚Peter, das ist deine Mama, die dich grüßt.’“

Esti hatte gewusst, wie es um sie stand. In einem ihrer letzten Briefe an ihre befreundete Schwägerin Dora in Israel hatte sie dieser ihren Sohn im Fall des Falles ans Herz gelegt. Noch kein Jahr später ging Anna mit Peter in den 1948 gegründeten Staat.

Aber die 61-jährige protestantische Anna, die in der sengenden Hitze des Nahen Ostens, den Mantel über dem Arm, mit viel Gepäck in einem großen schwarzen Wagen samt Enkel und Chauffeur vor dem Kibbuz Kfar HaMaccabi vorfuhr, wurde in Israel nie heimisch. Der Aufenthalt im Kibbuz währte denn auch nur wenige Monate.

Bald fand Anna für Peter ein englisches Internat, und so wurde ihr Enkel mit verschiedenen Welten vertraut; der von Kaiserzeit- über Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus geprägten europäischen Welt seiner Großmutter, der Welt des Internats mit seinen vorwiegend englischen und amerikanischen Schülern und last, but not least der Welt der jungen israelischen Gesellschaft, die umgeben von feindlichen Nachbarn um ihr Überleben kämpfte.

1959. Mit dem englischen Abitur in der Tasche hätte es nahegelegen, in England oder USA zu studieren. Doch Anna und ihr noch minderjähriger Enkel wollten zusammenbleiben, und Anna sprach kein Englisch. So beantragte Peter die deutsche Staatsangehörigkeit. Da es zu dieser Zeit keine deutsche Botschaft in Israel gab, wurde die Urkunde vom britischen Generalkonsulat in Haifa ausgestellt. Im Englischen sind Umlaute unbekannt. Folglich schrieb sich sein Nachname ab jetzt nicht mehr „Finkelgrün“ sondern „Finkelgruen.“

Erste Station Freiburg i.B. Dort wohnten Peter und Anna bei Dr. Louise Diel zur Untermiete. Frau Dr. Diel trug das silberweiße Haar gerne hochgesteckt, schien gönnerhaft und jovial und nannte sich Schriftstellerin. Ihre Haushälterin Minna im kleinkarierten Schürzenkleid pflegte die Schränke aus dunklem Holz und schaute nach den schweren Vorhängen, damit nicht zu viel Tageslicht ins Zimmer drang.

Peter Finkelgruen und Anna Bartl 1959/1960 in Freiburg

Als Peter Finkelgruen einmal den Bücherschrank öffnete, fiel ihm eines der Werke von Louise Diel in die Hände „Mussolini, Duce des Faschismus“, erschienen 1937, sechste, verbesserte und ergänzte Auflage aus dem Jahre 1938; dann eine handschriftliche Widmung faksimiliert „Dem Reichskanzler Hitler – Mussolini“; Louise Diel war Mitglied der Reichsschrifttumskammer gewesen.

„Durch die Studien des verstorbenen Soziologen Alphons Silbermann weiß ich, dass das rechtsradikale und antisemitische Potential in Deutschland seit den 60er Jahren 25 % beträgt. Ich nehme an, dass es sich nicht wirklich verändert hat.“ In Baden-Württemberg, einer ehemaligen französischen Besatzungszone, wurde Peters englisches Abitur nicht anerkannt, und so zogen Peter und Anna weiter nach NRW.

In Köln wurde Peter Finkelgruen schließlich heimisch.

Und heute?

„Heute tritt das ganze rechtsradikale und antisemitische Potential zutage. Diese Leute haben jetzt das Gefühl, man könne sich als Opposition sehen; wobei die meisten keine Ahnung von jüdischer Geschichte, geschweige denn der des Nahen Ostens haben. Der Antisemitismus kleidet sich in eine Anti-Israel-Form. Als ich die Bilder der Terroristen vom 7. Oktober 23 sah, war das erste Wort, das mir in den Sinn kam, ‚Pogrom‘. Die Verbrecher kamen nur nicht auf Pferden, sondern auf Motorrädern.

Mir kommt das vor, wie ein Kulturkampf. Der radikale Islam gegen das christlich-jüdische Abendland. Natürlich muss man unterscheiden. Es geht nur um den radikal-fanatischen Islam; nicht um den moderaten. Aber die Folge ist leider, dass du viele misstrauisch anguckst. Du kannst ja nicht wissen, was das für einer ist. An Chanukka haben wir die Kerzen angezündet und ins Fenster gestellt. Da dachte ich, da könnte jetzt jemand auf eine böse Idee kommen.

Wir sind in einer Zeitenwende, aber ich bin in einem Alter, da werde ich das Ende dieser Zeitenwende nicht mehr erleben.“

*Peter Finkelgruen, Haus Deutschland. Die Geschichte eines ungesühnten Mordes, Hamburg 1998
ders., Erlkönigs Reich. Geschichte einer Täuschung, Berlin 1997
Interviews mit Peter Finkelgruen am 22.09.2023, 28.01.2024 und 24.03.2024 in seiner Wohnung in Köln

Fotos im Beitrag: © Peter Finkelgruen, archiviert in der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln (RWWA), Vorlass Peter Finkelgruen, Köln, RWWA 570-16-1

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