„Es war eine Selbstverständlichkeit, gegen Hitler zu kämpfen“

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Mucki Kochs Porträt am Edelweißpiraten-Denkmal in Köln, Foto: R. Kaufhold

Die widerständige Kölner Edelweißpiratin Gertrud „Mucki“ Koch wäre soeben 100 geworden

Von Roland Kaufhold

Im August 1942 regnen Flugblätter von der Glaskuppel des Kölner Hauptbahnhofes. Sie enthalten Aufrufe gegen die Nazis. Dass dies eine lebensgefährliche Aktion war, wusste jeder Kölner. Seit neun Jahren waren die Nationalsozialisten an der Macht. Die übergroße Mehrheit der Kölner unterstützte das kriegsführende Unrechtsregime und identifizierte sich mit diesem. Die Identifizierungen hielten, wie die Mitscherlichs (Mitscherlich, M. & A. 1967) bereits 1967 beschrieben haben, noch Jahrzehnte an (vgl. Kaufhold 2020a).

Eine der Beteiligten dieser wagemutigen Widerstandshandlung ist die 18-jährige Kölnerin Gertrud „Mucki“ Koch (Koch 2006, Kaufhold 2020a, 2020b, 2024). Jahrzehntelang sprach „Mucki“ – dies war ihr Untergrundname in ihrer Kölner Edelweißpiratengruppe –  nicht über ihren Mut zur Unangepasstheit gegen ein Unrechtssystem. Und auch nicht über die eigenen, erlittenen schweren Misshandlungen in der Gestapohaft. Sie, die zu den ganz Wenigen gehörte, auf die man in Köln hätte stolz sein können, die widerständige Heldin, schwieg. Und schwieg. Und sie wusste warum.

In ihren Erinnerungen, die Mucki Koch 2006 – da war sie 82 und lebte schon 52 Jahre lang in der Hartwichstraße 41 in Köln-Nippes (Nippes-Magazin 2021) – in ihrer Autobiografie Edelweiß. Meine Jugend als Widerstandskämpferin (Koch 2006) niederlegte, zeigte sie direkt-indirekt auf, dass Verleugnung der existentiellen Gefahr für sie als Jugendliche eine Überlebens-Notwendigkeit war, um überhaupt Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisten zu können: „Uns war nicht bewusst, welchen Gefahren wir uns damit tatsächlich aussetzten. Und wir sahen keine andere Möglichkeit, gegen den Krieg und das Unrecht anzugehen. Wir konnten nicht tatenlos zusehen“, schrieb sie (Koch 2006, S. 124). Mucki Kochs innere Ambivalenz ist erkennbar, wenn sie in ihrer Rückerinnerung, 70 Jahre später, im ersten Satz die Gefahr verneint – und diese am Ende denn doch einräumt (vgl. Kaufhold 2020a, 281f.). Psychoanalytisch ist dies alles sehr leicht nachvollziehbar (vgl. Kaufhold 2022a, Kaufhold & Hristeva 2021).

Kindheit und linke Jugend in Köln

In Köln am 2. Juni 1924 unter dem Namen Gertrud Kühlem geboren und aufgewachsen besucht sie ab 1930 die Grundschule. Als Tochter eines verfolgten Kommunisten – dieser war von Beruf Kesselschmied – sowie einer aus Frankreich stammenden, aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden Mutter ist Widerstand, Unangepasstheit an den Nationalsozialismus für sie bereits als Schulkind eine Selbstverständlichkeit: Ihre Mutter ist eine Kölner Apothekerin. Auch der Apotheker stand der KPD nahe, auch ihre Mutter schließt sich der KPD an.

Mucki Koch ist zuerst Mitglied der Bündischen Jugend und der Roten Jungpioniere, der Kinderorganisation der KPD. Nach deren Verbot geht sie 1938, da ist sie 14, zu einer „illegalen“ Edelweißpiratengruppe. Die Mitglieder kommen aus Köln und aus Düsseldorf. Anfangs trägt Mucki das Edelweißpiratensymbol offen, dann, ab Anfang der 1940er Jahre, nur noch verdeckt unter ihrer Kleidung. Der existentiellen Gefahr ist sie und sind sich alle Jugendlichen ihrer Kölner Gruppe bewusst – und doch muss sie diese partiell verleugnen, um überhaupt unangepasst, widerständig weiter leben zu können.

Tarnname „Mucki“

In ihrer Kölner Edelweißpiratengruppe legt man sich Tarnnamen zu: „Mucki“, „Mücke“, dieser Name erscheint der 14-jährigen Jugendlichen am passendsten. Wer klein, unauffällig wirkt, der dürfte aus Sicht der allgegenwärtigen Kölner Nazis keine Gefahr darstellen. Die Kölner Studiobühne hat diese eindrückliche Szene der Namensgebung vor wenigen Wochen bei ihrem neuen Theaterstück „Edelweißpiraten“ in dichter Weise auf der Bühne präsentiert. Eine Schauspielerin spielte „Mucki“, die Hauptprotagonistin dieses Theaterstückes über diese widerständigen Kölner Jugendlichen.

Mucki Koch möchte nicht nur unangepasst sein, nicht nur ihre eigenen bündischen Jugendlieder singen. Dies reicht ihr nicht. Sie, die Tochter eines verfolgten Kommunisten, ist aktiv am Widerstand beteiligt, hilft beim Herstellen und Verteilen illegaler Flugblätter. Diese verteilten sie, wie sie selbst erzählte, u.a. in Kirchen. Dann schreibt sie mit Freunden antinazistische Parolen auf Kölner Hauswände – wie auch, zeitgleich in Köln, die Edelweißpiraten Jean Jülich (Jülich 2003, Finkelgruen 2011, 2020; Kaufhold 2020a, 2021a) und Fritz Theilen (Theilen 1984, Kaufhold 2020b). Dass sie sich hierbei einer enormen Gefahr aussetzt, muss ihr bewusst gewesen sein. Immerhin hatte sie da schon Gestapoverhöre und Verhaftungen ihres Vaters erlebt. Allein die Kölner Gestapoakten umfassten mehr als 3000 Jugendliche, der Verfolgungsdruck in Köln durch die Gestapo und die Justiz war massiv (vgl. Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020a). „Macht endlich Schluss mit der braunen Horde!“ und „Soldaten legt die Waffen nieder“, solche Parolen sprüht die jugendliche Widerständlerin und Edelweißpiratin Mucki gemäß ihrer Autobiografie (Koch 2006, S. 97) an Kölner Hauswände (vgl. Gedenkstätte o. J.).

Atmosphäre der Bedrohung und der Angst

Die Atmosphäre der Angst prägt auch ihre Edelweißpiraten-Jugendgruppe. Sie haben Angst vor Gestapo-Spitzeln, auch das Misstrauen untereinander ist demgemäß groß. Die Angst hielt viele Jahre lang an. Und doch passen sich Mucki Koch und ihre FreundInnen nicht an. Hierzu gehörte außerordentlich viel Mut. Mucki Koch und die anderen Unangepassten hätten für Demokraten in der Nachkriegszeit ein Vorbild sein müssen. Sie wurden es nicht. Im Gegenteil.

Täglich konnte man den Verfolgungsdruck der Nazibehörden erleben und deren Unterstützung durch die Mehrheit der Kölner Bevölkerung (vgl. Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020a, 2021c). Ihr Vater, der sich den Kommunisten angeschlossen hatte, wird bereits ab 1933 und danach noch mehrfach von der Kölner Gestapo verhört und inhaftiert.

Ihre Mutter, die die Nazis ablehnt und gleichfalls der KPD beitritt, verliert ihre Arbeit. Aus Geldnöten müssen sie ihre bisherigen Tätigkeiten aufgeben, und Gertrud muss bereits als Jugendliche zum Lebensunterhalt beitragen (Resist 2024).

Aus Geldmangel kann Mucki Koch nicht die höhere Schule besuchen und macht ab 1938 eine Ausbildung an einem Montessori-Kindergarten. Den Abschluss vermag sie nicht zu machen, da sie wegen ihres politischen Engagements sowie der Verfolgung ihres Vaters als „politisch unzuverlässig“ gilt (Koch 2006, Gedenkstätte o. J., Resist 2024). 1938 wird ihr Vater in das Konzentrationslager Börgermoor, eines der Emslandlager,  verschleppt.

In jenen Jahren der eigenen Verfolgung sollen ihre Eltern den in Köln bekannten jüdischen Musiker Julio Goslar (1883-1976) und dessen Ehefrau Christel – J. Goslar war 1914 vom Judentum zum Protestantismus konvertiert; 1921 wurde er Kirchenmusiker in der evangelischen Kirchengemeinde Köln-Nippes – zeitweise in einem Kölner Schrebergartenhäuschen versteckt haben. Diesen Hinweis, der eine vertiefende Forschung verdient, verdanke ich Jan Krauthäuser vom Kölner „Edelweisspiratenclub“. Im Juli 1944 tauchte das Ehepaar Goslar endgültig unter und überlebte so die Jahre der Verfolgung in Köln. Nach der Nazizeit setzte er, mit Unterstützung der alliierten Militärregierung, seine Wiedereinsetzung als Chorleiter und Organist bei der Kirche durch. Zusammen mit Robert Görlinger und Hans Böckler baute er die Kölner SPD wieder auf.

In das KZ Börgermoor, das bereits 1933 errichtet wurde und unter der Kontrolle der SS-Gruppe West stand, wurden vor allem politische Gegner aus den Industriestandorten Rhein und Ruhr verschleppt: „Ich litt extrem darunter, dass man mir meinen Vater weggenommen hatte“, schreibt sie in ihrer Autobiografie (Koch 2006). „Ich hing sehr an ihm. Den Gedanken, dass man ihn schlug, konnte ich kaum ertragen. Am meisten vermisste ich die Abende, an denen ich stundenlang mit ihm auf dem Ledersofa saß und wir zusammen Bücher lasen, ja aufsaugten.“ (ebd., S. 63) Auch diese Szenen der verzweifelten Hoffnung, des Gefühls des Verlustes und des Versuches, sich dennoch nicht unterkriegen zu lassen, wurden kürzlich, über 80 Jahre später, von der besagten Theatergruppe der Kölner Studiobühne auf die Bretter gebracht. Mucki lebte da schon nicht mehr.

1942 „verstirbt“ ihr Vater im Konzentrationslager: „Ein paar Tage später bekamen wir einen Brief von der Lagerleitung in Esterwege. Darin teilten sie uns das Schicksal meines Vaters mit: „Auf der Flucht erschossen.“ Mehr stand nicht in dem Schreiben“, erinnert sich Mucki Koch (Koch 2006, S. 128; Kaufhold 2020a, S. 282).

Auch in einem anlässlich ihres 90. Geburtstages aufgenommenen Hörfunkportrait (Simsek 2014) kommt ihre Identifikation mit ihrem ermordeten Vater zum Ausdruck, den sie zeitlebens sehr vermisste: „Deine Politik ist die beste. Das ist ja gegen die Arbeiter“, erzählte sie in kölschem Tonfall.

Das jahrzehntelange Schweigen – und Peter Finkelgruens Recherchen

Nach der Nazizeit traute sich nahezu niemand in Köln, an die Edelweißpiraten zu erinnern. Diese fielen aus allen Kategorien raus. Auch den Kommunisten, mit denen Mucki Koch auch nach dem Ende der Diktatur in der Bundesrepublik verbunden war, waren diese, wegen ihrer undogmatischen und eher „undisziplinierten“ Grundhaltung, eher verdächtig (vgl. Kaufhold 2020a, 2021b, 2021c). Insofern, so meine Vermutung, blieb Mucki Kochs Identifikation mit den Edelweißpiraten nie ganz frei von innerer Ambivalenz.

Der proletarische Kölner Fritz Theilen (Kaufhold 2020a, S. 251-258), 1927 in Köln als Sohn eines Kommunisten in Köln geboren und gleichfalls Edelweißpirat, verstand bereits in den späten 1940er Jahren, dass jedes Erinnern  an die Edelweißpiraten vergeblich und auch gefährlich war. Er unterließ es nach wenigen gescheiterten Versuchen, in den 1950er Jahren über die Edelweißpiraten zu sprechen. (Kaufhold 2021d)

Wolfgang Schwarz, 1926 in Köln in einer proletarischen jüdischen Familie aufgewachsen, machte die gleiche Erfahrung wie Fritz Theilen und Jean Jülich: Es war unmöglich, im Köln der Nachkriegszeit die Kölner Edelweißpiraten auch nur in privaten Gesprächen zu erwähnen. Jeder versuchte, sich anzupassen, die brutale Vergangenheit zu verdrängen. Die Opfer, die wirklich Verfolgten, waren und blieben die Verdächtigen, insbesondere in den unbewussten Fantasien der Mehrheitsgesellschaft. Jedes Sprechen über die Shoah und über die jugendlichen Unangepassten verletzte die überwiegend lebenslang wirksamen Verdrängungs- und Verleugnungsbemühungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Wenn es sie, die Juden, die Widerständler, die jüdischen Rückkehrer nicht geben würde wäre ihr Leben doch sehr viel einfacher. Auch hier ist Zvi Rix mit seinem Theorem, dass die Deutschen den Juden die Shoah niemals verzeihen werden, eine entscheidende Erklärungshilfe (Kaufhold & Hristeva 2021).

Für Wolfgang Schwarz war diese Erfahrung umso furchtbarer, weil sein zwei Jahre jüngerer Bruder Günther im Alter von gerade 16 Jahren gemeinsam mit den zwölf Weiteren am 10.11.1944 öffentlich in Köln-Ehrenfeld hingerichtet wurde. Diese Hinrichtung war eine besonders brutale Abschreckungsmaßnahme, um den starken jugendlichen Widerstand in Köln endgültig zu brechen – obwohl die Niederlage des Naziregimes Ende 1944 doch auch in Köln bereits spürbar war. Wolfgang Schwarz musste der öffentlichen Hinrichtung seines 16-jährigen Bruders beiwohnen…

Ende der 1970er Jahre war der Edelweißpirat und „Vaterjude“ Wolfgang Schwarz Nebenkläger im Kölner Lischka-Prozess (Finkelgruen 2020, S. 183-194; Kaufhold 2013a, b, 2022c); 1984 nahm er auf persönliche Einladung Peter Finkelgruens an der Ehrung von Jülich, Jovy undSchink durch Yad Vashem teil (Kaufhold 2021d).

Die Edelweißpiraten waren, in den Worten Finkelgruens, die „Vierte Front in Köln“ (Finkelgruen 2020). Auch die Jugendlichen Brüder Günther und Wolfgang Schwarz gehörten faktisch zu dieser „vierten Front“; Mucki Koch gleichfalls (vgl. Kaufhold 2021 c, 2021d).

Die ganz wenigen Mutigen blieben die gesellschaftlich Ausgestoßenen; „Wiedergutmachungsanträge“ selbst von Angehörigen der am 10.11.1944 öffentlich in Köln-Ehrenfeld Hingerichteten, wurde nahezu immer abgelehnt. Auch Theilen, Jülich wie auch der Widerständler Michael Jovi (Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020a, S. 321-331) gaben es nach wenigen Versuchen auf, in der Nachkriegsperiode an das widerständige Erbe zu erinnern. Das Erinnern hatte keinen Raum. Es war und es wurde ausgelöscht, innerlich und gesellschaftlich (Kaufhold & Hristeva 2021).

Peter Finkelgruen (2020) hat dies im Detail ab Mitte der 1970er Jahre dokumentiert und analysiert; Gerhart Baum (Baum 2020a, 2020b), der liberale, lebenslange treue Freund und Unterstützer Finkelgruens, hat dies gleichfalls beschrieben und beklagt. Der radikalliberale Kölner Strafrechtsprofessor Ulrich Klug (FDP), Freund Finkelgruens, einer der Hauptprotagonisten des Kölner Liberalen Zentrums (LZ) und über Jahre Sprecher der Kölner Edelweißpirateninitiative (vgl. Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020a, 2022b), beschrieb dies in Köln in vergleichbarer Weise.

Es war der jüdische, in Shanghai geborene Journalist Peter Finkelgruen, der ab 1976 hartnäckig, gegen das kollektive Schweigen der Mehrheitsgesellschaft, zu dem Schicksal der widerständigen Edelweißpiraten arbeitete (Finkelgruen 2020, Baum 2020a, 2020b, 2020c, von Hellfeld 2020, Kaufhold 2019, 2020a). Ihm schloss sich vor allem der Kölner Karnevalist und Widerständler Jean Jülich (Finkelgruen 2011, 2020; Kaufhold 2011, 2021) an. Finkelgruen und Jean Jülich verband bald eine enge Freundschaft. 1984 folgte die von Finkelgruen im Alleingang angeregte und durchgesetzte Würdigung der Kölner Jean Jülich, Michael „Mike“ Jovy (Kaufhold 2020a, S. 321-331) sowie Barthel Schink als „Gerechte unter den Völkern“ durch Yad Vashem. Trotz dieser höchst außergewöhnlichen Ehrung von drei exemplarisch ausgewählten Kölner Widerständlern und Edelweißpiraten: Es folgten weitere 20 Jahre des kollektiven Schweigens. Jean Jülich und seine Freunde waren auch nach der Ehrung durch Yad Vashem weiterhin davon überzeugt, in Köln als „Kriminelle“, gesellschaftlich Ausgestoßene zu sterben. Und auch Mucki Koch war noch nicht bereit, öffentlich zu sprechen.

2000: Mucki Koch durchbricht das aufgenötigte Schweigen

Auch Mucki Koch schweigt weiterhin, aus Angst und aus überlebensnotwendigen Verleugnungsbemühungen. Sie möchte ihr normales, von gesellschaftlichen Angriffen freies Familienleben führen. Erst 16 Jahre nach der Ehrung ihrer Freunde durch Yad Vashem, im Jahr 2000, spricht Mucki Koch erstmals, vorsichtig, schrittweise, über ihre Jahre der Verfolgung, ihre furchtbaren Erlebnisse in der Gestapohaft.

Mit innerer Ambivalenz spricht und schreibt sie nun erstmals auch über ihre Gestapohaft ab 1942 im Kölner EL-DE Haus. Sie wird dort durch Josef Hoegen, einem gefürchteten Vernehmungsbeamten der Kölner Gestapo (vgl. mit zahlreichen Details Finkelgruen 2020, S. 45-59, 72, 75, 113, 120, 160, 167, 188-191, 193, 196, 199, 201f., 205, 282; in seinem Buch gibt Finkelgruen auch zahlreiche Erinnerungen von weiteren politisch Verfolgten wieder, die unter Hoegens Misshandlungen in der NS-Zeit litten) brutal verhört und misshandelt. Und sie wird mehrere Monate lang im Gestapogefängnis Brauweiler – „unter strenger Aufsicht. Die kamen jeden Tag gucken“ – festgehalten:

„Die einzelnen Verhöre dauerten mal zehn Minuten, dann auch wieder zwei oder drei Stunden. Jedes Mal wollte Hoegen wissen, wo sonst noch „Nester“ wären. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte es ihm nicht sagen können. Ich wusste es nicht. Jede einzelne Edelweißgruppe funktionierte selbständig“, erinnert sie sich gut 60 Jahre später (Koch 2006, S. 176).

Trotz der Folter sagt sich die 18-Jährige:

„Sollten sie mich doch totschlagen, mich würden sie nicht verbiegen können. Die grausamen Schläge zeigten mir auch, dass sie Angst hatten. Sie fürchteten den jugendlichen Widerstand der Edelweißgruppen. Hätten sie sonst so viel Aufhebens um meine Person gemacht? Ich musste an unsere Anfänge denken, als wir in unseren bunten Kleidern kleinere und größere Zusammenstöße mit der einheitlich uniformierten Hitlerjugend hatten. Wie harmlos war das alles noch gewesen im Vergleich zur Gestapo!“ (Koch 2006, S. 185)

Sechs Seiten weiter schreibt sie, sich erinnernd: „Tag für Tag wurde ich nun wieder von Hoegen oder seinen nicht weniger grausamen Stellvertretern verhört und geschlagen. Tag für Tag ging ich in die Zelle zurück, ohne ein Wort gesagt zu haben. Ich sah ihren Gesichtern an, dass sie mir am liebsten den Hals umgedreht hätten.“ (ebd., S. 191; Kaufhold 2020b) Auch diese Szenen der Misshandlung und ihres heldenhaften Widerstandes wurden in dem Theaterstück der Kölner Studiobühne (2024) in eindrücklicher Weise auf die Bühne gebracht.

In der Gestapohaft und der Folter erleidet Mucki Koch schwere körperliche Schädigungen, darunter eine schwere Nierenentzündung, „wo ich noch heute drunter leide“.

Besonders wichtig ist Mucki Koch jedoch die, zumindest posthume, Rehabilitation von Kölns mutigstem Widerständler: Dem am 10.11.1944 gleichfalls hingerichteten Hans Steinbrück, dem „Bombenhans“. „Ich kannte ihn nicht persönlich, aber meine Mutter hatte mir von ihm erzählt, als wir abends im Stroh lagen“, schreibt sie. „Er war ein Abenteurer, der erst richtig in Köln aktiv wurde. Er war aus dem KZ-Außenlager Köln-Messe geflohen und hatte andere Geflüchtete, Juden, Deserteure und so genannte arbeitsvertragsbrüchige Zwangsarbeiter, um sich gesammelt. Er soll sogar die Idee gehabt haben, das EL-DE-Haus in die Luft zu sprengen. Eine nachvollziehbare Idee.“ (ebd., S. 235) Peter Finkelgruen hat Steinbrück, von dem kein einziges Foto überliefert ist, in seinem Buch „Soweit er Jude war..“ ein Denkmal gesetzt. Dass Steinbrück sogar von den Verantwortlichen des EL DE Hauses über Jahrzehnte kriminalisiert und entwertet wurde bleibt für ihn eine Ungeheuerlichkeit.

Mucki Koch gelingt nach neun Monaten auf abenteuerlichen Wegen die Flucht. Entscheidende Unterstützung erhielt sie hierbei, wie sie in dem WDR-Rundfunkportrait „Erlebte Geschichte“ in kölschem Tonfall detailreich nacherzählt hat (Simsek 2014), durch nach Deutschland verschleppte „couragierte Zwangsarbeiter“ (Koch). Auch in diesem Aspekt zeigt sich eine Parallelität zu Hans Steinbrück Widerstandsaktionen (Finkelgruen 2020).

Sie trifft ihre Mutter wieder, gemeinsam leben sie bis zum Kriegsende auf einem Bergbauernhof.

Nach dem Krieg engagiert sich Mucki Koch, auch in Treue zu ihrem ermordeten Vater, bei der KPD, im Alter war sie Seniorenvertreterin in Ehrenfeld.

Ihre – symbolische – Rehabilitation durch den damaligen Regierungspräsidenten Jürgen Roters war für sie „die Krönung meines Lebens.“ Roters Beitrag, als Nachfolger von Antwerpes, zur glaubwürdigen Rehabilitation des jugendlichen Widerstandes und der Unangepasstheit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden (Kaufhold 2020a).

In ihrer zweiten Jahreshälfte, bis zu ihrem Tode, lebt Mucki Koch sie in der Nippeser Hartwichstraße. In ihren letzten Jahren ist sie nahezu erblindet – und tritt bei den jährlichen Gedenkfeiern an die Edelweißpiraten am Köln-Ehrenfelder Mahnmal doch immer wieder als Zeitzeugin auf.

Im Alter wurde sie mehrfach in Zeitzeugeninterviews gewürdigt. Das Transparent (2004)-Filmportrait gibt ein stimmiges Bild ihrer Persönlichkeit. 

Ihre – gemeinsame – symbolische Rehabilitation durch Regierungspräsident Roters im Jahr 2005 war für sie „die Krönung meines Lebens“. Mit dieser Bemerkung endet ihre Autobiografie. 2007 wurde sie, gemeinsam mit Jean Jülich und Peter Schwarz, mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet. 2011 erhält sie das Bundesverdienstkreuz.

In ihren letzten Jahrzehnten lebt sie in der Hartwichstraße. Nahezu erblindet verstirbt sie am 21. Juni 2016 in Nippes, umsorgt von Filos. Die beiden hatten sich um die Jahrtausendwende kennengelernt, als Mucki Koch in Filos‘ früheren Imbiss „Snacky“ an der Sechzigstraße gekommen war. Die beiden inspirierten sich gegenseitig, musizierten und kochten zusammen. 2007 hatte Filos eine Betreuungsvollmacht übernommen, unterstützt vom benachbarten Nippeser Gastwirt („Da Franco) Salvatore Morinelli.

Mucki Koch (Mitte) und weitere Edelweißpiraten, Foto: (c) Jan Krauthäuser

2019 wurde posthum eine Gesamtschule in Troisdorf nach ihr benannt. Auf deren Website wird hervorgehoben: „Mit Gertrud Koch verstarb am 20. Juni 2016 das letzte bekannte Mitglied der Edelweißpiraten. Durch die Namensgebung unserer Schule wollen wir ihr und den anderen Edelweißpiraten ein Andenken setzen.“ 

Wir brauchen in Köln eine Mucki Koch Straße

Gertrud Mucki Koch sollte in Köln auf Dauer geehrt werden, auch durch eine Straßenbenennung, so unser haGalil-Vorschlag. Pragmatisch wäre geboten, in dem gerade entstehenden Köln-Weidenpescher Simonsveedel eine Straße nach Mucki Koch zu benennen. Dann wäre auch eine räumliche Beziehung zu ihrem Nippeser Wohnort gegeben.

Dieser Idee schließt sich auf unsere Anfrage auch die Nippeser Bezirksbürgermeisterin Dr. Diana Siebert an, die uns schreibt:  „Mucki Koch wohnte  im hohen Alter in Nippes, wurde von dem Kioskinhaber „Filos“ gepflegt. Sie zeigte mit ihren Widerstandsaktionen enormen Mut. Solchen Mut brauchen wir heute. Deshalb bin ich sehr für den  Vorschlag, nach ihr eine Straße in dem neuen Wohn-Gebiet Simonsveedel in Köln-Weidenpesch zu benennen.“

Literatur

Baum, G. (1981/2020a): Vorwort von Gerhart Baum (1981), in: Finkelgruen (2020), S. 21-24
Baum, G. (2020b): Vorwort von Gerhart Baum, in: Finkelgruen (2020), S. 13-18.
Gerhart Baums Rede über Peter Finkelgruen und die Edelweißpiraten im Sommer 2020: https://www.youtube.com/watch?v=ucKHeR2PwBA&t=10s
Finkelgruen, P. (2011): Erinnerungen an Jean Jülich, haGalil, 5.12.2011: https://www.hagalil.com/2011/12/juelich-2/
Finkelgruen, P. (2013): Ehrung für jugendlichen Widerstand in Köln. Ansprache Peter Finkelgruens anlässlich der posthumen Ehrung von Georg Ferdinand Duckwitz und Dr. Michael Jovy, haGalil 11.12.2013: https://www.hagalil.com/2013/12/edelweisspiraten-2/
Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“. Moritat von der Bewältigung des Widerstandes – die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944“. Mit einem Vorwort von Gerhart Baum. Herausgegeben von R. Kaufhold, A. Livnat und N. Englhart. BoD. ISBN-13: 9783751907415 https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415
Gedenkstätte Deutscher Widerstand (o. J.): Gertrud Koch, 1. Juni 1924 – 21. Juni 2016. Internet: https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/gertrud-koch/
Jülich, J. (2003): Kohldampf, Knast un Kamelle. Ein Edelweißpirat erzählt sein Leben. Köln: KiWi.
Kaufhold, R. (2011): „E Hätz so jroß wie ne Stään“ – Zum Tode von Jean Jülich, haGalil, 30.11.2011: https://www.hagalil.com/2011/10/Jülich/
Kaufhold, R. (2013a): Im KZ-Drillich vor Gericht: Ein Sammelband beschreibt, wie Serge und Beate Klarsfeld Schoa-Täter aufspürten und der Gerechtigkeit zuführten, Jüdische Allgemeine, 4.7.2013: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/im-kz-drillich-vor-gericht/
Kaufhold, R. (2013b): „Ich erinnere mich an diesen Deutschen ganz genau“ – Erinnerungen an den Lischka-Prozess, haGalil, 29.5.2013: http://buecher.hagalil.com/2013/05/lischka-prozess/
Kaufhold, R. (2019): Die Unangepassten. Vor 40 Jahren verfasste Peter Finkelgruen ein Buch über die Kölner Edelweißpiraten. Nun wird es im Internet erstmals veröffentlicht Jüdische Allgemeine, 6.10.2019: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/die-unangepassten/
Kaufhold, R. (2020a): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten. Eine Chronologie. In: Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war“, S. 217-342.
Kaufhold, R. (2020b): Gertrud „Mucki“ Koch : Meine Jugend als Widerstandskämpferin, in: Kaufhold (2020a), S. 279-285.
Kaufhold, R. (2020c): NS-Widerstand in Köln – die Edelweißpiraten. In Belltower (2020): https://www.belltower.news/buchtipp-ns-widerstand-in-koeln-die-edelweisspiraten-98051/
Kaufhold, R. (2021a): Jean Jülich (18.4.1929 – 19.10.2011): „Ich wor doch och ene Kraat!“ Vor 10 Jahren verstarb der Kölner Edelweißpirat und widerständige Lebenskünstler Jean Jülich, haGalil, 18.10.2021: https://www.hagalil.com/2021/10/jean-juelich/
Kaufhold, R. (2021b): Die Kölner Edelweißpiraten „als Vierte Front in Köln“. Kriminalisierung versus Anerkennung des jugendlichen politischen Widerstandes, in: Lernen aus der Geschichte: https://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/15208
Kaufhold, R. (2021c): Jugend und Widerstand im 3. Reich – Edelweißpiraten. Der Filmemacher Dobrivoie Kerpenisan erinnert an Jean Juelichs Kampf um die Anerkennung der Edelweißpiraten, haGalil, 17.8.2021: https://www.hagalil.com/2021/08/edelweisspiraten-film/
Kaufhold, R. (2021d): „Aber wir galten als Halbjuden, waren trotzdem minderwertig. Das wirkte sich ganz konkret aus.“ Die Kölner Edelweißpiraten und Widerständler Wolfgang und Günther Schwarz, haGalil, 3.10.2021: https://www.hagalil.com/2021/10/schwarz/
Kaufhold, R. (2021e): Erinnerung an den Edelweißpiraten Wolfgang Schwarz, in: Nippes-Magazin 4/2021, S. 26f.
Kaufhold, R. (2022a): „Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft.“ Peter Finkelgruen: Ein halbes Jahrhundert Leben als Jude in Deutschland. Mit einem Vorwort von Peter Finkelgruen. BoD 2022, ISBN 3756819205: https://www.hagalil.com/2022/10/finkelgruen-kaufhold/. Sowie: https://buchshop.bod.de/mich-erfuellte-ein-gefuehl-von-stolz-ich-hatte-es-geschafft-roland-kaufhold-9783756819201
Kaufhold, R. (2022b): Der Fall Irmtrud Finkelgruen (1971-1974), in: Kaufhold (2022), S. 45-66.
Kaufhold, R. (2022c): Kurt Lischka oder: Vom „Ende der Gemütlichkeit“. Zu Jens Tanzmanns Studie „Vom Beate-Klarsfeld- zum Lischka-Prozess“ haGalil, 13.4.2022: https://www.hagalil.com/2022/04/lischka/
Kaufhold, R. (2024): „Es war eine Selbstverständlichkeit, gegen Hitler zu kämpfen“. Zum 100.ten Geburtstag von Gertrud „Mucki“ Koch, in: Nippes-Magazin 3/2024.
Kaufhold, R. & G. Hristeva (2021): „Das Leben ist aus. Abrechnung halten!“ Eine Erinnerung an vertriebene Psychoanalytiker unter besonderer Berücksichtigung von Wilhelm Reichs epochemachenden Faschismus-Analysen. In. Psychoanalyse im Widerspruch, H. 66/2021 (Gießen: Psychosozial Verlag), S. 7 – 66.
Koch, G. (mit R. Carstensen) (2006): Edelweiß. Meine Jugend als Widerstandskämpferin.
Krauthäuser, J./K. Mescher/ B. de Torres (2016): Edelweißpiratenfestival. Eine Dokumentation in Text, Bild und Ton. Köln: Dabbelju Verlag.
Mitscherlich, A. & M. Mitscherlich (1967): Die Unfähigkeit zu Trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Nippes-Magazin (2021): Vor fünf Jahren starb die letzte Edelweißpiratin: Gertrud „Mucki“ Koch, Nippes Magazin H. 3/2021 S. 34.
Resist 1933-1945 (2024): Gertrud „Mucki“ Koch: 1. Juni 1924 – 21. Juni 2016: Sich nicht vereinnahmen lassen. Leibnitz Universität Hannover. Internet (2024): https://resist-1933-1945.eu/biografien/gertrud-mucki-koch
Simsek, M. (2014): Mucki, die Edelweißpiratin. WDR, Erlebte Geschichte, 5.10.2014 (2 Teile): https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/gertrudkoch102.html
Studiobühne Köln (Frederika Bohr & Anthea Petermann) (2024): Edelweißpiraten. Kölner Jugend zwischen Rebellion und Freiheitsliebe. Theaterstück über die Kölner Edelweißpiraten auf der Grundlage der Biografie von Gertrud „Mucki“ Koch, Premiere: 1.5.2024: Internet: https://studiobuehnekoeln.de/programm/theater/edelweisspiraten/
Theilen, F. (1984): Edelweißpiraten. Geschichte eines Jugendlichen der trotz aller Drohungen nicht bereit war, sich dem nationalsozialistischen Erziehungsanspruch unterzuordnen. Mit einem Vorwort von M. von Hellfeld. Köln: Pahl-Rugenstein.
Transparent tv (2004): Portrait von Mucki Koch: https://www.youtube.com/watch?v=VKkyFdNn0oo
Von Hellfeld, M. (1981): Edelweißpiraten in Köln. Jugendrebellion gegen das 3. Reich. Köln: Pahl-Rugenstein.
Von Hellfeld, M. (2020): Vorwort. In: Finkelgruen (2020), S. 9-12.
Weitere Literatur zum Thema in: Kaufhold (2020b), S. 337-342