Jean Jülich (18.4.1929 – 19.10.2011): „Ich wor doch och ene Kraat!“

Vor 10 Jahren verstarb der Kölner Edelweißpirat und widerständige Lebenskünstler Jean Jülich

Von Roland Kaufhold

Jean Jülich war in Köln eine Berühmtheit. Er gilt in der Öffentlichkeit ab den 1990er Jahren als der unangepasste, widerständige Kölner Edelweißpirat – ohne dass er sich selbst jemals so verstand. „Ich war eigentlich nie im militanten Widerstand aktiv“, pflegte er gelegentlich zu sagen, wenn ihm die öffentlichen Idealisierungen, die vor allem seiner Persönlichkeit galten, zu unangenehm wurden. Der 1929 geborene Jean war 13, als er sich den Sülzer und danach den Ehrenfelder Edelweißpiraten anschloss. Er beteiligte sich an einigen kleinen Widerstandsaktionen in Köln. Mit 15 Jahren saß er bereits in Haft, erlebte schwere Misshandlungen, über die er später lange nicht gut reden konnte. 

Der Zeitzeuge und Chronist

Jean Jülich trug als Zeitzeuge wohl am entscheidendsten dazu bei, dass die Kölner Edelweißpiraten, denen er angehörte, im Jahr 2005 endlich doch als Widerständler vom damaligen Regierungspräsidenten Jürgen Roters anerkannt wurden (vgl. Kaufhold 2020). Und er gehörte zu den Ersten, die mit dem Journalisten Peter Finkelgruen ab den späten 1970er Jahren über die 13 im November 1944 in Köln-Ehrenfeld öffentlich hingerichteten Jugendlichen und Erwachsenen sprach (vgl. Finkelgruen 2020). Jülich, der „Kölsche Kraat“, wie er sich selbst gerne nannte, der lebenszugewandte, unverwüstliche optimistische Lebenskünstler und Karnevalist, vermochte öffentlich aufzutreten, sich öffentlich zu Wort zu melden. Und er verteidigte von Anfang an, schon ab Mitte der 1970er Jahre, als die „zweite Schuld“ (Ralph Giordano), die zweite Herabsetzung und Kriminalisierung dieser widerständigen Kölner Jugendlichen einsetzte, ihr Andenken. Er legte Zeugnis ab über seine vereinzelten Begegnungen mit Bartholomäus Schink und Michael „Mike“ Jovy (vgl. Bothien, von Hellfeld, Peil & Reulecke 2017). Er sprach über ihre gemeinsame Haftzeit in der Haftanstalt Brauweiler – wo übrigens auch Konrad Adenauer festgehalten worden ist: Wieder und immer wieder. Und er machte Finkelgruen, wie dieser in seinem Buch Soweit er Jude war… ausführlich dargelegt hat, mit weiteren Verwandten der Hingerichteten und Verfolgten bekannt.

Jean Jülich und Jürgen Roters, Foto: (c) LVR Rheinland

Sein zwei Jahre älterer Freund, der Kommunist und Edelweißpirat Fritz Theilen (1927 – 2012), legte bereits 1984 autobiografische Erinnerungen in Buchform vor (Theilen 1984). 2003, also noch zwei Jahre vor ihrer offiziellen politischen „Rehabilitation“ durch Roters, veröffentlichte der inzwischen 73-Jährige seine Autobiografie: Kohldampf, Knast un Kamelle – Ein Edelweißpirat erzählt aus seinem Leben (Jülich 2003). Zu diesem Zeitpunkt waren Jülich und die weiteren Kölner Edelweißpiraten noch überzeugt davon, als „Kriminelle“ in die „offizielle“ Geschichte einzugehen.

Wir begegnen in dem Buch – dem der Kölner BAP-Sänger Wolfgang Niedecken ein Vorwort beigesteuert hat, in dem er sich wundert, dass Jülich in seinen Erinnerungen so gar nicht von „heldenhaften Sabotageakten“ erzähle – einem lebensdurstigen Jungen, der bereits als Jugendlicher Verfolgungserfahrungen macht, der sich bei und mit den Kölner Edelweißpiraten Freiräume schafft und mit 15 Jahren in Untersuchungshaft kommt. Als Motiv für sein späteres unermüdliches Engagement für die Edelweißpiraten benennt Jülich im Vorwort, „dass es mir hilft, davon zu erzählen, damit die Verbrechen der Nazis nicht vergessen werden.“ (Jülich 2003, S. 8)[i]

Kindheit und Jugend in Köln

Der am 18.4.1929 in Köln-Riehl Geborene wächst anfangs in einer ehemaligen Kaserne in der Riehler Barbarastraße in Armut auf, die für ihn jedoch eine Selbstverständlichkeit ist. „Kohldampf“ zu haben ist für ihn das dominierende Lebensgefühl. „Die Wohnung war klein, eine Küche, ein Schlafzimmer und ein langer Flur, das war alles. (…) Die Wände … und die Einrichtung einfach und lieblos.“ (S. 9)

Mit vier zieht er zu seinen Großeltern in die Köln-Sülzer Sülzburgstraße, sie wird zehn Jahre lang sein Lebensmittelpunkt, dort sollte er sich auch den Edelweißpiraten anschließen. Das tägliche Essen bleibt kläglich, die Ungeziefer im Haus lassen sich nicht vertreiben. Der Herd in der Küche ist die einzige Wärmequelle. Er dient auch als Ersatz für das nicht vorhandene Badezimmer. Um den Lebensunterhalt etwas aufzubessern, wird ein Zimmer der Wohnung an eine Untermieterin vermietet, die fünf Mark pro Woche zahlt.

Jean besucht anfangs den Kindergarten der Vincentienerinnen, ab 1935 die Sülzer Grundschule. Sein Opa, der Kaninchenstallbesitzer, der Lebenskünstler mit bescheidenem „Garten“, wird ihm zum Vorbild. Zweimal pro Woche fahren sie früh morgens zum Köln-Sülzer Markt auf dem Auerbachplatz, der bald Jeans neuer Lebensmittelpunkt wird.

1936: Die Verhaftung seines Vaters Johann Jülich

Jeans Vater Johann (1901-1972), von Beruf Kellner, engagiert sich ab 1932 als Funktionär bei den Kommunisten antifaschistisch, was gefährlich ist. Ein Jahr später geht er in den Untergrund. Sein Vater versteckt bei Jeans Oma ein Vervielfältigungsgerät, auf dem „illegale“ Flugblätter gedruckt werden. Am 27.5.1936, Jean ist erst sieben, wird sein Vater gemeinsam mit acht Freunden verhaftet, für Jean eine traumatische Erfahrung, die er sein Leben lang nicht mehr vergessen kann und die er erst im hohen Alter aufzuschreiben vermag: „Ich wollte gerade zur Schule aufbrechen, als ich laute Schritte und dann Stimmen hörte. Die Haustür wurde aufgebrochen. Ein paar SS-Leute riefen laut: „Wo ist der Jean? Wir wollen zu Jean Jülich!“, erinnert er sich in seiner 70 Jahre später niedergeschriebene Autobiografie Kohldampf, Knast und Kamelle (Jülich 2003, S. 20).

Die als Siebenjähriger erlebte schwere Misshandlung seiner Vaters prägt sich in seine Seele ein: Der Vater versucht, sich in der Toilette zu verstecken, wo er entdeckt wird: „Man zog ihn brutal heraus und schlug auf ihn ein. Er blutete am Mund und an der Nase. Meine Oma begann zu weinen. Sie musste tatenlos mit ansehen, wie ihr Sohn misshandelt wurde. Immer wieder bettelte sie die Männer von der Gestapo an aufzuhören. Doch die quittierten ihre Bitten nur mit hämischem Lachen und Drohgebärden. Es ist furchtbar, zu erleben, wenn Menschen, denen man Macht und die Gelegenheit gegeben hat, andere zu quälen, dies hemmungslos ausnutzen. Leider musste auch ich das einige Jahre später am eigenen Leib erfahren.“ (S. 20) Die Bilder der Misshandlung seiner Vaters, den „furchtsamen Ausdruck in den Augen meiner Oma“ (ebd.), den Hass der NS-Männer, die Bilder wird Jean nie wieder los. Sie dürften entscheidend dazu beigetragen haben, dass er selbst Jahrzehnte nach dem Sieg der Alliierten über die Deutschen nicht über sein eigenes erlebtes Leid, das widerständige Erbe „seiner“ Edelweißpiraten zu sprechen vermochte. Die Erzählungen der Täter siegten in der kollektiven Erinnerung und Erzählung. Die Widerständigen, die unangepassten Edelweißpiraten waren im kollektiven Gedächtnis und in der Erinnerung der Kölner für Jahrzehnte ausgelöscht. Die Überlebenden, die in der Nachkriegszeit in Köln „dennoch“ an die Ermordeten erinnerten und via „Wiedergutmachungsanträge“ zumindest symbolische „Gerechtigkeit“ einforderten, wurden erneut entwertet und verhöhnt (vgl. Kaufhold 2020, S. 221-224). In den Kölner Amtsstuben begegneten sie häufig den früheren NS-Tätern, die an der Verfolgung ihrer Verwandten beteiligt gewesen waren (vgl. Finkelgruen 2020a, b).

Um hier der Geschichte vorauszugreifen: Diese „Wiedergutmachungs“anträge, die mehrere Verwandte der hingerichteten Edelweißpiraten ab den späten 1940er Jahren stellte (vgl. Finkelgruen 2020, Goeb 2016)[ii], darunter die Familien von B. Schink, von Günther und Wolfgang Schwarz sowie des mit 17 Jahren hingerichteten Gustav Bermel (11.8.1928 – 10.11.1944), erwies sich als ein weiterer Schritt des „Kleinkrieges gegen die Opfer“ (Pross 1988): Diese „Wiedergutmachungs“anträge, die sich teils über Jahrzehnte hinzogen, wurden fast alle abgelehnt. Die eh schon traumatisierten Familien der von den Deutschen Verfolgten zerbrachen seelisch endgültig an den zermürbenden Auseinandersetzungen, was sich bei allen Verfahren dieser Edelweißpiraten im Detail belegen lässt. Die Verfahren und die Justiz erwiesen sich als „ein komplettes System zur Abwehr von Ansprüchen.“ (Pross in Kaufhold 2020, S. 222f.) Politisch waren diese Verfahren, wie Pross im Detail darlegt, ein „Schweigegeld“, um „das leidige Thema, die leidige mörderische Vergangenheit, endlich vom Tisch zu bekommen. Hiermit sollte die Vergangenheit endgültig begraben werden.“

Auch die Verwandten von Gustav Bermel machten vergleichbare Erfahrungen. Die Schwester des öffentlich ermordeten Gustav Bermel wandte sich im November 1978 am Rande einer Veranstaltung zu den Edelweißpiraten an Finkelgruen und übergab ihm Unterlagen, die das durch „Wiedergutmachungs“- sowie Strafanträge erzeugte zusätzliche Leid, insbesondere bei Bermels erblindetem Vater, eindrücklich dokumentierten: 1965 stellte die Familie einen Strafanzeige wegen der Ermordung ihres Bruders, diese wurde vier Jahre später eingestellt. Auch bei diesen Anhörungen im Kölner Regierungspräsidium traten die früheren Kölner NS-Täter (u.a. Josef Schiffer) als Zeugen auf, in dem Schiffer aussagte:

„Ich versichere nochmals der Wahrheit entsprechend, dass ich nicht wusste, dass es sich bei den vorerwähnten Leuten um eine kommunistische Bande handelte, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Nationalsozialisten zu ermorden und sonstige Attentate zu verüben, um hierdurch eine Revolte in Köln hervorzurufen und darüber hinaus den Krieg schneller zu unserem Nachteil zu Ende zu führen.“ (Finkelgruen 2020, S. 123)

Dieses Verhörprotokoll gehörte zu den Aktenordnern, auf die sich der Wiedergutmachungsdezernent bei seinen Verleumdungen der Ehrenfelder Gruppe als kriminelle Bande berief. Finkelgruen fügt hinzu: „Als Zeuge für diese Charakterisierung dient ihm dabei jener Gestapomann, der dieses Verhörprotokoll unter­schrieben hat. Ich habe dieses Protokoll erst später erhalten. Aber nun konnte ich verstehen, warum Dr. Dette mich keines der Dokumente aus der „vorbildlich geführ­ten Akte“ sehen lassen wollte.“ (Finkelgruen ebd; vgl. Kaufhold 2020, S. 237; Goeb[iii] 2016, S. 116-122).

Um zur gewaltsamen Festnahme von Jülichs Vater zurück zu kommen: Das erlebte Unrecht war für Jean Jülich schier unerträglich, erinnert er seinen Vater doch als einen „bescheidenen und ausgeglichenen Mann, der stets bemüht war, anderen Menschen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und zu helfen, wo es zu helfen galt.“ (S. 23) Diese Grundhaltung, so scheint es mir, übernahm Jean Jülich als Erwachsener ab den 1980er Jahren, als er nicht darin nachließ, das schwere Unrecht, das seinen von den Kölner Gestapo-Behörden ermordeten Freunden angetan worden war, nicht mehr hinzunehmen. In Peter Finkelgruen traf er einen Menschen, mit dem er dieses Engagement, dieses familiär erlebte traumatische Gewalt, zu teilen vermochte (vgl. Finkelgruen 2012, 2020a, b).

Kurz darauf wird auch Jeans betagte Großmutter inhaftiert und muss sechs Monate Haft im Kölner „Klingelpütz“ überleben. Die Verhöre und die peinliche Atmosphäre des Gefängnisses bedrückten ihn so sehr, was der kleine Jean seelisch als familiäres Erbe übernimmt.

Der Not geschuldet lebt Jean nach der Verhaftung seiner Großmutter bei Verwandten in der Sülzburgstraße, muss wenige Wochen später jedoch in ein Waisenhaus ziehen: Zuerst in ein innerstädtisches (Am Klapperhof) und danach in das Köln-Sülzer Waisenhaus, heute ein modernisiertes Wohngebiet. Erst als seine gleichfalls festgenommene Großmutter wieder frei ist, kann er zu ihr zurückkehren.

Jülich erinnert sich in seiner Autobiografie eines jüdischen Händlers, den er in seinen Schulferien in der Eifel erlebt. Diesen habe er sich später zum Vorbild genommen, betont er, was die Fähigkeit zur Ausdauer betrifft.

1939 tritt Jean, „wie üblich“, in die HJ ein, schließt sich dann jedoch im Spätherbst 1942, da ist er 13, den Sülzer Edelweißpiraten an. Entscheidend hierfür war sein ein Jahr älterer Freund Ferdi Steingass (1928 – 2009)[iv], den er bei einer gemeinsamen Edelweißpiratenfahrt in das 40 km entfernt gelegene Siebengebirge kennengelernt hatte. Man trifft sich regelmäßig auf dem nur wenige Hundert Meter von seiner Wohnung entfernt gelegenen Köln-Sülzer Manderscheider Platz. Der widerständig orientierte Ferdi Steingass bleibt eine wichtige geistige Orientierung für ihn, wie auch die Gruppe der Sülzer – und wenig später zusätzlich der Ehrenfelder – Edelweißpiraten. Diese formen mit ihren Liedern, ihrer Kleidung und ihren Ausflügen rasch sein Lebensgefühl. Ein enger Austausch besteht insbesondere zu der Ehrenfelder Gruppe, die teils unmittelbar an Widerstandsaktionen gegen die Nationalsozialisten beteiligt war. Als einschneidendes Erlebnis beschreibt Jülich in der Rückerinnerung die Zerstörung eines Sülzer Kinderwarengeschäftes am 10.11.1939, das einen jüdischen Besitzer hatte: „Unser jüdisches Freundespaar wurde kurze Zeit darauf in unserem Kreis nicht mehr gesehen, die beiden Kinder wagten sich nicht mehr auf die Straße.“ (S. 33)

Auf ihren gemeinsamen Fahrten ins 40 km entfernt gelegene Siebengebirge lernt Jean Edelweißpiraten wie Bartholomäus „Barthel“ Schink sowie Ferdl Steingass kennen (vgl. Finkelgruen 2020). Er erlebt die Bombenangriffe, durchlebt tiefe Ängste. Jean kommt mit einigen älteren Akteuren wie etwa Hans Steinbrück („Bombenhans“) in Kontakt, der sich an direkten Widerstandsaktionen beteiligte und der in der Ehrenfelder Schönsteinstraße – wie Finkelgruen  (2020) in seinem Buch Soweit er Jude war im Detail schildert – auch Juden und Zwangsarbeitern selbstlos und unter Eigengefährdung geholfen hat.

Jean Jüich (r.) und Fer­di Stein­gass (l.) mit einer Gruppe von Edelweißpiraten, Foto: privat

Jeans Engagement bei den Edelweißpiraten ermöglicht ihm Freiräume von der Allgegenwart der Nationalsozialisten, aber auch von der tagtäglichen Not und den Bombardements. Als seine Großeltern – sein Vater sitzt immer noch im Gefängnis – nach Bombenangriffen nach Rosbach an der Sieg evakuiert werden lebt der 13-Jährige im Frühjahr 1942 nun allein in der Sülzburgstraße; für einige Tage wohnt Jean bei seiner Mutter in der Burgunder Straße in der Südstadt. Er erlebt am 31.5.1942 den 1000-Bomber-Angriff der Royal Air Force (RAF) auf Köln, vermag sein Zimmer jedoch weiter zu bewohnen.

Gemeinsame Fahrten und Lieder

Die gemeinsamen Lieder, Fahrten und Ausflüge mit den verschiedenen Freunden und Gruppen der Edelweißpiraten auf das Land, ins Siebengebirge und zum Blauen See prägen das Lebensgefühl des jugendlichen Jean. Hierüber schreibt er in seiner Autobiografie ausführlich und detailreich, und erzählt in seinen letzten Lebensjahren bei seinen sehr zahlreichen Auftritten als Zeitzeuge und bei den von Jan Krauthäuser organisierten Edelweißpiratenfestivals regelmäßig und mit großer Freude. 

Bereits als Jugendlicher spielt er regelmäßig Edelweißpiratenlieder auf der Gitarre. Im Alter greift er diese jugendliche Leidenschaft wieder auf. Exemplarisch hierfür sei das nach dem 1. Weltkrieg entstandene Lied Es war in Schanghai genannt, das anfangs von der Bündischen Jugend und dem Wandervogel gesungen und dann auch von den Edelweißpiraten übernommen wurde. 

Foto: privat

In diesem heißt es, voller Melancholie und jugendlicher Sehnsucht nach Autonomie, Gemeinschaft und internationaler Freundschaft:

„Es war in Schanghai
Um Mitternacht in der Ohio-Bar
da trafen sich drei Tramper
die durch die Welt gezogen war´n
Jim Parker, der kam aus Frisco
aus Hamburg der lange Hein
und Charly, der machte den Vorschlag
Kameraden, wir trampen zu drein

Auf einem Schoner
fuhren sie hinüber nach Hawaii
unter Kokospalmen
sangen leis ein Liedel, die drei
ein Lied voll von Liebe und Treue
ein Lied voll von Heimat und Glück
doch keinen, den packte die Reue
und keiner, der sehnte sich zurück.“

Ach Jim, ach Jimmy
wir müssen nun verlassen dich
dort drunten in der Taiga
liegt ein Grab unter säuselndem Gebüsch
Hier hast du nun endlich deinen Frieden
hier hast du vom langen Trampen Ruh
doch wir müssen weiter nun ziehen
immer weiter nach dem Süden zu

Am Lagerfeuer
ein Wind weht über die Prärie
zur Klampfe greift der Mexikaner
und José sang ja wie noch nie
Er sang von der dunklen Rose
und von der Puszta und Prärie
und Charly, der kleine Franzose
hatte Sehnsucht nach Paris.“ 

Quelle: https://www.volksliederarchiv.de/


Eine Sabotageaktion gegen den Nazi-Kiosk

Einige Edelweißpiraten bzw. Mitglieder der Bündischen Jugend, insbesondere seine fünf Jahre ältere spätere Freundin und Weggefährtin Gertrud „Mucki“ Koch, waren unmittelbar in Widerstandsaktionen in Köln involviert: Indem sie Sprühaktionen mit Parolen gegen die Nazis in Köln durchführten, illegale Flugblätter druckten und diese im Kölner Dom von der Empore aus hinunterwarfen (Koch 2006, vgl. Kaufhold 2020, S. 279-285). Der eigenen Lebensgefahr war sich auch Mucki Koch als Rote Jungpionierin – deren Vater als Kommunist gleichfalls inhaftiert war – sehr bewusst: „Wenn wir Widerstand nicht für richtig gehalten hätten, hätten wir keinen ausgeübt. Es war eine Selbstverständlichkeit gegen Hitler zu kämpfen. Es war unser Untergang, das wussten wir.“ (Koch 2006, S. 282) Auch Mucki Koch durchlebte – wie Jean – schwere Verhöre und Misshandlungen durch die Kölner Gestapo.

Jülich beschreibt gleichfalls mehrere konkrete Sabotageaktionen gegen örtliche Nationalsozialisten. Am eindrücklichsten erscheint mir ihre nächtliche Aktion gegen einen Zeitungskioskbetreiber auf dem benachbarten Sülzgürtel, der als „strammer Nazi“ (S. 52) galt: „Wir entwickelten einen Plan, ihm einen Denkzettel zu verpassen. (…) Eines Abends legten wir eine schwere Eisenkette um das Zeitungshäuschen, das nicht im Boden verankert war. (…) Dann befestigten wir die Kette am letzten Wagen der Linie 13, die dort eine Haltestelle hatte. Die Bahn fuhr los, die Kette warf das Häuschen um, und es klapperte einige Meter hinter dem letzten Wagen her.“ (S. 52)

Jülich und seine Freunde, die regelmäßig Attacken der örtlichen HJ-Jugend sowie der Gestapo ausgesetzt waren und die Bombardements auf Köln tagtäglich erlebten, sind sich der Gefährlichkeit solcher kleinen, eher symbolischen Widerstandsaktion sehr bewusst. Sie wissen, dass sie das das Leben kosten könnte. Die Kölner Gestapo und das Kölner Jugendgericht hielten solche Aktionen regelmäßig in den Akten fest; das Jugendgericht bezeichnete den Widerstand der Edelweißpiraten in einem Lagebericht vom November 1943 als „das brennendste Problem der Jugendgefährdung“ (S. 53) (vgl. hierzu von Hellfeld 1981, 2020; Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020). Diese Widerstandsaktionen führten ein Jahr später zu der öffentlichen Hinrichtung der Zwangsarbeiter sowie, 15 Tage später, der 13 Edelweißpiraten und Widerständler am gleichen Ort am Bahnhof Ehrenfeld.

Diese Gestapoakten trugen in der Nachkriegszeit dazu bei, die Kriminalisierung der Edelweißpiraten sowie von weiteren politischen Widerstandsgruppen fortzusetzen. Einige Historiker beriefen sich in ihren „Gutachten“ Jahrzehnte später ausgerechnet auf diese Gestapoakten – womit sie als seriöse Wissenschaftler und Historiker schwerlich akzeptiert werden können (vgl. von Hellfeld 2020, Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020). Und zugleich dienten diese Gestapoakten in den Nachkriegsakten auch als Entscheidungsgrundlage für die Ablehnung von Wiedergutmachungsanträgen der Verwandten der am 10.11.1944 Hingerichteten (vgl. Finkelgruen 2020).

Der Verfolgungsdruck gegen die unangepassten Jugendlichen verstärkt sich: Am 29.9.1944 fliegt – wie u.a. Finkelgruen (2020) und Jülich (2003) im Detail beschrieben haben – Steinbrücks Versteck in der Ehrenfelder Schönsteinstraße 7-13 auf, das Waffenlager wird entdeckt. Steinbrücks Freundin Cilly Servé mit ihren drei Kindern und zwei Jüdinnen werden entdeckt. Es kommt zu einer Schießerei vor dem Haus. In den folgenden Tagen werden u.a. Paul Lorent und Hans Steinbrück festgenommen; am 10.11. kommt es zu ihrer öffentlichen Hinrichtung am nur 50 Meter entfernt gelegenen Bahnhof Köln-Ehrenfeld.

Steinbrücks Plan, die Gestapozentrale im EL-DE-Haus in die Luft zu sprengen, lässt sich nicht mehr umsetzen: Um den 4.10.1944 wird die Steinbrück-Gruppe nacheinander inhaftiert, insgesamt 63 Menschen; sechs Tage später wird auch Jean Jülich wegen seiner Kontakte zu Steinbrück festgenommen. Diese Geschehnisse werden von Finkelgruen (2020) im Detail beschrieben. Wenn der Plan geglückt wäre, wäre Hans Steinbrück als antifaschistischer Held in die Kölner Geschichte eingegangen.

„Es waren Juden, die Hans versteckte. Er ging ein hohes Risiko ein, denn wer dabei erwischt wurde, dass er Juden versteckte, wurde standrechtlich erschossen.“

Dem Edelweißpiraten und Zeitzeugen Jülich liegt sehr daran, den Widerständler Hans Steinbrück vor posthumen Angriffen in Schutz zu nehmen. Sein Kennenlernen des acht Jahre älteren Steinbrück (1921 – 1944) wohl Anfang der 1940er Jahre in dessen Unterkunft in der Ehrenfelder Schönsteinstraße, eingebunden in die Kriegssituation, beschreibt Jülich in dichter Weise. Es lohnt sich, eine längere Passage wiederzugeben:

„Ferdi Steingass und ich machten uns abends auf den Weg nach Ehrenfeld, und wir wurden von Barthel Schink in die Schönsteinstraße geleitet, wo Hans Steinbrück wohnte und seine Gruppe Unterschlupf gefunden hatte.

Das ganze Dreieck Venloer Straße, Schönsteinstraße und Marienstraße war ausgebrannt. Hans hatte sich in einem Hinterhof eine kleine Wohnung zurechtgezimmert, in der er mit seiner Lebensgefährtin Cilli wohnte. Er war im KZ-Außenlager Köln-Messe inhaftiert gewesen und dort zu einem Bombenräumkommando abgestellt worden. Es ist müßig, zu erklären, dass es sich dabei um ein so genanntes „Himmelfahrtskommando“ gehandelt hat. (…) Tagsüber versteckten sie sich in ihren Katakomben und schliefen die meiste Zeit. In der Nacht aber gingen sie auf Beutezug und stahlen gezielt oder ungezielt Lebensmittel und Kleidung. Da die Männer um Hans Steinbrück illegal waren, bekamen sie keine Lebensmittelkarten und waren auf das Stehlen angewiesen. Das Diebesgut setzten sie auch für Tauschgeschäfte ein und erwarben so Waffen und Munition. Unter ihnen waren einige Kriminelle gewesen, aber in dieser inzwischen so verworrenen Zeit fragte niemand mehr danach. Außer diesen Raubzügen führten sie auch gezielte Aktionen gegen einzelne Nazis durch. (…) Als wir Hans Steinbrück in seiner Wohnung besuchten, trafen wir dort zwei Frauen, Mutter und Tochter, und einen jungen Mann. Es waren Juden, die Hans versteckte.[v] Er ging ein hohes Risiko ein, denn wer dabei erwischt wurde, dass er Juden versteckte, wurde standrechtlich erschossen. Insgesamt fanden, wenn auch zum Teil nur für kurze Zeit, fünf Juden hier einen sicheren Unterschlupf. Angeblich hatten die Frau und ihre Tochter Hans Geld dafür angeboten, das er jedoch nicht angenommen hat.“ (Jülich 2003, S. 61-63)

Insbesondere diese Sachverhalte waren Peter Finkelgruen bei seinen Recherchen und Interviews mit Edelweißpiraten in den Jahren von 1975 – 1981 immer wieder berichtet worden. Er hat sie in seinem Edelweißpiraten-Buch „Soweit er Jude war…“ (Finkelgruen 2020) in detaillierter Weise rekonstruiert und aufgearbeitet.

Jülich beschreibt in seiner Autobiografie im Detail Steinbrücks antifaschistischen Mut, die Entschlossenheit des 23-Jährigen – der zuvor aus einem KZ-Außenlager in Köln geflohen war und, so Peter Finkelgruens Wahrnehmung, „das Wissen von Auschwitz nach Köln brachte“[vi] – , die Gestapozentrale EL-DE-Haus, „diese Mordfabrik in die Luft (zu) sprengen.“ (S. 63). Der Widerständler Hans Steinbrück, der untergetauchten Kölner Juden und osteuropäischen Zwangsarbeitern in seiner Ehrenfelder Wohnung ohne Bezahlung Schutz bot (vgl. von Hellfeld 2020), versuchte der Kölner Gestapo, trotz seiner eigenen massiven Gefährdung, hierdurch „größtmöglichen Schaden zuzufügen“ (S. 63).

Im Einklang mit Finkelgruen schlägt Jülich argumentativ einen Bogen zu der heutigen Diskussion über den Widerstand, insbesondere auch zu den heute hochgelobten Widerständlern des 20. Junis, die als Militärs zwar Hitler ermorden wollten, die man aber durchaus als überzeugte Antisemiten bezeichnen darf (vgl. Kaufhold 2020, S.263):

„Man stelle sich einmal vor, die Aktion wäre gelungen. Die Menschen um Hans Steinbrück, die später hingerichtet wurden, gälten heute als Helden und Märtyrer. Und es wäre ein Signal gewesen, das andere Gruppen aus dem Widerstand ermutigt hätte. Hans Steinbrücks Pläne sind in den Gestapoakten dokumentiert.“ (Jülich 2003, S. 63)

Gestapohaft im EL-DE-Haus

Der erst 15-jährige Jean Jülich wird am 10.10.1944 nach einer waghalsigen Aktion gemeinsam mit Freunden, darunter Ferdinand Steingass, inhaftiert und im Gestapo-Hauptquartier EL-DE-Haus gefoltert. Zellennachbarn sind u.a. die unmittelbar danach hingerichteten Barthel Schink und Franz „Bubbes“ Rheinberger.

Jülich wird anschließend ohne Gerichtsverfahren im Gestapo-Gefängnis in der Abtei Brauweiler festgehalten. Über diese harte Zeit berichtet er ausführlich in seiner Autobiografie (S. 73-98). Als sich die amerikanischen Truppen im Februar 1945 Köln nähern wird er als Gefangener weiter in die Haftanstalten Siegburg und Butzbach in Hessen, dann in das Jugendgefängnis Rockenberg verbracht. Dort trifft er seinen Freund Ferdi Steingass wieder, der in der Haft Fleckfieber bekommen hatte. Auch zu seinen Freunden Heinz Humbach, Jean Kerp und Ferdi Hülser hat er dort Kontakt. Bei seiner Befreiung wiegt der 16-jährige Jean nur noch 37,5 kg. Im März 1945 stehen amerikanische Panzer vor Jülichs Gefängnis, viele Mithäftlinge waren gestorben – Jean Jülich wird befreit. Er muss wegen seines geschwächten Gesamtzustandes noch mehrere Tage im Krankenhaus verbringen. An seinem 16. Geburtstag, am 18.4.1945, bittet er darum, entlassen zu werden. Dem Wunsch wird entsprochen.

Karnevalist, „geborener Vereinsmeier“  und Überlebenskünstler

Seinen von Behauptungswillen und Neugierde geprägten Lebenslauf nach Kriegsende beschreibt er gleichfalls ausführlich. Mit mehreren Zwischenstationen kehrt Jean nach Köln zurück, wo er seinen Vater nach zwölf Jahren erzwungener Trennung erstmals wieder trifft: „Wir mussten uns nach all der Zeit erst einmal aneinander gewöhnen, und vor allem mussten wir eine neue Wohnung finden.“ (S. 105) Diese Wohnung lag erneut an dem ihm sehr vertrauten Manderscheider Platz in Sülz.

Jean erlebt in Köln sehr früh, dass er als widerständiger Jugendlicher, der einen hohen Preis für seinen Mut und seine Unangepasstheit – im Gegensatz zur großen Majorität der Kölner – gezahlt hat, politisch und biografisch eine absolute Minorität bleiben wird: „Es war schon erstaunlich. Nach dem Krieg wimmelte es in unserer Stadt plötzlich von Widerstandskämpfern: Jeder Zweite hatte Schlimmes erdulden müssen und gleichsam kurz vor der Verhaftung gestanden. Es war ekelhaft, mit anzuhören, wie ehemalige stramme Nazis nun ihr Fähnchen in den neuen Wind hielten.“ (S. 106)

Jean Jülich sollte über 30 Jahre lang nicht mehr öffentlich über die Edelweißpiraten sprechen – obwohl sein Freund, der Widerständler Michael Jovy, von der Kölner Bottmühle aus sein Engagement in der Jugendbewegung fortführte bis es Diplomat wird (vgl. Kaufhold 2014, 2020). Einige Jahre lang, bis 1949/50, versuchen  Jülich und Jovy gemeinsam, an die Tradition der Jugendbewegung anzuknüpfen; danach treten Beruf und die eigene Familie in den Vordergrund. Jean erinnert sich: „Nach dem Krieg gab es keinen Grund, sich oppositionell zu verhalten, aber wir engagierten uns wieder in der Jugendarbeit. Zusammen mit Michael Jovy gründeten wir den „Fahrtenbund Deutscher Jugend“, der sich 1947/48 in „Deutsche Jungenschaft“ umbenannte.[vii] Da Michael und ich politisch Verfolgte waren, wurde unser Bund bald vom Kölner Jugendamt und auch von den englischen Behörden anerkannt. (…) Michael Jovy lehrte uns viele Lieder der bündischen Jugend“ (S. 121). 1947 trennen sich die Wege von Jean und Jovy; dieser engagiert sich nun vollständig in der Deutschen Jungenschaft (vgl. Bothien et. al. 2017), die ab 1949 ihren Sitz in der Kölner Bottmühle hatte; zeitweise wohnte Jovy sogar dort. Parallel hierzu studierte Jovy in Köln Geschichte, Philosophie und Öffentliches Recht und promovierte 1952 über die Jugendbewegung und den Nationalsozialismus (vgl. Kaufhold 2014, 2018, 2020).

Jülichs Freund Fritz Theilen versuchte mehrfach – vergeblich – , Freunde und Weggefährten dazu zu bewegen, über die Hinrichtungen und über die Tradition der Edelweißpiraten zu sprechen. Es gelang ihm nicht. Unterstützt wurde er hierin anfangs durch Wolfgang Schwarz. Die Angst vor weiterer Diskriminierung und Kriminalisierung war zu mächtig. Man zog sich ins Privatleben zurück, bemühte sich um den Aufbau einer beruflichen Existenz. Das Beispiel des deutschen Diplomaten Michael Jovy, gegen den noch Jahre nach dem Sturz der Naziregierung wegen seiner aus seiner Widerstandstätigkeit erwachsenen Haftstrafe durch das Naziregime ein jahrelanges Hausverbot für das Auswärtige Amt in Bonn verhängt worden war (s.o., vgl. Finkelgruen (2020), S. 69, 171-176; Kaufhold 2014, 2018, 2020a), war ein weiteres Beleg für die Realitätsangemessenheit dieser Befürchtung.

Zurück zu Jean Jülich im April 1945: Der 16-jährige Jean musst sich nun eine neue Existenz im Nachkriegsköln aufbauen: Voller Unternehmermut übt er zahlreiche Tätigkeiten aus, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen: Als Hilfsarbeiter bei einem Bauer, als Organisator von „Hamsterfahrten“, als Kiosk- und Schreibwarengeschäftsbetreiber, Vertreter für Zeitungen sowie für Waschmaschinen; vor allem jedoch als Gastronom in der Köln-Mülheimer Stadthalle sowie als Wirt der berühmten südstädtischen Kneipe Blomekörvge. Dort sollte Peter Finkelgruen gemeinsam mit ihm Karneval feiern, was in ihm einen tiefen Eindruck hinterließ (vgl. Finkelgruen 2011, 2020).  

Bald entdeckt Jean ein Talent: Als Karnevalist wird der „geborene Vereinsmeier“ (S. 143) in Köln bald eine Berühmtheit, eine Institution. 1961 heiratet er die 1938 geborene Karin Nesgen, gemeinsam bekommen sie 1963 eine Tochter (Conny, heute: Rademacher) und 1965 einen Sohn (Marco).

1961 greift Jean den Vorschlag seines sozialdemokratischen Freundes und Stadtratsmitgliedes Sally Kessler, Vorsitzender der Synagogengemeinde Köln und SPD-Stadtratsmitglied, auf und organisiert die erste Karnevalsveranstaltung nach der Nazizeit in der Kölner Synagoge. Der Auftritt, dem 1962 noch ein weiterer folgen sollte, findet auch in der Tagespresse einen Niederschlag: „“Narronim Alaaf gefeiert“, titelt eine Kölner Tageszeitung  (Jülich 2003, S. 143). Dieser Auftritt in der Synagoge war insofern besonders bemerkenswert, als 1934 noch ein vulgär antisemitischer Wagen im Kölner Karnevalszug mitgefahren war. 

Ein halbes Jahrhundert später, 2017, ist Jülichs Idee übrigens durch die neu entstandene jüdische Karnevalgruppe Die Kölschen Kippaköpp wiederbelebt worden – auch wenn dessen Begründer um Aaron Knappstein und Volker Scholz-Goldenberg keine Erinnerung an diese historische Episode aus den Jahren 1961/62 haben dürften: In ihrer Selbstbeschreibung beziehen sie sich auf die Idee des Kölner Karnevalisten und bekennenden Antifaschisten Christoph Kuckelkorn, zugleich Ehrenmitglied des neuen jüdisch-kölschen Karnevalsvereins, in Köln wieder einen jüdischen Karnevalsverein zu gründen, wie es ihn in den 1920er bis zur Emigration unter dem Kleinen Kölner Klub gegeben hat. Ein Jahr zuvor war ausgerechnet auf dem Düsseldorfer Karnevalszug ein jüdischer Karnevalwagen, von der Menge umjubelt, mitgefahren.

Jülichs Ruf als Karnevalist, als Leiter der Tanzgruppen Die Kölschen Rhingroller und der  Rheinischen Weingeister sowie als Freund der Winzerinnen und Winzern vun d´r Bottmüll ist seinerzeit legendär; auch seine spätere Frau Karin fliegt für Alt Severin als Mariechen durch die Luft. Aber auch als Karnevalist versteht Jean Jülich sich weiterhin als Internationalist, wie seine gemeinsame Reise mit seiner Karnevalgruppe nach Tunesien im Jahr 1967 belegt. 40 Jahre lang leitet er eine städtische Karnevalssitzung. „Jean, wir danken Dir!“ steht in riesigen Lettern auf einem Plakat. SPD und CDU, aber auch die DKP und die „wilden Linken vom SSK“ (Sozialistische Selbsthilfe Köln) (S. 153) seien regelmäßig bei ihm zu Gast gewesen, berichtet er.

Foto: (c) Jan Krauthäuser

Erst sein über Jahrzehnte gewonnenes Renommee als Karnevalist und Lebenskünstler gab Jülich – so meine Interpretation – die Kraft und den Mut, sich ab dem Jahr 1978 der Jahrzehnte überdauernden kollektiven Verleugnungsleistung der ganz großen Majorität der Kölner, insbesondere maßgeblicher Kölner Sozialdemokraten, entgegen zu stellen – und den kollektiven Rufmord an den Edelweißpiraten und Widerständigen nicht mehr länger hinzunehmen.

1978: Jean Jülichs Brief an „Monitor“

Auch über seine Freundschaft mit Peter Finkelgruen und seine von Finkelgruen angeregte Auszeichnung durch Yad Vashem schreibt Jülich ausführlich und in sehr persönlicher Weise (S. 160-182). Finkelgruen hat diese Erinnerungen in vergleichbarer Weise rekonstruierend (Finkelgruen 1981/2020) sowie erinnernd (Finkelgruen 2011, 2020a) nacherzählt. Finkelgruen vermochte aus der schützenden Distanz heraus Empfindungen zu formulieren, die Jülich – wie die meisten Überlebenden – , von der Scham über die erlittenen schweren Misshandlungen in der Gestapohaft geprägt, in dieser Weise nicht zu formulieren vermochte.

Trotz seiner Bekanntheit in Köln sei er, so erinnert sich Jülich, bis 1978 – bis zu der auch von Finkelgruen angeregten Monitor-Fernsehsendung (23.5.1978) über den Edelweißpiraten Bartholomäus Schink – nie auf die Edelweißpiraten angesprochen worden (vgl. Jülich 2003, S. 160-182, vgl. Kaufhold 2020). Das Thema war ein Tabu; die wenigen Unangepassten galten für die große Mehrheit in Köln als „Nestbeschmutzer“ und „Kriminelle“. In dem 2005 erstellten, aber erst 2021 erschienenem Film „Jugend und Widerstand im 3. Reich – Edelweisspiraten“ von Dobrivoie Kerpenisan findet sich eine eindrückliche Szene, die belegt, dass diese diskriminierende Geschichtsumdeutung auch noch im Jahr 2005 höchst lebendig war (vgl. Kaufhold 2021a). 

Nach der Sendung Monitor-schreibt Jülich an die Redaktion, dass er selbst auch ein Edelweißpirat sei und seinen „Grünen Ausweis“ zurückgeben werde, wenn man seinen ermordeten Freund Schink nicht zumindest posthum anerkennen werde. Seitdem trat Jülich u.a. gemeinsam mit seinen Freunden Fritz Theilen, Wolfgang Schwarz und „Mucki“ Koch immer wieder in Köln als Zeitzeuge auf.

Foto: (c) Jan Krauthäuser

Nach der Monitor-Sendung wird Jean Jülich – hier schließt er nun direkt an ein zentrales Kapitel von Finkelgruens Buch „Soweit er Jude war…“ (1981) an – vom Leiter des Kölner Amtes für Wiedergutmachung, Dr. Dette, zu einem Gespräch in die Kölner Bezirksregierung eingeladen. Dieses Gespräch prägte sich wegen seines verstörenden Verlaufs tief in die Seele des Edelweißpiraten Jülich ein. Jülich erinnert es in seiner Autobiografie (2003) in dieser Weise:

„Gewissen Leuten schien mein Auftreten in der Öffentlichkeit nicht zu passen, jedenfalls erhielt ich Mitte der achtziger Jahre einen Anruf vom damaligen Dezernenten des Amtes für Wiedergutmachung, Herrn Dr. Dette. Er bat mich um ein Gespräch. Ich nahm meinen Freund Peter Finkelgruen mit, der ja auch anerkannt politisch Verfolgter ist. Dr. Dette begann sofort, Peter Finkelgruen zu beschimpfen. Ich war völlig überrascht. (…) Dann brach Dr. Dette abrupt sein Gespräch mit Peter Finkelgruen ab. „Wissen Sie, auch, dass der Schink Sie damals verpfiffen hat?“, fragte er mich in einem abstoßenden Tonfall. (…) Natürlich habe ich noch oft über dieses Gespräch nachgedacht. Wie kann ein Mann, der doch eigentlich dazu berufen ist, sich um das Schicksal der politisch Verfolgten zu kümmern, sie fachkundig zu beraten, sich so verhalten?“ (S. 176f.) Finkelgruen hat gleichfalls ausführlich über seine Gespräche mit dem Dezernenten für Wiedergutmachung geschrieben (s. Finkelgruen (2020), u.a. “Das Gespräch mit Dr. Dette und die Dokumente der Gestapo“ (S. 175-180) sowie sein 2019 verfasstes neues Nachwort zu seiner Edelweißpiraten-Studie (S. 209-21), so dass ich es bei diesem Verweis belassen möchte.

In seiner Autobiografie sowie in zahlreichen Interviews hat Jean Jülich mehrfach erwähnt, dass er die politische Bedeutung und Reichweite seiner eigenen antifaschistischen Aktionen bei den Edelweißpiraten nicht sehr hoch veranschlage: Wirklichen „Widerstand“ habe er als Jugendlicher in der Nazizeit – bei Kriegsende war er 16 Jahre alt (!) – nicht geleistet, zu den Waffen habe er mit 16 Jahren nicht gegriffen, große persönliche Opfer habe er nicht gebracht – was eine Untertreibung ist.

Die Ehrung durch Yad Vashem: „Es war wirklich überwältigend“

Als Anfang 1984 seine bevorstehende Auszeichnung durch Yad Vashem bekannt wird[viii], gilt der Edelweißpirat Jülich unerwartet als eine öffentliche Person, als ein glaubwürdiger Zeitzeuge. Im April 1984 reist er gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, Finkelgruen, Hellfeld, Carola Banten (die Schwester des 1944 hingerichteten Barthel Schink), der Widerständlerin Anneliese Knoop-Graf (1921 – 2009) und Wolfgang Schwarz[ix] (der Bruder des 1944 hingerichteten Günter Schwarz, vgl. Kaufhold (2021b)) nach Jerusalem – für ihn eine zutiefst prägende Erfahrung. Mit dabei war auch Bundesinnenminister Gerhart Baum, enger Freund, Unterstützer und Weggefährte Peter Finkelgruens. Finkelgruen hatte von 1968 – 1976 der FDP angehört und gemeinsam mit dem Kölner Strafrechtsprofessor Ulrich Klug, Baum und zahlreichen Linksliberalen für eine Reform der Demokratie, für ein sozialliberales Bündnis auf Bundesebene gekämpft. Baum, Klug und Finkelgruen gehörten 1977/78 auch zu den tonangebenden Begründern und Sprechern der Kölner Bürgerinitiative zur Rehabilitierung der Ehrenfelder Widerständler (vgl. Finkelgruen 2020, S. 119-126). 1981 hatte Baum auch, als Bundesinnenminister, ein verständnistiefes Vorwort zu Finkelgruens Studie Soweit er Jude war… verfasst. Das Werk erschien erst 2020 als Buch, gemeinsam mit einem weiteren Vorwort von Baum (2019). 2020 hielt Gerhart Baum im Rahmen des Edelweißpiraten-Festivals, auch eine Laudatio auf Finkelgruen und dessen Buch.

Zurück ins Jahr 1984, zur Ehrung durch Yad Vashem in Jerusalem: In Finkelgruens Wagen fuhren sie zuerst zu ihrer am Stadtrand von Jerusalem gelegenen Unterkunft in einem Kibbuz und am nächsten Morgen zu der auf dem Herzlberg gelegenen Gedenkstätte Yad Vashem. Jülich schreibt hierzu:

„Peter Finkelgruen führte uns zunächst durch die Ausstellung. Die Fotos aus den Konzentrationslagern, die Fernsehaufnahmen, die Namenslisten der Ermordeten, das alles ging uns im wahrsten Sinne so unter die Haut, dass wir hinterher lange Zeit brauchten, um diese Eindrücke zu verarbeiten. Nach dem Besuch der Ausstellung schwiegen wir betroffen. Es dauerte eine Stunde, bis wir zaghaft wieder ein paar Worte miteinander wechselten.“ (S. 165) Kurz danach hält Jülich bei einem Symposium in Jerusalem eine kurze Ansprache. Hierbei meldeten, so erinnert er sich, „bestimmt drei Dutzend ehemaliger Kölner Juden, die nach Israel ausgewandert waren“ (S. 168) zu Wort und erkundigten sich teils „in waschechtem Kölsch“ nach ihrer früheren Heimatstadt: „Ich war erschüttert. Hinter all den Fragen spürte ich das Heimweh dieser Menschen, die man aus ihrer Heimat vertrieben hatte und die in ihrem Herzen immer noch ein bisschen Kölsche waren. Es war wirklich überwältigend.“

Welchen Mut Jülich mit der Annahme der Ehrung durch Yad Vashem zeigte mag man aus heutiger Sicht nur noch schwer zu erahnen: Neben Glückwünschen ereilten ihn nach seiner Rückkehr zahlreiche Drohbriefe und Drohanrufe, vermutlich auch aus Köln: „Die Briefe“, erinnert sich Jülich, „habe ich gelesen und dann weggeworfen. Stellvertretend für die anderen habe ich nur eine Zuschrift aufbewahrt. Es handelt sich um einen Zeitungsbericht über das Pflanzen des Bäumchens in der Allee der Gerechten. Über das Foto war „Pfui! Verräter!“ geschrieben, und ein Pfeil zeigte auf mich.“ (S. 168f.) Diese Bäume waren auf dem Herzlberg für Jülich, Schink und Jovy gepflanzt worden.[x]

Aber Jülich wurde bereits zu Lebzeiten auch in Köln geehrt. 1991 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet und 2007 wurde er – gemeinsam mit dem Liedermacher Rolly Brings, Gertrud Koch und dem Edelweißpiraten Peter Schäfer – vom Landschaftsverband Rheinland mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet.

2011: Gedenkfeier für Jean Jülich

Am 26.11.2011 fand nach Jülichs Tod in Jeans Köln-Mülheimer Stadthalle eine Gedenkveranstaltung für Jean statt. Der Saal war mit 800 Menschen bis zum Rand gefüllt; Finkelgruen hielt eine Trauerrede in welcher er ausführte:

„Meine eindringlichste Erinnerung an Jean Jülich geht zurück auf das Frühjahr 1984. Jean Jülich, seine Frau, sein Sohn und seine Tochter waren in meinem Wohnzimmer in Jerusalem versammelt. Es war Frühjahr, sie Sonne schien, und das große Fenster gab den Blick auf die Judäischen Berge frei. Es war nicht nur die biblische Landschaft, die mich an den sprichwörtlichen Propheten denken ließ, der im eigenen Land wenig gilt, denn direkt uns gegenüber lag Yad Vashem, die Gedenkstätte an die Opfer des Holocaust. (…) Für mich hatte diese Konstellation eine ganz besondere Bedeutung, insbesondere im Gedenken an einen weiteren Geehrten, dessen Anerkennung als „Gerechter unter den Völkern“ am gleichen Tag bekannt gegeben wurde, wie die Bartholomäus Schinks und Jean Jülichs: Der wenige Monate zuvor verstorbene Dr. Michael Jovy, ehemaliger Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, gegen den ein jahrelanges Hausverbot für das Auswärtige Amt in Bonn verhängt worden war, weil noch Jahre nach dem Sturz der Nationalsozialisten gegen ihn  wegen seiner Verurteilung wegen „bündischer Umtriebe“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ im Dritten Reich ermittelt wurde.“ (Finkelgruen 2011)

Als der deutsche Botschafter anlässlich Michael Jovys Ehrung durch Yad Vashem die Worte sprach, dieser sei „Ein mutiger Deutscher, einer von denen, die es wagten, die Kräfte des Bösen herauszufordern…“, war dies, das bestreite ich nicht, nicht nur für Jean Jülich eine Genugtuung, sondern auch für mich, hatte ich doch in den siebziger Jahren erleben müssen, wie das politische Establishment, ebenso wie weite Teile der bürgerlichen Gesellschaft, noch immer versuchten, die Widerständler des Dritten Reichs zu diskreditieren und, wo möglich, auch zu kriminalisieren.

Diese Tage in Jerusalem mit Jean Jülich und seiner Familie aber waren unbeschwert von diesen Dingen. Ich versuchte, ihnen, vor allem Jean, etwas von Jerusalem zu zeigen, wollte mich dafür erkenntlich zeigen, dass ich Köln eigentlich erst durch ihn richtig kennengelernt hatte. Erst durch die Auseinandersetzung um die Anerkennung der Edelweißpiraten als Widerstandsgruppe erfuhr ich überhaupt, dass es in den 1940er Jahren nennenswerten Widerstand gegen die Nazis in dieser Stadt gegeben hatte. Ich hatte schon beinahe zwei Jahrzehnte in dieser Stadt gelebt, wußte alles über die Römer und die Geschichte dieser Stadt, aber so gut wie nichts über den dortigen Widerstand gegen die Nazis – was auch ein „Verdienst“ der damaligen Stadtoberen war.“

Die prägendste Erinnerung an Jean sind für Peter Finkelgruen heute ihre gemeinsamen Karnevalsfeiern in Jülichs legendärer Musikkneipe Blomekörvge in der Kölner Südstadt. Jean hatte ihn hierzu eingeladen, um ihm, den Kölner Einwanderer aus Israel, mit der Kölschen Karnevals-Seele vertraut zu machen. Er habe hierbei manchmal das Gefühl gehabt, dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen würde, erzählt der 79-jährige Finkelgruen schmunzelnd.

Der Mutmacher

Jean Jülich bleibt sich zeitlebens treu. Immer wieder tritt er als Zeitzeuge auf, häufig zusammen mit Gertrud „Mucki“ Koch, insbesondere auch beim von Jan Krauthäuser und seinem Edelweißpiratenclub jährlich veranstalteten Edelweißpiratenfestival in der Kölner Südstadt. In einem dort aufgenommenem Interview, „Edelweißpiraten sind treu“ überschrieben (Krauthäuser/Mescher/de Torres 2016, S. 10-13), spricht Jülich gleichfalls in sehr unprätentiöser Weise über ihre Unangepasstheit in der Nazizeit, die für einige seiner Freunde mit dem Tode endete. Nach seinem Tode, 2013, wird auf Initiative insbesondere des Grünen Innenstadt-Bezirksbürgermeisters und „Erinnerungsaktivisten“ Andreas Hupke[xi], von Rolly Brings sowie der lokalen SPD innerhalb des Kölner Stollwerk-Geländes eine winzige Gasse – der Jean- Jülich Weg (Untertitelung: „Kölner Edelweißpirat, Förderer sozialer Projekte, Zeitzeuge zur NS-Zeit“) – in der Kölner Südstadt nach Jülich benannt. Bei der Einweihungsfeier erscheinen 250 Menschen, darunter auch seine Witwe Karin Jülich und seine beiden Kinder.[xii] Jülich war diesen kurzen Weg häufig von seiner Wohnung

Diese Ehrung, so betonte Hupke, stehe zugleich stellvertretend für die Gleichgesinnten und Widerständigen Kölns während der Jahre der Verfolgung. Zugleich war sie jedoch eine Notlösung: Alle Versuche, Jean Jülich zum Kölner Ehrenbürger zu machen, scheiterten insbesondere am Widerstand der Kölner CDU. Eine Mehrheit hierfür im Kölner Stadtrat war nicht zu finden, eine traurige Kölner Tradition. Mit dieser Straßenbenennung werde Jülich, so betonte Andreas Hupke bei der Einweihungsfeier, „symbolisch zum Ehrenbürger der Innenstadt.“[xiii] „Schang“ habe sich, so Hupke in seiner Laudatio weiter, „besonders für das Kinderheim in Sülz eingesetzt. Für die Waad-Pänz dort. Also, die Kinder, die auf eine Adoption warteten. Für das Kinderheim hat er Geld gesammelt. Da gab es die legendäre Karnvalssitzung in Mülheim. Er hat gigantische Summen für das Kinderheim gesammelt.“

Ein Nachtrag: Jean Jülichs und Fritz Theilens öffentliches Wirken, ihre Autobiografien, ermutigten weitere Edelweißpiraten, etwa ab dem Jahr 2000, sich erstmals öffentlich zu den Edelweißpiraten zu bekennen. Ein bekanntes Beispiel ist Hans Fricke (1926 – 2015) Fricke erhielt 2011 von Oberbürgermeister Roters das Bundesverdienstkreuz am Bande. Ein weiteres Beispiel ist der 1930 in Köln geborene Peter Schäfer. Dieser trat ab 2004 öffentlich als Zeitzeuge auf, auch regelmäßig beim Edelweißpiratenfestival, wo er u.a. auch mit der Mundharmonika die alten Edelweißpiratenlieder vortrug. 1943, dreizehnjährig, stieß er zu den Edelweißpiraten, wurde 1944 verhaftet, im EL-DE Haus verhört und im innerstädtischen Gefängnis „Klüngelpütz“ inhaftiert. 2007 wurde er vom LVR mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet.

Im Rahmen der Edelweißfestival-Veranstaltungsreihe trat er 2004 als Zeitzeuge auf, sein erster öffentlicher Auftritt. Jan Krauthäuser hat die Szene anschaulich beschrieben: „Peter war die Liebenswürdigkeit in Person und freute sich in nahezu kindlicher Weise über die späte Anerkennung seiner Jugendbewegung. Auf dem Weg durch den Wald winkte er mich zu sich, um mir zu sagen, dass er noch nie öffentlich über seine schlimme Jugenderlebnisse gesprochen habe. Er fand es zwar gut und wichtig, das nun zu versuchen. Aber er hatte „Angst, die Kontrolle zu verlieren.“ Deshalb bat er mich, ihm beizustehen und ihn notfalls zu stoppen: „Ich möchte nicht vor all den Menschen anfangen zu weinen.“ Auf der nächsten Rast fasste Peter sich schließlich ein Herz und erzählte seine traurige Geschichte. (…) Peter sprach – an einen Baum gelehnt – leise aber deutlich und häufig unterbrochen vom erstaunten Ausruf „Ich war ja erst 13, ich war noch ein Kind!“ Nach einer kurzen Besinnungspause stimmte er sein Lieblingslied aus jener Zeit an: „En dr Blech“. Ein kölsches Spottlied der Häftlinge aus dem Klingelpütz. Musik als Widerstand und als Medizin.“ (in: Krauthäuser/Mescher/de Torres 2016, S. 23) 

Drei Erinnerungen 

Jan Krauthäuser, Hauptmotor des traditionsreichen (seit 2005) jährlichen Edelweißpiratenfestivals, hat für uns (14.10.2021) diese Erinnerung an Jean Jülich verfasst. 

„Danke Schang!
Ich bin sehr glücklich Jean Jülich im Rahmen des Musikprojekts »Es war in Schanghai« kennengelernt zu haben! Damals, 2004, versuchten wir im Auftrage des NS-Dokumentationszentrums junge Musiker und Zeitzeugen zusammenzubringen, um schließlich moderne Interpretationen von Edelweißpiratenliedern zu produzieren. Ein schönes, erfolgreiches Projekt, das schließlich als Buch, Filmdoku und Musik-CD veröffentlicht wurde. Jean oder „Schang“, wie er sich in bestem Kölsch nannte, spielte dabei eine wichtige Rolle. Nicht nur weil er ein 1a Zeitzeuge war, ein toller Erzähler mit gutem Gedächtnis, sondern auch, weil er ein guter Sänger und Gitarrist war, der viele alte Lieder noch vorsingen konnte. Seine reife Solo-Version des Lagerfeuersongs »Es war in Schanghai«, kommt der Qualität von Johnny Cash’s Alterswerk sehr nahe.

Natürlich war Schang auch ein wichtiger Inspirator für unser Edelweißpiratenfestival, das aus dem NS-Dok-Musikprojekt entstanden ist, und dort auch ein umjubelter Interpret. Mal mit der Band »Familich«, mal mit dem Kinderchor der Grundschule Zugweg oder im Kreise seiner Zeitzeugen-Kollegen Mucki Koch und Peter Schäfer. Das Festival zu Ehren der Edelweißpiraten war eine ideale Bühne für sein Multitalent.

Jean Jülich mit der Band Familich, Foto: (c) Familich

Auch der Singende Holunder ist ein Folgeprojekt unserer Zusammenarbeit mit den musikbegeisterten Zeitzeugen, hier wird mittlerweile seit 14 Jahren jeden Sonntagabend gemeinsam gesungen. Mal liegt der Schwerpunkt auf Widerstandsliedern, mal auf kölschen Krätzjern oder internationalen Liedern. Das gefiel Schang offenbar so gut, dass er mich eines Tages fragte, ob die »Holunder Singers« nicht Lust hätten, seine Eigenkompositionen, die er über die Jahre fabriziert hatte, auf seiner Benefizkarnevalssitzung »Löstige Eins« in der Mülheimer Stadthalle aufzuführen. Eine Ehre, die wir unmöglich abweisen konnten, obwohl wir uns dafür überhaupt erstmal als »Kneipenchor« formieren mussten. Das Ergebnis war zwar alles andere als perfekt aber dennoch ein unvergessliches Erlebnis. Auch weil wir, ein letztes Mal, Jean Jülich in seinem Bühnen-Element erleben durften!

Foto: (c) Jan Krauthäuser

Und ja auch als Liedermacher war er ein echtes Naturtalent, insbesondere sein »Paradies Colonia« wird im Weißen Holunder zu vorgerückter Stunde immer wieder leidenschaftlich intoniert. Es ist auch weit darüber hinaus dabei, ein kölscher Klassiker zu werden.
Wenn man bedenkt, was Jean Jülich als Kind und Jugendlicher alles durchgemacht hat, ist diese Liebeserklärung an seine Stadt und ans Leben überhaupt ein wunderschönes Zeugnis seiner menschlichen Größe.

P.S.:
Hier der Text des Liedes, das er mit einer zuvor diskret vorproduzierten Moderation auch auf seiner Beerdigung einspielen ließ:

Du Paradies am Rhing Colonia 
Jean Jülich

Immer, wenn ich nit en Kölle ben,
janz ejal, selvs em Urlaub, immerhin,
denken ich – aan ming Fründe, die doheïm jeblivve sin,
denk ich aan Kölle – un mi Veedel he am Rhing.
Jedesmol, dann zällen ich die Zigg,
die ich blieve muss, bes dat et es esu wigg.
Wenn ich dann op Heïm aan düse,
freue ich mich wie ne Riese,
dat ich endlich widder singe kann – vör Jlöck:

Du Paradies am Rhing, Colonia, met dingem Dom, Colonia,
du bes mi Hätz, bes minge Sunnesching.
Ov ich kriesche, ov ich laache – oder jecke Saache maache,
ich han dich immer jään, ming Stadt, he am Rhing.

Neppes, Müllem oder Aldermaat,
üvverall beï uns, do herrscht die kölsche Aat.
Ihrefeld oder Vringsveedel, ov jewöhnlich oder edel,
üvverall beï uns weed deftich Kölsch jeschwaad.
Leedcher löstich oder met Jemöt,
Leedcher leïs jesunge, deftich oder blöd,
wat op Kölsch weed jesunge, hät noch immer jot jeklunge
un dröm singe mir – noch ens dat schöne Leed:

Du Paradies am Rhing, Colonia, met dingem Dom, Colonia,
du bes mi Hätz, bes minge Sunnesching.
Ov ich kriesche, ov ich laache – oder jecke Saache maache,
ich han dich immer jään, ming Stadt, he am Rhing.

Flönz, och Blootwoosch oder halven Hahn,
jo wer hät dat ald, wer es esu jlöcklich dran.
Wer kölsche Foderkaat probeet, hät dr Fruhsenn inhaleet,
hät met Himmel un Ääd – dr Himmel op dr Ääd.
Un dann noch e lecker Kölsch vum Fass,
jo esu määt dat löstije Levve richtich Spass.
Sach, wat wellst do dann noch mieh,
dann deït dir doch nix mieh wieh.
Un esu singe mir noch ens die Melodie:

Du Paradies am Rhing, Colonia, met dingem Dom, Colonia,
du bes mi Hätz, bes minge Sunnesching.
Ov ich kriesche, ov ich laache – oder jecke Saache maache,
ich han dich immer jään, ming Stadt, he am Rhing.

Doch eïnes Daachs, dann es et wohl esu wigg,
dat mi Hätz nit mieh pulseet, vörbeï die Zigg,
wo met Famillich, Frau un Kinder, wo ich met Fründe jlöcklich wor.
Düstre Wolke jov et och, dat es doch klor.
Doch dat Levve, dat hät keïne Senn,
wenn dr Minsch sich nit bewääch, ejal wohin.
Sich met Kühme zo verkruffe, ov de Surje weg ze suffe
hät noch nie jeholfe. Un doröm sing:

Du Paradies am Rhing, Colonia, met dingem Dom, Colonia,
du bes mi Hätz, bes minge Sunnesching.“

Das Kölner Markus Reinhardt Ensemble, eng mit Jean Jülich befreundet, hat Jeans Lied eindrücklich vertont:

 „… Das machte mich sprachlos…“

Andreas Hupke, langjähriger Bezirksbürger der Kölner Innenstadt, war der Erste, der sich bereits in den 1990er Jahren zusammen mit der Journalistin Renate Franz für die Rehabilitation des ermordeten Kölner Radrennfahrers Albert „Teddy“ Richter sowie dessen jüdischen Trainers Ernst Berliner einsetzt hat[xiv]  und dieses Engagement bis heute fortsetzt. Hupke hat haGalil auf meine Bitte hin eine frühe Erinnerung zum langen Kampf für die  Rehabilitation des Edelweißpiraten und Widerständlers Jean Jülich verfasst. Er schreibt: 

„Wie das so manchmal im Leben eines Menschen ist, wenn er sich in jungen Jahren auf den Weg macht, um das Abitur nachmachen zu können: Dies verschlug mich 1973 – ich war  dreiundzwanzig Jahre alt – nach Köln. Hier in Köln stellten wir, die AktivistInnen der 68iger Zeit, schnell fest, dass es nicht so gewesen sein kann, dass hier in der Domstadt während der Nazizeit alle im Widerstand waren – wie man uns Imis das weismachen wollte.Bei der damaligen Auseinandersetzung über die Geschichte der Stadt Köln während des „Dritten Reiches“ kam man nicht an den EdelweißpiratInnen und damit an Jean Jülich vorbei. Als ich bei einer Demonstration (Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre) vor dem damaligen EL-DE-Haus, in dem heutigen NS-DOK, wo die Gestapo in der Nazizeit ihr Hauptquartier hatte, anwesend war, kletterte ein Mann auf die Bühne. Dieser berichtete über die Gräueltaten der NS-Verbrecher, welche diese im „EL-DE-Haus“ begangen hatten, und dass er und seine Mitstreiter*innen von damals in diesem Gebäude selbst Opfer dieser Nazischergen gewesen sind. Wie er von der Bühne aus durch das Mikrofon den damaligen Kölner Stadtrat bloßstellte, und wie er betonte, dass er nicht bereit wäre, diese Gedenkstätte zu vergessen – das machte mich sprachlos, und diese Sprachlosigkeit ist bei mir ein wenig bis heute geblieben. Und Jean Jülich – denn um ihn handelte es sich – versicherte den Demonstranten, dass er die Erinnerung an das Unrecht für die Nachwelt erhalten werde.Sprachlos war ich auch deshalb, weil es damals noch unglaublich viel Mutes bedurfte, Jean Jülich musste außerordentlich viel Zivilcourage an den Tag legen, um den damaligen Mächtigen im Kölner Rathaus in der Öffentlichkeit so vehement den Marsch zu blasen. Nach dieser Demo hatte ich nach Heinrich Böll ein weiteres großes Vorbild – bis zum heutigen Tage – in Köln: Jean Jülich!“[xv]

Papa Jülich

Die beiden Kinder von Jean Jülich, Cornelia Jülich-Rademacher und Marco Jülich, haben uns eine sehr persönlich gehaltene Erinnerung für diesen erinnernden Beitrag an ihren Vater Jean zur Verfügung gestellt. Sie schreiben (11.10.2021):

„Das allermeiste über die Geschichte unseres lieben Vaters, aus der Nazizeit, wissen wir durch die Teilnahme an Veranstaltungen, aus Büchern über die Edelweißpiraten, aus seiner Autobiografie Kohldampf, Knast un Kamelle und aus Zeitungsartikeln. Es fiel ihm immer schwer, mit uns Kindern über seine schrecklichen und prägenden Erlebnisse zu sprechen. So haben wir, als seine Tochter und sein Sohn, ein ganz eigenes Bild seiner Geschichte bekommen. Er war in erster Linie nicht „der Zeitzeuge“, sondern unser Vater, der dort auf der Bühne stand und erzählte. In Erinnerung bleibt uns seine wahnsinnige Power, wie unsere Mutter es nannte, wenn es darum ging, etwas zu erreichen, das er sich vorgenommen hatte. Es bleibt die Erinnerung an den Freiraum, der uns sehr früh gegeben wurde, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen und die Botschaft: Freiheit, als ein ganz besonderes Gut zu ehren und nicht als etwas Selbstverständliches zu leben. Es bleibt, die Erinnerung an einen zuverlässigen, lustigen, respekteinflößenden, beschützenden, aber auch verletzlichen Menschen. Die Erinnerung an unseren lieben Papa – Einfach einmalig.“

Bild oben: Jean Jülich (l.) mit einer Gruppe von Edelweißpiraten, Foto: privat

Literatur

Baum, G. (1981/2020): „Wie wird heute mit jenen umgegangen, die ihren Widerstand gegen die Nazis konsequent zu Ende brachten?“ Ein Vorwort von Bundesinnenminister Gerhart Baum, in: Finkelgruen (2020), S. 21-23.
Baum, G. (2020): „Unsere Aufgabe ist es, die Demokratie zu verteidigen“. Ein Vorwort von Gerhart Baum“, in: Finkelgruen (2020), S. 13-17.
Bothien, H.-P,  M. von Hellfeld, S. Peil & J. Reulecke (2017): Ein Leben gegen den Strom. Michael Mike Jovy. Münster: LIT Verlag.
Breyvogel, W. (Hg.) (1991): Piraten, Swings und Junge Garde. Jugendwiderstand im Nationalsozialismus. Bonn: Dietz. 
Finkelgruen, P. (1978a / 2005): Freunde von gestern – und Feinde von heute (oder was mich ein jüdischer Edelweißpirat lehrte). In: Broder, H.-M./M. Lang: Fremd im eigenen Land. Frankfurt/M. (Fischer); auch auf haGalil: https://www.hagalil.com/2012/03/edelweisspirat/
Finkelgruen, P. (2011): Erinnerungen an Jean Jülich, haGalil, 5.12.2011: https://www.hagalil.com/2011/12/Jülich-2/
Finkelgruen, P. (2013): Ehrung für jugendlichen Widerstand in Köln. Ansprache Peter Finkelgruens anlässlich der posthumen Ehrung von Georg Ferdinand Duckwitz und Dr. Michael Jovy, haGalil 11.12.2013: https://www.hagalil.com/2013/12/edelweisspiraten-2/
Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“ – Moritat von der Bewältigung des Widerstandes – die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944“. Mit einem Vorwort von Gerhart Baum. Herausgegeben von Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Englhart. BoD: https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415
Jülich, J. (2003): Kohldampf, Knast un Kamelle. Ein Edelweißpirat erzählt sein Leben. Köln: KiWi.
Kaufhold, R. (2011): „E Hätz so jroß wie ne Stään“ – Zum Tode von Jean Jülich, haGalil, 30.11.2011: https://www.hagalil.com/2011/10/Jülich/
Kaufhold, R. (2012): Kein Ort. Nirgends. Peter Finkelgruen: Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln, in: Tribüne H. 201 (2/2012), S. 82-87; eine veränderte Version: Journal 21 (Zürich) (2012): https://www.journal21.ch/category/tags/peter-finkelgruen
Kaufhold, R. (2013): Im KZ-Drillich vor Gericht. Ein Sammelband beschreibt, wie Serge und Beate Klarsfeld Schoa-Täter aufspürten und der Gerechtigkeit zuführten, Jüdische Allgemeine, 1.7.2013: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/im-kz-drillich-vor-gericht/; ausführlichere Version: Kaufhold, R. (2013) „Ich erinnere mich an diesen Deutschen ganz genau“, haGalil, 29.5.2013: http://buecher.hagalil.com/2013/05/lischka-prozess/
Kaufhold, R. (2014): Eine späte Rehabilitierung. Eine Erinnerung von Peter Finkelgruen an einen ehemaligen Widerstandskämpfer (Georg Ferdinand Duckwitz und Michael Jovy), Jüdische Zeitung März 2014, Nr. 97, S. 15. Eine gekürzte Version: https://www.hagalil.com/2013/12/edelweisspiraten-2/
Kaufhold, R. (2018): Ein Leben gegen den Strom. Michael „Mike“ Jovy – Ein vergessener Widerstandskämpfer, Diplomat und Gerechter unter den Völkern), haGalil, 9.6.2018: https://www.hagalil.com/2018/06/jovy/, sowie in einer etwas erweiterten Version: https://www.ruhrbarone.de/widerstandskaempfer-michael-jovy-ein-gladbecker-gegen-die-nazis/155505
Kaufhold (2020): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten. Eine Chronologie. In: Finkelgruen (2020), S. 217-342
Kaufhold, R. (2020a): Michael „Mike“ Jovy (2018): Ein Leben gegen den Strom, in: Kaufhold (2020), S. 321-331.
Kaufhold (2020b): Kein Hitlergruß – Der antifaschistische Kölner Radrennfahrer Albert »Teddy« Richter. In Köln wird an den 80. Jahrestag der Ermordung Albert Richters erinnert. Dieser blieb solidarisch zu seinem jüdischen Trainer Ernst Berliner – und wurde deshalb umgebracht, haGalil, 1.1.2020: https://www.hagalil.com/2020/01/albert-teddy-richter/
Kaufhold, R. (2021a): Jugend und Widerstand im 3. Reich – Edelweisspiraten. Der Filmemacher Dobrivoie Kerpenisan erinnert an Jean Jülichs Kampf um die Anerkennung der Edelweißpiraten, haGalil, 17.8.2021): https://www.hagalil.com/2021/08/edelweisspiraten-film/
Kaufhold, R. (2021b): „Aber wir galten als Halbjuden, waren trotzdem minderwertig. Das wirkte sich ganz konkret aus.“ Die Kölner Edelweißpiraten und Widerständler Wolfgang und Günther Schwarz, haGalil, 3.10.2021: https://www.hagalil.com/2021/10/schwarz/
Kaufhold, R. (2021c): Ernst Isidor Berliner (Köln/USA). Radprofi, Radtrainer und fürsorglich-fördernder Freund Albert „Teddy“ Richters, haGalil, 22.3.2021: https://www.hagalil.com/2021/03/ernst-berliner/
Koch, G. (mit R. Carstensen) (2006): Edelweiß. Meine Jugend als Widerstandskämpferin.
Krauthäuser, J. / D. Werheid / J. Seyffarth (Hg.) (2010): Gefährliche Lieder. (Buch mit CD). Köln: Emons-Verlag.
Krauthäuser, J./K. Mescher/ B. de Torres (2016): Edelweißpiratenfestival. Eine Dokumentation in Text, Bild und Ton. Köln: Dabbelju Verlag.
Theilen, F. (1984): Edelweißpiraten. Geschichte eines Jugendlichen der trotz aller Drohungen nicht bereit war, sich dem nationalsozialistischen Erziehungsanspruch unterzuordnen. Mit einem Vorwort von M. von Hellfeld. Köln: Pahl-Rugenstein.
Von Hellfeld, M. (1981): Edelweißpiraten in Köln. Jugendrebellion gegen das 3. Reich. Köln: Pahl-Rugenstein.
Von Hellfeld, M. (1987): Bündische Jugend und Hitlerjugend. Zur Geschichte von Anpassung und Widerstand 1930 – 1939. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik.
Von Hellfeld, M. (2020): Vorwort. In: Finkelgruen (2020), S. 9-12.
Peukert, D. J. (1980): Die Edelweißpiraten. Protestbewegung jugendlicher Arbeiter im „Dritten Reich“.

 

Anmerkungen:

[i] Im Weiteren gebe ich bei Zitationen aus Jülichs Autobiografie zur leichteren Lesbarkeit nur noch die Seitenangabe an.
[ii] Alexander Goeb: Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink. Die Kölner Edelweißpiraten. Frankfurt/M.:  Brandes & Apsel.
[iii] Goeb, a.a.O.
[iv] Der seinerzeit 77-jährige Ferdi Steingass wurde 2005 von Jürgen Roters mit einer Urkunde für sein widerständiges Engagement ausgezeichnet. https://www.rundschau-online.de/-edelweisspiraten-leisteten-widerstand–11313924
[v] Siehe hierzu abschließend von Hellfeld (2020).
[vi] Persönliche Mitteilung von Peter Finkelgruen, August 2021.
[vii] Vgl. hierzu: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/michael-jovy/DE-2086/lido/57c92fc064f8d4.40102215#toc-16
[viii] In Jülich (2003, S. 163) ist das von Moshe Bejski https://aboutholocaust.org/de/testimonies/moshe-bejski-geboren-1920-in-krakau-polen-hat-plaszow-ueberlebt verfasste Originalschreiben Yad Vashems an Jülich publiziert worden.
[ix] Über Wolfgang Schwarz, geb. am 25.8.1926, wird bis heute in verschiedenen Zeitungsbeiträgen (u.a. auch in der WELT (6.11.2014 https://www.welt.de/print/welt_kompakt/koeln/article134040885/Im-Kampf-gegen-das-Nazisystem.html) und auf Wikipedia, verbreitet, dass er zu den drei 1984 durch Yad Vashem Geehrten gehört. Diese Darstellung ist unzutreffend, weshalb ich dies hier korrigieren möchte (vgl. im Detail Finkelgruen 2020, S. 132, 142, 147, 156, 165, 183, 187f., 231, 235, 240, 247, 258, 273, 275 und 316).
Wolfgang Schwarz´ Vater war Jude, seine Mutter war evangelisch; seine Tante Auguste Butt (geb. Spitzley) (Vgl. Finkelgruen 2020, S. 132) war im kommunistischen Widerstand engagiert und wurde deshalb gleichfalls verfolgt. Sein Vater wurde 1940 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Wolfgang Schwarz wuchs gemeinsam mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Günther auf. Um diese zu schützen meldete ihr Großvater sie von der jüdischen Grundschule ab und in einer städtischen Schule an. Ab 1939/40 schloss er sich den Edelweißpiraten an. Hans Steinbrück wohnte im gleichen Mietshaus wie er. Im Aggertal, wohin er 1944 verlegt wurde, besorgte er Waffen für Hans Steinbrücks Widerstandstätigkeit in Köln. Als Günther Schwarz wegen vergleichbarer Widerstandstätigkeit festgenommen und am 10.11.1944 hingerichtet wurde wurde Wolfgang gewarnt und konnte untertauchen. Jahrzehnte später trat er als bekennender Edelweißpirat als Zeitzeuge auf. 1979/80 trat er  im Kölner Prozess gegen die NS-Täter Lischka, Hagen und Heinrichsohn als Zeitzeuge und Nebenkläger auf (vgl. Kaufhold 2013, 2021b; Finkelgruen 2020, S. 183-192).
Im April 2011 wurde Schwarz gemeinsam mit den noch lebenden Edelweißpiraten Hans Fricke, Gertrud „Mucki“ Koch, Peter Schäfer und Fritz Theilen vom Bundespräsidenten, verliehen durch Oberbürgermeister Jürgen Roters, für sein widerständiges Engagement „im Kleinen“ mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. https://www.ksta.de/edelweisspiraten–vorbilder-an-zivilcourage–12469978 Er nahm regelmäßig mit seinen Freunden am 10.11. am Ehrenfelder Mahnmal an den Gedenkveranstaltungen teil, so auch 2013, gemeinsam mit Mucki Koch, worüber ein Filmdokument existiert: https://www.youtube.com/watch?v=t6Vw_bUj0B4. Am 10.11.2019 trat der 93-jährige Wolfgang Schwarz in der Heute-Sendung des ZDF als Zeitzeuge am Ehrenfelder Denkmal auf. Vor wenigen Wochen, Ende September 2021, ist Wolfgang Schwarz im Alter von 95 Jahren verstorben https://www.hagalil.com/2021/10/schwarz/. (Kaufhold 2021b).
[x] Diese jüdische Tradition, Bäume für ermordete Juden zu pflanzen, wurde übrigens im März 2012 mit der gemeinsamen Baumpflanzung und Gedenksteinlegung für Peter und seinen 1942 ermordeten Großvater Martin Finkelgruen  fortgesetzt. https://www.hagalil.com/2012/03/finkelgruen-13/
[xi] Andreas Hupke war zusammen mit der Journalistin Renate Franz der Erste, der in Köln den Mord an den Kölner Radrennfahrer Albert „Teddy“ Richter aufzuklären und wieder in die Kölner Erinnerungskultur erinnerlich zu machen versuchte (vgl. Franz, R. (1998) (mit Unterstützung von Andreas Hupke und Bernd Hempelmann): Der vergessene Weltmeister. Das rätselhafte Schicksal des Radrennfahrers Albert Richter. Köln: Emons Verlag. Andreas Hupke benötigte eines sehr langen Atems und eines imponierenden Beharrungsvermögens gegen das kollektiven Schweigens in Köln, um die kollektive Erinnerung und Rehabilitation Richters sowie seines jüdischen Trainers Ernst Berliners durchzusetzen. Ende diesen Jahres oder 2022 wird die Kölner Radrennbahn wohl endlich in Albert-Richter-Velodrom und der Platz davor in Ernst Berliner Platz offiziell umbenannt (vgl. Kaufhold 2020b, 2021c).
[xii] Vgl. KStA, 4.11.2013: Ein Weg für Jean Jülich: https://www.ksta.de/koeln/innenstadt/edelweisspiraten-ein-weg-fuer-jean-Jülich-2250864.
[xiii] In: „Dieser Weg war sein täglicher Weg“, Gespräch mit Conny Rademacher (Jülichs Tochter), Meine Südstadt, 21.11.2013: https://www.meinesuedstadt.de/dieser-weg-war-sein-taeglicher-weg/
[xiv] Kaufhold, R. (2021): Stadion für einen Unangepassten, jungle world, 14.1.2021. Internet:  https://jungle.world/artikel/2021/02/stadion-fuer-einen-unangepassten sowie Franz, R. (mit Unterstützung von Andreas Hupke und Bernd Hempelmann) (1998): Der vergessene Weltmeister. Das rätselhafte Schicksal des Radrennfahrers Albert Richter. Köln: Emons Verlag.
[xv] Persönliche Mail von Andreas Hupke an RK vom 9.10.2021.

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