„Aber wir galten als Halbjuden, waren trotzdem minderwertig. Das wirkte sich ganz konkret aus.“

Die Kölner Edelweißpiraten und Widerständler Wolfgang und Günther Schwarz

Am Kölner Edelweisspiraten Denkmal, Foto: R. Kaufhold

Von Roland Kaufhold

Es war eine grausame politische Machtinszenierung der Kölner Nationalsozialisten, die dazu diente, den jugendlichen Widerstand in Köln endgültig niederzuschlagen, auszulöschen: Am 10.11.1944 richtete die Gestapo 13 Menschen öffentlich hin, darunter sechs Jugendliche, die den Edelweißpiraten zugerechnet wurden, sowie weitere Widerständler. 400 Menschen wohnten der Inszenierung bei, darunter mehrere Verwandte der Ermordeten. Auch die 20-jährige Edelweißpiratin und Widerständlerin Gertrud „Mucki“ Koch war Zeugin des politischen Mordes.

Der Bekannteste unter den Widerständlern war der 23-jährige Köln-Ehrenfelder Hans Steinbrück. Der jüngste unter den Hingerichteten war der am 26.8.1928 geborene, also erst 16-jährige Kölner Edelweißpirat Günther Schwarz. Günther Schwarz hatte einen jüdischen Vater und eine nicht-jüdische Mutter; in der Naziterminologie galt er als „Halbjude“.

Die weiteren hingerichteten Jugendlichen waren der Installateurlehrling Johann Müller (geb. 20.1.1928), der 16-jährige Dachdeckerlehrling Bartholomäus („Barthel“) Schink (25.11.1927), der kaufmännische Lehrling Gustav Bermel (11.8.1927),  der Arbeiter Franz Rheinberger (22.2.1927) und der Arbeitsjunge Adolf Schütz (3.1.1926). Die weiteren Hingerichteten waren Steinbrücks Freund Roland Lorent, Peter Hüppeler, Heinrich Kratina, Josef Moll, Wilhelm Kratz  und der Spediteur Johann Krausen (geb. 1887) (vgl. Goeb 2016, S. 22).

Sie wurden ermordet, weil die Kölner Nationalsozialisten den jugendlichen Widerstand, den die – bundesweit geschätzt 3000 – Edelweißpiraten für sie verkörperten, brutalst niederschlagen wollten. Die Ermordeten blieben in Köln über drei Jahrzehnte lang unerinnert und galten 60 Jahre lang als „Kriminelle“.

Eine späte, posthume Ehrung erfuhr Günther Schwarz übrigens nicht in Köln, sondern in der Berliner Ausstellung der Gedenkstätte deutscher Widerstand.

Über die Geschwister Günther und Wolfgang Schwarz existiert nur sehr wenig Literatur. Viele der verstreuten Angaben sind ungesichert; einige auch falsch. Vielfach wird auch ihr Name verwechselt.

Wolfgang Schwarz ist Ende September 2021 verstorben.

Kindheit in Köln-Ehrenfeld

Die Kölner Familie Schwarz lebte in Ehrenfeld u.a. in der Schönsteinstraße (s.u.) – also in der gleichen Straße, in der auch Hans Steinbrück (Schönsteinstraße 7) lebte und Widerstandsaktionen vorbereitete und ausführte.[i]

Wolfgang Schwarz‘ Vater war Jude und flüchtete kurz nach der „Machtergreifung“ nach Holland. Seine Ehefrau war evangelisch – in der Nazidiktion galten die Söhne somit als „Halbjuden“ und waren unmittelbar rassistisch bedroht. Die Eltern ließen sich deshalb formal scheiden, um die Kinder zu schützen. Unmittelbar danach, 1935, verstarb ihre Mutter, da waren Günther und Wolfgang erst sieben bzw. neun Jahre alt. Daraufhin lebten die Brüder – nach einem kurzen Intermezzo beim Vater – bei ihrem Großvater Franz Spitzley und der Tante Auguste/Gustel. Ihre Tante Auguste Butt (geb. Spitzley) war als Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes im kommunistischen Widerstand engagiert und wurde deshalb gleichfalls verfolgt. Sie saß nach 1933 mehrere Jahre in „Schutzhaft“ in einem Konzentrationslager, was den beiden Kindern bewusst war, auch wenn ihr Großvater sie vor zu verstörendem Wissen um die existentielle Gefährdung der gesamten Familie zu schützen versuchte. Ihr Vater wurde 1940 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Wolfgang Schwarz wurde am 25.8.1926 geboren und wuchs gemeinsam mit seinem exakt zwei Jahre jüngeren Bruder Günther (geb. 26.8.1928) auf. Sie besuchten auf ausdrücklichen Wunsch ihrer Eltern von 1933 bis 1935 die israelitische Grundschule in Köln. Um sie als „Halbjuden“ (Wolfgang Schwarz verwendete diese problematische, von den Nationalsozialisten erschaffene Begrifflichkeit selbst, um seine komplizierte gesellschaftliche Situation und Außenseiterposition zu veranschaulichen – auch später, nach dem Ende der Naziverfolgung, sollte er weiterhin „zwischen allen Stühlen“ sitzen) zu schützen meldete ihr Großvater sie von der jüdischen Grundschule ab und in einer städtischen Schule an. Wolfgang besuchte eine Zeitlang den Hebräischunterricht an der Ehrenfelder Synagoge in der Körnerstraße, brach das jedoch ab, weil er innerlich wohl keinen Zugang zur jüdischen Religion fand. Auch bei ihrem Fußballverein, dem Rhenania Ehrenfeld, durften sie aus rassistischen Gründen nicht mehr mitspielen, obwohl sie ausgezeichnete Fußballer waren. Vergleichbares galt für den Radsport, der ihn begeisterte und bei dem er allenfalls mittrainieren durfte. Eine Ausbildung als Konditor musste er aus rassistischen Gründen abbrechen. Ab 1939/40 schloss Wolfgang sich den Edelweißpiraten sowie der Ehrenfelder Gruppe der Widerständler an und hatte engen Kontakt zu dem in seinem unmittelbaren Lebensumfeld wohnenden Hans Steinbrück.

Seinen jüngeren Bruder Günther warnte er vor den Nazis, vergeblich. Günther Schwarz war ab 1937 – da war er neun Jahre alt – beim „Jungvolk“. Später war er gleichfalls bei den Kölner Edelweißpiraten, gehörte zum engen Umfeld von Hans Steinbrück und beteiligte sich – in stärkerem Ausmaß als sein Bruder – , der Not folgend, auch an Überfällen und Diebstählen. Als Juden erhielten sie nach einem „Stellungsbefehl“ – also der Aufforderung, sich zum Abtransport in die deutschen Vernichtungslager einzufinden –  keine Lebensmittelmarken mehr und mussten ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren. Legale Möglichkeiten zum Überleben hatten sie damit nicht mehr. Im September 1944, also wenige Wochen vor seiner Hinrichtung, schloss Günther eine Ausbildung als Dreher ab. Zusammen mit zwölf weiteren Edelweißpiraten und Widerständlern wurde Günther Schwarz am 10.10.1944 festgenommen und im EL-DE Haus verhört. Dann wurde er (wie u.a. auch Jean Jülich) in das Gestapogefängnis Brauweiler verbracht, verhört und schwer misshandelt; am 10.11.1944, da war er 16, wurde er mit den zwölf anderen am Bahnhof Ehrenfeld öffentlich hingerichtet.[ii]

Zurück zu Wolfgang Schwarz: Im Aggertal, wohin er 1944 verlegt wurde, besorgte er Waffen für Hans Steinbrücks Widerstandstätigkeit in Köln. Als sein Bruder Günther wegen vergleichbarer Widerstandstätigkeit festgenommen und hingerichtet wurde, wurde Wolfgang über seine eigene Gefährdung gewarnt. Das Schreiben der Nazibehörden, dass er sich zum Abtransport in ein Lager stellen sollte, ignorierte er (s.o.) – und tauchte unter. Ein sehr mutiger Akt des Widerstandes! (vgl. Finkelgruen 2020, S. 209-216) Deshalb erhielt er als „Illegaler“ nun auch keine Lebensmittelmarken mehr und war auf kleine „Diebstähle“ angewiesen, wenn er nicht verhungern wollte.

In einem Interview Alexander Goebs mit Wolfgang Schwarz – der zurückhaltend auftretende Schwarz gab nur wenige Interviews, wohl auch, weil er sich der Unmöglichkeit und Vergeblichkeit, seine eigene „randständige“, bedrohte Position als Jude verständlich zu machen, bewusst war – aus dem Jahr 1977 fasst dieser seine schwierige Lebenssituation so zusammen:

„Unser Vater war Jude. Er war nach Holland geflüchtet. Später haben sie ihn doch umgebracht. Meine Mutter ist früh gestorben. (…) Wir galten als Halbjuden; waren trotzdem minderwertig. Das wirkte sich ganz konkret aus. (…) Sie (die nationalsozialistischen Behörden, RK) haben uns dann ein Schreiben geschickt, danach sollten wir uns zum Abtransport in ein Lager melden. Da sind wir nicht hingegangen. Danach haben wir keine Lebensmittelkarten mehr bekommen. Wir sind dann ausgebombt worden. (…) Von der Ehrenfelder Gruppe Beteiligten hat keiner überlebt. Aber irgendwie war ich auch dabei. Vielleicht waren die anderen nicht vorsichtig genug. Ich hab den Büb, ich meine den Günther (seinen Bruder, RK), oft gewarnt. Aber, der guckte nicht links und nicht rechts. Sie haben ihn dann zuhause im Bett verhaftet.

Alle waren bewaffnet. Ich habe einmal nach einem Verletzten gesucht nach einem Bombenangriff, da hatte ich am Gürtel ein ganzes Arsenal von Handgranaten. Wahnsinn war das im Grunde. Ich habe wahrscheinlich nur überlebt, weil ich immer gearbeitet habe. (Der große Plan war immer, das Hauptquartier der Gestapo in der Elisenstraße in die Luft zu sprengen.)“[iii]

Der inzwischen 18-jährige Wolfgang lebte dann, illegalisiert, im gleichen Wohnhaus wie Steinbrück und dessen Freundin Cilly Servé (später Mevissen).[iv] Über einen Bekannten arbeitete er ab diesem Zeitpunkt, seine Identität als „Halbjude“ vermochte er zu verheimlichen, im Heimatkraftfuhrpark der Wehrmacht. Deshalb, so erzählte Wolfgang Schwarz als Zeitzeuge verschiedentlich, hatte er an seinem Gürtel seinerzeit auch Handgranaten.

Der Plan von Hans Steinbrück und weiterer Ehrenfelder Widerständlern war, die Nazizentrale EL-DE Haus in die Luft zu sprengen. Wenn das gelungen wäre, wären sie als Helden in die deutsche Geschichte eingegangen – und nicht die adelige Gruppe um Graf Staufenberg (die unbestritten antisemitisch war und niemals Juden versteckt hätte.)

Das kollektive Schweigen nach 1945

Nach dem Ende der Nazi-Zeit, der Befreiung Kölns durch die Alliierten, traute sich niemand mehr, auch kein Edelweißpirat, öffentlich über die Geschichte und Widerstandstätigkeiten der Kölner Edelweißpiraten zu sprechen. Die Angst vor einer weiteren Stigmatisierung als „Kriminelle“ und als Juden war zu stark. Wolfgang Schwarz und der Edelweißpirat Fritz Theilen (1927-2012) waren die Einzigen, die es zumindest versuchten. Ergebnislos. Nach dem Krieg habe man sich, so erzählte Fritz Theilen[v] verschiedentlich, ein paar mal als Edelweißpiraten getroffen, aber alle außer ihm und Wolfgang Schwarz hätten Angst wegen einer Fortsetzung der Kriminalisierung gehabt. Darum habe sich außer ihm selbst niemand getraut, eine Rehabilitierung der Edelweißpiraten politisch zu fordern: „Ich hab versucht, die Schwester von Barthel zu einer Kundgebung zu holen, aber die hatte eine Scheißangst. Die Edelweißpiraten kamen aus den unterschiedlichsten Familien. Einer fährt heute Taxi, der andere sagte, lass mich mit dem Scheiß zufrieden, ich will nix mehr davon hören. Heute haben alle Angst.“[vi] Gerade in Betrieben habe man als politisch Verfolgter große Schwierigkeiten bekommen, weil man dann direkt als Krimineller galt. Die Biografie des 1983/84 durch Yad Vashem geehrten Widerständlers und späteren Diplomaten Michael Jovy ist ein bedrückender Beleg für diese Beschreibung Theilens.

Erst die Recherchen des in Shanghai geborenen und seit 1963 in Köln lebenden Journalisten Peter Finkelgruen ab 1977, unterstützt durch seine FDP-Parteifreunde Gerhart Baum und Prof. Ulrich Klug, sorgten schrittweise für eine Erinnerung an die – gesellschaftlich weiterhin kriminalisierten – Edelweißpiraten. Nun trauten sich auch Jean Jülich, Mucki Koch (erst ab dem Jahr 2000) und Fritz Theilen, sich öffentlich zu den Edelweißpiraten zu bekennen und als Zeitzeugen aufzutreten. Alle drei legten auch Autobiografien über ihre Widerstandstätigkeit vor.[vii]

1981 schloss Finkelgruen sein Buch über die Edelweißpiraten – „Soweit er Jude war…“ – ab, mit einem Vorwort von Bundesinnenminister Gerhart Baum. Es blieb ungedruckt, weil Finkelgruen 1982 als Leiter der Friedrich Naumann Stiftung für sechs  Jahre nach Jerusalem ging. Dort legte er seine Dokumente Yad Vashem vor. 1984 wurden Jean Jülich, Michael Jovy und der am 10.11.1944 ermordete Bartholomäus Schink, als Vertreter von drei Opfergruppen, durch Yad Vashem ausgezeichnet. Wolfgang Schwarz, Jean Jülich und weitere Verwandte der Ermordeten nahmen auf Einladung Finkelgruens an dieser Auszeichnungsfeier in Jerusalem teil. Hier nun ein Hinweis: In der Fachliteratur und Tageszeitungen ist vielfach – Autoren schreiben oft voneinander ab – fälschlich verbreitet worden, dass Wolfgang Schwarz zu den drei 1984 – auf Anregung Finkelgruens – von Yad Vashem Ausgezeichneten gehört habe.[viii] Dies ist unzutreffend – Schwarz wurde von den Autoren mit Jovy verwechselt.

Führende Vertreter der Kölner SPD (Burger, Antwerpes) ließen dennoch 20 weitere Jahre nichts unversucht, um die Edelweißpiraten in Köln weiterhin als „Kriminelle“ zu diskreditieren. Erst Regierungspräsident Jürgen Roters beendete in sehr umsichtiger Weise diese traurige Geschichte und rehabilitierte diese – hierunter ausdrücklich auch Günther und Wolfgang Schwarz – 2005 als mutige Jugendliche, die sich in der Nazizeit nicht angepasst hätten.

Wolfgang Schwarz erhielt als Jude nach dem Krieg Entschädigungszahlungen für seinen ermordeten Bruder Günther, für seine im KZ inhaftierte Tante und wegen seiner eigenen Verfolgung. Er war damit wohl der einzige Edelweißpirat, der eine offizielle Anerkennung seines Leides erhielt. Für die Verwandten der übrigen hingerichteten Edelweißpiraten (u.a. die Familie von Gustav Bermel und Bartholomäus Schink) waren die jahrelangen Entschädigungsverfahren faktisch ein schwer traumatisierender Prozess, der von den Kölner Ämtern und Gerichten über Jahre abgelehnt wurden (vgl. Finkelgruen 2020 sowie Goeb 2016).[ix]

Wolfgang Schwarz, der über Jahre, wie er gelegentlich erwähnte, verfolgungsbedingt schwere Albträume hatte, ließen die Jahre der Verfolgung als Jude und die Ermordung seines 16-jährigen Bruders keine Ruhe. 1979 machte er doch noch einen Versuch einer juristischen „Aufarbeitung“ – und trat 1979/80 beim Kölner Prozess gegen die NS-Täter Lischka, Hagen und Heinrichsohn als Zeitzeuge und Nebenkläger auf (vgl. Finkelgruen 2020, S. 183-192, vgl. Kaufhold 2013).[x]

Erst viele Jahre später folgten vereinzelte Auszeichnungen für den, wohl auch wegen seines komplizierten jüdisch-proletarischen Familienhintergrundes, stets zurückhaltenden und nur im Umfeld seines drei Jahre jüngeren Jugendfreundes Jean Jülich auftretenden Wolfgang Schwarz: 2008 wurde er für sein Engagement mit der Heine-Büste des „Freundeskreises Heinrich Heine“ ausgezeichnet. Und im April 2011 wurde Schwarz gemeinsam mit den damals noch lebenden Edelweißpiraten Hans Fricke, Gertrud „Mucki“ Koch, Peter Schäfer und Fritz Theilen vom Bundespräsidenten mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Wolfgang Schwarz trat auch gelegentlich mit seinen Freunden, darunter Mucki Koch, am 10.11. am Ehrenfelder Mahnmal an den Gedenkveranstaltungen als Zeitzeuge auf. Sein gemeinsame Teilnahme am Gedenkgang zum Ehrenfelder Denkmal, im November 2013, gemeinsam mit Mucki Koch, ist in einem berührenden filmischen Portrait für die Nachwelt festgehalten worden (ab Min.: 5:27): 

Und am 10.11.2019 wurde der inzwischen 93-Jährige in der Heute-Sendung des ZDF als Zeitzeuge am Ehrenfelder Mahnmal portraitiert.[xi]

Wiederstand, so betonte er als betagter Zeitzeuge, war etwas allein deshalb schon, weil es strafbar war. „Das war für uns schon Widerstand. Nun weils strafbar war. Wehe wenn sie geschnappt wurden!“

Screenshot Erlebte Geschichte

Wolfgang Schwarz autobiografische Erinnerungen

Wolfgang Schwarz hat sich für eine Autobiografie-Reihe – „Erlebte Geschichte“ – des Kölner NS-Doks interviewen lassen; die Interviews sind als Filmsequenzen abrufbar

Hieraus möchte ich ausführlicher zitieren.

Sein Vater habe in der Ehrenfelder Stammstraße als Frisör gearbeitet. 1933 musste er seinen Laden schließen, weil zu viele Spitzel ins Geschäft kamen, die Kunden observierten. Er wechselte in einen Laden in der Ehrenfelder Philippstraße. Direkt gegenüber lag jedoch eine Gaststätte, wo sich der Stahlhelm regelmäßig traf. Seine bereits erwähnte Tante Gustel Spitzley (vgl. Finkelgruen 2020, S. 147, 156) habe für eine kommunistische Zeitung in der Aquinostraße gearbeitet. Sie wurde beim Zeitungsschmuggel erwischt und sei für drei Jahre in einem Lager inhaftiert worden. Er und sein kleiner Bruder hätten jedoch „spitze Ohren“ gehabt, so hätten sie „allerhand mitgehört“.

Auch sein Opa und er selbst mussten einmal zu einem Verhör ins EL DE Haus; da sie keinen gelben „Judenstern“ trugen seien sie „fertig gemacht worden“. Als er einmal im Polizeipräsidium einen Besuchsschein abholen musste sah Wolfgang einige schwer Verletzte, die bluteten. Der Terror der Nationalsozialisten, die familiäre Bedrohung war eine konkrete Lebenswirklichkeit für den 1926 Geborenen, dennoch habe er sich „immer wieder durchgemogelt“. Sein Opa und weitere Verwandte versuchten, das Leid und Bedrohung von den Kindern fernzuhalten, was aber nur begrenzt gelang.

Wolfgang hatte in der 1926/27 erbauten Ehrenfelder Synagoge  – diese befand sich in der Körnerstraße 93 und wurde am 9.11.1938 zerstört – Hebräischunterricht, vermochte hierzu jedoch keine innere Beziehung aufzubauen, deshalb habe er den „nicht lange durchgehalten.“

Seine Mutter hielt die jüdische Schule und das jüdische Krankenhaus in Ottostraße für besser als die staatlichen Institutionen, weshalb er und Günther dort zuerst eingeschult wurden. Als die Bedrohung immer massiver wurde ließ sein Großvater ihn taufen, „was jedoch nicht half.“

Wolfgang besuchte danach, zum Schutz, die Grund- und Volksschule in der Platenstraße, diese sei „ziemlich braun“ gewesen. Prägend für seine politische Identitätsentwicklung sei die proletarische Atmosphäre in Ehrenfeld sowie in seinem Elternhaus gewesen; eine Ablehnung der Nazis war für ihn deshalb eine Selbstverständlichkeit. Er erinnert auch einen Hitlerbesuch in Köln sowie einen Besuch von Göring am Kriegsende in Ehrenfeld.

Nach der Schule arbeitete er als „Arbeitsjunge“ in einer Elektrofirma sowie als technischer Zeichner. Er ging anfangs zu Fuß von Ehrenfeld zum Weidenpescher Fußballclub VFL Köln 1899, dort musste er einen roten Ausweis von der SA abstempeln lassen. Dennoch, trotz der massiven Bedrohungen und Ängste, sei er innerlich immer gegen die HJ gewesen.

Er erinnert gelegentliche Besuche im Bootshaus von Köln-Rodenkirchen. Dort fuhr er mit Freunden mit 3, 4 Booten bis Köln-Weiß. Auch dort fuhren HJ-Streifenführer mit: „Das war nicht das Problem, die waren ziemlich streng katholisch“. Die Edelweißpiraten waren eine lockere Gruppe, man wechselte öfter zwischen den verschiedenen Gruppen, wenn man wollte. Gemeinsames Lebensgefühl war die Ablehnung der Hitlerjugend und des „ganzen Systems.“ Als Jude habe er sich deshalb „doppelt vorsehen“ müssen. Bei den Treffen hatte er meist seine Gitarre dabei, auf der er spielte. Das gemeinsame Singen und Wandern, die unangepassten, eigenen Liedertexte, die bei ihnen erlaubten langen Haare, das Leben ohne Zwang, das habe sie alle geprägt. Man wollte einfach „anders sein wie die anderen“. Ihre von den Nazis abweichende politische Grundeinstellung sei auch von ihren Eltern geprägt worden, von denen viele aus der bündischen Jugend kamen.

Ihr Lebensraum war groß: Man traf sich meist abends mit den übrigen Edelweißpiraten, in zahlreichen Kölner Stadtteilen. Am Wochenende fuhr er oft zu befreundeten Edelweißpiraten nach Düsseldorf, ins Siebengebirge und nach Wuppertal, wo ein Onkel von ihm wohnte. Seine Gitarre hatte er stets dabei, wie auch eine Zeltplane, um in der Natur zu übernachten. Die Treffen in Köln, auch am Alpener Platz in Ehrenfeld , waren stets sehr unkompliziert. Man erkannte sich an der eigenen Kleidung und an den Liedern, „das war ganz einfach“. Ansonsten traf man sich zum Fußballspielen, häufig kam es auch zu Straßenschlachten mit anderen Straßen sowie mit der Hitlerjugend.

Er wurde auch in die Grundlagen von klandestinen Kontakten eingeführt, um sich vor den Nazis zu schützen. So verschickte er Postkarten, um verschlüsselte Nachrichten mitzuteilen. Einer seiner engen Freunde war der zwei Jahre jüngere Johann Müller; dieser gehörte zu der Gruppe der am 10.11.1944 Hingerichteten.

Seinen Bruder Günther traf er bei den Edelweißpiraten nur selten, man hatte „andere Kontakte.“ Dass sein Vater und er selbst als „Halbjude“ galt habe für ihn „unterbewusst eine Rolle gespielt“: „Die Wut war da. Ich war leicht gegen den Hitler“. Auch Jean Jülich – „der Schang“ – und dessen Freund Ferdi Steingass gehörten zu seinem engeren Freundeskreis.

Er wusste von Razzien gegen die Navajos im Kölner Volksgarten „vom Hörensagen her“. Mit  zunehmendem Alter wurde sein Widerstand gegen Hitler immer stärker. Der fünf Jahre ältere Hans Steinbrück war ein enger Freund von ihm, den er wegen dessen Mut und Entschlusskraft bewunderte. Mehrfach spricht er mit Bewunderung von dessen außergewöhnlicher Persönlichkeit, dessen Mut und Unerschrockenheit. Steinbrück war in einem Außenlager eines KZs gewesen, er wusste, dass die Nazis die Juden systematisch vernichteten. Dieses Wissen brachte er nach Köln-Ehrenfeld und in dessen Widerstandsgruppen. Wolfgang hörte auch die Gesänge der russischen Zwangsarbeiter in Köln, spürte deren Leid. Eine zentrale, ihn beschützende Person war die Widerständlerin Maria Fensky, die bereits in den 1920er Jahren im kommunistischen Widerstand war und fünf Jahre Haft und Konzentrationslager überlebte.[xii]

Für Hans Steinbrück, der aus einem Kölner KZ-Außenlager  geflohen war, war „das Politische“ eine Selbstverständlichkeit. Steinbrück brachte – wie Finkelgruen bei seinen Zeitzeugenvorträgen häufig und mit Nachdruck betont – das Wissen um Auschwitz mit nach Köln: „Der Hans zeigte uns Hautfetzen die er aus dem Lager mitgebracht hatte, von Häftlingen. Der Zorn wurde immer größer.“ Die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung als Halbjude wurde für Schwarz durch die erlebte Verfolgung so schrittweise zu einer Selbstverständlichkeit.

Er verwendete Geld dazu, um Waffen zu kaufen. Hierbei waren Kontakte zu Kriminellen unvermeidlich, sie verfügten über die entsprechenden Kontakte: „Anders ging es doch gar nicht, als brave Mensch wären sie umgekommen“, betont Schwarz. Von ihm hätten gerade gewisse Forscher, die in herabsetzender, die Deutschen entlastender Weise über den Widerstand der unangepassten Jugendlichen in Köln schrieben, damit ihre Karriere unter Sozialdemokraten wie Antwerpes und Burger machten, lernen können – so die seelische Voraussetzung hierzu bestanden hätte (vgl. Kaufhold 2020).

Hans Steinbrück war ein „Draufgänger“ der „machte alles, schaffte alles, er war immer mit vorne drin.“ Er war „gut im Organisieren“ und hatte eine große „Wut auf die Gestapo“, berichtet Wolfgang Schwarz weiter. Hans war jung, war „ein toller Typ.“ Und er erzählte auch von der Bombenräumerei, zu der Hans Steinbrück von den Nazis gezwungen wurde. Maria Fensky kannte Steinbrück aus dem Lager: „Der war ein Idol für uns.“

Der Umgang mit Waffen, das Anbringen einer Alarmanlage in Steinbrücks Ehrenfelder Wohnung, dies alles wurde für den 20-jährigen Schwarz zu einer Selbstverständlichkeit. „Ich hab viel mitgekriegt.“ Er transportierte verschlüsselte Botschaften seiner Tante im einem Buch, hörte von der Kölner Widerstandsgruppe „Nationalkomitee Freies Deutschland“ am Sülzgürtel 8.

Nachdrücklich betont Wolfgang Schwarz: Jean Jülich, „der Schang“, der war „für mich persönlich der Wichtigste.“

Zu seinem Bruder Günther hatte er 1944 nur noch einen lockeren Kontakt. Der sein „ein anderer Typ wie ich“ gewesen, ein „Draufgänger“, habe sich bewaffnet und wusste von Steinbrücks Planungen zur Sprengung des Kölner EL-DE Hauses. Von Freunden hörte er die Gerüchte über die Hinrichtung seines Bruders am 10.11.1944: „Ich hab die Vernehmungsprotokolle gelesen.“

Nach dem Krieg sei bei ihm „viel Enttäuschung und viel Wut“ gewesen. Wolfgang Schwarz arbeitete bei der Bahnpolizei, dann bei der Bahn. Über den Tod seines Vaters 1940 in Auschwitz gab es keine Unterlagen mehr, dieser wurde „für tot erklärt“.

Literatur

Finkelgruen, P. (2011): Erinnerungen an Jean Jülich, haGalil, 5.12.2011: https://www.hagalil.com/2011/12/juelich-2/

Finkelgruen, P. (2013): Ehrung für jugendlichen Widerstand in Köln. Ansprache Peter Finkelgruens anlässlich der posthumen Ehrung von Georg Ferdinand Duckwitz und Dr. Michael Jovy, haGalil 11.12.2013: https://www.hagalil.com/2013/12/edelweisspiraten-2/

Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“. Moritat von der Bewältigung des Widerstandes – die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944“. Mit einem Vorwort von Gerhart Baum. Herausgegeben von R. Kaufhold, A. Livnat und N. Englhart. BoD. ISBN-13: 9783751907415 https://www.bod.de/buchshop/soweit-er-jude-war-peter-finkelgruen-9783751907415

Goeb, A. (2016): Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink. Jugendwiderstand im NS-Staat und der Umgang mit den Verfolgten von 1945 bis heute. Frankfurt/M.: Brandes & Apsel.

Kaufhold, R. (2011): „E Hätz so jroß wie ne Stään“ – Zum Tode von Jean Jülich, haGalil, 30.10.2011: https://www.hagalil.com/2011/10/juelich/

Kaufhold, R. (2020): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten. Eine Chronologie. In: Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war“, a.a.O., S. 217-342

Kaufhold, R. (2021) Jugend und Widerstand im 3. Reich – Edelweißpiraten. Der Filmemacher Dobrivoie Kerpenisan erinnert an Jean Juelichs Kampf um die Anerkennung der Edelweißpiraten haGalil, 17.8.2021: https://www.hagalil.com/2021/08/edelweisspiraten-film/

Anmerkungen

[i] Einige Details zu seiner Kölner Biografie, die er in einem langen Interview erzählt hat, arbeite ich aus methodischen Gründen in einem eigenen Kapitel weiter unten ein.
[ii] Vgl. auch die Angaben auf dieser bereits erwähnten Museums-Website: https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/guenther-schwarz/?no_cache=1
[iii] Goeb (2016), a.a.O., S. 32f.
[iv] Zu Cilly Servé/ Mevissen siehe im Detail: Finkelgruen, P. (2020): „Soweit er Jude war…“.  Moritat von der Bewältigung des Widerstandes, Bod, S. 41, 69, 70, 132, 139, 147, 153, 164f., 190, 235, 270f., 196f., 307.
[v] Zu Fritz Theilen siehe: Kaufhold, R. (2020), in: Finkelgruen (2020), a.a.O., 251-258.
[vi] In: Alexander Goeb (2016): Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink, Brandes & Apsel, S. 89; vgl. auch das Interview Goebs mit Wolfgang Schwarz in seinem Buch auf S. 32f.
[vii] Theilen, F. (1984): Edelweißpiraten. Geschichte eines Jugendlichen der trotz aller Drohungen nicht bereit war, sich dem nationalsozialistischen Erziehungsanspruch unterzuordnen. Köln; Jülich, J. (2003): Kohldampf, Knast un Kamelle. Ein Edelweißpirat erzählt sein Leben. Köln: KiWi; Koch, G. (2006): Edelweiß. Meine Jugend als Widerstandskämpferin.
[viii] Siehe u.a. Die Welt (6.11.2014): Im Kampf gegen das Nazisystem: https://www.welt.de/print/welt_kompakt/koeln/article134040885/Im-Kampf-gegen-das-Nazisystem.html
[ix] Siehe: Alexander Goeb (2016): Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink, Brandes & Apsel, S. 108-121,
[x] Die besagten Kapitelüberschriften bei Finkelgruen (2020) lauten: „Der Edelweißpirat Wolfgang Schwarz als Nebenkläger im Lischka-Prozess“ sowie „Der Zeitzeuge Wolfgang Schwarz und der NS-Täter Ernst Heinrichsohn“.
[xi] Der Beitrag ist weiterhin online verfügbar, die hinweisende Website auch:  https://youtu.be/Zc1o9hD0EcY sowie: https://schlangenbande.de/2019/11/10/edelweisspiraten-schlangenbande-im-zdf/
[xii] Maria Fensky war nach dem Krieg für die KPD Stadtratsmitglied in Köln und wurde in den 1950er Jahren wegen ihrer politischen Tätigkeit erneut für 1 ½ Jahre inhaftiert https://taz.de/Im-Westen-kein-Bedarf/!1793347/ ; ihr Überlebenskampf ist in einem Film dokumentiert worden: https://www.gdw-berlin.de/angebote/veranstaltungen/veranstaltung/ . Finkelgruen (2020, S. 145-153, 165, 167, 190f.) hat gleichfalls ein Interview mit ihr in seinem Edelweißpiratenbuch veröffentlicht

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